Frühlingsfahrten im Rheinwald

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Von Edwin Weber.

Durch die leere Dorfstrasse rollen wir in die nachtdunkle Via Mala. Aus dämmerndem Wald strömt uns feuchter Duft entgegen. Das schneefreie Moos und die Nadeln der Tannen atmen schon die Würze des Frühlings. Fels und Unterholz triefen aber noch vom vergangenen Winter. Bei der berühmten Brücke der obligatorische Halt. Wir steigen aus und werfen den Stein in die schaurige Schlucht. Das Zählen und Messen der Tiefe überlasse ich den andern. Wir sind die einzigen « Fremden » im vollbesetzten Wagen. Ratsherren, Bauern und Händler diskutieren die Fragen der Talschaft.

Vor Zillis folgt der düsteren Klamm ein sonniger Morgen. Weit und vom jungen Rhein zerrissen vor uns die grosse Ebene des Schams. Rechts und hochaufgetürmt die steilen Wiesen und hängenden Äcker bis zu den sonnigen Dörfern an der alten Römerstrasse. Und an der Grenze des steigenden Frühlings das braune Gehölz der Lerchen und erwachenden Tannen. Darüber hinaus aber lastet noch weit und schwer des Beverins hartnäckiger Winter. Und wenn nun einst die weissleuchtenden Kirchtürme von Mathon und Lohn unter dem dunklen Waldsaum mit den schneeigen Gipfeln im klaren Spiegel eines zukünftigen Sees erglänzten? Mit einem steinernen Keil in die tiefgründige Schlucht gewänne Natur und Volk vieles zurück, was Verkehr und Wildwasser genommen. Scharf drehen wir in eine enge Gasse, und das Auto hält in Andeer. Herren und Landvolk verlassen disputierend das moderne Fahrzeug, und wir sind wieder allein mit unseren Gedanken.

Dann das Wunder der Rofnaschlucht. Blätter hat es noch keine an dem wenigen Laubholz, aber die Tannen stehen so dicht und hoch, dass das Tageslicht nur spärlich in das Dunkel des Waldes zu dringen vermag. Und wenn das Auge den Himmel sucht, bleibt der Blick an den vielen Tannzapfen hängen. Tief stehen die schlanken Stämme im abgeworfenen schweren Frühlingsschnee, die untersten Äste noch darin begraben. So fahren wir auf der Strasse wie durch einen wunderbaren Dom, worin die dunklen Basaltsäulen auf weissem Marmor ruhen und die Sonnenstrahlen nur ab und zu durch das grünlich schimmernde Gewölbe fallen. Und hätten wir den menschenfernen Weg zu Fuss gemacht, es wäre ein gottesnaher Pfad gewesen. Aber wir vertrauen dem Menschen und seiner Maschine, gewinnen bald das offene Feld und fahren auf der aperen Strasse zwischen immer höher werdenden Schneemauern hindurch nach Splügen. In einem eleganten Bogen fährt der Wagen über den staubigen Dorfplatz vor die behäbige Front des « Bodenhauses », des alten guten Gasthauses des Tales. Auf der Terrasse überspannt bereits ein buntfarbiger Sonnenschirm die wenigen Gäste. Dem Führer unseres Wagens drücke ich dankbar die Hand, hat er doch sein Ungetüm meisterhaft durch die engen Windungen der Tobeistrasse gesteuert. Oft nur handbreit an den kantigen Felsen vorbei und hoch über den tosenden Wassern. Uns überliess er das restlose Geniessen und das sichere Gefühl.

