Grundlawinenstudien

Hinweis: Questo articolo è disponibile in un'unica lingua. In passato, gli annuari non venivano tradotti.

F. W. Sprecher ( Sektion Piz Sol ).

Von Der Name Lawine l ) ist allgemein bekannt; die Lawinen selber aber kennen nur die Gebirgsbewohner und Reisende, welche Gelegenheit haben, die Berge zur Zeit ihrer Schneebekleidung zu besuchen. Dementsprechend ist auch die Litteratur hierüber noch sehr klein; giebt es doch größere Lehrbücher der Geologie ( z.B. Credner, Elemente der Geologie, 1891 ), welche nicht einmal den Namen „ Lawine " erwähnen, geschweige eine ausführliche Erklärung hierfür beibringen. Umlauft 2 ) hat in seinem Werke „ Die Alpen " zwar die hauptsächlichsten Erscheinungen der Lawinen angeführt, aber dabei auch manche Unklarheiten, um nicht zu sagen Irrtümer ( z.B. über die Zeit des Vorkommens und den Unterschied von Grund- und Staublawinen ), unterlaufen lassen. In vielen alpinen Tourenberichten finden sich kurze Notizen 3 ) über das Losbrechen und Abfahren von Lawinen. Indessen waren die betreffenden Bergsteiger meistens nicht in der Lage, eingehende wissenschaftliche Studien hierüber anzustellen. Die beste gegenwärtig existierende Bearbeitung dieses Gegenstandes, welche viele Lehrbücher als Quellenbuch benutzt haben, ist das rühmlichst bekannte Werk von J. Coaz, betitelt „ Die Lauinen der Schweizeralpen " 4 ), welches sich an Hand von zahlreichen Beispielen hauptsächlich mit dem Vorkommen, der Entstehungsweise, Klassifikation, dem Kulturschaden und der Verbauung der Lawinen befaßt. Einen weiteren Beitrag hierzu lieferte derselbe Verfasser mit der im Jahre 1889 erschienenen Schrift „ Der Lawinenschaden im schweizerischen Hochgebirge im Winter und Frühjahr 1887—1888 " 1 ). Darin werden aus den Gebirgskantonen der Schweiz, hauptsächlich aus Graubünden ( 574 ), Tessin ( 267 ), Wallis ( 107 ), St. Gallen ( 49 ) und Uri ( 45 ) nicht weniger als 1094 verschiedene Lawinen aufgezählt, welche insgesamt eine Waldfläche von 1325 Hektaren Wald mit 82,091 m3 Holz beschädigten. Dabei sind die zahllosen kleinern, die schadlos abgestürzten und die sich sehr oft in derselben Bahn wiederholenden Lawinen nicht eingerechnet. Das giebt uns einen annähernden Begriff von der großen Verbreitung und Bedeutung der Lawinen. Ich habe in meiner Heimat, dem Taminathale, von Jugend auf und später in den Winter- und Frühlingsferien unzähligemal Gelegenheit gehabt, die verschiedensten Arten der Lawinen in allen ihren Stadien aus nächster Nähe zu beobachten, und benutze nun einen freien Raum in diesem Jahrbuche, um die Alpenclubisten und damit auch weitere Kreise mit einigen naturhistorisch wichtigen und interessanten Details aus der Lawinengeschichte bezüglich der Gestaltung der Bahn und Bewegungsart der Massen bekannt zu machen. Es soll diese kleine Arbeit zugleich auch ein bescheidener Beitrag sein zum fünfzigjährigen Amtsjubiläum des verdienten Alpinisten und Lawinenforschers J. Coaz in Bern.

Das Taminathal von Pfäfers bis zum Sardonagletscher, einschließlich der Thalstrecke von Vättis bis zur Kantonsgrenze auf Kunkels, zählt im ganzen nicht weniger als 90, und mit der Strecke bis Kunkelspaß cirka 100 Lawinenzüge, durch welche beinahe alljährlich größere und kleinere Lawinen ein- oder mehreremal bis zum Thalgrund niederfahren ( von Pfäfers bis St. Peter 20, St. Peter bis Kunkels rechte Thalseite 22, linke Thalseite 16, Calfeisenthal rechte Thalseite 20, linke Seite 14 ). Wollten wir die vielen kleinern Lawinenzüge zwischen den genannten, und die selbständigen, 1 ) Derselbe, Der Lawinenschaden im schweizerischen Hochgebirge im Winter und Frühjahr 1887—1888. Bern 1889. Andere Litteratur:

Fankhauser, Über Entstehung der Lawinen und Schutzmittel. Schweiz. Forst-Journal, IV. Bd. Bern 1853.

Förster, Lawinenverbauungen in der Schweiz. Wien 1877.

Beitzke, H., Die Alpen. Colberg 1843.

Berlepsch, H., Die Alpen, II. Aufl.

Heim, Alb., Handbuch der Gletscherkunde. Stuttgart 1885.

Bruhin, Die Lawmennot in der Schweiz im Jahre 1888. Zürich 1888.

Ebel, Anleitung, die Schweiz zu bereisen. Zürich 1843.

Lusser, Dr. K. E., Kt. Uri, hist, geogr. stat. geschildert. St. Gallen 1834.

Heer und Blumer, Kt. Glarus, hist, geogr. stat. geschildert, 1846.

Notizen in Neue Alpenpost, III. Bd., pag. 349, und VIII. Bd.

Noë, Dr. H., Lawinenstudien ( in der Neuen Freien Presse ), 1879.Deutsches Alpenbuch.

A. de Torrenté, Les forêts et les avalanches de la vallée de Conches en Valais ( Jahrbuch S.A.C. XIII, pag. 330 ).

Pfaff, Dr. Fr, Die Naturkräfte in den Alpen, München 1877; und andere.

jährlich in Thätigkeit tretenden Lawinenzüge oberhalb der Waldgrenze von 1800 Metern hinzurechnen, dann würde sich die Zahl verzehnfachen. In der genannten Schrift von Coaz über Lawinenschaden in den Jahren 1887 —1888 sind von Kreisförster Jäger einzig aus dem Forstkreise Vättis 28 Schaden verursachende Lawinen angeführt, wovon die Großzahl zugleich als Grund- und Staublawinen auftraten.

Bei näherer Betrachtung können wir an den meisten Lawinenzügen drei Teile unterscheiden: 1 ) Das Gebiet, in welchem der Lawinenschnee sich vom festen Boden losreißt und in Bewegung gerät. Man nennt dasselbe gemeinhin das Abrißgebiet oder auch Sammelgebiet der Lawinen. 2 ) Den Weg, den die abstürzenden Massen einschlagen, die sogenannte Sturzbahn. 3 ) Die Ablagerung der Lawinenmassen im ebeneren Gelände oder in einer Schlucht. Diese wird von Coaz und Heim Lawinenkegel genannt. Wir werden aber im folgenden sehen, daß die Ablagerungen nur in sehr seltenen Fällen die Form eines wirklichen Kegels mit kreis-rundem Querschnitte haben. Analog zu den ähnlich benannten Ablagerungen der Wildbäche, Bergstürze und Schutthalden, die man allgemein als Schuttkegel bezeichnet, wollen wir die obige Bezeichnung stehen lassen.

In unserm Gebiet sind beinahe alle steileren, unbewaldeten Abhänge des Calanda, Ringelgebirges, Brändlisberg, Drachenberg und Vättnerkopfes Abrißgebiete zahlreicher Lawinen. Aber viele dieser Lawinen stürzen nach längerer oder kürzerer Fahrt in ein einziges centrales oder excentrisch gelegenes Tobel, wir können dasselbe Sammelkanal nennen, welches alle als Sturzbahn benützen. In den schneefreien Jahreszeiten fließen an Stelle sehr vieler Lawinen Bäche herab, welche sich ebenfalls im gleichen Sammelkanal zu einem größeren Sturzbache vereinigen. Mit anderen Worten: Abrißgebiet und Sturzbahn genannter Lawinen sind identisch mit dem Sammelgebiet und dem Sammelkanal der gleichnamigen Wildbäche ( vergl. Taf. I u. IV ). Bei einer solchen Lawine ist also niemals das ganze rückwärts verzweigte Abrißgebiet eines Lawinenzuges, sondern immer nur ein Abschnitt desselben beteiligt. Jeder Seitenzweig ist ein Lawinengebiet für sich; je größer die Zahl solcher Teilgebiete ist, desto größer ist auch die Anzahl der durch die gemeinsame Sturzbahn jährlich abfahrenden Lawinen; desto mehr aber nimmt ihre Schneemasse ab. So habe ich einmal im Lawinenzuge der Vidameida drei Lawinen hintereinander getrennt abfahren sehen, die aus verschiedenen Teilen des Sammelgebietes herkamen.

Bezeichnenderweise sind im Taminathale viele Tobel und selbst Bäche nach den Lawinen, und nicht allein nach den Bächen, welche doch in erster Linie das Tobel erodiert haben, benannt, vermutlich deshalb, weil jene auf die Thalbewohner von jeher einen größeren Eindruck gemacht haben ( z.B. krumme Leuezugtobel, krumme Leuezugbach, Latleuetobel, St. Liehartsleuetöbeli, Leuezugtobel etc. ). Bei einigen Beispielen ist auch das Umgekehrte der Fall ( z.B. Kreuzbach, Kreuzbachtobel und Kreuzbachleue, Alprüfitobel und Alprüfileue, Fallrüfitobel und Fallrüfileue, Tellerbachleue etc. ). Andere und zwar die Mehrzahl der Schluchten haben für die Lawinen und Bäche einen gemeinsamen Stammnamen, welcher meistens von benachbarten Lokalitäten hergenommen ist ( z.B. Veiamola-, Schröter-, Breitägerten-, Vidameida-, Gonscherola-, St. Martins-, Fluh-, Ebensand-, Trittobel etc. ). Daneben giebt es natürlich auch manche steile Bachrunsen des Gebirges, welche niemals oder nur selten als Lawinenzüge auftreten, und umgekehrt, Sammelgebiete und Sturzbahnen zahlreicher Lawinen, welche noch niemals mit Bächen in Berührung gekommen sind; letzteres beobachten wir an steilen Wald-, Geröll- oder Rasenhalden sehr häufig.

