II. Gstellihorn

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Am 13. September 1886 kam Hans von Bergen zu mir. „ Was sagt Ihr bei dem schönen Wetter zum Gstellihorn? Wir zwei könnten das ganz gut selbander unternehmen. "

Das Gstellihorn, die höchste, südlichste Kuppe des gewiß jedem Besucher des Oberhasli auifallenden, himmelanstrebenden, grauen Kalkmassivs der Engelhörner, dieser Gipfel, dessen kühnen Aufbau ich manchmal vom Urbachthal und von der Dossenhütte aus bewundert hatte, reizte aus mehrfachen Gründen meine Unternehmungslust. Erstens machte ich gern einmal den Versuch einer tüchtigen Kalkkletterei und zweitens glaubte ich ( wie sich später erwies, irrthümlicherweise ), die Engelhörner seien bis dahin nur von Engländern J ) bestiegen worden. Ich fügte daher auch gern einen Schweizernamen den ihrigen bei. Endlich war das Wetter wirklich sicher und gerade diese Partie gut von Brienz aus in 24 Stunden auszuführen. Trotzdem ein Clubgenosse, dem ich davon sprach, in Ausdrücken über das Project urtheilte, die nicht gerade geeignet waren, einen soliden Familienvater dazu zu ermuntern, schlug ich also ein und fuhr Abends nach Willigen, wo mir der gastfreundliche Hans ein treffliches Bett zur Verfügung stellte. Nur kurz war die Rast. Um l1/* Uhr machten wir uns bei schönstem Mondschein auf den Weg. Wundervoll war die Wanderung durch das Urbachthal, von dem aus die hellbeleuchteten Felswände der Engelhörner sich gigantisch zum Himmel erhoben, wie belebt und bewegt durch das flimmernde Licht. Um so größer war der Contrast, als wir uns, am Ende der Ebene angelangt, rechts in 's Waldesdickicht wandten, um direct in steiler Steigung gegen die Alp Laucherli aufzusteigen. Mehr tastend und bisweilen stolpernd, als marschirend, ging 's empor, bis wir die Lichtung erreichten, die im vorigen Winter eine herniedersausende Lawine geschlagen hatte. Tausende von niedergeknickten großem und kleinern Buchen zeugten von der Gewalt dieses Naturereignisses, wie ich sie nur einmal vom Oldenhorn aus zu beobachten Gelegenheit hatte, von dem vor einigen Jahren ein mächtiger Schneerutsch unter riesigen Waldverheerungen gegen die Ormonts zu abgestürzt war.Das Laucherli links liegen lassend, erreichten wir circa 8V2 Uhr die armseligen Steinhütten der Augst -gumm ( 1958 m ), von wo aus Gstelli- und Engelhorn in Angriff genommen werden. Fast wollten mir beim Näherkommen die trotzigen Gesellen einiges Bangen einflößen Ueber senkrechtem, 500—1000™ hohem Felsensockel sind sie aufgebaut. Nur vor uns verjüngt sich derselbe und ist bloß mehr etwa 100 m hoch. Der Schneerest eines bedeutenden Lawinenzuges bietet gerade an dieser Stelle einen steilen, treppenartigen Aufstieg auf die sonst nirgends angreifbare Felswand; aber oberhalb des Schnee's ist eine Partie so steiler Platten ( die sogenannte „ Leiter " ) zu traversiren, daß mir unheimlich wird, namentlich nachdem ich schon weiter unten eine Probe dieser dachziegelartig übereinander gelagerten, glatt wie ein gewichster Parquetboden polirten Kalkschichten zum großen Schaden meiner Hosen und meines Selbstvertrauens überstanden hatte. Doch nicht lange mache ich solche schädliche Betrachtungen. Wir haben seit 1 Uhr nichts genossen als etwas Wein und ein paar „ Bretzeli ". Man wird daher gewiß begreifen, daß nach 7 ^2 stündigem Marsch eine währschafte Erbswurstsuppe unser nächstes Ziel war und ohne viel Nebengedanken gekocht und mit großem Appetit vertilgt wurde. Noch ein Trunk Wein, und nun mit Zurlicklassung des überflüssigen Proviants an 's Werk. Juh! Die Bedenken sind verflogen; die Courage fehlte offenbar im Magen, nicht in der Brust! Um 9 Uhr Abmarsch. Langsam geht 's über Stein-gerijll und dann über die steile, harte, im untersten Theil fast firnartige Schneehalde des Lawinenzugs empor. Vorsichtig spähen wir aus, ob nicht etwa Gemsen, die an den wenigen Grasbändern des Gstellihorns ihre sichern Lieblingsplätze haben, uns mit einem Steinhagel von oben her gefährden könnendoch nichts ist sichtbar, also der Weg frei. Oben am Schnee angelangt, legen wir das Seil um und um 91 2 Uhr betreten wir die Platten. Vorsichtig klettert von Bergen einer Spalte im Felsen entlang, wo oft kaum die Nagelreihe des Schuhs Halt findet, bis ein etwas ebeneres Stück oder ein Grasbüschel festern Stand bietet; dann komme ich nach bis zur gleichen Stelle, und so geht 's langsam, immer das Seil gestreckt, einer um den andern, vorwärts. nHier ist eine Stelle, da habt Ihr guten Griff !" Aber dieses „ gut " besteht darin, daß man sich mit Kammgriff, d.h. hauptsächlich auf die Handballen gestützt, am untern Rand einer ziegelartig vorspringenden Platte etwas festklammern, ich möchte lieber sagen, festkleben kann, und etwa 2—3 Meter weit, bis zur nächsten Stelle, wo der Fuß wieder Halt findet, Uberbalanciren muß.

