Im Quellgebiet der Albula

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A. Ludwig ( Sektion St. Gallen ).

Von Dio Athener wollten immer etwas Neues hören; darum predigte ihnen Paulus vom unbekannten Gotte. Die alpinen Schriftsteller halten ihr Publikum in gewisser Hinsicht auch für Athener und wollen ihm von unbekannten Bergen erzählen. Wer Freude am Bergsteigen hat, auch etwa schon ganz ordentliche Touren mitmachte und nun voll Begeisterung in einen alpinen Verein tritt und die Zeitschriften und Jahrbücher liest, der muß fast notwendig zu der niederschmetternden Erkenntnis kommen, daß seine bisherigen Leistungen null und nichtig waren, und daß nur derjenige ein richtiger Clubist ist, der eine „ erste " oder wenigstens „ erste touristische " Besteigung ausgeführt hat und sich geniert, einen Berg auf dem „ gewöhnlichen " Wege zu nehmen. Die menschliche Natur, vor allem die liebe Eitelkeit, wird den eifrigen Clubisten nun dazu drängen, es den erfolgreichen Vorgängern nachzuthun, und so es ihm an persönlicher Tüchtigkeit, hauptsächlich aber an Zeit und Geld nicht mangelt, so wird er noch hie und da ein Kränzlein zu holen finden. Freilich liegt es in der Natur der Sache, daß die Großzahl derselben untergeordnete Gipfel betrifft und daß, wie ein Alpinist sich äußert, „ das unbekannte zum Unbedeutenden herabsinkt. "

Indessen ist es keineswegs eine an sich nicht zu verdammende Eitelkeit allein, welche die Sucht nach ersten Besteigungen veranlaßt. Der Drang, Neues zu entdecken, das Unbekannte zu erforschen, wohnt ja dem menschlichen Wesen inne. Was wäre die Menschheit ohne diesen Trieb? Und schließlich kann ja jeder sein Übungsfeld da suchen, wo er will, und braucht sich um die Meinung der urteilslosen großen Menge nicht zu bekümmern. Als ein Armutszeugnis für die alpinen Vereine müßte man es aber betrachten, wenn die schon öfters aufgestellte Behauptung richtig wäre, daß es nachgerade schwierig werde, in den Bergen etwas auszuführen, das sich zur Darstellung in einem Jahrbuche eigne. Denn auch wenn A. Ludwig.

selbst in Graubünden und Tessin der letzte noch unbestiegene Gipfel, der diesen Namen irgendwie verdient, bezwungen worden ist, wird es den alpinen Zeitschriften deswegen noch lange an Stoff nicht fehlen. Stehen ja doch auf dem Programm neben den rein touristischen noch Aufgaben allerlei anderer Art, die bis jetzt recht stiefmütterlich behandelt worden sind. Und sind denn schon alle in irgend einer Hinsicht — ich nenne nur Aussicht, Höhe, Schwierigkeiten — hervorragenden Berge in den Jahrbüchern schon in so erschöpfender Weise behandelt, daß man auf sie nicht mehr zurückkommen dürfte? Wäre dies der Fall, so müßte man nicht die freilich nicht überall zutreffende Behauptung hören, es sei in den Jahrbüchern nichts zu finden, wenn man über einen bekannten vielbesuchten Gipfel etwas nachlesen wolle.

Doch diese Einleitung war eigentlich überflüssig, denn ich gedachte keineswegs um Entschuldigung dafür zu bitten, daß ich über Berge berichte, die zum Teil häufig besucht werden, zum Teil zwar touristisch unbekannt und vernachläßigt, aber doch schon bestiegen waren. Desto mehr muß ich um Nachsicht bitten für die Art und Weise meiner Darstellung. Als ich im letzten Jahrbuch die Bemerkung des Herrn von Rydzewsky las, die „ genaue Buchführung " führe fast zu einem Bankerott in dem Vergnügen des Reisenden, lachte ich innerlich und freute mich, daß ein Clubist von diesem Range einer Beobachtung Ausdruck gab, die sich mir schon oft aufgedrängt hatte. Ich schäme mich nun nicht, zu gestehen, daß mir über manche Tour nur sparsame Notizen zur Verfügung stehen und daß ich speciell die Zeiten nur ausnahmsweise notiere.

I. Die Kette des Piz Saiteras.

Sie verbindet die Bergünerstöcke mit dem Errgebirge.Von ersteren wird sie durch die Fuorcla da Tschitta, von letzterm durch die Fuorcla da Mulix geschieden. Die Gewässer der Nordostseite vereinigen sich unter den Alphütten von Mulix und fließen als starker Bach bei Naz in die Albula. Naz, ein kleines Sommerdörfchen, ist der beste Eingangs-punkt in diese Gebirgswelt. Selbst wenn man von Bergün herkommt, thut man besser, den schlechten Pfad, welcher sich steil gegen Rots hinaufzieht und dann, den Vorsprung überquerend, nach Tschitta führt, zu verschmähen und erst bei Naz die Albulastraße zu verlassen, um auf ordentlichem Wege dem Bache entlang, der schäumend mit starkem Gefälle mutwillig die Hindernisse überwindet, die ihm in Gestalt zahlloser meist granitener Blöcke entgegenstehen, zur Gabelung der Thäler zu gelangen, allwo man sich für den einen odern andern Zweig entscheiden mag. Beide Thäler, Mulix und Tschitta, werden wenig besucht.

