Eine Umschau in dinarischen Bergketten Jugoslawiens

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VON MORITZ M. BLUMENTHAL, MINUSIO-LOC ARNO

Mit 25 Bildern ( 34-58 ) und fünf Kartenskizzen 1. Etwas politische Geographie Die letzten Jahrzehnte sahen im politischen Gesicht der Adria, besonders an ihrer Ostseite, manche Wandlungen sich vollziehen. Nachdem die schwarzgelben österreichischen Grenzpfähle weit zurückverlegt waren, kam sogar auch das Terrain der grün-weiss-roten, der italienischen Markierungen ins Rutschen, und aus dem Hinterland erschienen die rot-weiss-blauen Marken eines neuen Staates, Jugoslawiens, bis an die Ostküste der Adria und auf ihre Inseln, um sich da zu festigen. Hier breitet sich nun ein grosser Bundesstaat aus, der bis zum Balkan und über die Donau reicht und im Süden noch einen Teil der altrömischen Provinz Mazedonien umfasst. Dieses neugewordene Jugoslawien setzt sich aus 6 Bundesstaaten zusammen ( s. Fig. 1 ), in welchen man noch die früheren Länder erkennt, und in denen einzelne Sprachnuancen* zusammengefasst werden. Diese Teilglieder sind von Norden nach Süden: Slovenija, Hrvatska ( Kroatien und Dalmatien ), Srbija ( Serbien ), Bosna ( Bosnien ) und Herzegowina, Crna gora ( Montenegro ) und Makedonija ( Mazedonien ). In ihrer Vereinigung bilden sie die 255 200 km2 umfassende Volksrepublik Jugoslawien, die « Narodno Federatif Republika Jugoslavia » ( NFRJ ). Dieses grosse Land legt sich über ein ausgedehntes Bergland, die Dinariden, und nur ein breiter nördlicher Streifen ist Tiefland ( Nord-Serbien, Slawonien ). Ein andrer, eher kleiner Abschnitt von Slowenien liegt im eigentlich alpinen Gebiet: die Julischen Alpen mit dem Triglav. Hier soll nur von Bergen die Rede sein, die im dinarischen Abschnitt liegen, und dies auch nur in einer ganz kleinen Auswahl. Denn ebensowenig wie dies über die Alpen möglich ist, können in einer kurzen Wanderung von 3 Monaten ( April bis Juli 1962 ) ihre Ausdehnung, ihre Vielfalt und ihre Reize voll erfasst werden. Um in diese Übersicht eine gewisse orographisch-tektonische Ordnung zu bringen, ist es nützlich, zuvor einige Begriffe, Einteilungsprinzipien und allgemeine Landschaftsmerkmale zu erläutern.

2. Zur Begriffserklärung des Dinarikums Seit der klassischen Synthese über die Weltgeologie und im besonderen über den Bau der Alpen, im « Antlitz der Erde » durch Eduard Suess vor nahezu 60 Jahren, ist der Begriff der dinarischen Zone oder des dinarischen Stammes der Alpen bzw. der Alpiden eingebürgert worden. Jener grosse österreichische Forscher verstand darunter den zu einem grossen Teil kalkig-dolomitisch ausgebildeten südlichen Streifen der Gesamtalpen, der erst in ganz bescheidener Breite an den oberitalienischen Seen beginnt, nach Osten hin zusehends breiter wird und auch als die Südlichen Kalkalpen bezeichnet wird. Die Schweiz hat daran ihren Anteil im Mte. San Salvatore, Mte. San Giorgio und Mte. Generoso usw. Auf der Breite von Triest-Agram ( Zagreb ) löst sich dieses Bauelement der Alpiden von den eigentlichen Alpen los und wird zum selbständigen Gebirge, das gegen Südosten hinabzieht und zum breiten Rückgrat der Balkan-Halbinsel wird. Diese Individualisierung zum * Nur allgemein bekannte geographische Namen werden in deutscher Orthographie geschrieben, sonst wird die jugoslawische Schreibweise gebraucht, meist mit Beischrift eines deutschen Namens. Für die Aussprache des Jugoslawischen merke man sich: C = tz e tsch c = tsch S = seh Z = weiches s v = w 6 Die Alpen - 1964 - Les Alpes81 Dinarikum wurde frühzeitig schon als sehr tiefgreifend angenommen, da bedeutende fazielle und strukturelle Verschiedenheiten bestehen. Andrerseits aber, und besonders auch durch Rudolf Staub, wurde stets die Auffassung durchgehalten, dass nach Grundlage und Baumaterial ein inniger Übergang von einem Stamm in den andern sich vollzieht. In dem alten Grundgerüst der Karawanken heftet sich, um so zu sagen, die Unterlage der dinarischen Formationsserie an den tiefen Kern der Ostalpen. Damit ist gesagt, dass alpine Einheiten schon ein altes Grundgerüst haben, das eins ist mit jenem der dinarischen Einheiten. Um für unsere Zwecke, die orographisch-alpinistisch sind, zu einer gewissen befriedigenden Scheidung zu gelangen, haben wir uns an die Streichrichtung der Gebirgszüge zu halten.

Alpine Ketten im Südrand der Ostalpen erstrecken sich generell von Westen nach Osten nach der ungarischen panonischen Tiefebene hin, um freilich wieder Auf biegungstendenzen nach Nordosten zu zeigen. Dinarische Ketten hingegen streichen auf ihrer ganzen Breite nach Südosten; die Ausnahmen haben ihre besondere Erklärung. So stehen wir in den Bergen unmittelbar nördlich von Triest, wie in der Kette des Birnbaumer-Waldes oder im Ternovaner Wald, in den Übergangs-ketten, hinüberleitend von den südlichen Kalkalpen in die Aussenzonen der dinarischen Ketten ( siehe Karte Fig. 3 ). Die Julischen Alpen hingegen, weiter nördlich anschliessend, sind schon alpine Gebirgszüge.

3. Zur zonalen Aufteilung der dinarischen Ketten Gleich wie in den Alpen, kann man auch in den Dinaren, auf gewisse Merkmale Bezug nehmend, das Gebirge in verschiedene Zonen aufteilen. Vorerst ist aber noch festzuhalten, dass eine Scheidung in zwei grosse Sektoren sich auch in der gesamten Längserstreckung aufdrängt. Aus geologischen Gründen ist es üblich geworden, auf der Breite zwischen dem Skutari-See und dem obersten Vardar-Fluss eine Trennung in eigentliche Dinariden ( im Norden ) und Helleniden ( im Süden ) vorzunehmen. Die Helleniden, die gegenüber den Dinariden manche Unterschiede in Baumaterial und Bauweise aufweisen, setzen sich ihrerseits über die Aegäischen Inseln in den Südstamm fort in den Tauriden der Türkei. Was auf jugoslawischem Boden liegt, zählt zu den Dinariden im engeren Sinne.

In diesem, in seiner grössten Breite etwa 250 km messenden Gebirgsland, sind in der Längsrichtung nach Bau, Formationsbestand und Genese ( Beziehungen zum geologischen Werdegang ), sowie nach der räumlichen Verteilung eine Anzahl von ungleich breiten Längsstreifen oder Zonen auseinanderzuhalten. Diese sind in der Kartenskizze ( Fig. 3 ) hauptsächlich nach orographischen Gesichtspunkten unterschieden; ihre Abgrenzung ist schematisch gehalten. Da die Faltungs-richtung, bzw. die Schubrichtung - das heisst, wo es sich um überschobene Einheiten handelt -immer nach der Adria gerichtet ist, gelten die der Adria benachbarten Zonen als die externen und die landesinneren als die internen Zonen.

Es ist dem Verfasser darum zu tun, für seinen Besuch aus jeder Zone einige Berge und Landschaften auszuwählen, eine Wahl, die freilich nicht der räumlichen Bedeutung der betreffenden Zone Rechnung trägt. Ausgehend von der externen Seite ( Abschnitte 5, 6, 7 ) führt der Verfasser den Leser zu den internen Zonen, zuletzt im Süden endigend.

Die zu unterscheidenden Zonen folgen sich von aussen nach innen wie folgt ( Fig. 3 ):

1. Die adriatische Küstenzone umfasst die Berge der Inseln und einen verschieden breiten Saum des Küstenlandes. Vorherrschend sind Flyschgesteine des Tertiärs und darunter Kreidekalke.

2. Die Cukali-Zone ist hauptsächlich ausserhalb Jugoslawiens entwickelt und umfasst Berge mit einer bunten Schichtfolge, die vom Paläozoikum bis ins Tertiär reicht. Der Bau ihrer Berge ist oft kompliziert ( Schuppenbildung ).

Die Hochkarstzone umfasst den Hauptanteil der externen dinarischen Berge, die vorherrschenden Kalk- und Dolomitformationen, welche von der unteren Trias bis zur Oberkreide reichen. Sie bedingen die Karstlandschaft mit den ihr typischen Landschaftsformen ( Bildung verkarsteter Hochländer, Höhlen und Grotten, Dolinen und Poljen, Versickerungstrichter, unterirdische Flüsse und Stromquellen ).

4. Die mediane Hauptkettenzone umfasst, etwas künstlich umgrenzt, Bergketten in axialer Lage mit schiefriger Basis ( pp. kristallin-paläozoisch ) und kalkig-dolomitischem Gipfelaufbau.

5. Die Ophiolithzone enthält Berge, hauptsächlich bestehend aus Grüngesteinen ( wie Serpentin, Peridotit usw. ). Sie liegt innerhalb der inneren Schieferzone und ist begleitet von der Schieferhornstein-Formation ( Trias-Jura ).

6. Die Zone paläozoischer Gesteine ( vorwiegend schiefrig ); sie leitet nach dem Innern und Süden in kristalline Schiefer über ( darin Massive von Granit, Gneis, Glimmerschiefer usw. ).

7. Die Rhadope-Zone umfasst Berge kristalliner Schiefer und repräsentiert das Scheidegebiet gegenüber dem balkanischen Bereich. An der Aussenseite der Rhodope-Zone verläuft die komplizierte Vardar-Zone.

Diese Zonenaufteilung sei der Ordner für unseren Reiseweg, der im allgemeinen von aussen nach innen führt ( s. Fig. 1 ), also mit der adriatischen Küstenzone beginnt. Vorerst sollen aber noch einige Bemerkungen über das Drum und Dran einer heutigen « dinarischen Bergfahrt » vorangestellt sein.

4. Bemerkungen über Kartenmaterial, Reiseweg und den jugoslawischen Alpinismus Wer jugoslawische Gebirge kennenlernen will, kann schon am zweiten Tag seiner Schweizer Ausreise ( via Triest ) innerhalb den dinarischen Bergen seine Ziele abstecken, und findet mit den verschiedensten Verkehrsmitteln eine rasche Beförderung bis tief ins Land hinein. Jedoch an einem wichtigen Punkt krankt dieses sonst anziehende Bergland an der Unerreichbarkeit guter topographischer Karten. Trotz manchem Bemühen blieb der Verfasser ohne diesen wichtigen Begleiter. Wohl bekam er gute Kartenblätter in 1:50000 in Instituten zu sehen, Karten, die ungefähr unseren Siegfriedkarten entsprechen; für die Tasche des Touristen waren sie aber nicht abkömmlich Nur hie und da findet man in wissenschaftlichen oder touristischen Publikationen kleinere Ausschnitte einer exakteren Karte. Ob in dieser Hinsicht bald eine Lockerung eintreten wird, ist fraglich. So ist denn auch der populäre Gebrauch von Karten, wie im Schweizer Tourismus, eine unbekannte Sache und das Kartenlesen wenig entwickelt.

