Eine wiedergefundene Speschakarte

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Von Walram Derichsweiler.

1833 starb in Truns der romanische Bergsteiger und Geograph Pater Placidus a Spescha, welcher auf die Vornamen Gilli Bathista getauft war und dessen Urgrossvater, aus altem Andester Geschlecht, gemäss im Kloster Disentis liegendem Bürgerbrief am 30. November 1664 in die Landschaft Disentis aufgenommen wurde.

Speschas vor dem Brande von Disentis ( 1799 ) gemachte Aufzeichnungen seiner Bergreisen verbrannten. Später legte er seine früheren Bergreisen aus dem Gedächtnis nochmals nieder, und diese Schriften nebst anderen sind 1913 unter Mitunterstützung des S.A.C. von Pieth und Hager herausgegeben worden.

In diesem Speschabuch heisst es auf Seite IV: « Von seinen zahlreichen Kartenzeichnungen ist eine einzige bekannt, und diese nach Speschas eigenen Angaben noch sehr fehlerhaft wiedergegeben. » Das betrifft eine mit Mineralfundstellen versehene Gotthardkarte, welche auch im S.A.C.J.ahrbuch 39 und im Speschabuche bei S. L. nochmals zum Abdruck gelangt ist.

Weiter heisst es im Speschabuche auf Seite LUI: « In den Jahren 1791/92 zeigen Briefe Speschas an Wyttenbach seine gewissenhaften, mühesamen und ausdauernden Arbeiten an der Herstellung einer richtigen Karte der Landschaft Disentis. Diese erste Karte Speschas und zahlreiche andere bis zum Jahre 1799 sind verloren gegangen. » Nun ist im Dezember 1930 in Ilanz eine von Speschas Hand gezeichnete Karte der Landschaft Disentis im Original wieder aufgefunden worden. Goldschmied G. Casura in Flims-Ilanz, der Historiker und Genealoge des Bündner Oberlandes, fand im Nachlasse seines Grossvaters, des Landammannes Sebastian Anton Casura in Fellers ( 1799-1870 ), eine Mappe mit einer Sammlung alter Karten, darunter eine handgezeichnete, die wir nach Untersuchung als eine solche Speschas feststellen konnten.

Gegen 100 Jahre hatte sie da oben im abgelegenen Bergnest Fellers verborgen gelegen, war nie gebraucht worden, denn sie ist sehr gut erhalten und trotz ihrer Grosse in ungefaltetem Zustande. Wie die Karte in Besitz von Landammann Casura kam, wird sich wohl nicht mehr feststellen lassen. Vielleicht hatte er sie schon von seinem Vater geerbt, denn wenn auch Casura bei Speschas Tode schon 33 Jahre alt war, so ist ein direkter Übergang von Spescha auf ihn doch wohl nicht anzunehmen aus Gründen, die ich später für das Alter der Karte angebe.

Auf einem randbeschnittenen Bogen von handgeschöpftem Vergé-Zeichenpapier von 36 x 48 cm Grosse ist ein Mittelstück von 19 x 38 cm Grosse aus dünnem, schreibpapierähnlichem Papier aufgeklebt, welches in Schraffierungsmanier in Bleistift Bergketten unter Hervorhebung höherer Berge zwischen einem mit Feder gezeichneten Flussnetz dargestellt zeigt.

Ein sehr feines, mit Bleistift gezogenes Koordinatennetz bildete dem Zeichner eine Unterstützung bei seiner Arbeit. Die einzelnen Bergspitzen sind mit Zahlen versehen, und die zugehörigen romanischen Namen mit Feder auf den Rand geschrieben. Nur für die Gletscher fand Spescha noch keine Darstellungsart und markierte sie daher in der ihm eigentümlichen Art durch die Buchstaben « gl. ».

Zum Verständnis der romanischen Nomenklatur der Karte dienen folgende Erläuterungen: Cadi e ses confins = Gotteshaus und seine An-grenzungen ( Cadi = casa Dei = Gotteshaus ). Landschaft Disentis ist das Gebiet des Hochgerichtes Disentis zwischen Brigels-Danis einerseits und Oberalp anderseits einschliesslich den südlichen TälernStag, Stg = Stageina = zackiger Felsgrat; p pez = Bergspitze; lai = lac = See; crap = Fels; glatscher = Gletscher; ne = oder; denter = zwischen; dado = der äussere; dadens = der innere; miez = der mittlere; davos = hinter; fil = Grat; mota = Hügel; las cordas = die Ketten; sura = obere; Sequentes Alps en dad Jasters = folgende Alpen ( befinden sich ) in fremdem Besitz; et ina part de = und ein Teil von.

Aus welcher Zeit mag die Karte stammen? Ist es eine solche, welche von Spescha vor dem Brande gezeichnet wurde? Letzteres glaube ich annehmen zu dürfen, und zwar aus folgenden Gründen:

Zunächst bedauert Spescha in seinen nach dem Brande entstandenen Schriften mehrfach den Verlust seiner Karte der Landschaft Disentis, würde aber wohl, wenn er sie nach dem Brande rekonstruiert hätte, dies auch angegeben haben.