Mulix ist eine steinige Galtviehalp. Die Hütten sind bis auf eine zerfallen und gehen dem Einsturz entgegen. Gewöhnlich residiert nur ein Italiener hier und es ist schwierig, Quartier zu finden. In botanischer Hinsicht ist Mulix besuchenswert, weniger interessant dagegen in seinem geologischen Bau. Das Thälchen ist in Granit eingeschnitten, und wenn auch im Hintergrunde einige Kuppen von Kalk und Dolomit aufgesetzt sind und ein Streifen von eingekeiltem Sedimentgestein die linke Thalwand durchzieht, so verleiht doch der durchaus vorherrschende Granit der Landschaft eine Einförmigkeit, die ermüdend wirken müßte, wenn nicht ein anderer Umstand ausgleichend sich geltend machen würde und zwar in so hohem Maße, daß ich nicht anstehe, den Thalhintergrund von Mulix als einen der schönsten zu bezeichnen, die ich je gesehen habe. Es sind die kleinen Hanggletscher, Firnfelder und Schneeschluchten, die sich von den unbenannten Bergen zwischen der Fuorcla da Mulix und dem Piz della Pyramida heruntersenken und durch den Kontrast ihres blendenden Weiß mit dem Dunkel und Grau der Hörner und Kuppen dem übrigens nicht tief gescharteten Gebirgszug einen wunderbaren Reiz geben. Die kleinen Gletscher stehen zum Teil schon in Verbindung mit dem großen Gletscherrevier des Errgebirges, wie auch die erwähnten Berge, so imposant sie vom tiefen Thalgrund sich ausnehmen, doch von erhöhtem Standpunkt nur als untergeordnete Vorgipfel des eigentlichen Errmassivs erscheinen. Daß die meisten dieser Gipfel keinen Namen tragen, ist erklärlich. Daß aber auch der herrliche Punkt 3064 unge-tauft blieb, ist mir faktisch unbegreiflich; denn er ist eine prächtige Berggestalt, eine regelmäßige massige Pyramide, die in Bergün sofort in die Augen springt, nach deren Namen man aber auch dort umsonst fragt. Es ist wünschenswert, daß hier Abhülfe geschaffen werde.

Ich habe schon einmal in der Alpina kurz auf den Thalabschluß von Mulix aufmerksam gemacht und hegte nachträglich Bedenken, ob ich vielleicht zu schönfärberisch mich geäußert. Aber als ich im letzten Sommer zum zweiten und dritten Mal in jene Gegend kam, blieb mein Urteil unverändert.

Der Wald reicht in Mulix ziemlich hoch. Noch weit hinter den Alphütten sieht man einzelne Bäume. Für uns, die wir an die Buchenwälder und die hochstämmigen Tannenwaldungen des Vorderprätigaus und seiner Seitenthäler gewöhnt sind, haben die Arven- und Lärchenbestände des Albulathals und des Engadins etwas Fremdartiges, obschon sie, namentlich die letztern, dem nördlichen Kantonsteil nicht ganz fehlen.

Der Thalgrund steigt zunächst nur sanft an. Dann aber folgt eine hohe felsige Stufe, welche den Bach in tief eingefressener Schlucht tiber-windet. Die Terrasse über dieser Stufe heilit „ Sur la crappa ". Aber diese Terrassierung ist nicht auf den Hintergrund beschränkt. Bei aufmerksamer Beobachtung sieht man die Spuren, hie und da unterbrochen, auch auf der rechten Thalseite. Diese schwach thalauswärts fallenden kümmerlichen Reste und die erstgenannte besser erhaltene Terrasse Sur la crappa erinnern noch an den alten Thalboden, der, höher gelegen und breiter als der jetzige, durch frisch belebte Erosion nach und nach zum größten Teil verschwand. Auffallend erscheint es nun aber, daß Val T8chitta nicht entsprechende Verhältnisse zeigt. Von dem Zusammenfluß der Bäche steigt das letztgenannte Thälchen ziemlich steil an, und erst weiter hinten erreichen wir einen flachen Thalboden, der teilweise mit mächtigen eiszeitlichen Moränen bedeckt ist. Vergleichen wir beispielsweise auf der Karte den Verlauf der 2160er Curve in Tschitta und Mulix, so wird uns der Unterschied sofort klar. Die Erosion ist in Val Tschitta im Rückstand geblieben. Ja, man möchte geradezu behaupten, jener flache Thalgrund von Tschitta, der ungefähr 2300 Meter hoch liegt, gehöre jenem alten Thalbodensystem an, das in Mulix nur noch andeutungsweise verfolgt werden kann. Warum dann aber hier die ausgeprägte felsige Stufe und das darunter sonst übliche sanftere Gefälle fehlt, kann ich mir nicht erklären, selbst wenn man die Möglichkeit in Betracht zieht, daß die Wegschaffung diluvialer Ablagerungen in Tschitta mehr Zeit in Anspruch nahm, als in Mulix.

Val Tschitta hat prächtige Matten und Weiden, namentlich auf der linken Thalseite. Grashalden mit üppiger Vegetation reichen auch noch weit hinauf an der Südostseite des vom Piz Saiteras gegen Cartans verlaufenden Zuges. Für den Geologen bietet Tschitta viel mehr als Mulix. Es ist das Thälchen denn auch von Escher und Studer, sowie von Theobald besucht worden; doch erstiegen diese Forscher keine der Spitzen. 1835 stiegen Escher und Studer durch Falò weit ins Thälchen hinauf, wagten es aber nicht, den Übergang ins Errthal zu versuchen, da das Wetter unsicher, kein Führer zu finden war und eine gefahrvolle Tour aus dem Beverserthal ins Errthal sie gewitzigt hatte. Zwei Jahre später stiegen sie mit einem alten Gemsjäger durch Rots nach der Fuorcla da Tschitta und fanden nun, daß dieser Weg von Bergün nach Tinzen sich leicht zurücklegen lasse und nicht beschwerlicher sei als die Surenen und Nufenen. Der Gebirgsvorsprung, der diesen Weg vom frühern trennt ( Tschimas da Tschitta ), besteht großenteils aus Schiefer, teils gewöhnlichem grauem, teils buntem, rotem und grünem Schiefer, und diese Schiefer, nebst Kalk und Dolomit, nehmen auch weiter östlich die linke Thalseite von Tschitta ein, während auf der rechten, gegen den Piz Mulix und Piz Bleis Martscha, der Granit vorherrschend wird.

Der Saiteraskette entragen drei ungefähr gleich hohe Hauptspitzen, der Piz Val Lung ( 3081 ), der Piz Saiteras ( 3114 ) und der Piz Bleis Martscha ( 3130 m ). Die geologische Mannigfaltigkeit unseres kleinen Gebietes zeigt sich gerade im Aufbau dieser Gipfel. Es ist der Piz Val Lung ein Dolomitstock, der Piz Saiteras eine sanfte Schieferpyramide mit ungescharteten, leicht gangbaren Kanten, und der Piz Bleis Martscha ebenfalls eine Pyramide, aber aus Granit und darum kühner und steilwandiger.