Indessen findet der Automobilist, also der Strassenbenützer, im allgemeinen ziemlich gute ausländische Karten, die ihn über das recht dichte Netz der fahrbaren Strassen orientieren. Auch ist die Möglichkeit der Hotel- oder Gasthofunterkunft fast täglich möglich, und wo die Ziele höher hinauf führen, oder abgelegen sind, stehen eine grosse Anzahl von Bergheimen ( « Planinskaria Dom » ) dem Berggänger offen. Die vom alten Österreich herausgegebene Generalstabskarte 1:200000 scheint nicht mehr erhältlich zu sein ( letzter Neudruck 1914 ). Unter den vorhandenen grossmassstäbigen Übersichtskarten leistete dem Verfasser die Freytag-Berndt'sche Strassenkarte ( Jugoslawien in 2 Blättern ), in 1:600000 die besten Dienste. Sie enthält eine grosse Menge topographischer Namen, Höhenangaben usw.; Bergzüge sind in Schummerung schematisch angegeben. Eine gleichartige Karte hat Hallwag in Bern herausgegeben.

Der innerhalb dreier Monate zu erledigende Reiseweg hatte darauf Rücksicht zu nehmen, dass er im frühen Frühjahr angetreten wurde ( April ), wo noch in den Höhen eine starke Schneebedeckung besteht. Weshalb zuerst die südliche dalmatische Riviera ( Dubrovnik, Herzegnovi, Cattaro, Budua ) aufgesucht wurde, um sich dann dem Hinterlande von Split zuzuwenden. So konnten zuerst leicht zugängliche Ziele der küstennäheren Zonen besucht und schon im April—Anfang Mai von dem guten Ausgangspunkt Split höhere Ketten des Inneren angegangen werden ( siehe Punktlinie in Obwohl das Innere Bosniens, besonders im gebirgigen südöstlichen Abschnitte, zahlreiche anziehende Bergziele aufweist, wurde nur eine kleine Kostprobe besucht ( Treskavice ), um dann kurz in die Ophiolithzone vorzustossen ( Zlatibor-Gebirge ). Besonderer Wert wurde auf einen Streifzug durch die zentrale Hochregion Montenegros ( Durmitor-Gebirge ) gelegt, die nach nochmaliger Rückkehr nach Sarajewo über Plevelje erreicht wurde. Unbeständiges Wetter stellte sich ein, so dass in der vorgenommenen Zeit nur eine beschränkte « Gipfelsammlung » eingebracht werden konnte.

Über Nikcis und Titograd wurde wieder der Süden erreicht und nochmals in die Küstenberge vorgestossen ( Lovcen ), dann über Kolasin Andrijevica und Pe Albanien im Norden umgangen, wobei wir das Komovi-Gebirge besuchten, um dann in Richtung auf Mazedonien noch die Sar Planina zu sehen. Auf der Rückreise durch Serbien und Kroatien wurde nochmals die Küstenzone Dalmatiens aufgesucht ( Velebit-Gebirge ), um dann von Rijeka ( Fiume ) aus die Heimreise anzutreten.

Es ist leicht einzusehen, dass in einem Lande, welches so weitgehend von Bergketten durchzogen ist, Interesse und Liebe für die Bergwelt relativ frühzeitig aufkommen mussten. Die Anfänge der Bergtouristik im Balkan als Ganzes sind an die Gründung und Tätigkeit des kroatischen Bergsteigervereins gebunden. Derselbe wurde auf Anregung des österreichischen Alpinisten Dr. Joh. Frischauf im Jahre 1874 in Zagreb ( Agram ) ins Leben gerufen. Erst nur lokalen Zielen folgend, wurde nach dem Ersten Weltkrieg die Tätigkeit auf breitere Basis gestellt.

Ein weiterer wichtiger Ort für das Gedeihen des Alpinismus war Ljubljana ( Laibach ) in Slowenien, wo wir schon 1893 einen alpinen Verein vorfinden, lag doch in seinem Tätigkeitsbereich ein gutes Stück der alpinen Ketten ( Julische Alpen, Karawanken ), Gebirge, deren Reize seit jeher auch im Ausland geschätzt wurden.

Ganz andere Verhältnisse bestanden in den übrigen Ländern des heutigen Jugoslawiens. In Bosnien und Serbien bestanden zwar schon vor 60 Jahren Bergsteigervereine; aber die dortigen Gebiete wurden relativ wenig aufgesucht. Erst nach 1925 wurden die grossen und wilden Gebirgsmassive des Durmitor, der Prokletje ( Nordalbanische Alpen ), des Komovi und der mazedonischen Grenzberge zu Touristenobjekten. Doch der Besuch dieser Berge erforderte bis noch vor unlängst eine eigentliche Expeditionsausrüstung und ernsthafte Vorbereitungen.

Der vorhandenen Sympathie zum Bergland entsprechend, wurde denn auch der Errichtung von Berghäusern ( auf jugoslawisch: Planinarski dorn, Plural Planinarski domovi ) besondere Aufmerksamkeit geschenkt, insbesondere im alpinen Abschnitt Sloweniens. Während des Zweiten Weltkrieges wurden aber fast alle Unterkünfte vernichtet und erst beträchtlich später im neuen Staate wieder aufgerichtet, welcher der Touristik viel Bedeutung beimisst. So war denn auch nach einer aus dem Jahre 1957 stammenden Statistik die Zahl der Bergheime wieder auf rund 300 gestiegen und wird seither sich wohl noch vermehrt haben.

In Jugoslawien besteht ein zentrales alpines Komitee ( « Planinarski savez Jugoslavie » ) mit Sitz in Belgrad. Dazu besitzt jede der 6 Republiken einen alpinistischen Verband ( « Planinarski savez » ), der die Koordination der Arbeiten leitet, denn diesen sind die einzelnen Bergsteigervereine unterstellt; letztere sind selbständig, besitzen ihre eigenen Statuten und leiten die örtliche touristische Aktivität. Ihnen kommt auch die Obhut über die Bergheime zu, die aber im Besitz der zentralen Organisation bleiben. Mehrere Einzelvereinigungen haben ihr eigenes Publikationsorgan, das reichlich illustriert ist. Von solchen sei hervorgehoben: die « Planinski Vestnik » ( Bergsteiger Nachrichten, seit 1893 in Ljubljana erscheinend ) und der « Hrvatski Planinar » ( seit 1898 in Zagreb erscheinend und heute mit dem Titel « Nase Planine » ( « Unsere Berge » ) versehen. Die Mitgliederzahl aller alpi- nen Vereine ist auffällig hoch, nach einer Schätzung soll sie heute ca. 55000 betragen. Noch sei vermerkt, dass patentierte oder organisierte Bergführer im Dinarikum nicht bestehen. In unbekannte Berge geht man, falls nötig, mit einem Einheimischen.

Nach diesen mehr sachlichen Mitteilungen, die ich grösstenteils der Freundlichkeit eines eifrigen Alpinisten, Herrn Mirko Markovié, Sekretär der Akademie der Wissenschaft und Künste in Zagreb, verdanke, sollen noch einige persönliche Angaben angefügt sein. Ich glaube sagen zu dürfen, dass in Jugoslawien jeder Schweizerclubist eine freundliche Aufnahme findet und verlässliche Auskünfte erhält. Der Verfasser erhielt solche besonders bei den Bergvereinen in Split, Sarajewo, Skopje und Zagreb. Was die Bergheime anbelangt, darf ich anhand der besuchten Unterkünfte sagen, dass der Typus der bescheiden gehaltenen und doch gemütlich-komfortablen Clubhütten des SAC in den dinarischen Ketten kaum zu finden ist, was vielleicht auch mit dem Fehlen des eigentlichen Hochgebirges zusammenhängt. Manchmal sind hier grosse, hotelmässige Gebäulichkeiten zu treffen, mit langen Zimmerreihen, Gastlokalen usw., oder aber man betritt meist bewirtschaftete, bald schmucke, bald wenig anziehende Steinhäuser, mit nicht immer gepflegtem Inventar. Trotzdem sind aber die dinarischen Ketten Jugoslawiens trotz der rauhen Karstgebiete ein anziehendes, abwechslungsreiches Feld für alpinistische Betätigung jeder Art.

5. Die Küstenberge bei Dubrovnik und an der « Bocca di Cattaro » Die im vorangehenden Abschnitt angeführten Bergzonen reihen sich an der süddalmatischen Küste wohlgeordnet hintereinander, sind aber, besonders in den internen Zonen, unscharf begrenzt. Auf der Strecke zwischen Jugoslawiens Südzipfel bei Ulcinj ( Dulcigno ) und der Gegend von Dubrovnik ( Ragusa ) sind alle externen Zonen entwickelt und bilden zahlreiche, der Küste mehr oder weniger parallel verlaufende Bergketten ( Abb. 1 ). Die Vertreter der adriatischen Zone bleiben, als bescheidene Küstenberge, meist unter 1000 m Höhe und bergen viele alte Städtchen und Dörfer. Die Küsten sind durch felsige Buchten zerschnitten. Die nur südlich Dubrovnik vorhandene Cukali-Zone ( siehe Fig.4 ), die eigentlich ausserhalb Jugoslawiens ihr « Bürgerrecht » hat, nimmt mit von reichlicher Macchia bestandenen Höhenzügen daran teil ( Abb. 8 ). Die eigentliche Gebirgszone ist die Hochkarstzone; sie tritt im Landschaftsbild der Küste mit den ersten hohen Felszügen auf, hinter welchen die höheren Bergketten, teils versteckt, entlang ziehen ( Abb. 3, 6, 7 ).

Gehen wir bei der vielbesuchten Hauptstadt der dalmatischen Riviera, Dubrovnik ( Abb. 1, 2 ), an Land, so treffen wir: Oberkreidekalke, Nummulitenkalke und zwischen ihnen liegende Flysch-streifen, welche die noch unter 500 m Höhe bleibenden, aber gegen die Küste steil abfallenden Berge aufbauen, wie den Burgberg von Dubrovnik, den Srd ( Sergio ). Vier Dinge des Landschaftsbildes, typisch für die Küstenzone, wird man schon beim Herumsteigen im Gelände von Dubrovnik gewahr: erstens das Bestehen von über und hinter dem ersten Höhenrand liegenden, verkarsteten Hochflächen mit spärlicher Vegetation; zweitens das Fehlen eines grösseren Wasserlaufes; drittens den Austritt des im Berge zirkulierenden Wassers in grossen Stromquellen, und viertens den Steilabbruch der dolomitischen, auflagernden Hochkarstdecke, die einer Überschiebungsmasse entspricht.

Eine Wanderung über den Sergio nach dem Hintergrund der nordwestlich liegenden Omblabucht zeigt uns in wenigen Stunden diese Erscheinungen und versöhnt uns mit der Wasserlosigkeit, wenn wir am Ende dieser Bucht den mächtigen Quellstrom ( den « Izvor Rijeke » ) zu Tage treten sehen. Als Dach liegen die überschobenen Jurakalke des Omblaberges ( Ostra glavica ) auf diesem Höhenzug.

