Geoffrey Winthrop Young als Bergsteiger

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Von Jürg Weiss. Mit 1 Zeichnung von Erik Bohny.SAC und W A C

« Die Alpen » haben den englischen Bergsteiger und Autor G. W. Young wiederholt zu Worte kommen lassen 1 ). Das ist um so verdienstvoller, als noch immer keine deutsche Ausgabe seiner « Memoiren aus den Alpen » vorliegt2 ). Manche mögen beim Lesen der denkwürdigen Täschhorn-Erinnerung oder der letzthin veröffentlichten Arbeit den Wunsch verspürt haben, den Verfasser und sein Werk näher kennen zu lernen. An sie und all jene, denen das Erlebnis des Bergsteigens am Herzen liegt und das Forschen nach seinen Beweggründen Vergnügen bereitet, wenden sich die folgenden Notizen.

Er kam zu einer Zeit, wo die grossen Alpengipfel schon alle bezwungen waren. Neue Wege auf die alten Höhen zu finden, waren schon lange vor ihm die Unternehmendsten am Werk. Einige grosse Grate blieben noch zu machen. Er hielt Ausschau nach den hauptsächlichsten und bewältigte verschiedene. Er beging, um doch einige zu nennen, als erster den Brouillardgrat am Mont Blanc, den Westgrat der Grandes Jorasses im Aufstieg und den Hirondellesgrat im Abstieg, am Weisshorn die Youngrippe im Aufstieg, Schalligrat und Nordgrat im Abstieg, Südgrat und Südostgrat des Nesthorns und Gspalten-horn-Westgrat im Aufstieg. Er setzte sich, als die Grate begangen waren, Überschreitungen von Gipfel zu Gipfel in den Kopf, und was er an Tagesleistungen um Zermatt und im Mont Blanc bewerkstelligte, ist, wenn es auch, an der Absicht gemessen, oft Bruchstück blieb, heute noch imponierend. ( Die Monte-Rosa-Gipfel vom Nordend her — Lyskamm-Castor und zurück über den Lyskamm, Weisshorn-Schallihorn-Mominghorn, Charmoz-Grépon-Blaitière, Aiguille du Midi-Aiguille du Plan-Requin u.a. ) Er suchte auch die grossen noch unbetretenen Wände nach Durchstiegen ab und legte seine Aufstiegsspur zum erstenmal durch die Nord- und Südwand des Weisshorns, die West- und Ostwand des Zinalrothorns, die Südwände des Doms und Täschhorns, die Nordwand des Zermatter Breithorns, die Mer-de-Glace-Flanke des Grépon. Die Nordwände von Dent Blanche, Matterhorn, Grandes Jorasses hatten es ihm schon angetan — ohne dass es jedoch zu einem ernstlichen Versuch kam. Wahrscheinlich gab er sich doch nicht die Chance, ohne die er nicht gewohnt war, aufzubrechen. Jedenfalls ist er kaum je umgekehrt, ohne sein Vorhaben ausgeführt zu haben — wie liesse sich das anders erklären als durch ein sehr genaues Gefühl für das ihm Erreichbare, als durch eine sehr weise Beschränkung auf das seiner Seilschaft und ihren technischen Mitteln Mögliche?

