Erste Winterbesteigung des Kleinen Gelmerhorns

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Von Hans Sollberger ( Interlaken )

( 22. Dezember 1946 ) Mit 1 Bild ( 1 ) Funkelnden Diamanten gleich stehen die Sterne am Himmel. Ihr unruhiges Flackerlicht leuchtet aus der Unendlichkeit des Weltalls zu uns herab. Die nächste Umgebung zeigt sich in einem dunkeln, unheimlichen Ton. Ganz schwach rauscht die junge Aare neben uns. Undeutlich kann man die verschiedenen Tierspuren auf der völlig verschneiten Grimselstrasse erkennen.

Beim Handegghotel zweigen wir links ab, um über das Tracé der Gelmer-Standseilbahn in die Höhe zu gelangen. Wie ist das doch ein einfacher Weg im Sommer! Jetzt aber müssen wir die Ski von den Füssen schnallen. Die Treppenstufen, tief verschneit und teilweise vereist, fordern schon eine ungewöhnliche Gangart. Auf allen Vieren aber geht es gut vorwärts. Allerdings nicht so schnell wie jene aufgescheuchten, davoneilenden Gemsen, die sich im anbrechenden Tag leicht vom Horizont abheben. Ihr grelles Pfeifen hat uns zuerst erschreckt. Wir sind also doch nicht allein am Berg. Kurz vor der Endstation verlassen wir das Bahntracé und erreichen mit den Ski in harter Spurarbeit bald den südöstlichen Gratkopf. Aus der Nacht ist es dabei längst Tag geworden. In herrlich klarem Winterlicht sind die Berge ringsum von der Sonne erstrahlt.

Am Doppelseil übersteigen wir die kommenden Gratrücken. Zurück bleiben nur die Ski. Der Fels zeigt jetzt seinen winterlichen Charakter. Jeder Griff muss vom Schnee befreit werden. Unentwegt kommen wir aber der grossen Scharte zum Kleinen Gelmerhorn näher. Zu unserer Überraschung gelangen wir zu einer Abseilstelle, nach der es kein Zurück mehr gibt. Wenn wir hinunterpendeln, schneiden wir uns den Rückweg zu den Ski ab.

Das Wetter und die Schneeverhältnisse sind aber sehr gut. An Biwakzeug mangelt es nicht. Drüben lockt der braunrote Granit des Gipfelaufschwunges. Wer könnte da noch widerstehen 1 So rutscht jeder die 30 Meter in die Ausgangsscharte hinab. Kurz nach der Mittagsstunde setzen wir zum Gang auf den Gipfel an. Gleich zu Beginn stellt uns der winterliche Berg seine plattigen Schilder als Abwehr entgegen. Der Fels wird zusehends schwerer und verlangt grösste Vorsicht. Nur auf diesen verschneiten Platten nicht abgleiten! Der Pickelhammer unseres Gefährten Ere räumt aber den Schnee und das Eis beiseite. Der lange Schroffenkamin auf der Südseite jedoch ist fast schneefrei und bietet so die gleichen Schwierigkeiten wie im Sommer Der nachfolgende Quergang in die Platten der Nordflanke liegt tiefverschneit im Winterschatten. Sorgfältig muss jede Sicherungsmöglichkeit freigelegt und ausgenützt werden. Mit zunehmender Gipfelnähe wird das Ringen härter, besonders unter dem Gipfelblock. Sein Unterbau kehrt uns zuerst eine Kante und oben eine glatte Platte zu. An der Stelle des gewöhnlichen kurzen Aufstiegsrisses zu unserer Linken Die Alpen - 1948 - Les Alpes1 hängt eine riesige dicke Raupe aus blankem Eis. Direkt über die Kante auf der rechten Seite aufzusteigen, ist bei dem glasierten, ungriffigen Fels nicht ratsam. Dennoch klettert der erste über die exponierte Stelle.Voller Erwartung sichere ich Eres Vordringen, und erst das gerne gehörte « Nachkommen » löst unsere Spannung. Der kleine Stemmkamin, das letzte Hindernis vor der Gipfelplatte, verlangt vollste Aufmerksamkeit, um über die eigenen Schultern hinweg den einzigen Griff zu erhaschen. Äusserst exponiert führt nun die letzte halbe Seillänge über die Kante des kleingriffigen Gipfelblocks.

16 Uhr, 22. Dezember. Wir reichen uns auf dem Kleinen Gelmerhorn die Hände.Voll Freude schreiben wir die Namen Ernst Reiss, Dolf Reist und meine Wenigkeit in das Gipfelbuch.