Eine weitere Tagestour ins Hinterland gibt uns ergänzende Aufklärung über die Karstphänomene. Wir stehen im Längstal des Städtchens Trebinje, 30 km Bergfahrt nordöstlich Dubrovnik. Ein Aufstieg auf den oberhalb des Ortes ansteigenden Leopar ( 1284 m ) lässt den Blick über nichtenden-wollende kahle Kalkrücken landeinwärts schweifen. Darüber breitet sich eine eintönige Horizontlinie, markiert durch schneebedeckte Bergzüge, die aber, sucht man sie auf, ein völlig anderes Bild zeigen. Das Tal der Trebisnica ist ein wohltuend grüner Streifen, da das dahinterliegende Kalkmassiv des Orjen reichliches und klares Schmelzwasser spendet. Ein weiterer Ausflug in die nahe Herzegowina, nach Mostar, führt in den tieferen, hintersten Abschnitt des Trebisnica-Tales, das oberirdisch abflusslos ist. Der Talfluss wird im Frühjahr zum See von Walenseegrösse und verliert sein Wasser durch Schlucklöcher, dadurch den Flussquellen ihren grossen Wasserstrom zuführend. Wenn auch recht entfernt, könnte die These verfochten werden, dass die oben angeführte « Izvor Rijeka » auch von hier genährt wird.

Wenden wir uns nun weiter südwärts der « Bocca di Cattaro » ( Boka kotorska ) und ihrer Bergumrahmung zu. Dieser tiefe Meereseinschnitt ist viel gepriesen, bewundert und wegen seiner starken Aufgliederung mit einem norwegischen Fjord verglichen worden. Dies jedoch nicht ganz zu Recht, da das Längsprofil nicht das eines versenkten Flusstales ist und die Genese einen anderen Weg ging.

Es bestehen vier Buchtweitungen ( siehe Eckkarte Fig. 4 ), die durch schmale Wasserstrassen miteinander in Verbindung stehen. Die im innersten Winkel liegende Stadt Kotor ( Cattaro ) ist auf dem Wasserweg 38 km vom Buchteingang entfernt, während die gerade Linie dahin nur 8 km misst, woraus sich der gewundene Lauf der « Bocca » ergibt. Die Entstehung dieser eigenartigen Meeresbucht ist schon verschiedenartig erklärt worden. Für die einen ist es ein typisches ertrunkenes Tal, für die andern sind faltende, örtliche Vorgänge wesentlich. Gegen erstere Erklärungsweise spricht, dass das Längsprofil gar nicht jenem eines Flusstales gleicht ( kontinuierliche Neigung nach unten ) und gegen die zweite Auffassung die allgemein vorhandene Absenkungstendenz längs der ganzen dalmatischen Küste. Es ist plausibel, dass die Bewegungsvorgänge beider Erklärungen mit im Spiele waren, also langsame Absenkung und faltende Verbiegung, welche die Wasserauffüllung in der Längsrichtung der Flyschzonen bewirkten ( Anordnung von je zwei Buchtsystemen, dasjenige von Topla-Tivat und jenes von Kotor-Risan, vgl. Fig. 4 ).

Die Bucht von Kotor als Ganzes durchschneidet oder berührt alle drei der westlichen Gebirgs-zonen ( siehe Eckkarte Fig. 4 ). Der frontale Rand der sonst hochliegenden Hochkarstzone zieht im Hintergrunde der « Bocca » allmählich bis auf Meeresniveau hinunter, weshalb dort schroffe Felsberge an der Uferlinie stehen ( Peraste, Kotor, Abb. 4 ). Wenig hohe Hügel liegen in der äusseren Kalk- und Flyschzone, bedeutend höher und steil geböscht sind die Kalk- und Schieferrücken der Cukali-Zone ( Devesile und Vrmac, Abb. 8 ). Die Hochkarstzone, nur im Hintergrunde der Bucht sichtbar, schwingt sich in felsige Höhen von 1700 bis 1900 m empor ( Orjen ), was in Küstennähe doch schon respektable Berghäupter ergibt.

Unsere Ziele lagen mehr in den Bergen des Kalk-Dolomites im Hintergrunde der Bucht. Dieses Bergland bildet zwei aufeinander zustreichende Bergkettensysteme, jenes des Orjen auf der Nordseite und die Kette des Lovcen, die von Nordnordwesten nach Südosten weiterziehen. Für den Orjen war das Städtchen Herzegnovi der Ausgangspunkt, von wo nur die Vorkette des Radostac sichtbar ist ( Abb. 3 ). Bis in die Nähe des am Orjen liegenden « Planinskaria Dom » hatte ich den Vorteil, mit einem Schulcamion hinauffahren zu können, der aus dem entfernten Dörfchen in der Morgenfrühe die Schulkinder holen ging. Dies mag erwähnt sein, um zu zeigen, bis wohin ein geregelter Schulunterricht gelangt ist. Ein weiterer Anstieg von ca. 200 m Höhe brachte mich zum 00 -J

Allgemeine Orientierungsski^e für Jugoslawien

FlG.l ...* Reiseweg und Bergziel Landesgrenzen S> ot**»*YL':Legenden zu Fig. 1: Staaten: ALBMontenegri: Albanija ( Albanien ), BO = Bosna ( Bosnien ), HG = Hercegovina, HK = Hrvatska ( Kroatien ), MAK = Makedonien ( Mazedonien ), MN = Cma Gora i, SER = Srb ( Serbien ), SL = Slovenija ( Slowenien ). Ortschaften und Berge: Andri. = Andrijevica, KRK = Insel und Ortschaft Hauptsächlichste Kammlinien, 2 = Ausgeführte Gipfeltouren, 3 = Grössere abflusslose Senken ( Poljen ). Abkürzung: Litv. Polje = Livinjsko Polje Berghaus « Planinarski Dom », das aussen und innen zwar nicht gerade einer sehr freundlichen Gattung angehörte, aber einen zuvorkommenden Bauern als Hüttenwart besass. Es wird anscheinend von Skifahrern ziemlich besucht. Eine steinige Landstrasse hält sich an das Längstal und führt von Trebinje nach Risan über den Orjenpass, hart unter dem Orjen-Gipfel durch, der 1895 m Höhe erreicht und am 25. April noch tief unter Schnee lag. Es war eine recht ermüdende Schneestampferei. An sie Schloss sich dann ein langer Rückmarsch nach Herzegnovi an, wo ich zur Krönung der gut abgelaufenen Bergfahrt in der Stadt selbst einen bösen Purzelbaum über eine Steiltreppe machte und darauf ins Volksspital zur « Operation » gebracht werden musste. Erstmals bekam ich dadurch die menschenfreundliche Seite der « Kommunistischen Ordnung » zu fühlen, denn als ich die Operation - als Ausländer - berappen wollte, hiess es: « So was bezahlt man bei uns nicht. » Ich musste aber für einige Zeit einäugig und « verpflastert » mit Bandagen die Landschaft betrachten!

Als eine solche Landschaft hätte sich für den Überblick die steinige Umgebung von Kotor geboten. Doch konnte ich, wegen einem Verkehrsunterbruch den Lovcen, der über Kotor felsig ansteigt, erst nach Wochen von der Landesinnenseite aufsuchen; er muss hier aber « der Ordnung halber » behandelt werden. Die Lovcen-Kette ( Risan-Skutari 50 km ) erhebt sich mit felsigen Anhub zum ausgedehnten Burgareal von Kotor direkt aus den enggedrängten Häusern dieser Stadt ( Abb. 3 und 4 ), die sich, wie die übrigen Festungsstädte Dalmatiens, wie ein Stück Mittelalter, mit modernen Federn geschmückt, ausnimmt. Durch dieses Felsgehänge führt in mächtigen Windungen eine gute Passstrasse nach Cetinje, der früheren Hauptstadt Montenegros. Eine andere Strasse leitet von Cetinje aus nach dem kleinen « Luftkurort » Ivanova Korita und von da bis nahezu auf den Ost-kammgipfel, wo das Mausoleum des montenegrinischen Nationaldichters Njegus in die Weite schaut.

In der Passregion des Lovcen ( 1212 m ) bestehen zwei kurze fast N-S laufende parallele Ketten, im Osten der Jezerski Vrh ( 1660 m, Mausoleum ), im Westen der Stirovnik ( 1749 m ) mit Fernsehstation. Die Gegend verrät ihre glaziale Geschichte. Ein kleiner ausgetrockneter Glazialsee ( Jezero-See ) liegt nördlich unter dem nach ihm benannten Ostgipfel und spärliche Moränen sollen sich bis in die Gegend von Cetinje ( 672 m ) zeigen. Vielmehr hervortretend sind aber die verkarsteten Kuppen und Kämme. Wer mit dem Steinhammer in der Hand sich in der Lovcen-Kette genauer umsieht, der findet ein ganzes Schichtprofil von der Basis der Trias bis über die Oberkreidekalke zum Eozän-flysch, Schichten, die im östlichen Gipfelgebiet landeinwärts schauen, im westlichen aber seewärts.

Die Lovcen-Kette erstreckt sich aus der Passgegend noch viel weiter südostwärts, wird niedriger und leitet über die Rumija-Kette, die den Skutari-See auf der Südseite flankiert und in Albanien endet. Herwärts von diesen deutlich aufgeschobenen Dolomitbergen dehnt sich die reizvolle Landschaft von Budva ( Budua ) aus ( siehe Abb. 6 und 7 ), mit ihrem ins Meer hinausragenden Städtchen und einem kleinen, aber romantischen Badestrand. Über gute, sowohl von Kotor als auch von Cetinje ( Brajici-Pass, ca. 900 m ) ausgehende Passstrassen erreicht man diese kleine Riviera. Son-nenvolle und an offenen Ausblicken reiche Wanderungen lassen sich hier, in den aus einer bunten Gesteinsserie aufgebauten Bergen der Cukali-Zone ausführen, und abends lässt sich im modernen Hotel über die Vielfalt der Bilder des Tages nachsinnen.

Über den Wasserweg der Adria wenden wir uns nun aus dem Süden Dalmatiens zurück in den mittleren Abschnitt, nach Split, um dessen Berge näher kennenzulernen.

6. Die Berge im Hinterland von Split ( Spalato ) ( vgl. Fig. 2 ) An den Besuch der Küsten und Berge des südlichen Dalmatien muss folgerichtig ein solcher des mittleren Dalmatien sich anfügen, wo in hübscher Halbinsellage die an historischen Erinnerungen gesättigte Stadt Split, das ehemalige Spalato, zum Verweilen einlädt. Staunend steht man hier vor dem Überbleibsel des ehemaligen wuchtig-grossen Diokletianpalastes, innerhalb dessen Mauern und Portalen sich ein moderneres, banales Wohnquartier samt Dom eingenistet hat ( Abb. 9 ). Man spricht von 3200 Einwohnern. Auf das Gedränge der Häuser schauen aus der Ferne am Horizont sich hinziehende felsige Berge, während der betriebsreiche Ort an einen pinienbestandenen Hügel, den Marjansberg, anlehnt, von welchem aus man sich die nächsten Bergziele gut zurechtlegen kann.