Nach und nach wird 's jedoch besser; es zeigen sich einige breitere Bänder, es kommt eine steile Grashalde, zahlreiche Gemsspuren aufweisend, und von da zieht es sich durch eine bachbettartige, vom Lawinenschnee und Regenwasser zwar polirte, aber nicht mehr sehr steile Kehle dem Gstellihorn entlang nach oben. Heiß brennt die Sonne auf dem nackten Gestein und mit Jubel begrüssen wir ein Wässerlein, das dort drüben vom Felsen abtropft. Ueber abschüssiges Geröll gelangen wir dorthin, und dicht in eine Nische des Felsens zusammengedrängt, denn der rutschende Boden bietet keinen guten Platz, fabriziren wir mit Citrone, Zucker, Wasser, Wein und Cognac eine wohlverdiente und wohlschmeckende „ Bowle Punsch ". Von hier an wird das Gestein etwas rauher, eher schiefrig und bröckelnd, aber immer noch infolge seiner Schichtung der Hand keinen guten Griff bietend. Wir klettern noch durch ein steiles Kamin empor und stehen an der letzten Stufe; direct vor uns ist der nahe Gipfel. An den spärlichen Grasbüscheln, die hier wieder sprießen, weiden in nächster Nähe einige Gemsen. Verdutzt sehen sie uns neben der uns bisher deckenden Felsecke zum Vorschein kommen. Wir halten ebenfalls still und haben nun einige Minuten Muße, sie zu beobachten, wie sie sich auf das vernehmliche Pfeifen der auf dem Grat stehenden Leit-gais allmälig um dieselbe sammeln. Am Ende müssen wir aber vorwärts, und so wie wir uns bewegen, geht 's da oben in wilder Jagd links ab um die nächste Ecke. Einen Moment bleibt eins der Thiere mit dem Fuß in einer Felsspalte stecken und stößt ein klag- 71A. Körber.

Hohes Geblöke aus; aber nur einen Moment, so ist 's wieder frei und eilt den andern nach. Verschwunden ist die Erscheinung, die stets nicht nur dem Gemsjäger, die auch dem Clubisten das Herz vor Freude schwellt.

In 5 Minuten ist der Grat erreicht und über Gneiß-felsengeht's jetzt rasch und sicher weiter; um halb 12 Uhr sind wir auf dejn Gipfel. Wie zu erwarten, bietet die Aussicht keine große Ausdehung; es sind zu viel höhere Größen in der Umgebung. Schön präsentirt sich im Westen meine alte Bekannte, die Wetterhorngruppe. Schier steinwurfhahe liegt vor uns die neue Dossenhütte. Eigenartig ist der Ausblick auf den senkrecht unter uns liegenden Rosenlauigletscher, der zu unserer Begrüßung donnernd einen Eisbruch nach dem andern in die Tiefe sendet. Weit unten blinkt klein und niedlich wie ein Spielzeug das Rosenlauibad; wie ein Haufen kleiner Ameisen krabbelt das Fremdengewimmel vor dem Hause umher...

Doch genug der Aussicht. Wir sehen uns um nach der Flasche, die letztes Jahr von den Engländern hier oben deponirt wurde. Sie war noch bereichert durch die Adreßkarte eines Zuger Kirschwasser-gesehäfts, worauf die Namen standen: „ Carl Possard und Xaver Feller aus Zug, S A. C, Section Roßberg, mit Melchior Rieder von Innertkirchen, 23. August 1886. " Willkommen, ihr Clubgenossen! Noch willDas Gstellihorn zeigt Wechsellagerung von Gneiß und Jurakalk in liegenden Falten. Vgl. pag. 21 dieses Buches und Beck's Phot. Nr. 782, Gstellihorn von Laucherlialp.

Anm. d. Red.

kommener, wenn ihr uns gleich eine Probe eueres Kirschwassers hier gelassen hättet! In Ermangelung dessen trinken wir auf eure Gesundheit mit dem Rest unseres Weines und rauchen zur Bekräftigung einen Stummel helvetischen Krauts. Dann heißt 's abwärts. „ Bergab helfen alle guten Geister ", meint Hans, und wirklich kommen wir gut vorwärts. In einer kleinen Stunde sind wir unten beim Grasband über der „ Leiter "; in 1k Stunde ist auch diese traversirt, rasch rutschen wir Uber's Schneefeld hinunter und um 2 Uhr brauen wir uns in der Gummhütte einen belebenden Thee. In eilendem Lauf geht 's in 's Urbachthal zurück, und um 7 Uhr haben wir Willigen erreicht, von wo mich der Wagen bald nach Hause brachte. Ein langer, heißer Tag; aber ein schöner Tag!

Das Gstellihorn ist jedenfalls von Gemsjägern und auch von Gaisbuben meiner Ueberzeugung nach mehrmals bestiegen worden; es ist auch nicht gerade einer der schwierigsten Kalkgipfel der Berner Alpen ( Gspaltenhorn, Spillgerten etc. ); es erfordert aber immerhin eine tüchtige Dosis Ruhe und Vorsicht und gibt eine famose Uobungspartie zum Sichermarschiren. In etwas früherer Jahreszeit und bei größerem Schnee-reichthum dürfte es, weil das Schneefeld sich mehr über die bösen Platten der „ Leiter " hinaus erstreckt, bedeutend weniger Schwierigkeiten bieten. Viel unzugänglicher, nur für sehr gute Kletterer rathsam, ist gewiß das zwar einige Meter niedrigere eigentliche Engelhorn. Freunde von noch jungfräulichen Spitzen und schwerer Kletterei dürfte es interessiren, daß der eine Gipfel desselben — der östliche, am weitesten gegen das Urbachthal vorspringende — jedenfalls noch nie bestiegen worden ist, daß dessen Besteigung aber allem Anschein nach in den Bereich der Möglichkeit gehört.

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