Grächen. Ein Walliser Bergdorf

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Ein Walliser Bergdorf. Von Otto Stettier.

Lage und Siedelungsart.

Wenn der Bergfreund über die Südrampe des Lötschberges dem Wallis zufährt, so kann er schon vom Wagenfenster aus das Ziel seiner Sehnsucht ins Auge fassen. Blendendweiss leuchten da an schönen Tagen die Firnen der Mischabelgruppe mit ihren Spitzen und Zacken ins Tal hernieder. Kühn und selbstbewusst steht dieses prachtvolle Bergmassiv zwischen den tiefen Furchen des Saas- und Nikolaitales. Rascher schlägt das Herz unseres Bergwanderers, fester umklammert er seinen Eispickel, und seine Gedanken tragen ihn hinauf zu den Spitzen des Nadelgrates und an die Schneeflanke des Doms.

Wir aber haben es heute weniger auf die eisigen Höhen der Viertausender abgesehen und wenden unsere Blicke einem etwas bescheideneren Ziele zu. Das Auge folgt dem dunkeln Felsgrat, der sich von der Mischabelgruppe nach Norden zieht, und der sich tiefer unten in Wald und Weiden verliert. Dort, nahe am Vereinigungspunkt der beiden Vispertäler, rechts oberhalb Stalden, erkennen wir in starker Verkürzung eine sanft geneigte, von Wäldern umrahmte Ebene; dort liegt das Ziel unserer Reise, das Walliser Bergdorfchen Grächen.

Ein weltverlorener, nur durch Saumtierwege mit der übrigen Welt verbundener Flecken Erde ist 's, aber trotzdem eigentlich leicht zu erreichen. Eine kurze Fahrt bringt uns von Brig nach dem alten Städtchen Visp, und von da fahren wir mit der Zermatter Bahn in dreiviertel Stunden über Stalden nach der Station Kalpetran im Nikolaital. Jetzt heisst 's den Rucksack auf den Buckel schwingen, denn nun geht 's auf eigenen Sohlen weiter. Ein schmales Brücklein führt über die tosende Visp, und ein steiler aber schattiger Saumwegbringt uns in zwei Stunden auf die 1600—1700 m über Meer liegende Terrasse an der östlichen Talseite, das Plateau von Grächen. Wer seine Haut gerne von der nachmittäglichen Walliser Sonne bräunen lässt und auf einem kürzeren Wege lieber etwas mehr schwitzt, der fährt mit der Bahn bis St. Nikiaus und erreicht das Dorf auf einem etwas weniger steilen Wege in anderthalb Stunden.

Wer aber glaubt, in Grächen ein typisches Walliserdorf mit vielen Häusern auf engem Raum zusammengepfercht zu finden, der wird nicht wenig erstaunt sein, wenn er die Ortschaft zum ersten Male sieht; wir haben hier nämlich eine merkwürdig weite Siedelungsart. Wohl hat sich rings um die Kirche eine grössere Häusergruppe, das eigentliche Dorf, gebildet; aber daneben liegen eine ganze Reihe kleinerer und grösserer Siedelungsgruppen mit Wohnhäusern, Ställen, Speichern, Stadeln und Scheuern auf dem ganzen waldfreien, oft nur sanft geneigten Berghang zerstreut.

Der Bauer von Grächen ist eben sesshaft, d.h. er wohnt das ganze Jahr im gleichen Hause. Dafür baut er seine Wohnung möglichst in die Nähe seiner Güter, was die eben erwähnte weite Siedelung bedingt. Dadurch erhält die Ortschaft ein ganz anderes Aussehen als Dörfer mit nomadisierenden Bewohnern.

Politisch sind alle diese Siedelungsgruppen zusammengefasst in der Gemeinde Grächen, deren Territorium von der Mattervisp bis hinauf zum Grat, der das Saas- vom Nikolaital trennt, reicht.

Schon der Name deutet darauf hin, dass wir es hier wahrscheinlich mit einer sehr alten Niederlassung zu tun haben. Grächen bedeutet dasselbe wie alle alten, ähnlich lautenden Ortsnamen, z.B. Gränichen, Grenchen oder das französische Granges ( Scheunen ). Es ist also anzunehmen, dass der Wald auf dieser Terrasse schon früh ausgereutet und eine Anzahl Scheunen zur Aufnahme des Dürrfutters gebaut worden sind, in deren Nähe die Eigentümer dann auch einfache Wohnhäuser für den Sommer erstellten. Bings von Wald umgeben, in der Höhe die Fels- und Schneehäupter, tief unten die rauschende Visp, so liegt das Dorf wohl seit Jahrhunderten abseits vom Verkehr in Bergeseinsamkeit, in seinen Bedürfnissen vor allem auf sich selbst angewiesen. Ausser Törbel und Embd am gegenüberliegenden Talhang erblickt man von Grächen aus keine bewohnten menschlichen Siedelungen.

Das Kirchdorf.

Sehen wir uns zunächst die grösste Siedelungsgruppe bei der Kirche an, das eigentliche Grächen. Sie liegt in der Mitte der Terrasse auf nahezu ebenem Grund und zählt mit Pfarrhaus, Schulhaus, Gemeindehaus und Postablage an die zwanzig Häuser. Der Flecken ist nicht nur der Hauptort der Gemeinde, sondern als Pfarrdorf auch der geistige Mittelpunkt einer grossen Kirchgemeinde, die sogar das politisch zu St. Nikiaus gehörende Gasenried, hinten am Biedgletscher, umfasst.

Die Kirche ist ein merkwürdiger Bau. Ursprünglich stand wahrscheinlich hier eine Kapelle, die dann im Laufe der Jahrhunderte erweitert wurde. Man kann die älteren Teile jetzt noch gut von den neuern unterscheiden. Der Glockenturm, der im Jahre 1855 durch ein Erdbeben zerstört wurde, ist bis zur Spitze hinauf mit festem Gneis gemauert, also ohne jede Balkenkonstruk-tion. Die Glocken, die in schöner Harmonie vom frühen Morgen bis zum späten Abend ihre Zeichen geben und die Gläubigen zu Hochamt, Messe und Bosenkranz rufen, haben fast nicht Platz im engen Turm. Es ist für die Feriengäste Grächens immer ein besonderes Vergnügen, den originellen Glöckner auf den Turm zu begleiten und zuzusehen, wie er mit jeder seiner vier Extremitäten eine andere Glocke läutet; er entwickelt dabei eine ganz besondere Virtuosität.

Dicht neben der Kirche steht das alte Beinhaus, das allerdings heute nicht mehr seinem ursprünglichen Zwecke dient. Dazwischen liegt in stiller Feierlichkeit und Einfachheit der gutgepflegte Friedhof. Ein Grabkreuz gleicht dem andern, und alles ist einheitlich mit Bergnelken geschmückt. « Im Tode sind wir alle gleich », das ist der stumme Ausdruck dieses Gottesackers.

Gegenüber dem Kirchenportal erhebt sich ein schönes, altes Wohnhaus aus dunkelm Lärchenholz, das Pfarrhaus; die weissen Fensterrahmen lugen freundlich aus dem schwarzen Gebälk auf den Dorfplatz hernieder, auf dem sich allsonntäglich nach dem Hochamt die stimmfähigen Männer versammeln, um die Mitteilungen des Gemeindeweibeis über Wald-, Weid- und sonstige Gemeindeangelegenheiten entgegenzunehmen. In malerischen Gruppen sitzen die wetterharten, bärtigen Kraftgestalten auf der Kirchhofmauer oder auf der Steinbank vor dem Pfarrhaus, und manch ein Maler könnte hier seine Studien machen. Überhaupt dieser Dorfplatz! Er ist für Grächen ungefähr dasselbe, was etwa für Bern die Loebecke. So gemütlich wie hier lässt sich 's kaum irgendwo plaudern. Das merkt auch der Fremde bald, und da er stets einen guten Vorwand hat — er muss doch täglich zweimal die Post abholen — so ist er mittags und abends immer auf ein halbes Stündchen hier zu treffen. Man muss nämlich wissen, dass sich im nächsten, an den Dorfplatz anstossenden Hause die Postablage befindet. Und wenn an schönen Sommerabenden durch das fröhliche Volk auf dem Dorfplatz das geflügelte Wort « Er kommt » von Mund zu Mund geht, so weiss jedermann, wer der Ankömmling ist. Natürlich der Postesel, der täglich zweimal seine Bürden von Kalpetran herauf bastet. Der Postbetrieb ist übrigens recht prompt; was z.B. am Morgen früh in Bern fortgeschickt wird, ist abends in Grächen. Das « Schönste » an der ganzen Posteinrichtung ist aber ohne Zweifel die junge Briefträgerin.

Recht unscheinbar nimmt sich neben der grossen Kirche das einfache Schulhaus aus, wenigstens äusserlich. Innen dagegen ist es letztes Jahr neu ausgebaut worden und enthält recht wohnliche, freundliche Schulräume. Der Unterricht, der von zwei Lehrerinnen und einem Lehrer erteilt wird, dauert nur sechs Monate während des Winters.