Im Quellgebiet der Albula.7, Der Piz Val Lung wird, wenn auch selten, etwa bei der Überschreitung der Fuorcla da Tschitta bestiegen und scheint von dort aus sehr leicht zu sein. Ich kenne ihn nicht genügend, da ich ihn nie betreten habe. Den Piz Saiteras bestieg ich mit stud. jur. Hartmann am 3. August 1893. Vom Weißenstein über Naz herkommend, bogen wir etwas unterhalb Punkt 2372 nach Südwesten um. Wir wollten den Nordostgrat des Berges gewinnen und schlugen uns südlich von Cartans über einen ziemlich steilen Dolomitrücken hinauf, wobei wir mit leichter Mühe Edelweiß in Menge sammeln konnten, während weiter unten das fehlende Rot der Alpenrosen durch Hedysarum obscurum und eine Pedicularis-Art vertreten war. Der oberste Teil des Rückens war nicht leicht und der Grat selbst versprach Schwierigkeiten zu bieten, besonders da, wo das Kalkgestein an die Schieferbildungen der eigentlichen Gipfelpyramide grenzt. Wir krebsten also etwas zurück, gingen in horizontaler Richtung nach Süden und konnten nachher leicht ziemlich weit direkt durch die Ostwand des Gipfels aufsteigen, die lange nicht so steil ist, als sie von ferne aussieht. Eine Wendung nach Norden brachte uns schließlich doch noch auf den Nordostgrat, über den wir ohne Klettern die Spitze erreichten. Ein schwächliches Steinmännchen mit zerbrochener Flasche ohne Wahrzettel krönte dieselbe.

Es wäre fast lächerlich, wollte ich die Fernsicht schildern, zur Zeit, da das Albulagebiet mit so vielen weitschauenden Spitzen Clubgebiet ist. Ein wolkenloser Himmel wölbte sich über uns, ein wahres Wunder für mich Wetterpechvogel, der es fertig gebracht hat, in jenem unvergleichlich schönen Sommer „ mit seltenem Raffinement " gerade die einzige Schlechtwetterperiode für meine Reise ins Clubgebiet auszuwählen.

Das Eigenartige der Ausschau liegt in dem Umstände, daß man sich zwischen zwei gewaltigen, in ihrem Charakter gänzlich verschiedenen Gebirgsgruppen befindet, zwischen den kraftvollen weißgrauen Felsgestalten der Bergünerstöcke und der Gletscherwelt des Errgebirges. Und wenn ich speciell die zwei Haupt- und Glanzstücke nennen soll, so sind es der Piz d' Aela einerseits und der große steile Errgletscher anderseits. Von welcher Seite man auch den Piz d' Aela betrachtet, immer ist er ein gewaltiger, imponierender Berg. Erscheint er von Nordosten als gletscher-bepanzerter Halbkreis, als breiter Dom, von Südwesten als nackte, hohe und breite Fluh, durch die Masse die Nachbarn in Schatten stellend, so präsentiert er sich nach Süden als eine so markige, hochragende, Ehrfurcht erweckende Pyramide, daß das Tinzenhorn, selbst von seiner günstigsten Seite gesehen, den Vergleich mit ihm nicht aushalten kann. Man vergleiche auch die Beilage zum letzten Jahrbuch: „ Aussicht ins Clubgebiet vom Aroser Rothhorn ".

Den Errgletscher kann man nirgends besser betrachten, als auf dem Piz Saiteras. Die klaffenden Schrunde, gewaltigen Eiskaskaden mit sturzbereiten Blöcken, dann wieder die sehr steilen Firnhalden, bekanntlich noch viel steiler scheinend, als sie wirklich sind, ließen in uns starke Zweifel aufkommen, ob ein Aufstieg über denselben möglich sei. Erst ein Jahr später, als Herr Imhof und ich in Bergiln zufällig mit Herrn Oberst Sprecher von Maienfeld zusammentrafen, erfuhren wir, daß er mit seinem Bruder und dem berühmten Oberhalbsteiner Jäger JSpinas den Übergang aus dem Beverserthal ins Errthal eben über diesen Gletscher bewerkstelligt hat und zwar schon vor einer Keihe von Jahren. Damit ist auch die Möglichkeit einer Besteigung des Piz d' Err aus der Val d' Err ohne Umgehung des Gletschers dargethan.

Es lag in unserer ursprünglichen Absicht, an diesem Tage noch einen Gipfel zu besuchen. Aber der Versucher war bei uns in Gestalt von zwei großen Flaschen Sassella, die uns mein Vetter vom Weißenstein mitgegeben hatte, und raunte uns zu: „ Ihr thörichten Menschenkinder! Warum wollt Ihr Euch immer plagen, statt fröhlich und mit Muße das Erreichte zu genießenünd wir unterlagen und blieben fast 4 Stunden auf der Saiterasspitze. Bereut haben wir es nicht. Wir aßen, tranken, rauchten, sangen, zeichneten ( doch behalten wir die bezüglichen Kunstblätter für uns ), bauten einen gehörigen Steinmann und lugten fleißig aus. Vergnügtere Stunden habe ich noch selten auf einem Gipfel zugebracht.

Nordwest- und Südostgrat des Piz Saiteras sind gut gangbar, aber nur soweit der Schiefer reicht. Sowie man gegen den Piz Val Lung hin auf die triasischen Gesteine, gegen den Piz Bleis Martscha hin auf den Granit stößt, hört die Gratbummelei auf, und man darf behaupten, daß der erstere Gipfel von Süden vielleicht mit Schwierigkeiten zu nehmen ist, daß dagegen an einen Übergang zum Piz Bleis Martscha auf dem Grat nicht gedacht werden kann.

