H. Hartmann: Das Berner Oberland in Sage und Geschichte

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Als Prodromos einer groß angelegten Publikation, welche eben deswegen noch eine Zeitlang auf sich warten lassen muß, hat uns der literarisch vielseitig tätige Vorsteher des Verkehrsvereins des Berner Oberlandes in Interlaken schon vor bald zwei Jahren mit einer Sagensammlung beschert, welche, von Benteli splendid ausgestattet und mit einer Menge ganzseitiger und Textillustrationen, bunt und schwarz, ausgestattet, hoffentlich den vom Herausgeber in der Vorrede ausgesprochenen Zweck erfüllen wird, den ungewöhnlich großen Sagenreichtum des Berner Oberlandes weiteren Kreisen zugänglich zu machen und zugleich zu weiterem Sammeln anzuregen. Herr Hartmann bezeichnet seine Arbeit als Sammeln und Bearbeiten. Gesammelt hat er nach schriftlichen und mündlichen Quellen. Unter den ersteren sind neben spärlich vorhandenen und benutzten Talchroniken und „ alten Handschriften ", die leider nicht näher bezeichnet sind, hauptsächlich gedruckte Bücher und alte Zeitschriften verstanden. Natürlich hängt nun viel davon ab, wie weit in diesen die „ Bearbeitung " des Sagengutes schon vorgegriffen hatte und in welchem Geiste dieses geschehen war. Dies ist nun sehr mannigfach und verschiedenartig, je nachdem ein sachlich gebildeter Forscher wie Vernaleken und Lütold, ein auch auf das Moralische und Erzieherische bedachter Sammler wie J. R. Wyß d. j. ( nicht weniger als 40 von den 250 Nummern stammen aus seinen Büchern ), ein feuilletonistisch angehauchter wie Karl Vogt, ein Plagiator wie Kohlrusch oder ein zuverlässiger, aber etwas trockener Berichterstatter wie Herzog die Bearbeitung des „ aus dem Volksmunde " geschöpften Materials besorgt hatte. Bearbeitungen lagen natürlich auch dann vor, wenn aus volkskundlichen Publikationen wie den von Friedli und Gempeler geschöpft wurde.

Es darf also Herrn Hartmann nicht angerechnet werden, wenn uns manches in seinen gedruckten Quellen Berichtete nicht übermäßig autochthon anmutet. Aber man wäre ihm dankbar gewesen, wenn er gelegentlich diese Quellen etwas deutlicher bezeichnet oder Abkürzungen wie Buß, Gerwer, Straßer, Neue Alpenpost, Hans Wyß u. dgl. in einer bibliographischen Liste, die ihn nicht mehr als eine Seite seines großen Formates gekostet hätte, verständlich gemacht hätte. Dem Laien ist auch nicht zuzumuten, daß er Hinweise wie „ Gusset, Alpen Wirtschaft " oder „ Blumen aus den Alpen ", die mehrmals wiederkehren, ohne weiteres verstehe. Andere Zitate sind direkt irreführend, wie „ B. Studer, Berg und Gletscherfahrten ", oder zweifelhaft, wie „ Geschlechtsregister des Amtes Interlaken ", oder unvollständig, wie „ Dr. Christens Handschrift ". Hierin hätte ein mehr wissenschaftlicher Anstrich der Lesbarkeit des Buches nicht geschadet und die Kontrolle der Sagen erleichtert. Wo mehr als eine Quelle angegeben wird, wäre es nützlich gewesen, die älteste immer voranzustellen, und wenn Herr Hartmann die Sage vom „ Versteinerten Schiff " aus einer „ alten Handschrift " kennt, so weiß er mehr als ich, dem sie nur aus Andeutungen in Büchern des XVII. und XVIII. Jahrhunderts bekannt ist. Weniger zu kritischen Bemerkungen Anlaß geben mir die von Herrn Hartmann „ aus dem Volksmund ", das will wohl heißen selbst gesammelten Sagen, und auch mit seiner Stoffanordnung: Der ewige Jude, Sagen vom Untergang des goldenen Zeitalters, Drachen, Schlangen und Untiere, das wilde Heer, Zeichen der Zeit und des Wetters, Geister, Feen, Hexen und Strüdeln, Riesen und Zwerge, Wander- und Siedlungssagen, Alpen- und Sennensagen, Sagen mit geschichtlichen Anklängen, Kirchen- und Klostersagen, Sagen verschiedenen Inhalts, kann man sich im ganzen einverstanden erklären. Die zweitletzte, die von der edeln Mailänderin, hätte, wegen ihrer ungewöhnlichen Lokalisierung „ auf der Törbjeralpe, nahe der Grimsel ", zu den „ mit geschichtlichen Anklängen " gerechnet werden mögen; denn ohne Zweifel handelt es sich um die Oberaaralp, welche die weitentlegene Wallisergemeinde Törbel bei Stalden 1514 von der Landschaft Hasli erkauft hat, ein Vorgang, von dem auch eine in Conway's „ The Alps from End to End " wiedergegebene sagenhafte Erzählung handelt. Herr Hartmann hat sich mit der Herausgabe dieser Sammlung, die uns bisher fehlte, ein großes Verdienst erworben, und ich will schließlich noch erwähnen, daß unsere Leser auch in dem von ihm seit Jahren redigierten Berner Oberland, auf das ich wegen Raummangel nicht näher eingehe, jeweilen manches über alte, neue und neueste Bergbesteigungen, sowie über Geschichte, Natur und Sagen des Berner Oberlandes finden, was diese auch illustrierte Saisonschrift über den Rang eines Fremdenblattes erhebt.Redaktion.

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