Geschichte einer Bekehrung

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Von Otto Spahni

( Zürich ) Ich näherte mich dem Landsturmalter, als ich für das Bergsteigen angeworben wurde. Nein, es geschah nicht mit Handgeld und nicht bei schwerem rotem Wein, wie zur Zeit des Reislaufens bei unsern Vorfahren. Mein Freund Toni ging auf der Suche nach einem treuen Knappen behutsamer zu Werk. Auf Skitouren erzählte er mir beiläufig von seinen Sommerfahrten. Dafür hatte ich mich bis jetzt nicht interessiert. Auf dem Gebiete des Alpinismus war für mich wesentlich, dass die Verbindungslinie zwischen dem Berg und der Talsohle ein vernünftiges Schrägprofil aufwies, das mir ermöglichte, zur Winterszeit in schwingender Fahrt hinunterzugleiten. Moderne mechanische Vorrichtungen zur Erleichterung des Aufstieges waren mir dabei sehr erwünscht. War von Sommertouren die Rede, so dachte ich entweder an meine Schulreisen zurück und die Wanderungen über Bergpässe mit Botanisierbüchse und Schmetterlingsnetz, oder ich sah tollkühne Akrobaten an senkrechten Felswänden hinauf- und herabturnen. Toni brummte etwas von extre-mistischen Vorstellungen und einem goldenen Mittelweg, liess mich im übrigen aber unbehelligt, abgesehen von der diskreten Lockung seiner schönen Bergaufnahmen, welche er mir gelegentlich mit einem kurzen Kommentar hinüberreichte.

Als ich dann « angebissen » hatte, nahm mich mein Freund einmal in die Campo -Tencia-Hütte mit, um andern Tags mit mir den Mognoi zu besteigen. Das sei eine Art Degustation, meinte er. Wenn mir die Sorte munde, könne ich mehr davon bestellen. Dort ging dann die Saat auf, zu welcher Toni von langer Hand die Keime gelegt hatte. Eine neue Welt tat sich vor mir auf und schlug mich in ihren Bann. War es der Tiefblick von hoher Warte auf den blauen, felsumsäumten Laghetto Mognoi? War es das ernste fesselnde Spiel des Kletterns über den luftigen Grat, die einsame Gipfelstunde inmitten der schweigenden Bergwelt? Oder ging einfach durch das Seu der geheimnisvolle Strom von meinem Kameraden auf mich über? Wer kann das wissen? Es war wie ein Zauber. In der Hütte hatte ich mir die Hand verletzt. Erst als wir in der Mognoilücke das Seil wieder ablegten, merkte ich, dass ich den Verband verloren hatte, und dass die Wunde noch schmerzte.

Die während des Kletterns eingetretene Lokalnarkose zeigte mir schlagartig, wie es um mich bestellt war. Rückblickend durchschaute ich zugleich die schlaue und umsichtige Planung dieser Versuchsfahrt. Mein Freund sprach nämlich von einer schönen Bergwanderung im obern Tessin. Ich hörte klingende fremde Namen, wie Val Piumogno, Campo Tencia, Campolungo, Piano del Lago usw., alles Begriffe, welche die Vorstellung eines sanften Weide-geländes in mir erweckten. „ t * Wir zogen also eines Tages den schönen Bergen der Leventina entgegen, auf denen schon ein zarter Hauch des Südens liegt. Zur Anziehungskraft des Sonnenlandes gesellte sich der Reiz des Neuen, Unbekannten. « Tausende und Die Alpen - 19529 Tausende durcheilen das Tal in der Bahn und im Auto. Sie werfen rasch einen Blick in die Landschaft mit den prächtigen Tannenwäldern, den grünen Matten, den vielen Wasserfällen. Hie und da entdecken sie ein kleines Kirchlein hoch auf den Felsen. Und dann ist es vorbei... » So steht es in einem Touristen-prospekt dieses Gebietes. Ich war einer von den Tausenden. Als wir auf unserm Weg zur Hütte eine Stunde oberhalb Rodi das liebliche Plateau von Dalpe betraten, war es mir, als hätte ich eine unbekannte, glückliche Insel entdeckt.