Vom Piz Saiteras senkt, sich nach Nordosten ein Gletscher hinab, klein zwar, aber doch ein richtiges Exemplar mit gehörigen Spalten. Zu zweien und ohne Seil, wagten wir es nicht, ihn zu betreten, und nahmen den Abstieg zunächst über den Südostgrat, dann in nordöstlicher Richtung hinunter nach Tschitta, wobei eine ziemlich ungemütliche Kutschpartie über ein kleines Firnfeld einige Abwechslung brachte. Abends waren wir wieder auf dem Weißenstein.

Unserer Tour folgte noch eine kleine nächtliche Exkursion, zu welcher uns Herr Staatsanwalt Caflisch, der verdiente Kenner der Schmetterlinge, einlud. Das obere Albulathal ist reich an seltenen Schmetterlingen, und fast regelmäßig trifft man auf dem Weißenstein oder in Bergün Fachleute, die sich mit dem Fange abgeben. Herr Caflisch hatte seinen Jagdgrund in dem Föhrenbestande jenseits des Weißensteins, in welchem er uns herumführte, dabei die Methode des Fanges erklärte und die Beute einsammelte. Wehe den armen Schmetterlingen, wenn sogar Juristen ihnen nachstellen! Aber die Theologen sind nicht besser, wie ein auch in clubistischen Kreisen wohlbekannter Pfarrherr in Davos beweist.

Jj: -dit Erst im nächsten Jahre kam ich dazu, auch den Piz Bleis Martscha zu ersteigen, und zwar am 23. Juli mit meinen Freunden E. Imhof und W. Zwicky von Bergün aus über Naz, das vordere Tschitta und die in südwestlicher Richtung gegen den Gipfel sich ziehende Mulde. Dieser Weg ist keineswegs der kürzeste und leichteste und wir erreichten erst nach einigem Suchen und Auf- und Absteigen die Spitze und zwar von der Mulixer Seite her. Die erwähnte Mulde, westlich vom Piz Mulix, nahm viel Zeit in Anspruch. Sie bot das für den Bergsteiger Unangenehmste in reichem Maße, nämlich große Trümmermassen und weichen Schnee. Man kommt hier vom Galgen aufs Rad. Das Trümmerfeld ist lang und breit, hat recht anständige Wälle und Gräben, und die Blöcke, die in allen Größen vorhanden sind, befinden sich oft in perfidem labilem Gleichgewicht. Hat man es überwunden, so gewährt es freilich einen interessanten Anblick; denn es ist eine gewaltige alte Moräne und die Bogen-wälle sind noch in aller Deutlichkeit zu sehen. Der Erzeuger aber dieser Herrlichkeit, der Gletscher, der einst das Kar ausfüllte, ist freilich zum größten Teil verschwunden; nur ein bescheidenes Firnfeld erinnert noch an seine Existenz. Aber für uns ist es groß genug; denn der Schnee könnte nicht schlechter sein. Imhof, der Vielgewandte, ging voran und verließ nach einiger Zeit die Methode des Zickzackgehens, indem er entdeckt haben wollte, daß die in normaler Richtung verlaufenden kleinen Rinnen besser tragen. Bald half 's, bald auch nicht, und wir dachten mit Heiterkeit an die unsägliche Schneewaterei, die wir im April dieses Jahres in der Val Nandro gemeinsam durchgemacht hatten. Damals setzte mir Herr Imhof eben die Vorteile einer etwas modifizierten Methode des Gehens auseinander, welche das Einbrechen verhindern sollte, als er gleich darauf plötzlich nur noch mit dem Oberkörper aus dem Schnee hervorragte.

Das Schneefeld sendet zwei Zungen in die Gratfelsen hinauf, eine breitere östliche und eine schmälere sehr steile westliche. Die Steilheit der letztern, die wir wahrscheinlich überschätzten, ließ uns der östlichen den Vorzug geben, über welche wir nun auf den Grat gelangten, nicht ohne daß sich beim Übergang aus dem tiefen Schnee auf den Fels noch recht komische Scenen abgespielt hätten.

Wir befanden uns nun wenig westlich von Punkt 2794, etwas höher, in einer Scharte.Von der Stelle, wo die steile westliche Schneezunge den Grat erreicht, trennte uns noch eine zerklüftete zackige Felspartie, die keineswegs so unschuldig war, wie wir von unten vermutet hatten. Sehr bald mußten wir den Grat verlassen; eine Umgehung auf der rechten ( nördlichen ) Seite war unthunlich. Auf der linken gieng es auch nicht lange, indem wir viel zu oft aus- und einbiegen mußten, da die seitlichen Felsrunsen ziemlich tief eingeschnitten sind. Wir stiegen darum auf der Südseite etwas ab, bis wir wieder auf Schutthalden kamen, gingen dann etwas westlich und gelangten so in den hintersten Teil des Kars, welches sich vom Lai negr westlich und zuletzt nordwestlich hinaufzieht. Von da erreichten wir über einen Felsrücken ( südlich der Zahl 3130 ) den Ostgrat wieder und nach kurzer Zeit, teilweise über mächtige Blöcke, die Spitze.

Der Piz Bleis Martscha ist, wie der Piz Val Lung, ein Triangulationspunkt. Allen Respekt vor dem Vermessungspersonal, da3 den mächtigen Steinmann erbaut hat. Denn er steht auf dem exponierten schmalen apern Streifen, den auf dem fast horizontalen Gipfelgrätchen die Gwächte zwischen sich und dem schreckhaften Absturz freiläßt. Das Gestein ist sehr klüftig und man erwartet alle Augenblicke, das Gewicht des Steinmanns werde die von steilen Fugen durchzogene Felsunterlage zum Weichen bringen. Unwillkürlich bringt man sich in eine Stellung, die mit derjenigen des Apothekers bei der Wagenfahrt in Hermann und Dorothea einige Ähnlichkeit hat.

Wieder ein wolkenloser Himmel! Die Fernsicht ist ungefähr dieselbe, wie auf dem Piz Saiteras. Auf dem letztem hat man etwas mehr Thalaussicht, indem gegen den Albulapaß hin der Piz Palpuogna und ebenso der Piz Mulix für den Piz Bleis Martscha viel zu verdecken vermögen. Schön ist, wie auf dem Saiteras, der Blick ins Oberhalbstein, weniger auf die Ortschaften des Thalgrundes, als vielmehr in die herrlichen Seitenthäler.