Natürlich ist das nicht zuletzt auch das Verdienst seines Führers, des « klein J. » in der « Erinnerung an die Mischabel » und das späteren und heutigen Josef Knubel. Young bezeichnete es als sein grosses Glück, den Mann von St. Niklaus zum Führer und Gefährten zu haben. Die Idee, auf seine Kraft zu verzichten, aus Prinzip führerlos zu gehen, wäre ihm sinnlos erschienen. Wie Mummery ist er zuweilen auch auf eigene Faust aufgebrochen, auch zu Erstbegehungen. Er wusste aber sehr genau, dass ihm seine grössten Fahrten nur aus eigener Kraft nicht gelungen wären. Es drängt sich hier eine Frage auf: Woher kommt es, dass die Idee des führerlosen Gehens in England nie — oder doch erst in allerletzter Zeit — einen guten Boden fand? Eine Erklärung liegt nahe: die Alpenferne, die bei der gewöhnlichen Kürze der Aufenthalte nur eine ungenügende Vertrautheit mit den Bedingungen und Erfordernissen des Gebirges ermöglicht. Dazu steht aber im Widerspruch, dass gerade Engländer es waren, die die überwiegende Mehrzahl unserer grossen Gipfel erstmalig betraten. Vielleicht gibt da die kolo-niale Tradition einen Fingerzeig. Der Gedanke, sich den Erfolg durch Einspannen der besten einheimischen Kräfte zu sichern, lag dem Engländer, der nicht nur unternehmend, sondern oft selber Unternehmer war, besonders nahe. Keine andere Nation hat unter ihren Bergsteigern den Sinn für diese Rollenverteilung so sehr entwickelt, österreichische und italienische Alpinisten setzten zur selben Zeit ihren Ehrgeiz ins führerlose Gehen. Manche machten aus ihm ihr Glaubensbekenntnis, hielten es für eine moralische Tat, sich nur auf die eigene Kraft zu verlassen. Unter den englischen Alpinisten blieb der Führerlose eine vereinzelte Erscheinung. Und doch dünkt es mich gründlich verkehrt, hier vom « die Leistung aus fremden Händen Empfangenden » zu sprechen, vom Touristen, der « unbeschwert von Rücksichten idealer oder ethischer Art » sei, oder von Weltanschauungen, von denen « die eine den äusseren Erfolg, die andere das innere Erlebnis » ersehne1 ). Es begegnen sich hier zwei Auffassungen, die ihre Erklärung in der Geschichte der Nationen und im sozialen Milieu finden, aus dem sich die Bergsteiger rekrutieren. Übrigens sind — und das verdient als grossartiges und doch bezeichnendes Gegenbeispiel vermerkt zu werden — bei den Versuchen auf den Everest Ein- heimische nur als Träger eingesetzt worden. Führer wurden meines Wissens zu keiner der Expeditionen herangezogen. In die letzte und gewaltige Aufgabe, den Sturm auf den « Gipfel der Welt », haben sich nur Briten geteilt.

Was aber den moralischen Wert dieser Herr-Führer-Verbindung anbelangt, so entscheidet darüber nur ihre menschliche Substanz. Young verkennt nicht die Verschiedenheit der Welt des Touristen von der des Führers. Aber die gemeinsame Hingabe, der gemeinsame Einsatz macht sie zu guten Kameraden. Youngs Achtung für Knubel ist gross. Gegenseitige Achtung ist ihm die Voraussetzung für das freudvolle Gelingen ihrer Unternehmungen. « Das Glück beim Bergsteigen ist nicht individuell, es teilt sich mit... Es braucht nur ein Glied der Seilschaft mit sich nicht im Gleichgewicht zu sein — und unser aller Vergnügen ist mitbetroffen. » Um sich voll entfalten zu können, verlangt dieses Vergnügen zuweilen, dass der Organismus auf voller Tourenzahl läuft, dass die Kräfte und Fähigkeiten sich über sich selbst hinaus steigern. Jeder Bergsteiger, der Ehrgeiz und Willen zu grossen Fahrten in sich verspürt, kennt diesen Rausch der starken Tat. Die Behinderung eines Teilnehmers, sein Nicht-mitkommen-Können, wirkt dann verstimmend. Diesen Zustand äussersten Eingespannt-seins verschafften ihm die Fahrten mit Knubel. Auf ihnen fühlte er sich ein Stück weit besser, leistungsfähiger, als er es in Gesellschaft gleichguter Gänger gewesen wäre. Er liebte und pflegte auch diese Unternehmungen 1 ). Aber eines ist die maximale sportliche Bewährung auf Fahrten, wo alles drauf ankommt, mit dem Führenden Schritt zu halten, ein anderes das dem Emotionellen mehr Raum gewährende Zusammenwirken mit Freunden auf Wegen, die um einen Grad sanfter gewählt wurden. Young verlangte es nach beiden Arten des Erlebens. Aber die Fahrten des ersten Typs nehmen im Buch den breiteren Raum ein.

