Grönland, Expedition des AAC Zürich

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EXPEDITION DES AKADEMISCHEN ALPENCLUBS ZÜRICH IN DIE STAUNINGSALPEN

VON PAUL MEINHERZ, CHUR

EXPEDITION DES AKADEMISCHEN ALPENCLUBS ZÜRICH IN DIE STAUNINGSALPEN Mit 4 Bildern ( 105-108 ) Wer geht mit? Ich erinnere mich noch so genau an den Rastplatz, auf dem ich zum erstenmal vor dieser Frage stand. Es war mit Klaus auf dem Westgrat des Feldschijen. Eben lag die schwierigste Stelle hinter uns mit dem Überhang und einem engen Riss. « Es steht jetzt fest, dass wir zu zehnt nach Grönland fahren, nächsten Sommer », sagte er zwischen Brot und Käse, « man wird wohl auch noch an Dich gelangen. » Er bot mir Schokolade an. Sie schmolz auf der Zunge wie unser Gespräch. Vielleicht war gerade diese Stelle eine kleine Bewährungsprobe; aber es war das einzige Wort in dieser Sache, er hätte wohl gar nichts sagen dürfen. Acht Namen standen fest auf der Liste. Ich hätte mich so gerne angemeldet, aber anmelden kann man sich nicht für eine Expedition; hier konnte man nur werben, ganz vorsichtig, fast wie in der Liebe. Aufdringlichkeit verrät Eigennutz.

Die Expedition sollte ein grosses Erlebnis werden. Adrian, Hannes, Klaus und Nick haben zusammen die Evangelische Mittelschule Schiers besucht. Dort waren Kletterfahrten im nahen Rätikon ihre eindrücklichsten Abenteuer; darüber können sie ihr Leben lang erzählen. Dann aber wächst die Erfahrung, und das einzelne Abenteuer schwindet. Kein Erlebnis lässt sich wiederholen. Das ist zu bedauern, aber unvermeidlich. Die erste grosse Bergfahrt bleibt die schönste. Nur etwas ganz Neues könnte einem jenes einmalige Erlebnis wieder geben. Hier liegt vielleicht der Keim unserer Expedition, genau weiss man das nicht; auf jeden Fall blieben diese vier stets Kern des ganzen Unternehmens.

Zu viert macht man kaum eine Expedition; möglich wurde sie erst durch unsern Club, den AACZ. Es gibt hier eine Expeditionstradition: 1903 Kaukasus, 1934 Hoher Atlas, 1938 « Schweizerland » im südlicheren Ostgrönland, 1948 Cordillera Blanca und 1953 ein Versuch am Dhaula Giri im Himalaya, das sind Grundsteine der Geschichte des AACZ. Soll ein neuer gelegt werden, müssen die Jungen mittun. Hansueli, Marc, Ruedi und Walter füllten die Liste fast bis unten. Noch immer waren zwei Zeilen frei; doch gab es Leute mit Expeditionserfahrung im Club. Ich bangte und wurde endlich doch eingeladen, unterzeichnete wie jeder Teilnehmer einen Vertrag und erhielt die Nummer des Bankkontos, auf die recht viel Geld einzuzahlen war. Doch von der Bank lief ich gleich zur Bibliothek. Jetzt hatte die Expedition für mich begonnen, ich wollte lesen, was andere in Grönland erlebt haben.

Ostgrönland Grönland ist siebenmal so gross als Frankreich, neun Zehntel liegen unter ewigem Inlandeis, zum Teil bis zu 3000 m tief. Hier gibt es kein Leben, nur Schweigen, Kälte und Schnee. Im Winter kann die Temperatur bis zu—70 Grad, möglicherweise sogar noch tiefer sinken. Aber es gibt hier Küstenstreifen, die sind erstaunlich mild. An der Westküste schafft der Golfstrom fast das ganze Jahr erträgliche Temperaturen, im Osten während zweier kurzer Sommermonate ein warmer Föhn. Hier liegen die Stauningsalpen, auf dem 72. Grad nördlicher Breite, nur 18 Grad vom Nordpol entfernt.