VIIII ä&^4,%mtt Splügen ist der Umschlagplatz für Ware und Passagier nach dem Bernhardin und Misox. Noch wird dieser Pass den ganzen Winter mit Schlitten befahren. Hier warten wir der kommenden Dinge. Bedächtig kommt über den Platz ein alter Gaul mit hängendem Schweif und lampigen Ohren, und hinter sich zieht er eine zur Hälfte zugedeckte schwarze Kiste auf zwei schmalen Kufen. Schicksalsergeben steht er dem achtzigpferdigen Postauto gegenüber. Bald folgt noch eine zweite ebensolche Garnitur mit einem ehrwürdigen Lenker, auf dessen breitkrempigem Hut mit metallenen Lettern geschrieben steht: « Post ». So ward Splügen zum Berührungspunkt zweier Jahrhunderte. In Decken gehüllt nehmen wir Platz im ersten Gefährt, während sich stehend hinter uns auf einem Brett der Fuhrmann postiert. Ächzend und knarrend rutscht die Kalesche über die steinerne Pflasterung, gefolgt vom zweiten Schütten mit unserem Gehölz und Gepäck.

Am Dorfausgang wartet uns der weichende Winter, und durch furchen-den Schnee trabt der alte Gaul dem Rheinwald zu. Führerlos kommt hart aufgeschlossen das zweite Pferd mit seiner leichten Last. Schleichende Nebel verhängen Himmel und Berge und verkünden einfallenden Föhn.

In Nufenen erhalten die Pferde eine kurze Rast. Der Weg ist schlecht und führt einigemal durch gefährdete Zonen niederstürzender Lawinen. Klaftertief sind die Schuttkegel gebrochenen Gesteins, erdiger Schneemassen und geknickter Bäume. Die Weiterfahrt wird zur Qual für Mensch und Tier. Stoss- und ruckartig krächzt der Schlitten durch das brechende Eis.

In Hinterrhein vor dem roten Haus zur « Post » findet die harte Fahrt ihr erlösendes Ende. Meterhoch liegt der Schnee noch in der engen Gasse, und durch die « Sust » hinter Pferd und Schlitten betreten wir das gastliche Haus. Wir kommen zeitig genug zur mittäglichen Zehrung, und die feudale Wirtin erklärt sich bereit, uns Unterkunft nicht zu verweigern, da uns das Zapport durch Lawinen versperrt ist. « Skifahrer sind mir zwar ungewohnte Gäste », fügte sie hinterher noch bei. Doch freundliche Worte brechen auch dieses Eis, und beim Start zur Orientierung im Gelände wünscht sie uns frohe Wiederkehr. Wir nehmen Richtung nach dem Bernhardin. Die Bretter an den Füssen ist es nun eine erholende Bewegung. Die vielen Kehren der Bergstrasse lassen wir links liegen und spuren linksseitig dem Masekbach entlang durch den lichten Hochwald in den Nebel hinauf. Beim Wegerhaus schneiden wir die im Sommer begangene Strasse und folgen dem mit Stangen markierten Winterweg. Kaum auf der Höhe, empfängt uns der aufkommende Sturm, peitscht uns beissenden Nebel und schweren Schnee ins Gesicht. Tiefer gebückt und fest in den Riemen ziehe ich die langatmige Spur, hart hinter mir die kleine Frau. Wolken von Schnee hüllen uns bald in weisse Gewandung. Den Wind auf der Nase, folgen wir weniger dem Auge als dem singenden Ton der gepeitschten Drähte von Nord nach Süd. Himmel und Erde, in eisige Atome gelöst, rasen orgelnd vorüber, und wären die rettenden Stangen nicht, Zeit und Distanz gingen in der weissen Brandung verloren.

Die ganze Hochfläche des Passes ist in wildem Aufruhr. Mit vorgelegtem Körper gewinnen wir Meter um Meter und stossen plötzlich auf ein schau- felndes " Wesen, das im Kampf mit den wachsenden Schneewehen steht. Es ist ein Weger. Aus dem Wenigen, was Gebärde und Worte uns deuten, vernehmen wir, dass seine Arbeit den ganzen Winter tausendfünfhundert Meter des Weges vom Hospiz aus fahrbar zu unterhalten sei. Schon reisst uns der Wind wieder auseinander, aber mit jedem weiteren Schritt wächst in mir die Achtung vor diesen stillen Helden unserer winterlichen Pässe.

