Galenstock-Ostwand

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Von Hans Hirsch.

Ich kann nicht mit grossen Taten und Sensationen aufwarten. Es war nur eine einfache Fahrt, von der ich erzählen will. Als wir vier Kameraden am 2. Juli 1934 die Albert Heim-Hütte im Morgengrauen verliessen, dachte keiner von uns, dass wir irgend etwas Besonderes unternehmen würden.

Im frischen Morgenwind stiegen wir froh und zuversichtlich gegen den Galensattel empor. Immer tiefer sanken die Berge um uns, ja selbst der kühne Südgrat des Gletschhorns schien in sich zusammenzuschrumpfen. Weit unten, von leichten Nebelfahnen umwogt, liegt unsere liebe Hütte, die uns nun bald eine Woche beherbergt hat und wo wir uns so wohl wie zu Hause fühlten.

Schon unterwegs, im tiefen, weichen Schnee, wurde beschlossen, in die Ostwand einzusteigen und den Gipfel direkt zu gewinnen. Vom südlichen Ende der Ostwand querten wir den steilen Eishang, der sich bis fast zur Mitte in die Ostwand hineinschiebt. Rutschig und nass lag der Schnee auf der harten Unterlage. Langsam und vorsichtig gingen wir vorwärts und konnten nach einer halben Stunde bereits in die Felsen einsteigen. Wir hielten uns leicht nach rechts, direkt gegen die Gipfelwächte zu. Nach zirka 2 1/2 Stunden hatten wir das Ende der Felsen erreicht. Die Kletterei ist nicht schwierig und die Steinschlaggefahr nur gering. Vor uns schoss jäh der etwa 80 Meter hohe steile Schneehang empor, gekrönt von der riesigen Wächte, die wie eine Riesen-pratze über uns hing.

Erbarmungslos brennt die Sonne auf uns nieder. Selbst unter der Brille müssen wir die Augen zusammendrücken, um noch zu sehen in diesem blendenden Weiss. Wie reife Früchte hängen die Schneeklumpen an der Wächte. Hin und wieder fällt ein Stück ab, bleibt zuerst träge und faul liegen, um sich dann langsam in Bewegung zu setzen und den Hang hinunter- zurollen vor unsere Füsse. Der Schnee ist sehr nass und wir machen uns mit äusserster Vorsicht an den Hang. Nur einer geht, die andern drei sichern. Nach drei Seillängen ist der erste unter der gewaltig überhängenden Wächte angelangt. Wir andern schliessen auf und stellen uns ganz nah an die etwa 4 Meter hohe Wächte, damit sich herunterfallende Stücke an uns zerschlagen. Glühend heiss ist es — doch einige Meter über uns muss es kalt sein. Man riecht den Gipfel, ein frischer kalter Wind ist über unseren Köpfen. Für unseren Fritz Hartmann beginnt eine harte Arbeit. Über eine halbe Stunde behandelt er die Wächte, manchmal vorsichtig, fast liebkosend, dann wieder dass die Funken sprühen! Mit Hilfe dreier Pickel, die er in das Eis rammt, gelingt es ihm, bis unter den obersten Rand zu kommen. Noch einmal schafft der Pickel, dann ein weites Strecken, zwei Arme greifen hoch über, vergraben sich irgendwo, und der ganze Mensch hebt sich langsam in die Höhe und verschwindet im Blauen. Jetzt sieht man nur noch die Schuhe. Zwei Sekunden — und eine fröhliche Stimme ruft: « Jetz isch bong! » Wir folgen nach und stehen grad auf dem Gipfel. Ein bissiger Wind fährt uns an.

Diese Schönheit beschreiben? Diesen Himmel, diese Sonne, diese Berge rundum? Das Gletschhorn stimmt uns nachdenklich und traurig suchen die Augen das weisse Fleckchen Schnee, das kurz vorher drei Bergsteigern zum Verhängnis wurde. Dort hinten steht gewaltig und unnahbar das Finsteraarhorn, und fern im Wallis grüsst das Matterhorn. Unsere Herzen sind erfüllt von einer tiefen Bescheidenheit und Dankbarkeit.

Wir steigen in die Felsen der Südwestrippe ein, obschon wir wissen, dass dies eine lange Kletterei gibt. Doch kurz unter dem Gipfel schiesst vor unsern Füssen ein gewaltiges Schneebrett in die Tiefe. In anregender Kletterei gelangen wir nach etwa drei Stunden auf den Rhonegletscher. Lachend und scherzend überspringen wir zahllose Spalten, bis wir glücklich und froh die Furkastrasse betreten.

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