15 Die Alpen - 1965 - Les Alpes225 Selbst die Eskimo haben seit Jahren diese Gebiete verlassen, rund 200 km südlich liegt die nördlichste Jägersiedlung der Ostküste. Trotzdem nennt Walter Hofer dieses Gebiet die Arktische Riviera, das heisst, bei einem Jahresmittel von —7,7 Grad bleibt das Thermometer in den drei Monaten Juni, Juli und August auf 4-8 Grad. Vor allem der August ist sonnig, oft hat er überhaupt keine Niederschläge. Eine grosse Rolle spielt das Treibeis, das die Ostküste mit einem breiten Gürtel umgibt und meistens ab Mitte Juli für nur sechs bis acht Wochen sich einige Dutzend Kilometer aufs offene Meer zurückzieht. Bleibt es dort umfangreich, hat das Land sonniges Wetter, bei wenig Treibeis hingegen dringt die feuchte Luft vom Atlantik gegen die Küste und bringt Regen und Schnee. Es gibt auch schlechte Sommer an der Arktischen Riviera; aber sie sind die Ausnahme.

Die Stauningsalpen Immer wieder las ich Walter Hofers Bericht von seinem Flug über die Stauningsalpen: « Alpen-flüge waren mir nichts Neues; ich habe schon unzählige miterlebt oder am Steuer selbst geflogen. Doch während des Schwebens in und über diesem Gipfelparadies musste ich mir immer wieder gestehen: so etwas gibt es in der Schweiz nicht! Wir waren noch keine Viertelstunde mit unserm Flugzeug vom Wasser aufgestiegen, als sich am Horizont bereits die Silhouette der Stauningsalpen abzuzeichnen begann. Nach wenigen weitern Minuten befanden wir uns schon über den bläulichen, wie Blei wirkenden, fast plumpen Voralpen. Plump nenne ich sie deshalb, weil sich im Hintergrund wie auf einem Nadelkissen Felsspitzchen an Felsspitzchen, Nadel an Nadel, Gipfel an Gipfelchen reihen. Eine immerwährende Lockung und Versuchung zu Tausenden von Erstbesteigungen! Mat-terhörner, Eigerwände, Mönche, Engelhörner zogen zu Hunderten an unsern Augen vorüber. » Was macht es da aus, dass Österreicher, Engländer und Schotten wiederholt ihre Kräfte an diesen Gipfeln massen, noch blieb genug Neuland für uns, wenn auch die drei höchsten und schönsten Spitzen bestiegen waren, die Dansketinde mit 2930 m und fast gleich hoch die Norsketinde und Hjörnespitze.