Touristischen Besuch scheint der Piz Bleis Martscha vor uns nicht empfangen zu haben. Sehr begreiflich; haben doch noch nicht einmal die herrlichen Errstöcke häufigen Besuch zu verzeichnen. Auch wir hatten ihn nicht eigentlich um seiner selbst willen erstiegen, sondern mehr, um eine Rekognoszierung für den folgenden Tag vorzunehmen, d.h. die Möglichkeit eines Aufstieges von Mulix über die Punkte 3141 und 3253 der Exkursionskarte ( letzterer = Punkt 3281 des Blattes Bivio ) auf den Piz d' Err zu ermessen. Schon in der Scharte westlich von Punkt 2794, wo der Blick ins hintere Mulix, auf den dunkeln Spiegel des Lai negr sich öffnet, hatten wir eifrig- hinübergespäht nach der sichtbar gewordenen Errgrnppe. Dort fesselt Punkt 3253, ein breiter massiger Schneeberg, weit näher gelegen und ziemlich hoch, den Blick fast mehr als die höhern Err-gipfel. Noch besser sahen wir das alles natürlich von der Spitze aus. Diese Inspektion nahm einen bedeutenden Teil unserer Gipfelrast in Anspruch und ergab ein befriedigendes Resultat. Wir setzten den Plan schon heute fest, und, was das Beste war, wir konnten ihn am folgenden Tage beim herrlichsten Wetter ohne Abänderung ausführen.

Den Abstieg nahmen wir, nach kurzem Marsche über den Ostgrat, hinab in das südlich unter dem Gipfel beginnende Kar. Er erfordert eine kurze Kletterei und einen etwas längern Marsch über Schutthalden. Nachher zeigt die Hochmulde alle Anzeichen alter Gletscherlandschaften.

Im Quellgebiet der Albida.l'i'Die prächtigsten Gletscherschlitfe, zahllose Rundhöcker und seichte Becken sind in diesem Granitgebirge tadellos erlialten geblieben, während sie im Schiefer undeutlich oder ganz verwischt sind. Der kleine See bei Punkt 2651 ist durch anstehenden Fels geschlossen und er ist, wie so mancher kleinere, nicht eingezeichnete, durch den Gletscher ausgehobelt worden. Daß er sehr seicht ist, sahen wir schon von weitem. Einige Kinder standen nämlich fast mitten drin, in der Nachmittagshitze Kühlung suchend.

Aus dem Eeiche des kleinsten Baumes, der Salix herbacea, hinabsteigend, trafen wir auf immer zahlreichere Vertreter einer reichen Vegetation. Aber ein steiniges Gelände bleibt der Hintergrund von Mulix immer, und auch nachdem wir die crappa hinter uns hatten, blieb der Weg bis zu der Alp Mulix äußerst holperig. Neben den zahllosen Granitblöcken trifft man hin und wieder Dolomit und breccienartige Kalksteine.

Wir übernachteten in Naz, nachdem Imhof und ich den eben vom Piz d' Aela zurückgekehrten Führer Mettier von Bergün heraufgeholt hatten. Mit ihm wurde am Morgen die verabredete Errtour angetreten, über die Herr Imhof berichtet.

Den Piz Bleis Martscha empfehle ich nicht. Er ist keineswegs schwierig, aber mühsam. Wer indessen ein großartiges Bild der Zerstörung sehen will, mag ihn immerhin besuchen. Alte Moränen in den Mulden, direkt durch Absturz entstandene Schutthalden am Fuß der Felswände und Zertrümmerung in loco auf den Gipfelgräten bezeugen die Wirksamkeit des Frostes und der Schwerkraft im Laufe ungeheurer Zeiträume. Unsere Abstiegslinie dürfte wohl den leichtesten Aufstieg andeuten.

Die weniger mühevolle und mehr Abwechslung bietende Tour auf den Piz Saiteras wird durch eine ebenso schöne Aussicht belohnt. Für diesen Berg sei daher eine Lanze eingelegt, obwohl ihm diese Empfehlung schwerlich zu häufigem Besuch verhelfen wird.

Wenn man Theobalds geologische Beschreibung dieses Gebirges nachliest, so wird man bald entdecken, daß der „ hohe Granitstock ", den er Piz Saiteras nennt, nichts anderes ist als der heutige Piz Bleis Martscha und daß dagegen seine namenlose „ sehr hohe, an ihrer roten Farbe weithin kenntliche Pyramide " unsern Piz Saiteras vorstellt. Dabei ist zu bemerken, daß in der That das rote Gestein weithin auffällt, daß aber ein bedeutender Teil und zwar gerade die oberste Spitze aus einem grauen Schiefer besteht, der äußerlich kaum von dem Liasschiefer der Uertsch-kette zu unterscheiden ist, nur daß er nicht so auffallend stengelige Textur zeigt.

Es will mir scheinen, als wäre die Saiteraskette für eine eingehende Specialuntersuchung durch einen Fachmann sehr geeignet. Die große Mannigfaltigkeit der Stufen verschiedensten Alters, die Lage zwischen zwei mächtigen durchaus verschiedenen Gebirgsgruppen und zwei so interessanten Thälern, nicht zu vergessen auch die leichte Zugänglichkeit sprechen dafür. Vor allem könnte vielleicht hier die Frage der Bündnerschiefer ihrer Lösung wieder um einen Schritt näher gebracht werden. Eine genaue Untersuchung der Verhältnisse dieses Übergangsgebietes würde gewiß feststellen, ob die Schiefer des Oberhalbsteins und diejenigen der Uertschkette in einander übergehen oder ob sie verschiedenalterige Bildungen sind. Würde sich ein Zusammenhang ergeben, so wäre die Theorie von der Einheit und dem liasischen Alter der Bündnerschiefer, welche Prof. Heim in dem hochwichtigen Werke „ Geologie der Hochalpen zwischen Reuß und Rhein " mit einem gewaltigen Beweismaterial vertritt, hier aufs schönste bestätigt; denn auch die Gegner erkennen die Schiefer am Albula als Lias an.

