Ergötzliches aus meinem Bergsteigerleben

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Mit 3 ZeichnungenVon A. Tschopp

( Basel ) Es ist für uns Bergsteiger ein offenes Geheimnis, dass das Bergsteigen nicht immer eitel Freude bedeutet. Es gibt Momente, wo es gerade das Gegenteil ist, wo man für sein Leben bangt und man seine ganze Energie einsetzen muss, um die gefährliche Situation zu meistern. Auch mir blieben solche Stunden nicht erspart; aber ein gütiges Geschick hat mich und meine Bergkameraden immer behütet. Diese ernsten Momente aus meinem Bergsteigerleben sind noch frisch in meiner Erinnerung und wetteifern an Klarheit und Deutlichkeit mit den ergötzlichen Situationen, die ich in den Bergen, und zwar meist in den Klubhütten erlebt habe.

Klubhütten: die jüngere Generation stellt sich dabei ein Berghaus vor, das 100 000 Franken gekostet hat, einen speziellen Wohnraum besitzt, eine Küche mit fliessendem Wasser, einen W. C. mit Wasserspülung, Sprungfedermatratzen und was der Bequemlichkeiten sonst noch in den neuen Klubhütten zu finden sind. Wir vom zweiten Aufgebot denken an die alte Zapporthütte, an die Grünhornhütte oder an den Pavillon Dollfus: vier Mauern mit Fenster und Tür, ein kleiner Eisenherd in der einen Hüttenecke, ein grober Tisch mit schmaler Bank in der andern Ecke und an der Längswand der Hütte eine Pritsche mit Bergheu, das meist wie Alpenkräutertee aussah, aber ganz anders duftete. Ein einfacher Wandschrank barg das bescheidene Kücheninventar. Das Wasser musste oft von weit her geholt werden, und auch der Besuch des Häuschens mit dem herzförmigen Ausschnitt verlangte oft einen längeren Spaziergang.

Ein feierlicher Hymnus auf diese Hütten alter Ordonnanz würde bei den meisten Lesern kaum mehr als ein mitleidiges Lächeln verursachen, und er würde auch mit der heutigen Ansicht des Schreibenden nicht mehr ganz übereinstimmen. Denn mit zunehmendem Alter lernt man Bequemlichkeiten schätzen, und der Sinn für Bomantik flaut ab. Doch das Ergötzliche, von dem ich berichten will, hat sich zugetragen in einer Zeit, wo noch jugend-warmes Blut in meinen Adern floss und meine Gefühle wie Feuerteufelchen in mir schlummerten, wo das « Puntenöri » keine grosse Kränkung ertrug, und wo ich nach dem Grundsatz handelte: Schlag den Hund tot, bevor er beisst.

An einem föhnwarmen Apriltag stieg ich mit meinem Freund Fritz aus Mollis zur Claridenhütte an. Eine stechende Nachmittagssonne machte uns den Aufstieg durch die Altenoren recht mühsam. Die schweren Rucksäcke, die den Proviant für eine Woche enthielten, drückten unser Gefühlsbarometer recht tief hinunter. Dazu kam, dass der Inhalt unserer Feldflaschen abnahm im gleichen Tempo, wie unser Durst sich steigerte. Die Hütte auf dem Altenorenstock grinste klein zu uns hernieder; doch mit jedem Schritt kamen wir ihr näher, und gegen Abend hatten wir unser Obdach erreicht. Unser einziger Wunsch war Tee. Also kochen. Doch auf dem Herd lag ein Zettel mit den ERGÖTZLICHES AUS MEINEM BERGSTEIGERLEBEN Worten: Der Ofen zieht nicht; das Rohr muss verstopft sein. Kaum gelesen, versuchte Fritz, das Hüttendach zu erklettern. Es gelang ihm auch, das Dach zu erreichen; aber auf den Schindeln, von denen der Schnee abgerutscht war, fanden seine Schuhe keinen Halt. Der Versuch, den First und damit den Kamin mit einem Sprung zu erreichen, endete mit einem Sturz auf den vor der Hütte liegenden Schneehaufen. Doch wozu hatten wir ein Seil? Von der Nordseite der alten Hütte warf ich das eine Ende über das Dach, Fritz band sich an, und mit Seilzug erreichte er bald das Corpus delicti. Mit dem Skistock stocherte er im Rohr herum, ohne auf irgendeinen Widerstand zu stossen. Mit einem waschechten Glarner Fluch trat er den Rückzug an, und wir waren schon im Begriff, das Rohr vom Ofen wegzunehmen, als wir uns des Sprichwortes erinnerten: Probieren geht über Studieren. Bald brannte eine Zeitung im Herd, derart, dass bei offener Klappe Papierstücke vom Luftzug mitgerissen wurden. Der Ofen zog also; wir schauten einander an, taten so als ob - und bald konnten wir unsern Durst stillen.