Nach diesen allgemeinen Bemerkungen wollen wir nun übergehen zur speciellen Darstellung einiger bemerkenswerter Lawinen oder „ Leuenen ", wie sie im Taminathale genannt werden. Der Name Leue bezeichnet hier sowohl die stürzende Lawine, als auch ihr abgelagertes Material. Die populärste Lawine des Taminathales ist Die Vidameidaleue ( Taf. I, III und IVauch oft kurzweg „ Vidameida " genannt — weil ihre Sturzbahn unmittelbar in der Nähe des Dorfes Vättis einmündet und von hier aus fast in ihrer ganzen Ausdehnung sichtbar ist ( siehe Tafel I ). Zudem kann man sie auch am häufigsten von allen Thallawinen beobachten. Die Abrißgebiete ihrer zahlreichen Zweige liegen auf der Westseite der höchsten Calandafelsen oberhalb der Waldregion ( auf Taf. I, 1 rechts oberhalb a ) und bestehen größtenteils aus steilen, unberasten Mulden, die unten in senkrechte, hohe Felswände, Kamine und Schluchten auslaufen. Tafel I, Fig. 1, stellt den Sammelkanal und die Sturzbahn aller hier losbrechenden Lawinen im aperen Zustande, also im Spätsommer, dar. Die leichter verwitter- und erodierbaren Gesteinsschichten des Berges ( solche des Lias, Dogger, zum Teil Baifriesschiefer und Neocom, Gault ) bilden die weniger steilen Gehänge ( c, e, k, m ) und Terrassen in der Bahn; die resistenteren Schichten hingegen ( wie Hochgebirgskalk, Schrattenkalk, zum Teil Seewerkalk ) bilden die Stufen oder „ Fälle " ( b, d, f, h, 1, n, p). h—k bezeichnet eine sehr enge und steile Schlucht, welche bei i eine beinahe rechtwinklige Biegung macht, o ist eine vom Wasser erodierte, glatte, Sförmig geschwungene Felsrinne. Hier hört die Sturzbahn an einer cirka 100 Meter hohen, überhängenden Felswand auf und setzt sich unten in einer quer nach rechts abfallenden Bachrunse fort, welche kurz vor ihrem Eintritt in die Tamina einen scharfen Bogen beschreibt ( Taf. I, Fig. 1, und Taf. II, Fig. 4 ). In welcher Weise durchfährt nun die Lawine diese durch Verwitterung und Erosion vorgeschriebene Bahn? Diese Frage ist kurz; nicht aber die Antwort darauf, welche einer Vorbemerkung bedarf. Der zuerst abfahrende Schnee des Winters ist gewöhnlich trocken, pulverig und daher sehr leicht; er bewegt sich im allgemeinen nicht so rasch wie feuchter Schnee, wird beim Sturze durch den Luftdruck oder seitliche Winde aufgewirbelt und hierbei an den beiderseitigen Abhängen abgelagert oder als Staublawine ( siehe unten pag. 289 ) zu Thale befördert, so daß die Masse der Lawine successive abnimmt. Die ersten Lawinen des Winters erreichen daher selten den Thalgrund ( Taf. I, bei q ), sondern bleiben an den weniger steilen Partien, auf den Terrassen, in Kesseln und Schluchten neben-, hinter- oder übereinander liegen und füllen diese zum Teile auf. Die folgenden Lawinen finden nun den Weg ausgeebnet, dringen immer tiefer und erreichen schließlich den Schluß der Bahn, den Thalboden. Durch diesen Vorgang werden nicht bloß die engen Schluchten und gekrümmten Bachfurchen durch Auffüllung erweitert, sondern in dieser Auffüllung auch eine dem größten Gefälle folgende muldenförmige Rinne geschaffen, durch welche alle kleineren Lawinen ihren Weg nehmen ( Taf. I, 1, e, k ). Auf allen wenig geneigten Terrassen wird unmittelbar am Fuße der überstehenden Felsstufe ein Teil des Lawinenschnees in Form eines gegen die Bahnrichtung zugespitzten Kegels abgelagert ( Taf. III, Fig. 1 und 2 ). Besonders schön ist ein solcher Kegel bei n ausgebildet. Sein Querschnitt ist ungefähr ein Halbkreis. Ein Längsschnitt durch die Spitze und die schlucht-abwärts verlängerte Mantelfläche zeigt uns ein stumpfwinkliges Dreieck ( Fig. 1 ), dessen Seiten von der Felswand a, an welche sich der Kegel anlehnt, ferner von der Schluchtrinne b und der Mantelfläche c gebildet sind. Das Material ist auffallend sortiert. Am unteren Mantelsaum herum sind überall grobe, rundliche Knollen regellos übereinandergehäuft. Dieselben werden gegen die Spitze zu immer kleiner und kleiner; die konische Spitze selber ist aus ganz hartem, feinkörnigem Schnee gebildet, welcher vermutlich durch den Druck der herabgestürzten Massen stark zusammengepreßt wurde.Von der Spitze aus laufen ebenfalls, wie in den breiten Schneezügen e und k, muldenförmige Rinnen da und dort an der Oberfläche radial abwärts und bezeichnen die Bahn der zuletzt abgefahrenen Lawinenmassen ( Fig. 2 ). Durch diese kegelförmige Auffüllung werden die beiden Gefällskomponenten der Terrasse b und der überstehenden Felswand a zu dem gemeinsamen, resultierenden Gefälle c der Manteloberfläche ausgeglichen, dabei der Weg verkürzt und die Geschwindigkeit der Lawine bedeutend vermehrt ( vergl. auch Fig. III, 3 ). Auf schmalen Terrassen am Fuße hoher Felswände wird hingegen nur wenig Schnee abgelagert, weil selbst kleine Massen durch den vorhergehenden Sturz Kraft genug gewinnen, um darüber hinwegzusetzen ( Taf. I, Fig. 1, g, m ).; Ähnlich gestaltet ist der unterste, endgültige Ablagerungskegel ( bei 9 ) der Lawine; zeigt aber eine vollständige Eundung, wobei sich wiederum ein Teil des Mantels ziemlich weit durch die Bachrunse ( auf dem Bilde

Tabelle bemerkenswerter Lawinenzüge des Taminathales.

Von

F. W. Sprecher, Geolog.

Sammelgebiet Bahn1 ) Lawinen Lawinenkegel8 ) Name Grenze Minlere Böschung Zahl 1er jährlichen1 ) Ort Her Dimensionen ( normal ) Ort Lage nach Inhalt in km1 Oberflächen-Form Art » ) Unteres Ende » ) m Vertik. Projekt, m Horizont, Projekt m Länge4 ) m Art-der letzteren Ab-lagenlng Art der Ablagerung Material-zustand Schaden obere m untere m mit Lawinenkegel ohne Lawinenkegel Winter-lawinen6 ) Frühlings-lawinen7 ) grossen Lawinen Länge m Breite m Höhe m St. Peterleue...

Calanda W 0,313 1800 1500. Fk, Hr S,T,R(1W ) 880 920 900 1250 450—?

1—2 0

Lz kn30 -40 Weggefahr und Strassensperre Schöalaleue...

n W 0,029 1900 1830 Mf, Mr T, R 890 L010 1500 1810 330—2 1—2 0B| Lz kn 100 50 10 — Schröterleue...

n WNW 1,250 2400 1500 Gp, Hr, Mr R,T(1W ) 910 1490 2000 2500 3510—100 10—100 1—2 Grl T, k Lz kn 200 30 10 9 ) Zerstörung von Wald Gnapperkopfleue..

n NW 0,037 1650 1300 Fk, Mf, Mr R 910 740 850 1130 400—1 1—2 0 — Tq,|R K kn 60 50 20 9 ) n b fl Krumme Leuezug.

r> NW 0,250 2500 1600 Fk, C, Hr, Mr R,S,R(3W ) 920 L580 1750 2358 420—10 1—50 1—2 Grl R, Sk Lz kn 400 15 10 9 ) fl » » Äussere Breitägerten n NW 0,500 2600 1600 Gp, C, Mr S, T ( 2 W ) 1000 L600 1750 2370 4210—50 10—100 1—2 Grl T, R Lz fk—kn 200 30 15 9 ) fl fl n Hintere „ » NW 0,167 2700 1700 Gp, Fk, Hr T,S,R(3W ) 850 1850 1850 2620 45° 46° 10—50 10—50 1—2 Grl R,8j£ Kz + Lz kn—fk 60 50 10 9 ) n n fl Vidameidaleue..

NW 0,380 2800 1500 Mf, C, Hr S,R,T(4W ) 950 1850 2000 2730 42° 45° 10—50 10—100 1—3 Grl ± Sl R,Sk Lz kn—fk 200 50 — » fl B Latleue

NW 0,100 2500 1700 Gp, Hr, Mf S, T(4W ) 1000 1500 1500 2125 45° 46° 0—50 10—20 1—2 Grl±Sl R, Sk Lz kn—fk 150 80 109 ) Gonscherolaleue..

B fl WSW 1,825 2800 1400 Hg, Hr, C, Fk T,S, T(5W ) 1030 L770 2750 3275 33° 34° 10—60 10—100 2—3 Grl Kz + Lz kn—fk 300 B fl B Hüttenwiestobel..

B

0,312 2500 1600 Mf, Mr T, R 1060 L440 2000 2470 35° 36° 0—10 1—10 0—1 Grl R!

Lz knSandeggleue.

B NW 0,375 2350 1700 Hf, Hr, Mr T,S(3W ) 1100 1250 2200 2535 28° 29° 0-10 1—10 0—1 Grl + Sl Sk1 Lz knZerstörung von Wald und Gebäuden Leuezug

Monte Luna 0 0,563 2300 1600 Fk, Hr R, T ( 2 W ) 850 L450 2650 3020 28° 29° 0—10 10—20 1—2 Grl R,Sk Lz kn über 300 300 15 9 ) Weggefahr und Strassensperre Veïamolaleue...

B B OSdO 0,275 2100 1400 Fk, Hr, Mr R,S,R(2W ) 850 L250 1700 2110 35° 0—10 1—10 0—1 Grl K kn fl B B Zugleue

Monte Luna SdO 0,005 1800 1700 J_ 111 1 P P > .A-T-B.A Hr.

H 1600 20 ;) 300 360 310—5 1—5 0 — H Lz fk-kn.Kreuzbachleue..

Vättnerkopf SdO 1,000 2400 1700 Fk,Hf,Hr,Hg T, S ( 3 W ) 1000 L400 2250 2610 31° 32° 1—5 10—50 1—2 Grl ± Sl R,Sk Kz + Lz fk—kn 100—300 50—300 10—30 Waldzerstörg. u. Geschiebeablagerung Zügleue.

Simel 0 0,250 2100 1500 Fk Hr Mr M. RüW ) 1000 1100 1750 2070 311—10 1—10 0—2 Grl ± Sl R, Sk Lz kn 150 300 20 9 ). „ Wegeefahr St. Martinsleue..

Simel-Hochgang N 0,125 2400 1600 Gp,Hr,Hf,Mf R 1160 L240 1000 15113 515—20 10-50 0—2 Grl ± Sl R,Tq K kn Tl fl 00Zeigertobelleue..

Orgeln N 0,282 2600 1700 Gp, Hf, Mf T,S,R 1250 1350 1100 1742 500—10 1—20 0—1 Grl±Sl R,Tq Lz, K kn 100 150 30 9 ) n b b Fluhleue

Panärahörner N 0,900 2970 1700 Gp, C, Hg, Mg T,S,R 1250 L720 1750 245:- ) 39° 40° 10—50 10—50 1—2 Grl: Sl Tq K2Lz fk—kn 150 300 80 o ) Weggefahr und Wegzerstörung Ebensandleue...

B N 2,250 3000 1700 Gp, C, Hg, Hr T,S(4W ) 1250 L740 2350 2930 35° 35° 10—100 10-100 1—2 Grl + Sl Sk Kz fk—kn — 200 10 " ) Waldzerstörung Parli tobeil eue...

Ringelfirn NNO 1,125 3200 1700 Gp, C, Hg, Hr T,S 1330 L870 2250 2926 401—10 10—100 1—2 Grl ± Sl Sk; Kz fk—kn 250 250 40 9 ) B Tristelleue

Tristelhorn N 1,125 3100 1900 Gp, C, Hf, Hg T,S,R(1W ) 1560 1540 2600 3022 30° 34° 1—10 10—100 1—2 Grl + Sl K Lz kn—fk 400 500 20 9Tellerbachleue..

Zinerspitz Sd 0,750 2500 2100 Fk, Mg, Hr R,T,R(2W ) 1320 1180 3150 3364 200-?

1—10 0—1 Grl R,Sk Lz kn 300 160 — Wegzerstörg. u. Geschiebeablagerung Abkürzungen.

H = Halde ( breite mehr od. weniger glatte und steile Fläche ).

kn = knollig ( psephitische Struktur ).