Beschämt ob unserer Genussucht, folgen wir den schon wieder fast verwehten Wegspuren, bis zyklopenhaft aus Nebel und Schnee eine wachsende Mauer das Hospiz verkündet. Tropfend vor Dampf und Nässe, steigen wir die dunkle Treppe hinauf in die dampfige Stube. Mit uns trocknet ein Weger der andern Passeite die feuchten Kleider. Der freundliche Wirt bringt warmen Kaffee und erzählt uns von der schönen Gegend zur Sommerszeit. Er schwärmt vom nahen See und zeigt uns zur Bekräftigung im Kellergewölbe das an der Decke hängende Ruderboot. Vieles weiss er noch von des Passes Tücken und entlässt uns, gut Wetter verheissend, denn der Föhn wäre ein vorübergehender Gesell, zur glücklichen Talfahrt. Den Wind nun im Rücken, gleiten wir mit gewachsten Brettern in den dämmernden Abend hinein und lassen Sturm und Gewölk im Hexenkessel des Bernhardin zurück. In Hinterrhein ist Tauwetter. Der letzte Schnee stürzt krachend von den Dächern und zerstiebt patschig in den engen Gassen. Die Abendpost bringt meinen treuen Bergfreund und seine jugendliche Gattin.

Kirchalphorn, 3043 in.

Die beiden Eckpfeiler, die die Eingangspforte ins Turengebiet des Rheinwald flankieren, sind das Marscholhorn und das Kirchalphorn. Während jenes seine Fortsetzung findet im wildzackigen Zapportgrat, in den Eishöhen der Poncione della Frecione und des Rheinquellhorns, lehnt dieses an die nordwärts abfallenden Gletscherrücken vom St. Lorenzhorn bis zum Güferhorn. Beide Höhenzüge umschliessen das Quellgebiet des Hinterrheins und finden westlich ihre Vereinigung in der höchsten Erhebung der Adulagruppe, im Rheinwaldhorn. Bei günstigen Verhältnissen ist das Firnbecken des Rheinwald auch dem Winterturisten über die Zapporthütte zugänglich. Beide Gipfelgrate senden aber ihre Lawinen gerade an der Schwelle des Zapport bis zur Sohle des Rheins und versperren Zu- und Ausgang. Während zur Glazialzeit die höchsten Erhebungen des Gebirges den Firnrücken des Rheingletschers nur um einige hundert Meter überhöhten, streben jetzt die beiden Torhüter in wuchtigen Steilwänden an die 1400 m über die Talsohle empor, östlich finden sie aber mildernden Anschluss an die Alpen des Bernhardin und Valserbergs. Solchermassen sind die beiden Gipfel hervorragend geeignet, im Winter auch bei ungünstigen Verhältnissen den Zugang nicht zu verwehren und neben der fernen Sicht einen vollkommenen Einblick zu gewähren in das in dieser Jahreszeit besonders prachtvolle Gletschergebiet der ganzen Gruppe.