Lang ist es her; aber noch heute überläuft es mich kalt, wenn ich an eine Begebenheit denke, die sich in der Segneshütte zugetragen hat. Mit dem Einnachten hatten wir die Hütte erreicht, und nach der Suppe legten wir uns im ersten Stock schlafen, nachdem wir die Türe verschlossen hatten. Wir waren in den kalten Decken noch nicht erwärmt, als ein Lärm unsSegneshütte weckte. In der Meinung, dass weitere Skifahrer angekommen seien, rief einer zum Fenster hinaus: Hallo, war isch do? Keine Antwort; aber der Lärm verstummte. Füchse mochten wohl an der Hüttentür gekratzt haben. Wir wickelten uns wieder in die Decken ein und versuchten zu schlafen. Kaum eingenickt, hub der Lärm von neuem an. Wir lauschten gespannt und stellten fest, dass das Geklirr vom Kochraum im Parterre herkam. Es hörte sich an, wie wenn eine eiserne Kette geschleppt würde. Sollte ein böser Geist die Hütte als Unterschlupf gewählt haben? Das Klirren hub ganz sachte an, um rasch anzuschwellen und dann plötzlich zu verstummen. Beim flackernden Kerzenlicht suchten wir die Ursache dieses nächtlichen Spukes zu ergründen. Wir kamen zu keinem einigermassen überzeugenden Resultat und beschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen. Wir schlüpften in die Holzschuhe, und mit irgendeiner Schlagwaffe in der Hand stiegen wir wie die sieben Schwaben in den Gespensterraum hinunter. Mit dem ersten Schritt auf dem Boden war der Spuk weg. Dennoch setzte sich das Züglein in Be- Die Alpen - 1951 - Les Alpes24 wegung. Jakob, mit der flackernden Kerze und einem Skistock bewaffnet, äugte vom Treppenhals scharf im Parterre herum. Wir andern hinter ihm, zugriffsbereit, warteten gespannt auf das Ergebnis seines Späherblickes. In der waltenden Stille hörte man das Pochen der Herzen des auf der dunklen Treppe postierten Sturmes. Doch vergebens; nichts Ungewöhnliches konnte der Späher feststellen. Auf dem Tisch standen die Körbe mit unserm Proviant und ein Korb mit frischem Brot. Wir leuchteten in alle Winkel und Ecken des Kochraumes; wir stiegen sogar in den eiskalten Keller hinunter, ohne auch nur die geringste Spur des nächtlichen Spukes zu entdecken. Im Kochraum hielten wir Kriegsrat. Stumm und sprachlos standen wir frierend beisammen, und jeder suchte das Geheimnis zu ergründen. Eine unheimliche Stille umgab uns; nichts regte sich; nur das Kerzenlicht zitterte im kalten Atem der sprachlosen Gruppe. Da - hinter uns ein Klirren, der Spuk! In rasender Eile sausten zwei riesige Ratten über die auf der unbenutzten Pritsche liegenden leeren Weinflaschen. Das also war das Gespenst! Wir sahen unsern Proviant nach, um festzustellen, dass die Ratten unserem frischen Brot schon ordentlich zugesetzt hatten. Wir schleppten die Proviantkörbe in den Schlafraum hinauf, und mochte es klirren und kesseln, wir liessen uns in unserem wiedergefundenen Gleichmut nicht mehr stören.