Eine Sehenswürdigkeit Grächens ist das Verkaufslokal des Gemeinde-konsums, das sich im Kellergeschoss des Schulhauses befindet. Hier kann man alles haben, was der Mensch zum Leben braucht: jede Art Spezereien, Eisenwaren, Schokolade, Leinöl, Hosenträger, Petrol, Zigarren, Brot — alles zu erschwinglichen Preisen. Auch allerlei Neuigkeiten kann man hier vernehmen; denn das Lokal scheint so eine Art Treffpunkt der geselligeren Bevölkerung, zumal der Frauen, zu sein.

Die Umgebung.

Bevor wir auf die Arbeit und das Leben und Treiben der Bevölkerung näher eintreten, wollen wir uns einen Überblick über die ganze Gegend verschaffen, indem wir einige Spaziergänge ausführen.

Wenden wir uns von der Kirche aus auf steinigem Fussweg nordwärts, so gelangen wir an der « Pension Mischabel », einem saubern, gut geführten Bergwirtshaus, vorbei zu einer kleinern Gruppe von Wohnhäusern, Scheunen und Stadeln, « im Steinet » genannt. Besonders von Norden gesehen, bietet sich dieser Weiler höchst eigenartig dar. Wie malerisch kontrastieren die weissen, schräg beleuchteten Mauern zu dem dunkeln Lärchenholz der Hütten! Noch reizender dann, wenn im Hintergrund die Weisshorngruppe siegreich über den Nebeln in der Morgensonne triumphiert. Wahrhaftig, man könnte sich keinen passenderen Vordergrund für diese Landschaft wünschen.

Gehen wir weiter, so gelangen wir, dem Hange nach strebend, zu der weithin sichtbaren Eggenkapelle. Dies ist wohl das schönste und beliebteste morgendliche Ausflugsziel der beschaulichen Feriengäste Grächens; hat man doch von hier aus einen umfassenden Blick nach den Berner Alpen, besonders auf die elegante Pyramide des Bietschhorns. Auf einer vorspringenden kleinen Ebene erbaut, leuchtet die Eggenkapelle, wohl das reizvollste Bauwerk der ganzen Gegend, freundlich ins Land hinaus. Zwar ist das kleine Kreuz auf der Kuppel vom Wind etwas auf die Seite gebogen; aber gerade deshalb finden es manche Leute beachtenswert.

Ganz in der Nähe, hinter einer Wegbiegung versteckt, liegen die Häuser von Eggen. Am steilen Hang klebend hält sich eins am andern, damit es nicht hinunterrutsche. Wenn man diese Stadeln ansieht, wie sie ihre Füsse krampfhaft in das steile Bord verstemmen, so bekommt man ein gewisses Mitgefühl, und es dünkt einem, man sollte ihren Rumpf rasch einige Zeit unterstützen helfen, damit sie ihren Stand wechseln und die obern Füsse einmal nach unten versperren könnten.

Nun wenden wir uns nach links und folgen einem schmalen Weglein, das zwischen Mauern, Roggenäckern und über Wasserfuhren den Hang hinabführt. Auf einem Felsenvorsprung thronen wie ein Adlerhorst die Häuser von Binnen, in der Mundart nur « die Bine » genannt. Hier geht der Weg vorbei, der von Kalpetran heraufführt. Und wenn der neue Ankömmling seinen Rucksack durch die unzähligen Windungen des Saumweges heraufgeschleppt und dabei immer überlegt hat, ob es sich wohl lohne, mit so viel Mühe in dieses abgelegene Dorf hinaufzusteigen, so ist er beim Anblick dieses hübschen Weilers bald seiner Zweifel los. Macht er in Binnen gar noch einen Schnaufhalt und sieht sich die schönen, alten Walliserhäuser mit den blumengeschmückten, weissen Fenstern an, so wird sich seine Stimmung vollends heben. Vielleicht kommt unterdessen der Postbote oder die Botin des Konsumvereins mit ihren Maultieren und basten ihm den schweren Rucksack endgültig nach Grächen.

Wir aber setzen unsern Rundgang fort und ziehen südwestwärts dem Hang entlang nach Niedergrächen. Dieses liegt am Weg nach St. Nikiaus, etwa 200 Meter tiefer als die Kirche und umfasst die unteren Siedelungsgruppen der Gemeinde. Seine bescheidenen schwarzen Häuschen scharen sich um eine kleine Kapelle. Auf einem plattigen Felsvorsprung über steilem Hang steht eine besondere Häusergruppe, « auf den Platten » genannt. Es ist die Geburtsstätte Thomas Platters, eines der berühmtesten Söhne des Wallis. Noch heute bildet die Selbstbiographie Platters eine wichtige Quelle über die Kulturzustände in der Schweiz und in Deutschland während der Reformationszeit. Die wertvolle Handschrift, die Platter für seinen Sohn Felix, den nachmaligen Professor der Medizin zu Basel, schrieb, wird in der Stadtbibliothek in Basel aufbewahrt. Er gibt darin eine ungemein farbenreiche Schilderung seines ganzen, bewegten Lebens. Besonders anschaulich erzählt er die Erlebnisse seiner verwahrlosten Jugend. Sein Vater starb früh an der « Pestilenz »; die zahlreiche Familie wurde aufgelöst, und Thomas kam bald zu diesen, bald zu jenen Verwandten. Wenn er von seinen Freuden und Leiden als Geisshirt erzählt, so bekommt man den Eindruck, dass es damals, vor 400 Jahren, in dieser Gegend nicht viel anders aussah als heute; wenigstens könnte der gegenwärtige Geissbub von Gasenried ganz gut Thomas Platter heissen. Später durchzog Platter als fahrender Schüler viele Jahre lang mit einem ältern Verwandten ganz Deutschland, nährte sich aus Bettel und Diebstahl und eignete sich trotz Hunger und Not eine gewisse Bildung an. Gerade die Schilderung dieser Streifzüge bietet wertvolle Einblicke in die rauhen Sitten und Gebräuche jener Zeit. Zwei-, dreimal kam er wieder in seine Heimat zurück, aber niemand bot ihm Schutz und Obdach; so musste er immer wieder in die Welt hinaus ziehen. Später wurde er Seiler, dann Buchdrucker, Buchhändler und schliesslich Professor für griechische Sprache in Basel. Auf der Seite der Reformation stehend, spielte er auf dem Religions-gespräch 1526 zu Baden unter Lebensgefahr den geheimen Boten zwischen Ulrich Zwingli in Zürich und Ökolampad aus Basel und machte auch die Kappelerkriege mit. Sein Geburtshaus ist dem Zerfall nahe; eine einfache Tafel erinnert an das Geburtsjahr 1499.

In Niedergrächen hört der Gemeindebezirk auf; doch wollen wir auf unserm Rundgang etwas südlich ausbiegen und auch die obersten Teile der Gemeinde St. Nikiaus kennen lernen. Fast ebenen Wegs gelangt man zu den Häusern von Ruinen, die ebenfalls durch eine Kapelle betreut sind. Von hier aus geniesst man einen schönen Tiefblick ins Nikolaital und auf St. Nikiaus, das früher die wichtigste Ortschaft des Tales war und ihm den Namen gegeben hat.

Jetzt geht 's einen steilen Hang hinauf, über einige Runsen und Wässerfuhren nach dem Dörfchen Gasenried, unten am Riedgletscher. Treppenartig sind die Häuschen an den steilen Grashang gebaut und allen Winden ausgesetzt. Tief unten donnert der Riedbach und wälzt seine grauen Wasser in tief eingeschnittenem Tobel der Visp zu. Ein angenehm kühles Lüftchen weht vom Gletscher her und mildert die heissen, senkrecht auffallenden Strahlen der Julisonne. Wir suchen ein Ruheplätzchen oberhalb des Dörfchens und geniessen von hier aus einen überraschend schönen Blick auf die kleine Siec.elung mit dem eigenartigen Kirchlein. Die Westseite des Nikolaitales ist bereits im Schatten; Einzelheiten sind kaum erkennbar. Nur die weisse Linie des Jungbaches leuchtet aus dem monotonen Dunkel der Wälder und Weiden. Im hellen Lichte heben sich die Häuser unseres Dörfchens auf diesem ruhigen Hintergrund ab; zitternd steigt die heisse Luft über den Steindächern auf. Ob wohl hier noch kein Maler vorbeigegangen ist?

Auf schmalem Weglein ziehen wir durch Wald und Wiesen wieder Grächen zu. Unterwegs windet sich der Pfad durch ein gewaltiges Bergsturzgebiet hindurch; in lustigen Ränken führt er um hausgrosse Felsblöcke und tiefe Löcher herum über den Schuttkegel. Ein halber Berg, vom Gabelhorn heruntergestürzt, liegt hier in Trümmern. Doch « neues Leben blüht aus den Ruinen », denn das ganze Gebiet ist von dicken, alten Lärchen bewachsen, die ihre Wurzeln in jede Ritze und Spalte der moosbedeckten Gneisblöcke treiben. Der Bergsturz muss demnach schon sehr alt sein; doch wie lange erfreut sicn wohl die neue Vegetation ihres Daseins? Das Gabelhorn ist ein unsicherer Geselle und schmettert alljährlich seine derben Grüsse hernieder.

