Eine verschwundene Geissel der Menschheit: Der Kretinismus in den Alpen

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verschwundene Geissel der Menschheit: Der Kretinismus in den Alpen

Max Liniger, La Chaux ( VD )

Wieviel Unsinn ist über die Bewohner der Alpen in den vergangenen Jahrhunderten, ja sogar noch im 20. Jahrhundert geschrieben worden! Dabei denke ich hier nicht an die Erfinder der Sarazenen und anderer Hunnen, sondern an jene, die in unserem Land ausschliesslich Kropfkranke und Kretins angetroffen haben, bis zu den Schweizern selbst, denen es nicht gelang, sich von dieser Vorstellung zu lösen, wie Hermann von Keyerling 1928 in seiner bemerkenswerten Abhandlung Das Spektrum Europas gezeigt hat ( S. 284 ):

Während Jean-Jacques Rousseau seine These vom

Noch 1921 begegnet man tatsächlich einer ähnlichen Beschreibung, allerdings bei einem nicht sehr seriösen Autor, der in dem Bemühen, für die Bevölkerung des Toggenburgs, Lichtensteins und Vorarlbergs eine sarazenische Herkunft nachzuweisen, folgende Kennzeichen angibt: dunkle Haare, hängende Unterlippe, also einen Körpertypus, den er sich nicht scheut, als ausgesprochen östlich zu bezeichnen 3. Im Jahr 1814 stellte der englische Reisende Boyle fest, dass die dem Wallis benachbarten Gebiete ebenso mehr oder weniger vom endemischen Kretinismus befallen seien4. Doch hier nützte alles nichts: Das Wallis blieb das Epizentrum des Phänomens.

Der an die Adresse der Walliser gerichtete Spott war durch die Jahrhunderte erprobt. Ein altes Beispiel: Man kennt die vielen zwischen Bernern und Wallisern um den Besitz der Alprechte in dem sie trennenden Gebirge. Bei solchen Auseinandersetzungen beschimpften die Berner meist ihre Gegner als Kropfige. Im Jahr 1212 zum Beispiel standen die Berner bei einer solchen Begegnung den Leuten von Mund gegenüber. Man behauptet, die Obe~länder seien sich ihres Sieges so sicher gewesen, dass sie ihre Frauen und Kinder mitgenommen hätten. Beim Anblick der Munder Vorhut, die mit Sensen und anderem Gerät bewaffnet war, hätte ein Berner ausgerufen: ( Jetzt kommens, die Munder Kröpf!5 ) Doch die Auseinandersetzung endete mit einem Sieg der Walliser, und in der Sakristei von Mund bewahrt man noch heute ein Fähnlein als Trophäe der Schlacht von 1212. Verdammt gute Kämpfer, diese Kretins!

Ein deutscher Autor stellte 1790 die Hypothese auf, die Kretins seien eine besondere Menschenabart. Er berief sich auf einen geographischen Determinismus, der die Besonderheiten der alpinen Bevölkerung erklären sollte:

( Nirgendwo trifft man unter den Einwohnern so große Verschiedenheiten an, als in gebir-gigten Gegenden, weil in diesen auf einer kleinen Strecke die äußern auf den Körper des Menschen wirkenden Ursachen so sehr abändern. ) Man findet diese von Ackermann vertretene Theorie von einer Menschenabart bei einem Autor wieder, der sich mit den Pyrenäen befasst.

In seinem 1851 erschienenen Mémoire sur le goitre et le crétinisme1 behauptet Dr. Ferrus, dass die cagots ( so nennt man die Kretins in dieser Gegend ) von den von Karl Martell besiegten ( Sarazenen ) abstammten. Er setzt hinzu, dass diese Unglücklichen ( die letzten und elenden Reste einer ausgestorbenen Rasse> seien.