Mein lieber Bergkamerad Jakob, der vor mehreren Jahren abberufen worden ist, würde es mir nicht übelnehmen, wenn ich eine Episode erzähle, in deren Mittelpunkt seine Person stand. Wir hatten eine Durchquerung des Tirols auf Ski geplant. Bei unserer Vorbesprechung waren wir übereingekommen, einen grossen Spirituskocher mitzunehmen, da wir befürchteten, dass den Winter über die Holzvorräte in einzelnen Hütten verschwunden sein könnten. Jakob wurde mit diesem Auftrag betraut. Auf der Hinreise schilderte er uns die Vorzüge des neuen Kochapparates und namentlich des Spezial-brenners, der an Leistung trotz sparsamem Verbrauch von Brennstoff alles bisher auf den Markt Gekommene übertreffen sollte. Jeder von uns hatte eine Flasche mit % Liter Sprit im Rucksack. Nach der fast 20 km langen Wanderung von Feuchten ins Gepatschhaus wollten wir daselbst auf dem neuen Kochwunder einen Tee brauen; denn der Durst war ebenso gross wie das « Gwunder ». Weihevoll und mit Sachkenntnis wurde der funkelnde Apparat ausgepackt und kunstgerecht zusammengesetzt. Wir zückten unsere Spritflaschen, um den Wunderbrenner zu füllen. Jakob stöberte in seinem Rucksack herum auf der Suche nach dem Brenner. Die verschiedenen Proviantsäcke flogen von links nach rechts, dann von rechts nach links. Die Nervosität nahm sichtlich zu, als das Weltwunder nicht zu finden war. Jakob packte seinen Rucksack aus, durchsuchte die einzelnen Säckchen, um schliesslich mit hundertprozentiger Sicherheit festzustellen: Jez han i da Chaib vergasse. Uns drei von der Tankstelle traf fast ein Schlag. Vergebens hatten wir den Brennstoff mitgeschleppt, und nun mussten wir doch im grossen Herd des Gepatschhauses Feuer anmachen. Dank einer gehörigen Spritbeigabe hatten wir bald unseren Tee.

Nach einer prächtigen Fahrt über mehrere Gipfel der Berner Alpen stiegen wir vom Bergli übers Kalli nach Grindelwald ab. Da wir am gleichen Tag noch zur Glecksteinhütte ansteigen wollten, um das Wetterhorn zu traversieren, durften wir unsern Durst nicht alkoholisch stillen. Limonade, Sirup, Kaffee wechselten in bunter Folge ab. Ein Meiringer Führer war unser Begleiter. Ein diesem befreundeter Führeraspirant hatte uns um die Erlaubnis gefragt, zu seinem Training mitgehen zu dürfen. Er war ein grosser, stämmiger Kerl, unterwegs bescheiden im Trinken, weil ihm Wasser mit Brauselimonade nicht behagte. Führte ihn aber der Weg an einer Wirtschaft vorbei, so soff er derart, dass sogar ein Kamel nach einer Wüstentraversierung sich hätte genieren müssen. Er ertrug viel, und die vielen Becher, die er während des Mittagessens in Grindelwald hinter die Binde goss, vermochten seinen Stand nicht zu erschüttern. Als wir zum Milchbach-Chalet kamen, fiel ihm plötzlich ein, dass er der Wirtin daselbst etwas auszurichten habe. In der Abendkühle stiegen wir drei der Hütte zu. Oft schauten wir uns nach dem Nachzügler um; doch konnten wir ihn nirgends entdecken. Als wir uns schlafen legten, war er noch nicht da. Auch am Morgen, als wir die Tour antreten wollten, fehlte der Aspirant immer noch. Die in der Hütte anwesenden Führer waren allgemein der Ansicht, dass der Säumige in der Nacht aufgestiegen und in einen Schrund gefallen sei. Auch unser Führer teilte diese Ansicht, um so mehr, da unser Begleitmann den hauptsächlichsten Proviant bei sich hatte. Ein einzig schöner Tag war angebrochen; die verschiedenen Partien verliessen die Hütte, und wir hatten das zweifelhafte Vergnügen, vor der Hütte stehend zu sehen, wie der Schein ihrer Laternen langsam schwächer wurde. Wir mussten zurück. Ein schweres Muss; denn zum ersten mussten wir auf die Besteigung verzichten, zum andern mussten wir den Aspiranten in den vielen Schrunden suchen und vielleicht eine Bergungskolonne aufbieten. Überall suchten wir nach Spuren von dem Vermissten; wir durchstöberten die Schrunde, über die der Weg führte; wir riefen nach dem Vermissten: vergebens. Wir stiegen weiter ab, um im Milchbach-Chalet nachzufragen, wann er das Haus verlassen habe. Die Wirtin war bei unserem Erscheinen höchst erstaunt und machte uns die niederschmetternde Mitteilung, dass der Gesuchte noch im Nest liege, besoffen wie eine Sau. Unsere schon in den Augenwinkeln bereitstehenden Tränen, die wir einem allzufrüh Dahingegangenen nachweinen wollten, vertrockneten plötzlich, und das stille Leid, das schon unsere Herzen ergriffen hatte, wurde durch eine unbändige Wut verdrängt. Da es der letzte Ferientag war, kam eine Besteigung nicht mehr in Frage. Wir rechneten mit dem Führer ab und suchten rasch aus dem Machtbereich des uns entgangenen Wetterhorns zu kommen.