Mestersvig Morgens um 2 Uhr landeten wir auf der flachgewalzten Sandpiste von Mestersvig. Es war strahlender Sonnenschein, in der Nähe leuchteten grellrote Baracken, hohe Antennen kennzeichneten das Funkhaus, Schneereste lagen noch in ihrem Schatten, es war Vorfrühling hier am 21. Juli. Auch unser Flug gewährte uns einen Blick in die Nadelwelt der Stauningsalpen. Packeis aber deckte den Fjord noch ein, soweit wir hineinsehen konnten. Was half uns das herrlichste Wetter, unser Ziel lag noch 150 km weiter in den Bergen, wir mussten warten und beobachteten das Leben auf einem Flugplatz ohne jeden Verkehr. Er wurde hier erstellt, als man nahe der Küste eine Bleimine entdeckte. Sie wird nicht mehr ausgebeutet, der Flugplatz bleibt erhalten als Stützpunkt für die Packeiserkun-dung im Dienste der Polarschiffahrt. Hier leben 17 einsame Männer, backen ihr Brot, waschen und flicken ihre Kleider, alles ist peinlich sauber. Ein kleiner Moschusochs knabberte die dürren Flechten zusammen, ein junger Eisbär döste hinter festen Gittern im Schatten. Ihn hatten die Leute hier kürzlich gefangen. Niemand hätte ihm zugetraut, dass er wenige Tage später ausbrach und einen kräftigen Polarhund in Stücke riss. Manchmal ziehen Eisbären hier vorbei, gefährlich sollen nur die Mütter sein. Immerhin hat das Personal strenge Weisung, nie ohne Gewehr den Flugplatz zu verlassen. Natürlich waren auch wir bewaffnet, aber an die Bestimmung haben wir uns nie gehalten. Zudem war die Mutter des Kleinen vermutlich abgeschossen worden, darum war es möglich gewesen, ihn zu fangen. Die Gegend war so grenzenlos öde, dass wir uns nur schwer ein Tier drin vorstellen konnten. Auch eine Meute Hunde jaulte an ihren Ketten, jeder einzeln an einen Pfahl gebunden, sonst fressen sie gemeinsam den schwächsten auf. Einzeln kann man mit ihnen spielen, sie sind freundlich und gutmütig wie die Männer. Niemand spricht Deutsch, einige wenige Englisch; es sind dänische Mechaniker, Maschinenführer und Schreiner und Funker. Grönland liegt eben in Dänemark, eine Tatsache, die man sich nur schwer vorstellt. Sollten wir aber hier warten, wenn zum Greifen nahe die Sylltoppen sich erhoben, deutsch Ahlberge, die ihrem Namen alle Ehre erweisen? Fünf Mann übernahmen die erste Expeditionsaufgabe: In einer Woche sollten sie dieses knapp 2000 m hohe Küstengebirge erkunden und die schönsten Gipfel besteigen.

Das Skeldal Zum erstenmal quälte uns unser Räf. Zur gewöhnlichen Ausrüstung mit Seil, Pickel, Steigeisen, Hammer und Haken kommen ein Zelt, der Schlafsack, Kocher, Brennstoff und rund 14 kg Lebensmittel, das gibt zusammen mehr als 35 kg. Recht bald begriffen wir, dass Räf das garstigste Schimpf-wort ist, das es gibt. Ich hielt es für ausgeschlossen, diese Lasten 25 km über Sand, Geröll und Sumpf zu tragen und schliesslich noch in ein Lager hinauf. Doch was die andern aushalten, kann ich auch. Weil alle so dachten, ging es, denn niemand brach zusammen. Fünfzig Minuten Marsch, zehn Minuten Halt, das hatten wir in der Rekrutenschule gelernt, dann kürzten wir ab, 45 Minuten, dann noch 40 Minuten. Nach acht Stunden standen wir am Skel-Fluss, von dem Dr. Lauge Koch, der berühmte dänische Grönlandforscher, meinte, es sei nahezu sicher unmöglich, ihn zu überqueren. Auf solche Aufgaben waren wir gar nicht gefasst, doch warum sollte es uns wegschwemmen, wo Engländer vor vier Jahren auch durchkamen? Wir schlugen die Zelte auf. Am andern Tag stieg Walter, der Wasserkundigste, Leutnant der Sappeure, als erster voran. Das Flussbett war etwa zwei Kilometer breit, in Dutzenden von kleinen Armen schlängelte sich der eiskalte Fluss dem nahen Fjord zu. Nirgends sah man den Grund im milchigen Wasser. Erst stieg es an die Knie, dann weiter und rann auch in die hüfthohen Stiefel ein. Aber es ging; die ersten zwei kamen weiter, stiegen auf die Kiesbänke, leerten die Stiefel, die sich im nächsten Flussarm gleich wieder füllten. Nach anderthalb Stunden kam Walter wieder zurück, und der nächste konnte mit ihm gehen, denn wir hatten nur zwei Paar Stiefel bei uns. Bald sammelten wir Erfahrungen: Nur keinen Augenblick stehenbleiben, im Gehen liessen sich die Schläge der Wellen leichter parieren. Nie nach Untiefen im Wasser suchen, sondern den Blick auf einen festen Punkt richten, sonst wird es einem schwindlig. Es hat etwas unangenehm Beängstigendes, immer tiefer und tiefer in einen reissenden, trüben Strom zu steigen. Man verliert sein Gewicht, den Stand, das Gefühl der Sicherheit. Es packt einen an, Welle um Welle, ohne einen Griff zu spüren; man merkt es erst, wenn man schwankt. Es reisst alles und will mitreissen. Liesse man sich tragen, hätte man es leicht, aber dann wäre man verloren. Davor hatten wir alle Angst, vor allem aber hatten wir sehr, sehr kalt, so tief im milchigen Gletscherwasser, immer wieder neu, fast über zwei Kilometer.

