Hans Conrad Escher von der Linth als Gebirgsforscher

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Hans Amami, St. Gallen

Es ist einem glücklichen Zufall zu verdanken, dass wir heute noch auf das Manuskript eines vom Glarner Dr. Oswald Heer am 3. September 1871 « bei der Festversammlung des Schweizer-Alpen-club » in Zürich gehaltenen Vortrages zurückgreifen können. Oswald Heer scheint in Alpinistenkreisen kein Unbekanntergewesenzusein. Bereits 1869 hat er « auf dem Rathaus » in Zürich « über die neuesten Entdeckungen im hohen Norden » gesprochen und dabei grosse Sachkenntnisse bewiesen.

Für die Versammlung des Alpenclubs war er vom « verehrten Präsidenten » aufgefordert worden, über « Hans Conrad Escher als Gebirgsforscher » zu sprechen.

Einleitend erinnerte er daran, dass es schon vor 300 Jahren Freunde der Alpenwelt gegeben habe und dass bereits im 16.Jahrhundert einzelne Männer Gefallen an Alpenreisen fanden. Der grosse Naturforscher Conrad Gessner hatte 1541 an seinen Freund Vogel in Glarus geschrieben, dass er entschlossen sei, jährlich einige Berge zu ersteigen. In lebhaften Farben schilderte er die hohen Genüsse, welche solche Bergfahrten gewähren... « Das Erfrischende und Belebende der reinen Bergluft, den Wechsel heiterer Bilder, die an unseren Augen vorübergehen, den Farbenschmuck des Pflanzenteppichs und die wunderbare Gestalt der Berge. Ihn entzückt die Aussicht auf die spiegelnde Fläche der Seen, den schlängelnden Lauf der Flüsse, auf die reichen, wohlan-gebauten mit Städten, Dörfern und Weilern geschmückten Ebenen, wie die mit Hirtenwohnungen belebten, grasreichen Alpen und die tiefe, durch keinen noch so leisen Laut unterbrochene Stille erfüllt ihn mit heiligem Schauer. » Ende des 17. und zum Beginn des 18.Jahrhun-derts waren es Johann Jakob Scheuchzer und ein Jahrhundert später J. Gottfried Ebel und eben Hans Conrad Escher, die sich für die Alpenwelt begeisterten und damit das Interesse für die Gebirgswelt in weiten Kreisen weckten.

Escher trat in die Fussstapfen Horace Benedict de Saussures, indem er wie dieser seine Forschungen nur auf ganz solider Basis betrieb. Wie de Saussure war Escher stets mit dem Hammer in der Hand auf seinen Gängen im Gebirge anzutreffen. Eine Sammlung von über 10000 Gesteinsproben diente ihm dazu, sich einen Einblick in die geologische Struktur der Gebirge zu verschaffen. Seine Beobachtungen finden sich fein säuberlich in drei grossen, zierlich geschriebenen Foliobänden festgehalten. Wir staunen heute noch über den Fleiss und die Ausdauer Eschers, der trotz seiner Tätigkeit als Leiter der Linth-Korrektion und als Mann der Regierung seiner Lieblingsbeschäftigung, der Geologie, noch genügend Zeit zu widmen vermochte. « Wir können sagen, dass Escher von der Linth durch seine Alpenwanderungen, durch seine Zeichnungen von Gebirgslandschaften und durch seine geologischen Forschungen uns als unübertroffenes Vorbild eines Alpenclubisten erscheint », rief der Referent Dr. Oswald Heer denn auch der Festversammlung zu.

Auf Grund von genauen Unterlagen kann man behaupten, dass keiner seiner Zeitgenossen so genaue Kenntnisse aller Regionen der Schweiz besass wie Escher und keiner derart ausgedehnte Wanderungen in die Berge und durch deren Täler unternommen hatte wie er.

Dabei muss es sich bei Escher um einen mit sich selbst sehr harten Menschen gehandelt haben. Dies beweist etwa die Tatsache, dass er in einer wichtigen politischen Angelegenheit den Weg von Zürich nach Bern in einer 22stündigen Tagesetappe zurückgelegt hat. Weitere ebenso bedeutende Marschleistungen liessen sich in grosser Zahl anführen.

