Grönland 1969

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Jürg Müller, Bern

Die Ostgrönlandexpedition des Akademischen Alpenklubs Bern Verschiedene Gründe bewogen und zwangen uns, das nach dem Schweizer Forscher Alfred de Quervain ( Inlandeisdurchquerung 1912 ) benannte Schweizerland ( ungefähr 66-670 N ) an der Ostküste Grönlands aufzusuchen. Von früheren Expeditionsberichten wussten wir um die Schönheiten der Natur dieses Bergsteigerparadie-ses; stark verbesserte Schiffs- und Flugverbindungen zwischen Europa und Angmagssalik bzw. Kulusuk ermöglichten es auch einigen zeitlich sehr eingeschränkten Clubkameraden, an unserer Fahrt teilzunehmen. Ausserdem sei das Wetter immer gut, liessen wir uns sagen...

Den Ausschlag aber hatte Sigi Angerer, Leiter von zwei Ostgrönlandexpeditionen ( 1963 und 1966 ), gegeben, indem er uns mit Leichtigkeit davon überzeugen konnte, dass der Ingolfsfjeld, der bedeutendste noch unbestiegene Gipfel dieses Gebiets, ein lohnendes Expeditionsziel wäre.

4Trillingerne, von N gesehen Photo Jürg Müller 5Pikkelhuen. Aufstieg: mit Ski bis zum Sattel rechts, dann über den Grat zum Gipfel. Auch der Gipfel links wurde bestiegen ( Erstbesteigung ) Photo Heinrich Furrer 6 Morgenstimmung auf der « Perla Dan » Photo Jürg Müller Die Vorbereitungen - sie waren umfangreich und brachten nicht nur Ärger...

Am 20.Juli 1969 verliessen Christoph Blum und ich, die wir als Vorhut den Gepäcktransport überwachen und in Angmagssalik die Weiterreise organisieren sollten, die Schweiz. Die übrigen sechs Expeditionsmitglieder ( Heinrich Furrer, Lukas Matter, Fred Müller, Werner Munter, Hans Stämpfli und Jörg Wyss ) sollten zwei Wochen später von Luxemburg aus mit dem Flugzeug nachkommen und in Kulusuk zu uns stossen.

Für uns Landratten brachte die neuntägige Überfahrt auf dem eigens für arktische Verhältnisse gebauten Frachter « Perla Dan » von Kopenhagen nach Angmagssalik eine Fülle von neuartigen und eindrücklichen Erlebnissen. Überwältigend war vor allem der unmittelbar vor der Ostküste Grönlands liegende i 1 o Kilometer breite Treibeisgürtel. Dank dem mitgeführten Helikopter, dem grossen Geschick und der Beharrlichkeit des Kapitäns gelang es uns, diese riesigen Eismengen innert 48 Stunden zu durchqueren.

Angmagssalik ist mit rund goo Einwohnern die weitaus grösste Siedlung an der Ostküste.

Als gute ( d.h. der Obrigkeit verpflichtete ) Schweizer begaben wir uns unverzüglich zum Polizeiposten, um uns die Ankunft, an die wir noch nicht recht glauben konnten, durch Stempel bestätigen zu lassen. Die Physiognomie von Stem-pelnden ist offenbar überall gleich: masslos enttäuscht nach einem ersten, verunglückten Versuch, triumphierend nach dem zweiten, sauberen Abdruck!

Im übrigen hinterliess uns Angmagssalik einen zwiespältigen Eindruck: die wunderbare Bucht, die planlos verstreuten farbigen Holzhäuser, die Unzahl von kleinen Kindern und heulenden Hunden, das moderne Einkaufszentrum, das Spital, die sinnlos auf dem bescheidenen Strassennetz von wenigen hundert Metern herumfahren-den Autos, die überaus freundlichen und hilfsbereiten Leute, der, dem Verhalten der eingebore- nen Grönländer nach zu schliessen, offenbar gewaltige Alkoholkonsum...

Seltsame Gegensätze, die uns mit aller Deutlichkeit zeigten, wie fehl am Platze romantische Vorstellungen von einem jagenden Naturvolk, von Eskimos in Kajaks und primitiven Erdhütten sind. Obschon es uns - dank der wertvollen Hilfe von Herrn Aage Chemnitz vom Kongelige Gren-landske Handel - innert kurzer Zeit gelungen war, zwei geeignete Schiffe für die Weiterreise nach Norden zu bekommen, mussten wir infolge der schlechten Eisverhältnisse auf dem Meer mehrere Tage lang untätig in Angmagssalik her-umsitzen. Glücklicherweise konnten wir unsere inzwischen in Kulusuk angekommenen Kameraden wenigstens telephonisch erreichen...

