Fusshörner

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Erste vollständige Überschreitung.

Von Andreas Seiler.

Seit Jahren hatten Josef Imseng und ich diese Begehung geplant. Als wir im Oktober 1931 — meines Wissens zum ersten Male — den ganzen Grat vom Sparrenhorn bis zum Unterbächhorn überschritten, konnten wir uns nicht satt sehen an der langen Kette phantastisch geformter Zacken und Türme, die auf der andern Seite des Oberaletschgletschers vom Gipfel des Grossen Fusshorns weg fast zwei Kilometer weit nach Süden auslief. Sogleich erhob sich zwischen uns ein lebhaftes Gespräch, ob eine zusammenhängende Überschreitung aller Fusshornspitzen möglich sein würde. Wir gelangten zu einem bestimmten Ergebnis und beschlossen, sobald Zeit und Umstände es erlauben würden, den Versuch zu wagen. Allerdings schien es uns zunächst kaum möglich, die Überschreitung in einem Tage auszuführen, und wir rechneten mit einem Biwak im letzten Drittel der Kette.

Nachdem ich aber die Beschreibung von Oskar Hug 1 ) gelesen und die Gruppe anhand von photographischen Bildern näher studiert hatte, kam ich zur Überzeugung, dass eine vollständige Begehung in einem Tage möglich sei. Bis zur Spitze VII sollten sich keine nennenswerten Schwierigkeiten bieten. Auch der Abstieg zur Scharte vor dem Turme VIII war bereits begangen. Turm VIII allerdings war noch nicht bestiegen und bot nach der Ansicht von Hug erhebliche Schwierigkeiten. Noch problematischer erschien mir der Südabstieg vom Turm IX sowie jener vom Turm X. Hier lagen auf jeden Fall schwere Stellen, die nur durch mehrfaches Abseilen überwunden werden konnten.

Nachdem wir im Sommer 1933 zahlreiche grössere Bergfahrten ausgeführt hatten, Imseng in den Walliser Alpen und im Dauphiné, ich in der Gotthardgruppe und im Gebiete der Gelmerhörner, entschlossen wir uns Ende August zur Ausführung unseres Planes. Wir fühlten uns beide in ausgezeichneter Verfassung und zweifelten keinen Augenblick am Gelingen.

Dienstag, den 29. August, bummelten wir, begleitet von unsern S.A.C.-Kameraden Vaudan und Paul Guntern, in aller Frühe gemütlich nach der Beialp und von da zur Aletschhütte. Unterwegs hatten wir Gelegenheit, unsere morgige Tur nochmals gründlich zu studieren. Wir waren uns bald darüber im klaren, dass sich die Hauptschwierigkeiten beim Abstieg vom IX. und vom X. Fusshorn bieten würden, die beide auf der Südseite noch nicht begangen worden waren. Überhänge und glatte Türme im Grate schienen dort unüberwindliche Hindernisse zu bilden.

Mittwoch, den 30. August, um 1 Uhr früh verliessen wir die Oberaletschhütte bei sternenklarem Himmel. Wir stiegen zunächst über den leichten Südwestgrat des Grossen Fusshorns, weiter oben durch die Südwestflanke und betraten um 530 Uhr den Gipfel des Grossen Fusshorns. Hier vertauschten wir unsere Nagelschuhe mit den Kletterschuhen. Vaudan und Guntern, die uns bis hierher begleitet hatten, waren so freundlich, unsere Bergstiefel mit sich zurückzunehmen, unser Fortkommen vom Oberaletschgletscher aus zu beobachten und uns mit dem Gepäck am Südfusse des letzten Fusshornes zu erwarten. Wir selbst nahmen angesichts der langen und äusserst anstrengenden Kletterei nur das Allernötigste mit, nämlich ausser etwas Proviant, dem Photoapparat und unserm 30-Meter-Gehseil 60 Meter Reserveseil, 25 Meter Reepschnur und eine ansehnliche « Schlosserei », bestehend aus Kletterhammer, Karabinern und zahlreichen Kletterhaken. So ausgerüstet drückten wir unsern Kameraden nach kurzer Rast die Hand und begannen punkt 6 Uhr mit der Traversierung.