Man sollte Ackermanns Feststellung ( bei dem mehrere Anleihen bei H.B. de Saussure auffallen ), dass es in den Tälern des Unterwallis Kretins gibt, im Gedächnis behalten. Zahlreiche Reisende bestätigen diese Feststellung: Während Raymond de Carbonnières8 ( 1780 ), Essacherieux ( 1806 ), Mallet ( 1810 ) und ihnen folgend auch de Saussure sich darauf beschränken zu bestätigen, dass Kretins und Kropfkranke Opfer der Hitze und der stagnierenden Luft seien, beobachtete Bourquenoud der Jüngere9, ehe er in Turtmann ankam, den vom Rösten des Hanfs entlang der Rhone herrührenden Gestank und fügte hinzu:

( Zudem habe ich hier eine viel stärker heruntergekommene Art Menschen beobachtet als sonst im Wallis. Man muss bedenken, dass es in diesem Land zwei Bevölkerungsgruppen gibt: Die erste, die im Gebirge lebt und reine Luft atmet, ist im allgemeinen viel gesünder und kräftiger, wie ich auf dem Simplon festgestellt habe; die andere, die das Tal bewohnt und allen mörderischen Ausdünstungen der Sümpfe ausgesetzt ist, gehört zu grossen Teilen zu der von der Natur am meisten vernachlässigten und stiefmütterlich behandelten Gattung. Man behauptet, sie würde bald zugrunde gehen, wenn sie sich nicht durch Heirat mit Auswärtigen und Männern aus den höhergelegenen Gebieten regenerieren würde. Wirklich einzigartig ist, im Hinblick auf die Kretins, dass ein Ehepaar aus einem gesunden Gebiet, in dem der Kretinismus unbekannt ist, wenn es sich im Wallis niederlässt, nur selten nicht auch einige vom Kretinismus befallene Kinder hat. Die Gelehrten mögen das erklären, wenn sie können. ) Doch wenn für einige die stinkende Luft der niederen Gebiete die Schuld am Kretinismus trägt, ist für andere, vor allem für Salomon Walcher ( 1833 ), das Wasser der schuldige Teil. So lesen wir für Siders: Nur wenige Reisende wagten, die Häufigkeit der Kropfkranken und Kretins auf rassenbedingte Gründe zurückzuführen; am häufigsten wurden Wechselwirkungen zwischen Umwelt und menschlichem Organismus angeführt, ebenso die unzureichende und falsche Ernährung und die Inzucht, das heisst die Heirat innerhalb einer kleinen Gruppe. Zu diesem letzten Punkt ist allerdings zu bemerken, dass das Rhonetal eine sehr viel stärkere Bevölkerungsbewegung zu verzeichnen hatte als die höhergelegenen Täler, in denen Heiraten innerhalb einer begrenzten Gruppe aufgrund der relativen Isolierung ( relativ, weil über die parallel zur Rhone gelegenen Pässe Verbindungen zwischen den Seitentälern bestanden ) sehr viel häufiger waren. Tatsächlich bestätigt Mallets Bemerkung über

In der Literatur wimmelt es nur so von Texten, in denen Kropferkrankungen und Kretinismus als in der gesamten Bevölkerung verbreitet geschildert werden. Welch grossartiges Thema, um sich damit in den Salons von Paris und anderswo interessant zu machen! Eins der üppigsten Beispiele liefert uns der bestallte königliche Geograph Ludwigs XIV., M. Robert, in seinem im Schicksalsjahr 1789 erschienenen Werk Voyage dans les XIII Cantons suisses, les Grisons, le Valais... ". Er schreibt:

( Die Kretins sind im Wallis sehr zahlreich: Man sieht sie in den Städten und Marktflecken, auf den Strassen und öffentlichen Plätzen, auf den Feldern und auf dem Land, und zwar das eine wie das andere Geschlecht. Was das Schlimmste ist, es gibt keine deutlich erkennbare Unterscheidung zwischen den Kretins und jenen Einwohnern, die nicht zu ihnen gehören. Die Art reicht, in der Hautfarbe und in kaum wahrnehmbaren Nuancen immer mehr absinkend, von den intelligentesten und gesündesten Wallisern bis zu den stumpfsin-nigsten Kretins, bis zu jenen Kretins, die man hirnlosen Lebewesen gleichstellen könnte. Die Schwierigkeit oder vielmehr Unmöglichkeit, eine Grenze zwischen jenen, die Kretins sind, und den anderen zu ziehen, ist die Ursache, dass man ihnen auch zur Rechtsprechung, zur Kirche und zu den verschiedensten öffentlichen und privaten Ämtern Zugang gewährt. Das sind jene Kretins, die nur teilweise, nur mehr oder weniger vom Kretinismus befallen sind. ) In einem Brief an das Journal Littéraire de Lausanne^2 schreibt der Vikar des Val d' Illiez, Clément, 1795 über den Text Roberts, man sei versucht zu glauben, dass M. Robert selbst vom Kretinismus befallen sei, weil er sich ausserstande sähe zu unterscheiden, wer im Wallis ein Kretin sei und wer nicht.