Escher zeigte aber nicht nur eine grosse körperliche Leistungsfähigkeit, sondern war für seine Zeit auch sehr unerschrocken und kaltblütig, wenn er seinen Forschungen im Gebirge nachging. Dazu sei ein Beispiel aus seinem Tagebuch erwähnt:

Am g. August 1809 zog er von der Oberen Sandalp, wo er genächtigt hatte, über den westlich vom Tödi gelegenen Sandfirn. Da der Gletscher von vielen Spalten durchzogen war, begannen sich seine Begleiter zu ängstigen, und als gar grosse Steine über die Felswände des Tödi herunterstürzten und ganz in ihrer Nähe in den Schrunden verschwanden, traten sie erschrocken den Rückzug an. Nur einer, Ingenieur Obrecht, der mit ihm zusammen später am Linthwerk massgebend beteiligt war, blieb beim Führer zurück, und mit ihm zusammen wurde die Wanderung fortgesetzt.

Escher erzählte später: « Schon waren wir nahe an der Scheideck, als ich in den Schnee einsank. Indem ich mich sinken fühlte, streckte ich meine Arme weit aus und sank so in den Abgrund hinab, dass ich nur an meinen ausgestreckten Armen hängen blieb. Meine Begleiter fassten mich sogleich bei den Händen und strengten alle Kräfte an, mich herauszuziehen, aber ungeachtet ich mich ebenfalls auf jede Art zu heben suchte, war diese Hülfe vergebens, da ich für meine Füsse weder unter mir, noch vorwärts oder rückwärts in der schauerlichen Eiskluft einen Standpunkt fand, und ganz frei in der Öffnung der dünnen Schneekruste hing. Da ich den Schnee vor mir durch diese Anstrengung immer mehr weichen sah und die Öffnung, in der ich hing, sich erweiterte, so forderte ich schleunig von meinen Begleitern die Alpstöcke. Da sie den Gebrauch, den ich von denselben machen wollte, nicht kannten, zögerten sie, und erst auf einen zweiten Ruf streckte mir Obrecht einen Stock dar. Diesen konnte ich glücklich unter meinen linken Arm quer über die offene Eisspalte schieben, und nun erhielt ich auch den zweiten Stock, den ich mir unter den rechten Arm schob. Auf diesen Stöcken hob ich mich allmälig in die Höhe, so dass ich mich bald mit der oberen Hälfte des Körpers wieder ausser der Schneeöffnung befand, mich vorwärts bog und so aus dem schauerlichen Abgrund kroch, in welchem ich so gefährlich geschwebt hatte. Glücklicherweise war ich durchaus ruhig geblieben und hatte daher die in dieser fürchterlichen Lage einzig möglichen Hilfsmittel angewandt, um mich zu retten. Als ich schon gerettet neben meinen Begleitern stand, waren diese noch nicht gefasst, und nur mein froher Zuruf und ein stärkender Schluck Kirschwasser stellten den Frohsinn wieder her. » Am Tage vor diesem Zwischenfall, der leicht tragisch hätte ausgehen können, hatte Escher den Tödi gezeichnet, den mächtigen 3614 Meter hohen Berg mit seinem glarnerischen und bündnerischen Gipfel. Auch bei dieser Episode zeigte Escher, dass er über die körperlichen und geistigen Eigenschaften verfügte, die seit jeher nötig waren, um Ziele in den Alpen zu erreichen. Es ist deshalb bezeichnend, dass erst durch Eschers, H. Kellers und Ebels Bemühung in Zürich die Geldmittel zusammengebracht wurden, um auf dem Rigi-Kulm ein Häuschen zu bauen.

Obwohl Escher manche schwer zugängliche und wenig bekannte Berggipfel besuchte, wagte er sich nie an eine Erstbesteigung, und auch sein Vorhaben, den Tödi zu erklimmen, kam nicht zur Ausführung.

Auf allen seinen Alpenwanderungen hatte Escher seine Zeichenmappe bei sich, und so entstand nach und nach eine Sammlung von über goo Gebirgsansichten, Zeichnungen und Aquarellen sowie Vollrundpanoramen mit bis über 4 Meter Länge, die Escher dann « Zirkularansichten » nannte. Er skizzierte auf dünnem Papier, worauf er die einzelnen Stücke später zu Hause aneinanderklebte und die Zeichnungen schliesslich farbig ausführte. Wenige Bleistiftstriche und ein paar Zahlen für Felspartien oder Gletscher genügten ihm, da er sich weitgehend auf sein Gedächtnis verlassen konnte. So entwarf er in ein paar Stunden ein ganzes Panorama.