M = Mulde ( bergeinwä'i'ts gebogene, halbtrichterförmige S = enge und tiefe Schlucht im anstehenden Fels.

C = untiefe, steile und gerade Felsrinne ( Couloir ).

Hf = Halde auf anstehendem Fels Kz = fächerförmige, nach unten erweiterte Ablagerung mit Halde ).

Sk = fächerförmiger.

a.m untern Ende der Bahn ausgebrei- Ff= anstehender Fels.

F >....

von Schutt oder Geröll oder ohne Lz, grösste Mächtigkeit am obern Ende, ent- Mf = Mulde im anstehenden Fels.

teter Schuttkegel des Baches mit oder ohne R.

Fk = Felsköpfe ( an der Bergwand vorstehend ).

bedeckt.

steht auf flachen Schuttkepeln ( B :. fâcher ).

Mgvon Schutt und Geröll bekleidet ( Kar ), Sl = Staublawine ( in äer Luft abfahrender Schneestaub ).

fk = feinkörnig ( pelitische Struktur ).

Hr. = Halde „... Rasen bekleidet.

Lz = Lawinenzunge ( zungenförmige, am untern Ende ge- MrRasen bekleidet.

T = Tobel ( in vertikaler und horizontaler Richtung erwei- Gp = enge, von C durchzogene, übereinanderliegende Reihen E L = normaler Halbkegel ( nach oben zugespitzt, schuttkegel- rundete Ablagerung mit parallelen Seilenrändern, grösste N = Nord; O = Ost terte Schlucht ).

von Fk und Verwitterungsterrassen.

förmige Ablagerung, grösste Mächtigkeit a. untern Ende, Mächtigkeit an der Spitze, entsteht bei allmählich ab- R = Runse ( Bachfurche von geringer Breite une l Tiefe ).

Tq = Quer zur Lawinenbahn verlaufendes Tobel oder S.

Grl = Grundlawine ( in d. Bahn abfahrende Schneemasse ).

durch plötzliche Stauung entstanden ).

nehmenden Strömungen in der Bahn oder auf Sk ).

Sd = Süd.

W = West; ( WWindung der Bahn.

Anmerkungen.Vom obern Ende des Sammelgebietes bis zun i untern Ende des Lawinenkegels.Der Sturzbahn vom Sammelgebiet bis zum Lawinenkegel.Des Lawinenkegels,LängeHypothenuse zur'« ertikalei und horizontalen Projektion. Diese Werte sind infolge des ungleich- massigen Gefälles durchweg um 10—ioom zu klein angegeben.Schätzungsweise. 6 ) Oder Grund-Staublawinen ( mit trockenem, pulvrigem, zum Teil zerstäubendem Schnee ). 7 ) Blosse Grundlawinen mit feuchtem, schwerem Schnee, ohne Staubbildung. ) Am Ende der Bahn; meist von grössern Grundlawinen herrührend. ) Von Kreisförster Jäger in Vattis aus dem Frühjahr 1888 angegeben ( Coaz, Lawinenschaden ).

Tafel II

Orundriss des Unterlaufe* Fig. 11 Lawine Kreuzbach mit intéressant. Seitenarm ( Unterlauf ) 1899 Fig. 5 Spitze des Lawinenkegels 1 Das ausgeglättete Tobel nach dem ( von unün gesehen ) Fig. 7 Der Lawinenkegel im Sommer mit Wasserloch. Abflussthor und Schneepfeiler.

Fig. 2 Querprofile dureh das Lawinentobel Fig. 8 Aufriss des Unterlaufes Fig. 8 Schneepfeiler beim Wasserloch Fig. 3 Ein Stück Längsproß des Tobeis ( linke Seite )

LAWINE VIDAMEIDA

CTammathal )

1896 goielchnet von F. W. Sprçoher 16/III/I896 JAHRBUCH S.A.C. XXXV.

L1TH. H. ARMBRUSTER BERN C-Grat C-Orat Gnapperkopfleue 1: 60,000 SehröterlEM Vidameidaleue Hint. Breitägertenlene 1: 5 0,o oo Ber krumme Lenezug Simel.v,Orgeln: w. St. Martin ». Ä. Martin Zeigertobelleue 1: 26,000 Ebensandlene 1: 50,000 Fluhlene 1: 50,000 Salaz Zk

û ti

Tafel IV

He. 2S00 m Weg ü. itrKunkels Fig. 17 Fig. 18 Fig. 19 \ Schöalalene 1:50,000 St. Peterlene 1: 20,000 Hüttenwiesleue 1:50,000 R Sandeggleue. r.50,000 Sa Gonscherolalene 1: 50,000 Kreuzbaehlene Fig. 22 Fig. 16 Parlitobellww ( mit Gletscherchen ) 1:50,000 Aneapan f—-\Schofglieger Tellerbachleue 1:50,000Vk Fig. 23 Fig. 24 Fig. 25 \

I

Tristelleue mit Gletscher 1: 50,000 Alphütten Ladils

Schema bemerkenswerter Lawinenzüge

gezeichnet von F. W. Sprecher 1:50,000 Sunntigweidleve ERKLÄRUNG DER ZEICHENLawinenkegel iti der SturzbahnAusgefüllte Schluchten = Lawinenkegel am Ende der Sahn = Lawmenzunge C = CaldndagipfelB — Brachenberg E = Alp EbeneG — Görbsbach M — Monte LunaP = Panärahörner R = RingelspitzeT = Tamina Tr = TristelhornV = Vättis Vb = VättnerbergVei = Veiamola " V—~5-= Sammelgebiet mit SammelkanalSeeundäre LawinenzügeSturzbalm»macft unten sich verzweigende Sturzbahn Felswand 1:50,000 Giegerwald St. Martinslene: 50,0 00 Vk = Vättnerkopf B —. Brändlisberg Te = Taminser Calando Z = Zinerspitzna r/i He = Hint. Calanda Sa = Sazmartinhorn Zk = Zweieköpf Fig. 10 des Unterlaufes der VidameidaAbrissstelle der grösste® Lawine= Bahn der StaublawinenTalflussAussergewühnliche Lawine LiTM. R. ABM3RU9TER JAHRBUCH S.A.C. XXXV.

Taf. I, 2, 3 rechts ) hinabzieht. Das Material ist gleicherweise wie vorhin in grob- und feinkörniges sortiert. Die Böschung der Spitze ( Taf. II, 5 ) beträgt für feuchten, schweren Grundschnee 40—45°, ist aber für trockenes, pulveriges Material geringer. Zuweilen wird die Spitze in einen 2 bis 3 Meter langen, scharfen Grat mit gleicher Böschung umgeformt. Diese Erscheinung kommt dadurch zu stande, daß beim Absturze größerer Lawinenmassen ( nach Taf. III, Fig. 4 ) einzelne Teile einen successive weiteren Bogen in der Luft beschreiben, wovon jeder eine neue Spitze zu bilden trachtet. Durch Verbindung aller dieser Spitzen entsteht der Grat.

Aus den obigen Bemerkungen erkennen wir bereits, daß die Lawinen ihre Sturzbahn nicht, wie das Wasser, bis in alle Einzelheiten ohne weiteres-durchlaufen, sondern daß sie dieselbe durch Ablagerung von eigenem Material zuerst umformen. Die Ursache, Art und Zweck dieser Modellierung ergeben sich aus der Bewegungsart der Lawine, die wir nun als Antwort auf die obige Frage, bezüglich der Abfahrt einer Lawine durch ihre Sturzbahn, an Hand von zwei Beispielen aus der Zeit der Schneeschmelze zu erklären versuchen. In dieser Periode, also hauptsächlich während des Frühjahres ( März, April und Mai ), erscheinen die Grundlawinen, d.h. solche, welche wegen der Schwere ihres ( vom Grunde losgerissenen ) Materials sich stromartig auf dem Grunde ihrer Sturzbahn bewegen, während die sogenannten Staublawinen in der freien Luft abstürzen 1 ). Zu unserem Zwecke lassen wir nun zuerst eine kleinere Grundlawine oben am Calanda losbrechen 2 ). Anfangs gleiten die Massen langsam, d.h. bewegen sich ohne gegenseitige Verschiebung der Massenteilchen. Bei den größeren Unebenheiten des Bodens gerät alles in wirbelnde Bewegung, der feuchte Schnee ballt sich unter dem gegenseitigen Drucke leicht zu kleineren und größeren, rundlichen Knollen zusammen, welche nun nicht mehr gleiten, sondern in der Sturzbahn abwärts rollen. Kleinere Lawinen mit geeignetem Material werden oft gänzlich in einen Strom solcher Schneegerolle umgewandelt, welche auf rauher Unterlage in wilder Flucht übereinander hinstürzen. Der Spitze ( oder Zunge ) des Stromes eilen immer einige größere Gerölle ( Taf. III, Fig. 5, a ) voraus. Diese werden aber nach wenigen Sekunden vom folgenden Strome ein- 1 ) Die bisherigen Definitionen der Grund- und Staublawinen ( vergl. Coaz, Lawinen der Schweizeralpen, pag. 25 ff., und die übrige oben angegebene Litteratur ) sind etwas ungenau und betreffen nur zwei ganz extreme Erscheinungen, innerhalb welcher zahlreiche vom Zustande des Materials, des Geländes, der Temperatur etc. abhängige Variationen auftreten und ineinander übergehen können. Im folgenden aber behandeln wir nur die am häufigsten auftretenden typischen Fälle der Grundlawinen, wie sie oben charakterisiert wurden, ohne auf die zahlreichen Übergangsstufen zu den Staublawinen näher einzutreten. Hierüber siehe das auf pag. 289 ff. Gesagte.

2 ) Über die Ursachen und die Art des Losbrechens von Lawinen finden wir ebenfalls Ausführliches in „ Coaz, Die Lauinen der Schweizeralpen ".

geholt, zerdrückt, und an ihre Stelle andere ( d ) vorausgeworfen. Ist die Lawinenmasse und infolgedessen auch ihre Geschwindigkeit gering, dann werden die vorausstürzenden Knollen vom einholenden Strom nicht überwältigt und zerdrückt, sondern durch einen neuen Anstoß wieder vorausgeschickt. An der Lawinenzunge selber findet eine fortwährende Bewegung und Vertikalverschiebung der Teile statt. Die Knollen an der Unterlage ( Fig. 5, b ) bleiben wegen der Reibung mit dem festen Boden zurück und andere ( c ) stürzen nach. Diese bringen die Oberflächenteile ( d ) zu Fall u. s. w. Bei den weiter zurückliegenden Massen ist die Bewegung einfacher. Sie schwimmen auf schon bewegten Teilen und haben auch einen geringeren Luftwiderstand zu überwinden als die vorausgehenden Teile, ihre Geschwindigkeit ist also größer, sie drücken daher auf die vorderen Partien. Bei den am Grunde sich bewegenden Teilen wird dieser Nachdruck durch den Reibungswiderstand des Bodens aufgehoben; die Oberflächenteile aber werden auf die eben angegebene Art an die Spitze gedrängt. Auf glatter Unterlage findet diese Bewegungsart nicht statt. Hier gleitet der ganze Strom als einzige, zusammenhängende Masse ohne größere Teilverschiebung. Ähnlich ist die Bewegung bei ganz großen Lawinen, wie wir weiter unten sehen werden. Trockener, pulverförmiger oder firnartiger, hartkörniger Schnee läßt sich nur schwer zu Knollen ballen, die auch leicht wieder zerfallen. Solches Material bewegt sich mehr nach Art einer Flüssigkeit.