Dem stürmischen Abend folgte eine laue Nacht. Das Tropfen von den Dächern wurde aber immer seltener, bis es ganz erstarb. Dann eine lange Dämmerung und ein düsterer Morgen. Sonderbarerweise lichtete es nur im Süden, und der kümmerliche Tag zeichnete im Osten nur dunkle Nebelschwaden, die vom Valserberg niederhingen. Dennoch gepackt und los. Freund Müller erscheint mit dem ganzen Rüstzeug einer winterlichen Bergfahrt. Als gewiegter Ballonfahrer steigt er nie ohne genügenden Ballast auf, was in unserem Falle weniger einer überstürzten Abfahrt, als einem möglichen Biwak im Freien zugute käme. Da solches aber noch nie geschah, kann jeder sich ihm anvertrauen, sofern er seinen Spuren zu folgen vermag, was bei der Jugend dieses Sechzigjährigen kein Leichtes bedeutet. Kalte Luft liegt zwischen den Häusern, und der Schnee ist gefroren. Die Bretter mit den sorgfältig aufgeklebten Fellen tragen wir unter dem Arm und kreuzen die ausgestampften Wege, die zu den Heugaden auf dem flachen Wiesenboden hinter dem Dorfe führen. Nach wenigen Minuten schon schwingt sich der Hang steil aufwärts zur Linken des Rapierbaches. Der Schnee trägt nicht, aber mit Harsteisen geschützt finden die Bretter griffige Führung. Hoch über uns lastet eine schwere Wolkenbank und verdeckt Gipfel und Grate. Hinter uns, über dem Bernhardin, wird es lichter. Das Dorf liegt noch im winterlichen Schlafe, und der junge Rhein schlängelt sich nur leise murmelnd tief zwischen den weiss-bordigen Ufern. Unser Aufstieg verliert sich in düsterem Grau. Das Ziel ist nicht sichtbar, und so überlassen wir uns dem tieferen Sinnen und der eigenen Spur.

Die Seehunde ziehen prächtig an, vermeiden jedes starke Gefäll und rutschen beharrlich und sanft in grossen Bogen den Steilhang hinan. Bachrunse und Überhöhung werden von ihnen gemieden, und wehe dem Menschen, der sie in scharfer Wendung in eine falsche Neigung zwingt. Sofort gerät er aus dem Gleichmass seiner Bewegung und betrügt sich um die besten Kräfte. Die Hunde aber grinsen dazu, denn sie sind geduldig und fromm. So lassen wir uns mehr vom Spürsinn als von Berechnung leiten, ergeben uns der ewigen Zwiesprache von Berg und Mensch und spuren bald über die Dächer der Kirchalphütten in den wallenden Nebel hinein.

Von der Valserlücke dringt scharfer Nord, aber wir kehren ihm den Rücken und ziehen über die steilbuckligen Hänge der Kirchalp gegen die gleichnamige Lücke hinauf. Scharfes Sausen in den Felsen der nahen Wengli-spitze lässt uns Schlimmes ahnen. Am Moränen wall erkennen wir den nahen Gletscher. Drei Schneehühner schrecken vor uns auf und flattern nach der Liefe. Links von der Lücke betreten wir den pulverigen Firn und nähern uns seinem steilrandigen Rücken. Schon erfasst uns der wilde Gux, spuckt Schnee ins Gesicht und stiehlt uns den Atem. Kaum haben wir Zeit, uns einzuhüllen. Wolken und Winde jagen uns den aufgewirbelten Kamm entlang. Fast rennen wir mit den Köpfen in die Wächte des Gipfels. Ein Paar Ski steckt schon im Schnee, und oben jauchzt Freund Müller, der junge, als Erster am Ziel.

Auf aperem Felsen hinter dem Grate suchen wir windschattige Ruhe und finden Rücken an Rücken gelehnt mollige Wärme. Über uns tobt der Gewaltige über Höhen und Tiefen. Eisige Elfen umtanzen die schneebegrabene Spitze. Inmitten steht grausam und kalt das weissbartige Holzkreuz am fahlgrauen Himmel. Eine steigende Böe zerreisst den wallenden Nebel.

Sonniges Leuchten dringt sieghaft durch silbernes Zittern und legt sich gütig und milde auf Menschen und Kreuz. Aus abgründiger Tiefe ruft uns Vereinsamte das liebliche Bergdorf zurück.

