Frühlingsbrief aus Arolla

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Von Bruno Wanner

( Luzern, Sektion Pilatus ).

Schon unzählige Male hast Du mir von grossen sommerlichen Bergerlebnissen im Wallis erzählt. Unvergesslich sind Dir die glücklichen Gipfelstunden auf dem Dom, dem Weisshorn oder der Dent Blanche. Und Deine Augen leuchten, wenn Du an jenen 1. August auf dem Zinalrothorn zurückdenkst. Ich weiss nicht, ob ich 's jemals auf eine dieser stolzen Zinnen bringen werde. Aber die grosse Sehnsucht, diese erhabene Welt wenigstens einmal mit eigenen Augen zu schauen, hast Du mir mit Deinen Erzählungen immer neu entflammt. Dieser Frühling hat mir schliesslich nach langwierigen Vorbereitungen den grossen Wunsch erfüllt. Zwar habe ich Dir ja schon kurz ausgeplaudert, wo die treuen Ski überall Spuren gezogen haben. Ich weiss, dass auch für Dich die Berge nicht gewöhnliche Klettergerüste bedeuten. Wie unendlich liebst Du doch die Blume, den Stein, das Wild, überhaupt alle Naturschönheiten. Deshalb will ich Dir einige interessante Dinge erzählen über ein Gebiet, das mein Freund und ich, als zwei Walliser Neulinge, so sorglos glücklich durchstreift haben. Und zwar will ich mich für diesmal auf das Tal von Arolla und seine nähern Berge beschränken.

Der Name Arolla kommt vom französischen Wort « arole », was auf deutsch « Arve » heisst. Offenbar haben die Älpler des Val d' Hérens, die mit ihrem Vieh jeweilen in dieser obersten Talschaft übersömmern, nach und nach « arole » auf das heutige « Arolla » abgeändert.

Das Val de l' Arolla, wie überhaupt alle südlichen Seitentäler des mittlern und untern Rhonelaufes, erstreckt sich bis auf den 46. Breitengrad hinunter. Die obersten Sennhütten von Arolla stehen auf gleicher Breite wie Lugano. Daher ist es nicht verwunderlich, dass dort das Klima trotz der Höhenlage bedeutend milder ist als in unsern nördlicheren Alpentälern. Klima und Bodenbeschaffenheit sind ausschlaggebend für den gesamten Pflanzenwuchs.

Die knorrige und zähe Arve mit ihren derben, 4 bis 8 cm langen Nadeln, mit ihrer dunkelbraunen, rissigen Rinde, ihren kurzgestielten Zapfen mit schmackhaften Arvennüsschen, gehört wie die lichthungrige Lärche zu den dominierenden Nadelhölzern des Arollatales. « Die Arve ( pinus cembra ) gehört in der Schweiz zwei Hauptgebieten an: erstens den penninischen Alpen von der Dranse bis zum Simplon, und zweitens dem Engadin mit Avers. Die nördlichsten Vorposten sind im Simmental, Diemtigtal, an der Kleinen Scheidegg, im Göschenertal, Meienreusstal, im Churfirstengebiet und an der Gulmen im Alpstein zu finden. Die Arve ist der eigentliche Hochgebirgsbaum der Zentralalpen. Sie gedeiht im Mittel von 1600 bis 2250 m Meereshöhe, in extremen Fällen von 1440 bis 2420 m » ( aus Schinz und Keller, « Flora der Schweiz » ). Seit Jahrhunderten musste sich dieser schöne Baum wegen seines prachtvollen Holzes eifrige Nachstellungen gefallen lassen, und die Arven- Die Alpen — 1942 — Les Alpes.7 nüsschen wurden sogar in grossen Mengen gehandelt. So sind die Arvenbestände in der Schweiz allmählich arg zusammengeschrumpft. Auch im Wallis zeugen die heutigen Überreste von einem ehemals zusammenhängenden Arvengürtel. So der einzigartige Aletschwald, der in höchster Not vom Schweizerischen Bund für Naturschutz vor seinem drohenden Untergang gerettet wurde, der Arvenwald am Riffelberg ob Zermatt, ferner die vereinzelten Bestände im Val d' Anniviers und nicht zuletzt die Arven von Arolla. Kräftige Gesellen umsäumen das silberne Band der Borgne. Im Verein mit Lärchen und Legföhren klettern sie noch hoch an die Berglehnen der Aiguille de la Za und des Pigne d' Arolla hinauf.