Als solche bieten sich der Mosor und der Kozjak, beide einer lang sich hinziehenden Bergmauer zugehörig, die, besonders im oberen Teil, mit felsigem Abbruch das Vorland überragt. Der Mosor streckt sich vielgipf lig, die Höhenpunkte zwar wenig gegeneinander individualisiert, auf ca. 25 km nach Ostsüdost und zeigt Höhen von ca. 1400 m, während der Kozjak, durch die Pass-Senke von Klis von seinem höheren Nachbar getrennt, sich der Ostwest-Richtung noch mehr nähert und nur in 780 m Höhe kulminiert. Die Kette als Ganzes, an die sich weiter im Süden noch der 1762 m hohe Bivoko anschliesst, gehört insgesamt der Hochkarstzone an, die hier also fast an die Küste herantritt, weshalb den Flyschgesteinen ( Nummulitenkalk ) der adriatischen Küstenzone ganz wenig Raum auf dem Festlande übrigbleibt. Auch hier überschiebt die Hochkarstzone die Flyschfalten, es sind aber Dolomite und Hippuritenkalke der Mittel- und Oberkreide.

Die Nachbarschaft einer grossen Stadt macht diese aussichtsreichen Küstenberge zu einem allgemeinen Ausflugsziel, weshalb bei beiden sich Bergheime vorfinden. Meine Maifahrt, die ich ohne Rast in jenen « Domen » ausführte, blieb aber ganz einsam. Den Mosor besteigt man von der weitverzweigten, hübsch gelegenen Ortschaft Zmovica aus und findet deren oberste Fraktionen bis in eine Höhe von ca. 700 m, wo die Überschiebungslinie den letzten Wasseraustritt bewirkt. Schon ganz in der Karstlandschaft liegt in anmutiger Lage, ca. 900 m hoch, das Bergheim, verschönert durch einen kleinen, angepflanzten Pinienhain. Eine Stunde Anstieg bringt den Wanderer über die weissgrauen, verkarsteten Felsbuckel auf den Hauptgrat, wo auf dem 1340 m hohen Gipfel, dem Veliki Kabal, wir Mittagssiesta hielten ( Abb. 10 ).

Der tags darauf erreichte Kozjak liegt hinter der industriereichen Kastellbucht ( Zementfabriken ), beansprucht weniger Zeit, bietet aber auch einen malerischen Anstieg durch die Kreidefelsen und lässt die Überschiebungslage derselben noch deutlicher erkennen. Der höchste Punkt, der der Abbruchkante eines weiten Plateaus entspricht, das sich nordwärts dehnt, ist wegen einer militärisch bewachten Radiostation unzugänglich. Indessen ist der Tiefblick auf das Küstenland, eine üppige Riviera, reizvoll.

Hinter den küstennahen Längsketten reihen sich weitere, nunmehr ausgeprägt nach Nordwest streichende Bergzüge, getrennt durch weite Längstäler ( z.T. abflusslose Poljen ) und von ansehnlichen Ortschaften besiedelt. Die zweitnächste Kette fällt besonders durch ihre grosse Längserstreckung ( 95 km ) auf und enthält die grössten Erhebungen der Hochkarstzone ( siehe Fig. 2 ). Es ist dies die Dinara-Kette, die dem ganzen grossen Bergsystem der Balkanhalbinsel, den Dinariden, den Namen gegeben hat. Der Troglav erreicht hier 1913 m Höhe und andere Rücken im Nordwesten und Südosten bleiben um 1800 m.

Dank der wertvollen Unterstützung der Bergsteigervereinigung « Planinarski Drustvo » in Split fand sich ein junges Mitglied derselben bereit, mit mir an einem Wochenende den Troglav zu be- steigen. ( Man verwechsle diese dinarische Spitze nicht mit dem in den Julischen Alpen liegenden Triglav !) So wurde denn mit dem Spliter Studenten, Frano Ludovici, in der Sonntagsfrühe der Autobus für Vrlika im Cetina-Tale bestiegen und auf Wetterglück die Karte gesetzt, freilich, wie es sich nachher erweisen sollte, vergeblich. Die 85 km lange Strecke musste, nach Erreichen des Ausgangspunktes, noch um eine lange Strassenwanderung, quer durch das Centina-Tal, ergänzt werden, bis wir zum Anstieg in die etwas fade sich präsentierende Dinara Planina gelangten.

Ein Berg, der mit seiner ebenen Kammlinie mehr einem Tafeljura gleicht, behielt uns im Aufstieg in niedrigem Buchenwald, dessen Lichterwerden mit dem Vorhandensein kleiner, von verkarsteten Kalkbuckeln durchsetzten Alpweiden zusammenfällt. In der Hütte einer derselben, wo nur lauter Frauen waren, konnte man beobachten, wie dieselben emsig an der Aussteuer der jüngsten, einer Braut, arbeiteten, alle mehr oder weniger noch in landesüblicher Tracht, die man sonst selten mehr zu sehen bekommt ( Abb. 12 ). Im letzten ständig bewohnten Bauernhaus, in Pometinac ( ca. 850 m ), wo mein Begleiter schon bekannt war, wurde Unterschlupf für die Nacht gefunden. Das Innere war nur ein unaufgeteilter Raum für eine kopfreiche Familie. Aber freundlichst wurden wir aufgenommen und uns ein Strohlager hergerichtet. Man bestaunte unser fremdartiges mitgebrachtes Essen und unsererseits bewunderten wir die Ausdauer dieser Bauern, wie sie bei dem primitivsten und kargen Auskommen jahrelang durchhalten.

Der Morgenaufbruch vollzog sich nicht unter den besten Verheissungen. Die bösen Geister, in Form von Nebel und Regen, bekamen im Laufe des Tages die Oberhand. Nichtsdestoweniger hielten wir stundenlang durch und erreichten über Dolinen und Grate gegen Mittag den Troglav-gipfel, der, um uns wenigstens eine Idee seines hohen Hauptes zu geben, seine Nebelschleier ein paar Minuten lüftete ( Abb. 13 ). Eine felsige Gipfelpartie schaut nach Nordosten, woselbst in dem jetzt grünen Livinjisko Polje ( abflusslose Senke ) zum Zeichen ihres Bestehens etwas Sonne erglänzte. Aber auch die allernächste Bodenoberfläche konnte erfreuen, denn man sah da unserer heimischen Bergflora verwandte Vertreter wie Dryaspolster, Salix pungens und einige Gentianen.

Die Rückkehr war, trotz Ortskenntnis meines Gefährten, gar nicht leicht im Nebel zu finden. Schon der Aufstieg hatte gezeigt, dass die reinste « Cockpit»-Landschaft zu treffen ist, wo sich Doline an Doline reiht. Nach dem Kompass zu gehen war auch verwirrend, denn man musste stets wie um die Rundung einer Acht hin und her laufen und verlor die Richtung. Gegen Mittag, in der Buchenwaldzone, trennten wir uns. Mein junger Freund musste schon am Sonntagabend in Split sein, während der Schweizer noch weitere Landschaftseindrücke einfangen wollte. Deshalb ging die Reise, einen Umweg beschreibend, von Vrlik über Knin und dann mit der Eisenbahn nach der Küstenstadt Sebenic und von da nach Split. Ein geographisches Phänomen ist die Lage dieser Stadt, im Hintergrund einer in der allgemeinen adriatischen Längsrichtung liegenden, grossen Meeresbucht, die nur durch einen schmalen Spalt mit dem offenen Meere kommuniziert; daher auch die historische Bedeutung des alten Sebenico.

7. Der Kalkzug des Velebit-Gebirges Die bisherigen Bergfahrten lagen in der Hochkarstzone, die man adriawärts mit der Linie starker tektonischer Störungen, mit der reichsten Aufschiebung der Kalke auf die niedrigere Flyschzone, abzugrenzen hat. Eine noch länger als die Dinara-Kette aushaltende Faltenzone, die orographisch mit dem Randgebirge längs der Südwestküste zusammenfällt, ist die Velebit-Kette. Sie macht jedoch einen Teil der Hochkarstzone aus, die hier ihren Überschiebungscharakter verloren hat und früher die Grenze zwischen Ungarn ( Kroatien ) und Österreich ( Dalmatien ) war. Ich hatte bei meiner ersten Einreise in Jugoslawien diese lange Kette « geschnitten », was einige Gewissensbisse in mir weckte, und so stellte ich ihren Besuch noch an das Ende der dinarischen Bergfahrten. Man hat diese, auf Abstand fast juraähnliche, nach Südwesten leicht ausbuchtende Kette bei einer Südfahrt auf der Adria im Osten ( vgl. Fig. 2 ) auf fast 100 km Länge vor sich und glaubt, aus der Ferne, ein Kalkgebirge mit eher abgerundeten Formen vor sich zu haben. Quert man aber diese Ketten irgendwo, so wird man seiner schroffen Gipfel in der Kammzone gewahr, und es spielt deshalb der Velebit in der touristischen Erforschung und Literatur eine nicht unwesentliche Rolle. Demzufolge befinden sich in dieser Kette verschiedene Bergheime. Die Kette hat auch die Besonderheit, dass unter den Trias-, Jura-und Kreideschichten im südlichen Teilabschnitte im Faltenkern das gleichfalls dolomitische Perm und die bituminösen Karbonkalke zum Vorschein kommen.

Ich wählte für einen Querzug den südlichsten Teil, wo ein tiefeingeschnittenes Felsental, die Paklenica-Schlucht, die Westflanke wie ein Riss durchsetzt und eine wildromantische Szenerie schafft Das Gebiet ist deshalb zum Nationalpark erklärt worden. Um dahin zu gelangen, muss die ganze Westküste auf 100 km Abstand bis zu dem Weiler Starigradalte Stadt ) abgefahren werden, wo als letzte touristische Schöpfung ein Motel-Hotel am Parkeingang steht!

Tags darauf durchzog ich als einsamer Wanderer, etwas lästig stark bepackt, die wilde Kalk-schlucht, die plump in die massigen Oberkreidekalke ( Rudistenkalke ) eingefressen ist ( Abb. 14 ). Wohltuend ist die Stille in diesem Steingefängnis, das aber alsbald durch eine in tieferen, gutgebankten Jurakalken liegende Weitung abgelöst wird. Hier geht die Querrichtung in die Längsrichtung über, die in den tieferen paläozoischen Schichten verläuft. Es ist das eigentliche Veli Paklenica, das noch schwach besiedelt ist. Wir befinden uns hier im Kernteil der grossen Velebit-Antiklinale ( Falte ), die, in die weicheren Schichten eingetieft, ein liebliches, grünes Tal zwischen dräuenden, weissen Kalk-und Dolomitflanken entstehen liess. Dieser Kernteil ist nicht von regelmässig nach aussen abfallenden Faltenschenkeln begleitet. Während links ( westlich ) bankige Dolomite der untersten Trias ( Werfener Schichten ) über den Perm- und Karbonschichten in normaler Folge liegen, befindet sich rechts eine leuchtende, weisse Wandfolge von Oberjurakalken, die an den Kernteil anstösst ( Verwerfung !). Längsbrüche zerstückeln also auf der Ostseite den Kernteil der Velebit-Falte.

In der Mittagshitze, aber durch einen prächtigen hochstämmigem Buchenwald ansteigend, erreicht der Wanderer die in der Ostflanke liegende Bulmja-Passlücke ( ca. 1500 m ). Absteigend nach Osten, wo das Bergheim Stirovaé ( ca. 1290 m ) das Ziel war, reiht sich Doline an Doline. Obwohl eine alte rote Markierung vorhanden ist, war das Unterkunftshaus in einem dichten Buchenwalde nicht leicht aufzufinden. Und um die Situation noch trübseliger zu machen, war dasselbe verschlossen. Doch in der Abenddämmerung erschienen erfreulicherweise schwerbepackte Touristen aus der fernen Stadt Gospic mit Schlüssel, und alsbald erdröhnten die ungepflegten Räume des Bergheims von mitgebrachter Radiomusik...