Von Interesse wäre ferner die Untersuchung der Sedimentreste über dem Granit gegen das Errgebirge hin. Auf der andern Seite dürfte ebenso neues Licht fallen auf die Tektonik der Bergünerstöcke, deren Kenntnis im wesentlichen immer noch auf das beschränkt ist, was schon Escher und Studer entdeckt haben. In Summa, ich glaube, daß hier für einen Geologen noch viel Verdienst zu holen wäre, und deshalb konnte ich diese Bemerkung nicht unterlassen, obwohl sie, weil aus dem Munde eines Laien, mit Vorsicht aufzunehmen ist.

II. Die Kette des Piz Uertsch.

Wer jemals den Albulapaß überschritten und sich dabei auch nur flüchtig umgeschaut hat, dem ist gewiß der Kontrast zwischen den beidseitigen Ketten aufgefallen. Er gibt sich in Gesteinsart, Gipfelbildung, Farbe und auch in der Höhe kund.

Die südliche Kette ist eine in hoch hinaufreichenden Schutthalden fast begrabene Granitmauer. Ihr entragen die pyramidalen Gipfel, der Natur des harten Gesteins entsprechend steile kraftvolle Gestalten, eckig, kantig, zum Teil geeignete Objekte für passionierte Kletterer.

Dennoch hat mir diese Kette nie so recht imponieren wollen. Daran ist nicht die geringe Höhe schuld, sondern der Mangel an Gletscherschmuck und die unschöne Farbe. Der Albulagranit, frisch gebrochen ein so prachtvolles Gestein, hat eine häßliche Anwitterung. Für Gletscherkare ist in dem schmalen Zuge kein Raum.

Schon in den kühnen Gestalten der Giumels ( Zwillinge ) hat das Gebirge von seiner frühern Höhe eingebüßt. Westlich davon ist es wie abgebrochen, indem es rasch zu einer sehr breiten, relativ niedern, leicht zu überschreitenden Lücke abstürzt, welche sich in mehrern unebenen Stufen zum Weißenstein senkt. Daher die zuerst frappierende Thatsache, daß man vom Weißenstein am Nordhange nur wenig anzusteigen braucht, um den Piz Ot hervorgucken und nach und nach in seiner ganzen Schönheit auftauchen zu sehen.

Weiter westlich gewinnt die Kette ihre frühere Höhe wieder, übertrifft sie sogar noch, ändert jedoch zugleich ihren Charakter. Sie ist nicht mehr so einfach, sondern entsendet bedeutende Seitenäste, namentlich im Piz Palpuogna. Dadurch entstehen Hochmulden und es ist Raum für Gletscherbildung vorhanden, die dem Gebirge des Piz della Pyramida erhöhten Heiz gibt. Anschließend folgen die schönen namenlosen Gipfel südlich von Mulix, von denen im vorigen Abschnitt die Rede war.

Die Erniedrigung der Kette zwischen Giumels und Piz della Pyramida ist so auffallend, daß man sich nach der Ursache derselben fragt. Es ist doch kaum anzunehmen, daß das Gebirge schon nach erfolgter Hebung der Alpen so viel niederer war, als die östliche und westliche Fortsetzung. Schwerlich dürfte es zufällig sein, daß die erwähnte breite Lücke gerade da sich findet, wo das Beverserthal und das Albulathal so nahe zusammentreten, daß die Horizontaldistanz zwischen dem Beverser-bach und dem einstigen See beim Weißenstein nur 2 km. beträgt. Von beiden Seiten arbeitend, mußte bei dieser kurzen Distanz die Erosion rascher rückwärts bis auf den Kamm des Gebirges sich geltend machen, und so ist vielleicht diese merkwürdige Lücke zu erklären.

Nach diesem kurzen Blick auf die südliche Einfassung wird uns die nördliche Kette etwas länger beschäftigen.

Die Kette des Piz Uertsch ( Piz Albula oder Albulahorn ) beginnt unterhalb Naz, unweit Punt ota, indem sie rasch und steil, anfänglich noch mit dürftigem, alle Bändchen des felsigen Hanges in Anspruch nehmendem Wald bekleidet, sich aufschwingt zu der Höhe des Muot ( 2363 ). Bis zum östlichen Ende an den Dolomitfelsen, die die Ruinen von Guardaval tragen, hat sie eine Länge von cirka 15 km. Der ganze Zug ist ein Kalk- und Schiefergebirg und erhält seine Physiognomie ganz vorwiegend durch den Hauptdolomit Theobalds ( Plattenkalk der neuern Geologen ) und durch den grauen Liasschiefer. Von der Aufzählung der andern geologischen Stufen sehe ich aus guten Gründen ab. Rauchwacke und Gips im Thale unten werden wohl jedem Wanderer auffallen.

Der westliche, etwas breitere Teil der Kette zeigt noch Gliederung, indem sich hier das Zavrettathälchen einzuschneiden vermochte. Die südliche Einfassung seines öden Hintergrundes verwehrt auf eine große Strecke den Blick von der Albulastraße auf den westlichen Hauptgrat.

Das touristische Interesse nimmt hauptsächlich der Kulminationspunkt der Kette, der Piz Uertsch, in Anspruch, viel weniger dagegen der zweite Hauptgipfel, der Piz Blaisun. Über den letztern mögen immerhin einige Worte am Platze sein.