Es ist daher nicht verwunderlich, wenn die alten Sennen ihre vom Mont Collon überwachten Alpen nach diesem markanten Bergbaum benannt haben. Die dunkelgrünen, zerzausten Arvenzweige geben im Sommer dem rings von Trias- und Gneiswänden umschlossenen Tal eine angenehme Milde, und im Winter bilden sie einen wohltuenden Kontrast zu dem flimmernden Weiss der eingeschneiten Weiden und Gletscher. Wer zum erstenmal in dieses romantische Hochtal hinaufpilgert, ist denn auch stark von diesen Arven-, Lärchen- und Legföhrenbeständen beeindruckt, die in den unwirtlichen Lawinen- und Steinschlagrunsen einen ständigen Kampf ums Dasein führen.

So ergeht es auch uns Walliser Neulingen, da wir von der Pointe de Zaté aus erstmals Arollaberge in Sicht bekommen. Schon sechs Tage sind wir unterwegs und haben manchen zähen Aufstieg und harte Abfahrten in den Knochen. Der Anblick des imposanten Weisshornnordgrates vom Bieshorn aus bleibt unvergesslich. Die Stunden auf Mountet und am Col Durand sind leider viel zu rasch verstrichen. Und der Übergang über Col und Pigne de 1a Lex zur Cabane Moiry ist ebenfalls ein Glanzpunkt.

Doch nun soll dieser langersehnten Frühlingstour mit einem Vorstoss nach Arolla und seinen nähern Bergen die Krone aufgesetzt werden. Bereits erstrahlen neue Gipfel im reinsten Morgenglanz! Wir versuchen, sie mit Namen aufzurufen: da ist die altbekannte Dent Blanche; über dem Glacier de Ferpècle schaut die Dent d' Hérens herüber. Es folgen Tête Blanche, Dents de Bertol, Aiguille de la Za, Dent Perroc, Dents de Veisivi und noch weiter weg die Silberhäupter des Pigne d' Arolla und Mont Blanc de Cheillon. Weit unten grüssen zartgrüne Frühlingsweiden und vereinzelte, von der Sonne ganz braungebrannte Weiler. Wir können kaum den Augenblick erwarten, bis wir mit den Leuten von La Forclaz, die eben mit den ersten Frühlings-arbeiten beschäftigt sind, in Unterhaltung treten dürfen. So landen wir nach temporeicher Abfahrt über harten Altschnee und später über weniger angenehmen Bruchharsch bald mitten im Frühling. Soldanelle und Krokus haben die Osterfeiertage eingeläutet, und kaum ist ein sonniges Plätzchen ausgeapert, so sind auch schon diese Pioniere des Bergfrühlings zur Stelle. Und mit einem Optimismus sondergleichen folgen sie dem zurückweichenden Schnee immer hart auf den Fersen.

Am Dorfbrunnen von La Forclaz ist eben grosse Wäsche. Auf den arg zerstückelten Äckern rings um den Weiler herum arbeiten hübsche Walliser Mädchen in kleidsamen Trachten. Sie scheinen an unserer Aufmachung mit Ski, Pickel und Seil kein besonderes Interesse zu zeigen, denn kaum gelingt es uns, mit diesen stolzen Geschöpfen in ein Gespräch zu kommen. Erst ein urchiger Schwyzerjodel vermag ihr Interesse zu wecken. In Les Haudères begegnen wir dem gleichen Farbenspiel. Frauen und Mädchen in bunter Tracht lassen sich vom Maulesel durch die Dorfgassen zur Arbeit aufs Feld tragen. Vor sonnenübergossenen Hauseingängen wird emsig das Spinnrad getreten, während die ganz Kleinen, ebenfalls in langen Röcken und schön gewirkten Bändern, uns misstrauisch mustern. Kein Wunder, dass wir uns beinahe in eine andere Welt versetzt fühlen. Alte Traditionen haben sich im Val d' Hérens, allem WTeltgetue zum Trotz, bis auf den heutigen Tag erhalten und werden wohl hochgehalten, solange die wilden Gletscherwasser zur Rhone hinunterstürzen.