Die Kammlinie des südlichen Velebit bei Stirovac bleibt in den Höhen von 1600-1768 m, welch letztere durch den Vaganski Vrh erreicht wird. Ich verschmähte es aber, durch den dichten Buchenwald zu ihr hinaufzusteigen und nahm den Hasenpfad nach der Taltiefe im Osten, wo mit schweren Geschützen geschossen wurde. Man geleitete mich zuvorkommend hindurch nach der Eisenbahnstation Medak. Ich war in einem grossen Längstal, aus dem sein Fluss, wie so oft im Karst, keinen oberirdischen Abfluss findet. Weiter im Nordwesten, bei seinem Hauptort Gospic, gab es nunmehr Strasse und Autoverbindung über den hier niedrigeren Velebit-Kamm nach der Adriaküste bei Karlobag.

Günstig war bei dieser Überquerung von der Adriaseite aus der Blick über die vorgelagerten, schmalen und zahlreichen Inseln, die sich wie Kulissen aneinanderreihen, so verkettet, dass es fast Mühe macht, herauszufinden, was zusammengehöriges Eiland darstellt. Dazu sind manche dieser Felseninseln, wie z.B. Pag, so kahl und auf Abstand unwohnlich, dass man sagen würde, man stände am Roten Meer. Doch sieht man genauer hin, so ändert sich dieses Grau, besonders da, wo feuchte Winde Zutritt haben, in üppiges Gartengrün, und der Strand ist mancherorts, wie in dem mehr mondänen Rab, zu einem beliebten Badestrand geworden.

Da bis anhin die Inseln auf meiner Bergfahrt von mir recht vernachlässigt wurden, weil sie keine grösseren Bergziele bieten - der höchste Kamm auf der Insel Brac hat nur 780 m Höhe, benützte ich den Abstiegsantrieb, um nach Pag, freilich mit langer Wartezeit, hinüberzusetzen. Auf der Kammlinie von Pag stiefelte ich über karstige Kreidekalke und erfreute mich an der gastfreundlichen Aufnahme im enggebauten Städtchen Pag, wo im Familienkreise von den Frauen eifrig die Spitzen-klöppelei ausgeübt wird. Andere Stationen waren noch die Inseln Rab und Krk, die ältere Karten noch Arbe und Veglia nennen.

Damit sei die Umschau in der küstenländischen Zone, wozu wir auch einen Vorstoss in die tiefer landeinwärts liegende Hochkarstzone ( Troglav ) eingeschaltet haben, zu Ende geführt. Mittlerweile war schon der Frühling auch höher in die Berge gestiegen, was mich bestimmte, das Exkursions-zentrum ins Landesinnere, nach der bosnischen Hauptstadt Sarajewo, zu verlegen.

8. Bergziele im Inneren Bosniens Unser Ausgangspunkt ist nochmals die an historischen und kunsthistorischen Reminiszenzen so reiche und sympatische Stadt Split ( Spalato ). Von hier führt der grosse breite Weg bei Klis, zwischen Mosor und Kozjak hindurch, ins, bei flüchtiger Durchquerung eintönige, bosnische Binnenland. Mit viel Auf und Ab quert man die dinarischen Längsfalten, bzw. die aus ihnen herausgeschnittenen Bergketten. Diese zwingen die Strasse über Pässe, die bis 1200 m Höhe hinaufführen, und bestimmen für die Hauptroute einen ansehnlichen Umweg nach Norden. Während die gerade Entfernung nach Sarajewo ca. 160 km misst, braucht die Hauptautostrasse über Bugojno und Travnik 308 km. In Erinnerung bleiben mir besonders einige flache Längstäler, eingerahmt von langgedehnten Höhenrücken, wie jenes von Livno ( ein Polje !), woselbst wir unerwartet in einen Schwärm fliegender Ameisen gerieten. Ein ungewohntes Bild ist es auch, bei Strassenarbeiten grosse Gruppen von Knaben und Mädchen beschäftigt zu sehen, die so ihren Obolus für die Allgemeinheit zu leisten haben.

Erreicht man die Grossstadt Sarajewo, so bewirkt schon der erste Überblick eine gewisse Genugtuung über deren malerische Lage, geeignet für Bergfahrten, wie auch für eine prosperative Entwicklung zu einer modernen Siedlung, in der die Alte Türkei, besonders in Randpartien des Bazars, stark hervorsticht und deren Reiz erhöht. Den ersten Tag hatte ich natürlich erst die Fäden zu spinnen, um wieder Beziehung zur Bergvereinigung zu bekommen, was mir mit einer Empfehlung von Split gut gelang. Ich traf dort sehr gefällige Mitglieder, die mich kurzerhand in ihren sonntäglichen Bergbummel eingliederten. Im Plan lag der Besuch der Treskavica-Gruppe im Süden von Sarajewo, wohin wir am Samstagabend in einem eher überfüllten Camion gebracht wurden.

Das Treskavica-Gebirge ist einer der für Mittelbosnien typischen Bergkomplexe, die wir in der Kartenskizze ( Fig. 3 ) in schematischer Weise in eine mittlere Hauptkalkzone eingegliedert haben, und die alle über 2000 m emporragen, in vielen Fällen, besonders im südlichen Teil, aber ganz wesentlich darüber hinausgehen. Sie sind ziemlich gut in einzelne Gruppen gegliedert, haben in der Kammregion Trias-Jura-Kalksuiten und ruhen an der Basis auf den teils bunten Schichten der Untertrias oder sogar auf paläozoischen Schiefern. Sie eignen sich für die vielfältigsten Bergziele,

Oigraphische Kartenskizze des Dinarifcums Jugoslawiens

Ungarisclies-serbisches Tiefland Interné Zonen: GeMete der Ophiolite und begleitender Schieferhornsteine Gebiete paläoischer ScHiefer- und Grauwadcen und Marmore Alpine Ketie Externe Zonen: ^vgäir-lJ Ketten der adriaüschen Küstenzone

Ketten der Cukalizone Ketten der Hochkarsttone Überg-angsgliederinsüdalpineKettenMediane HauptKettenZone Bei-eicbdesRodope-Masaivs CRn ) Bereich des Balkans ( BK. )

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TeKtonische KartensKiZZe der Berge um. die Bucht von Kotor

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Fig. 4:1 = Adriatische Küstenzone. 2 = Cukalo-Zone, 3 = Hochkarstzone, 4 = Überschiebungssaum ( Front ) der Hochkarstzone Teilbuchten der Bucht von Kotor: To « = von Toplan, Tiv = von Tivat, Ri = von Risan, Ko = von Kotor bieten auch Kletterberge und im Winter Hänge für Skisport. Was Wunder, dass darin zahlreiche Bergheime verstreut liegen, die teilweise bewirtschaftet sind.

Der Ausgangsort für die Trescavica war eine « Klubhütte », die nach ungefähr dreistündiger Autofahrt erreicht wurde. Sie hiess nach der Waldlichtung « Kozyaluka » und lag nahe dem oberen Ende des Buchenwaldes, in 1510 m, nahe den letzten Schneeflecken. Wer aber etwa ein bescheidenes Bergheim erwartet, ist enttäuscht, denn er steht vor einem grossen Gebäude mit langen Fensterreihen ( Restaurationssaal und Zimmerreihen mit guten Lagerstätten, versehen mit Bettwäsche ). Alsbald entwickelte sich ein fröhliches Weekendleben, und die Alpenluft schwelte von Radiomusik. Anscheinend war diese gute Stimmung den Kalkzacken des Treskavica nicht gerade angepasst, denn folgendentags schien ich der einzige Ausreisser nach den hohen Graten zu sein. Erst nur als Weganweiser, dann aber als ständigen Begleiter hatte ich das Vergnügen, den Sekretär der Bergvereinigung bei mir zu haben, so dass der Mangel einer Karte nicht mehr so schwer wog.

Die Treskavica Gore ist eine Mauer von gegen Nordosten steil abdachenden Kalkbergen, deren höchster Punkt auf 2088 m steigt, wegen der schroffen Formen und des weiten Zurückbleibens der Waldzone aber eher höher erscheint. Das zu durchsteigende Vorland war typisch glazial geformt mit kleinen Bergseen und ausgedehnten Rundbuckeln. In höherer Region stiessen wir auf ein kleines Rudel von Gemsen, die sich aus unserem Kommen nicht viel machten und gemütlich im Schnee, der weite Flächen bedeckte, herumlungerten. Zwei Anstiege nach dem höchsten Kamm waren möglich: ein die Felsfront umgehender oder ein Couloir-Direktanstieg. Der Einfachheit halber zogen die « alten Herren » den Bogen vor und sahen alsbald eine turmgekrönte Kuppe vor sich, den Gipfel Djokin Toranj. Der « Turm » daselbst ist ein ganz enges Ofenhaus aus Metall, für die Skifahrer zur Winterszeit. Die Bergsicht erstreckte sich auf viel ähnliche Gestalten mit Kalkgipfeln und einem Piédestal von schieferiger Unterlage, welch letztere ausnahmsweise sich bis in unsere Höhe erhebt, wie in der nördlich benachbarten Bjelasnica ( 2067 m ), wo eine meteorologische Beobachtungsstation steht. Für den Abstieg wurde in erst entgegengesetzter Ostrichtung die Firstlinie der Kalkfelsen gewählt, die Nikoline Stijene ( 1993 m, Abb. 16 ), und dann bei erster freier Passage der Steilhang benützt, um am frühen Nachmittag wieder das Klubhaus zu erreichen. Es dauerte bis zur Abenddämmerung, bis die « harzigsten » Teilnehmer dieses Weekendbummels wieder an der Camionhaltestelle in ca. 1000 m Höhe vereinigt waren, so dass das entfernte Sarajewo erst bei Nacht die Berggeniesser verschiedener Art wieder aufnahm. Es war mein erster Einblick in die bosnische Bergwelt.

Ich hatte aber den Plan, von Sarajewo aus in einer Gebirgszone, die weiter einwärts lag, mich etwas umzusehen. Während in der breiten Hochkarstzone, die küstenwärts von Sarajewo liegt, die Trias als Dolomit oder Kalk vorliegt, welche Sedimente auch weiter nach oben in jüngere Perioden ( Jura, Kreide ) anhalten, sind weiter einwärts die Trias und jüngere Formationen, besonders die Juraformation, in einer ganz anderen Ausbildungsart abgelagert worden, der Geologe würde sagen, sie hat eine andere Fazies angenommen. Dies ist die Schieferhornsteinfazies, ein stark kieselig-toniges Ablagerungsprodukt, das im Vergleich zu den in untieferem Meere abgesetzten Karbonat-sedimenten in grösserer Tiefe und Küstenferne zum Absatz kam. Mit diesen Sedimenten geht gewöhnlich gemeinsam das Produkt basischer vulkanischer Ergüsse und Intrusionen, die man als Serpentin, Peridotit, Gabbro oder andere schwarzgrüne Gesteine vor sich sieht. Diese als Ophio-lithe zusammengefassten Grüngesteine bilden mit den genannten Schiefern, zwischen denen auch die bunten Radiolarite zuhause sind, durch ganz Innerbosnien und Innerserbien eine scharf begrenzte Zone ( siehe Fig. 3 ), innerhalb welcher die scharfgeschnittenen Kalkberge meist fehlen und abgerundete Ketten und von Wald und Wiesen belegte Anhöhen vorherrschen. Eines dieser Ophio- lithgebirge wurde für eine Exkursion ausgewählt, das Zlatibor-Gebirge, das jenseits der Drina schon auf serbischem Boden liegt.