Welches war Youngs Anteil an der Lösung dieser Aufgaben? Waren Herr und Führer einander ebenbürtig? Die Initiative ging offensichtlich von Young aus, er setzte das Ziel und bestimmte, wie es zu erreichen wäre. Aber er stellt Knubels Überlegenheit im Ausführen in den Vordergrund. In einer Haltung, die im besten Sinne sachlich ist, schildert er jene Situationen, da sein Können nicht mehr ausreichte und es der souveränen Meisterschaft Knubels bedurfte, um die Unternehmung zum guten Ende zu führen. Im Bericht über die Erkletterung des Grépon vom Mer de Glace her hat er Knubel ein Denkmal gesetzt, das an jenes andere, unvergessliche erinnert, das in der « Erinnerung an die Mischabel » für Franz Lochmatter ersteht. ( « Franz Lochmatters bergsteigerische Heldentat war die grösste, die ich je erlebte, und auch jetzt noch, nach einer Reihe von Jahren, kann ich sie als die grösste ansprechen, die ich mir vorzustellen vermag... Ich glaube nicht, dass sie in der Meisterung natürlicher Schwierigkeiten, in der Widerstandskraft gegen Einwirkungen von Kälte, Ermüdung, Niedergeschlagenheit und Furcht auf irgendeinem Gebiete des Abenteuers oder des Kampfes oft ihresgleichen findet. » ) Es bleibt aber, dieser Geständnisse ungeachtet, beim Leser der Eindruck eines ausserordentlich raschen und ausdauernden Gängers. Man traut zuweilen seinen Augen nicht. Ich gebe hier ein paar Zeilen wieder, die Young gelegentlich einstreut — beileibe nicht, um den alpinen Wettlauf zu propagieren, vielmehr um jenes Staunen auszulösen, das ungefähr bedeutet: Ist die menschliche Physis tatsächlich zu solchem fähig? Das Rothorn wurde von Zermatt nach Zinal in 6 y2 Stunden überschritten, das Matterhorn in 3, über Zmutt bei unguten Verhältnissen in 6 Stunden bestiegen ( seine letzte Fahrt, 1914, wenige Tage vor dem Weltkrieg ), der Mont Blanc über den Brouillardgrat erreicht und noch am gleichen Tag nach Courmayeur abgestiegen, wohl Youngs grösster alpiner Siegeszug und eine der stärksten « Erinnerungen » des Buches. ( Es ist der Bericht über eine Kette wunderbar anmutender Taten, der, wie er in Dur anhebt, begeisternd in die Durempfin-dung ausklingt: « Wenn uns das Leben zu gegebener Zeit einen Tag wie diesen beschert, dann war es nicht nur der Mühe wert, dann ist es ein überaus herrlich Ding, für ein paar Jahre Mensch zu sein... » ) Ein wenig hellt sich das Geheimnis auf, wenn man erfährt, wie sparsam das Seil verwendet wurde, zu welch hoher Selbständigkeit es jeder Teilnehmer brachte. Während der Matterhornüberschreitung wurde es während zwei Stunden umgebunden, der Col Emile-Rey wurde ohne Seil erreicht. Man versteht demnach, dass von Biwaks wenig die Rede ist in diesem Erinnerungsbuch.