Die Äusserungen des merkwürdigen Geographen Robert haben das Verdienst zu zeigen, wie fragwürdig die Berichte vieler Reisender sind und wie weit die Unehrlichkeit bei einigen reicht. Aber auf der Grundlage solcher Berichte wird noch heutzutage die These von der Kretin-Bevölkerung in den Alpen kolpor-tiert, ebenso auch jene über die vermeintliche magyarische oder sarazenische Herkunft un- serer Landsleute in den südlichen Tälern des Wallis oder auch im Toggenburg. So ist es der Mühe wert, sich mit der Frage der Kretins und Kropfkranken anhand der Texte des sehr sorgfältigen Engländers V. Coxe in seinem Werk Voyage en Suisseì3 zu beschäftigen. Diese Briefe erschienen 1770, zwanzig Jahre vor den Veröffentlichungen Ackermanns. Wie schätzenswert sind die Redlichkeit und der Ton seines Berichtes:

Coxe beschreibt, dass er während seiner Reisen im Wallis dicke Kröpfe gesehen habe, von der Grösse einer Haselnuss bis zu der ( eines grossen runden, sechspfündigen Brotes. Es gibt die gleiche Abstufung unter den Idioten, von jenen, die noch einige Funken Vernunft und Verstand besitzen, bis zu jenen, die taub und stumm sind und nichts Menschliches ausser den rein physischen Empfindungen erkennen lassen. ) Obgleich Coxe sich für seine Hypothesen entschuldigt, nimmt er doch an, dass die Hitze und die drückende Luft die Gleichgültigkeit der Bevölkerung hervorrufen. Andererseits, so sagt er, ist das Schneewasser nicht schuld an den Kröpfen ( sonst hätte die Bevölkerung in der Höhe sie ebenso, und man würde ihnen nicht auch in Ländern wie Sumatra und Indien oder sogar in Neapel begegnen ). Coxe stimmt nicht mit der von vielen Reisenden sehr geschätzten Theorie von H.B. de Saussure überein, nach der man Kropfkranke an keinem Ort finden würde, der mehr als 500 Klafter ( 975 m ) über Meer liegt, weil in der Höhe die Luft ausgezeichnet ist; im Tal sei die Kropferkrankung dagegen gewöhnlich. Für Coxe ist der in manchem Wasser enthaltene Tuff der Schuldige:

( Die untastbaren Teilchen dieser sozusagen gelösten Substanz gelangen in die Drüsen des Halses und rufen einen Kropf hervor. ) Man begegnet, schreibt er. Kropfkranken überall dort, wo es Tuff gibt: ( im Derbyshire, in den verschiedenen Gegenden des Wallis, im Veltlin, in Luzern, Fribourg, Bern, bei Aigle und Bex, in verschiedenen Teilen des Waadtlandes, in der Umgebung von Dresden, in den Tälern von Savoyen und Piémont und in der Nähe von Turin und Mailand 17.> An einer anderen Stelle bekräftigt Coxe, dass der Kropf nicht erblich sei, und lehnt jede rassenbedingte Erklärung ab. Er fügt hinzu, dass ( die gleichen Ursachen, die zum Kropf führen, wahrscheinlich auch im Fall der Idioten wirksam sind; denn überall, wo es viele der ersten gibt, ist die Zahl der zweiten beachtlich... Zwischen Körper und Geist besteht eine so enge, wenn auch nicht erklärliche Verbindung, dass der eine immer gleich wie der andere reagiert. ) Zugleich mit der Sage von einer in früheren Zeiten in den Alpentälern ansässig gewordenen Rasse von Kretins, führt Coxe die gesamte Frage auf ein richtiges Mass zurück. Er erklärt:

( Wenn man aufgrund der Berichte vieler Reisender urteilen würde, müsste man glauben, alle Eingeborenen des Landes seien Idioten oder Kropfkranke, während tatsächlich die Walliser im allgemeinen robuste Menschen sind; und das einzige, was man ehrlicherweise bestätigen kann, ist, dass Kropfkranke und Idioten in einigen Bezirken des Wallis viel zahlreicher sind als vielleicht in einer anderen Gegend der Welt. ) Im gleichen Sinn schreibt Walser 1770, dass die Einwohner des Landes gesund und kräftig, herzlich, arbeitsam sind, Hitze und Kälte ertragen und alt werden. ( Viele aber haben theils

großen, theils Kleine Kröpfe daher ihre Sprache heiser, unverständlich und unangenehm ist18. ) Wie lässt sich erklären, dass seitdem der endemische Kropf und der mit ihm verbundene Kretinismus aus unseren Tälern praktisch verschwunden sind? Der Kampf gegen diese Übel wurde zunächst empirisch geführt, dann, im Lauf des 19. Jahrhunderts, mit wissenschaftlich erprobten Methoden. Die Zusammensetzung der bis zum 19. Jahrhundert von der Medizin angewendeten Medikamente ist heute oft nicht mehr bekannt. Im allgemeinen wurden die Medikamente auf der Grundlage von verkalkten Schwämmen hergestellt und enthielten also Jod, längst ehe es offiziell in die Kropftherapie eingeführt wurde. Im Waadtland war im 18. Jahrhundert folgendes Rezept üblich, cum den dicken Hals schwinden zu lassen ), das von E. Olivier t9 mitgeteilt wird: Ausser sexueller Abstinenz empfahl man die Einnahme von Fladen aus Eigelb, Weizenmehl, Pfeffer, Hirsekörnern und pulverisiertem verbranntem Schwamm.

Eine der merkwürdigsten Erscheinungen unter denen, die ihre Kraft im Kampf gegen den endemischen Kropf und Kretinismus eingesetzt haben, war der Schweizer Arzt J. Guggenbühl, der am 16. August 1816 geboren wurde und am 2. Februar 1863 starb. Im Jahr 1840 richtete er auf dem Abendberg bei Interlaken eine Heilanstalt zur Bildung und Unterrichtung von Kretins ein20. Dank zahlreicher Publikationen errang dieser Pestalozzi der Kretins internationale Berühmtheit, allerdings weniger unter seinesgleichen als in der breiten Öffentlichkeit. Viele der Besucher des Abendbergs haben Guggenbühls Ruf ins Ausland getragen. Doch schliesslich schwand der durch die Einzigartigkeit seines Unternehmens begründete Ruhm, Guggenbühl sah sich von seiten der medizinischen Welt einer Kritik ohnegleichen ausgesetzt. Er wurde als Scharlatan eingestuft und erwies sich als ausserstande, seinen Verleumdern zu antworten. Sein Verdienst war zumindest, ein ausserordentliches Interesse für den Kretinismus und die endemische Kropferkrankung geweckt zu haben.

Als erster verkündete Dr. Condet aus Genf 1820 vor der Société helvétique des sciences die Jodtherapie21. Im Jahr 1853 bestätigte Chalin diese Entdeckung vor der Académie des Sciences in Paris. Tatsächlich wirkt Jod als neutralisierende Substanz und führt zu einer Verkleinerung des Kropfes. Die Verabreichung von Jod bewirkt einen Rückgang der Epithelwucherung und gibt der Schilddrüse ihr normales histologisches Bild zurück. Trotz der durch drei internationale Kongresse ( vor dem Ersten Weltkrieg ) geförderten Kropf-For-schung sind die Fragen nach der Ursache der Krankheit noch nicht voll beantwortet.

Der berühmteste der Schweizer Spezialisten auf dem Gebiet der Schilddrüsenerkran-kungen ist unbestreitbar Theodor Emil Kocher ( 1841-1917 ). Dieser international anerkannte Berner Professor der Chirurgie hat vor allem eine Methode der Kropfoperation entwickelt; im Jahr 1909 wurde er für seine Arbeiten mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet.

In vielen Gebieten Europas, in denen die Kropferkrankung endemisch ist, hat man eine vorbeugende Behandlung in Form einer Verwendung von jodiertem Kochsalz ( 5-10 mg/ 1 kg ) empfohlen. In der Schweiz wurde diese Methode nach einem ersten Versuch im Kanton Appenzell von einer eidgenössischen Kommission anerkannt und dann im ganzen Land angewendet.