Während des ersten Weltkrieges verbrachte ich mit zwei Kameraden mehr als eine Woche in der Bovalhütte. Da das Gebiet militärisch gesperrt war, mussten wir um die Erlaubnis einkommen, es zu besuchen. Wir waren in der Hütte und im Gebiet meist allein; nur ab und zu erhielten wir kurzen Besuch von Patrouillen. Am laufenden Band hatten wir schönes Wetter, und wir hatten gute Ernte. Trotz strahlender Sonne und lockendem Bergglanz schalteten wir einen Ruhetag ein, an dem nichts Grösseres unternommen wurde, so dass wir schon am Vormittag in der Hütte zurück waren. Ein reichhaltiges Mittagessen krönte den Ruhetag. Ich war noch mit der Zu- ERGÖTZLICHES AUS MEINEM BERGSTEIGERLEBEN bereitung des Mahles beschäftigt, als meine Kameraden die alarmierende Meldung brachten, es sei eine grössere Karawane im Anzug. Aufgespannte Sonnenschirme verrieten aber untrüglich, dass die Kommenden nur Hüttenbummler waren. Wir hatten noch genügend Zeit.unser Mittagessen zu erledigen, bevor die nur langsam anrückende Kolonne die Hütte erreicht hatte. Ich war noch mit der Zubereitung eines « Schwarzen » am Herd beschäftigt, als ein stämmiger, wohlgenährter, in Schweiss gebadeter Züribieter die Küche betrat mit den Worten: « Gueten Abig, Hüttewart. Machet Si eus en Tee für 10 Persone. Mer hand Durscht für 20. » Das Er- Bovalhütte staunen des Mannes war gross, als ich ihm erklärte, dass ich nicht der Hüttenwart sei. « Ja was sind Si dann? » und im gleichen Atemzug fing er an zu schimpfen und zu wettern. « Dicks hei mer gnue, aber nüt Dünns », fuhr er fort, nachdem er sich vom ersten Schreck erholt hatte und seine Zornesfalten im Gesicht sich geglättet hatten. Und als ich mich anerbot, den gewünschten Tee zu liefern, strahlte sein Gesicht vor Freude, und ich hatte fast Angst, von ihm umarmt zu werden. Hätte ich mit seiner hübschen Tochter unterhandeln müssen, wäre dieses Angstgefühl kaum aufgekommen. Unter der Hüttentür rief er seinen Schutzbefohlenen freudig zu: « De Tee chunt da grad. » Meine Kameraden trugen Tassen hinaus auf den Tisch vor der Hütte, und unter dem Jubel der Menge brachte ich einen Krug Tee nach dem andern, bis der letzte Durst gestillt war. Dem Chef der Equipe boten wir noch einen « Schwarzen » mit Baselbieter Kirsch an, was er mit Worten höchster Begeisterung quittierte. Statt eines Feld-Wald-Wiesen-Stumpens rauchten wir an jenem Nachmittag einen « Zweihänder », wie mein Kamerad meinte. Nach einer Besichtigung der Hütte verbrachte die angenehme Gesellschaft den Nachmittag in der Nähe der Hütte. Die Alten genossen die schöne Aussicht und die strahlende Sonne; die Jungen kletterten auf den Granitblöcken herum oder plätscherten im nahen Bach. Nach der Schuldigkeit gefragt, erklärten wir dem Herrn, dass durch die angenehme Unterhaltung die Rechnung beglichen sei, und ich wies zu seinem nicht geringen Erstaunen einen Obolus höflich zurück. Mit Dank jedoch nahmen wir die Brosamen vom Tische des Herrn in Empfang in Form von feinstem Aufschnitt und einem Laib frischen Brotes. In der Folge hielten wir jeden Mittag Ausschau nach weiteren derartigen Kolonnen; denn unser Teevorrat war noch gross. Doch nur einmal blüht im Jahr der Mai.