Youngs Temperament verlangte nach gewaltigen Spannungen. Es scheint, dass ihm für die wenigen Wochen, die er ( erst noch nicht alljährlich ) in den Bergen zubringen konnte, nur die Fahrten grossen Stils zusagten. Weshalb er nie aussereuropäische Gebirge betreten hat, weiss ich nicht. Er hatte aber auch nicht den Ehrgeiz, die Alpen kreuz und quer zu durchstreifen. Er liebte die grossen Gipfel und hielt sich im wesentlichen an die vier Zentren: Belalp, Zermatt, Mont Blanc, Dauphiné. Es kam ihm nicht auf Universalität an, sondern auf die genaue Kenntnis eines Winkels ( oder vielleicht ist auch das nicht richtig und wir müssten einfach sagen: auf die individuelle Höchst-leistungso wie er ( um ihn in einem andern Sinne wieder Coolidge, Farrar gegenüber zu umreissen ) nicht historiographisch, sondern psychologisch interessiert ist. Seine Beschaulichkeit blüht am schönsten auf bei intensiver körperlicher Anspannung 1 ). Er liebt die grossen Höhenunterschiede, die Gewaltsmärsche, die mit Erleben randvoll gefüllten Tage. Sein Lieblingsberg ist das Weisshorn. Er hat seinen Gipfel achtmal betreten, auf sechs verschiedenen Wegen, davon vier neuen, und ihn auf vier verschiedenen verlassen, darunter drei « ersten Abstiegen ». Es gibt wohl nicht viel Berge, deren Name in einem solchen Masse mit einem Manne verbunden ist wie der des Weisshorns mit Young.

Es ist uns hier aber nicht so sehr um Historie zu tun. Dass Young ein erfolgreicher Gänger war, ist unbestritten. Ist aber auch genug bekannt, was für ein bedeutender Schriftsteller er ist? Ich glaube kaum. Mir bot die Begegnung mit seinem Schaffen alle Freuden einer Entdeckung. Unter allen Bergsteigern, die geschrieben haben, ist er der hellsichtigste Psychologe. Es gibt, soviel ich weiss, kein zweites Werk, das auch nur annähernd eine solche Fülle angewandter alpin-psychologischer Erkenntnisse, das eine vergleichbare Durchleuchtung und Bewusstmachung der seelischen Vorgänge auf schwierigen Fahrten brachte. ( Die englische Ausgabe erleichtert das Nachschlagen solcher Stellen, die zwar überall in den Handlungsverlauf eingebettet sind, durch ein Verzeichnis, das Stichwörter wie « Einsamkeit », « Einwirkungen der Höhe, der Müdigkeit », « Reaktionen » enthält. ) Es kommt hinzu eine fast wissenschaftliche Beobachtung von Naturvorgängen ( « Mondlicht », « Nebel-wirkungen », « Sonnenuntergänge », « Wolken » ), die mich um so erstaunlicher dünkt, als der Bergsteigende sich meist körperlich so sehr verausgabt, dass er zum denkenden, verarbeitenden Sehen einer nachhaltigen Anstrengung bedarf. Etwas vom Beispiel Saussures, Tyndalls scheint darin nachzuwirken. Vielleicht ist dieser Bergsteiger mit dem Auge des Wissenschaftlers die moderne Gestalt des Wissenschaftlers, der auf die Berge stieg.

Die genannten Qualitäten würden genügen, um Youngs Memoiren Anrecht auf das Interesse jedes denkenden Wanderers zu geben. Sie verdienen aber noch mehr. Einzelne Kapitel — allen voran die « Erinnerung an die Mischabel », an jenen Tag in der Täschhornsüdwand, der einige der Beteiligten bis zur vorübergehenden Auslöschung ihres individuellen Bewusstseins brachte und sie gefasst und furchtlos werden liess vor dem unentrinnbar erscheinenden Tod — sind so aufschlussreich und wahr und zeigen so erschütternd das Leben, wie es sich zwischen den Abgründen wehrt, wie etwa des Arabian-Lawrence « Der Winter schliesst uns ein » im « Aufstand in der Wüste ». Es sind ganz einfach Dokumente, Material für eine Psychologie des Menschen, der an der Grenze der körperlichen Leistungsfähigkeit angelangt ist und dem jeder Ausweg verstellt scheint. Ich kenne in der gesamten Bergliteratur kein gültigeres Belegstück als « A Memory of the Mischabel ».