Wer weiss, wann die eine Hälfte seines gegenwärtigen Gipfels in die Tiefe stürzt und Wald und Weide begräbt!

Nach einem halbstündigen Marsch von Gasenried aus ziehen wir wieder in Grächen ein und haben so unsern Rundgang beendet.

Die Hannigalp.

Doch wir wollen auch die weitere Umgebung kennen lernen; wandern wir zuerst zur Hannigalp. Der Weg führt in östlicher Richtung schrägan, und schon nach einer Viertelstunde ist die erste Steilstufe erreicht. Zur Rechten liegt, durch einen alten, dem Hange nach sich ziehenden Moränenwall gestaut, ein kleiner See, der Grächensee. Meist ist seine Oberfläche ganz ruhig; dann spiegeln sich die Spitzen der Weisshorngruppe in seinem klaren Wasser so deutlich ab, dass man jeden Grat und jede Gletscherspalte deutlich erkennen kann. Das sagenumwobene Seelein liegt in prachtvoller Umgebung, und es ist nicht von ungefähr, dass der schweizerische Gesandte in Rom, Herr Minister Wagniere, Ehrenbürger von Grächen, gerade hier sein Sommerhaus aufgestellt hat.

Auf unserm Weitermarsch gelangen wir, immer dem guten Hannigalpweg folgend, durch den lichten Lärchen- und Arvenwald rasch in die Höhe.Von Zeit zu Zeit erhaschen wir durch Waldlichtungen einen Blick nach den Berner Alpen, unter denen wiederum besonders das Bietschhorn dominiert. Nach anderthalb Stunden stehen wir auf einer ausgedehnten, blumenbesäeten Weide, die in sanfter Steigung zu einem Kulminationspunkt führt; hier steht neben niedrigen Hütten eine sinnige Kapelle, die im Sommer von Ziegen und Schafen, im Winter von den wenigen Hasen und Füchsen, die sich vor den Wilderern zu retten vermochten, besucht wird. Die Weide heisst Hannigalp und liegt etwa auf 2100 Meter; sie wird Ende Juli nur für kurze Zeit mit Grossvieh bestossen; während der übrigen Zeit der Sommermonate treibt sich zappliges Schmalvieh an den waldigen Hängen ober- und unterhalb der Hannigalp umher.

Die Hannigalp ist eine Aussichtswarte, die ihresgleichen sucht. Sie bietet vor allem einen unmittelbaren Einblick in die Gebirgskette im Westen, vom Weisshorn über die Barrhörner und das Schwarzhorn bis zu den Ausläufern, die sich ins Rhonetal hinunterziehen. Im Norden fällt der Hang steil hinunter nach Stalden und lässt einen freien Blick nach Visp und über die Rhone hinüber an die Südhänge des Lötschberges. Auf der Hannigalp endigt der Felssporn, der sich von der Mischabelgruppe über Balfrin, Gabelhorn und Seetalhörner nach Norden zieht. Folgt man dem Fussweg, der sich um diesen letzten Felssporn herumzieht, so steht man unversehens hoch über der Saaservisp und kann das Saastal in seiner ganzen Länge überblicken. Hier und dort, kaum erkennbar, kleine Häusergruppen im Talgrund und im Südosten leuchtet das Schnee- und Gletschergebiet der Weissmiesgruppe. Im Nordosten dagegen erkennt man in blendendem Vollicht, fast ohne Schattierung, die Riesen des Jungfrau- und Finsteraarhorngebiets, aus denen sich ein mächtiger Eisstrom, der Aletschgletscher, herauswälzt.

Wer gern seinen Kletterkünsten frönt, für den ist die Hannigalp Ausgangspunkt für eine lange Gratkletterei über kleine und grosse Furgge, Wannihorn, Seetalhörner zu den Zähnen des Gabelhorns und weiter bis hinauf zum 3248 Meter hohen Blockgipfel des Platthorns. Die Nomenklatur der Siegfriedkarte stimmt hier in vielen Fällen nicht mit der ortsüblichen Bezeichnung der Gipfel und Übergänge überein, was weiter nichts auf sich hat, da man sich — gutes Wetter vorausgesetzt — nach den markantesten Gipfeln überall gut orientieren kann. Aber eine Gratkletterei in diesem Gebiet ist beschwerlich; stundenlang kann man über ungeheure Trümmerfelder, bestehend aus Gneisblöcken jeden Formats, klettern und kommt doch nicht vom Fleck. Die zerklüfteten Blockgräte sind zudem nicht ungefährlich, denn fast jeder Block ist lose, und wenn man nicht vorsichtig geht, so kann man unversehens mit einer Steinlawine in die Tiefe fahren. Die Aussicht aber ist infolge der isolierten Lage des Grates nach allen Seiten offen und umfassend. Von ganz besonderer Pracht ist der Blick vom Platthorn zur Mischabelgruppe; der Gipfel des Doms ist zwar versteckt, dafür bieten sich aber Balfrin und Nadelgrat um so vorteilhafter.

Doch kehren wir nach der Hannigalp mit ihrem weithin sichtbaren Kirchlein zurück! « Droben stehet die Kapelle, schauet still ins Tal hinab... » Wuchtig steigen die Wolken am Nachmittag aus dem Nikolaital empor, bilden über der Kapelle gigantische, geisterhafte Ungetüme und werden in der Höhe vom Westwind nach Osten geblasen. Auf ihrem Wege verdunsten diese Wolkenschiffe zu nichts, noch ehe sie den jenseitigen Talhang erreicht haben. Werden, Sein, Vergehen, ein flüchtiges Spiegelbild alles Naturgeschehens! Die Hannigalpkapelle aber steht Sommer und Winter in dieser einsamen Höhe und hält Zwiesprache mit Wind und Wolken.

Ein schöner Tag auf der Hannigalp aber wird zu einem Jungbrunnenbad für Seele und Körper, zu einem Erlebnis, das bleibt.

Am Riedgletscher.

Statten wir nun auch dem Gebiet des Riedgletschers noch einen Besuch ab! Wir benützen beim Hinmarsch eine der vier Wasserleitungen, die sich von Grächen aus dem Hange nach ziehen und diesem in jede Runse und Falte hinein folgen. Jeder Wässerfuhre nach führt ein schmales Weglein, auf dem man ohne wesentliche Steigung bis hinein zum Riedbach gelangt, der die Wasserleitungen speist. Oft allerdings wird das Weglein schmal, und wer allzu oft oder zu lange nach den weissen Firnen des Brunegghorns hinauf-blinzelt, dem kann es begegnen, dass er einen Schuh voll kalte Gletschermilch aus der Wasserleitung ziehen muss.

Der Riedbach ist ein launiger Geselle. Am Morgen lässt er den ahnungslosen Wanderer auf gutem Steg trockenen Fusses übersetzen; nachmittags aber, nachdem die Sonne dem Riedgletscher allzu sehr zugesetzt hat, wird er wütend, überflutet Brücke und Steg, wälzt grosse Steine einher und versperrt dem verblüfften Spaziergänger den Rückweg.

Jenseits des Baches steigt der Hang jäh empor; in einer grossen Schleife führt uns ein neuer Saumweg bergan, und nach einer Stunde erreichen wir eine kleine, ebene Matte, die zwischen steilen Felsen und der linken Seitenmoräne des Riedgletschers eingebettet liegt, die Schallbettalp. Bis jetzt konnte der Berggänger hier — auf etwa 2000 m Höhe — in einer alten Geisshütte für eine Nacht kärgliche Unterkunft finden, wenn er am folgenden Tag eine Bergfahrt auf den Nadelgrat oder den Balfrin unternehmen wollte. Seit dem Herbst 1927 steht nun aber die von der Sektion Genf S.A.C. etwa zweieinhalb Stunden weiter oben erbaute Clubhütte zur Verfügung. Sie liegt auf 2980 m am Fusse des kleinen Bigerhorns und trägt, nach ihrem Stifter, den Namen Bordierhütte. Man erreicht sie am besten, indem man von der Schallbettalp aus dem neu erstellten Fussweg über Moräne und steile Schutthalden folgt, oberhalb des grossen Eissturzes den Gletscher überquert und die Felsen am Fusse des kleinen Bigerhorns erklettert. Die Hütte liegt in prachtvoller Umgebung und wird ein vielbenützter Stützpunkt für Turen im Mischabelgebiet werden. Sie ist von Grächen aus in etwa vier, von St. Nikiaus aus in 5—6 Stunden erreichbar. Das Nadelhorn, der meistbesuchte Gipfel des Nadelgrates, kann von der Hütte aus über den Riedgletscher und das'Wind-joch je nach Verhältnissen in 4 1/2—6 Stunden bestiegen werden. Durch diese neue Hütte ist das Gebiet nördlich des Windjochs, das bis jetzt wenig begangen wurde, neu erschlossen worden. Sie bildet eine glückliche Ergänzung der Mischabelhütte jenseits des Windjochs und wird auch im Winter einen beliebten Stützpunkt für Skifahrten im obern Riedgletschergebiet werden.