Es sei bemerkt, dass der Kretinismus heute als eine Sonderform der Idiotie angesehen wird; er ist durch eine Unterfunktion der Schilddrüse zu erklären, die auch die Kropfbil-dung bewirken kann. Kropf und Kretinismus sind noch heute in verschiedenen Teilen der Welt endemisch. Aus diesem Grund hat im Juni 1978, anlässlich seiner Tagung in Mexiko, der Welternährungsrat den Vereinten Nationen die Organisation einer Kampagne zur Bekämpfung des Kropfes vorgeschlagen. Die Weltgesundheitsorganisation ( WHO/OMS ) und der Internationale Kinderhilfsfond ( UNICEF ) arbeiten bereits in 19 Ländern an diesem Projekt. Forschungsgruppen ist es gelungen nachzuweisen, dass in den Gebieten zwischen den Wendekreisen besonders jene Bevölkerungsgruppen, die Maniok verzehren, von der Krankheit befallen sind, weil bestimmte Bestandteile dieser Pflanze die Aufnahme von Jod durch die Schilddrüse unterbinden. Bei uns ist seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Rolle des Jods bekannt, auch wenn sie nicht erklärt werden kann; in Ländern wie Zaire, vor allem in dessen äquatorialer Provinz nahe der Zentralafrikanischen Republik, hat man 1979 eine Impfaktion begonnen, bei der eine Million Menschen erfasst werden soll. Man hofft, auf diese Weise in der Heimatpro-vinz des Präsidenten Mobutu Sese Seko Kropf und Kretinismus ausrotten zu können. Durch die intramuskuläre Injektion von in einer öligen Lösung aufgeschwemmtem Jod, das während sieben Jahren im Körper erhalten bleibt, sollte es möglich sein, dem Übel beizukommen. Doch zurück zu unseren Regionen.

Schon 1780, zehn Jahre vor den merkwürdigen Auslassungen des Geographen Robert, schuf ein anderer Franzose, Raymond de Carbonnières, in den Übertreibungen mancher Reisender Ordnung, und das nicht ohne Humor.

( Man hat das Wallis häufig beschrieben und die Walliser gezeichnet; aber man hat es meist mit jenen ungenauen Verallgemeinerungen getan, bei denen kühn von einem Teil auf das Ganze geschlossen wird und die der überzeugendste Beweis für die Leichtfertigkeit oder die Begeisterung der Beobachter sind. Der eine, bezaubert durch die Einfachheit der Sitten, die nur den bevorzugten Bewohner einiger entlegener Täler charakterisiert, erfindet für die ganze Republik ein zweites Goldenes Zeitalter, ebenso phantastisch wie das erste; der andere, erschreckt durch die Kröpfe in der Umgebung von Sitten, bevölkert die ganze Gegend mit Kropfkranken, mit Idioten. Und was das Schlimmste ist, der Erste leugnet die Kretins des Zweiten, weil sie überhaupt nicht in die Realität seines Goldenen Zeitalters passen22. ) Raymond de Carbonnières legt Wert darauf, die rassische Verschiedenheit der Bevölkerungsgruppen zu betonen und darauf hinzuweisen, dass die angenehmen Sitten vor allem in den südlichen Tälern herrschen. Hier ist er anderer Ansicht als der Engländer Wills ( 1866 ), der sich recht deutlich über das Turt-mann- und das Saastal, ebenso über das Val d' Anniviers äussert. Vor allem über Saas hält er fest:

Diese Beschreibungen werden in einem französischsprachigen Reiseführer durch die Schweiz25 1824 vorteilhaft korrigiert. Über das Val d' Anniviers heisst es dort:

Es geht hier nicht darum, alle Autoren aufzuzählen, die beigetragen haben, die Mär von einem gänzlich von Kretins bevölkerten Wallis zu verbreiten. Es seien nur, auf gut Glück, so berühmte Namen wie Victor Hugo, Théophile Gauthier, Gustave Flaubert, James Fenimore Cooper - Vater des letzten Mohikaners - und Harriet Beecher-Stove - Verfasserin von Onkel Toms Hütte- genannt26. Schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte Rodolphe Toepffer, sicher einer der besten Kenner der alpenländischen Bevölkerung, sich bemüht, Menschen und Dinge wieder an ihren rechten Platz zu rücken, vor allem in seinen Premiers voyages en zigzag ( 1845 ). Um die schlechten Beobachter, als die sich so viele der fremden Besucher erwiesen, zu brandmarken, präzisiert er, dass die Walliser,