So sind wir noch ganz von diesem geruhsamen Leben beeindruckt, als wir im Tal von Aroila wieder weiter spuren. Die letzten farbenfrohen Frühlingsblumen sind schon weit unter uns, und die Spur führt zeitweise durch schattige Arvenbestände. Unterhalb der Hütten von La Gouille verlassen wir die würzige Waldluft endgültig und gönnen uns Rast. Zum erstenmal präsentiert sich die Aiguille de la Za von der wuchtigsten Seite. Mont Collon, Pigne d' Arolla und Aiguille de la Za sind das Dreigestirn in diesem Stück Walliser Himmel, wie man es sich schöner nicht vorstellen kann.

Die ganze Kette östlich der Borgne mit Dents de Veisivi, Dent Perroc, Aiguille de la Za, die nördlichen Dents de Bertol und weiter südlich die Dents des Bouquetins bestehen aus Gesteinen der Aroilaserie. « Die Grundmasse derselben sind dunkle, feinschiefrige, meist die Mineralien Chlorit, Plagioklas, Epidot, Sericit und grüne Glimmer führende Paragesteine, die sogenannten Aroilagneise. ( Paragesteine sind umgewandelte Sedimente oder Schichtgesteine. ) Quarzite, Chloritglimmerschicfer und kohlige Schiefer sind eingelagert. Dazu kommen, besonders in den zentralen Teilen der Decke, helle Granite, oft mit sehr grossen Feldspaten, Hornblendegranite und Orthogneise. » ( Alb. Heim, Geologie der Schweiz. ) Orthogneise sind metamorphe Eruptivgesteine, d.h. Gesteine, die durch Erstarrung der aus dem Erdinnern stammenden glutflüssigen Schmelzmassen, den sogenannten Magmen, entstanden sind und die durch weitere geologische Kräfte ( hoher Druck während der Gesteinsbildung, Temperaturunterschiede, Dislokation ) zu kristallinen Schiefern umgewandelt wurden. In den Steinschlag- und Bachrunsen uns gegenüber würden wir demnach zwei ihrer Entstehung nach grundverschiedene Gesteine finden; nämlich umgewandelte Sedimentgesteine einerseits und umgewandelte Eruptivgesteine anderseits. Während Sedimente noch heute durch Geschiebeablagerung der Bäche und Flüsse in jedem See, in weit grösserem Ausmass jedoch in den Weltmeeren im steten Werden begriffen sind, dürften die kristallinen Schiefer im Paläozoikum, dem Altertum der Erde, entstanden sein. Die Berge ganz im Talhintergrund bestehen hauptsächlich aus hellem Gabbro, einem Eruptivgestein. Mont Miné, südliche Dents de Bertol, Grand und Petit Mont Collon sind fast vollständig aus Gabbro aufgebaut. Am Mont Dolin, westlich über dem Weiler von Arolla, treffen wir sogar rote und grüne Tonschiefer und Bündnerschiefer an, die hier « Schistes lustrés » ( Glanzschiefer ) genannt werden. Wie Du siehst, befinden wir uns in einem für den Stein- und Mineraliensammler äusserst dankbaren Gebiete, und « steinreich » könnte man von einer geologischen Exkursion in die Berge von Arolla heimkehren.