Es ist nur zu hoffen, dass sich der neue Weg zur Hütte bewährt, was nicht so ganz sicher ist; denn einmal führt er auf langer Strecke durch eine steile Schutthalde, die — zumal im Frühjahr — Rutschungen und Verschiebungen erleiden kann; ferner muss der Riedgletscher überquert werden, was ja immer eine gewisse Gefahr, besonders bei Nebel, in sich birgt. Die Grächener schlugen eine andere Lösung vor; sie wollten den Weg auf dem rechten Ufer des Riedgletschers anlegen. Er sollte hoch über Gasenried vorbei, westlich um das Ferrichhorn herum und ohne Überquerung des Gletschers direkt zur Hütte führen. So wäre Grächen der eigentliche Ausgangspunkt geworden, und diese Lösung hätte den Vorteil einer viel schöneren Aussicht während des Aufstiegs geboten. Doch das Projekt unterlag.

Noch manches schöne Ausflugsziel wäre zu nennen, wie z.B. der Spaziergang nach dem waldumrahmten Hohtschuggen hoch ob Stalden oder der Aufstieg auf den nördlichen Ausläufer des Nadelgrates, kurz « Grat » genannt, von dem aus sich das Matterhorn und die Weisshorngruppe besonders schön zeigen. Doch kehren wir jetzt zurück nach Grächen zu seinen freundlichen, sympathischen Bewohnern!

Das Volk.

Bereits haben wir auf all unsern Spaziergängen Bekanntschaft mit dem werktätigen Volk gemacht. Anfänglich eher ausweichend und schüchtern, werden die Leute bei öfterem Zusammentreffen mit Fremden gesprächig. Es ist merkwürdig, wie gern sich der sonst so arbeitsame Bergbauer zu einer Plauderei verführen lässt; und hat man einmal einige Worte mit ihm gewechselt, so steht man bald in einem freundschaftlichen Verhältnis zueinander.

Aber auch die Frauen sind trotz ihrer schweren Arbeit keineswegs verschlossen, sondern eher mitteilsam; in dieser Beziehung unterscheiden sie sich also wenig von der modernen Frauenwelt. Dagegen ist ihr Kleid wesentlich von demjenigen der Städterin verschieden. Zwar ist die alte Walliser Tracht mehr und mehr im Verschwinden begriffen. Man sieht sie nur noch vereinzelt bei ältern Frauen als Sonntags- und Festkleid. Das ist eine Erscheinung, die im ganzen Nikolaital zu beobachten und hauptsächlich auf den Fremdenverkehr sowie auf die Einfuhr billiger Fabrikstoffe zurückzuführen ist. Mit der Einheitlichkeit der Frauentracht, wie sie etwa noch im Val d' Anniviers oder in Evolena vorkommt, ist es also in Grächen vorbei. Ein einfacher Rock aus dunklem Stoff und ein weisses oder farbiges Kopftuch — auch bei kleinen Mädchen — ist das gewöhnliche Sonntagskleid.

Unter den Männern finden sich wahre Prachtsgestalten. Der Walliser ist ja überhaupt ein gesunder, kräftiger Menschenschlag von hohem Wuchs und flotter Statur. Bis ins hohe Alter trägt er ein frisches Aussehen und, was einem besonders auffällt, das sind die gesunden, lückenlosen Zähne. Hohes Alter ist eine häufige Erscheinung; in dieser Beziehung scheint aber doch im Laufe der Jahrhunderte eine gewisse Änderung eingetreten zu sein. Thomas Platter schreibt nämlich in seiner Biographie:

« Meine Mutter hiess Anna Maria Summermatter. Sie hatte einen Vater, der 126 Jahre alt geworden. Ich selbst habe noch fünf Jahre vor seinem Tode mit ihm geredet. Er sagte, er kenne noch zehn Männer in Visp, die alle älter seien als er. Er heiratete eine dreissigjährige Tochter, als er hundert Jahre alt war und bekam von ihr noch einen Sohn. Er hinterliess Söhne und Töchter, deren etliche grau geworden, ehe er starb. Man hiess ihn nur den alten Hans Summermatter. » Auch Thomas Platter selber war übrigens nicht aus der Art gefallen: Im Jahre 1572 starb ihm nämlich seine Frau, mit der er 43 Jahre in glücklicher Ehe gelebt hatte. Und da er sich sehr einsam fühlte, heiratete er kurz darauf in seinem 73. Jahre eine brave Tochter, Esther Gross. Ihr Vater hiess Nikiaus Megander und war Pfarrer in Lützelflüh im Bernbiet. Sie schenkte ihm noch zwei Knaben und vier Mädchen: Madien, Thomas, Ursula, Nikiaus, Anna und Elsbeth. Er selber blieb bis in sein hohes Alter der gesunde, kräftige Mann, wie er es von seinen Verwandten im Wallis gerühmt hatte.

Hundertjährige gibt es zwar heute in Grächen keine mehr, aber der zähe, gesunde Menschenschlag ist geblieben.

Das Verschwinden der alten Trachten ist ein äusseres Zeichen für die Umgestaltung der wirtschaftlichen Verhältnisse in den letzten Jahrzehnten. Vieles muss noch vor 50 Jahren ganz anders gewesen sein; heute vermag nämlich der Boden die zahlreichen Bewohner nicht mehr zu ernähren. Man erzählt, dass früher viel weniger Leute geheiratet hätten als heute. Tatsächlich gibt es gegenwärtig in Grächen viele alte Leute, die ihrer Lebtag ledig waren. Aus zahlreichen Familien heiratete oft nur eines, so dass das elterliche Gut beisammen blieb. Heute ist das anders geworden; fast alle jungen Leute gründen Familien. Durch Erbteilungen werden die Güter immer kleiner und kleiner und können ihre Besitzer nicht mehr ernähren, besonders da ver- hältnismässig wenige bleibend auswandern. Jeder will auf seinem ererbten Gütchen bleiben, auch wenn er fast kein Auskommen sieht. Deshalb müssen sich viele Familienväter für Lohnarbeit umsehen; sie arbeiten als Maurer, Handlanger, Zimmerleute usw. irgendwo im Tal und führen so ein Wanderleben, das sie im Jahr oft nur einige Wochen während der strengsten Winterzeit in die Heimat zurückbringt. Von den etwa 150 stimmfähigen Männern der Gemeinde arbeiten fast die Hälfte ausschliesslich auswärts. Dadurch kommen andere Sitten und Gebräuche ins Dorf, aber auch mehr Geld und Wohlstand.

Wo aber auf kleinen Gütern grosse Familien leben, deren Oberhaupt keinen Nebenverdienst sucht, da ist Schmalhans Küchenmeister. Die Folge davon ist Unterernährung, Krankheit und Verschuldung. Es herrscht dann die gleiche Not wie in vielen andern schweizerischen Bergdörfern auch. Und wenn dazu auch noch Energie und Lebensmut erlahmen, ein gewisser Schlendrian und Sichgehenlassen einreissen, dann ist das Elend da; Schmutz und Unordnung sind dann der Nährboden für ansteckende Krankheiten und Siechtum. Zum Glück sind diese Fälle nicht so häufig.

Arbeitet aber der Mann auswärts, dann lastet die ganze Haus- und Landwirtschaft auf der Frau. Sie besorgt das Vieh, bringt die Heu- und Getreideernte ein, beschafft Stallstreue usw. Wie sie daneben noch Zeit für die Haushaltung und für die Besorgung der Kinder findet, ist ein Rätsel, zumal die Familien meist recht zahlreich sind. Ein Dutzend Kinder und mehr sind keine Seltenheit; dafür müssen die Kinder schon früh mithelfen, das tägliche Brot zu verdienen. Schon frühmorgens sieht man kleine Knirpse mit Milch-brenten und Tragkörben unterwegs; schulpflichtige Buben und Mädchen mähen wie Erwachsene und tragen zentnerschwere Heubürden ein. Schon der Säugling wird mit aufs Feld genommen; wie oft sieht man Frauen bergansteigen, in der Hand eine Strickarbeit, auf dem Rücken im Tragkorb das Jüngste tragend, während an ihrer Schürze mehrere andere Kinder hängen. Wehleidigkeit kennen solche Frauen nicht; auch keine Toilettensorgen. Ihr ganzes Dasein ist ausgefüllt mit strengster Arbeit und ihre hagere, sehnige Gestalt verrät zähe Kraft und Ausdauer.