Nachdem einige kleinere Exkursionen von Bosniens Hauptstadt Sarajewo aus gemacht worden waren, so nach der imposanten Stromquelle der Bosna, die dem ganzen Lande den Namen gegeben hat, steuerte der Verfasser ostwärts nach dem Städtchen Visegrad an der Drina, deren klare Fluten im Unterlauf durch den braunen Lim ( aus dem Schiefergebirge ) getrübt worden waren. Über diesen Drin, der jahrhundertelang eine Scheidelinie markierte zwischen orientalischer und westlicher Religion ( Islam: Christentum, und Türkei: altes serbisches Königreich ), spannte sich bis zum Ersten Weltkrieg die beide Welten verbindende Drinabrücke. Das Leben auf und an dieser historischen Brücke von Visegrad, dem « Grenzstein ungleicher Welten », war kürzlich Gegenstand eines durch den Nobelpreis gekrönten Romans ( Ivo Andric: « Die Brücke über die Drina » ), dessen Autor mit lebendigem, liebevollem Lokalkolorit alle die dortigen Geschehnisse vorbei passieren lässt. So pilgerte ich zu dieser Brücke, war aber recht enttäuscht über die Veränderung der Zeiten, war doch die kriegszerstörte Brücke durch einen, wenn auch gefälligen, Neubau ersetzt, und auch das Städtchen hatte ein neues Gewand angezogen. Die Atmosphäre von Ivo Andric war verflüchtigt.

Als städtischer Ausgangspunkt für den Zlatibor diente das serbieneinwärts gelegene Titovo Usice, welches das Zentrum der serbischen Partisanen war und niemals eingenommen wurde. Die Erinnerung an ihren Anführer, den heutigen Staatspräsidenten Tito, wird in dem aufgeputzten Städtchen durch ein Kolossalmonument wachgehalten. Einige Autobussstunden brachten mich in die grünen Höhen des fast ausschliesslich aus Serpentin aufgebauten Zlatibor-Gebirges. Von seinem höchsten Punkt aus, der Óigota ( 1422 m ), übersah man ein grünes, unduliertes Land, eine vollkommen andere Landschaft als die kalkige Hochkarstzone. Die Weiterreise ging in das Flusstal des Lim, bei Prije-polje und über viele Pässe wieder zurück nach Sarajewo.

9. Das Durmitor-Gebirge So ziemlich in der Mitte von Montenegro, noch etwas westlich davon, erheben sich die Berge, welche die grössten Höhen des Landes erreichen und, man darf wohl sagen, den meist ausgesprochenen alpinen Charakter aufweisen. Dies gilt ganz besonders für das Dolomit- und Kalkgebirge des Durmitor, das sich als Massenerhebung in nordwest-südöstlicher Richtung zwischen dem canonartig tief eingeschnittenen Tale der Tara im Osten und der minder bedeutenden Piva im Westen auf ca. 30 km Längserstreckung erhebt. Wir haben es als wesentlichen Bestandteil in die bosnisch-montenegrinische Hauptkettenzone eingeschlossen ( siehe Fig. 3 ).

Diesem Gebirge wurde schon seit der Pionierzeit des Tourismus und der geographischen Forschung vor mindestens 90 Jahren besondere Aufmerksamkeit zuteil. Man denke nur an die älteren Nachrichten von Ami Boué ( 1874 ), Tietze ( 1884 ), Baumann ( 1891 ), Hassert ( 1895 ) und andere. Es waren dies Zeiten, wo diese Strecken nur mit grossem Zeitaufwand, mit vielen Entbehrungen und bei einer gewissen Unsicherheit begangen werden konnten, während in der heutigen schnellebigen Zeit Autoverbindungen und Hotels auch diese Gegend erschlossen haben. Davon konnte der Schweizer Berggänger auch ausgiebig Gebrauch machen.

Im Osten der Haupterhebung des Durmitor ( siehe Karte Fig. 5 ) liegt auf einer Art welliger Plattform die Ortschaft Zabljak - die Bewohner nennen die kleine Häusergruppe gerne Stadt - in einer Meereshöhe von 1400 m. Sie ist eine Neugründung von 1871. Man erreicht sie auf guter Autostrasse sowohl von Norden ( Sarajewo via Plevelje ) als auch von Süden her, von der neuen Landeshauptstadt Titograd. Ringsum auf den Höhenrücken der Plattform sind dazugehörige Weiler der üb- lichen hochgiebligen kleinen Landhäuser, deren Bewohner Weidwirtschaft und etwas Ackerbau betreiben. Als Dauersiedlung ist Zabljak die höchste des Landes. Höher in die Berge hinauf, bis ausnahmsweise 2000 m, gehen nur Sommersiedlungen und einzelne Hirtenlager.

An einem schönen Frühlingsmorgen, auf den ich lange warten musste, ist der Durmitor-Komplex als Ganzes nicht unähnlich den Tiroler Dolomiten. Wie eine Felsenburg liegt das grauweisse Gebirge bei Zabljak über einem dunklen Waldgürtel niedriger Vorhügel. Diese leiten in das durch Wald gesprenkelte Vorland über, welches im Osten von der tiefeingeschnittenen Taraschlucht durchsägt wird, die wir, von Norden kommend, auf gewaltigem Viadukt überschritten hatten. Die Canontiefe liegt um 700 m, das besiedelte Plateau um 1450 m. Die geschlossene Waldzone reicht bis 1800 m und die Hauptkammlinie des Durmitor liegt zwischen 2300 m und 2500 m. Geologisch besehen ist der Durmitor eine Trias-Juratafel mit sehr mässig geneigtem Schichtfallen und geringer innerer Faltung; das Haupteinfallen geht am Rande bergeinwärts und beruht auf verschiedenartiger Disposition: im Südosten gelangen unter der Kalkplatte die wasserzügigen bunten Werfener Schichten ( untere Trias ) zum Ausstrich, im Nordwesten dagegen liegt sie in einer Überschiebung auf Flysch, der Oberkreidealter hat ( Abb. 19 ). Daraus wurde geschlossen, dass es sich auf weiten Abstand um ein Deckenland handelt ( Durmitor-Decke ), was aber sehr wahrscheinlich nicht zutrifft, auch nach der Meinung der jugoslawischen Geologen; es handelt sich eher um gross dimensionierte Schuppen, die in relativer Nähe ihr Wurzelland haben.

In den ewigen Schnee reichen diese Berge nirgends hinauf, waren aber doch in der Glazialzeit ( Würm-Periode ) ein stattliches Eisgebirge, dessen Gletscher bis in das Vorland von Zabljak hinabreichten und dort ihre Moränen zurückliessen. Die grosse Anzahl von Glazialseen bezeugt diese Vorgeschichte. Unter ihnen ragt durch seine Grösse und idyllische Lage der Crno Jezero, der Schwarzsee ( Abb. 17, 18 und 19 ), besonders hervor. Allgemein besehen, ist die morphologische Gestaltung der Oberfläche recht einprägsam. Im ersten Überblick fallen die weiten grossen Tal-zirkusse in die Augen. Ihre Flanken umfassen ein rundbuckelig modelliertes, wenig geneigtes Felsgelände ( siehe Alisnica und Rbatina in Fig. 5 ).

Als alpinistische Ziele bieten sich zahlreiche Gipfel, die von verschiedenen Seiten angegangen werden können. Da wohl meist Zabljak als erste oder einzige Ausgangsstation gewählt wird, so hat man gewöhnlich durch eines der drei nach Osten sich öffnenden breiten Kartäler aufzusteigen. In ihrem Hintergrund erstreckt sich die Kette der Hauptgipfel ( Abb. 16 ), von Süden nach Norden: der Savin Kuk ( 2320 m ) die schroffen Wände des Sljeme ( 2420 m ), die Minin Bogaz, der Bobotov Kuk ( 2522 m ), der Bezime Vrh ( 2480 m ), die Crevna Greda ( ca. 2100 m ) und ganz im Norden der Veliki Sulac ( 2103 m ); in diesem Halbkreis stehen der mehrgipflige MedjedBär, 2415 m ) und das schroffe Hufeisen der Obla Glava-Koblija Glava.

Von der eher beschränkten, dem Durmitor gewidmeten Zeit, waren durch die Witterungsungunst 8 Tage verlorengegangen. Von meinem feudalen Logis im Durmitor-Hotel, nächst dem Crno Jezero, woselbst ich einziges Wesen innerhalb der 150 Zimmer war, wurden um so reizvollere kleinere Ausflüge gemacht, wobei wieder das Fehlen einer Karte nachteilig war. Pfingsten brachte bis in den Wald Schneefall und erst darnach kamen einige prominente Vertreter der obigen Berg-familie auf die Besucherliste. Unter denselben sei allein der Bobotov Kuk, der höchste Gipfel, hervorgehoben, der an einem prächtigen, aber nicht schön aushaltenden Morgen 05. Juni ) in Angriff genommen wurde.

Es war schon wegen der topographischen Orientierung ratsam, für diese Haupttour einen Begleiter mitzunehmen, und so gelang es mir, einen strammen, hochgewachsenen Montenegriner mit struppigem Schnurrbart und malerischer Kappe ( Crna Gora Gorska ) zu verpflichten ( Abb. 20 ).

Jugoslawien

Photos M.M. Blumenthal, 34-58 Abb. 1 Blick von Süden ( Insel Lokrum ) auf Dubrovnik ( Ragusa ) und die anschliessende nordwestliche Küstenzone. Die noch mittelalterlich ummauerte alte Stadt schiebt sich halbinselförmig in die Adria hinaus. Darüber hinweg erkennt man die Hügel der Halbinsel, die konische, waldige Kuppe der Petka ( 197 m ), ein Aussichtspunkt über der Küstenzone, deren Oberkreidekalke mit leuchtenden Felsen ins Meer abfallen.Käufliche Karte des Tourist Office Putnik, Zagreb ) Abb. 2 Z)/e östliche Halbinsel des alten Stadtkerns von Dubrovnik. Unter den massiven Basteien der Stadtmauer ( aus der republikanischen Selbständigkeit und Blütezeit, 15. Jahrhundert ) ragt die St.Ivans-Festung besonders hervor. Rechts davon liegt der Hafen für Kleinschiffe.

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Abb. 3 Der Radostak ( Vorberg des Or Jen ), von den Burgruinen von Hercegnovi aus gesehen. Die hellen Kreide-Jurakalke, der überlagernden Hochkarstdecke zugehörig, stehen am Horizont an, während die von Macchiawald ( dunkel ) bestandenen Hänge der Cukali-Zone angehören.

Abb. 4 Die Felsfront des Lovcen bei Kotor ( Cattaro ). Die Dolomit- und Kalkfront der Hochkarstzone ist aus ihrer mehr westlichen Höhenlage im Streichen abgesunken und flankiert nun die Bucht von Kotor. Rechts der Ansatz zum Burgberg von Kotor, an dessen Fuss ein Aussenteil der Stadt sichtbar ist.