Indessen spuren wir weiter im durchnässten Frühlingsschnee ins Tal hinein. Mehrmals sacken die Ski ein und versinken unter dem Schnee. Überall macht sich das baldige Eintreffen des Bergfrühlings bemerkbar. Sonnige Halden und Felsblöcke sind ausgeapert, und beim Überqueren der dünnen Schneebrücken über zahlreiche Schmelzwasserbäche heisst 's aufpassen, damit nicht die ganze Masse einbricht und mit dem Skifahrer in den gurgelnden Bach hinuntertaucht. Schon steuern wir um die letzte Wegkrümmung, ein froher Jauchzer und wir sind am heutigen Etappenort, dem Hôtel de 1a Poste in Arolla. Bald sind wir mit Meister Folionier, dem Gastgeber, in anregendstem Gespräch über geschmiedete Wanderpläne. Eine Französisch-stunde ganz spezieller Art ist das Gespräch mit der Köchin. Wir bestellen auf französisch die schwierigsten Sachen, nicht etwa nur Fendant, der hier oben gar köstlich im Glase perlt. Nein, wir stellten ein richtiges Souper zusammen, das ganz prächtig ausfiel. Aber eine kleine Schlappe haben wir gleichwohl eingeholt. Denn auf unsern Wunsch nach zwei Paar Pantoffeln, um uns so richtig « daheim » fühlen zu können, brachte man eine ganze Auswahl von Skisocken. Also das nächstemal Dictionnaire mitnehmen 1 Was wäre Aroila ohne den Mont Collon! Er ist der Beschützer des Tales und für dieses gleichbedeutend wie das Matterhorn für Zermatt oder der Besso für das Val d' Anniviers. Auch jetzt, da wir noch in tiefer Nacht ( es ist halb 4 Uhr morgens ) im matten Schein der Laterne zum Aroilagletscher hinaufspuren, scheint er über das schlummernde Tal zu wachen. Und hoch über seiner weissen Gipfelhaube flimmert das Sternenmeer der Milchstrasse! In weitausholenden Schritten gelangen wir rasch vorwärts über den steinharten Firnschnee bis zum Plan de Bertol, den wir von der Südseite her erreichen. Denn dem Sommerweg zu folgen, ist im Winter zu mühsam. Ein kalter Bergwind pfeift von den Flanken herunter. Wir verzichten daher auf die übliche Rast, überwinden die kleinen Felsabsätzchen und schneefreien Grasplanken zum Taleingang des Bertolgletschers hinauf zu Fuss, was ziemlich mühelos geht. Inzwischen sind die funkelnden Sterne am Himmel fast ganz erloschen, und in fahlem Grau liegen Firne und Gräte, bis die Nacht ganz aus den Tälern gewichen ist. Dann aber beginnt ein Leuchten allüberall! Es scheint, als wüchsen die Berge noch einmal so hoch in den Himmel hinauf, um möglichst früh die ersten Strahlen der alles belebenden Sonne aufzufangen. Auch wir steigen unermüdlich hinauf in den Strahlenbereich der Sonne. Dank den gut greifenden Harscheisen kommen wir flüssig über die steilen Firnhänge hinauf. An besonders steilen Stellen braucht es zwar einige Spitzkehren und hie und da muss eine kleine Treppenreihe angelegt werden, wobei die Stöcke als Stütze gebraucht werden müssen, um seitliches Abrutschen zu vermeiden. Aber was sind diese kleinen Mühen im Vergleich zur Belohnung auf dem Col

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de Bertol! Flimmerndes Weiss spiegelt vom Hochplateau des Glacier de Ferpècle und Glacier du Mont Miné herüber. Flankiert ist diese weite Gletscherwelt im Norden von der königlichen Dent Blanche. Diesmal enthüllt sie uns den klassischen Südgrat. Der südliche Horizont dominiert mit der eisgepanzerten Dent d' Hérens und der ewigjungen Felspyramide des Matterhorns. Ich kann mich kaum einer ähnlich schönen Frühstücksrast erinnern, die wir so sorglos mit stillem Bewundern zauberhafter Heimatberge verbracht haben. Die ganze lange, geruhsame Stunde bei der Bertolhütte scheint mir heute oft nur ein Traum gewesen zu sein...