Dann ist eine solche Karte das Resultat vieler auf Berggipfeln angefertigter Skizzen. Spescha sagt selbst, er habe zu einer solchen Karte über ein Jahr gearbeitet 1 ). Der Göttinger Professor Christof Meiners, welcher Spescha 1788 besuchte, sagt in seinen Briefen, Spescha habe alle umliegenden Täler durchforscht und die höchsten Eisberge erstiegen, um eine richtige Karte der Gegend entwerfen zu können 2 ). Sind nun diese Aufzeichnungen verbrannt, wird Spescha aus dem Gedächtnis allein wohl kaum eine so in Einzelheiten gehende und genaue Karte haben rekonstruieren können.

Am wichtigsten erscheint mir aber folgende Betrachtung: Spescha war erst nach dem Brande Hilfspriester in Vrin 3 ). 1801 oder 1802 bestieg er den Terri 4 ). Er nennt den Berg in seiner Beschreibung den « Terri ». Auch in seiner Beschreibung vom Derlun ( Piz Scharboden ). Aber auf der Karte nennt er den Berg unter Nr. 142 « Piz Camona » nach der Alp Camona an der Greina. Daraus schliesse ich, dass Spescha die Karte vor seiner Terri-besteigung zeichnete, als er den richtigen Namen des Terri von der Vrinerseite her, wohin er erst nach dem Brande kam, noch nicht kannte, sondern wohl nur den in seiner Karte angegebenen Namen von einem Greinaer Hirten erfahren hatte. Jedenfalls hätte Spescha den Namen « Terri » in die Karte eingeschrieben, wenn er beim Zeichnen derselben schon auf dem Terri gewesen wäre, also nach dem Brande.

Wohl kaum aber wird die wiedergefundene Karte diejenige sein, von der esheisst: « im Kriege 1799 habe Spescha dem österreichischen Hauptmann Schollheim Karten ausliefern müssen, darunter eine von Medels, Tavetsch und Disentis ( Landschaft Disentis ). » Eine im Gebrauch gewesene Karte von dieser Grosse wäre dann doch wohl gefaltet worden und nicht so gut erhalten geblieben. Oder sollte sie schon vor Benutzung ohne Speschas Wissen wieder in Oberländer Hände gelangt sein?

Die Karte zeigt auch, dass Spescha mehr Berge bestiegen hat, als in seinen hinterlassenen Schriften als von ihm bestiegen angegeben sind. Am Nordfusse des Piz Valdraus, den Spescha in seiner Karte als Pit Draus unter Nr. 165 darstellt, liegt in einer Höhe von zirka 2500 m in einer Mulde ein kleines Eisseeli2 ), das nur dem Bergsteiger und Jäger von einem höheren Standpunkt sichtbar ist, z.B. beim Aufstieg über den Lavazgletscher. Spescha hat es aber in seiner Karte verzeichnet. Seine Schriften erzählen aber nur von einer Besteigung des Cristallina ( Pozetta ), bei welcher er das Seeli natürlich nicht sehen konnte.

Die Speschakarte gibt so noch viele Anregungen zu Betrachtungen, namentlich in bezug auf ihre reiche, bodenständige Nomenklatur, die bedeutend reichhaltiger ist als diejenige der Siegfriedkarte. Dieser Nomenklatur nachzugehen, fehlt leider hier der Raum, so interessant es auch wäre. Das wäre eine dankbare Aufgabe für eine Dissertation eines berggewandten Oberländer Studenten.

Im Jahrbuch 1911 3 ) ist eine alte Kontroverse behandelt, welches der von Spescha bestiegene Piz Avat sei. Hager kam auf Grund mühesamen Studiums der Manuskripte von Spescha zum Resultat, es sei der in der Siegfriedkarte mit Piz Gliems bezeichnete P. 2913. Ein Blick auf die Speschakarte ergibt sofort die Richtigkeit dieser Untersuchung, denn der P. 2913 ( Nr. 39 ) ist von Spescha mit Piz Glavatigl avat ) und der P. 2868 ( Nr. 38 ) mit Piz Gliems bezeichnet.

Die wiedergefundene Speschakarte hat historischen Wert, denn sie ist die erste genaue Karte eines Teiles des Bündner Oberlandes, der Cadi. Will man sie mit der Siegfriedkarte vergleichend interpretieren, so ergeben sich an einzelnen Stellen zuerst Schwierigkeiten, die aber mit Hilfe des sehr genauen Flussnetzes der Speschakarte aufzulösen sind.

Könnte man, die Speschakarte in der Hand, wenigstens die Hauptpunkte der einzelnen Ketten begehen, dann würde man erst zur richtigen Erkenntnis des einzig dastehenden und gewaltigen Lebenswerkes des von seinen Zeitgenossen oft verkannten Disentiser Paters kommen.

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