Der Berg duldet uns nicht lange. Ein rasender Windstoss schmeisst uns wieder Kälte und eisigen Schnee ins Genick. Mit ein paar Sprüngen über die stunngefegte Wächte sind wir wieder bei unsern Brettern. Hart und laut reissen die gefrorenen Felle vom Holz, und mit wenigen Griffen vertrauen wir uns der sichern Bindung. Dann das Gleiten und Kämpfen gegen die weissen, jagenden Schwaden. In einer Senkung ertappe ich mich in vermeintlicher Fahrt stillstehend im fliehenden Grunde. Doch plötzlich entfahren wir dem Banne der wütenden Lüfte und erstaunen ob dem packenden Schauspiel. Wie aus vulkanischer Tiefe steigen aus dem Valsertal schwarzballige Wolken empor. Kaum auf dem Kamme, erhascht sie die rasende Windsbraut und peitscht sie zerfetzend über Zacken und Gipfel nach Süden. Über dem Bernhardinpass wölbt sich von Spitze zu Spitze das wogende Nebelmeer. Aus duftiger Ferne glänzen darunter sonnige Berge und blauender Himmel hervor, an dem wie Ampeln des Frühlings zarte Wölklein stehn. Langes, sinniges Schauen brachte den frühen Abend. Freund Müller bekam lukullische Gelüste und ersehnte Erdbeeren des Waldes. Also führten uns die glatten Ski durch sulzenden Schnee in herrlichem Gleiten in die apernde Tiefe. Und wie wir den Arm voller Hölzer ins stille Dörflein schreiten, zerfliesst an unserer Zinne das letzte Gewölk. Von den Bergen erstrahlt das ewige Licht, und die Gletscher des Rheinwald verglimmen im dämmernden Blau. In des Abends lenz-froher Stimmung brachte uns allen die freundliche Wirtin die ersehnten Beeren.

Marscholhorn, 2902 m.

Blendende Helle rief uns frühzeitig wach. Mit geschultertem Ski bummeln wir über beinharten Schnee in den klarenden Morgen. Tiefer und tiefer fallen die Strahlenbündel der Sonne über die Eishöhen des Rheinwald herab. Über der winterlichen Ruhe wölbt sich südliche Bläue. Ein langer Tag steht uns bevor, und wir lassen uns Zeit zum träumenden Wandern. Eine flatternde Schneefahne an der Spitze des Kirchalphorns zeigt, dass der Wettergott unermüdlich daran ist, den Himmel für den kommenden Frühling zu fegen. Der gebahnten Strasse entlang und den Steilhang kürzend erreichen wir wieder die Höhe des Bernhardin. Wie ganz anders ist der heutige Empfang! Belebendes Licht flutet über die Gräte und Zacken, fliesst über die steilen Wände in schattige Tiefen und verbreitet strahlende Wärme. Bald genug danken wir auf dem Weitermarsche über die weite Ebene dem frischen Lüftchen, das uns aus dem Norden angenehme Kühlung bringt.

Weiter als notwendig ziehen wir auf unseren Brettern bis zu Punkt 2180 m südlich des Hospizes. Die herrlich gelegene Felskuppe ist vom Winde trocken gefegt und ladet zu kurzer Besinnung. In weitem Umkreis stehen die blauen Berge des Misox in scharf gezeichneter Linie am durchsichtigen Himmel. In der Tiefe des Tales glauben wir dunstiges Flimmern und grünende Wiesen zu sehen. Wir sind an der Schwelle des nahenden Frühlings, und, siehe da, hoch über uns fliegt als erster Vorbote ein Schwalbenzug seinen uralten Weg. Den ersten schönen Tag im April haben sie für den Wanderflug über die Lücke nach Norden erhascht.

Am Hospiz vorbei spuren wir nur zentimetertief um die vielen Höcker der Alpe di Moesola zu den sich östlich vom Marscholhorn herabziehenden Geröllhalden hinauf. Der letzte Rest des einstigen Gletschers hat sich hinter einen hohen Moränenwall zurückgezogen und schwingt sich in zunehmender Steilheit nördlich um den Berg und durch die Lücke zum Pizzo Moesola bis hart unter den Gipfel. Der Sommerweg führt über den Grat zur Linken, ist aber mit Ski nicht begehbar.