Merkwürdig oft trifft man Taubstumme; an dieser Erscheinung mögen neben andern Ursachen zum Teil auch die vielen Verwandtschaftsheiraten schuld sein, bei denen oft solche Erbanlagen kumuliert werden. Man muss aber nicht glauben, dass diese Leute immer schwer unter ihrem Erbfehler leiden. Meist sind es, vor allem die Männer, recht zufriedene und zutrauliche Gesellen. Wenn man einem einmal eine Kleinigkeit geschenkt hat, so wird man ihn nimmer los. Aber wenn Du, lieber Freund, einem solchen armen Taubstummen einmal einen Stumpen geben willst, so tust Du vorsichtiger, ihm nicht das ganze « Bündli » zur Auswahl hinzuhalten; denn diese Naturkinder kennen keine Gesellschaftsformen und nehmen Dir mit Begeisterung und dankbarem Schmunzeln das ganze Päckli aus der Hand. Du aber wirst mit Recht sehr überrascht sein und Deiner Lieblingsmarke wehmütig aber vielleicht ohne Groll nachsehen.

Wie in vielen abgelegenen Bergdörfern, so sind auch hier Gebrechliche und Kranke oft übel dran. Obschon sie meist von ihren Angehörigen mit viel Liebe gepflegt werden, so fehlt es doch häufig an den notwendigsten Mitteln. Ärztliche Hilfe muss weit aus dem Tale herauf geholt werden, was nur in den allerschwierigsten Fällen geschieht. Man sieht denn auch öfters Leute mit allerlei Gebrechen wie Augenleiden, schlecht geheilten Knochenbrüchen usw., die bei sachgemässer Behandlung sicher zu heilen gewesen wären.

Volksfeste und gesellige Anlässe sind selten; das Jungvolk hat wenig Gelegenheit zu Geselligkeit und Tanz. Etwa Fastnacht wird gefeiert. Bemerkenswert an solchen Anlässen ist die originelle Musik; neben Handorgel und Klarinette bemerkt man besonders das alte Hackbrett, das ein junger Grächener meisterhaft zu spielen versteht. Eine solche Tanzmusik lässt sich immerhin recht wohl anhören und tönt für normale Ohren — verglichen mit dem Getute und Gekreisch eines modernen Jazzband-Orchesters — wie « Orgelton und Glockenklang ».

Wenn der ortsfremde Deutschschweizer — sei er Berner, Basler oder Zürcher — die Grächener unter sich reden hört, so versteht er anfangs kein Wort als etwa das stark nasale « Naa » ( Nein ). Nicht dass etwa besonders viele Lokalausdrücke verwendet werden; es sind mehr der eigentümliche Akzent und die vielen Nasallaute, besonders in Verbindung mit u und a am Wort-ende, die dem Fremden die Sprache unverständlich machen. Das ü des Berners wird gewöhnlich zum langgezogenen i oder y ( Chryter, Schür ), das r ist auffallend scharf und rollend, während s oft als sch ausgesprochen wird. Eine kurze alte Sage vom « Schlingstei » möge hier als Mundartprobe dienen:

« Vor altu Zyttu sy amal a Famili gsy, die oft us ar Mattu, wa an grossi Dola gsy sy, Ramschfedre und Scherlicha fer d's Veh z'hirtu gstämpft hei. Allimal wa schi dischi Chryter heint gsamlot, hei'sch sich immer Gott gi-daichot, dass er ne so guoti Chryter la waxu hei. Das Gottlobu heigi a Hex g'hört, und will'sch sus nit gäru ghört het, so sy'sch innu Wald gangu, a grossa Tschuggo ga reichu, fer nu in die Chryter-Dola z'werfu, dass kei Chryter meh z'berku sygi.

Wie schi darmit bis ob Werchgarte chon ischt, so sygidra a Ma bigegnet, der uber dischi schrecklich Burdi so erchlipft sy, dass er usgruofu hei: « Bo Jesus Maria, wa willst doch darmit? » So wie er dischi Wort g'seit heigi, so hei d' Hex der gross Stei miessu la fallu und hei nu nimme mögu g'mottu. » Die phonetische Wiedergabe der Sprache, besonders der vielen eigentümlichen Nasallaute, ist sehr schwierig. Offenbar weiss der Grächener selber, dass der Fremde Mühe hat, ihn zu verstehen; er spricht ihn deshalb sehr oft Schriftdeutsch an — auch Kinder fragen z.B.: « Kaufen Sie Heidelbeeren ?» — was besonders den Deutschschweizer immer eigentümlich berührt.

Jahrein und -aus lebt der Gebirgler inmitten der rauhen Bergwelt; täglich wirkt die Gewalt der Naturkräfte auf seine Seele ein: Steinschlag und Wildbach verheeren ihm Wald und Weide, die Lawine reisst ihm Stall und Stadel in die Tiefe, und seine Herde ist durch Absturz, Blitz und Steinschlag bedroht. Ts.g für Tag geht der Älpler seiner schweren Arbeit nach und misst seine schwachen Kräfte mit den zerstörenden Naturgewalten. Selten wird sein mühevolles Tagewerk durch Lustbarkeiten und Zerstreuungen unterbrochen. Er hat Zeit, über die Ohnmacht des Menschen gegenüber der ge- waltigen Natur nachzudenken. Das sind die Gründe, warum die Bergbewohner meist einer tiefen Religiosität zugetan sind. Das ist auch in Grächen zu beobachten. Der katholische Glaube mit seinem Marienkultus und seiner Heiligenverehrung bietet den Bewohnern Zuflucht und täglich neue Zuversicht für ihre schwere Arbeit. Obschon der Andersgläubige vieles an den katholischen Gebräuchen nicht begreift, so zwingt ihm doch die tiefe Ergebenheit, mit welcher jung und alt, reich und arm der Kirche zugetan sind, Achtung und Ehrfurcht ab. Durch viele mit Liebe und Sorgfalt gepflegte Kapellen und zahlreiche Kruzifixe wird der Gläubige auf Schritt und Tritt an seine Pflichten erinnert. Der Fremde aber empfindet diese kleinen, einfachen Bauwerke als etwas zur Landschaft Gehörendes, aus dem Boden Ge-wachsenes. Man kann sich ein Walliser Bergdorf nicht ohne Kreuz und Kapelle vorstellen; sie ergänzen das Landschaftsbild und geben ihm den stimmungsvollen Vordergrund.

Man wird begreifen, dass in Grächen trotz dem Verschwinden der alten Trachten und manches alten Brauches noch ein ausgesprochener Hang zum Althergebrachten, Bodenständigen wahrzunehmen ist. Ohne diesen konservativen Geist wäre ja die Erhaltung manches reizenden alten Dorfbildes und manches alten Brauches in unsern Bergtälern unmöglich gewesen. « So hat es der Grossvater gemacht, so machen wir es auch », heisst es etwa. Gegen Neuerungen technischer oder volkswirtschaftlicher Natur ist man sehr zurückhaltend und misstrauisch. So erzählt man, dass die Einführung des Telephons auf grosse Gegnerschaft stiess; ein Bauer habe allen Ernstes die Meinung vertreten, es sei wohl möglich, dass das Telephon bergauf schneller sei als ein Fussgänger; aber bergab, etwa nach Stalden hinunter, wolle er ihm zu Fuss noch zuvorkommen.

Wohnhaus und Wirtschaftsgebäude.

Da der Bauer von Grächen das ganze Jahr in der gleichen Wohnung lebt, so baut er sein Haus möglichst in die Nähe der Güter. Selten sieht man ein alleinstehendes Wohnhaus; immer ist es von mehreren Wirtschaftsgebäuden umgeben, die sich malerisch um das Hauptgebäude gruppieren.

Das Wohnhaus selber ist aussen eher nüchtern, wie ja das Walliser Haus im Vergleich zum Berner Oberländerhaus überhaupt. Das Lärchenholz, aus dem es gezimmert ist, wird mit dem Alter auf der Sonnseite ganz dunkelbraun, oft vollständig schwarz. Das düstere Aussehen wird etwas gemildert durch die weissen Fensterrahmen und vor allem durch einen prachtvollen, einzigartigen Blumenschmuck auf den Fenstersimsen. Ältere Häuser tragen etwa auch spärliche Schnitzereien.

Der Bau zerfällt meist in zwei Teile: Nach der Sonnseite gelegen das « Vorhus » mit Stube und Kammer, mehr nach Norden abgekehrt das « Nahhus » mit Küche, Treppenhaus und Abort. Wenn die Treppe ausserhalb des Hauses angebracht wird, was besonders bei älteren Häusern der Fall ist, so mündet sie in jedem Stockwerk auf eine kleine Laube. Früher wurde alles aus Holz gebaut, weil man glaubte, Steinhäuser seien im Winter viel zu kalt. Als aber das Bauholz rar wurde, fing man an, das Nachhaus aus Stein zu bauen, und zwar mit unheimlich dicken Mauern. In neuerer Zeit baut man sogar vollständige Steinhäuser; denn die Grächener merkten, dass sie das idealste Baumaterial, sehr gut spaltbare Gneisblöcke, in der nächsten Nähe hatten. Manche Ortschaft könnte sie um diese Bausteine beneiden. Auch das Dach, das früher ein Schindeldach war, ist heute bei vielen Häusern dem solideren Steindach gewichen.