Abb. 5 Tief blick vom Hang des Burgberges auf die Stadt Kotor und ihre Bucht. Man erkennt die mauer-umwallte alte Stadt, die zwischen den Felsen des Burgberges ( Abb. 4 ) und der Küste auf schmalem Raum zusammengedrängt ist. Rechts oben der Ausfluss der grossen Stromquelle, die vom Fusse des Lovcen kommt.

Abb. 6 Die Bucht von Budva ( Budua ) und das Südende der Lovcen-Kette. In die Meeresbucht ragt die Halbinsel des Städtchens Budva. Insgesamt liegen Bucht und Uferberge in der Cukali-Zone, während im Hintergrund darüber die helle Kette des aufliegenden Hauptdolomites ansteht.

( Käufliche Karte, Photo Tehnika, Zagreb ) Abb. 7 Die Lovcen-Kette am Brajici-Pass ( von Süden gesehen ). Deutlich tritt der Gegensatz zwischen der kahlen Dolomitkette und der darunterliegenden, von Niederbusch ( Macchia ) bedeckten Cukali-Zone hervor.

Abb. 8 Tief blick vom Lovcen-Hang auf den Kotor-Arm der Boka Kotorska. Jenseits der vorderen Bucht hebt sich der dunkle Kamm des Vrmac ( Cukali-Zone ) ab. Die felsige Flucht der Orjen-Kette im Hintergrund zeigt den Hauptdolomit, auflagernd auf den Cukali- Gehängen ( dunkel ). ( Käufliche Karte, Jugoturist, Beograd Abb. 9 Eine Ecke des Diokletian-Palastes in Split ( Spalato ). In die Überreste des mächtigen, aus dem S.Jahr-hundert stammenden Kaiserpalastes haben sich bescheidene neuere Bauten in buntem Durcheinander eingenistet. Auf der Fläche des ehemaligen Palastes wohnen heute etwa 3200 Menschen.

Abb. 10 Blick vom Kulminationspunkt des Mosor auf den südöstlichen Abschnitt der Kette. Die um die gleichen Höhen schwankenden Kammlinien sind weitgehend verkarstet.

Abb. 11 Westende der Mosor-Kette bei Klis. Mosor und Kozjak werden durch eine tiefe Senke getrennt. In dieser Pforte liegt die Sperrfestung, die in der Geschichte des Landes oft umkämpft wurde.

Abb. 12 Frauentypen und -trachten aus dem Dinara-Gebirge. Die leider weitgehend ausser Gebrauch gekommenen malerischen Trachten sind in der Umgebung von Varlika ( Ausgangspunkt für den Troglav ) noch stark in täglichem Gebrauch. Hier wird auf der Alpweide eifrig an der Brautausstattung der Jüngsten gearbeitet.

Abb. 13 Die Kulminationspartie des Troglav ( 1913 m ). Diese ist eine lang sich hinziehende Felsfront mit Steilabfall nach Nordosten und sanfterem Gefälle nach Südwesten. Die vorwiegend dickbankigen Kalke und Dolomite krönen eine Schichtserie, die von der Trias bis zum Jura reicht und in flacheren Hängen stark verkarstet ist.

( Photo J. Placek ) Abb. 14 Im Südende des Velebit-Gebirges. Vor dem Beschauer liegt der Südausgang der Paklemica-Schlucht, ein Nationalparkgebiet. Die imposante Schlucht ist hier durch massige, koralligene Kalke bedingt, während weiter einwärts sanftere Rücken schon in weicheren paläozoischen Schichten eingeschnitten sind.

( Käufliche Karte, Putnlk. Zagreb ) Abb. 15 Im Treskavice-Gebirge. Mit steiler Nordfront überragt die kalkige Hauptkammlinie - hier die Nikoline Stijene - das mildere Vorland der Trias-Sandsteine und Schiefer.

Abb. 16 Die winterliche Ostfront des Durmitor-Gebirges, von Zabljak aus gesehen. Die linke Bildhälfte umfasst den Savin Kuk ( 2251 m ) und den durch ein tiefes Kartal geschiedenen Medjet ( Hintergipfel, 2415 m ). An den Hang des letzteren schliessen nach rechts im Hintergrund der Minin Bogaz ( 2402 m ) und ganz hinten der Bobotov Kuk ( 2522 m ) und Nachbaren an. Weiter rechts das stark glazial überarbeitete Gelände um die Obla Glava. Das Haus im Vordergrund, mit dem steilen, hochgiebligen Dach, ist typisch für die Bauernhäuser des Durmitor.

( Käufliche Karte, Jugoturist, Beograd ) Abb. 17 Tief blick auf den Crno Jezero ( Schwarzsee ). Der westliche, kleinere Seeabschnitt ist in den tieferen Trias-Dolomiten ausgekolkt, der grössere, östliche liegt in den bunten Sandsteinen und Mergeln der Unter-Trias. Die glaziale Entstehung ist für diesen « Waldsee » deutlich. Über den See hinweg erkennt man im Hintergrund das wellige Hochplateau von Zabljak ( vorwiegend paläozoische Schiefer ).

( Käufliche Karte, Jugoturist, Beograd ) Abb. 18 Am Ostufer des Crno Jezero. Die beiden Felsgipfel entsprechen den östlichsten Bastionen des Durmitor: links der Savin Kuk ( 2251 m ) und rechts ein Vorgipfel des Medjet ( etwa 1900 m).Käufliche Karte, Jugoturist, Beograd ) Abb. 19 Gruppe von montenegrinischen Hirten am Crno Jezero. Unter der einheimischen Bevölkerung trifft man stattliche, grosse Figuren; sie tragen meist enganliegende Beinkleider.

Abb. 21 Die Überschiebung der Durmitor-Serie ( Trias-Jura ) auf den Oberkreideflysch am Samar-Pass. Die enge Passlücke ist hier im stark gefalteten Flysch ( Wechsellagerung von Sandstein, Kalk und Schiefer ) eingeschnitten. Darüber liegt ( links ) in Überschiebung die massige Trias des Bobotov Kuk ( 2520 m, vergleiche Fig. 5 ), Überschiebung gestrichelt. ( Bild Dr. J. Poljak, entnommen aus « Hrvatski Planinar », Glasilo Hrvatskoga Planinar-skoga Drustva. God. 1931. Broj 2.Unteres Bild ( von Dr. J. Placek ): Faltendetail am Sareni Pasovi-Durmitor.

Abb. 20 Kartälchen im Anstieg zum Bobotov Kuk. Die gut sichtbare glaziale Modellierung der Tälchen ist im Durmitor allgemein. Die hier einsetzenden Felswände gehören zum Minin Bogaz. Der montenegrinische Bauer des Vordergrundes, mein « Bergführer », trägt das montenegrinische Käppchen.

Abb. 22 Die Komovi-Gruppe, aus Nordosten gesehen. Links der Vasojevicki Kom ( 2460 m ), rechts der Kucki Kom ( 2484 m ). Die malerische Berggruppe entspricht einer weitgespannten Synklinale, welche die ganze Schichtserie der Trias-Basis umfasst, bis zum massigen Korallenkalk der Oberkreide; sie liegt normal auf der schiefrigen paläozoischen Unterlage auf.

Photo Kovacic Abb. 23 In der Kammregion ( Karabunar ) der südlichen Sar Planina. Abgerundete Gipfelformen wiegen vor, da das Gebirge durch weniger resistente metamorphe Schiefer und Kalke aufgebaut wird. Kleine Kar-Nischen zeugen von der früheren Vergletscherung.

Abb. 24 Der Maliturcin ( 2702 m ) im Kulminationsgebiet der Sar Planina. Der dem Tito Vrh gegenüberliegende zweithöchste Gipfel ist wie dieser aus plattigen Kalken aufgebaut, die der paläozoischen Schichtreihe angehören; sie überragen eine Alpweidenregion.

Dieser Begleiter, Sibalic Milan, kannte sich im Durmitor ausgezeichnet aus, hatte er ja selbst, wenn auch nicht überall sehr zweckmässig, die Rotmarkierung auf den Bobotov Kuk ausgeführt. Nachdem bei 1700 m der Wald hinter uns lag, begannen die nun reichlich bevölkerten Hirtenlager, wo es natürlich überall Bekannte gab. Doline reihte sich an Doline, und der Ausblick auf die felsige Umrahmung des Anstiegtales wurde immer reizvoller ( Abb. 20 ). Dank den Erklärungen des Führers konnte die Toponomie der Berge leidlich gut festgestellt werden. Im Hintergrund des Auf-stiegtales, wo erst als klotziger Felskamm der Bobotov Kuk auftauchte, wurde derselbe westlich umgangen und über den Neuschnee die felsige Kante des Gipfelstockes von Norden und Nordosten her in leichter Kletterei bestiegen. Der reichliche Neuschnee, der auf den glatten Felsflächen lag, machte das Aufsteigen etwas schwieriger. Die wildgezackte Bergumrahmung präsentierte sich nur während kurzer Zeit in ihrer Gänze, Wolkentreiben setzte ein und eiliger Abstieg und Rückkehr nachZabljak folgten. Die folgenden Tage galten noch einigen Berghäuptern ander östlichen Aussen-front, wie der Crvena Greda und der Savin Kuk.

10. Im Komovi-Gebirge Vom Durmitor wurde der Kompass auf das Komovi-Gebirge eingestellt. Dieses Gebirge liegt in geradliniger Entfernung nur 55 km weiter im Südosten und befindet sich schon in der Nachbarschaft der albanischen Grenze, wo der « böse Nachbar » Wache hält, was eine gewisse Reiseschwie-rigkeit mit sich bringen könnte. Bestände nicht die politische Spannung, so wären die Grenzberge und besonders die ersten albanischen Ketten durch ihre alpine Gestaltung sicherlich ein verlockender touristischer Anziehungspunkt. In Westeuropa kennt man diese Berge als nordalbanische Alpen, im Lande heissen sie Prokletie. Ihre grösseren Höhen liegen um 2600 m.

Indessen wurde das Hochland des Durmitor über Niksic ( Bauxitindustrie ) nach Süden zu verlassen, um in der neuen Landeshauptstadt Titograd zu landen, einem parvenüartig aufgekommenen Ort, der an Stelle des kriegszerstörten Bodgoriza aufgebaut wurde und den früheren idyllischen Hauptort Cetinje ausgeschaltet hat. Mein Reiseprogramm vertrug keine Abschweifungen mehr, besonders auch weil eine bürokratische Camarilla in Titograd nach langem Hinhalten eine Verlängerung meines Touristenvisums von 3 Monaten nicht akzeptieren wollte ( später in Zagreb ging es aber mit aller Freundlichkeit glatt vonstatten ), was auch den Verzicht auf den Besuch der südlichsten Bergketten von Montenegro ( Rumija ) mit sich brachte.

Die Weiterreise ging nunmehr nach dem 71 km weiter nördlich entfernten Kurort Kolasin am Oberlauf der Tara. So ziemlich rechtwinklig biegt hier die Passstrasse nach Osten ab und gelangt über dem Treskijevic-Pass auf die Nordseite des Komovi-Gebirges. Von hier, aus einer « alier-traurigsten Unterkunft », wurde das Gebirge gegen Süden angegangen, ein Gebirge, das schon von Dr. C. Teuber in der Darstellung seiner Reise längs den Nordalbanischen Alpen 1914im Jahrbuche L des SAC erwähnt wurde ( siehe dessen Bildtafel S. 16 ).