Wir versuchen es über den Gletscher. Lockerer Pulverschnee hegt auf dem spaltenlosen Eis. In grossen Kehren schrauben wir uns in die Höhe. Bald erlaubt uns der schmale Steilhang nur noch kurzes Wenden. Entgegen der Karte finden wir hier die Neigung von 30 Grad und begreifen bald, dass nach der Aussage von Dorfbewohnern die hier abreissenden Lawinen erst 1200 Meter tiefer in der engen Schlucht zur Ruhe kommen. Zur Linken neigen sich drohende Wächten über den felsigen Grat. Doch heute ist keine Gefahr. Der Pulverschnee liegt nur so tief, dass die Harsteisen gerade noch die harte Unterlage zu greifen vermögen. Die willigen Seehunde tun das Übrige, und so stehen wir um die Mittagszeit auf der Schulter nördlich unter dem Hörn. Ich ziehe es vor, über das lockere Gestein zum zerrissenen Gipfel anzusteigen. Müller, der Unermüdliche, will nicht von den Brettern und kommt mit den beiden Frauen den Kreislauf beendend von Süden zum Ziel.

Auf warmem Felsen machen wir lange Rast. Neben uns an der trocknenden Sonne die braven Hunde. Es ist ein wortloses Schauen über Berge und Täler. Nach dem stürmischen Vortag ein Sonntag über Höhen und Tiefen. Norden und Süden vereinigen sich zum lichtvollen Blau. Südwärts, tief zu unsern Füssen, breitet sich rastloser Frühling. Im Norden ist die Welt noch in Eis erstarrt. In urzeitlicher Gewandung stehen die Eiszacken des Rheinwalds. Todesstille liegt über den erstarrten Strömen von Eis, und selbst in den lawinendurchfegten Hängen des Zapport herrscht eisige Ruhe. Über Berge und Menschen aber sendet verschwenderisches Licht unsere sieghafte Göttin.

Erst um die vierte Nachmittagsstunde reissen wir uns los, denn wir stehen dem Berge näher als uns. Über die harten Windgangeln sind wir schnell wieder unten auf der Schulter. Wir treten nochmals zum äussersten Rande und schauen in den furchtbaren Graben. Eben poltert mit lautem Getöse Eis und Geröll zur schaurigen Tiefe. Wer diese « Hölle » glücklich passiert, darf die « paradiesische » Schönheit des Rheinwalds betreten.

Das haben wohl schon die alten Walser erfahren, als sie den Zugang zum Zapport derart benannten. Und dort drüben am rechtseitigen Hange unter dem Hochberghorn steht auf sicherem Felsen, aber nur eine Handbreit neben einem Lawinenzuge, das kleine Refugium.

Abfahrt. Vorsichtig schlängen wir uns in der schwachen Senkung zwischen der kleinen Randmoräne über dem Abgrund und dem Gletscher den Steilhang hinab. Weiter unten in der sicheren Mulde lassen wir den ungeduldigen Brettern freien Lauf. In launigen Schleifen und Schwüngen stieben sie durch den pulverigen Flaum des sicheren Firnes und über die sulzige Moräne. Schattenhalb zwingt uns scharfes Sägen und eisiges Klirren tief in die Knie. Doch die runden Buckel und sonnigen Hänge gleiten schnell hinter uns zurück, und bald stehen wir wieder beim einsamen Hospiz. So werden die mühseligen sommerlichen Geröllhalden winterlich zur befreienden Erlösung. Dankbar schauen wir nochmals zur lichtvollen Höhe zurück. Wir erleben den Berg in seiner schönsten Gestaltung. Wohl aber nicht die beiden jungen Radfahrer, die in Kniehosen und Halbschuhen ihre Räder in sechsstündigem Kampfe mit dem erweichten Schnee von San Bernardino zum Hospiz hinauf schleppten.