Das Wohnhaus umfasst gewöhnlich mehrere Stockwerke; meist hat aber jedes Stockwerk oder jeder « Umgang », wie die Grächener sagen, einen andern Ofenecke.

Eigentümer. Die Häuser zeigen also nicht, wie in manchen andern Walliser Dörfern, vertikale, sondern wagrechte Einteilung. Mieter gibt es wenige; fast jeder Bewohner hat Eigentumsrecht an einem « Umgang ». Ein elterliches Haus wird oft nach dem genannten Prinzip unter Geschwister verteilt.

Die Zimmer sind gross und geräumig, besonders die Stube. In der Decke ragen mehrere dicke, mit Inschriften versehene Balken hervor. An der Wand, welche die Küche abtrennt, steht ein grosser Steinofen mit Steinsitz oder hölzerner Ofenbank ringsherum. Die Kammer neben der Stube ist kleiner und dient meist als Schlafzimmer für die Kinder.

Ein heimeliger Raum ist die Küche; hier nimmt die Familie tagsüber ihre Mahlzeiten ein, und bei schlechtem Wetter dient sie den Kindern auch als Wohnraum; also eine Art Wohnküche. In ältern Häusern wird auf einer grossen Steinplatte, « Trächa » genannt, gefeuert. Die Kochgeschirre hängen an Sparren oder Ketten über dem offenen Feuer oder werden auf eiserne Dreifüsse gestellt. Als Rauchfang dient der « Chemimantel », der den Rauch in den Kamin leitet. Neuere Häuser besitzen nun auch den modernen Feuerherd aus Stein oder Eisen.

Neben dem Wohnhaus steht der Speicher; er dient zur Aufnahme von allerlei Vorräten wie Fleisch, Käse, Brot, Mehl usw.; auch Kleider, Tuch und dergleichen werden etwa hier versorgt. Zum Schutz vor Mäusen und sonstigem Ungeziefer steht er auf Stadelbeinen, die an ihrem obern Ende grosse horizontale Steinplatten tragen.

Feuerherd und Kochgeschirre.

Der eigentliche Stadel, ebenfalls auf mehreren Füssen stehend, beherbergt das Getreide. Während der Speicher immer beim Wohnhaus gebaut wird, stehen die Stadeln in der Nähe der Kornäcker und sind deshalb über die ganze Terrasse zerstreut. In der Mitte des innern Stadelraumes befindet sich ein breiter Gang, die Tenne, zu dessen beiden Seiten die Aufbewahrungsräume für das Getreide abgetrennt sind, unten das « Unterschoss », oben die « Briege ». Beim Einbringen der Ernte werden die Ähren an den Seitenwänden der Tenne ausgeschlagen und dann in den Seitenverschlägen versorgt. Erst im Herbst und während des Winters wird dann das Gewächs in der Tenne mit Flegel endgültig ausgedroschen.

In der Scheuer, einem weiteren Wirtschaftsgebäude, wird das Heu eingelagert. Stall und Scheuer sind gewöhnlich in der Weise vereinigt, dass ersterer im gemauerten Erdgeschoss der Scheuer Platz findet. Da die Grundstücke eines Gutes meistens nicht alle beieinander liegen, so werden auch auf abgelegene Wiesen Scheuern gebaut, damit das Heu nicht zu weit getragen werden muss.

Infolge der häufigen Erbschaftsteilungen in kleine und kleinste Teile sind die Grundstücke vielerorts derart auseinandergerissen worden, dass ein Eigentümer oft ein halbes Dutzend oder mehr weit auseinanderliegende Güter besitzt. Welch ungeheure Mehrarbeit dies verursacht und welch komplizierte Verhältnisse dadurch in bezug auf Wasser- und Wegrechte entstehen, ist fast nicht auszudenken. Eine Güterzusammenlegung wäre da eine ungeheure Wohltat; aber dabei müssten allerlei Widerstände und Schwierigkeiten überwunden werden.

Eintragen des Getreides.

Naturalwirtschaft.

Wo der Grund und Boden eines kleinen Gutes eine ganze Familie ernähren muss, weil keine Einkünfte aus Verkauf von Produkten oder aus Arbeit fliessen, da ist man noch auf ausgesprochene Naturalwirtschaft angewiesen. Denn das Geld ist einfach nicht vorhanden, um Spezereien und dergleichen zu kaufen. Brot, Kartoffeln, Käse, Milch und getrocknetes Fleisch bilden dann die Nahrung. Das spärlich wachsende Gartengemüse spielt nur während der spätem Sommermonate eine nennenswerte Bereicherung des Speisezettels.

Früher soll in Grächen weit mehr Getreide gepflanzt worden sein als heute; man erzählt, es sei sogar Korn ausgeführt worden. Auch heute noch schafft der grösste Teil der Bevölkerung seine Brotfrucht selber. Es wird meist nur Roggen, im Volksmund « Chore » genannt, angebaut; das Gewächs reift etwa anfangs August und wird dann mit Sicheln geschnitten. Fast die Hälfte des Strohs bleibt als Stoppeln auf dem Felde und dient diesem als Dünger. Die kurzen Garben werden in die grossen « Choretüecher » gebunden, damit keine Körner verloren gehen, und in den Stadel getragen; dies ist an den steilen Hängen oft eine sehr beschwerliche Arbeit. Schon bald nach der Ernte gräbt man den Stoppelacker um, damit er im September wieder die neue Saat aufnehmen kann.

Dem Besucher Grächens fallen schon am ersten Tag die vielen alten Mühlen auf, von denen allerdings die meisten nicht mehr im Gebrauch sind. Der Antrieb des Mühlsteins erfolgt durch eine Art Turbine einfachster Bauart: Ein vierkantiges, dickes Holzrohr leitet das Wasser mit einem Gefälle von etwa vier bis sechs Metern dem an senkrechter Achse laufenden Rad zu.

Druckleitung einer Mühle.

Aus einer kleinen Öffnung des Druckrohres, einer Art Düse, spritzt das Wasser auf die Schaufeln des Rades; diese stehen als einfache, senkrechte Brettchen auf der Radfelge. Durch direkten Antrieb wird der obere Mühlstein ( Läufer ) gedreht und bringt auch die Nebeneinrichtungen in Gang. Die Bauart der Mühlen ist jedenfalls Jahrhunderte alt und nicht von studierten Technikern erfunden worden. Sie ist ein altes Erbgut, das vom praktischen Sinn und von der geschickten Hand der Vorfahren zeugt.

Fast bei allen ältern Häusern bemerkt man einen steinernen Backofen, der meist aussen an das Nachhaus angebaut ist. Oft benützen mehrere Familien den gleichen Ofen, der denn auch etwa irgendwo im Freien steht und mit einem einfachen Bretterdach geschützt ist. Alle ein bis zwei Monate wird gebacken. Für eine mittlere Familie braucht man etwa sechs Fischi Mehl, das sind etwa 140 Liter.

Das bekannte Walliser Brot, ein sehr dunkles aber schmackhaftes « Tätsch-brot », wird im Speicher oder im Keller auf der « Brotleitera » aufbewahrt und erreicht oft ein ganz ansehnliches Alter; es ist dann auch ordentlich zäh und spielt deshalb jene wichtige Rolle für die Gesundhaltung der Zähne.

An Festtagen wird etwa das sogenannte « Mutzbrot », ein süsses Gebäck aus Weizenmehl, gegessen.

Neben dem « Chore » sind die Kartoffeln das wichtigste Volksnahrungs-mittel; sie gedeihen trotz der ansehnlichen Meereshöhe ausgezeichnet und werden mit grosser Sorgfalt gepflegt. Stets sieht man beim Kartoffelacker Die Mühle.

auch die hohen Stauden der Gross- oder Saubohne. Obschon diese eigentlich für das Vieh gepflanzt wird, kommt es doch auch etwa vor, dass dem Roggenmehl beim Verbacken auch Bohnenmehl beigefügt wird.

Hafer und Gerste sind selten und dienen als Viehfutter.

Daneben spielen natürlich auch die Milchprodukte, besonders Milch und Käse, eine wichtige Rolle für die Ernährung. Die Viehhaltung ist zwar nicht gross; es gibt keine Grossbauern. Ein bis drei Kühe, etwas Jungvieh, einige Ziegen und Schafe sind so der Normalbestand. Im Sommer hat jeder Bürger das Recht, ein Stück Grossvieh auf die Alp zu treiben, denn alle Alpen sind Gemeingut. Zuerst kommt die Herde auf das « Ebnet », einer grossen Weide auf etwa 1800 m Höhe, dann zwei bis drei Wochen auf die Hannigalp und schliesslich wieder acht bis vierzehn Tage ins « Ebnet ». Während dieser Zeit wird die Milch verkäst; sie wird an zwei Tagen gemessen und der Käse-ertrag im Herbst nach Massgabe der Milchmenge auf die Eigentümer der Kühe verteilt.

