Einige Notizen über unregelmäßige Strahlenbrechung

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( Skizzen nach der Natur. ) Am Montag Nachmittag, den 17. Dezember 1900, bestieg ich den Hauptturm des Münsters in Ulm, mit der Hoffnung, in der Aufnahme des Alpenpanoramas wieder einen Fortschritt verzeichnen zu können. Die Luft war zwischen und über den Häusern mit Dunst erfüllt, in der Höhe hingegen wölbte sich ein schöner blauer Himmel, und die prächtige steinerne Helmpyramide des höchsten Kirchturms der Welt erstrahlte im Sonnenschein.

Auf der Höhe des Turmvierecks ( 70 m ) konnte man von 3 Uhr an über den glänzenden Nebeldunst hinweg vom Karwendel bis zum Säntis die Alpenkette beobachten, anfänglich schwach, dann aber zunehmend deutlicher. In der Höhe schwebte der Rauch der vielen Fabrikschornsteine, der mir, als ich, um mehr vom Gebirge sehen zu können, zum Pyramidenkranz ( 143 m ) hinanstieg, die Aussicht verdeckte, so daß ich bis Sonnenuntergang meinen Standpunkt auf dem Achteckkranze ( 102 m ) einnehmen mußte.

Dieser so oft verwünschte Rauch hat mich schon manchmal beträchtlich in meinen Arbeiten gehindert, um so mehr, als sich ganz nahe auf der Südseite des Münsters eine Brauerei befindet.

Die Zugspitze ( 2964 m ) war bis zu der ihr vorgelagerten Kreuzspitze ( 2089 m ) hinab sichtbar, dagegen erhoben sich Altmann und Säntis nur wenig über die dünne, durchscheinende Nebelfläche. Ich nahm nun meine Albert Bosshard.

bereits vollendete Zeichnung der Zugspitze zur Hand, war aber ganz erstaunt, als nach wiederholtem Vergleiche mit dem Feldstecher ich entdeckte, daß die Abhänge des bekannten Gebirgsstockes bedeutend steiler schienen, als sie auf dem Papier gezeichnet waren. Ich verglich nun andere Skizzen mit ihren natürlichen Vorbildern, doch überall dieselbe Erscheinung, ja merklich wurden die Formen der Berge imposanter und schienen in die Höhe zu wachsen. Bald war ich außer Zweifel, daß die Beschaffenheit und Zusammensetzung der Luftschichten mir da einen Possen spielte, denn die Bergspitzen erweiterten sich nun auch zur rechteckigen Festungsbastion.

Allmählich wurden die Gipfel in der Säntisgruppe überhängend, ja sogar hutrandförmig erweitert. Am wunderlichsten gestalteten sich diese Hundsteingruppe.

Luftgebilde am Hundstein, wo die^ Felszacken [die Form wasserhosen-ähnlicher Säulen annahmen, welche sich oben wieder trichterförmig erweiterten, so daß eine Art Spiegelbild entstand; ein solches kam auch an den Zacken des Schwarz- und Gamskopfes zwischen Grenzkopf und Lütispitz ziemlich deutlich zum Ausdruck. Die trügerischen

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Am Gamskopf.

Unbestimmbar.

Gebilde, welche gegen Sonnenuntergang immer auffallender wurden, veränderten sich von Sekunde zu Sekunde. Die anfänglich turmartigen Säulen wurden oft fadendünn und lösten sich, jedenfalls infolge der herrschenden westlichen Luftströmung, in unregelmäßige Punkte auf, oben blieb indessen meistens eine kapitälartige Erweiterung übrig. Alle diese kappenartigen Aufsätze waren längs der ganzen sichtbaren Alpenkette in der gleichen Höhe gegen den klaren Abendhimmel ziemlich wagrecht abgegrenzt.

Der lästige Rauch hatte sich inzwischen verzogen, und so setzte ich nun meine Beobachtungen auf dem obersten Standpunkte fort.

Der Altmann nahm einmal die Gestalt einer vieltürmigen Burg an, ähnlich erschienen Hausstock und Glärnisch. Man konnte nie recht klar werden, ob die Berge Schatten würfen, mitunter durfte man auch glauben, daß sie ihr oben durch- und wagrecht abgeschnittenes Spiegelbild zeigten, doch wurde dieses infolge der Luftströmung nie so scharf ausgeprägt, daß man es ohne Zusammenhang mit dem Original hätte erkennen können. Einzig beim Großen Ruchen und der Großen Windgälle war das Spiegelbild auf 1-2 Sekunden Wirklichkeit annähernd entsprechend.

Der Tedi präsentierte sich manchmal als ein großes Rechteck, im Nu bildete sich oben in dasselbe eine Öffnung, und man hatte, ehe man sich 's versah, einen Berg mit zwei Spitzen vor Augen. Das Scherhorn war nur ein einziges Mal für einen Augenblick erkennbar.

Nachdem die Sonne untergegangen, kamen rechts vom Seherhom eine Menge Schattengebilde verschiedent- lichster Form zum Vorschein. Das letzte derartige säulenförmige Gebilde war über dem nördlichst siehtTödi.

baren Punkte der Hier wahrzunehmen, ziemlich rechts von der Göcklinger Donaubrücke.Von Bergspitzen war unterhalb dieser westlichsten Schattenfiguren keine Spur zu entdecken, immerhin war ich sehr erfreut, durfte ich jetzt doch hoffen, mich am 31. Oktober nicht getäuscht zu haben. An jenem prächtigen klaren Abend, wo man, wie seit vielen Jahren nicht mehr, wie mir die Wächter versicherten, hauptsächlich die Schweizerberge in seltener Klarheit und Schärfe der Silhouette gesehen hat, bin ich, als ich der Dämmerung wegen auf dem Viereck mit dem Tubus nicht mehr zeichnen konnte, zum Pyramidenkranz aufgestiegen und habe da rechts der Großen Windgälle, welche bisanhin als der westlichste sichtbare Berg galt, einige Spitzen beobachtet, die der Richtung nach den Central- und Berneralpen angehören müssen.