Touristen, die Walliser haben Kröpfe, das ist sicher, aber die Walliser lieben einander aber sie sind menschlich... Und das ist es, warum sie, langsam und schwerfällig in ihrer Erscheinung, lebendig sind, während so viele andere, Behende, Flinke und stets Rührige, viel mehr in Bewegung als lebendig sind27. ) Heute sind Kretins und Kropfkranke der Alpen kaum mehr als eine Erinnerung. Eines der Verdienste der modernen Zivilisation, deren Aggressionen Toepffer kritisiert, war, das endemische Übel wenn schon nicht zu beseitigen, so doch zumindest in eine seltene Erscheinung umzuwandeln. Gleichwohl erinnert man sich in der älteren Bevölkerung noch an die Zeiten, in denen jedes Dorf unglückliche Opfer einer nicht arbeitenden Schilddrüse zählte. Auch Maurice Chappaz kommt in seinem 1965 erschienenen Werk Portrait des Valaisans en légende et en vérité28 nicht darum herum, an diese

( Ich sehe wieder die Idioten. Sie waren riesig, sie schleppten sich mit wie Rinde zerfurchten Gesichtern daher. Sie versuchten zu sprechen, aber nur glucksende Töne, tierisch-blökende Laute kamen über ihre Lippen. Mehr als andere Missgestaltete erschienen sie mir wie der Abfall der Natur... Es gab den Kretin Loca, den Kretin Hat, den dicken Kretin mit der Zigarre. Geheimnisvoller als sie war der, den man nur in der Nacht hinausliess und am Fluss spazierenführte und dessen Kopf von einem Sack verhüllt war. Er hatte das Gesicht eines Pferdes.

Die Schuljungen reizten manchmal die Idioten. Sie hielten ihnen zwei über Kreuz gelegte Holzstücke unter die Nase und sangen dazu ein Lied. Man glaubte, bei ihnen eine gewal- tige und passive Sexualität zu erkennen. Es kam vor, dass sie in den Ställen angebunden, dass sie misshandelt wurden. Aber wir wussten ganz genau, dass es keinen Wahnsinn gibt ausser der Bösartigkeit... ) Freuen wir uns mit den Wallisern, diesen ( ehemaligen Kretins ), wie sie der Dichter nennt29, über den Sieg des Jods und der Hygiene über die sprudelnde Quelle literarischer Böswilligkeit. Heute noch wüten, wie wir gesehen haben, Kretinismus und Kropf in einer anderen Dritten Welt als der, zu der unser Land lange Zeit gehört hat. An uns, die wir einmal alle die Beleidigungen hinnehmen mussten, ist es jetzt, darüber zu wachen, dass wir nicht unsererseits die Rolle des {königli-chen Geographen ) übernehmen.

Aus dem französischsprachigen Teil. Übersetzt von Roswitha Beyer, Bern 1 Rappaz, R.: Les sobriquets des localités du Valais romand, Sitten 1976.

2 Mallet: Lettre sur la route de Genève à Milan par le Simplon, écrite en 1809, Genf 1810, S. 35.

3 Sausgruber, L.: Die Sarazenen von Spanien bis nach Vorarlberg, Feldkirch 1921, S.38.

4 Boyle, R.: A Tour through France, Switzerland, Savoy, Germany and Belgium during the Summer and Autumn 1814, London 1815.

5 Stebler, F.G.: Sonnige Halden am Lötschberg, in: Jahrbuch des SAC 49, 1913, S.40.

6 Ackermann, J. F.: Über die Kretinen, eine besondere Menschenabart in den Alpen, Gotha 1790, S. 17.

7 Ferrus, G.: Mémoire sur le goitre et le crétinisme, Paris 1851.

8 Raymond de Carbonnières: Lettre sur le Valais aux auteurs du Journal, in: Journal de Paris, 1780, Nr. 304, 311 ( Oktober und November ), S. 1237-1239, 1265-1270.

Echasseriaux, M.: Lettre sur le Valais et sur les mœurs de ses habitants, Paris 1806, S. 31-32.

9 Bourquenoud le Jeune, F. ( aus Charmey ): Voyage en Valais. Zitiert bei: A. Donnet Relations de voyage fait en Valais en août 1810 par in: Annales valaisannes, 2.Ser.VII, 1949-1951, S.97-128 ( besonders S. 105 ).