Unser Weg führt über den Gletscher zum Col de la Tête Blanche hinüber. Wir gehen am Seil, da wir nur zu zweit sind, was doppelte Vorsicht verlangt. Auch erinnert uns das « dumpfe Brechen » des Schnees ( unter leichtem Harsch gesetzter Neuschnee führt gerne zu dieser Erscheinung ) an « brechende Brücken », so dass wir behutsame Fahrt halten. So spuren wir weiter in den blauen Morgenhimmel hinein. Denn je mehr wir uns dem Gletscherbuckel ( T. A. Punkt 3636 ) nähern, um so mehr bekommen wir den Eindruck, als fahre man geradewegs in den weitgeöffneten Walliser Himmel. Denn man hat stets die gleichmässig ansteigende weite Schneekuppe und darüber den tiefblauen Horizont vor Augen. Auf der Tête Blanche pfeift uns ein eisiger Gipfelwind um die Ohren und treibt uns rasch hinunter in den Windschatten. Die Felle werden abgestreift, die Ski auf Abfahrt präpariert, und dann fahren wir über die obersten Hänge des Stockgletschers hinunter. Wir treffen die glänzendsten Schneeverhältnisse an. Zum Überfluss ersparen uns frische Spuren, die offenbar von einer Militärpatrouille angelegt wurden, zeitraubendes Suchen nach der besten Abfahrtsstrecke. Immerhin heisst 's dennoch vorsichtig fahren, denn überall gähnen Spalten Am Steilhang des Stockje wird die rasche Fahrt etwas abgebremst bis zum alten Lagerplatz, wo wir den gewaltigen Eispanzer der Dent d' Hérens bewundern. Die klassischen Routen am Matterhorn über Tête und Col de Lion oder über den Zmuttgrat lassen sich von hier aus prächtig verfolgen. Dann gleiten wir über die letzte Schneebrücke, die über abgrundtiefe Spalte hängt, und zum Schluss schwelgen wir in leichtbeschwingter Fahrt zur Schönbühlhütte hinunter. Schon früh am Nachmittag haben wir den letzten Stutz zur Hütte hinauf überwunden. Immer bei einem Wiederanstieg zu einer unserer C. Hütten kommt mir Arnold Lunns Buch « Berge meiner Jugend » in den Sinn, weil er sich darin so humorvoll über die eigenartige Lage der schweizerischen Bergsteigen heime zuoberst auf einem Felsvorsprunge oder gar auf luftigem Grate äussert. Sonnige Stunden an der warmen Hüttenwand sollten wie auf Bertol zu beschaulichen Gedanken und Gesprächen führen Allein stürmischer Föhn bringt uns bald in das Innere der Hütte. Der unbändige Wind rüttelt unaufhörlich an Türen und Fensterläden. Erst spät am Nachmittag beginnt es stiller zu werden. Die Schatten steigen am Zmuttgrat langsam aber stetig höher. Conrad Ferdinand Meyer hat es so treffend « Das grosse stille Leuchten » genannt. Wie am Morgen sich die Berghäupter zur Sonne emporstreckten, so scheinen sie sich auch jetzt wieder ganz im Himmel zu verlieren, um möglichst lange an den letzten Sonnenstrahlen sich zu wärmen Immer weiter

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hinauf wachsen die Schatten am Zmuttgrat; der schmale Eisgrat liegt bald im kalten Grau, während die obersten Felswände wie lodernde Fackeln erglühen, bis auch sie langsam erlöschen. Ganz zuletzt legt sich der Monte Rosa in fahles Grau.