Auf die angegebene Weise werden alle weniger steilen Abhänge und Schneerinnen durchlaufen. Etwas anders gestalten sich die Verhältnisse beim Sturz durch die Luft. Zur Betrachtung derselben ziehen wir den untersten Absturz ( Taf. I, 2, p ) unserer Lawine herbei. Ein freier Fall, bei dem nur die Schwerkraft wirkt, ist bei den Lawinen weder denkbar, noch überhaupt zu finden; sondern die Schwerkraft kombiniert sich stets mit der den Lawinen innewohnenden Stoßkraft in der unmittelbar vorhergehenden Bewegungsrichtung zu der bekannten parabolischen Wurfkurve. Charakteristisch für den Lawinenfall ist wieder das Vorausfliegen einzelner größerer Knollen, welche beim Aufschlagen gewöhnlich zerplatzen. Die folgende Hauptmasse, die in der engen, glatten Felskehle o zu einem dünnen, gleitenden Faden zusammengepfercht war, schießt pfeilartig aus -derselben hervor, erweitert sich im Sturze nach Art eines Hydranten-wasserstrahles, löst sich in die kleinsten Massenteile, Knollen, Körnchen und Staub auf, wobei die Geschwindigkeit der einzelnen Teile, je nach ihrer Größe, verschieden ist, und stürzt endlich, nach allen Seiten reflektierend, auf die Spitze und Mantelfläche des Ablagerungskegels herab. Sofort rollen die gröberen Schneegerölle den Hauptmassen voraus an den unteren Rand des Kegels und durch die Bachrunse abwärts, die feineren Massen hinterdrein ( Taf. I, 3, IV, 10 ). Im Hintergrunde der Schlucht und an der Bergwand staut sich der Strom, die Stauung wächst rückwärts fort und erhöht schließlich die Spitze. Diese Ablagerungsweise und Material-sonderung ( vergl. Taf. III, Fig. 2 ) des Lawinenkegels ist also derjenigen des Schuttkegels der Wildbäche und Flüsse überhaupt, welcher die größeren und schweren Gerolle an der Spitze, die feineren und feinsten Schlammteilchen am äußern Rande absetzt, ganz entgegengesetzt. Der Unterschied ergiebt sich daraus, daß die Flußgerölle vom Wasser bewegte Massen sind, und daher die schweren Gerölle bei abnehmender Stoßkraft des Wassers auch zuerst abgelagert werden müssen, während feineres Material noch bei geringer Stoßkraft des Wassers transportiert wird. Das Lawinenmaterial aber bewegt sich selbst mit Hülfe der ihm innewohnenden Schwerkraft, und je größer diese ist, desto größer wird die eigene Stoßkraft, wir können hier sagen, die Energie der Lokomotion, und damit auch der durchlaufene Weg.

Eine große 1 ), viele Tausende von Kubikmetern betragende Lawinenmasse weicht von den obigen Schilderungen der Bewegungsart und Bahn wesentlich ab ( Taf. I, Fig. 3 ). Gleich bei seinem Eintritte in die Sturzbahn ( bei a ) schießt der gewaltige Strom krachend an die gegenüberstehende Felswand, bäumt sich dort, nach S.W. wendend, mächtig empor, fährt abermals, dunkle Schatten werfend, durch die Luft, wälzt sich rüfenartig über die Fälle b und d in den breiten Schneezug e. Die Rinne verliert sich, die ganze Schneefläche verschwindet unter dem blitzschnell daberrasenden Ungeheuer. Wir sehen keine Vorläufer, denn die Geschwindigkeit der Hauptmasse ist größer, als sie die einzelnen Teile entwickeln könnten. Die vordersten Teile, die sich zunächst auf dem Boden bewegen, sowie die seitlichen Randpartien bleiben infolge der Reibung mit der Bahn in der Geschwindigkeit zurück, verwickeln sich mit den Unebenheiten, vorstehenden Felskanten, Sträuchern etc. und werden kurzweg abgeschnitten. Die Hauptmasse selber zeigt keine rollende Bewegung oder größere Teilverschiebung des Materials, sondern gleitet als Ganzes pfeilschnell dahin ( Taf. III, Fig. 6 ). Nur beim Sturz durch die freie Luft und dem folgenden Aufprallen sondieren und verschieben sich die Massenteile.

Die größte Mächtigkeit besitzt ein solcher einheitlicher Schneestrom immer unmittelbar hinter der Zungenspitze. Hier herrscht der größte Luft- und Bahnwiderstand, hier stauen sich quasi die Massen während des Sturzes. Wir verfolgen die Lawine weiter. Der kleine Felsabsturz f mit der Terrasse g werden vom Hauptstrome nicht beachtet, die gewaltige Stoßkraft wirft ihn in einem einzigen Bogen darüber hinaus zur Schlucht h 1 ) Eine Lawine mit 10 — 2000 m3 ist eine kleine, 2,000 — 20,000 m3 ist eine mittelgroße, 20,000 — 200,000 m3 ist eine sehr große, 200,000 — 2,000,000 m3 ist eine außergewöhnliche und seltene Lawine.

hinab und an der querstehenden Felswand empor, daß die Massen zerstieben und über der Terrasse ( auf der Zeichnung rechts von h ) eine Staubwolke erscheint. In scharfer Wendung nach N. fliegt die Masse durch die enge Kluft, schäumt an der rechtsseitigen Felswand vorüber, wird von dem vorstehenden Schluchtpfeiler bei i abermals nach W. reflektiert, wallt wie ein schwerer Schlammstrom über das erweiterte Schneefeld k, an den beiden Thalseiten emporbrandend. Die tief eingeschnittene Scharte bei 1 ist zu eng; unbekümmert um das Detail der Bahn — dieses wird nur von den unmittelbar am Boden sich bewegenden Massen beobachtet — folgt die Gewaltmasse nur der Hauptrichtung, setzt in schön geschwungener Kurve über die beiden Fälle 1 und n, konzentriert im Kessel bei n noch einmal ihre ganze Kraft und schießt in kühner, spiral-förmiger Windung zunächst an die Felsleiste bei o und, von dort nach S. geworfen, in schöner, gewaltiger Parabel zum Schneekegel q herab. Aber noch ist des Bleibens nicht. Kleinere Massen wallen rings an den Kegelhängen hinab, denselben gewaltig erhöhend; der nach S. abstürzende Hauptstrom schnellt auf der schiefen Fläche noch einmal zu einer letzten schönen Kurve empor, sammelt sich in der Bachrunse und stößt darin seine Fluten, ihren Windungen folgend, mit verminderter Geschwindigkeit abwärts, bis die letztere durch abnehmendes Gefälle und Hindernisse ganz aufgehoben wird ( Taf. II, 4, und IV, 10 ). Die Zeit, welche für diese ganze Fahrt von a—q nötig ist, beträgt 1—2 Minuten.

Den Weg durch die mit gröberen oder kleineren Geröllen besäte Bachrunse, wir können denselben Unterlauf nennen, muß die erste größere Lawine sich immer selber bahnen, weil ihre kleineren Vorgängerinnen entweder in der Sturzbahn oder auf dem Ablagerungskegel bei q zurückbleiben. In welcher Weise das geschieht, zeigen uns einige in loco aufgenommene Skizzen auf der beigegebenen Tafel II und III. Auf Fig. II, 1, sehen wir im Hintergrund den Lawinenkegel p, im Vordergrund, cirka 100 Meter unterhalb des genannten Kegels, das ausgepflasterte Tobel nach dem Passieren der Lawine. An den obern Rändern der Auspflasterung befinden sich noch einige unversehrte Schneegerölle, das übrige sichtbare Material wurde zerrieben und in vorliegender Weise ausgestrichen. Die Streifen auf beiden Thalseiten rühren von den vorbeigezogenen größeren Schneeknollen her. Am Grunde der Bahn liegen noch einige Nachzügler und von der Hauptmasse zurückgebliebene Gerölle. Fig. 2 giebt uns vier Querschnitte der Bahn, und damit Aufschlüsse über die relative Dicke der Verpflasterungsschicht, welche bei Vorsprüngen gleich null ist, bei tiefern Einbuchtungen aber oft viele Meter beträgt. Nebenbei bemerken wir, daß der Lawinenstrom über die niederen Seitenwände des Bettes ausgetreten ist und sich jenseits des Ufers abgelagert hat. Ein Profil ( d ) giebt uns einen Durchschnitt durch die am weitesten vorgedrungene Lawinenzunge. Fig. 3 zeigt das Längsprofil eines Teils der Seitenwand Grundlawinenstudien.277.

Fig. 4 giebt uns den Grundriß und Fig. 6 den Aufriß des gesamten Unterlaufes einschließlich des Lawinenkegels und der Lawinenzunge. Dabei sind noch die entsprechenden Verhältnisse für einige später in die Bahn hineingefahrene kleinere Lawinen eingezeichnet. Taf. III, Fig. 9, enthält das Gesamtbild des Lawinenbette's im mittleren Teile des Unterlaufes. Die obersten Ränder zeigen das Niveau des größten hier durchgefahrenen Schneestromes. Die niederen Ränder ( auf dem Bilde links ) bezeichnen die Höhen der späteren, kleineren Lawinenströme, deren Material noch innerhalb des Bildes liegen geblieben ist. Aus der Skizze erkennen wir ferner, daß auch der Boden der Bachrunse in ähnlicher Weise wie die Seitenwände ausgepflastert und geglättet wurde. Taf. IV, Fig. 10, enthält eine schematische Ansicht des gesamten Unterlaufes mit den bisher abgelagerten und der eben einfahrenden jüngsten Lawine. Der erweiterte Rand links rührt von einer Staublawine her.

Alle hier beobachteten Erscheinungen sind nun ohne Zweifel auch in den oberen, ähnlich gestalteten Partien der Sturzbahn zu finden und können im Frühjahr ebenso an zahlreichen anderen Beispielen nachgewiesen werden. Obige Skizzen aber veranschaulichen uns den prächtigsten Typus einer Lawinenbahn und belehren uns besser als viele Worte über die allgemeinen Bewegnngserscheinungen der Grundlawinen. Es bleibt uns nur noch übrig, einen kurzen Kommentar hinzuzufügen.

Alle Strömungen fester und flüssiger Körper, also auch der Lawinen, üben unter normalen Verhältnissen einen dreifachen Druck aus, und zwar auf die Unterlage, auf die Seitenwände und in der Stromrichtung. Die beiden ersten Arten pressen den Lawinenschnee auf den Boden und die Wände der Bahn. Ist das Material plastisch, resp. der Druck groß, dann werden alle Vertiefungen der Bahn damit ausgefüllt. Der Druck in der Stromrichtung, also die Stoßkraft, treibt die Massen, welche nicht durch immobile Hindernisse aufgehalten werden, vorwärts. Je größer die Stoßkraft ist, um so weniger Material bleibt in der Bahn zurück, und zwar ohne Rücksicht auf ihre Oberflächenbeschaffenheit. Je mehr sich die Stoßkraft der Strömung vermindert, um so mehr überwiegt der Boden-und Seitendruck und um so mehr Material wird in dieser Richtung abgelagert. In günstiger Thalfurche und bei allmählich abnehmender Strömung erhalten wir auf diese Weise an der Lawinenzunge eine durch die abgelagerten Massen gebildete hyperbolische Seitenkurve ( Taf. III, 8, a ), in deren Scheitel eine ähnlich gestaltete Bodenkurve einmündet. Beide Kurven schließen eine muldenförmige Fläche ein. Die Diskussion darüber wollen wir hier nicht weiter ausspinnen, sondern lieber die Frage beantworten:

In welcher Weise wirken die Hindernisse auf die Lawine?