Am 5. August war es endlich soweit! Ohne viel Hoffnung fuhren wir auf unseren zwei kleinen Booten durch die Bucht von Angmagssalik ins offene Meer hinaus. Die Eisverhältnisse erschienen uns schlechter denn je! Trotzdem wollte es der einem Salonlöwen ähnelnde Kapitän unbedingt versuchen. Man könne ja umkehren, meinteer...

Wir kehrten nicht um. Unsere Überredungskünste, bei denen sich erneut die enge Verwandtschaft zwischen Grönländisch und Schweizerdeutsch herausstellte, brachten uns schliesslich nach sechsstündiger dramatischer Fahrt nach Kulusuk.

Noch am gleichen Abend fuhren wir, erstmals vereint, nach Kungmiut weiter. Unsere Kameraden hatten bei ihrem Anflug die Eisverhältnisse vom Flugzeug aus studiert und waren zum gleichen Schluss gekommen: unmöglich, dieses Jahr zum ioo Kilometer weiter nördlich gelegenen Kangerdlugsuatsiaq, dem grossen Fjord am Fusse des Ingolfsfjelds, vorzustossen!

Kungmiut - eine kleinere, aber sympathischere Ausgabe von Angmagssalik. Auch hier eine riesige Anzahl von lustigen Kindern, eine Unmenge mehr oder weniger talentiert singender Hunde, auch hier die wild verstreuten, von Dreck und Abfällen umgebenen farbigen Holzhäuser, die hilfsbereiten und freundlichen Leute, die die bestehenden Sprachschwierigkeiten bald vergessen liessen... Was wollten wir mehr?

Der nächste Tag brachte eine angeregte Grundsatzdiskussion: Mussten wir in Anbetracht der aussergewöhnlich schlechten Eisverhältnisse auf den Ingolfsfjeld verzichten und uns nach einem Ausweichziel umsehen, oder sollten wir trotz allem den Versuch unternehmen, nach Norden vorzustossen?

Wir verzichteten auf den Ingolfsfjeld.

Zu diesem Zeitpunkt konnten wir noch nicht wissen, wie richtig diese Entscheidung war! Einen Monat später erfuhren wir es aber mit aller Deutlichkeit: Eine englische Expedition, die in ein dem Ingolfsfjeld benachbartes Gebiet vorgedrungen war, wurde vom Treibeis abgeschnitten und konnte nur noch durch Helikoptereinsatz gerettet werden.

7.August: Mit zwei kleinen offenen Booten fuhren wir bei Nebel und starkem Wind in den Tasîssârssik-Fjord. Rasch war das Gepäck ausgeladen und ein erstes Lager aufgestellt.

Um keine Zeit zu verlieren, machten sich Werner und ich sofort auf die Suche nach dem besten Weg zum geplanten Basislager auf 800 Meter Höhe. Nebel, ekelhaftes Geröll, ein aperer, ziemlich stark zerschrundeter Gletscher - sollte dies das Bergsteigerparadies Grönland sein?

Lastenschleppen, tagelang...

Obschon wir lange nicht daran glauben wollten, dass diese Schinderei nun zu Ende sein sollte, konnten wir am Abend des z z.August unser wohlausgerüstetes Basislager beziehen: vier braune Doppeldachzelte, die sich um das grossartige, von Ueli Imdorf ( Horw ) in zuvorkommender Weise zur Verfügung gestellte gelbe Küchenzelt scharten.

Doppeldachzelte - sie waren unentbehrlich, denn nach dem Treibeis auf dem Meer hielt es nun auch noch Petrus für angezeigt, uns einen saftigen Strich durch die Rechnung zu machen: Nebel, fast jeden Nachmittag Regen, unerwartet hohe Temperaturen und damit diesen herrlichen, unsere Schuhe mit Leichtigkeit durchdringenden Nassschnee... Vorerst nahmen wir es noch gelassen.