Einem kleinen Schlosse gleich steht die Campo-Tencia-Hütte auf der felsumgürteten Anhöhe über der Alp Crozlina, umrauscht von den Gletscherbächen und bewacht von einigen Murmeltieren, welche bei unserer Ankunft Alarm schlugen, um dann schleunigst in Deckung zu gehen. Das Berghaus nahm uns auf, bot uns gastlich den spartanischen Komfort seiner gediegenen Einrichtung und zuletzt eine stille Feierstunde auf der Hüttenbank unter dem Sternenhimmel.

Am folgenden Morgen wanderten wir auf einem grünen, blockübersäten Rasenteppich zum Laghetto Mognoi hinauf, dessen Fläche von den ersten Strahlen der Sonne vergoldet wurde.Von dort stiegen wir über Schrofen und Geröll zum Passo Mognoi empor. Zwischen den hohen Felskulissen des mittleren und nördlichen Mognoigipfels hindurch gab uns die Lücke auf einmal den Blick frei nach Westen. Über die tiefe Furche des obern Maggiatales hinweg zeigte mir Toni den Cristallina, und ich war ordentlich stolz darauf, im Kranze der unzähligen Spitzen wenigstens diesen schönen Skiberg als alten Bekannten grüssen zu können. Schon hatte ich mich auf der Passhöhe behaglich zu einer ausgiebigen Rast niedergelassen, in der Annahme, dass wir alsdann zum Cantone dei Vitelli absteigen und zum Campolungopass hinüberwechseln würden, als ich sah, dass mein Kamerad unversehens ein Bergseil aus der Tiefe seines Rucksackes hervorholte. Mir blieb das Messer auf halbem Wege im Käse stecken, und ich muss Toni angeblickt haben wie einstmals den Zahnarzt, als er sich mir mit der Zange näherte. Mein Freund gab mir dann auch sofort eine beruhigende Einspritzung. Es sei nur eine kurze Kletterei ohne jede Schwierigkeit. Wenn es nicht gehen sollte, würden wir sofort umkehren. Aber den Versuch sollten wir doch machen. Mit dem Versuch war ich einverstanden. Auf das hin streifte mir Toni das Seil über die Schulter. Mir war dabei ganz feierlich zumute.

Auf dem Grate war dann alles einfacher und schöner, als ich mir gedacht hatte. Herrlich gestufter, fester Granit wies uns den Weg zur Höhe. Bald hatte ich Vertrauen zu diesem Gestein gefasst und fühlte mich auf seinen rauhen Flächen und am Seil des vorausgehenden Kameraden in einer Weise geborgen, die immerhin dem prickelnden Empfinden der Abgründe zu beiden Seiten unseres Felskammes noch etwas Raum liess. Liegt in dieser Mischung von Gefühlen ein Teil des Geheimnisses beschlossen, das uns das Klettern so sehr als beglückendes Tun erleben lässt? Gehören dazu noch der Kampf, die Schwierigkeiten, das Exzelsior? Wie dem auch sei, mir blieb von dieser kurzen Fahrt zunächst eine sichere Erkenntnis: sich an freier Felsklippe emporziehen und auf der nächsten Stufe den weitern Durchstieg erkunden, ist köstliche Leibes- und Sinnesübung in einer Umgebung, wie sie kein Stadion der Welt zu bieten vermag.

Unter dem blauen Tessiner Himmel sassen wir lange auf dem Gipfel des Mognoi Maggiore und liessen unsere Augen über Berge und Täler wandern, im Kreise herum, von den leuchtenden Firnen der Adula zum funkelnden Gletscherschild des Basòdino. Toni zählte viele klingende welsche Namen auf, aber ich hörte nur die Musik der Sprache und achtete nicht der Bedeutung der Worte. Mir genügten die Bilder ohne Aufschriften oder Katalog.

So ungefähr hat ein nachgemusterter Rekrut seine erste Kletterfahrt erlebt. Er wurde nachher auf härtere Proben gestellt, aber der Zauber von Campo Tencia wich nicht mehr. Es scheint aus der späten Liebe die Treue zu wachsen.

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