Wir schlugen sogleich ein sehr scharfes Tempo an, um möglichst viel Zeit für den zweiten, schwereren Teil der Überschreitung zu gewinnen. In knapp 10 Minuten waren wir drunten in der Scharte zwischen dem Grossen Fusshorn und der zweiten Spitze. Rasch und leicht überquerten wir von hier aus das IL, III. und das IV. Fusshorn. Das Wetter war wolkenlos, der Fels zunächst leicht und zuverlässig, unsere Stimmung dementsprechend zuversichtlich. Ein dummes Missgeschick setzte uns jedoch bald den ersten Dämpfer auf. Die Sohlen meiner nagelneuen Dolomiten-Kletterschuhe begannen sich nämlich zu lösen und zeigten trotz allem Flicken mit Lederriemen, Schnur und Reepschnurfasern je länger je mehr separatistische Tendenzen. Von Zeit zu Zeit mussten wir uns wieder hinsetzen und wie die toll-gewordenen Schuster an dem schlechten Material herumbasteln. Diese unfreiwilligen Ruhepausen waren aber auch die einzigen, die wir uns während der nun folgenden 14stündigen Gratkletterei gönnten.

Wir gingen zunächst ohne die Reihenfolge zu wechseln, Imseng im Abstieg hinten, ich im Aufstieg voran. Der nördliche Gipfel des V. Fusshornes bot steile, genussreiche Kletterei. Beim VI. Fusshorn wurde der Fels, der bisher ausgezeichnet gewesen war, plötzlich sehr brüchig. Knapp unter dem Gipfel brach ich mit einem grossen Griffe aus. Ich konnte den Sturz sogleich auffangen, riss mir jedoch sämtliche Fingerspitzen der linken Hand auf. Die Verletzung war an und für sich harmlos, aber sehr schmerzhaft und hinderte mich in der Folge erheblich, da ich die Hand kaum mehr brauchen konnte und der scharfe Fels die Schürfungen immer mehr aufriss.

Der Abstieg vom VI. Fusshorn über die Südkante bot die erste schwere Stelle, ein exponiertes, beinahe griffloses Gratstück, das Imseng als Hintermann meisterhaft bewältigte. Um 10 Uhr 30 betraten wir den Gipfel des VII. Fusshornes, womit wir die erste Hälfte der Kette in relativ kurzer Zeit hinter uns gebracht hatten. Von hier aus sahen wir erst, welch ein gewaltiges Stück Arbeit unser noch harrte. In einer beinahe lotrechten, äusserst exponierten Plattenflucht senkte sich der Südgrat von unserm Gipfel zur Scharte vor dem VIII. Fusshorn, dessen Doppelgipfel tief unter uns aufragte. Weiter drüben gegen Süden erhob sich der steile Turm des IX. Fusshornes, dahinter, mit einem Gewirr von Gendarmen und Türmen, der massige Gipfel des X. Die XL, XII. und XIII. Fusshörner waren überhaupt noch nicht sichtbar.

Wir kletterten sogleich, so rasch wir konnten, zur Scharte zwischen Gipfel VII und VIII hinunter. Der Abstieg erforderte grosse Vorsicht; schwach ausgeprägte glatte Couloirs wechselten mit steilen, griffarmen Platten, auf denen sich unsere Kletterschuhe glänzend bewährten.

In der Scharte angelangt, spähten wir mit einiger Spannung nach dem Weiterweg. Zwar hatten wir aus einer Eintragung im Hüttenbuch der Oberaletschhütte ersehen, dass das VIII. Fusshorn im gleichen Sommer von zwei Basler Alpinisten erstmals erstiegen worden war. Nach der Beschreibung von Dr. Hug erwarteten wir jedoch, bei der Überschreitung von Norden aus erheblichen Schwierigkeiten zu begegnen. Dies war nicht der Fall. Der Gendarm südlich der Lücke stellt kein ernsthaftes Hindernis dar; Imseng hielt es sogar ohne weiteres für möglich, denselben direkt zu überklettern. Um jedoch Zeit zu gewinnen, zogen wir es vor, ihn in der Westflanke zu umgehen. Wir stiegen einige Meter daselbst ab, umquerten den Gendarmen und gelangten rasch und leicht auf den höhern Gipfel des VIII. Fusshornes, auf welchem wir einen Abseilhaken vorfanden, dessen Zweck wir indes nicht recht zu ergründen vermochten. Denn auch der südliche Abstieg vom VIII. Fusshorn in die Scharte des Doppelgipfels und von da durch eine seichte Rinne in die Scharte zwischen VIII. und IX. Fusshorn ist leicht und nicht einmal exponiert. Der Aufstieg auf den Gipfel des IX. Fusshornes bot eine kurze, sehr anregende Kletterei über den luftigen, aber gutgriffigen Nordgrat. Um 1215 Uhr langten wir oben an.

