Fräulein Elise Brunner (Bern)

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Eine frühe Schweizer Bergsteigerin ( 1831—1890 ).

Mit 1 BildVon Paul Monfandon

( Glockenthal bei Thun ).

Kurz vor seinem Tode hatte unser verehrter Dr. H. Dübi, mein alter Freund, auf eine Anregung hin begonnen, mit Hilfe seiner getreuen Sekretärin Materialien zu sammeln zu einer kurzen Geschichte der alt Bernburger-familie Brunner, im besonderen jener drei Geschwister Max, Elise und Wilhelm, welche sich in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts durch Hochtouren bekanntmachten. Max und Wilhelm Brunner waren schon früh der Sektion Bern des S.A.C. beigetreten, wie dies auch der jüngere Dr. Dübi selber tat. Dieser hat denn auch die drei Geschwister und speziell die Schwester persönlich gekannt.

Der beinahe legendären Gestalt des fast erblindeten Dr. Dübi, wie sie, stark gebeugt, in Gedanken versunken Berns Strassen durchschritt, nicht achtend der Passanten und Fuhrwerke, werden wir nicht mehr begegnen. Jedermann kannte und verehrte sie, und es stand geschrieben, dass dem Greise bei seinen Gängen zum Alpenklub, zum Historischen Verein, zur Liedertafel, zu den Zunftanlässen nie etwas Ernstliches zustossen sollte. Deus providebit — Gott wird vorsehen, dachte wohl der alte Lateiner. Klaren Geistes ist er ins 94. Lebensjahr eingetreten, und wir alle hofften, ihn auch die Schwelle des 100. Jahres überschreiten zu sehen. Es hat nicht sollen sein. So hat denn der alte Philosoph und Bergsteiger nach eigener Voraussage « den Hut zum Abschied geschwenkt » und ist gelassenen Schrittes in den Nachen gestiegen, der ihn zur ewigen Ruhe geleitete.

« Arbeit und Lernen sind Glücksquellen, die nie versagen », war sein Leitspruch. Sein Lebenswerk war demgemäss ein ungewöhnlich reichhaltiges und wertvolles, wenn auch offiziell vielleicht nicht ganz gewürdigt. Er war ein grosser Arbeiter und Lerner — ein Beispiel. Noch in den letzten Stunden, bevor ihm der Tod die Feder sachte aus der Hand nahm, hat die letztüber-nommene Aufgabe Dr. Dübis regen Geist beschäftigt. Im unklaren Halbschlummer hat er wiederholt, kaum verständlich, vor sich hingemurmelt: « Tuet mi de bi der Elise Brunner entschuldige! » — bis zuletzt ein treuer Diener seiner übernommenen Pflicht FRÄULEIN ELISE BRUNNER.

Indem ich die Aufgabe, welche der Verstorbene zurücklassen musste, nun an seiner Stelle bestmöglich besorge, bitte ich um geneigte Nachsicht, da mir viel persönlich Interessantes nicht zur Verfügung steht und nun fehlen muss.

Die Bernburgerin Frl. Elise Brunner, geboren 1831, wurde durch ihre Brüder, speziell durch den ein Jahr jüngeren, unverheirateten Wilhelm Brunner ( 1832-1904 ), in die Geheimnisse der Alpenwelt und in die Freuden des Bergsteigens eingeweiht. Derselben Aufgabe unterzog sich letzterer später auch gegenüber seinem Neffen und einer Nichte. Wilhelm Brunner war ein sehr tüchtiger Alpinist, der auch vor heutzutage hoch gewerteten Aufgaben nicht zurückschreckte. So bestieg er ( ohne die Schwester ) mit seinen Führern den Mönch von Norden sowie das Weisshorn, überschritt das Matterhorn von Breuil nach Zermatt, ebenso das Zinal Rothorn und die Jungfrau. Ebenso traversierte er das Schmadrijoch, die Wetterlücke und das Jungfraujoch, keine leichten Touren, und bestieg den Eiger, das Blümlisalp- und Rinderhorn, das Bietschhorn und dreimal das Doldenhorn. Dazu die bei seiner Schwester angeführten Gipfel. Und endlich, als Klubist comme il faut, nahm er teil an ganzen 66 Sektionstouren! Eine Zeitlang amtete er als Kassier und 1873 als Vizepräsident seiner geliebten Berner Sektion.