Solche Hindernisse, welche die Richtung der Gesamtmassen bestimmen, wie Terrassen, querstehende Schluchtwände etc., haben wir bereits besprochen.

Bei den ersteren sucht sich die Lawine durch Auffüllung und Rinnen-bildung zu helfen, bei den letztern aber muß sie sich jeder Wendung fügen, sofern sie nicht genug Masse und Schnelligkeit besitzt, um kurzerhand darüber hinwegzusetzen, wie es bei mehreren folgenden Beispielen geschieht. Kleinere Hindernisse, welch'e nur einzelnen Teilen der Lawine im Wege stehen, wie Gesteinsstücke, Rasenfetzen, Sträucher, werden entweder fortgerissen, sofern sie beweglich sind, bei genügender Plastizität des Schnees aber auf eigentümliche Weise verbaut.

Haben wir bei einer Bergfahrt das Vergnügen, eine Rutschfahrt zu machen, dann folgt uns oft bei günstigen Schneeverhältnissen eine größere, langsamer fließende Schneemenge nach. Erheben wir uns sofort aus dem weichen Sitze und halten den Fuß oder einen breiteren Gegenstand in den vorbeiziehenden Schneestrom, dann bildet sich hinter demselben auf einmal ein nach oben und hinten zugespitzter Schneekeil, der die nachdrängenden Massen nach beiden Seiten verteilt. Im Anfange verspüren wir einen stärkeren Stoß, nachher nicht mehr. Je plastischer der Schnee, und je geringer der Druck des Stromes ist, um so länger wird dieser Keil ( Fig. III, 9 ), dessen Querschnitt im allgemeinen der Form des Hindernisses entspricht. Ähnliche, nach oben zugespitzte Keile bilden sich auch an ausgedehnten Schutthalden, aus welchen größere Felsblöcke oder Schichtköpfe hervorragen. Indessen1 verträgt der lose und feine Gesteinsschutt keine so starke Böschung wie der gepreßte Schnee, und deshalb ist die Oberfläche solcher Partien je nach dem Material stärker oder schwächer gewölbt.

Was bei einer kleinen, harmlosen Rutschpartie passiert, zeigt sich auch bei den großen Rutschfahrten, welche die Lawine ausfuhrt. Hinter allen immobilen Gegenständen, die nicht schon vorher in der nötigen Weise präpariert sind, werden solche scharfe Keile als Wegweiser errichtet und deren Schnee durch den großen Nachdruck meist zu einer harten Masse zusammengepreßt. Diese Keile zerteilen die Lawine schon in größerer Entfernung und ermöglichen die ungestörte Fortsetzung ihres Weges ( Fig. III, a, b ). Im Gebirge hat man vielerorts zum Schutze von Gebäulichkeiten ähnliche Mauerwerke, die sogenannten „ Spaltecken ", in der ganz gleichen Absicht ausgeführt, welche die Lawine bei ihren Bauten zu haben scheint ( Fig. III, 10 ). Bei großer Geschwindigkeit der Strömung bleibt oft unterhalb des Hindernisses — manchmal mitten in der Bahn — ein freier Raum offen, der von zwei abgelagerten Lawinenrändern ( Fig. 11 ) eingefaßt wird. Auf dieselbe Art werden auch die Hindernisse an den Seitenwänden ausgekeilt. Starke Bäume werden gebrochen, ausgerissen, oder wie Sträucher, Gras u. s. w. thalabwärts gebogen, an der Lawinenseite durch Reibung ihrer Rinde beraubt und im Schnee eingebettet. Auch sogenannte Scheerklüfte, wie sie Coaz in seinem Lawinenbuche beschrieben, und Dr. Leo Wehrli in der Abhandlung von Prof. Alb. Heim, „ Der Gletschersturz an der Alteis, Grundlawinenstudien.219 1895, Neujahrsblatt der zürcherischen naturforschenden Gesellschaft ", abgebildet hat, habe ich letzthin an der Lawine des krummen Leuezug ( siehe unten ) beobachtet.

An dieser Stelle sei noch ein anderes, interessantes Naturspiel erwähnt. Der Lawinenkegel ( Taf. II, Fig. 6 und 7 ) am Ende der Sturzbahn der Vidameida schmilzt auch in heißen Sommern selten weg. Seine Höhe, vom Tobel aus gemessen, beträgt Anfang des Sommers 50 — 60 Meter, seine Gesamtmasse 100—200,000 m3, ohne das in der Bachrunse weiter unten liegende Material einzurechnen. Auf diesen Kegel stürzt im Sommer der Wasserstrahl des oberen Tobeis herab und gräbt sich immer tiefer in den harten Schnee ein. Hierbei treten die darin eingebetteten Gesteine,. Hölzer, Rasenstücke zu Tage, schützen aber den unter ihnen liegenden'Schnee vor dem herabfallenden Wasser, während die zwischenliegenden Teile weggespült werden. So entstehen um den Trichter herum zahllose Schneepfeiler ( Taf. II, Fig. 7 und 8 ), deren Querschnitt durch die Form der Schutzdecke bestimmt wird. Bei der fortschreitenden Erweiterung des Trichters durch Einwirkung der Wärme und des Wassers verschwinden diese zierlichen, oft 1 Meter hohen Türmchen wieder. Der Trichter verlängert sich bis auf den Grund des Kegels und verbindet sich dort mit dem 50—100 Meter langen Tunnel, den der abfließende Bach und die zum Abflußthore einstrahlende Wärme bilden. Diese gesamte Aushöhlung erweitert sich ebenfalls konzentrisch nach außen, bis sie die Oberfläche erreicht und dadurch die seitlichen Strebepfeiler isoliert ( Fig. III, 12 ), deren bizarre Formen noch lange nachher stehen bleiben.

Es erfolgt nun noch eine kurze Charakteristik anderer Beispiele aus unserem Gebiete. Durch alle großen Wildbachschluchten an der Westseite des Calanda, zwischen der Alp Salaz und dem Haldensteiner Thäli, fahren im Winter ( Dezember bis Februar ) und Frühling ( März bis Mai ) zahlreiche kleinere Grundlawinen ab. Aber die wenigsten gelangen in den Thalgrund; sie dienen zur Ausfüllung der Tobel. Große Lawinen erscheinen im Winter, außer bei Regenwetter und ergiebigen Schneefällen, selten; im Frühjahr höchstens ein- bis zweimal, und zwar wieder hauptsächlich bei Regen- oder lauem Föhnwetter. Diese gelangen bis an den Fuß des Calanda, eventuell bis zur Tamina. Die Ähnlichkeit in ihrem Auftreten erklärt sich aus der Ähnlichkeit ihrer Sammelgebiete und topographischen Lage. Die mittlere Böschung ihrer Sturzbahnen beträgt für die meisten Calandalawinen 40°—45°.

Die hintere Breitägertenleue ( Taf. IV, Fig. 2 ).

Das Sammelgebiet besitzt einen schön ausgeprägten, centralen Sammelkanal. Die ihn fortsetzende Sturzbahn führt über vier hohe Felswände und eine tiefe Schlucht zu Thal. Der Sturz über die oberste 200—300 Meter hohe Wand bietet ein überaus großartiges Bild. Erst zu einem dünnen Strahle vereinigt, löst sich die Lawine in schönem Bogen ( Fig. III, 13 ) in ihre Teile auf, welche sämtlich beim Aufschnellen zerschellen. Ein dumpfer, anhaltender Donner verkündet jedesmal den gewaltigen Sprung und heftet die staunenden Blicke an sich. Interessant ist die Bildung des Lawinenkegels auf dem Schuttkegel des Thalbodens. Ein Arm desselben dringt oft mehrere Hundert Meter durch die cirka 10° geneigte Bachrunse in gerader Richtung vorwärts und zeigt die schon oben besprochenen, typischen Erscheinungen der Lawinenzunge ( Fig. III, 15 ). Ein anderer Teil fährt, neben der Bachfurche divergierend, bald auf diese, bald auf die andere Seite des Schuttkegels, bezeichnet aber auf dem etwas holperigen Terrain immer seine Bahn durch zurückgelassene Seitenränder. Geschiebetransport ist gering; der größte Teil des Materials ist knollig, das übrige fein massig.

Die äußere Breitägertenleue ( Taf. IV, Fig. 3 ).

An die vorige angrenzend. Besitzt ein ausgedehntes Sammelgebiet mit centralem Sammelkanal. Ein großer Teil der kleineren Lawinen lagert sich mitten im Sammelgebiet auf einem enormen Terrassenkegel in einer Höhe von cirka 1900 Metern ab. Vorstehende Felsen verhindern das gänzliche Abschmelzen desselben durch Sonne und Föhn bis spät in den Herbst hinein. Ein anderer Teil der Lawinen wird etwa 200 Meter weiter unten in einer weiten, quer am Berge herablaufenden Schlucht aufgespeichert. Größere Lawinen sind sehr selten und bringen alsdann nur feines Material über die Reihe von Felsstürzen ins Thal herab. Führen keine Geschiebe.

Der krumme Leuezug ( Taf. IV, Fig. 4 ).

Sammelgebiet: steile Felsen und glatte, ausgedehnte Grasplanken, mit excentrischem Sammelkanal. Die Sturzbahn ist eine im mittleren Teile durch eine Sförmige Schlucht sich windende Bachrunse, welche ihr obigen Namen gab. Weil die Bahn sehr steil und nur wenig vertieft ist, gelangen alle zahlreichen, kleinen Lawinen bis an den Weg, der zum Gnapperkopf führt, und bilden dort aus ihrem stets knolligen Material einen großen, weit durch die Bachrunse hinabreichenden, gerundeten Kegel 1 ). Mittelgroße Lawinen fahren weiter der gekrümmten Runse entlang zur Tamina. Lawinen größten Stiles treffen selten, höchstens einmal im Jahre, ein und brechen immer in den untersten Rasenhalden des Sammelgebietes los. Solche besitzen Kraft genug, um, aus der wenig vertieften Bachrunse austretend, alle Windungen derselben abzuschneiden und quer über das Tobel durch Gebüsch und Wald geradeswegs zur Tiefe zu fahren. Eine solche Lawine legt den ganzen über 1Ó00 Meter langen Weg in weniger als einer Minute zurück. Im Frühling 1897 wurde auf solche Weise ein schönes, junges Wäldchen, das innerhalb der untersten Krümmung der gewöhnlichen Sturzbahn stand, beinahe vollständig weggerissen, welches Geschick auch seinem Vorgänger vor cirka 15 Jahren beschieden war durch eine Grundlawine, die in der Frühe eines Aprilmorgens an einem mit Bergföhren und einigen Fichten bewachsenen Abhang südlich des Guaggisäßli losgebrochen war. Die Lawine führt immer knolliges Material und oft zahlreiches Holz. Der Durchmesser der Knollen variiert bis zu 1 Meter und noch mehr.

Die Schröterleue ( Taf. IV, Fig. 5 ).

Typisch verzweigtes, großartiges Sammelgebiet mit centralem Sammelkanal und mehreren sekundären Sammelkanälen oberhalb der Alp Schröter. In diesen Kanälen lassen alle zahllosen, kleineren Lawinen wegen zu geringem Gefälle ihren Schnee liegen, eine Menge schön geformter Kegel bildend. Eine bis zwei große Lawinen gelangen alle Frühjahre über die lange, ebene Kiesterrasse beim Schrötersäßli hinaus, über den hohen Stegfall und das tiefe, mit großen Gerollen bedeckte Stegtobel bis in die Nähe der Tamina. Ausglättung des Tobeis und Knollenbildung gut zu beobachten. Führt wenig Geschiebe.