An einem sonnigen Oktobertag bezog ich mit meinem Freund Jakob die Unterkunftshütte am Fählensee, um mehrere Tage in den Kreuzbergen herumzuklettern. Wir waren allein im ganzen Gebiet, und während einer Woche sahen wir ausser uns nur einen Menschen. Und von diesem andern Menschen will ich berichten. Eines Abends, als wir schon unser Nachtessen auf dem Tisch stehen hatten, klopfte es an der Hüttentür. Wir öffneten, und herein trat ziemlich ungeniert und dennoch etwas verlegen ein junger Bursche. Sein Gruss verriet untrüglich den Württemberger, und bald wussten wir, dass er ein auf der Wanderschaft sich befindender Schuhmacher war. Er erkundigte sich in einer Art, die keine Absage möglich erscheinen liess, ob er hier übernachten könne, und mit einem lüsternen Blick auf unsere dampfende Erbssuppe, aus der wie Ertrinkende einige Schüblinge ihre mit Hölzchen gezierten Köpfe herausstreckten, wollte er wissen, ob das eine Wirtschaft sei. Da der Kerl ziemlich abenteuerlich aussah, wären wir ihn gerne los gewesen. Aber das Mitleid bekam in uns die Oberhand, und wir liessen ihn teilhaben an unserem Nachtessen... Die Erbssuppe musste seine Zunge gelöst haben; ohne unser Dazutun war sein Mundwerk immer in Bewegung, entweder um Brot und Wurst zu kauen oder um uns von seinen Erlebnissen auf der Wanderschaft zu berichten. Unser Vorschlag, in der Nebenhütte zu übernachten, da dort das Lager gratis sei, fand seine volle Zustimmung, und nach dem Essen begleiteten wir ihn in seine Kabine. In einer Art Bettstatt lag ein Laubsack, in den er raschelnd versank. Mit Dingen, die früher einmal Wolldecken gewesen sein mögen, belasteten wir ihn reichlich. Bevor wir ihn in seinem Wigwam verliessen, anvertraute er uns, dass er im Rheintal Arbeit suchen wolle. Wir trauten dem Pensionär nicht so ganz und ratschlagten vor dem Zubettegehen, wie wir ihn am schmerzlosesten loswerden könnten. Wir kamen überein, ihn am nächsten Morgen zur Saxer Lücke mitzunehmen und von dort ins Rheintal zu spedieren. Ihn untenherum ziehen zu lassen, wie er gemeint hatte, schien uns nicht ratsam; unsere Proviantvorräte hätten ihn während unserer Abwesenheit zur Umkehr bewegen können. Am Morgen mussten wir unsern Kurgast wecken und aus seinem Pfühl herausgraben. Gern hätte er noch länger in seinem Himmelbett gelegen; aber wir gewährten ihm keine Gnadenfrist. Es bedurfte allerlei Überredungskünste, um den Schuster aus seiner Bettstatt zu hissen. Das Morgenessen, das wir ihm versprachen, brachte Bewegung in die träge Masse, und bald füllte er seinen Bauch mit Kakao und Brot. Den Abschied von den Fleischtöpfen Ägyptens suchten wir ihm leicht zu machen, indem wir ihm schilderten, dass er jenseits der Saxer Lücke Sennhütten antreffen würde, in denen er Milch und Butter gratis erhalte. Im Vorgenuss dieser Gratisverpflegung schmunzelte er; wir auch. Beim Aufstieg zur Lücke fragte mich Jakob: « Hesch d'Chletterschueh? » Bevor ich antworten konnte, brüllte der zwischen uns gehende Schuster: « Ne, des hab i net. » Auf der Saxer Lücke steckten wir ihm noch ein währschaftes Stück Brot zu mit der Bemerkung, dass das vorzüglich schmecken werde zu Gratismilch und Butter... Als er den schmalen und steilen Fussweg, den er zu gehen hatte, mit kritischen Blicken musterte, beseitigten wir seine Bedenken mit der Bemerkung, dass der Weg nur anfangs schlecht sei; unten ERGÖTZLICHES AUS MEINEM BERGSTEIGERLEBEN sei er ganz schön. Wären dazumal asphaltierte Strassen schon Mode gewesen, hätten wir uns auch noch zu dieser Notlüge verstiegen. Wir fügten als wohlgemeinten Rat noch bei, dass der Weg gegen Mittag gefährlich werde, da Steine, die von der Sonne gelöst würden, von den Felsen herunterrollten. Dies spornte ihn zur Eile an und, mit einem Blick zum Gipfel des ersten Kreuzberges hinauf, verabschiedete er sich kurz und hüpfte gegen das Rheintal hinunter. Als er am Fuss des ersten um die Ecke verschwunden war, liessen wir einen Felsblock hinunterrollen, um ihm jedes Gelüste zur Umkehr zu vergällen. Das Gepolter des rollenden Steines widerhallte von den Wänden und wird wohl den flüchtenden Schuhmacher zu noch grösserer Eile angespornt haben.