Im Militär erreichte er den Grad eines Oberstlieutenants. Man erzählte von ihm, dass er während eines Manövers ( durch Sturz ?) einen Armbruch erlitt, aber dessenungeachtet bis zum Schluss der Übung sie weiterleitete. Ein Mann — ein Soldat!

Mit seiner Schwester und wahrscheinlich auch mit Bruder Max bestieg er, nach vielen Vorübungen im Gebirge, 1865 die Alteis und den Galenstock, 1866 das Wetterhorn, 1867 das Finsteraarhorn. Im gleichen Jahr überschritten die Geschwister die Strahlegg, nach der Bella Tola das Triftjochund beschlossen ihre Walliserreise mit der Dufourspitze. 1869 folgte nun die berühmte Besteigung des Schreckhorns, welche besonders den Ruf Wilhelm Brunners und seiner Schwester als Bergsteiger begründete. 1871 überschritten sie dann noch das Mönchsjoch und endlich, 1877, den Lötschenpass, Frl. Brunners letztbekannte Unternehmung.

Diese Aufzählung ist unvollständig, viele hohe Pässe und wohl auch Gipfel in den Schweizer Alpen fehlen. Aber es ist anzunehmen, dass Frl. Brunners zunehmende Korpulenz und ein Herzleiden, von dem sie in Italien Heilung suchte, ihr schon früh weitere Bergbesteigungen untersagten; es mag dies der Enthusiastin sehr schwer gefallen sein.

Die genannten Touren bedeuteten damals ganz ungewöhnliche Leistungen von seiten einer Frau. Namentlich war es die abenteuerliche Schreckhornfahrt, welche sie auf Ansuchen der Redaktion im 6. Jahrbuch des S.A.C. ( 1869 ) ausführlich und sehr ansprechend beschrieb, die allgemein grosses Aufsehen erregte. Eine Frau und drei Nächte im freien Hochgebirge! Wohl kannte man die vereinzelte Grosstat einer Mlle d' Angeville, die 1838 trotz Protest ihrer Verwandtschaft den Mont Blanc und später noch andere Berge bestieg. Wohl las man einiges von exzentrischen Engländerinnen und Amerikanerinnen, den Frl. Pigeon, Brevoort, Straton, welche unser Hochgebirge durchstreiften und viele Gipfel erklommen. Diese Unternehmungen mochten wohl für emanzipierte Ausländerinnen passen, aber keineswegs für unsere bescheidenen Schweizerfrauen. So blieb denn unsere Frl. Brunner noch längere Zeit als Einzige in unseren Zentralalpenauf dem sportlichen Hoch-plan. Sie darf als die Initiantin der Hochtouristik unter den Schweizerinnen angesprochen werden und als Vorläuferin des Schweizer Frauen Alpenklubs. Die Sektion Bern unseres S.A.C. anerkannte ihre « ungewöhnlichen klubistischen Leistungen » durch Verleihung eines Ehrendiploms 2 ).

Von ihrer Reise über das nicht ganz einfache oder ungefährliche Triftjoch, falls dieser Übergang wirklich gewählt wurde, und auf den Monte Rosa haben die Brunner leider nichts Näheres erzählt. Den « Schreckhorn-Remi-niszenzen » der Schwester im genannten 6. Jahrbuch des A. S. C. entnehmen wir hingegen in Kürze folgendes:

Die Gesellschaft bestand aus Frl. Brunner, ihrem Bruder Wilhelm, den Führern Chr. Michel, « dessen väterliche Erscheinung mir sogleich Zutrauen einflösste»3 ), und Chr. Gertsch sowie dem jungen Sohn Michels als Träger. Wie schade, liess sich die Gruppe nicht vor der Abreise photographieren! Wo steckte unser Klubphotograph Jules Beck?

Die eigentliche Besteigung begann am 25. September 1869, morgens 4 Uhr, vom Kastensteinbiwak aus, also von etwas unterhalb der jetzigen Schwarzegghütte. Am Abend, bei der Ankunft, hatten die Geschwister sich ganz dem Eindruck der grossen Einsamkeit hingegeben, als — « welche Überraschungein glänzender Streifen Thunersee vom Scheine der untergehenden Sonne umflossen sichtbar wurde... Nichts störte die feierliche Stille als von Zeit zu Zeit der ferne Donner der auf der Thuner Allmend aufgepflanzten Geschütze. » Unter dem « einem gewaltigen Laib Brot ähnlichen » Kastenstein war die Gesellschaft einigermassen geschützt und die Temperatur7° R im Inneren ( 5° ausserhalberträglich.