Neben diesen eigentlichen Alpen besitzt Grächen ein ausgedehntes Allmendgebiet, bestehend aus den steilen, mit viel Unterholz bewachsenen Hängen unterhalb des Plateaus sowie besonders auch aus den Berghängen oberhalb der Waldgrenze. Diese Allmende gehört den ganzen Sommer den Ziegen. Wer kennt sie nicht, die prachtvollen Walliser Ziegen? Sie sind die einzigen Bewohner Grächens, die noch eine alte, einheitliche Kleidertracht besitzen: vorne schwarz und hinten weiss. Sie werden auch etwa « Schwarzhalsi » genannt. In ihrem Charakter, besonders in ihrem Verhalten gegenüber gefüllten Rucksäcken, unterscheiden sie sich durchaus nicht von andern Ziegenrassen, und die männlichen Exemplare — meist Prachtskerle — strahlen den gleichen Wohlgeruch aus wie andere Ziegenböcke auch.

Jede Haushaltung hat das Recht, einige Ziegen aufzutreiben; als Hüterlohn erhält der Ziegenhirt für jedes Stück im Sommer 6 Franken. Am Abend treibt er die Herde in einen gemeinsamen Stall nahe beim Dorf, wo die Tiere von ihren Besitzern gemolken werden können.

In ähnlicher Weise werden die Schafe während des Sommers zu einer Herde vereinigt. Bis etwa Mitte Juni weiden sie an den Hängen unterhalb des Dorfes, dann treibt man sie in die Berge, weit über die Waldgrenze hinauf in das Trümmergebiet der grossen Furgge und der Seetalhörner. Hier sind sie Brotleiter.

sich selber überlassen; nur von Zeit zu Zeit bringt man ihnen an bestimmte Stellen Salz, das sie mit Begier auflecken. Erst im Herbst holt man die verwilderte Herde herunter und entraubt die Tiere ihrer Wolle, nachdem man sie im Brunnen gewaschen hat. Die Schafschur wird im ganzen Dorf gleichzeitig vorgenommen, und der Tag gilt als eine Art Festtag. Das Schaf spielte jedenfalls früher für die Nahrung und Kleidung eine viel wichtigere Rolle als heute.

Kurz vor Neujahr wird geschlachtet; ein bis zwei Schafe oder eine Ziege, etwa ein « Schwinggi » ( Schwein ) und — wo es angeht — eine Kuh oder ein Kalb müssen dran glauben. Der Familienvater oder ein älterer Sohn machen den Metzger selber. Das viele Fleisch gelangt einige Tage ins Salz und wird nachher im Speicher an der Luft getrocknet; so lässt es sich lange aufbewahren, und die Familie kann dann das ganze Jahr davon zehren. Das luftgetrocknete Rindfleisch wird zum Genusse ähnlich wie das Bündnerfleisch sehr dünn geschnitten und ist sehr schmackhaft. Auch die Schinken werden, statt geräuchert, an der Luft getrocknet.

In der Kleidung ist der Grächener heute, wie schon eingangs erwähnt, weniger Selbstversorger. Immerhin wird noch hier und dort Wollstoff aus Schafwolle hergestellt. Die Wolle, zu grobem Garn gesponnen, ergibt ein sehr warmes und solides Gewebe, eine Art Landtuch, das vor allem für Männerkleider Verwendung findet.

Eine besondere Spezialität bildet die Herstellung von gewobenen farbigen Bettdecken aus Schafwolle. Die schwarzen Teile werden selbst gefärbt, während die farbigen Einschläge zugekauft werden müssen. Es unterliegt keinem Zweifel, dass sich diese Deckenfabrikation bei entsprechender Reklame zu einer Art Heimindustrie auswachsen könnte.

Bewässerungsanlagen.

Das Sorgenkind des Walliser Bergbewohners sind die Wasserleitungen, und da Grächen der niederschlagsärmste Ort der ganzen Schweiz ist, so sind die Bewässerungsanlagen für diese Gegend von grösster Bedeutung. Im Pfarrhaus befindet sich seit Jahren eine Wetterbeobachtungsstation; hier hat man in letzter Zeit immer ein jährliches Niederschlagsmittel von nur 50 bis 55 Zentimeter gemessen, während die Regenhöhe schon im Tal unten fast einen Meter beträgt. Tatsächlich kann man im Sommer sehr oft beobachten, wie es im gegenüberliegenden Jung- und Augstbordtal stundenlang regnet, während in Grächen nur einige wenige verwehte Tropfen fallen. Für Sommerfrischler ist ja diese Erscheinung sehr angenehm, für den Bergbauer dagegen kann sich diese Trockenheit zu einer furchtbaren Plage gestalten. Deshalb werden auch in Grächen seit alters Bewässerungseinrichtungen unterhalten und mit grosser Sorgfalt gepflegt. Ohne diese künstliche Wasserzufuhr müssten Wiesen und Äcker im Sommer unter grosser Dürre leiden; dies beweisen am besten diejenigen Grundstücke, die nicht bewässert werden können.

Die Grächener erzählen sich über die Entstehung der Wasserleitungen eine heitere Legende: Als der Herrgott den Regen verteilte, habe er auch die Leute von Grächen fragen lassen, welches Quantum sie möchten. Der Rat der Ältesten habe ihm jedoch zur Antwort gegeben, ihre Güter seien so zwischen Wäldern und Steinen zerstreut, dass es dem Herrgott wohl schwer fallen könnte, überall mit Regen hinzukommen; sie möchten also der Sicherheit halber selber wässern. Und der Herrgott liess den Grächenern ihren Willen.

Über die Walliser Bewässerungsanlagen sind schon Bücher geschrieben worden; doch bietet jede Gegend in dieser Beziehung wieder Besonderes, und jedes Wasser hat seine Eigenart.

Man unterscheidet in Grächen zwei Wässerungssysteme: die sogenannten « Brunnen » und das Gletscherwasser. Die ersteren sind Quellen, die an verschiedenen Orten, besonders oberhalb des Dorfes, aus dem Boden hervorsprudeln und das ganze Jahr fliessen. Dieses klare Quellwasser dient den Bewohnern sowohl als Trinkwasser wie auch als Wässerwasser, das den Grundstücken in weitverzweigten Grabensystemen zugeführt wird. Die eigentliche Bewässerung geschieht dadurch, dass die Kanäle an verschiedenen Stellen durch grosse Steinplatten oder durch Eisenplatten — « Wässerscheiben » genannt — gestaut wird, wodurch sich das Wasser über die Matte ergiesst. Solche « Brunnen » sind vor allem der « Kilchbrunnen » und das « Seewasser ». Letzteres bildet den schon erwähnten kleinen, reizenden See oberhalb Grächen. Er wird gewöhnlich in der Nacht gestaut, damit tagsüber mehr Wasser zur Verfügung steht. « D'r See b'scheiba » heisst, den Seeausfluss stauen. So gibt es eine ganze Anzahl Quellen, die den verschiedenen Grundstücken zugeteilt sind. In der Regel hat jeder Grundbesitzer immer am gleichen Wochentag das Recht auf eine Anzahl Wässerstunden. Beim Verkauf eines Landstückes wird das Wasserrecht gewöhnlich mitverkauft.

Diese Quellen würden aber nicht ausreichen, die ausgedehnten Wiesen und Äcker alle zu bewässern. Deshalb wird in vier verschiedenen, parallel dem Hange nach führenden Leitungen auch Wasser aus dem Riedbach, dem Abfluss des Riedgletschers, hergeleitet. Das Gletscherwasser ist besonders geschätzt, da der mitgeführte feine Sand und Schlamm die Wiesen zugleich auch düngt.

Jede Leitung trägt ihren Namen und hat ihre Geschichte. Die oberste heisst « Eggeri » und bewässert besonders die Gegend oberhalb Eggen. Die « Kilcheri », die zweitoberste Leitung, fliesst in die Gegend der Kirche; die « Dryeri » besteht aus drei Wassern, denn ein Drittel zweigt für Gasenried ab, und zwei Drittel fliessen nach Grächen. Die unterste endlich führt nach Binnen und heisst deshalb die « Binneri ».

In einem mit Steinen eingedämmten Graben, der « Aschöpfi », wird jedes Wasser kurz unterhalb des Gletschertores vom Riedbach abgeleitet. Zuerst gelangt es in die « Arche »; das ist ein mit dicken Balken in den Hang hinein- Arche.

gebauter, rechtwinkliger Behälter, in welchem das Wasser alles Geschiebe und Geröll zurücklassen soll. Sowohl die « Aschöpfi » als auch die « Arche » müssen während der Wässerung fast täglich nachgeschaut und gereinigt werden. Von der « Arche » weg fliesst das Wasser durch Wald und Flur dem Hange nach bis zum « Teilholz »; dies ist ein quer in die Leitung eingebautes Brett mit zwei genau gleich grossen, keilförmigen Öffnungen, durch welche das Wasser in zwei Hälften, in das vordere und äussere Wasser, geteilt wird; das letztere fliesst bei allen vier Leitungen in den nördlicheren Teil der Gemeinde, während das vordere Wasser mehr die südlichen Matten begiesst.