Der dritte Tag! Die heutige Marschroute lautet: « Tête de Valpelline-Col du Mont Brulé—Arolla—Pas de Chèvres—Cabane du Val des Dix. » Mühelos gelangen wir an den Steilhang am Stockje. Der Schnee ist noch hartgefroren, so dass wir die Partie zum Stockgletscher hinauf zu Fuss mit geschulterten Ski überwinden. Wir sind bereits trainiert und kommen rasch und leicht aufwärts. Da der Aufstieg den gestrigen Abfahrtsspuren folgt, gewinnen wir rasch an Höhe. Der erste Schnaufhalt sieht uns schon auf dem Stockgletscher. Die weitausladende Gwächte der Wandfluh ist von der Morgensonne eben rötlich angehaucht, da wir mit den Ski uns zum Col de Valpelline hinauf bewegen. Die markante Südwand der The Blanche lassen wir rechts liegen. Unzählige Male schauen wir zurück zu den Zermatter Bergen, um die Formen in der spätem Erinnerung festhalten zu können. Auf dem Col de Valpelline, einem breiten Gletscherplateau, deponieren wir die Säcke, und im leichten Aufstieg gewinnen wir die Tête de Valpelline. Bei den guten Schneeverhältnissen kann man leicht bis zuoberst hinauf mit Ski gelangen. Wiederum öffnet sich eine weite, unübersehbare Rundsicht über nahe Grenzberge und ferne Gipfelmeere südlich des Aostatales. Die Gran-Paradiso-Gruppe, die Grajischen Alpen, die vielgerühmten Berge der Dauphiné und vor allem der Mont Blanc mit der untrüglichen Brenvaflanke steigen aus dem Dunst tiefeingeschnittener Täler. Gegen Osten schauend, sind wir ganz gefangen vom abschüssigen Westgrat der Dent d' Hérens, während weiter südlich von Eisrinnen durchfurchte Felszacken der Jumeaux das Valpelline überdachen. Der bissige Morgenwind lässt aber auf dieser hohen Warte keine beschauliche Rast aufkommen. Im schönsten Schuss fahren wir zum Col und zu unsern Rucksäcken zurück. Die Abfahrt am Seil zum Plateau des Haut Glacier de Tza-de-Tsan hinunter führt über tückischen Wechselschnee an verschneiten Spalten entlang. Sulzige Mulden folgen auf windgepresste Wellen und zum Teil blankgefegte Eisstellen. Zu zweit geniessen wir gleichwohl eine flüssige Abfahrt, da wir jetzt gut aufeinander eingefahren sind. Dass wir uns in südlichem Gebirgsmassiv befinden, verspüren wir beim kleinen Wiederanstieg zum Col du Mont Brulé hinauf, wo die Sonne auf den Buckel brennt, wie es der Name des Überganges verlangt. Gegen halb 10 Uhr erreichen wir wieder die Schweizergrenze und stampfen etwa fünfzig Meter den Hang hinunter, nachdem wir nochmals die Blicke über einsame Gletscher und Gipfel des obersten Valpelline schweifen lassen. Die Klebfelle, unsere tapfern Steiger, sind bald abgestreift, die Ski wiederum schussbereit an den Fussen, und damit kann die vielversprechende Abfahrt über den beinahe spaltenlosen Arollagletscher beginnen. Anfänglich tasten wir in verhaltenem Tempo über die weiten Firnfelder. Aber dann verschwinden die letzten Hemmungen, und wir jagen über den leicht angesulzten Firn hinunter. Richtiges Abfahrtsfieber hat sich unser bemächtigt. Kurze Schwünge folgen auf lange Schüsse. Zwischenhinein ein Rückblick in den weiten Firn- und

Felszirkus. Wir sind in rascher Fahrt um den Mont Collon herum. Wir beneiden keinen Skilift- und Pistenhelden! Die Ski erschliessen uns das " winterliche Hochgebirge auf ernster und doch froher Tourenfahrt. In einer halben Stunde ist die zehn Kilometer lange Abfahrt zu Ende, und wir sind wieder ganz im Bereich würziger Arvenzapfen.