10 Walcher, Salomon: Taschen-Buch zu Schweizer-Rei-sen, mit Hinweisung auf alle Sehens- und Merkwürdigkeiten der Schweiz, zweite, ganz umgearbeitete und stark vermehrte Auflage, Glarus 1833.

11 Robert, M.: Voyage dans les XIII Cantons suisses, les Grisons, le Valais et autres pays et états alliés ou sujets des Suisses, 2 Bde., Paris 1798.

12 Clément: Lettre adressée à l' auteur du journal, in: Journal littéraire de Lausanne III, 1, 1895, S. 193-199, 269-275.

13 Coxe, V. Voyages en Suisse, Paris 1770, Bd.2, S. 32-33, 410^113, 415, 423-425, 428-429, 432-433.

14 Bridel, Brüder: Kleine Fussreise durch die Schweiz, Zürich 1798, S. 55.

15 Wills: Wandering among the high Alps, London 1866, Bd. 1, S. 115, 123, 200,215-216.

16 Dandolo, T.: Guida storica, poetica e pittoresca per la Svizzera, Mailand 1857, S.479.

Toepffer, Rodolphe: Premiers voyages en zigzag, Genf 1845, S. 122, 473.

Robert, M.: Voyage dans les XIII Cantons suisses, Paris 1798, Bd.2, S.278.

17 Coxe, V.: Voyages en Suisse, Paris 1770, Bd.2, S.425.

18 Walser, G.: Gabriel Walser's... Schweitzer-Geographie samt den Merkwuerdigkeiten in den Alpen und hohen Bergen, Zürich 1770, S.48.

19 Olivier, E.: Recettes de médecine populaire recueillies dans le Pays de Vaud au 18e siècle, in: Schweizer Archiv für Volkskunde 35, 2-3, 1936, S. 105-130 ( besonders S. 123 ).

Vgl. auch Olivier, E.: Médecine et Santé dans le Pays de Vaud, 2 Bde., Lausanne 1962. Diese Mittel verursachten gelegentlich ein Unwohlsein bei den Patienten; ein Beispiel: ( Der Kropf der sechzehnjährigen Angletine de Sévery scheint kleiner zu werden, wie wir erfahren; sie hat einige Schwierigkeiten mit den Gedärmen, ich wollte, sie hätte mehr, denn manchmal verschwindet der Kropf auf diesem Wege, sagt ihre Mutter. ) ( Sévery, M. und Mme W. de: La vie de Société dans le Pays de Vaud à la fin du XVIIIe siècle, 2 Bde., Neuauflage Genf 1978, Bd.2, S. 134. ) 20 Guggenbühl, J.: Briefe über den Abendberg und die Heilanstalt für Cretinismus, Zürich 1846.

21 Condet: Découverte d' un remède contre le goitre. Société helvétique des Sciences naturelles. Scéance du 25 juillet 1820, in: Bibliothèque Universelle 14, Genf 1820, S. 190.

22 Raymond de Carbonnières: Lettre sur le Valais in: Journal de Paris, 1780, S. 1261-1266 23 Wills: Wandering among the high Alps, London 1866, Bd.1, S.115, 123,200.

24 Grüner, Gottlieb Sigmund: Reisen durch die merkwürdigsten Gegenden Helvetiens, Teil 1, London 1778, S. 155.

25 Audin, J.M.V. ( genannt Richard ): Guide du Voyageur en Suisse, Paris 1824, S. 127.

26 Hugo, Victor: En voyage: Alpes et Pyrénées, 1839 Paris 1890.

Gauthier, Théophile: Voyage en Italie, 1850 Paris 1912.

Cooper, James Fenimore: Excursions in Switzerland, London 1836.

Beecher-Stove, Harriet: Sunny Memories of Foreign Lands, London 1854.

Aus dem Briefwechsel Gustave Flauberts ist zu ersehen, in welchem Mass das Wallis noch Teil der Dritten Welt war. In seiner Beschreibung einer Schaustellung von Negern in Rouen heisst es:

28 Chappaz, M.: Portrait des Valaisans en légende et en vérité, Lausanne 1965, S. 79-80.

29 Chappaz, M.: Portrait des Valaisans en légende et en vérité, Lausanne 1965, S. 65.

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