Zur Abwechslung verbrachte ich mit meinen Skikameraden das Jahresende in der Jürg-Jenatsch- Hütte .Um den Silvester würdig feiern zu können, hatten wir durch einen Träger allerhand gute Sachen und einige Flaschen mit güldenem Hals in die Hütte tragen lassen. Sogar ein kleines Tannenbäumchen fehlte nicht. Da wir seit Tagen allein in der Hütte gewesen waren, hofften wir, das Jahresende unter uns feiern zu können. Doch gegen Abend rückten noch zwei Skifahrer an, die durch ihren schnoddrigen Jürg - Jenatsch-Hütte Gruss als Nichtemmentaler und nach ihren wie gehackteBeefsteaks aussehenden Gesichtern als Studenten untrüglich zu erkennen waren. Bei ihrem Eintritt war ich eben mit dem Einrühren einer Erbssuppe für sieben Mann be- schäftigt .Wer schon Erbssuppe gekocht hat, kennt die Tücken dieses Gebräus. Als daher der eine der Studenten, dessen Gesicht von Durchziehern und Nacken- quarten wie tätowiert aussah, seine Schuhe unter den Ofen stellen wollte, ersuchte ich ihn, damit bis zur Beendigung der Kocharbeit zu warten. Doch der Korpsstudent schlug die wohlgemeinte Mahnung eines gewöhnlichen Schulmeisters in den Wind und stellte die Schuhe doch unter den Ofen und, was als Einleitung der folgenden Tragödie wichtig ist, so, dass die Schuhrohre zur Hälfte nicht unter dem Ofen waren. Als Sonntagskind sah ich voraus, was kommen musste, wenn ich meine leicht brodelnde Erbssuppe betrachtete. Unter der Tür zum Schlafraum stehend, dem Herd den Rücken zugekehrt, schaute ich meinen Kameraden zu, wie sie das Weihnachtsbäumchen schmückten. Sinnend verfolgte ich ihre Arbeit und freute mich, wie mit Maggiwürfeln, Knorrstangen und Konfekt geschmückt langsam ein schmuckes Bäumchen zu werden begann. Da plötzlich, um mit Schiller zu reden: « und es wallet und siedet und brauset und zischt, wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt ».

Ein flüchtiger Blick nach dem Ofen, dem Ursprung der entfesselten Elemente: auf der wild wogenden Erbssuppe tanzte, in Dampf eingehüllt und von diesem getragen, der Pfannendeckel, während ein gelber Strom zischend und dampfend über den heissen Ofen auf den Boden sich ergoss. Ein Sprung zum Herd, um zu retten, was noch zu retten war. Die Hütteninsassen eilten herbei und grinsten ob meiner Bemühung, die revoltierende Erbssuppe zu beschwichtigen. Auch die beiden Studenten grinsten, und wie mir schien, mit Hohn und Schadenfreude. Doch ein Blick am Herd hinunter, wohin der grösste Wasser-respektive Suppenfall sich ergossen hatte, erinnerte mich an das Sprichwort: « Wer zuletzt lacht, lacht am besten. » Denn was ich da sah, war eine Bestätigung für die Theorie von der Erhaltung der Materie. Die Schuhe hatten die flüchtige Erbssuppe zum grössten Teil geschluckt. Meine Entdeckung, die mich schadlos hielt für das schadenfrohe Grinsen unserer lieben Gäste, blieb nicht lange Geheimnis. Der rechtmässige Besitzer der im Trocknungsraum stehenden Schuhe mochte Unheil wittern. Er schaute nach seinen « Stiebein », und Zornesröte überzog blitzartig sein Hackbrett. Nachdem er sich vom ersten Schreck, der ihm die Spuke geraubt, erholt hatte, setzte er sein Mundwerk in Bewegung. Ich fürchtete, seine Durchzieher könnten aus dem Leim gehen, so dass die Lautsprecheranlage bis zu den Ohren gereicht hätte. Der Pfannendeckel, den ich seinem Schaukelbad ruchlos entrissen hatte, würde dann kaum mehr gereicht haben, die Schallquelle zu decken, um die Tonstärke auf ein erträgliches Mass zu reduzieren. Die Komik der Situation war so gross, dass ich nicht reden, sondern nur lachen konnte. Das reizte natürlich meinen Widersacher, der in der Fortsetzung des Programms die volle Tonstärke einschaltete. Ich gab mir alle Mühe, ruhig