Die Sylltoppen Tausend Meter über dem Skeldal errichteten wir unser Lager in trockenem, sandigem Schutt. Kein Würzelchen hält hier den Grund zusammen, nur Mücken plagten uns fast bis zur Verzweiflung. Wovon mochten sie gelebt haben, ehe wir kamen, denn ausser ihnen war hier keine Spur von Leben. Es sind echte Moskitos, Spezialisten des Stechens, man hört ihren Anflug fast nicht, spürt nicht einmal das Bohren ihres Rüssels, denn sie weichen die Haut erst auf mit einer Säure. Ihr verdankt man die zahllosen Schwellungen, die bald lästig zu jucken beginnen. Erst wenn die Temperatur unter Null sinkt, hat man Ruhe vor ihnen.

Neben dem Anmarsch, dem Skel-Fluss, dem harten Anstieg ins Lager fielen die ersten zwei Gipfel, die wir in Grönland besteigen konnten, recht leicht. Wenn der Aufstieg über den Südgrat zum Hauptgipfel der Sylltoppen auch nicht gelang, wir konnten auf den östlichen Gletscher absteigen, den Westgrat gewinnen und auf ihm ohne Schwierigkeiten zum Gipfel gelangen. Knapp 1900 m fällt es von ihm unmittelbar in den noch immer im Treibeis starrenden Kong-Oscar-Fjord ab. Am gleichen Tag bestiegen wir einen zweiten Berg und tauften ihn Ochsenberg, weil Moschusochsen Äsweglein in seine Flanken getreten haben wie bei uns die Kühe auf den Alpen. So frisch uns die Spuren auch vorkamen, Tiere zeigten sich uns keine. Erst später erfuhren wir, dass die Spuren jahrelang frisch bleiben, weil im Sommer, wenn der Boden nicht gefroren ist, nur selten Regen fällt.

Aber gerade einer dieser seltenen Regen drang einmal in unser Zelt, sammelte sich auf dem wasserdichten Boden in grossen Lachen an, worin unser Daunenzeug schwamm. Sieben Stunden hatten wir im Biwaksack verharrt, um trocken zu bleiben, dann hellte es auf, Stein und Bein gefror, und wir freuten uns auf die warmen Schlafsäcke im nahen Zelt und fanden sie voll Wasser. Auch nass sind sie erstaunlich warm, nur am Anfang braucht man einige Zeit, bis man sich wohl fühlt darin. Was unser Körper während des Schlafes nicht trocknete, leistete ein eisig kalter Wind am andern Tag. Wir konnten noch drei weitere Gipfel besteigen, der eine brachte uns recht nahe an die Dansketinde. Leider ist das Gestein dieser Küstengebirge äusserst brüchig. Mit fünf Erstbesteigungen kehrten wir stolz zum Skel-Fluss zurück.

Im Gummiboot zwischen Eisbergen Noch immer ruhte das Treibeis unbeweglich im Kong-Oscar-Fjord, fast zum Verzweifeln. Doch uns half ein Deus ex machina, die Catalina, ein Wasserflugzeug der dänischen Treibeiserkundung. Aus purer Freundlichkeit, aus Lust am Problem hob sie die ganze Expedition auf, trug sie über einen fünfzig Kilometer breiten Packeisgürtel ins offene Wasser des hintern Alpenfjords. Für die Expedition war das ein unvorstellbares Glück, für uns fünf bedeutete es, noch einmal fünfzig Kilometer über Sand und Kies, durch Flüsse und Sümpfe zu wandern, um dort zu den glücklichen Fluggästen zu stossen.