Vom Albulapaß aus sieht man beide Gipfel und man kann sich nicht leicht einen größern Gegensatz denken. Neben der weißgrauen, leuchtenden, an Wildheit dem Granitgebirge nicht nachstehenden steilen Dolomitgestalt des Piz Uertsch vermag der bescheidene Piz Blaisun mit den sanften Formen des Schiefergebirges nicht aufzukommen. Er ist auch schon ein unschöner Schutthaufen genannt worden. Dieses Urteil erscheint mir denn doch zu hart. Er hat hübsche regelrechte Pyramidenform; nur sind eben die Seiten nicht steil; es fehlen die kühnen Abstürze und die Kanten sind nicht gebrochen, nicht gezackt, dafür aber um so leichter gangbaï. Wer die Berge nur nach den Schwierigkeiten würdigt, soll den Piz Blaisun ruhig beiseite lassen. Ich bestieg ihn mit stud. jur. Hartmann am 2. August 1893, allerdings mit der Absicht, nachher den Übergang zum Piz Uertsch zu bewerkstelligen. Aber der leidige Nebel verhinderte den zweiten Teil des Programmes. Obwohl wir drei Stunden auf der Blaisun-spitze verweilten, den Piz Uertsch bekamen wir nie zu Gesicht, dagegen einigemal die dräuende Südwand des Kesch. Wir gehen aber doch nicht irre, wenn wir die Aussicht als sehr lohnend bezeichnen; denn der wenig höhere Uertsch kann unmöglich viel verdecken. Dazu kommt noch die Leichtigkeit der Besteigung. Die von uns gewählte Route über den Südgrat — vom Albulapaß her — ist ein wahres Kinderspiel, aber dennoch interessant wegen der ausgezeichneten Erscheinungen der Transversal -schieferung. Der graue oder graublaue, gelblich oder bräunlich anwitternde Liasschiefer bricht säulen- und griffeiförmig; er zerfällt in kürzere oder längere Stengel von elliptischem oder viereckigem Querschnitt. Hie und da sieht man noch unzerfallene Blöcke, bei deren Anblick man an die Glarner Griffelhändler denkt; nur fehlt den großen Griffelbünden des Blaisun der Bindfaden. Die Schichten fallen nach Norden; wir schreiten also über die Schichtenköpfe aufwärts. Zu beiden Seiten des Grates bemerkt man weit sich hinziehende, schief aus dem Berge hervorragende niedrige Mauern, in ihrer Regelmäßigkeit an künstliche Verbauungen gegen Rutschungen erinnernd. Es sind die stehen gebliebenen Reste festerer Schichten, während die weichern herauswitterten.

An der sonnigen Südseite sind, da das Gestein einen fruchtbaren Boden liefert, günstige Bedingungen für ein hoch hinaufreichendes Pflanzenleben vorhanden. Nach und nach macht indes die Höhe sich geltend und die obere Bergpartie erscheint nackt. Doch trafen wir auf der höchsten Höhe noch den Gletschermannsschild ( Androsace glacialis ), und wenige Meter unter der Spitze winkte noch die große gelbe Blüte von Geum reptans.

Erst später erfuhr ich, daß Prof. C. Schröter, mit Führer Mettier vom Piz Kesch herkommend, vor Jahren schon den Gipfel von der Nordseite bestiegen hat, ein Aufstieg, den Mettier aus später zu erörternden Gründen unangenehm nannte. Ohne Zweifel besuchen auch Jäger die leicht zugängliche Spitze. Wir krönten sie mit einem Steinmann.

An den Piz Blaisun läßt sich östlich eine sehr hübsche Gratwanderung anschließen. Am Gipfel selbst ist der Ostgrat etwas zerschrundet, so daß Im Queïlgébiet der Älbula.15 man ihn besser für kurze Zeit verläßt, um ihn von der Südseite wieder zu gewinnen. Nachher schreitet man sehr gemütlich mit nicht bedeutenden Gegensteigungen über den leicht gewellten Ostgrat, den hohen Schieferrücken, welcher die Val Es-chia von der Albulastraße trennt. Als wir diese Wanderung ausführten, wich endlich der Nebel, der nur noch im Westen die Aussicht verhüllte. Selbstverständlich blickt man immer und immer wieder hinüber nach der Südwestwand des Piz Kesch und dem Grat des Piz Cotschen. Letzterer Name verdankt sein Dasein den beträchtlichen roten Felspartien, die man dort drüben sieht. Nicht großartiger, aber reizvoller dürfte immerhin der Anblick des Piz Kesch von Norden sein.

Wir beendigten unsere Gratwanderung bei dem Übergang Gualdauna und bogen hinab nach der Albulastraße. Bei Gualdauna wird der Liasschiefer abgeworfen, indem gegen die südöstlich folgenden Köpfe hin ältere Bildungen hervortreten.

Es lohnt sich der Mühe, von der Straße aus noch einmal einen Blick auf den begangenen hohen Rücken zu werfen. Der nördliche Abhang ist mit Ausnahme des obersten Teils eine einzige gewaltige Schutthalde von gelbbrauner Farbe und gleichmäßiger Böschung. Kein starker Bach räumt unten die Trümmer weg. Diese häufen sich daher immer mehr an. Die Schutthalde dehnt sich rückwärts gegen den Grat hinauf aus. Die Erosion hilft von unten viel zu wenig nach, als daß sich oben in dem nur noch wenig mächtigen anstehenden Fels Nischen und Runsen bilden könnten. Daher zeigt sieh auch der Grat wenig geschartet und ohne pittoreske Formen. Der nördliche Abhang iat teilweise vergletschert.

Dem Wanderer, der beim Überschreiten des Passes einen schönen Ausblick genießen will, empfehle ich den Piz Blaisun. Er verdient es eher, als die südlichen Granithörner, von denen einzelne zwar auch leicht zu besteigen sind. Aber der Blaisun ist höher und noch leichter und eine Gratwanderung läßt sich in der südlichen Kette entweder gar nicht oder nur mit großen Schwierigkeiten anschließen.

Wie wir den zahmen Piz Blaisun als das Gegenstück zum wilden Piz Uertsch bezeichnen, so können wir auch für den östlichen Schiefergrat ein entsprechendes Gegenstück im westlichen Teil der Kette finden und zwar in dem ungemein rauhen, mehrmals stufenartig gebrochenen Grat zwischen Muot und Piz Uertsch. Das ist eine wahrhaft grandiose weißliche Kalkmauer, die in hohen durch Schotterterrassen unterbrochenen Wänden abstürzt, namentlich gegen den Hintergrund von Val Zavretta. Man kann also sagen, daß der westlichen Hälfte der Kette der Dolomit, der östlichen dagegen der Schiefer das Gepräge aufdrückt und daß jede der beiden Gesteinsarten einen Hauptgipfel und einen von ihm ausgehenden langen und hohen Grat bildet.