Nur kurz ist die Gipfelrast, denn die Schatten aus den Tälern steigen immer höher. Der langsam zur Neige gehende Tag gibt der Wildheit der Felsszenerie um uns etwas Kaltes und Unheimliches. Sofort klettern und seilen wir uns abwärts, die gleiche Route zurück. Schon blinken die Lichter von Guttannen zu uns herauf. Immer noch geht es zurück zur Ausgangsscharte. Über Erwarten kommen wir sehr rasch vorwärts. Um 18 Uhr, bei voller Nacht, sind wir wieder im tiefen Grateinschnitt. Alles warme Zeug wird angezogen. Die Handschuhe ausgewechselt. Karabiner, Mauerhaken und anderes mehr wird bereitgemacht. Unsere praktische Kopflampe blitzt auf. Der Magen verlangt, dass man nun tief in den Proviantsack greift 1 Ein neuer, etwas verwegener Plan, in die grosse Rinne abzusteigen, ist in uns aufgetaucht. Weiter zurück auf der gleichen Route können wir ja nicht mehr. Biwakieren wollen wir, der nassen Schuhe wegen, auch nicht. Auf der normalen Sommerroute über die vereisten Bänder in das Diechtertal zurück ist zu weit und zu gefährlich. So bleibt denn nur eines: direkt über die Wand hinunter zum Gehnersee 1 Von der Scharte fällt die Rinne in das schwarze Nichts. Über guten Hartschnee steigen wir zuerst steil hinab bis Ere den ersten Haken einschlagen muss. Mit klammen Fingern werden die 30 Meter Seile verbunden und ausgeworfen. Der Karabiner klinkt ein, und der erste von uns verschwindet in die schwarze Nacht. 25 Meter geht es frei hinunter auf die nächste Kanzel. Bereits fährt singend ein neuer Haken in den Fels. Unsere Seile sind längst zu schweren widerspenstigen Tauen geworden. Immer schwerer und oft qualvoll wird die Abseilerei. Dazu stets die grosse Ungewissheit, ob das Seil auch bis zur nächsten Stufe reichen wird. Hart schlagen die gefrorenen Fäustlinge gegen Brust und Schenkel. Die Finger sind starr und ungeschickt, denn allzuoft ziehen wir die Handschuhe ab, um die Feinheit des Felsens besser fühlen zu können. Beim fünften Abseilmanöver können wir die Seile nicht mehr einziehen. Irgendwie muss sich der Knopf verklemmt haben. Zu dritt wird gezogen, gerüttelt und geflucht. Wir müssen die Seile doch haben 1 Nur sie helfen uns aus der jähen winterlichen Granitwand. Einen Prusikknoten vor sich herschiebend, angelt Ere unter grösster Anstrengung aufwärts und bringt Ordnung in die Stricke, so dass wir sie endlich einziehen können. Noch einmal gleiten wir am Seil 30 Meter frei hinab. Der Lichtstrahl unserer schwächer werdenden Laterne, -_. \ j-,.:

mag den Grund noch nicht erhellen. Wird es die letzte Abseilstelle sein? Im kurzen, engen Riss verliere ich plötzlich den Boden unter den Füssen und pendle so frei hinein in einen riesigen Dom. Rasch dreht sich der Körper im Kreis herum. Nirgends finde ich Halt, um dieses Drehen abzustoppen. Da zieht es mir gar noch einen Teil der Windbluse durch den Karabiner.

Sollte ich freihängend gar hier erfrieren müssen!

Es verlangt grosse Geduld meiner Kameraden, bis ich alles wieder in Ordnung habe. Die Worte widerhallen dumpf und düster. Ein riesiger Zahn steht quer über mir und hebt sich scharf gegen den teilweise sichtbaren, mit Sternen besäten Himmel ab. Endlich habe ich alles gelöst! Ich riskiere die Fahrt, lasse den Rest des Seiles fahren — und falle in den weichen Schnee!

Durch eine steile Schneerinne kommen wir weiter abwärts, und plötzlich gibt uns die Wand frei. Eine unbändige Freude erfüllt uns. Durch hüfttiefen Neuschnee streben wir jener Fischerhütte zu, die am Ausfluss des Diechter-baches steht.

Unsere Uhren zeigen 23 Uhr. Achtzehn Stunden sind seit unserem Aufbruch zu dieser Fahrt vergangen. Stunden im winterlichem Fels, in Eis und Kälte. In uns aber brennt heiss die Freude über die gelungene Fahrt, über das grosse Erlebnis am Berg und die Kameradschaft.

Schützend nimmt uns die Hütte auf. Unser ganzes Denken geht plötzlich nur um ein kleines prasselndes Feuer, heissen Tee und etwas für den knurrenden Magen.

Die Morgenkälte jagt uns früh aus dem Zdarskysack. Ins steinhart gefrorene Schuhzeug pressen wir unsere Füsse und verlassen im Morgengrauen die etwas eigenartige, aber doch gastliche Klause. Über uns wuchtet immer noch der Berg und verkörpert Trotz und Übermacht. Langsam geht es der linken Seeseite entlang der Staumauer zu. Über den gefrorenen See zu gehen wagen wir nicht mehr, denn ein in Seillänge vom Ufer weg geschlagenes Kontrolloch zeigt nur eine dünne Eisschicht.

Wer kennt jene schmalen Laufstege am Fusse des Schaubhornes? Ein herrliches unbekümmertes Bummeln im Sommer. Ein Sich-an-den-Fels-Pressen, in tiefem, lockerem Pulverschnee spärlichen Halt suchend, unter sich berstendes Eis, über tiefgrünem Wasser; so ist es heute! Aber auch hier kommen wir durch und stehen drei Stunden später auf der Staumauer.

Der Föhneinbruch jagt hart über den südöstlichen Grat. Eine Schar Dohlen jagt pfeilschnell und kreischend um unsere Köpfe. Sie zeigen immer wieder ihren vollendeten Flug im brausenden Föhn, der uns schmerzend über die Gesichter fährt. Nach Erreichung des Skidepots fahren wir sofort gegen den See und über Kunzentännlen hinab zur Grimselstrasse.

Schon wachsen die Schatten wieder an den Granitabschüssen hinauf. Formschön und lockend stehen sie da. Langsam erglühen die Gipfel, und dann müssen wir Abschied nehmen von dieser herrlichen Bergwelt. Morgen ist schon Weihnachten und andere Lichter werden glühen am grünen Bäumchen im Kreise unserer Lieben. Das macht uns das Scheiden viel leichter.

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