Ohne grosse Erfahrung sollte man sich nicht auf diese Fjorde Grönlands wagen, schreiben die Engländer. Wir hatten gar keine. Wir kannten die Gefahren aus den Büchern: unvorstellbar rasch kann der Sturm die Wellen hochpeitschen, einmal von rechts, dann von links in launischem Wechsel. Zauberhaft blau ruhen die Eisberge auf dem glatten Wasser, unten aber schmelzen sie ab, die kleinste Welle schon kann sie aus dem Gleichgewicht bringen. Einer kippt, schlägt weitere Wellen und bringt auch die andern zum Tanzen. So wird der ruhigste Fjord im Handumdrehen zum wahren Hexenkessel. Walrossjäger erzählen von der grenzenlosen Neugier ihrer Beutetiere. In ganzen Rudeln können sie hier die Schiffe umschwärmen, aus reinem Spieltrieb die Kraft ihres Rückens am Gewicht der Schiffe erproben. Mit einem einzigen Schlag ihrer Stosszähne hätten sie unser Gummiboot aufschlitzen können.

Wind und Wellen, Eisberge und Walrosse waren es trotzdem nicht, was uns zum Schlottern brachte, sondern grimmige Kälte. So fuhren wir durch die vielleicht grossartigste Landschaft der Welt. Alles, was die Polarnatur Wunderbares und Charakteristisches hat, lag jetzt rings um uns. Von den steilen Flanken leuchtete das Grundgestein aus intensiv gefärbten, dunkeln, violetten, grünen, gelben, weissen und besonders grellroten Schichten. Keine darüber gewachsene Vegetation ver- deckte das Mosaik der Berghänge, die oben ein glänzendes Eisband krönte und unten ein tiefblauer Grund säumte. Nur in gewissen Wüstenländern kann man das nackte Erdskelett in solchen Farben sehen, dort aber vermisst man das Leben und den Kontrast, den Meer und Eis den grönländischen Fjorden verleihen. Aber Pracht und Angst verschwinden, wenn der Motor versagt, 75 Pferdestärken sollte er vertreten, aber bestimmt auch mindestens ebensoviel Tücken. Passte es ihm, so stand er ganz einfach still. Wir konnten drehen und klappen und ziehen, wie wir wollten, er tuckerte ein Dutzend Stösse, dann hauchte er gelassen aus. Die ganze Expedition hing an Kraft und Launen dieses recht eigenwilligen Kerls. Wir hätten ihn gestreichelt, hätten ihm die wärmsten Kleider abgetreten oder einen heissen Kaffee; er war zufrieden mit Benzin, jetzt aber wollte er einfach nicht. Ich suchte den Weiterweg am Strand: endlose, buntfarbige Geröllhalden steil ins Meer fallend, nur von Schluchten und Felswänden unterbrochen. Endlos müssten wir hoch- und niedersteigen. Zur Not wäre es möglich, doch nur für einen Rückzug, unser Material hätten wir hier nicht von der Stelle gebracht. Und wieder half uns ein Deus ex machina, dem Motor fiel es plötzlich wieder ein, weiter-zuknattern, als ob gar nichts geschehen wäre. Niemand wusste warum. Wir Seefahrer, von Wind und Strömung längst an Land getrieben, stiegen rasch wieder auf unsere Hochsitze, und weiter ging 's, unserm Ziel entgegen, dem Dämmen, dem hintersten, zauberhaften Becken des Fjords.