Unsere Rückfahrt nach Hinterrhein ist ein sorgloses Gleiten durch glitschigen Schnee in den verglühenden Abend. Im Dorf hat der Lenz seine Karte abgegeben. Die ersten Schwalben suchen ihr altes Quartier. Durch die Rinnsale der Gassen quatscht jauchiges Wasser daher, und das Kleinvieh meckert durch die scheussliche Brühe. In einer Handvoll trockenen Bodens vor einer Haustür muddert ein Huhn im gebuddelten Loch. Vor unserem Hotel in der schattigen Gasse graben die Bauern das Eis ab in Blöcken.

Unsere Wirtin und andere gratulieren uns zur glücklichen Heimkehr. Mit dem Spiegel hätten sie die Viere über dem Abgrund gesehen.

Sankt Lorenzhorn, 3047 in.

Ein goldiger Morgen lockt wieder zur sonnigen Fahrt ins Hochland. In früher Stunde stehen wir nochmals in der Kirchalplücke und schauen verwundert in das sich öffnende Skiparadies. Eben breitet der Tag seine rosigen Fächer über das flaumige Bett des spaltenlosen Fanellagletschers. Die wenigen Reste der blauen Schatten bleiben an der Westseite des Kirchalphorns hängen. Über flache Rücken und breite Mulden dehnt sich das ansteigende Firnfeld bis zu den Kämmen des Fanella- und St. Lorenzhorns. Sein unteres Ende hängt ins Peilertal. Unendliche Ruhe hegt über der winterlichen Pracht, und fast sind wir versucht, diese sonnenüberstrahlte Bergstille nicht zu stören. Zu verlockend schwingt sich zu unserer Linken der schneeige First zur vorgestrigen Spitze. Doch nicht umsonst haben uns die guten Hunde über den glasharten Hang herauf getragen. Gar zu gerne tummelten sie sich in dem Schneefeld zu unsern Füssen. Also ziehen wir in den westseitlichen Steilhang unserer Lücke ein paar geordnete Spuren hinab und kurven in weitem Bogen unter grünlich schillernden Spalten des Kirchalphorns hin. Durch den duftigen glitzernden Flaum ist es ein müheloses Schlendern. Lautlos und wie ein silberner Faden verliert sich die menschliche Spur im sich weitenden Firn.

Ohne grossen Höhenverlust halten wir gegen die Lorenzlücke, die wohl für Gemsjäger, aber nicht für Turisten links über die grausige Wand in die Tiefe führt. Bald steigt vor uns ein Firnrücken jach in die Höhe. Gipfel und Grate sinken zurück. Himmel und Erde berühren sich in göttlicher Reinheit. Ein bunter Falter gesellt sich in menschliche Nähe und tänzelt unter dem Kuss der wärmenden Sonne. Was sucht der kleine Frühlingsbote auf diesen HöhenWohl zieht dich hinauf das verlockende Licht, aber die bunt schillernden Farben der Eisblumen werden dir nächtlicherweise zum frühen Tod.

Im Gleichmass unserer Atmung spuren wir in sanfter Steigung um den Firnrücken des St. Lorenzhornes in den Sattel zwischen diesem und dem Rothorn. Mächtig rauscht hinter dem Kamme ein König der Lüfte empor. Gruss dir, du vollkommener Segler! Gegen dein Können ist die menschliche Kunst noch ein klägliches Spiel. Steil steht er am Himmel und liebkost mit dem Winde. Doch mit unserer Einfalt will er sein Revier nicht teilen und dreht plötzüch ab in die Flanken der Lenta.

Wir erreichen den Sattel unter unserem Hörn und kurven über den wundervollen diamantenen Rücken in den blauen Himmel hinein. In seltener Klarheit rücken die eisumgürteten Berge in unsere wachsende Sicht, und wir betreten die ersehnte Warte mehr ergriffen als müde. Ewigkeitsrauschen liegt über dem weissen Kamm, aber die Kälte ist erträglich.