Eine kurze Schönwetterperiode liess uns wieder hoffen. Voller Tatendrang hatten wir einige unbedeutende Berge in unmittelbarer Nähe des Basislagers förmlich überrannt und dabei festgestellt - dass es noch grössere Berge gab! Ihnen sollte es nun an den Kragen gehen... Um unsere Statistik der bestiegenen Gipfel etwas aufzupolieren, beschlossen wir, uns aufzuteilen. Eine Sechsergruppe zog schwerbepackt mit Ski gegen Norden, Werner und Hans nahmen sich den südlichsten Gipfel der herrlichen Trillingerne vor. Ihnen gelang zwar in schöner, siebenstündiger Kletterei eine erwähnenswerte Erstbesteigung ( falls sich nicht schon, wie etwa in SAC-Führern zu lesen ist, Bärenjäger oder Wildheuer auf dem Gipfel gesonnt haben. Doch solches zählt bekanntlich nicht, da es sich nicht um touristische Besteigungen handelt... ); sie erlebten aber, nachdem der traditionelle Wettersturz am Nachmittag erwartungsgemäss gekommen war und sich ein Schuh von Hans selbständig gemacht hatte und in wilden Sprüngen die Wand hinunter geflüchtet war, eine ungemütliche und kalte Biwaknacht.

Da waren wir anderen schon besser dran! Was berührte uns, die wir in warmen Schlafsäcken hinter summenden Gaskochern im Zelt lagen, das ohne Zweifel nicht sehr beneidenswerte Schicksal der zwei Gipfelstürmer...

Trotz Armeeski gelangten wir am nächsten Morgen auf einen Pass, wo wir jedoch bald im tiefen Nassschnee steckenblieben. Ein Trostgipfel ( auf Expeditionen zählen bekanntlich auch Bergschultern und ähnliches als Gipfel ) schaute natürlich trotzdem heraus.

18. August: Wir sechs starten zum Generalangriff auf das Pikkelhuen. Wiederum ging es auf den besagten Pass. Vorbildlich angeseilt, schlängelten wir uns auf den Ski durch den wilden Gletscherbruch hinauf. Sanft geneigte Firnhänge führten zu einer kleinen Lücke, wo die Ski zurückbleiben mussten. Ein verschneiter Felsgrat verlangte geduldiges Abräumen von beträcht- Pikkelhuen, vom Tasîssârssik-Fjord aus gesehen.

lichen Schneemassen ( Kenner nehmen bei solchen Anlässen kleine Besen mitzeitraubende Seilmahöver führten zu lebhaften Diskussionen, wie und wo ein narrensicherer Standplatz einzurichten sei...

Immerhin: nach achtstündigem Aufstieg standen wir auf dem Gipfel. Das Panorama: unbeschreiblich schön!

Nein, einen Steinmann haben wir ausgerechnet auf diesem Gipfel, der zu den höchsten und schönsten des Gebiets zählt, nicht gefunden; auch keine losen Steine, die auf mangelnde Kenntnisse unserer Vorgänger ( Österreicher 1959 ) im Stein-mannbauen hätten schliessen lassen. Nachdem es aber in den Alpen schon fast zur Regel geworden ist, dass die « Erstbesteiger » nach den ersten Besteigern auf den Gipfel gelangen, und wir ein solches Schicksal nicht teilen möchten, stelle ich fest: An diesem Tag haben wir keine Erstbesteigung gemacht.

Zeichnung von Heinrich Furrer Im Abstieg erwies es sich angesichts der katastrophalen Schneeverhältnisse als vorteilhaft, die Ski ( etwas zweckentfremdet ) auf dem Rucksack zu Tale zu tragen. Das Problem dieser Fortbewegungsart bestand lediglich darin, dass der letzte bisweilen Mühe hatte, überhaupt noch aus dem durch seine Vorgänger entstandenen Graben herauszuschauen...

Durchnässt, aber glücklich erreichten wir nach sieben Stunden Abstieg unsere Lager. Ein herrlicher Tag!

Nach ausgedehnten Retablierungsarbeiten zogen unser vier am nächsten Tag wieder ins Basislager zurück. In einem einsamen Zelt blieben Lukas und Christoph zurück; mit Recht, wie sie am nächsten Abend nach gelungener Überschreitung einer ganzen Serie bisher noch unbestiegener Gipfel ( zwischen Pikkelhuen und Trillingerne ) behaupten konnten!

Auch Hans und Werner waren nach ihrem Trillingerne-Abenteuer nicht untätig geblieben. Ihr Interesse galt nun ganz dem 1963 von Schotten und Schweizern gemeinsam bezwungenen Obelisken, einer schönen Granitnadel, die ihren Namen zu Recht trägt. Nach mehreren Rekognoszierungsfahrten gelangten sie am 21. August in schöner und teilweise schwieriger Kletterei auf den Gipfel.