23 Erstbesteigungen Die nächsten vier Wochen unterschieden sich von Bergtouren im Wallis oder Berner Oberland nur durch folgendes: es gab keine Hütten, keine Karten, keine Menschen ausser uns. Jeder Schritt war ein Vorstoss ins Unbekannte; er durfte nur gewagt werden, wenn er auch zurück möglich war. Wir waren es gewohnt, die schönsten Aufstiege zu suchen, hier kamen nur die leichtesten in Frage, die sind recht oft sehr mühsam. Wir hatten hier folgende Ziele: wir wussten, dass im Seftström-Gletscher noch eine Reihe herrlicher Berge auf eine Besteigung warteten, dass zwei unbekannte Gletscher steil in den Dämmen abbrechen und dass der Spoerre-Gletscher zwar schrecklich zerrissen und unwegsam ist, aber aus einer Gipfelwelt herunterströmt, von der noch kein einziger betreten wurde. Wir einigten uns auf folgende Absicht: In einer Woche sollten die schönsten Gipfel am Seftström-Gletscher bestiegen werden. Dabei würden wir die Fels- und Eisverhältnisse kennenlernen. Wir hofften, dass der Fjord unterdessen sich öffne, um den Rest des Gepäcks von Mestersvig nachzuschieben. Fünf Mann sollten die Fahrt zum zweitenmal antreten, während Nick und Walter sich am Pyramid Peak versuchen sollten. Zu dritt erkundeten wir den Spoerre-Gletscher, suchten einen Weg durch die berüchtigten Abbruche und einen Platz für ein Hochlager.

Der Cerberus Cerberus nannten wir eine Nadel, deren Spitze deutlich einem Hundskopf glich. Wir stiegen den grössten Teil, wie üblich in Grönland, mit den Steigeisen. Erst ging es durch einen pausenlos krachenden Bruch. Es gibt Gletscher in Grönland, die an einem Tag mehrere Meter fliessen; diese ungeheure Geschwindigkeit wird in den steilen Brüchen fast sichtbar; dauernd fallen die Séracs; Spalten, die man heute leicht überspringt, sind zwei, drei Tage später unüberwindbar. Dann führte uns ein Couloir fast tausend Meter höher. In ihnen stieg man am besten. Der Boden war hart und griffig, links und rechts konnte man sich wie an einem Geländer stützen, doch spürte man die Müdigkeit schon nach einer Viertelstunde; nach fünfzig Minuten hielten wir an, unsere Wadenmuskeln bedurften dringend der Lockerung. Zu unserm Erstaunen hatte sich das Couloir noch gar nicht verändert; wir waren fünfzig Minuten gestiegen, aber noch immer fast zuunterst. Die Luft war immer so klar, alles schien zum Greifen nahe. Wir haben Entfernungen oft um das Drei- bis Vierfache unterschätzt. Doch spielte die Zeit für uns ja keine Rolle, dort, wo es nie dunkel wurde. Bald wurde das Couloir steiler und die Schneeschicht dünner. Wir trafen hier viel mehr Blankeis an als bei uns; in wenigen Tagen konnten wir zusehen, wie die Berge ihr weisses Kleid verloren und ein bläulicher Eispanzer zum Vorschein kam, Eisfelder von ganz ungewohnter Steilheit. Endlich auf dem Sattel angekommen, schreckten wir fast zurück: er war messerscharf und fiel auf der andern Seite nur noch steiler ab. Da waren Abgründe, Gletscherkessel und Schluchten, wie wir sie noch nirgends gesehen hatten. Nur ungern erkannten wir, dass kein anderer Weg ins Lager zurück führte, aber, und das war unser Stolz, es gab auch keinen andern auf unsern Gipfel. Wir hatten wieder einmal in völlig unbekanntem Gebiet den einzig richtigen Weg gefunden, das war immer wieder das schönste Expeditionserlebnis. Da hier fast jeder Teilnehmer mehrere Berge besteigen konnte, war unser Erlebnis vielleicht reichhaltiger als bei der Besteigung eines Himalaya-Riesen.

Es war 1 I Uhr abends. Wir traten auf die Nordseite und standen wieder an der Sonne. Noch immer konnten wir 24 Stunden im Lichte der Sonne klettern, tagsüber auf der Südseite, des Nachts im Norden. Die Sonne ging nicht unter, sie drehte sich im Kreise über uns, um Mitternacht im Norden etwas tiefer, etwa wie bei uns eine Stunde nach Sonnenaufgang, am Mittag im Süden, doch auch hier nicht hoch, wie zwei bis drei Stunden vor Sonnenuntergang. Mittag war es nie, so wenig wie Nacht, es war nur Abend und Morgen. Als zwei Wochen später die Sonne hinter den Horizont sank, leuchtete ihr Rot weiter, wanderte am Horizont nach rechts, überschritt die Nordlinie und begann als Morgenrot plötzlich wieder heller zu werden.