Aroila im Frühling ist ein richtiges Schmuckkästchen für den alpinen Skiläufer, gibt es doch eine grosse Auswahl wenig begangener Routen. Da wäre neben den besprochenen Teilstücken der sogenannten Haute Route ein interessanter Ausflug mit Pickel und Ski zur Pointe de Vouasson ( 3492 m ) oder zum Mont de l' Etoile ( 3372 m ). Ferner ist durch das Refuge Jenkins am Col des Vignettes ein ideales Gebiet für kombinierte Ski- und Gletscherfahrten in den Grenzbergen um den Glacier d' Otemma erschlossen worden. Der Pigne d' Arolla kann ohne Übertreibung als das grosse Finale einer Skitourenwoche um Arolla bezeichnet werden. Von seiner weitausladenden Gipfeigwächte aus überblickt man den weiten Gipfelkranz.

Beinahe hätte uns der Pigne d' Aroila einen üblen Strich durch das Programm gezogen. Denn am folgenden Morgen ist der ganze nördliche Horizont mit finstern Wolken verhangen. Nur im Süden gewahren wir noch vereinzelte erlöschende Sterne. Aber den Übergang über den Col de Breney zur Chanrionhütte wollen wir trotzdem erreichen. Der Aufstieg über den verschrundeten Glacier de Cheillon bietet keine Schwierigkeiten. Versteckte Spalten werden am weitausgegebenen Seil überschritten oder gegen die Felsrippe der Zinareffien umgangen. Rasch gewinnen wir an Höhe im idealen Pulverschnee. Die oberste Traverse führt hart über dem Einzugsgebiet des Glacier de Zigiorenove und unter der zur Serpentine verlaufenden Eisrippe hinauf. Hier ist der Schnee stellenweise arg Verblasen und veranlasst uns, die Ski über den abschüssigen Hang hinauf zu tragen. Auch deuten zerstreut herumliegende Eisklötze verschiedener Grösse auf zeitweilige Eisbruchgefahr, weshalb wir möglichst rasch diese Partie überwinden. Als wir die letzten offenen Firnhänge zur weithin sichtbaren Gipfelhaube hinaufziehen, brechen eben die ersten warmen Sonnenstrahlen aus den Wolken hervor. Und um 8 Uhr in der Frühe stehen wir auf dem letzten Dreitausender unserer Aroilareise. Allzugerne hätte ich auch Dir den Gipfelgruss dargeboten. Die Besteigung des Pigne d' Arolla ist zwar keine alpinistische Grosstat. Er ist etwa mit dem Titlis in der Zentralschweiz zu vergleichen und wäre sicher bald mit Skilift und Schwebebahn verunstaltet, wenn der Zugang zu seinen Gletschern nicht so weit wäre. Und das ist gut so, denn dank seiner Lage etwas abseits der sogenannten Heerstrassen wird man an seinen weiten Firnhängen noch lange einsame Spuren ziehen können. Wenn ich anriet, den Pigne d' Arolla auf den Schluss zu sparen, so darum, weil man von dieser hohen Warte aus nochmals eine phantastische Rundsicht über bekannte und unbekannte Firnen- und Gipfelwelt geniessen kann. Stundenlang liesse sich da oben mit offenen Augen träumen. Zum endgültig letzten Male schweift der Blick hinüber zur Dent Blanche und zum Matterhorn, den beiden Eckpfeilern des weiten Gletschergebietes um den Col d' Hérens.

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Heulender Föhn ist über den südlichen Grenzkamm hereingebrochen, als wir am folgenden Morgen von der Chanrionhütte nach Lourtier hinaus ziehen. Unsere Aufstiegsspur zum Pigne d' Arolla und die freudig gezogenen Schwünge über den Glacier de Breney sind längst vollständig weggewischt. Aber wir halten die Rückkehr zum Tal mit jenem innern Zufriedensein ob gelungener Bergfahrt, wie es uns Bergsteiger immer wieder erfasst, mit dem stillen Schwur Morgen kehren wir wieder!

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