Nach kurzer Orientierung begannen wir sogleich mit dem Abstieg zum X. Fusshorn. Vom Gipfel, auf welchem wir standen, fiel der Südgrat sehr steil und mit einem kleinen Überhang in der Mitte zu einem glatten, überhängenden Gendarmen ab, welcher eine weitere Begehung des Grates unmöglich machte.Von Imseng gesichert, stieg ich bis zu diesem Gendarmen ab, d.h. ich rutschte rittlings und mit Armen und Beinen zu beiden Seiten der vollkommen grifflosen Kante bremsend hinab. Imseng selbst seilte sich mit Hilfe eines Seilringes über die schwere Stelle ab. Von der kleinen Scharte aus stiegen wir nunmehr etwa 50 Meter senkrecht in der plattigen Westflanke ab und gelangten dann in heiklen Quergängen über einige brüchige, exponierte Rippen ziemlich schwierig zur Scharte vor dem X. Fusshorn. Hier unterzogen wir meine schadhaften Kletterschuhe einer letzten Revision.

Um 2 Uhr verliessen wir die Scharte und begannen mit dem Angriff auf den X. Gipfel, von dem wir die grössten Schwierigkeiten erwarteten. Zunächst kletterten wir etwas unterhalb der Scharte auf der Westseite etwa 10 Meter senkrecht empor bis zu einer stark geneigten Platte, von der aus wir um eine heikle Ecke herum auf den scharfen Nordgrat gelangten. Auf demselben waren zwei Gendarmen zu überklettern, von denen der zweite, grössere, anlässlich der ersten Ersteigung nur mit Hilfe des übergeworfenen Seiles erstiegen werden konnte. Imseng bezwang die schwere Stelle ohne Hilfe in kürzester Zeit, derweilen ich unten auf exponiertem Standpunkte eine ungemütliche Minute verbrachte, da der Fels schlecht zu sein schien und nur eine sehr problematische Seilsicherung zuliess. Nach Überwindung dieses Turmes gelangten wir um 240 Uhr leicht auf den Gipfel.

Der nun folgende Abstieg gehörte nach unserer übereinstimmenden Ansicht zu den schwersten und ungemütlichsten Klettereien, die wir jemals ausgeführt haben. Der Südgrat, der senkrecht abfiel, schien unmöglich zu begehen, da zwei haushohe Türme darin aufragten und mit überhängenden Wänden den Weiterweg versperrten. Wir wandten uns also zunächst in die senkrechte Westwand und turnten an spärlichen Griffen ein Stück hinunter, bis wir auf ein schwach ausgeprägtes, abfallendes Band stiessen. Wir verfolgten dasselbe ein Stück weit gegen die Scharte zwischen dem Gipfel und dem ersten Turme zu, bis dasselbe in einen Überhang auslief. Von der Scharte selbst zog sich ein tief eingeschnittenes, zu beiden Seiten von Überhängen begrenztes Couloir durch die Westflanke zum Oberaletschgletscher hinunter. Es blieb uns nichts anderes übrig, als zur Scharte hinaufzuklettern, von dort ziemlich tief im Couloir abzusteigen und, sobald sich eine Möglichkeit bot, weiter unten in der Westflanke auf die andere Seite der das Couloir südlich begrenzenden Rippe hinüberzuqueren. Während ich unten sicherte, kletterte Imseng äusserst schwer über eine grifflose plattige Verschneidung zur Scharte hinauf. Die Stelle schien mir so ziemlich an der Grenze des Möglichen zu liegen, und ich atmete erleichtert auf, als Imseng oben stand und das Zeichen zum Nachkommen gab. Von der Scharte aus seilten wir uns zunächst zweimal am Reserveseil über den obern, leicht überhängenden Teil des Couloirs ab und kletterten dann, so rasch wir konnten, im untern, seichten Teile weiter hinab. Um 530 Uhr endlich entdeckten wir eine Möglichkeit, über abschüssige Platten nach Süden zu traversieren. Wir entdeckten weiter südlich ein zweites geröllbedecktes, schluchtähnliches Couloir, welches zum Sockel des XI. Fusshornes hinaufführte. Um 530 Uhr betraten wir dieses Couloir, im Bewusstsein, den schwersten Teil unserer Begehung hinter uns zu haben. Volle drei Stunden hatte uns der Abstieg vom X. Fusshorn gekostet.