Diesen seinen Werken war ein eigenartiges Schicksal beschieden. 1971 bekam die Zentralbi- bliothek 18 kleine Aquarelle geschenkt, die mit HCE signiert waren. Die Initialen H. C. Eschers! Ein tschechischer Emigrant, Dr. Gustav Solar, interessierte sich näher für diesen Escher. Erfand in der Biographie, welche Johann Jakob Hottinger 1852 verfasst hatte und die bei Orell Füssli in Zürich erschienen war, einen Hinweis auf diese goo grösseren und kleineren Gebirgsansichten. Schliesslich brachte er in Erfahrung, dass sie seit 150 Jahren in einem Escher-Schrank in der Technischen Hochschule in Zürich lagen. Die Abbildungen dieser Zeichnungen sind im Atlantis Verlag in Zürich 1974 unter dem Titel « Hans Conrad Escher von der Linth, Ansichten und Panoramen der Schweiz » erschienen.

Escher äusserte sich selbst über seine Gebirgszeichnungen in einem 1811 geschriebenen Brief folgendermassen:

« Solche Zeichnungen können bei der Bearbeitung der gesammelten Beobachtungen, wenn sie mit gehöriger Sorgfalt aufgenommen und ausgeführt sind, zu Rate gezogen werden und liefern oft Resultate, an die man bei der Verfertigung derselben gar nicht dachte. So zeichnete ich schon 1792, als man noch an keine Panorama dachte, auf der Spitze des Fieudo am Gotthard eine vollständige Zirkularansicht. Noch war mir das Streichen der Gebirgsketten unbekannt, und über die Schicht-senkungen hatte ich sehr unbestimmte Begriffe. Erst mehrere Jahre nachher entdeckte ich am Gotthard den fächerförmigen Stand der Schichten, aber die Ausdehnung dieser Schichtung war mir noch unbekannt. Ich zog mein Fieudo-Pan-orama hervor, spannte dasselbe in einen Reif, orientierte es und fand den fächerförmigen Schich-tenstand in seinen Profilansichten so auffallend darin aufgezeichnet, dass nun mein Überblick über die Schichtung des Gotthardes sehr erweitert wurde. Solche zur Übersicht der geognostischen Beschaffenheit grosser Gebirgsreviere höchst wichtige Beobachtungen habe ich schon vielfältig aus den mehr und minder ausgedehnten Gebirgszeichnungen entnommen, die ich auf meinen 25jährigen Alpenwanderungen mir verfertigte.

Und neben diesen wissenschaftlichen Resultaten, welche solche richtig gezeichnete Gebirgsansichten, oft lange nachdem sie aufgenommen wurden, zu liefern im Stande sind, welchen Genuss kann ich mir verschaffen, wenn ich in Zeitverhältnissen, die keine Alpenwanderungen gestatten, meine Zirkularansichten vom Cramont, vom Brevent in Savoyen, vom Dronaz im Wallis, vom Sidelhorn, vom Six Madun, vom Rothhorn in Bünden, vom Rautispitz, vom Schilt usw. aufspanne, und jeden einzelnen Gebirgsstock, den man dort sieht, wieder betrachten, oder den ganzen Zusammenhang desselben übersehen kann? » Im Jahre 1871, als Dr. Oswald Heer seinen erwähnten Vortrag hielt, hatte der Alpenclub den Gotthard zu seinem Exkursionsgebiet gewählt. In seinen Ausführungen ging der Referent deshalb ganz besonders auf Eschers geologische Untersuchungen in diesem Raum ein.

Dieser hielt sich von 1792 bis 1812 elfmal im Gotthardmassiv auf. 1792-1794 untersuchte er die westlich der Passhöhe gelegenen Gebirgsstöcke, bestieg den Fieudo und die zwischen Lucendro und dem Urserental gelegenen Bergkämme. 1796 finden wir ihn schon im Juni, dann erneut im August in der Gotthardregion, wobei er hier vom Maderanertal über den Brunnigletscher ins Rheintal hinüberwechselte. Im folgenden Jahr wurden diese Gebirgsstudien fortgesetzt. Dann aber kam es zu einem siebenjährigen Unterbruch, weil die politischen Stürme der Mediationszeit, welche damals unser Land bewegten, Escher stark in Anspruch nahmen. Im Sommer 1804 finden wir ihn erneut im Maderanertal, wo er Granite, Gneise und Glimmerschichten untersuchte. Ein Jahr später unternahm er eine grosse Reise durchs Wallis. Auf dem Heimweg über die Furka ins Urserental bestieg er den Six Madun und zeichnete dort die prachtvolle Rundsicht.