Dafürj daß nicht nur die große Entfernung dieses seltene Phänomen zu bewirken vermochte, lieferte den Beweis der nur 27 Kilometer entfernte Bussen, der berühmte Schwabenberg, auf dessen Kuppe der alte steinerne Turm abwechselnd hoch, niedrig und in die Breite verzogen erschien. Auch auf dem Höhenrücken rechts des Schlosses Erbach, ja selbst auf dem nahen Obern Kuhberg, rechts ob dem Fort, zeigten einige Bäume unnatürliche Formen.

Die Sonne war an diesem Abend sehr schön, goldenrot

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leuchtend, in die dünne Nebelschicht hinabgesunken, die leichten Federwolken mit einem prachtvollen, seltenen intensiven Rot Bussenturm. übergießend.

Ich war nicht im Besitze eines Thermometers, um auf der Südseite der Kreuzblume die Temperatur messen zu können; auf der Nordseite schwankte dieselbe von -j- 0,5 zu — 1,5, doch war es auch auf der Südseite um Sonnenuntergang empfindlich kalt.

Als ich wieder zum Turmviereck abgestiegen war, fragten mich die beiden Münsterwächter, ob ich die vielen Kirchtürme auch gesehen, es sei doch sonderbar, daß man dieselben früher nie bemerkt habe, worauf ich natürlich die erstaunten Leute nach Möglichkeit über die seltene Naturerscheinung aufklärte.

Am folgenden Tage stieg ich schon nach 1 Uhr auf den Münsterturm. Um 2 Uhr war auf dem Viereck leicht durch den Dunst hindurch Albert Bosshard.

etwas vom Gebirge zu entdecken, auf dem Achteck wurde dieses schon bedeutend besser sichtbar, und von 3 Uhr an hatte man auf dem Helm- kranze wieder befriedigende Alpenansicht, und zwar wieder unter abnormalen Verhältnissen, wenn sich auch nicht ganz dieselben Erscheinungen wie am Vortage bemerkbar machten. Heute war erst vom Hochvogel an eine leichte Veränderung der Bergkonturen wahrzunehmen, diese nahm aber gegen Westen, in welcher Richtung das schimmernde Nebelmeer leicht anstieg, in bedeutendem Maße zu. Schon die Rote Wand schien in die Länge gezogen zu sein, auffallender noch war die längliche Verzerrung bei Scesaplana und Panülerschrofen, welche beiden Gipfel sich schon bedeutend weniger über den Nebel zu erheben vermochten als ihre östlichen Nachbarn; geradezu aber zur Unkenntlichkeit verunstaltet waren die kaum aus dem Dunst emportauchenden Gipfel des Altmann und Säntis. Hätte ich die Richtung letzterer von Ulm aus meistens an hellen Abenden um Sonnenuntergang sichtbaren Gebirgsgruppe nicht so gut gekannt, schwerlich würde ich hinter diesen den Schwarzwald-bergen ähnlichen Formen die so charakteristischen Kalkgipfel vermutet haben, denn anfänglich glaubte ich wirklich meinen Sinnen nicht trauen zu dürfen. Nur wenn die Nebelfläche merklich sank, gewannen diese Zerrbilder ein wenig Ähnlichkeit mit der Wirklichkeit, nahmen aber wieder die Form langgestreckter Hügel an, sobald das Dunstmeer seinen Horizont nach aufwärts verschob.

Je mehr die Sonne dem Horizonte sich näherte, rückte auch die scheinbare Verflachung der Berge gegen Osten vor, und über der Scesa- plana und Säntisgruppe entstanden wieder die schon beschriebenen, am 17. Dezember beobachteten Luftgebilde. Einmal schienen Altmann und Säntis beträchtlich in die Höhe wachsen zu wollen, leider aber wurde dieses nun der Natur ziemlich ent- Altmann.

Schafberg. sprechende Schattenbild nach einigen Sekunden durch einen infolge der auch heute wieder westlichen Luftströmung gebildeten Lichtstreifen zerrissen und zum Teil in die Breite verzogen.

Hausstock, Tödi und Glärnisch, am stärksten natürlich die weiter westlich liegenden Berge, der nahe und relativ hoch erscheinende Bussen inbegriffen, blieben durch den Nebel, der heute dichter war als gestern, dem Auge verborgen, hingegen wurde die Lage der drei erstgenannten Berge durch auch am Montag beobachtete Luftgebilde verraten. Wie gestern, so dauerte auch heute dieses Zauberbild bis zur Dunkelheit.

Obwohl dem Berichterstatter seit mehreren Jahren reichlich Gelegenheit geboten ist, die Alpenwelt zu jeder Jahres- und Tageszeit betrachten zu können, ist ihm diese seltene Naturerscheinung noch nie vor Augen getreten. Es kann sich hier jedenfalls nur um sehr starke Strahlenbrechung handeln, die bei ruhiger Atmosphäre vielleicht deutliche Spiegelbilder hervorgerufen hätte. Hoffentlich ist es einem Vertreter der Wissenschaft möglich, auf Grund obiger Angaben und selbstgemachter Beobachtungen die richtige Erklärung zu finden und an dieser Stelle niederzulegen. Mögen alle Natur- und Alpenfreunde, behufs Anregung zu weiterer Forschung und Beobachtung, schon gemachte und etwaige spätere Beobachtungen derart aufzeichnen und im Jahrbuch des S.A.C. veröffentlichen.

Albert Bosshard ( Sektion Winterthur ).

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