Jeder Leitung steht ein Wasservogt vor; er sorgt dafür, dass die Leitung im Frühling ausgebessert und gereinigt wird. Dies geschieht im « G'mein-werch ». Den Teilnehmern wird die Arbeit je nach Leistung verrechnet; sämtliche Unkosten werden auf die Zahl der Wässerstunden verteilt.

Der Tag zählt 16 Wässerstunden; jeder Berechtigte erhält je nach Grösse und Lage der Grundstücke eine bestimmte Anzahl Stunden zugeteilt. Sind alle einmal an der Reihe gewesen, so ist « der Chehr um », d.h. es wird wieder von vorne begonnen. Ein solcher « Chehr » dauert z.B. bei der « Eggeri » acht Tage, bei der « Kilcheri » elf Tage usw. Dabei werden aber Sonn- und Feiertage nicht gezählt, so dass die Abzählung der Reihenfolge oft gar nicht so einfach ist und manchen, der dieser Rechnung zu wenig Aufmerksamkeit schenkt, um sein Wässerwasser bringt. Denn jeder Berechtigte muss sein Wasser selber « holen », d.h. er muss selbst für die Zuleitung sorgen. Wer beispielsweise das erste Wasser des Tages hat, der muss am frühen Morgen schon bei der « Aschöpfi » sein und das Wasser einleiten. Eine alte Regel heisst, dass derjenige, der dieses Recht beansprucht, am Riedbach sein muss, wenn die Sonne am jenseitigen Talhang « ins Holz schynt » ( in den Wald scheint ), ansonst er sein Recht verliert.

In Zeiten, wo der Riedgletscher wächst, kommt es etwa vor, dass das Wasser nicht mehr gefasst werden kann. Das ist für die Betroffenen ein wahres Unglück; denn im Hochsommer fliesst durch die Bachrunsen, die sich vom Gabelhorn herunterziehen, kein Wasser, und die « Brunnen » genügen bei grosser Trockenheit nicht.

Der Wald.

Alle Waldungen sind Gemeindebesitz; aber trotzdem sie sehr ausgedehnt sind — reichen sie doch vom Talgrund bis hinauf an die Waldgrenze, die hier auf 2400—2500 m liegt — stellen sie dennoch keinen so grossen Reichtum für die Gemeinde dar. Der Wald hat nämlich einen schlechten Bestand. Es scheint, dass früher mit dem Holzschlag unsinnig umgegangen worden ist, so wenigstens erzählen die alten Leute. Der Wald soll früher bis weit in das Dorf heruntergereicht haben; noch jetzt stösst man beim Graben oft auf Wurzelstöcke. Heute ist der Wald sehr licht und arm an grossen Stämmen. Glücklicherweise geht man jetzt in Grächen vorsichtiger mit dem Holz um. Jeder Bürger erhält von der Gemeinde nur für einen Umgang Bauholz und auch das nur gegen Bezahlung. Das Nachhaus darf nur noch aus Stein gebaut und das Dach muss mit Stein gedeckt werden.

Man könnte glauben, der Wald werde von der Natur selbst, durch Steinschlag, Wildbäche usw. dezimiert und zurückgedrängt. Dies trifft aber nur für bestimmte Gebiete zu. Wohl ist der ganze Wald mit Steintrümmern durchsetzt, aber es handelt sich da meistens um prähistorische Bergstürze.

Die Degeneration des Waldes hat noch einen andern Grund, der leider schwer zu beseitigen sein wird. Es ist das massenhafte Stallstreuesammeln durch die Gemeindebewohner. Vom frühesten Frühling bis in den späten Herbst wird viel Zeit verwendet, um diese Streue, hauptsächlich dürre Lärchennadeln, die den Waldboden und die Steinblöcke bedecken, zu sammeln. Mit kleinen Rechen gehen Frauen und Kinder, oft ganze Familien, ins Holz; jedes trägt die grosse « Tschifera » — einen Tragkorb — am Rücken, in welcher die Streue heimgeschafft wird. Ausserdem werden an bestimmten, im Winter leicht zugänglichen Stellen grosse Haufen aufgeschichtet. Diese kommen während des Sommers in Gährung — ähnlich wie die Heustöcke — und trocknen dann aus, so dass sie im Winter mit dem Schlitten heimgeholt werden können.

Durch den Entzug dieser Streue wird nun zweifellos dem Wald die natürliche Nahrung entzogen. Obschon das Sammeln von Laub und Nadeln sonst nur auf Waldwegen gestattet ist, hat man der Gemeinde Grächen erlaubt, auch auf dem übrigen Waldboden zu sammeln, weil die Bewohner keine Möglichkeit haben, auf andere Art Viehstreue zu beschaffen.

Ausserdem sind grosse Teile des Waldes von der Bartflechte, « Gragg » genannt, befallen. Man sieht Bäume, vor allem Arven und Tannen, die vollständig überwuchert sind und dadurch in ihrem Wachstum gehemmt werden oder sogar absterben. Und da Bergholz ohnedies langsam wächst, so ist der Schaden um so fühlbarer.

Trotz dieser offensichtlichen Schäden ist der Grächenwald etwas vom Schönsten, was die Gegend bietet; es ist zu hoffen, dass alles getan wird, um seine Grösse zu erhalten und seine Bewirtschaftung zu verbessern.

Wer das erstemal nach Grächen kommt, dem fallen besonders die altehrwürdigen Wegverhältnisse auf. Wohl führen überall den Hängen, Waldsäumen und Wasserleitungen nach die reizendsten Spazierwege; aber der Hauptverkehrsweg von Eggen über Grächen nach Gasenried und die Zugänge vom Tal herauf können nur als Saumwege angesprochen werden. Die Einheimischen nennen sie zwar « Strasse », aber es ist nicht möglich, auch nur mit einem zweiräderigen Karren zu fahren. Tatsächlich existiert denn auch in der ganzen Gemeinde kein einziges Fahrzeug, wenn man den Post-schubkarren, mit welchem etwa die Paketpost zu den nächsten Häusern gebracht wird, nicht als Fahrzeug bezeichnen will.

Zufahrtswege vom Tal herauf würden natürlich viel Geld kosten und könnten nur mit Hilfe von Bund und Kanton ausgeführt werden. Verschiedene Strassenprojekte werden seit Jahren erwogen; aber ihre Ausführung ist bis jetzt immer an der Rivalität der verschiedenen Nachbardörfer und Talschaften gescheitert. Eine fahrbare Verbindung mit dem Tal ist für Grächen die wichtigste Aufgabe der nächsten Zukunft. Es ist etwas Schönes um die abgeschlossene Bergeinsamkeit; aber aus ihr kann der Bergbewohner trotz aller Anspruchslosigkeit heute nicht mehr leben. Die neue Zeit verlangt neue Wirtschaftsformen; auch der Bergler muss nach neuen Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten trachten, er darf sich nicht von der übrigen Welt abschliessen. Nicht nur würde der Bau einer Verbindungsstrasse mit dem Tal für mehrere Jahre Arbeit und Verdienst in die Gemeinde bringen, sondern er würde für Handwerk und Landwirtschaft auch bessere Absatzmöglichkeit schaffen. Vor allem aber würde der Kur- und Ferienort Grächen von einer solchen Talverbindung profitieren. Seit einigen Jahren wird das Dorf mehr und mehr von Sommerfrischlern, meist einfachen Schweizerleuten, besucht; sie finden Unterkunft in Privatwohnungen oder in den drei einfachen Berggasthäusern ( Hotel Hannigalp, Pension Mischabel und Pension Alpenrose ). Es ist kein Zweifel, dass diese erfreuliche Erscheinung für Grächen die grösste Bedeutung hat. Und wenn sich diese Anfänge in einfachem Rahmen weiterentwickeln, wenn vor allem keine grossen Hotelpaläste erstellt werden, so bleibt der Reiz und die Ursprünglichkeit der Landschaft erhalten. Zu dieser neuen Erwerbsmöglichkeit gehört aber auch unbedingt eine bessere Verkehrs-möglichkeit. Von diesem Gesichtspunkte aus ist dringend zu hoffen, dass das neueste Strassenprojekt die Unterstützung von Bund und Kanton findet und zur Ausführung gelangen kann.

Noch vieles wäre zu sagen über interessante volkskundliche, geographische und alpinistische Eigentümlichkeiten, vor allem auch über das Leben und Treiben im Winter 1 ) und über die winterliche Landschaft; doch der verfügbare Raum gebietet Beschränkung.

Wer sich aber weiter mit dem Gegenstand dieser kleinen Arbeit befassen will, der gehe selbst auf einige Tage hin; das Walliser Bergdorf Grächen wird ihm lieb werden.

1 ) Siehe « Die Alpen », Jahrg. III, Heft 2, 1927: « Neujahr in einem Walliser Bergdorf. » Anmerkung: Textzeichnungen von Paul Howald.

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