Von oben betrachtet, mag das Lorenzhorn ziemlich flach erscheinen. Seine drei Fixpunkte sind nur Felseninseln in den höchsten Erhebungen des Fanellagletschers, der hier in einer langen prachtvoll geschwungenen Wächte jäh zum Zapportgraben abbricht. Damit bildet dieser gedehnte Gipfelgrat mit den benachbarten Rot-, Fanella- und Kilchalphörnern ein winterliches Turengebiet, wie es an alpiner Schönheit und ungefährlicher Begehbarkeit nicht idealer gefunden werden kann. Die Ausfahrt durchs Peiler- ins Valsertal ist leicht möglich.

Überwältigend ist der Einblick in den lichtüberfluteten Firnkessel des Rheinwald. Die Fels- und Eisflanken des wilden Zapportgrates mit den Eishöhen des Rheinquellhorns werden noch übertroffen von den herrlichen Formen des Rheinwald- und Güferhorns. Wir stehen mitten in dem grossen Schweigen und bewundern still diese erdgebundene Schönheit. Lange verweilt unser Blick an der leuchtenden Gruppe und ergötzt sich an dem neckischen Spiel, das der eisige Nord um die scharfkantige Wächte treibt.

Eine kurze Fahrt über den hohlen Windharst nach dem nahen Punkt 3039 m eröffnet guten Blick auf das Felsgetürm des Kanals und die ärmlichen Hütten von Zervreila. Und dann folgt das andere, was den Menschen mit dem winterlichen Berg in so enge Beziehung zu bringen vermag. Wie trunken ziehen wir sinnvolle Spuren durch den kristallenen Tau. Einmal im Schwung, vermochten wir die unbändigen Hölzer nicht mehr zu meistern. Kaum noch einenBlick zurück auf die Geometrie unserer harmonischenBewegung, und schon rasen wir vom Sattel weg im Schuss hinab in den funkelnden Firn. Silberne Wölklein haften sich an die seelig Beglückten und begleiten sie nach der Tiefe des Gletschers.

Wiederaufstieg zur Kirchalplücke. Das nahe, jetzt so friedliche Hörn ruft uns zur scheidenden Rückschau nochmals empor. Ein letzter Blick über die weite, sonnige Bergwelt und hinab in den Grund der schaurigen Schlucht. Dann erfasst uns wieder der Taumel jauchzender sportlicher Freude. Nochmals durch glitzernden stiebenden Flaum, und von des Gletschers Rand tragen uns die schnellen Hickory durch schmelzenden Sulz 1400 Meter tiefer ins Tal. Um die braunen Hütten hinter dem Dorfe breiten sich schon magere Weiden. Schafe und Ziegen naschen am keimenden Grün und tummeln sich in der abendlichen Sonne. Über die letzten Flecken des weichenden Winters tragen uns die Bretter ins Dorf hinein. In lodernden Fackeln über blauenden Tiefen verglüht der herrliche Tag.

Wir fahren talaus, unsere Freunde über den Bernhardin nach Süden. Ungern genug verlassen wir das rote Haus und seine vorzügliche Wirtin. Des Winters Ende hat sie mit den Skifahrern schnell versöhnt. Im harten Schlitten rutschen wir wieder über die holperige Strasse. Himmlische Bläue wölbt sich über dem stillen Dörflein am hinteren Rhein. Droben an den goldenen Kämmen umflirtet der Nord seine schneeige Braut. Die nahen Wasser raunen vom scheidenden Winter. Bald nimmt uns eine alte Postkutsche auf. Durch spritzende Tümpel und tiefen Morast rollen wir in grünende Oasen. Über Feldern und Wiesen und in dem nahen Gebüsch singen Amseln und Finken das Lied vom lenzfrohen Erwachen. Wälder und Dörfer bleiben zurück. Aus weiter Ferne aber glänzen noch lange die winterlichen Höhen des Rheinwald in der Sonne des wahrhaftigen Frühlings.

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