Denn Young ist nicht nur Psychologe, er versteht auch zu schreiben. Man merkt seinen Aufsätzen an, wie unermüdlich er an ihnen gearbeitet hat, um sie auf die letzte, erschöpfende Formel zu bringen. Es erfüllt ihn eine grosse Sorge um die Form. Nicht umsonst kommt er von der Lyrik her x ). Die Form so beherrschen kann wohl nur, wer sich vorübergehend von ihr, der gebundenen, hat beherrschen, sich in die Fesseln ihrer Reime hat schlagen lassen. Und wie souverän das gestaltet ist! Diese Erinnerungen haben Zeit gehabt, auszureifen. Es ist die Rückschau eines von seiner Jugend Abschied Nehmenden, eines durch die Schrecken des Krieges Gegangenen und durch ein grausames Geschick zum Bergsteigen nicht mehr Tauglichen an die Berge, an alles, was sie ihm geschenkt und bedeutet haben, was er in ihnen erlebt und vollbracht hat. Was für eine Fülle der Bilder und Aspekte, des inneren und äusseren Geschehens! Von was für einem weitausholenden und mächtig durchgehaltenen Erzähleratem sind die grossen Berichte darin getragen!

Aber zuweilen liegen sich in Young Künstler und Wissenschaftler in den Haaren. Er erstrebt zwar den Wohlklang dessen, für den der Tiefe der Gedanken die Schönheit der Form ebenbürtig sein soll. Er will aber auch die letzte Präzision, er gibt sich erst mit der eigensten, endgültigen Formulierung zufrieden. Sein Bemühen gilt vielleicht zu sehr der Prägnanz. Es verleitet ihn manchmal zu einer Häufung der Substantive, zu einem Reden in Definitionen, zu formelhaften Verkürzungen, die dem fliessenden Lesen abträglich sind. Solche Seiten wirken allzu intellektuell. Auch verwendet er — wie schon die erste Besprechung des Buches im « Alpine Journal » hervorhob — gerne Wörter, die das englische Vokubalarium nicht kennt. Dies sind wohl Gründe, weshalb « On High Hills » nicht populärer geworden, weshalb das Werk als Ganzes heute noch nicht ins Deutsche übertragen ist.

Das Buch macht es dem Leser nicht leicht. Ist er aber einmal in das mit Spannung geladene Kraftfeld dieser Erinnerungen eingedrungen, so mag er beklommen sehen, wie er sich hindurchfindet. In dem Dunkel, das über dem Anfang waltet, beginnt ein Licht zu glimmen und löst Körper und Konturen heraus. Den Bergsteiger dünkt, die Umgebung sollte ihm vertraut sein. Es ist um ihn herum indessen mehr eine innere Landschaft als eine äussere, mehr Empfundenes als Geschautes. Was er einmal fühlte, aber wieder vergass. weil es ihm nie bewusst geworden war, wird jetzt wieder in ihm wach. Zum erstenmal versteht er sein eigenes Erleben. Die Helligkeit nimmt zu, und in der Tiefe wird Bergkamm hinter Bergkamm sichtbar. Er strengt die Augen an, um hinter den sichtbaren Gründen die geahnten noch zu erkennen. Und je geheimnisvoller er sich von Hintergründen umgeben fühlt, desto grösser ist die Erleuchtung in ihm.

Ich habe, von der Lektüre der « High Hills » kommend, zu andern Autoren gegriffen, etwa zu Javelle. Aber nach der Intensität der inneren Spannung in diesen Berichten, nach der Dichte der beschworenen Bilder und Situationen, erschien mir der doch so liebenswürdige und formsichere Klassiker idyllisch und harmlos.

Wodurch unterscheidet sich Youngs Art des Erzählens von der anderer Er nennt selber die drei Gesichtspunkte, die eine wahrheitsgetreue Berichterstattung nicht aus dem Auge lassen darf. Sie hat uns zu sagen, was der Bergsteiger tut, was er sieht und was er empfindet. Es geht aus dem Gesagten hervor, in wie seltenem Masse Young der dritten Forderung genügt. Bewundernswert ist die Exaktheit, mit der er seelische Regungen notiert, seine Fähigkeit, den Ablauf des inneren Geschehens zu verdeutlichen. Er dämoni-siert, romantisiert nicht. Er hat ein Auge auch für das, was anderen entgeht.