Der Leuezug bei Vasön ( Taf. IV, Fig. 7 ).

Sammelgebiet sind die steilen Grashalden an der Ostseite des Monte Luna. Im Winter und Frühling fahren zahlreiche, kleinere Lawinen aus den unteren Hängen unseres Gebietes ab und bleiben auf den Terrassen des Kuhbodens oder im Tobel nebenbei liegen. Eine bis zwei große Grundlawinen brechen jährlich im Frühjahr an den obersten Felsköpfen des Berges in weiter Fläche los und stürzen zuerst in breitem Strome über die Alpweiden des Heubödeli, dann durch ein breites, tiefes Wild- und weichen Knollen geballt, welche lose und ohne Verkittung, wie ein Steinhaufen, übereinander lagen, so daß ich oft tief zwischen die Knollen versank und größere Partien derselben mit meinem Stocke ins Rollen brachte. Demgemäß war der ganze, lange Lawinenkegel nichts anderes, als ein Strom solcher ( weißer ) Schneegerölle, der mitten in seinem Laufe von selber stehen geblieben war.

bachtobel bei Mapragg zur Tamina herab. Die Abrißstelle ist meist schon von Ragaz aus sichtbar. Der unterste Teil der Bahn zeigt besser als alle genannten Beispiele das Ausglätten des Tobeis, die Verpflasterung der Seitenwände mit der charakteristischen Streifung und Randmarkierung. Durch diesen Lawinenzug führt der Viehweg auf den Vättnerberg. Mitte Mai 1898 entging ein Bauer von Vättis, der dort sein Vieh in den Maiensäß hinauftrieb, unterhalb des Kuhbodens mit knapper Not dem hinter seinen Fersen abstürzenden Verderben. Noch lange sah man die häßlichen, von Schmutz und Schlamm braunrot gefärbten Knollenmassen der gewaltigen Lawine die Gegend verunzieren. Im Frühling 1888 war der Lawinenkegel 300 Meter breit und 15 Meter hoch. Besonders gefährlich wird dieser Lawinenzug für die Vättnerbergbauern im Dezember, wenn sie darüber ihr Vieh wieder zu Thal treiben.

Die Veïamolaleue ( Taf. IV, Fig. 8 ).

Abrißgebiet an den von Felsköpfen durchzogenen, berasten Osthängen des Monte Luna und in der berüchtigten Mulde der Veiamola ( Via mala ). Hat keinen bestimmten Sammelkanal. Kleinere Lawinen brechen in der Veïamola öfters los und stürzen durch ein entsetzlich steiles, kesseiförmiges Tobel und eine kleine Wasserrinne zur Tamina ab. Größere Lawinen kommen aus den oberen, breiten Weideflächen des Berges, etwa ein- bis zweimal und hauptsächlich im Winter. Material immer knollig. Vor cirka 15 Jahren riß eine außergewöhnlich große Lawine den sogenannten „ Flügler " ( ein kleines Holzgebäude für das Nachtlager der Küher ) auf der Alp Findeis in die Tiefe und warf beim Aufschlagen in der Tamina mehr-centnerige Flußgerölle am jenseitigen Abhänge weit über die Fahrstraße hinauf. Das Taminabett wird in solchen Fällen gewöhnlich 100 — 200 Meter weit verschüttet. Das Material ist immer knollig. Vor 10 Jahren wurden droben in der Veiamola mehrere Bauern mit ihrem Vieh beim Herunterfahren vom Vättnerberg im Dezember von einer oberhalb des Weges losbrechenden Lawine mitgerissen, aber zum Glücke knapp vor dem Felsabsturz zum Stehen gebracht, ohne Schaden zu nehmen.

Die Zugleue ( Taf. IV, Fig. 8 ).

Sammelgebiet ist das muldenförmige Rasen- und Plattengehänge am Nordosthang des Vättnerberges, der sogenannte „ Zug ". Sammelkanal ist eine kleine, bewachsene Bachfurche, welche am Fuße des Berges in die Sturzbahn der vorigen Lawine einmündet. Bildet selten größere Lawinen. Durch das Sammelgebiet führt der gebräuchliche Fußweg zu dem Winter-und Maiensäß des Vättnerberges. Auf diesem Wege wurden am Weihnachtstage 1856 fünf junge Vättner von einer wahrscheinlich durch sie- selbst veranlaßten Grundlawine erfaßt und mitgerissen. Einer davon kann im Abgleiten einen zum Schnee herausragenden Strauch ergreifen. Ein anderer hängt sich noch an seinen Fuß; die übrigen drei fahren lautlos mit der tückischen Schneemasse zur Tiefe und werden andern Tags als blutige Leichen aus dem Lawinenkegel im Thale hervorgezogen. Die beiden Geretteten leben heute noch. Der ganze Weg von Vättis auf den Vättnerberg ( 1600 m ) wird von nicht weniger als neun, zwar kleineren, aber sehr steilen und gefährlichen Lawinenzügen durchkreuzt, ist also für die Bauern, die im Winter oft bis Ende Dezember droben ihr Vieh zu füttern haben, nicht sehr angenehm.

Die Planggaleue.

Auf der wunderschönen Terrasse des Vättnerberges zieht sich eine über 300 Meter breite, steile und glatte Grashalde, Plangga genannt, die jährlich abgemäht wird, etwa 400 Meter weit gegen den Monte Luna hinauf. Am oberen Ende derselben bricht jährlich eine — oft auch mehrere — kleine Lawine los und gleitet, ohne weiteren Schaden anzurichten, in die ebenen Wiesen herab. Das Material bleibt meistens unverändert und häuft sich wulstartig übereinander. Diese Lawine ist ein Beweis, daß weicher, geschiebe.loser Schnee allein auf geschlossener, fester Rasendeche auch bei größerer Masse und Stoßkraft nicht erodiert. Daneben, im sogenannten „ Zeller ", stürzen auch oft von den überhängenden Felsen kleine Schneemassen ab. Weil aber die untere Rasenhalde durch Bodenrutschungen und Gesteinssturz mancherorts aufgerissen ist, greift auch der herabgleitende weiche Schnee die wunden Stellen an und schürft sie weiter auf.

Die Sunntigweidleue ( Taf. IV, Fig. 25 ), die auf der Alp Ladils aus den Felsköpfen und Platten- und Rasenhalden des Vättnerkopfes sehr oft losbricht, reißt alles lose Gestein der leicht verwitterbaren Flyschschiefer mit sich und lagert es nach kurzer Fahrt mit ihrem Schnee auf der schönsten Kuhweide der Alp, der sogenannten Sunntigweid ( dieser Name rührt daher, daß dort jeweilen am Sonntag das Vieh aufgetrieben wird ), ab, ohne aber damit zu erodieren, weil die Lawine wegen geringer und gleichmäßiger Böschung nirgends große Kraft entfalten kann, und die Geschiebe zum Teil in den Schneemassen schwimmen. Durch das Liegenlassen dieser sich jährlich vermehrenden Geschiebe wäre diese ganze ausgezeichnete und gefahrlose Weide in Kürze verloren gegangen, hätte man sich nicht in den letzten Jahren zu ihrer Räumung entschlossen. Ähnliche Verhältnisse treffen wir leider auf den meisten unserer Alpen, wie Zanai, Calvina, Ramuz, Sardona etc. Diese sind um so bedauerlicher, weil die Alpbesitzer gewöhnlich diesen langsamen Untergang ihrer Alp nicht bemerken, bis dieselbe schließlich nur mehr unter großen Kosten repariert werden kann. Es ist nicht übertrieben, wenn wir behaupten, daß auf vielen unserer Alpen durchschnittlich mehr als ein Drittel der ehemals nutzbaren Weiden durch Ablagerung von Lawinengeschieben zu Grunde gerichtet wurden. Wie traurig sieht es z.B. im Großthal von Tersol, dem Sazmarti, an der Hausegg auf Panära, auf Raschiglus, in Valtüsch oder im Muttenthale aus? Auch in andern Gegenden ist es in dieser Hinsicht nicht viel besser. Da hilft kein Zaudern und müßiges Zuschauen, sondern das unverdrossene jährliche Aufräumen des frisch abgelagerten Materials. An vielen Orten, wie z.B. auf der Alp Ladils, könnte auch die Ursache des Übels, die Lawine, durch Verbauung abgehalten werden.

Die Kreuzbachleue ( Taf. IV, Fig. 9 ).

Sammelgebiet ist die große Mulde zwischen Drachenberg und Vättnerkopf ( nicht Älplikopf, vide Siegfried-Karte !), besonders aber die kahlen, sehr steilen Platten an der Südostseite des letztern, hinter den „ Böden ". Sturzbahn ist die enge, grausige Schlucht des Kreuzbaches, dann eine ziemlich lange, beinahe ebene Schichtterrasse. Auf diese folgt ein Absturz über die gegen 100 Meter hohe, senkrechte Röthidolomitwand in eine enge, tiefe und stark gebogene, von abenteuerlichen Kesseln erfüllte Kluft, welche schließlich auf den gewaltigen Schuttkegel des genannten Baches und dessen Rinnsal ausmündet.

Zahlreiche, kleinere Lawinen stürzen während der Schneezeit in diese schauerlichen Schlünde, um dieselben auf ein gutes Stück auszufüllen. Eine, eventuell auch zwei mächtige Lawinen erscheinen im Frühjahre, wenn unten bereits die Felder bestellt werden. Diese Lawinen brechen regelmäßig in den angeführten Flyschplatten des Vättnerkopfes in gewaltiger Breite los, gewinnen durch den jähen, 300 — 400 Meter hohen Sturz in die ausgeglättete Sammelschlucht eine unermeßliche Stoßkraft, welche sie über alle Böschungen und durch alle Windungen der imposanten Bahn bis hinab in die grünenden Wiesen wirft. Ist es da schwer verständlich, wenn alles Material zerschellt und zu feinem Korn zerrieben wird, wie das am Fuße der Sturzbahn immer zu finden ist? Bei der Weiterfahrt durch die Bachrunse des Schuttkegels oder seitlich derselben bilden sich dann allerdings wieder größere Schneeknollen. Gerölle werden wenige, dafür aber oft sehr viel Holz mitgerissen. Gewöhnlich zerteilt sich die Lawine in mehrere Lawinenzungen, welche nach rechts und links quer durch die Felder fahren ( Taf. II, Fig. 11 ). Eine absonderliche Erscheinung haben wir im April 1898 beobachtet. Da war auch einen Monat vorher eine größere Lawine bis in die Kuhstapfen und Barweirsch niedergegangen und hatte von einem regellos aufgetürmten Seitenarme einen über 100 Meter langen, oben 5 Meter, unten 3 Meter breiten Extrazweig in schnurgerader Richtung zwischen Sträuchern und Steinhaufen, über Hügelchen und Ver- tiefungen hinüber, auf dem Schuttkegel des Kreuzbaches vorgeschoben. Nicht bloß das; dieser Arm drang, unbeirrt durch die Böschungsverhältnisse, in seiner halsstarrigen Richtung noch ein gutes Stück schief an dem Abhänge des gleichen Berges empor und blieb schließlich vor einer dicken Haselstaude stecken ( Taf. III, Fig. 17 ). Dieser ganz abnorme Kundschafter war durchwegs aus feinkörnigen, festgepreßten Schneemassen in Form eines Eisenbahndammes von beigegebenem Querschnitte ( Fig. 17 ) aufgebaut und schien von kunstverständiger Menschenhand geschaffen zu sein. Seine Höhe betrug durchweg 1—1,5 Meter. Allem Anscheine nach wurde dieses Phänomen von den nachdrängenden Massen als Ganzes vorgestoßen, was durch die abnehmende Höhe und Breite desselben angedeutet wird. Die gerade, in ähnlichen Verhältnissen sonst nie getroffene Richtung, den ganz regelmäßigen Zuschnitt und die vorliegende Art des Aufsteigens am steilen Berghang trotz aller Plastizität des Schnees vermögen wir uns heute noch nicht zu erklären.