Der Aufstieg zum Hörn vollzog sich ziemlich schwierig, doch ohne spezielle Abenteuer. Aber da sie dafür ganze 12 Stunden gebrauchten und erst um 4% Uhr abends auf dem Gipfel anlangten, kann mit Wahrscheinlichkeit geschlossen werden, dass die Touristin damals schon etwas schwerfällig war. Desto bewunderungswürdiger ist ihr tapferes Durchhalten. Sie war damals 38 Jahre alt.

« 0 der beseligende Augenblick, als wir den Fuss auf die freie Wolkenspitze des Schreckhorns setztenÜber uns ein reiner ultramarinblauer Himmel; vor uns — wie sonderbareine kleine grüne Oase inmitten FRÄULEIN ELISE BRUNNER.

blendenden Schnees: es war die Botanisierbüchse, welche Herr von Fellenberg hier bei einer vorherigen Besteigung als Wahrzeichen zurückgelassen hatte. » Die im Bericht nun beschriebene Aussicht erstreckte sich in alle Fernen. Aber schon nach einer Viertelstunde rief Michel plötzlich: « Wir müssen fort, wir müssen fort! » Der Abstieg wurde nun in möglichster Eile angetreten. Aber als sie schon ein gutes Stück in der Westflanke unter dem Sattel abgeklettert hatten, mussten sie sich überzeugen, dass es ohne Biwak nicht abgehen werde. Sie stiegen daher in der Dämmerung wiederum zum Hauptgrat hinauf, wo in 12 300'Höhe « an wenig geschütztem, kleinem Plätzchen ein immerhin » erträgliches Nachtlager sich zeigte. Sie waren allerdings ohne Decken, ohne die warmen Plaids, welche ( mit dem Proviant ) 500 Meter weiter unten deponiert lagen ( wozu der Träger ?). Es war windig und kalt. Sie klagten aber nicht, « trugen das Unvermeidliche mit Würde » und ( man möge Frl. Brunners Bericht nachlesen ) erfreuten sich an den Wundern der Sternenwelt, welche, « o Wunder der Wunder! die kleine Linse ihres Auges in ein einziges Bild erfassen und den Sinnen übermitteln konnte ». Bruder Wilhelm bemühte sich sehr um das relative Wohlsein seiner Schwester, und diese bewies ihren praktischen Sinn dadurch, dass sie die Füsse in einen geleerten Tornister steckte. Sie mag also vielleicht die Erfinderin dieses Hilfsmittels sein. Leider war der Wein in der Feldflasche zu einem Eisklumpen gefroren und eine mitgebrachte Flasche Kirsch durch Fall in Stücke gegangen. Der liebliche Geruch entschädigte nur teilweise!

In aller Vorsicht wurde im prächtigen Morgen zum Kastenstein abgestiegen, dort auf Wunsch der Touristin nochmals übernachtet und folgenden Tags Grindelwald erreicht. Vorsichtigerweise hatte sie dabei die « herabhängenden Fetzen ihrer Kleider unter dem Imperméable verborgen, den sie während der durchschlotterten Nacht so schmerzlich vermisst hatte ».

Frl. Brunner schliesst ihren Bericht mit der Versicherung, dass die denkwürdige Nacht am Schreckhorn für sie ohne nachteilige Folgen, sogar ohne einen Schnupfen geblieben sei. « An Leib und Seele gestärkt kehrten wir zu den alltäglichen Beschäftigungen zurück. » Mögen diese Seiten dazu beitragen, das Andenken an eine mutige, unternehmende Bergsteigerin vergangener Zeiten wach zu erhalten!

Weitere Einzelheiten finden sich in Fräulein Brunners ausführlichem Originalbericht ( Jahrbuch 6, 1869 ) und ferner im anziehenden bezüglichen Artikel Marthe Gerbers in « Unsere Berge » ( S. F. A. G. ) von Juni 1938, ohne Porträt, ebenso im separat gedruckten Vortrag Dr. Dübis vom 6. Juli 1904 in der Sektion Bern: « Vier Lebensläufe alpiner Veteranen » ( B. Haller, Jules Beck, W. Brunner und Rud. Stuber ). Das hier publizierte Bild, nach einem sehr guten Daguerreotyp hergestellt, verdanke ich der Freundlichkeit von Herrn und Frau Buchhändler Krebser-Brunner in Thun.

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