Die Komovi-Gruppe ist ein eher kleines Gebirgsmassiv zwischen dem Quellabschnitt des Lim an der albanischen Grenze und dem genannten Pass, über den die Verbindungsstrasse zwischen Titograd und Pec in die Metoja Serbiens führt. Im wesentlichen sind zwei Hauptgipfel vorhanden, der Vasojevicski Korn im Osten und der Kucki Korn im Westen, mit 2460 m und 2483 m Gipfelhöhen. Beide Berge machen einen recht stattlichen Eindruck, indem sie sich als mächtige Felshäupter in der alten Schieferregion auf einer mattenreichen Unterlage wie ein montenegrinischer Säntis erheben ( Abb. 22 ). Sie sind aber nicht, wie unsere Schweizer Vertreter, ein Deckengebirge auf jüngerer Unterlage, sondern sie ruhen auf ihrem normalen Unterbau, den paläozoischen Schiefern 7Die Alpen - 1964 - Les Alpes97 und Sandsteinen, die das sanfte Relief bedingen, und reichen selbst mit Kalken und Dolomiten von der Trias bis zur Kreide.

Unsere Inangriffnahme des Berges musste nach Gutdünken gewählt werden, denn die erhaltenen Angaben hingen in der Luft. Immerhin bietet die Besteigung keine besonderen Schwierigkeiten, wenn man nicht gerade die nordwestlichen Abbruche wählt. Nach Umgehen der massigen Gipfelfelsen steht man auf einer breiten Gipfelkuppe und sieht den schwierigeren Kucki Kom gegenüber, jenseits eines grossen Karzirkus '. Den « clou » der Rundsicht bilden aber die leider schon mit reichlichen Wolkenballen behangenen Berge der Prokletie.

Mit wenig Abänderung ging der Rückweg wieder über die « Katuna » ( Maiensässe ), wo ein lärmi-ges Sonntagsvergnügen der Jugend der benachbarten kleinen Stadt Andrijevica vor sich ging. Eben noch rechtzeitig zur Autostrasse zurückgelangt, konnte noch gleichen abends Andrijevica mit seinem neuen Hotel erreicht werden, was eine geschätzte Rehabilitierung des Menschen erlaubte. Damit waren die Fahrten in Montenegro abgeschlossen, und das Viele, das in denselben noch fehlte, muss ad calendas zurückgestellt werden. Über eine ansehnlich hohe Passstrasse ( 1850 m ) wurde bei der Stadt Pec in ihr flaches Miozänbecken hinausgefahren, das noch gleichenabends in der so sehr gemischt türkisch-serbischen Ortschaft Prizren in seinem Südende erreicht wurde. Da waren wir nun schon am Fuss mazedonischer Bergzüge angelangt. Nach Norden über Urosevac, ihnen ausweichend, leitete ein schluchtförmiges Defile in das Miozänbecken von Skopje hinab ( früher Üsküb ), der Landeshauptstadt Mazedoniens.

11. Ein Streifzug in nordmazedonischen Bergen Die « Makedonja Narodno Republik » ist als jugoslawischer Staat der nördliche Teil der alten römischen Provinz Macedonia, die von der Rhodope im Osten ( Bulgarien ) bis an die heutige albanische Küste im Westen reichte. Der südliche Abschnitt ist nunmehr ein wesentlicher Teil des heutigen Griechenland.

Mitten durch Mazedonien zieht das Tal des Vardar eine markante Linie. Dieser Fluss verlässt bei der Hauptstadt Skopje die von der Mündung her eingehaltene Nordnordost-Richtung und schwenkt hier nach Südwesten ab in die Berge, die nun das Ziel unserer nächsten Fahrt sein sollen. Der Vardar, der schon bei Skopje bei unserer Anwesenheit mächtige braune Fluten zwischen den Brücken-pfeilern abwärts schob, bestimmt mit seiner weiteren Umgebung eine wichtige tektonische Zone. Diese scheidet die eigentlichen Dinariden im Westen vom kristallinen Rhodope-Komplex im Osten. In dieser Vardarzone ist die Erdkruste auf grosse Tiefe in komplizierte Schuppungen aufgeteilt, und verschiedene Längsbrüche machen den Depressionscharakter dieser zwischen dem Golf von Saloniki und Skopje liegenden Schwächezone der Erdkruste deutlich. Dies war von jeher ( z.B. Saloniki, 1902 ) eine seismisch aktive Zone, was jüngsthin wieder durch das katastrophale Erdbeben von Skopje, am 26. Juli 1963, in grausige Erinnerung gebracht wurde.

Im Oberlauf des Vardar, also westlich bis südwestlich von Skopje, an der albanischen Grenze, liegen die höchsten Berge des ausseralpinen Jugoslawien. Es ist dies die Sar Planina und ihre südliche Fortsetzung im Korab und weiteren Begleitzügen. Diese schon im Altertum bekannten Berge ( Livius erwähnt in dieser Lage den Scardus Mons ) waren unser Bergziel.

In der Landeshauptstadt angelangt, galt es zur Zeitökonomie, sich möglichst umgehend mit der dortigen Bergsteigervereinigung in Verbindung zu setzen, um genauere Zugangs- und Unterkunftsverhältnisse kennenzulernen. Auch hier wurde der fremde Berggänger in zuvorkommender Weise unterrichtet. Nach einer ersten Station in dem seither zerstörten, perfekten Hotel Makedonia in unbewohnbar !), Zmi. J. Zmijinje Jezero, Kob. GI. Kobilija Glava, Lok. = Lokvice ( Hinterlager ), Mi. Bog. = Minin Bogaz Erklärung der Signaturen: 1 — Bergkämme, Passübergänge, Besteigungsroute ( Punktreihe ). 2 = Nordöstliche bunte Basisformation ( Werfener Schiefer ). 3 = Südwestliche Flyschumerlage ( Oberkreide-Eozän ) ( Basis der Durmitor-Überschiebung ) Nachgezeichnet und ergänzt nach einer orographischen Skizze von Dr. J. Poljak, Zagreb, in « Hrvatska Planinar », 2, 1931.

Skopje, wurde vardaraufwärts in der kleineren Industriestadt Tetovo ein erster Halt eingeschaltet. Dann begann, über Bergpfade abkürzend, der Anstieg nach dem auf ca. 1600 m Höhe liegenden Bergheim, dem Popovo Sapke.

Sucht man diese mazedonischen Berge auf, so ist zu beachten, dass sich für dieselben schon in der Schweiz ein sehr nützlicher Cicerone eingestellt hat, indem in unserer Zeitschrift « Die Alpen » ( I/1962 ) der jugoslawische Geograph Mirko Marko vie in sehr anschaulicher Weise und mit grosser Liebe über den Sar-Berg in Mazedonien berichtete; seine Ausführungen ergänzen in vorteilhafter Weise unseren kurzen Bericht.

Ein einziges ärmliches Dorf liegt in der Anstiegsrichtung und seine Bebauungszone ist so klein, dass man bis ca. 1600 m durch lichten Laubwald ansteigt, der dann in struppiges Weidegelände übergeht, in welchem sich das Anstiegstälchen weitet. In dieser Höhe überraschte das grosse Bergheim, gewissermassen eine Hotelkaserne, das besonders für Skisport dienen soll; nebenan war ein ähnliches Gebäude, das dem gleichen Zweck dienstbar sei, aber bei unserm Dortsein eine militärische Unterkunft war. Einige wenige Sommerhäuser unterbrechen das Grün der Matten. Die Sommersaison hatte noch nicht begonnen, und unter der Hundertzahl von gut eingerichteten Zimmern hatte ich wieder die Wahl. Ich erhoffte, dass der kommende Tag mir etwas mehr Hochgebirge bescheren würde, denn die Kämme glichen bescheidenen Bündnerschieferbergen.

Das Ziel, um das ich mich trotz Mangel einer topographischen Karte und eines Begleiters nicht bringen liess, musste der höchste Punkt des grünen Grates sein. Er war seit kurzer Zeit auf Marschall Tito umgetauft und hiess Tito Vrh ( die Triangulation gibt ihm die Höhe von 2747 m ). Von Popovo Sapke aus war diese Haupterhebung nicht sichtbar, sie musste aber aller Konfiguration nach im Süden liegen. Nachdem ich eine Stunde in dieser Richtung ausgezogen war, holte mich ein Eingeborener ein, der mir von der « Hoteldirektion » als Begleiter nachgeschickt worden war und mich des langweiligen Suchens enthob. Endlich, nachdem eine Art Alp passiert war, schwenkte die sonst komfortable Südwanderung nach Westen um und alsbald, über einer Alpweide mit Pferderudeln, erhoben sich die beiden « Türken », der « Veliki » und der « Mali Turcin » ( der grosse und der kleine Türke ), die beiden Kulminationspunkte der gar Planina. Heute ist der « Grosse Türke », der Veliki Turcin, der « Tito Vrh » ( Gipfel ) und trägt einen ca. 25 m hohen massiven Turm.

Ich wählte erst den östlichen Steilanstieg auf den Mali Turcin ( 2702 m, Abb. 24 ), um dann, dem Grate folgend, die stärker abgerundete Hauptspitze zu erreichen. Beides waren Berghäupter von alpinem Charakter, und ähnliche Miene machten auch die Satelliten in der Umgebung ( Abb. 23 ). Obwohl beide Gipfelabschnitte kalkig sind, vermag der dünnschichtige, feinkristalline paläozoische Kalk keine wuchtigeren Formen hervorzubringen. Was sich dem Rundblick von diesen beiden Häuptern erschliesst, ist ein weites Gewimmel ähnlicher Berge, unter welchen man allein im Südwesten den Korab ( 2764 m, unrevidiert ) und die Vraca-Gruppe ( 2582 m ) als gleichrangig annehmen kann. Eine Schneelinie markierte diese Grenzberge, die, als Ganzes zusammengenommen, zu auffällig gleicher Höhe ( Gipfelflur ) sich zusammenfinden. Gegen Norden zu verlor sich die äusserste gar Planina in dem Dunst der Täler, woraus sich nur der spitze Marmorberg des Liuboten ( 2496 m ) heraushob. Das alpinstolze Prokletije-Gebirge in Albanien mischte sich nicht in die jugoslawische Gesellschaft, oder nur einige Trabanten, weil Nebeltreiben sich einstellte.

Gleichentags wurde der Abstieg in die Taltiefen angeschlossen, obwohl eigentlich ein weiteres Ausholen nach Süden sich aufdrängte. Doch andere Fesseln hielten mich zurück, und zwei Tage später brachte der Express mich von Skopje nach Belgrad und bald darauf in die kroatische Hauptstadt Zagreb ( Agram ). Noch der Velebit wurde eingeschaltet ( siehe Abschnitt 7 ), dann musste die jugoslawische Bergrundschau als abgeschlossen betrachtet werden. Sie hatte mir viele schöne Bilder gewährt, und sie vermehren meine zahlreichen Erinnerungsblätter. Und lasse ich dieselben im Geiste neu aufleben, so wiederhole ich unwillkürlich den in Jugoslawien so alltäglich gebrauchten Gruss: « Do vidjenia » ( auf Wiedersehen !).

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