Die erste große Kreuzbachlawine ist niemals zu fürchten, weil sie ihre Hauptmasse zur Ausfüllung der untersten, von kleinen Lawinen nie erreichten Schlucht und der Bachrunse des Schuttkegels verwenden muß und dadurch an Kraft verliert. Eine zweite, darüber hinfahrende Lawine aber hat schon mehrmals das Dorf Vättis bedroht. Ist es doch einigemal vorgekommen, daß dieselbe über die 500 Meter breite und in der untern Hälfte völlig ebene Terrasse des Gamsbodens pfeilschnell dahinglitt und kurz vor dem Abstürze ins Dorf Vättis noch Halt machte, während die vorausgeschickten Knollen bereits über die Terrassenhalde hinab in die Häuser fuhren. Daraus bekommen wir einen Begriff von der Ungeheuern Gewalt und Beweglichkeit solcher Frühlingsgrundlawinen.

Die Latleue ( Taf. IV, Fig. 10 ) ist die südliche Nachbarin der Vidameida und hat ein ähnliches Sammelgebiet in überaus großartigen, dolomitenähnlichen Felsformationen des oberen Calanda. Der centrale Sammelkanal mündet in eine hohe, senkrechte Felswand aus. Sturzbahn: enge und tiefe, in drei großen Kehren verlaufende Schlucht, deren Grund mehrere längere und ebene Kiesterrassen und steile Felsstufen besitzt. Den Schluß der Sturzbahn bildet wieder eine 200 Meter hohe, steile Wand und die gewöhnliche, wenig geneigte Wildbachrunse des Schuttkegels. Im Winter und Frühjahre stürzen zahllose Lawinen in die Schlucht herab, wobei der lockere, leichte Schneestaub im Sturze vom Wind oder vertikalen Luftdruck verweht wird. Aber erst im Frühling gelingt es einer wahrscheinlich in der bekannten Schafplanke losbrechenden Leue, die ganze Bahn bis ins Thal zu durchlaufen und allda in der Bachrunse des Schuttkegels aus ihren Knollen einen zungenförmigen Lawinenkegel aufzubauen.

Die Gonscherolaleue ( Taf. IV, Fig. 11 ) besitzt ein gewaltiges, von zahlreichen, sekundären Lawinenzügen durchfurchtes Sammelgebiet an den Südhängen des vorderen Calanda, mit einem excentrischen Sammelkanal im Haldensteiner Thäli, und ein Nebengebiet am sogenannten Schwarzkopf des hintern Calanda. Die vielfachen Windungen, engen Klüfte und Kessel, senkrechte Abstürze, lange und ebene Kiesterrassen der Sturzbahn sind für die Lawine so ungeschickt wie möglich eingerichtet. Aber aus den langen, glatten Gras- und Schutt-planken, die bis auf die Calandaspitze emporreichen, kommt jährlich genug Material herabgefahren, um die lange Bahn in allen Teilen auszuglätten. Auf dieser Grundlage ist es alsdann mehreren großen Frühlingslawinen möglich, die ganze Thalfahrt durchzukosten. Mehrere Zungen des Lawinenkegels dringen alsdann auf dem ausgedehnten Schuttkegel der „ Schwammgrotza " bald in nordöstlicher Richtung zu den Gütern auf Gonscherola, bald nach Südwesten bis an den Kunkelsweg am Görsbach vor. Die mittlere Böschung des ganzen Lawinenzuges von der Abrißstelle bis zur Spitze der letzten Lawinenzunge beträgt bloß 30°. Führt zahlreiche Stein- und Holzgeschiebe. Das Material des Lawinenkegels ist immer knollig.

Im Calfeisenthale zeigen die hohen, steilen und stark zergliederten Abhänge des Ringelgebirges, Brändlisberg und Drachenberg viel zahlreichere Lawinenzüge und Lawinen, als die größeren, sanft geneigten Weideflächen zwischen Brändlisberg und Scheibe. Dafür sind hier die Lawinen, wenn sie einmal in den weiten Gratmulden losbrechen, um so mächtiger und vermögen selbst die schwachen Böschungen der unteren Alpterrassen zu überwinden und ohne vorhergehende Zubereitung der Tobel bis in die Tamina abzustürzen. Über die Böschungsverhältnisse giebt die beigefügte Tabelle näheren Aufschluß. Wir wollen hier nur einige Beispiele anführen.

Die Fluhleue ( Taf. IV, Fig. 14 ) besitzt ein ausgedehntes, muldenförmiges Sammelgebiet, bis auf den Grat der Panärahörner hinaufreichend, aber keinen ausgeprägten Sammelkanal, sondern einen ausgezeichneten Sammelkessel, d.h. alle ( sekundären ) Lawinenzüge des Sammelgebietes münden an derselben Stelle in die gemeinsame Sturzbahn ein. Diese ist ein gerades, ununterbrochen steiles, ausgefegtes Tobel mit 35° mittlerer Böschung. Im Winter und Frühjahre zahlreiche, kleinere Lawinen. Große, oft über 100,000 m3 betragende Schneemassen treffen zwei- bis dreimal im Frühjahre ein. Durch den scharfen Aufprall an der querstehenden Schluchtwand der Tamina werden die Massen zerrieben, der Strom in zwei thalauf- und thalabwärts schießende Lawinenzungen geteilt, dadurch die tiefe Thalschlucht auf eine große Strecke ausgefüllt und die Tamina oft tagelang gestaut ( Fig. III, 18 ). Laut Beobachtungen des Herrn Kreisförsters Jäger in Vättis fuhren im Jahre 1888 zwei große Staub - Grundlawinen ab, welche das Tamina-tobel 300 Meter weit begruben. Die obere Breite des Lawinenkegels betrug 150 Meter, seine Höhe 80 Meter! Die dem Lawinenzuge gegenüber liegenden Waldungen, so berichtet Herr Jäger, die durch eine hohe, steile Felswand geschützt sind, litten wenig ( durch die Staublawine ); es sahen aber Rinde, Äste und Nadeln der Fichtenstämme im Frühjahre rostbraun aus, erholten sich jedoch später wieder.

Die Ebensandleue ( Taf. IT, Fig. 15 ).

Ihr gewaltiges, 1,875 km2 fassendes Sammelgebiet, oberhalb der Alp Panära, reicht bis zur Ringelspitze empor. Weist zahllose Lawinenstürze auf; aber die meisten lassen ihr Material in dem excentrischen, beinahe horizontal verlaufenden Sammelkanal auf Panära liegen. Wenige, dafür aber enorme Staub- und Grundlawinen, hauptsächlich in den steilen, bis zum Grat emporziehenden Couloirs der Panärahörner losbrechend, gelangen nach Überwindung der äußerst mühsamen, durch Kessel und Katarakte sich windenden Sturzbahn in den Thalboden des Ebensand. Ihr Material ist knollig. Geschiebe an Holz und Gestein zahlreich. Auf Panära, zwischen Augstenberg und Hausegg, sieht man auch im Spätsommer noch mehrere gewaltige, schön geformte, aber schmutzige und von Spalten durchzogene Lawinenkegel. Der westlichste derselben wird auch im Sommer durch eine periodische Gletscherlawine, welche mit ihrer in die Flettache-scblucht abstürzenden Nachbarin die einzige des Kantons St. Gallen ist, vom Ringelfirn her genährt.

Zahlreiche Lawinen weist auch der schöne Cirkus des Glaser-(oder Schräa-)Gletschers auf. Die größten Lawinen dieser Gegend brechen an den steilen Geröllhalden der Riesegg, die man beim Aufstieg auf die Ringelspitze betritt, und im Couloir los, das vom Ringelfirn zum Glasergletscher herabzieht. Diese Lawinen gelangen jeweilen ein- bis zweimal über die Alp Schräa bis in das Taminabett beim Tiefenwald herunter.

Ein klassisches Wildbach- und Lawinengebiet ist dasjenige der Tristelleue ( Taf. IV, Fig. 16 ) zwischen den Staffeln Wiesli und Tristel auf Schräa. Es reicht bis zum Tristelhorn empor und entspricht, weil in derselben geologischen Formation ( Flysch und Nummulitenkalk ) liegend, in seinen Oberflächenformen fast ganz dem Gebiete der Parlitobelleue bei St. Martin. Beider Sammel- gebiete besitzen keinen Sammelkanal, sondern, wie ihre Kollegin Fluhleue, einen centralen Sammelkessel in der Höhe von 2100 Meter, in dem sich die sekundären Lawinenzüge und Lawinen radienförmig vereinen. Hier bleiben die meisten der kleinen Lawinen liegen, einen wunderhübschen, gewölbten Kegel bildend, der sich nach und nach mit Hülfe des Schmelzwassers und -druckes zu einem 125,000 m2 großen, perennierenden Gletscherchen mit obligatem Bergschrund, Querspalten u. s. w. umkry-stallisiert. Im Sommer ist derselbe immer von schmutzigem Gesteinsschutt bedeckt. Große Lawinen fahren durch das kurze, gerade Tobel zum Ebnesäß und, einer Krümmung der Wildbachrunse folgend, zur Tamina hinunter.

Der Hintergrund der Sardonaalp — vor allem die Abhänge des-Piz Sax und Trinserhorns — ist im Winter ein einziger, gewaltiger La-winencirkus, an dessen steilen Wänden auch die kleinsten losbrechenden Schneemassen bis zum Thalboden abfahren und aus dem leicht verwitterbaren Schiefergebirge eine Unmenge Geschiebe zum Besäen der Alp mitbringen, während Steinschläge, Wildbäche und Rüfen das übrige zum vollständigen Ruin der betroffenen Weiden beitragen.

Über die Lawinen der nördlichen Thalseite ist bereits oben etwas gesagt worden. Der Raummangel gestattet hier nur noch eine Mitteilung. Im Frühjahr 1899 fuhren abnormerweise auf der ganzen linken Seite des Taminathales ( der sogenannten Sonnenseite ) durch alle größeren Bachtobel beinahe gleichzeitig außergewöhnlich große Grundlawinen nieder, selbst an Orten, wo seit Menschengedenken keine beobachtet wurden, während diejenigen der andern Thalseite in normalen Grenzen blieben. So stürzte aus der Alpweide Schofsäß auf dem Brändlisberg eine ungeheure Lawine über die 540 Meter hohe Wand bei 54 ° Gefäll in die Tamina ( beim „ Juden-hüttli ", 5 Minuten außerhalb St. Martin ), überbrückte dieselbe auf einige Hundert Meter, riß aus dem Bachbette mehrere große Felsstücke von gewaltigem Gewichte heraus und schleuderte dieselben am gegenüberliegenden Abhang eine Büchsenschußweite über den gewöhnlichen Alpweg empor, wo sie heute noch zu sehen sind 1 ). Natürlich ging die Lawine auch bis dorthin mit und häufte das ganze breite Tobel bis zu diesem Niveau auf. Eine genaue Messung der Schneemassen hätte unstreitig gewaltige Zahlen geliefert. Am 12. Oktober des gleichen Jahres war die Tamina trotz des warmen Sommers und Septemberregens noch auf eine Strecke von über 80 Meter mit dem schmutzigen, von Holz, Steinen und Schlamm besäten Lawinenkegel 20 Meter hoch bedeckt. Oben an der Sturzwand waren noch die Spuren der Lawine durch aufgeschürfte Rasenfetzen markiert ( Fig. III, 19 ).