Das wieder aufkommende schlechte Wetter liess uns aber nicht übermütig werden. Zwar konnten wir unsere Gipfelsammlung noch durch einige schöne « Zutaten » ergänzen, dann aber zwangen Neuschnee und anhaltender Regen zum vorzeitigen Abbruch des Basislagers. Eine beträchtliche Menge Proviant und Gasreserven mussten wir zurücklassen. Auch so waren unsere Lasten schon viel zu schwer und wirkten sich geradezu verheerend auf unseren Skistil aus: Immer wieder stürzten wir und mussten uns gegenseitig auf die'Beine stellen. Einige warfen den überflüssigen Ballast kurzerhand in die nächstbeste Gletscherspalte, andere liessen Kameras und Ski irgendwo liegen und mussten sie am nächsten Tag holen...

Das Lager am Fjord: Endlich kein Schnee mehr! Während vierzehn Tagen hatten wir wahrlich genug Schnee gesehen: die Zelte standen auf Schnee, aus Schnee gewannen wir Wasser, mit Schnee bauten wir Windschutzmauern, Schnee fiel vom Himmel, Schnee liess unsere Schuhe zu Schwämmen werden, Schnee... Wie schön war es, wieder einmal saftiges Gras unter den Füssen zu haben, herumzuliegen, zu faulenzen, den restlichen Proviant zu essen...

Doch dann kam im Radio die Meldung, die Eisverhältnisse auf dem Meer hätten sich nicht gebessert. Unliebsame Erinnerungen an das Treibeis wurden wieder wach. Um für die Schiffsreise nach Kulusuk genügend Zeitreserven zu haben, beschlossen wir, mit einem zufälligim Fjord liegenden Fischerboot unverzüglich nach Kungmiut zu fahren.

26. August, abends: Zurück in Kungmiut, wo wir unsere Angehörigen telegraphisch von unse- rer Rückkehr informieren konnten. Im Kindergarten verbrachten wir die Nacht...

2 7. August 1969: Konnten wir es ahnen, dass unser an diesem Tag keineswegs erwähnenswertes Tun in den Zeitungen der Welt seinen publizistischen Niederschlag finden würde?

Um eine gerechtere Verteilung zu erwirken, übergaben wir am Vormittag unseren übriggebliebenen Proviant sowie einige Medikamente der dänischen Lehrerin von Kungmiut. Nachher versuchten wir mit Erfolg, das restliche Material und uns selber in ein nussschalenähnliches Boot zu quetschen. Natürlich wäre es vernünftiger gewesen, wenn wir zwei Boote genommen hätten, aber eines kam eben billiger. Leicht hätte es aber wesentlich teurer werden können...

Die Fahrt durch den Angmagssalik-Fjord brachte vorläufig nichts Aufregendes. Der traditionelle Regen setzte ein, und wir verkrochen uns, so gut es ging, in unsere Biwaksäcke.

Erst in unmittelbarer Nähe von Kulusuk wurde die Lage ungemütlicher: starker Wind, Wellen, vor dem künstlichen Hafen eine aus zusammengepressten Eisschollen bestehende Barriere... Unmöglich, nach Kulusuk zu gelangen! Und wir hatten uns so auf die warmen Betten gefreut...

Ob es ein Zufall war, dass sich ein Schiff der amerikanischen Marine in der Nähe befand? Es hatte keinen Sinn, darüber zu diskutieren, und so kletterten wir auf Einladung der freundlichen Amerikaner etwas hastig an Bord der « USNS Redbud ». Eine Trockenmaschine für die durchnässten Kleider, ein ausgedehntes Nachtessen, eine Filmvorführung, ein gemütlicher Hock mit dem Kapitän - wir wussten es zu schätzen!

Mit einem Landungsboot setzten uns die Amerikaner am nächsten Nachmittag in Kulusuk ab. Wir danken euch!

Sonntag, 31.August: Gegen Mittag werden wir von der gecharterten DC-3 abgeholt. Zurück blieb Grönland, das uns so unermesslich viel Neues und Schönes beschert hatte...

1 Mt. Assiniboine ( ii87 ft. ) mit Lake Magog British Columbia Government Photograph, Victoria, B.C.

2Am Ende des Spray Lake Photo Ch. Iseli, Vancouver 3Auf dem Abstieg zum Marvel Lake Photo Ch. Iseli, Vancouver

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