Ich wüsste z.B. keinen Autor, der wie Young die gegenseitige Beeinflussung innerhalb einer Seilschaft, die Bildung einer gemeinsamen Stimmung bei den durch das Seil Verknüpften, untersucht hat. Man erinnere sich, wie in der « Memory of the Mischabel » das Seil zu einem Übermittler von Empfindungen wird.

Aber auch die beiden ersten Gesichtspunkte vernachlässigt er nicht. Mit welcher Anschaulichkeit stellt er die Situationen wieder her! Er lässt zuerst den Ort erstehen — hält der Kriminalroman es nicht auch so, dass man sich unwillkürlich Gedanken macht über die Lösung des « Falles ». So erreicht er, dass wir die Leistung nicht als bereits vollbracht empfinden, sondern sie Phase um Phase als durchaus gegenwärtig miterleben.

Wie psychologisch seine Betrachtungsweise ist, geht aus den Gesichtspunkten hervor, nach denen er die Fahrten zusammenfasst. Man erwarte von ihm nicht die geographische oder chronologische Einheitlichkeit. Er gruppiert seine Erinnerungen nach ihrem seelischen Charakter. Bild um Bild, aus verschiedenen Jahren und Gebieten genommen, zieht an uns vorüber. Um Wiederholungen zu entgehen, begnügt er sich oft mit der Wiedergabe eines besonders eindrücklichen Moments in starker Vergrösserung. Montage und Grossaufnahme, zwei Begriffe aus der Filmsprache, charakterisieren seine Schreibweise.

Ist es nicht verwunderlich, dass dieser Psychologe unter den Berg-schriftstellern Engländer ist? Englisch ist 1 ) « die Gewohnheit, das natürliche Spiel der Empfindungen unter dem Schleier des Humors oder der Maske unerschütterlicher Seelenruhe zu verbergen ». Genau diesem « Spiel der Empfindungen » gehört Youngs ganze Aufmerksamkeit. Zweifellos bildete es schon einen Hauptimpuls für all jene seiner Vorläufer, die ungebürlich fanden, davon zu sprechen. Vielleicht haben die Erlebnisse des Krieges hier eine Änderung gebracht. In der Einleitung zur « Erinnerung an die Mischabel » spielt Young darauf an. Man habe damals gelernt, vor schwierigen oder gefahrvollen Unternehmungen « die Nerven » in Rechnung zu stellen. Jetzt gebe man zu, dass sie einen Teil der menschlichen Natur bildeten und wohl vereinbar seien mit Mannhaftigkeit und selbst mit Heldentum.

Bedurfte Young dieser Aufmunterung, um seinen eigenen Stil zu finden? Ich glaube kaum. Er ist nicht so gelehrig wie ursprünglich. Durch manche Seiten des Buches geht ein Zug der Auflehnung gegen den « schrecklichen gleichmacherischen Druck von Ordnung und Regeln und ,du sollst'und ,du sollst nicht ' ». Ich habe den Eindruck, dass es ihm zuweilen Vergnügen macht, den Leser zu « chokieren ».

Und doch ist seine Weise, von den « Nerven » zu sprechen, englisch und sehr verschieden von jener deutscher Autoren. Bei aller Eindringlichkeit, mit der er den Wurzeln und der tieferen Bedeutung seiner Erlebnisse nachspürt, vermeidet er das allzu Subjektive. Er legte keine Bekenntnisse ab. Sein Sinn bleibt auf das Typische, allgemein Gültige gerichtet. Er schwelgt nicht in Gefühlen. Zu gross ist seine Scheu vor der eigenen Sentimentalität.

Nach Irving: « The Romance of Mountaineering. »

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