Zur selben Zeit fuhr, aus der Gegend des Sazmartinhorns herkommend, durch das Tellerbachtobel hinter St. Martin ( Taf. IV, Fig. 22 ) eine ebenso mächtige Lawine nieder, riß auf der einen Schluchtseite einen großen Teil des Chilchliwaldes nieder, nahm unten aus der Wiese einen dem Eigentümer längst unbequemen Felsblock mit, setzte aber dafür einen andern, äquivalenten ab, wurde an der südlichen Thalwand nach Osten geworfen, riß die Taminabrücke weg und fuhr noch einige Hundert Meter durch das breite Bachbett thalauswärts. Im Oktober 1899 waren längs der Tamina und sogar in der Wiese noch schmutzige Schneereste und Erosionsspuren sichtbar. In ähnlicher Weise zeigten auch alle folgenden Tobel bis zum Gamserälpli außergewöhnliche Lawinenstürze, welche die nahestehenden Waldungen stark mitnahmen. Eine genügende Erklärung dieses einseitigen, abnormen Auftretens der Grundlawinen fehlt infolge mangelhafter Beobachtung noch zur Stunde.

Grund - Staublawinen.

Eine Lawinenart muß als Übergangstypus zwischen Grundlawinen und Staublawinen noch besonders erwähnt werden, nämlich die Vereinigung beider, wir nennen sie Grund-Staublawinen. Diese treten bei anhaltendem und ausgiebigem Schneefalle ( Flockenschnee ) auf. Solche in wenigen Stunden oft meterhoch gefallene Schneemassen sind anfangs nur locker aufeinandergehäuft und würden sich erst später durch das Eigenwicht oder unter der Einwirkung von Regen- und oberflächlichem Schmelzwasser „ setzen ", wie der populäre Ausdruck lautet. Solcher Schnee ist also noch relativ leicht und stellt ein Zwischenstadium dar zwischen dem bei kalter Witterung gefallenen trockenen und pulvrigen Schnee, der die gewöhnlichen, von Coaz beschriebenen Staublawinen des Winters liefert, und dem zusammengesinterten, alten und daher schweren Schnee, den die reinen Grundlawinen des Frühlings zu Thale fuhren. Dies hat zur Folge, daß eine für das steile Gelände allzugroße Schneemasse anfangs auch als reine Grundlawine losbricht und sich in der gewöhnlichen Sturzbahn bewegt. Beim weiteren Falle aber löst sich immer mehr feiner Schnee infolge des Luftdruckes von der Oberfläche des Lawinenstromes ab, fährt als wallende Wolke blitzschnell zu Thale und schlägt sich dort als dichter Staubregen nieder. Das in der Sturzbahn bis zu Ende verbleibende Material zeigt sowohl in seiner Bewegung wie in seiner Ablagerung dieselben Erscheinungen, wie die oben besprochenen echten Grundlawinen des Frühlings. Die großen und anfangs lockeren Massen gewinnen durch die rasche Fahrt und die intensive Reibung unter sich und mit den Wänden der Sturzbahn an Temperatur und Plastizität, wodurch ein größerer Teil des Materials zu feineren oder gröberen Knollen geballt wird.

So finden wir bei diesen Grund-Staublawinen auch immer zwei Ab-lagerungsarten des Schnees, einerseits die typischen Kegel der Grundlawinen, anderseits den puderartig über die Umgebung zerteilten Schnee der Staublawinen.

Die größten und verderblichsten Staublawinen, die wir kennen, z.B. diejenigen des Jahres 1888, sind auf diese Weise entstanden, was schon dadurch angedeutet wird, daß alle von uns beobachteten Staublawinen, wo nicht ganz, so doch auf dem größten Teile ihres Weges den gewöhnlichen Grundlawinenzügen folgen. Die Anschauung belehrt uns auch, daß die Geschwindigkeit solcher Staublawinen einerseits wegen dem ungemein raschen Vordringen der zugehörigen Grundlawine, anderseits wegen der größeren Masse und Schwere des Materials weit größer ist als diejenige der aus trockenem, kaltem Winterschnee entstehenden Staublawinen, welche oft mitten im Laufe von leichten Windstößen verweht werden können.

Ursprünglich reine Staublawinen, d, h. solche, welche von Anfang an nur staubigen, schwebenden Schnee mit sich führen, sind, soviel uns bekannt, nur selten beobachtet worden. Fast immer ist damit eine je nach dem Zustande des Schnees mehr oder weniger weit durch die gewöhnliche Sturzbahn vordringende Grundlawine ( die aber von Coaz und andern mit dem in der freien Luft abfahrenden Material unter dem einzigen Namen Staublawine zusammengefaßt wird ) verbunden, welche in ihrem stürmischen Laufe über Terrassen und Stufen immer neue Schneemassen aufwirbelt und der über ihr und parallel zu ihr hinabwallenden Staublawine beigesellt ( Taf. III, Fig. 20 ). Je stärker die Mutter, um so stärker das Kind, und je länger und stufenreicher die gemeinsame Fahrt ist, um so mehr kann sich die Staublawine auf Kosten ihrer Mutter vergrößern. Die eine nimmt während des Sturzes ab, die andere zu. Sobald die Grundlawine auf diese Weise aufgezehrt ist, durch irgend eine Ursache aufgehalten wird oder eine scharfe Biegung macht, erhalten wir die in der bisherigen Richtung weiterstürzende reine Staublawine, welche durch die gewaltige, vorausgehende Kompression der Luft weit mehr Schaden stiften kann, als es einer Grundlawine allein jemals möglich wäre.

Weiter wollen wir uns hier über dieses herrliche Lawinenphänomen und die anderweitigen Beziehungen zwischen den Staub- und Grundlawinen raumeshalber nicht auslassen. Vielleicht ist das andern oder uns ein anderes Mal gestattet; denn auch am Schlusse unseres geist- und erfolgreichen Jahrhunderts giebt es in der Alpenwelt noch manche Geheimnisse, die bis heute nur dem Eingeborenen kund geworden.

Für dieses Mal begnügen wir uns mit den gegebenen Esempla der Grundlawinen, welche uns einen kurzen Einblick in das geheimnisvolle Leben der bald anmutigen, bald schreckhaften Alpentochter gewährt haben und insgesamt unsere obigen Erklärungsversuche bestätigen. Zahllose Faktoren spielen in ihrer Geschichte mit und tragen die Schuld, daß keine Lawinenbildung, keine Bahnmodellierung, kein Lawinensturz und kein Lawinenkegel in derselben Form wiederkehrt. Überall herrscht die Individualität, die Mannigfaltigkeit. Die erste Ursache der Lawine ist immer die Schwerkraft des Schnees; die sekundären Ursachen sind zahllos. Die allgemeinen Bewegungsgesetze sind stets dieselben, werden aber bei verschiedenem Material, verschiedener Masse und verschiedener Bahn auch verschieden angewandt. Je einheitlicher, zusammenhängender das Sammelgebiet ist, um so weniger, aber dafür um so größere Lawinen sehen wir in demselben Lawinenzuge entstehen. Je verzweigter das Lawinengebiet ist, um so größer ist die Zahl, um so geringer aber die durchschnittliche Masse seiner Lawinen. Jede Lawine präpariert sich durch Auffüllung von Terrassen, Ausglättung des Bettes und Abschneiden von Windungen ihre durch das Gefäll und Erosion vorgeschriebene Bahn, soweit es für sie möglich oder notwendig ist. Denn jede Lawine hat die Tendenz, ihre Fahrt möglichst kurz und mühelos zu gestalten, um ihr Ziel, den Thalboden, auch möglichst rasch zu erreichen. Bei dieser Modellierung verbraucht die Lawine ihr Material und ihre Kraft. Sobald das eine oder die andere aufgezehrt ist, ist auch die Fahrt zu Ende. Aber die Arbeit einer Lawine kommt in der Regel auch den folgenden zu gute. Je größer die Lawinenmasse, um so weniger Material wird verhältnismäßig zur Umformung der Bahn verwendet, weil ihre größere Stoßkraft sie über kleinere Hindernisse hinwegjagt und die Verpflasterung derselben dadurch auch unnötig wird. So arbeiten sich große Materialmasse und große Stoßkraft wie die menschlichen Kapitalien gegenseitig in die Hand, um die Chancen einer raschen und erfolgreichen Lawinenfahrt zu erhöhen.

Und doch ist die Lawine bei alledem ein totes Ding, das willenlos nur den gewöhnlichen Bewegungsgesetzen der Materie folgt. Aber aus dieser notwendigen Befolgung der unveränderlichen Naturgesetze resultiert hier eine Handlungsweise, sagen wir lieber eine Anpassung der Lawine an die gegebenen Verhältnisse, der wir bei näherer Betrachtung mit vollstem Recht das Epitheton „ zweckmäßig " beilegen. Wir bewundern diese um so mehr, weil kein Menschengeist in derselben Frist so viele geniale Maßregeln erdenken könnte, wie sie eine stürzende Lawine in einer einzigen Minute auszuführen vermag.

Es wäre noch manches zu sagen und noch manche genaue Beobachtung zu machen über die Begriffe, über Material, Ursache und Abrißgebiet der Lawine, über ihre Sturzbahn und Bewegung, über die Einflüsse der Petrographie und Geologie des Gebirges, über die entwickelten Kräfteformen, über Erosion, Geröll- und Pflanzentransport, über Gestalt, Bildungsweise, Material, Temperaturverwertung, Metamorphose und Abschmelzung des Lawinenkegels, über Stauungserscheinungen der Flüsse, über die anderweitige geomorphologische Bedeutung, über Nutzen, Schaden i und Verbauung, über die bisherige Geschichte und Sagen der Lawinen, und noch über eine Unzahl anderer Forschungsobjekte, deren Kenntnis für den Menschen ebenso nützlich wäre wie das Messen und Berechnen der Gletscher. Diese kann man selten aufhalten. Viele Lawinen aber, die noch in unseren Tagen die Menschen mit ihrem Hab und Gut bedrohen, lassen sich zähmen, wenn man sie in richtiger Weise, zur rechten Zeit und am rechten Orte faßt. Um so mehr ist es nötig, daß alle, welche hierzu Gelegenheit haben, darüber möglichst allseitige und gründliche Beobachtungen machen und dieselben auch an geeigneter Stelle zum Wohle der Wissenschaft und Praxis offenbaren.

Die Lawinen sind unbestreitbar die großartigste periodische Erscheinung der Alpenwelt, welche oft einen unbeschreiblichen Eindruck auf den Beschauer macht. Eine Unsumme von Energie, die sich jährlich aus der Atmosphäre auf die Häupter und Schultern unserer Berge niederschlägt, stürzt damit zu Thal und geht für den Menschen verloren. Vielleicht kommt einmal die Zeit, wo auch diese Kraft accumuliert und in den Dienst des Menschen gestellt wird. Manches arme Bergdörfchen könnte eine derartige Vermehrung seines Gemeindevermögens gut verwerten. Unterdessen können wir nur staunen ob dem wunderbaren Wechsel der irdischen Kraft, die aus atlantischen Meereswogen die stürzende Leue der Berge schafft.

IV.

Kleinere Mitteilungen.

Feedback