zu bleiben, und ich hatte vorsichtshalber meine rechte Hand, das Schlagwerk, in die Hosentasche gesteckt. Als aber der Korpsstudent anzüglich wurde und seine Schmähworte nicht auf die Goldwaage legte, « da wallt dem Schweizer auch sein Blut ». Während einer Erholungspause, die der Lautsprecher einschalten musste, fragte ich den Wüterich, ob er glaube, mir mit seiner zerhackten Fratze zu imponieren? Das war öl ins Feuer. Ich erwartete, dass er mit dem Kommando « Auf die Mensurl » seine Hand erheben und mir eine auswischen werde. Als ehemaliger Nationalturner stand ich in Position, und bevor seine Hand mich erreicht haben würde, hätte ich ihn mit einem Fußstich zur Strecke gebracht. Er schien etwas Derartiges zu ahnen und zog eine Absetzbewegung einer gewagten Offensive vor. Brummend, da sein Blasebalg zu weiteren Kraft-entfaltungen nicht mehr fähig schien, machte er sich an die Reinigung seiner Schuhe, die offenbar noch nie so viel kostbare Erbssuppe geschluckt hatten. « Dieses war der erste Streich, und der zweite folgt sogleich. » Das üppige Silvestermahl verursachte umfangreiche Reinigungsarbeiten. Da ich gekocht hatte, war ich davon befreit. Meine Kameraden besorgten diese Arbeit auf der Bank des Schlafraumes. Diese Bank und ein Nagel in einem Pfosten der zweistöckigen Pritsche wurden dem andern Studenten zum Verhängnis und uns zu einem Grund, noch mehr zu lachen. Die Bank, auf der abgewaschen wurde, war nicht eben, sondern längsgekehlt. Ich sass in der Nähe unseres schön geschmückten Weihnachtsbäumchens und hatte mein seelisches Gleich- gewicht bald wieder gefunden. Während der Rauch meines Stumpens wirbelnd zur Decke emporstieg, flogen meine Gedanken von der Gegenwart zurück in die ferne Zeit meiner Jugend, in die goldene Zeit, wo Weihnachten noch eine weihevolle Nacht war, wo wir noch Heu vor die Haustüre legten, damit Christkinds Eselein etwas zu fressen habe, während das Christkind die Geschenke unter den Christbaum lege, die Zeit, wo man am Christabend vor jedem Geräusch erschrak und dennoch ungeduldig auf ein solches wartete. So weit flogen meine Gedanken zurück, und sie nahmen mich so in Anspruch, dass ich meine Umgebung ganz vergass und dass die Vergangenheit die Gegenwart ganz verdrängte. Sinnend schaute ich den Rauchwölkchen meines Stumpens nach; als sie durch den Lichtkegel der Petrollampe wirbelten, leuchteten sie rasch auf, um dann gegen die Decke hin zu verschwinden. Da, wo sie noch lustig gewirbelt hatten, hatte das Halbdunkel der Hütte wieder Fuss gefasst. So ist das Leben, ein steter Wechsel von Licht und Schatten. Ich schaute, ich staunte, ich sann, ich... Plötzlich wurde ich aus meiner Träumerei herausgerissen und in die prosaische Gegenwart zurückversetzt. Der zweite Student, der sich auf die Bank, auf der immer noch abgewaschen wurde, gesetzt hatte, sprang plötzlich wie von einer Natter gebissen auf. Während seine Hände den Hosenboden abtasteten, brüllte er etwas von Schweinerei, von Unverschämtheit und gebärdete sich dazu wie toll. Der Grund seiner Entrüstung ist leicht zu erraten. Er hatte sich in das Wasser gesetzt, das beim Abwaschen auf die gekehlte Bank gespritzt war. Meine Kameraden suchten sich von Schuld reinzuwaschen, indem sie dem einem Gratissitzbad Entronnenen klarzumachen suchten, dass er noch andere Sitzgelegenheiten gefunden hätte, und dass er hätte ahnen können, dass bei einer derart grossen, fast das ganze Kücheninventar umfassenden Abwaschung Wasser auf die Bank gekommen sein könnte. Grossen Erfolg hatten diese Erklärungen nicht, im Gegenteil, als einer die an und für sich wahre Bemerkung fallen liess, dass das Wasser warm gewesen sei, steigerte sich die Wut des