Um Mitternacht erreichten wir den Gipfel. Wir bestimmten den genauen Gratverlauf und lasen die Höhe am Höhenmesser ab. Das war unser Dienst an der Erforschung der Gegend. Eine kleine Arbeit, aber wir leisteten sie in der Hoffnung, dass andere weiterarbeiten werden. So entstand unsere Karte des Gebiets, in die wir stolz unsere Wege eintrugen.

Nach mehr als 28 Stunden waren wir wieder bei unserm Zelt, anschliessend schliefen wir fast 24 Stunden. Ob Tag oder Nacht spielte hier keine Rolle, wer von Früh- oder Spätaufstehen sprach, dachte nicht grönländisch. Was hiess schon spät, wenn die Sonne vor acht Wochen aufgegangen war? Wir schliefen im allgemeinen länger als bei uns in den Bergen; nicht weil das Bedürfnis grosser gewesen wäre, wir konnten es uns ganz einfach erlauben, da die Dunkelheit ja erst wieder in ein paar Wochen einbrach.

Im Spoerre-Gletscher Man macht sich nur schwer ein richtiges Bild von diesem Gletscher. Er ist nicht viel grosser als der Aletschgletscher, führt aber vielleicht zehnmal soviel Eis zehnmal so rasch durch ein enges Tal. Da bäumt er sich auf, wo ein Felssporn trotzt, zerreisst sich kreuz und quer, dass die Séracs wie Stacheln einer Riesenechse in die Luft ragen. In ihnen waren wir nicht mehr als Ungeziefer im Fell eines Ungeheuers, und unsere Wege sahen oft so planlos aus, als würden wir uns zur Lust in diesem Irrgarten tummeln.

Und doch kamen wir durch, über Brücken und Spalten, an Türmen und Seelein vorbei hin und her irrend, tief in Schluchten und Gräben, dass oft nur wenige Meter des Weges überschaubar waren. Zehn Stunden für vier Kilometer, das war ein schwerer Nachschubweg. Dann aber fanden wir einen herrlichen Lagerplatz im Schütze der Moräne an grünblauem Seelein, wunderbar ruhig. Leicht scharrten wir uns mit Pickel und Schuhen den Zeltplatz flach. Vier Tage später hatten wir unsere staunenden Kameraden auch hieher geführt, alle an Gletschererfahrung um einiges reicher.

Warum waren wir nicht drei Wochen früher hergekommen? Es war ein Konkordiaplatz, nur viel weiter. Und viel mächtiger strömte hier Gletscher um Gletscher zusammen, und Kette um Kette ragte dazwischen empor, ein wildes Zackenreich. Hier musste Walter Hofer vorbeigeflogen sein, hier stachen die Berge zu Dutzenden braunschwarz aus silbernen Gletschern empor. Hier stand Wand an Wand, Grat an Grat, von denen grüne Eiswände herunterschossen. Aufgaben für einen ganzen Sommer, nicht für zehn kurze Tage, die uns noch vom Einbruch des Winters trennten. Zum erstenmal eilte es. Von einem Gipfel aus planten wir den weiteren Einsatz, stiegen dann in drei Seilschaften auf verschiedene Gipfel. So konnten wir in einer Woche acht Gipfel besteigen, die allerersten in diesem weiten Gebiet, doch auch die letzten; denn von einer Stunde auf die andere steckten wir mitten in tiefem Winter. Ganze Gletscherkessel mussten wir unberührt zurücklassen.

In Mestersvig wusste man, dass am 20. August der Winter einbreche; dies Jahr kam er zwei Tage früher. Dreissig Zentimeter Schnee fielen. Wie wir ihn immer wieder von den Zelten schüttelten, fuhren in den Bergen die Flanken nieder: die ersten Lawinen!