In der Staffage seiner Gebirgsansichten hat sich Escher oft selber dargestellt, als Zeichner, als Geologe oder als Wanderer. So wissen wir über seine Ausrüstung ganz gut Bescheid. Ein blaues Jackett mit langen Schössen, lange Hosen, halbhohe, ge- nagelte Stiefel, ein breitkrempiger hoher Hut, der Gesteinshammer, eine Kraxe zum Heimtragen der Mineralien und natürlich Zeichenpapier und Stift gehörten zu seiner Ausrüstung.

Einem so genauen Beobachter, wie es Escher war, konnte es nicht entgehen, dass sich im Flachland eine Masse von Gesteinen befinden, die aus den Alpen heruntergekommen sein mussten. Er hatte schon auf seiner Reise im Jahre i 792 die vom Gotthard stammenden Granitbrocken des Rigi untersucht. Diese « Alpenblöcke », wie er sie nannte, hatte er auch im Flachland und im Jura vorgefunden und die Resultate 1819 in einer Abhandlung « über die freiliegenden Felsblöcke in der Nähe des Alpengebirges », der schweizerischen naturforschenden Gesellschaft vorgelegt.

Die erwähnten Beispiele mögen genügen, um zu zeigen, dass sich Escher mit grossem Erfolg auf seinen Alpenwanderungen mit der Natur unseres Landes vertraut machte und er auch einen weitreichenden Einfluss auf die Entwicklung der Geologie der Schweiz ausübte. Doch es wäre falsch, anzunehmen, dass ihn nur wissenschaftliche Motive in die Alpen geführt hätten. Seine Liebe zur Heimat war unerschöpflich, und er bestätigte immer wieder, dass er sich Kraft für Leib und Geist von den Höhen der Berge hole. Sein Biograph Hottinger schildert die äusserst schwierige Stellung Eschers als Präsident des helvetischen Grossen Rates und dass er, wenn er von niemandem mehr verstanden wurde, sich auf die Berggipfel flüchtete und da neue Kraft aus der Betrachtung der Natur und ihrer Grosse schöpfte.Verschie-dene Stellen in seinem Tagebuch beschreiben, wie es ihm zumute war. In Erinnerung an die grossartige Aussicht, die er auf der Spitze des Scopi genossen hatte, schrieb er: « Seit ich anfing, unsere Gebirge und Erscheinungen genauer zu betrachten, seit ich von dem Gipfel der höchsten Alpenfirsten die Gebirgsgegenden in ihrem Zusammenhang zu überschauen im Stande bin, muss ich immer mehr die grosse Harmonie der Schöpfung bewundern, welche dieselbe Planmäs-sigkeit, die in der organischen Schöpfung getrof- fen wird, auch in der Bildung und Gestalt der gesammten Erdoberfläche an den Tag legt. » Dass Escher immer wieder neue Zuversicht für die grössten Aufgaben seines Lebens auf Wanderungen durch seine geliebten Berge holte, ist auch darin belegt, dass zuerst ein Blick von der Höhe der Churfirsten auf das Sumpfland von Wallenstadt und die Linthebene in ihm den Entschluss wachrief, der Rettung dieser Gegenden alle seine Kräfte zu widmen.

Ihm und seiner unerhörten Tatkraft ist es zu verdanken, dass gegen 16000 Menschen, welche in den Sümpfen zwischen dem Walen- und dem Oberen Zürichsee leben mussten, wieder neuen Lebensmut und fruchtbaren Boden erhielten. Nicht umsonst verlieh die Eidgenössische Tagsatzung am I. September 1832 Hans Conrad Escher posthum den einzigen Adelstitel, den schweizerische Behörden je verliehen haben, nämlich den Nachnamen « von der Linth ».

Eine Gedenktafel am Biberlikopf zwischen Weesen und Ziegelbrücke erinnert die Nachwelt an den grossen Eidgenossen:

Dem Wohltäter dieser Gegend, Johann Conrad Escher von der Linth Geb. 24. Aug. 1767 gest. g. März 1823 Die Eidgen. Tagsatzung Ihm danken die Bewohner Gesundheit, der Boden die Früchte, der Fluss den geordneten Lauf, Natur und Vaterland hoben sein Gemüt.

Eidgenossen! Euch sey er Vorbild!

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