In den zwei Stunden, die uns bis zum Einbruch der Dämmerung noch verblieben, hatten wir immerhin noch drei Gipfel zu überschreiten. Trotz der Müdigkeit, die sich allmählich bemerkbar zu machen begann, stürmten wir nun im Couloir aufwärts. Kurz vor 6 Uhr standen wir an der Basis des XI. Fusshornes, eines stolzen, zirka 50 Meter hohen Turmes. Wir liessen die Rucksäcke in der Südscharte zurück und erreichten die Spitze nach schöner Kletterei 109 - Photo Jos. Imseng, ßrigp* r, Die russhörner Brunner & Cre. A.G. Züridiw,...

über die senkrechte, aber gutgriffige Westwand um 606 Uhr. Ohne uns aufzuhalten, stiegen wir sogleich den gleichen Weg wieder ab und kletterten von der Südscharte aus leicht über die Nordflanke zum Gipfel des XII. Fusshornes, den wir um 640 Uhr betraten.

Um 705 Uhr standen wir in der tiefen Scharte zwischen XII. und XIII. Fusshorn. Über einen senkrechten Felsabbruch, dann durch ein leichtes Couloir gelangten wir in 25 Minuten auf den letzten Gipfel unserer Kette. Um 730 Uhr standen wir oben und freuten uns bei den letzten Strahlen der untergehenden Sonne der gelungenen Überschreitung. Den nun folgenden letzten Abstieg werden wir beide wohl nie vergessen. Die Dämmerung brach unheimlich rasch herein, und nach kurzer Zeit kletterten wir vollständig im Dunkeln. Unglücklicherweise hatten wir unsere Laternen mit dem übrigen Gepäck auf dem Gipfel des Grossen Fusshorns bei unsern Kameraden zurückgelassen, ein Versehen, das wir nun schwer bereuten und das uns beinahe ein Biwak einbrachte. Wir verfolgten zunächst die ausgeprägte Rippe zwischen dem zweiten und dritten Couloir in der Westflanke des XIII. Fusshorns. Da wo die Rippe in die Wand übergeht, wagten wir uns nicht mehr weiter, da wir unter uns einen Überhang vermuteten. Bereits erblickten wir tief unten die Lichter unserer Kameraden und vernahmen ihre besorgten Zurufe. Wir befanden uns nunmehr vollständig im Dunkeln und überlegten allen Ernstes, ob wir nicht hier bleiben und die Morgendämmerung abwarten sollten. Schliesslich entschlossen wir uns jedoch, das Reserveseil nochmals auszupacken und einen letzten Versuch in der Südflanke zu wagen. Mit etwas gemischten Gefühlen seilten wir uns zirka 40 Meter über ein leicht überhängendes Couloir ab und spähten angestrengt nach einem Ausweg. Wir hatten Glück. Nach kurzem Suchen gelangten wir auf ein grasdurchsetztes Band, das gegen Westen zu stetig abfiel. Wir verfolgten dasselbe und erreichten ziemlich leicht das Geröllfeld am Fusse des letzten Gipfels.

Um 930 Uhr konnten wir das Seil ablegen, das uns über 20 Stunden auf schwerer Fahrt verbunden hatte. Dankbar drückte ich Imseng die Hand, der im letzten Teil ganz grossartig geführt hatte und den ich mit Fug und Recht als einen der besten und erfahrensten Führer bezeichnen darf, die ich je im Gebirge antraf. Nunmehr, da alle Schwierigkeiten überwunden waren, machten sich erst die überstandenen Anstrengungen geltend. Ziemlich mühsam stiegen wir auf unsern zerfetzten Kletterschuhen über das endlose Geröllfeld zum Oberaletschgletscher ab. Nach einer halben Stunde erreichten wir unsere Kameraden, die uns mit den Schuhen entgegengeeilt waren. Um 1 Uhr nachts langten wir auf der Beialp an, nachdem wir genau 24 Stunden beinahe ununterbrochen marschiert hatten. Mit jenem tiefen Glücksgefühl, das jeder Bergsteiger kennt, der eine grosse alpine Unternehmung glücklich zu Ende geführt hat, begaben wir uns dort zur Ruhe.

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