Eisalarm vom Fjord Vom Piz Guarda Monti aus glaubten wir, deutlich eine mattweisse Fläche in der Mitte des Fjords erkannt zu haben. Das konnte nur neues Eis sein. Wir steckten 150 km im wildesten Berggebiet, die einzige Verbindung ging durch diesen Fjord. Gummiboote waren wohl ausgesprochen schlechte Eisbrecher. Jetzt mussten wir sofort hinaus. Nichts hielt uns im rauhen Schneetreiben zurück. Zwar riet man noch nutzlos hin und her, wo der Fjord zuerst gefrieren werde. An der Küste wohl nicht, denn hier wärmte der Fels; draussen am Meer war das Wasser kälter, doch salziger; drinnen in den Bergen strichen jetzt eisige Winde über die Wellen. Also wohl hier, sobald das Wasser zur Ruhe kommt Zum erstenmal liessen wir Lebensmittel zurück. Speck sogar, der uns immer wieder den heftigsten Hunger dauerhaft stillte. Jeder schnitt sich eine tüchtige Scheibe ab, dann schenkten wir ihn den Polarfüchsen. Plötzlich hatten wir Überfluss an Leckerbissen: Schokolade, Biscuits, Dörrobst, sogar Bündnerfleisch kauten wir in zentimeterdicken Scheiben. Schneeheringe und anderes Material brauchten wir auch nicht mehr, niemand wollte es hinuntertragen, also blieb es zurück. Noch einmal türmte jeder sein Räf, dann rutschten, kletterten und balancierten wir über Eis, Geröll und Moränen den Spoerre-Gletscher hinunter an den Fjord.

Rückfahrt im Sturm Wunderbar ruhig tuckerte unsere Flotte den Fjord hinaus, als wäre schon alles vorbei. Wir freuten uns über die Neugier der Seehunde, die mit ihren Mausaugen listig aus dem Wasser guckten, nie aber näher als sechs, sieben Meter sich wagten. Wer dachte jetzt noch an Walrosse? Dann kräuselte sich das Wasser, ein giftiger Wind wuchs unversehens an, und schon klatschten die ersten Wellen an unsern flachen Bug, spritzten hoch auf und ergossen sich in Strömen über das Deck, eine dünne Plastikhaut, die längst durchlöchert war. Unsere Boote waren schwer überladen, jetzt füllten sie sich noch mit Wasser. Eine Pumpe hatten wir nicht, nur Pfannen und Kessel zum Schöpfen. Kaltblütig steuerten wir weiter, im Grunde vertrauten wir längst nicht mehr unserer Seemannskunst. Was uns beruhigte, war das nahe Land und die Gewissheit, nur noch 40 km vor Mestersvig zu liegen, eine Strecke, die wir Meter für Meter kannten. Wir kämpften nicht mehr um unser Leben, nur noch um das Material. Doch auch dies war recht hart.

Die « Martha », ein Schiff im Schlepptau, war voll. Während wir sie ausschöpften, trieb der Wind den ganzen Konvoi gegen das Land, wo die Schraube bald tief im Sand steckte. Wie sollten wir die- sen Anker lichten? Wir stemmten die Ruder gegen den Grund, es half nichts, dabei füllte sich jetzt Boot um Boot bei jeder Welle, wir konnten keinen Augenblick mehr bleiben. Mutig sprangen zwei ins trübe Wasser, streckten wie Seehunde nur noch die Köpfe hoch, aber sie stemmten und brachten so das Boot wieder flott. Wie ein Wunder sprang der Motor willig an, und Wind, Motor und Wellen schaukelten uns nach dem nächsten möglichen Landungsplatz. Noch einmal mussten wir die ganze Ladung löschen, das Wasser aus den Booten kippen, aber ein Riz colonial, mit Ducal-Reis, Fischkonserven und Dörrfrüchten hob im Nu die Stimmung in unserm letzten Lager vor Mestersvig.

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