Moses, d.h. des aus dem Wasser Gezogenen, wie man uns in der Bibel-kunde lehrte. Der Vergleich hinkt zwar, da wir ihn dem Wasser nicht entreissen mussten, weil er sich, nachdem es anfing, kalt zu werden, selbst befreit hat. Immerhin blieb ihm der Name Moses. Dieser Moses also stieg nicht auf den Berg Horeb, sondern schritt eilig und zornig zugleich der Pritsche zu, um im zweiten Stock Quartier zu beziehen. Zeternd und meckernd schwang er sich hinauf; aber da war eben der erwähnte Nagel, der allzu vorwitzig aus den Henkeln einiger Skijacken herausschaute. Ich stand diesmal ganz unbeteiligt, als geniessender Zuschauer in der Nähe des Teufelsnagels. Ich spürte den Luftzug des sich hochschwingenden Flüchtlings. Ich hörte aber auch ein langgezogenes « Ratsch », und ein flüchtiger Blick nach dem Ursprung des nicht misszuverstehenden Geräusches liess mich erkennen, dass der vorwitzige Nagel mit seinem noch vorwitzigeren Kopf in die Norwegerhose einen respektablen Dreiangel gerissen hatte. Erneutes und noch lauteres Zetern und Schnauben im zweiten Stock, das jedoch bald im Lärm der allgemeinen Unterhaltung im Parterre unterging. Als das Geschirr versorgt und die Bank mit der Hohlkehle trockengelegt war, zündeten wir die Kerzen unseres Bäumchens an. Unsere Weihnachtsstimmung nahm immer mehr zu und erreichte ihren Höhepunkt, als in der fröhlichen Tafelrunde die alte Weise erklang: « O du fröhliche, o du selige Weihnachtszeit ». Die Weihnachtsfeier ging unmerklich in die Silvesterfeier über, und die springenden Zapfen der Flaschen mit güldenem Hals, die gegen die Decke schlugen, werden den beiden Mietern im zweiten Stock wie Störungsfeuer vorgekommen sein. Die durch die vielen Kerzchen erzeugte Helligkeit benützte der im Vorfeld unserer Stellung liegengebliebene Feind durch Totaleinsatz zum Flicken der havarierten Hose. Mit zunehmender Stimmung vergassen wir ganz unsere Einquartierung, und als um Mitternacht wir einander mit kräftigem Händedruck ein gutes neues Jahr wünschten, war ihr Innerstes wohl von ganz anderen Wünschen beseelt. Am Neujahrsmorgen machten sie eine Absetzbewegung über die Fuorcla d' Agnelli, der eine mit Erbssuppenschuhen, der andere mit geflickter Skihose. Erst jetzt konnten wir über die Vorfälle herzlich lachen, und ich muss gestehen, dass wir es bedauert hätten, wenn sie sich nicht ereignet hätten. Tags darauf hatte es fast den Anschein, als sollten die frommen Wünsche der Geflohenen in Erfüllung gehen. Oben auf dem Piz d' Err überfiel uns ein derart kalter Sturm, dass jeder von uns in kurzer Zeit einen Er-frierungsschaden aufzuweisen hatte. In jenem Moment beneideten wir die beiden Studenten. Wir hätten statt zu schimpfen uns höflich bedankt, wenn uns jemand warme Erbssuppe in die Schuhe gegossen hätte, und wir hätten sicher vor Freuden gestrahlt, wenn uns jemand ein warmes Sitzbad mit etwas Fettzusatz offeriert hätte. Doch alles ist relativ. Als wir wieder in der Hütte waren, eine wohlige Wärme uns zu durchrieseln begann und die Frostschäden behoben waren, kehrte der Humor schnell zurück. Der wie ein Zebra gestreifte Ofen, die Bank mit der Hohlkehle und der nun leicht gekrümmte Nagel am Pritschenpfosten erschienen uns fast wie Reliquien.

So waren wir einst vor Jahrzehnten. Unterdessen ist die Welt anders geworden; aber auch der Schreiber dieser Zeilen hat sich verändert. Der Buckel ist breiter geworden, das Puntenöri ist nicht mehr so empfindlich, und die Feuerteufelchen geraten nicht mehr so rasch in Aufregung. Eines aber hat sich nicht verändert und wohnt als wohlbehüteter Schatz in seinem Innersten: die Liebe zu unserer Heimat, zu unseren Bergen.

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