Nun finden wir aber nordöstlich vom Weißenstein noch einen vorgelagerten Gipfel, den Punkt 3017, der in seiner Form mit dem Piz BIai8un große Ähnlichkeit hat. Hiep ist die geologische Karte entschieden verzeichnet, indem sie den Punkt 3017 und einen großen anschließenden Teil des Westgrates als Hauptdolomit kartiert. Er ist ein Schiefergipfel, so typisch, als überhaupt möglich. Nordöstlich von Punkt 3017 findet man da, wo der Schiefer abgeworfen wird, ein schönes intensiv dunkelrotes Gestein, das mit Salzsäure nicht braust. Eine große rote Felspartie, unzweifelhaft aus dem nämlichen Gestein bestehend, bemerkt man auf der gegenüberliegenden Seite, südlich unter Punkt 3026. Die obere Steilwand ist weißgrau; dann folgt eine Trümmerterrasse und darunter eine ganz rote Steilwand, die eben durch ihre Farbe bedeutenden Effekt macht.

Nordwestlich von Punkt 3017 dehnt sich eine ungeheure Schieferschutthalde aus, die indessen leichter zu begehen ist, als solche aus krystallinischen Blöcken. Der steile Süd- und Südwestabhang ist der Lawinen wegen berüchtigt und der alte Weg vom Weißenstein zum Albula-Hospiz war zur strengen Jahreszeit nur mit Vorsicht zu passieren. Heute ist das Schellengeklingel der Säumerrosse verstummt; dafür rollt manch stattliches Fuhrwerk über die prächtige Albulastraße.

Den Punkt 3017 als alleiniges Ziel zu besuchen, hat natürlich keinen Sinn. Wir bestiegen ihn im Vorjahre, an dem Tage, an welchem wir die Heimreise antraten, um nach kurzem leichtem Aufstieg noch einmal einen schönen Ausblick zu genießen. Der Piz Uertsch und sein Westgrat, aus nächster Nähe gesehen, machen sich brillant, und gern wirft man auch einen Blick ins Zavrettathälchen.

Nun endlich zum Hauptgipfel! Ich unterschreibe aus voller Überzeugung die Bemerkung des Itinerars, daß der Piz Uertsch ein stolzer, weitschauender Berg sei. Vom Piz Saiteras aus gesehen, hat er mir fast mehr imponiert als der Piz Kesch. Nachdem im Vorjahre die Besteigung aus verschiedenen Gründen hatte unterbleiben müssen, freute es mich um so mehr, sie im letzten Sommer in so angenehmer Gesellschaft ausführen zu können.

Nach einer am 25. Juli mit Herrn E. Imhof, dem Verfasser des Itinerars, und Führer P. Mettier ausgeführten Besteigung des Piz Julier über den Südwestgrat, waren wir am Abend nach Silvaplana gekommen, nahmen gleich ein Fuhrwerk nach Ponte und marschierten in der Nacht noch auf das Albula-Hospiz. Um die Geisterstunde klopften wir an die Thüre des Gasthauses. Ein fürchterliches Hundegebell war der nächste Effekt. Erst nach geraumer Zeit erschien der Wirt, ziemlich unfreundlich, und schien große Lust zu haben, uns sogleich weiter zu schicken, da alle Betten besetzt seien und er fast kein Heu habe. Aber drei müde späte Wanderer lassen sich nicht so leicht abweisen, obwohl nötigenfalls der einstündige Marsch nach dem Weißenstein noch zu machen gewesen wäre. Wir erklärten, daß wir für unsere kurze Nachtruhe nur die allerbescheidensten Ansprüche stellen, eventuell sogar mit einem Bretterboden zufrieden seien. Nach einigem Hin- und Herreden erhielten wir doch noch ein Heulager. Um 4 Uhr war Tagwache, und nach einem währschaften Frühstück schieden wir eine halbe Stunde später im besten Einvernehmen von dem bedeutend freundlicher gewordenen Wirte.

Zunächst geht 's in fast nördlicher Richtung über Rasenhänge hinauf. Wir waren noch etwas schlaftrunken; denn vier strenge Tage mit meist spärlich zugemessener Nachtruhe lagen hinter uns. Daher vermochten wir uns anfänglich nicht recht zu orientieren, als wir im Süden einen schönen Felsgipfel über einen Gletscher aufragen sahen. Der eine riet dies, der andere das, bis auf einmal Herr Imhof erklärte, es sei der „ Danieli ". Richtig, es stimmte, und ungeheure Heiterkeit, die uns vollends munter machte, war das Resultat dieser Erkenntnis. Mettier hatte nämlich zwei Tage vorher, als wir auf unserer höchst gelungenen Errtour die Absicht äußerten, auch noch den ihm unbekannten Piz d' Agnelli zu ersteigen, spaßhaft gefragt: „ Was ist denn das eigentlich für ein Daniel ?" Daher wurde der Berg personifiziert und erhielt die Rolle eines Allerweltskerls, einer Art irdischen Seitenstückes zum himmlischen Michel, der den Mond hinaushängt, die Sterne putzt und blitzen hilft. Der gute alte „ Danieli " hat uns viel Spaß bereitet.

Hoch über dem Albula-Hospiz findet man noch Granitblöcke. Dasselbe ist der Fall beim Weißenstein, wo die obersten in einer Höhe von etwas über 2200 m liegen, ebenso ob der Biais sterla in sehr bedeutender Höhe. Diese Blöcke können nur von der Crastamora-Kette stammen und ich bereue es heute noch, nicht genauer fixiert zu haben, in welcher Höhe sich die obersten Blöcke befanden. Man könnte daraus die Grenze des Eises zur Zeit der größten Vergletscherung ungefähr bestimmen.

Nach und nach verschwindet der geschlossene Rasen; aber noch winken zahlreiche Alpenpflanzen und bilden mit ihren leuchtenden Farben im Verein mit dem schwärzlichen Schieferschutt und heruntergestürzten Kalksteinen ein natürliches „ Alpinum " von seltener Schönheit. Indessen bleibt der Schiefer schon ein gutes Stück südlich von Punkt 3114 zurück und wir betreten das karge Dolomitgestein.

Als wir, östlich von Punkt 3114, den Westgrat des Piz Uertsch fast erreicht hatten, wurde um 6 Uhr 40 Min. das Seil angelegt und die Kletterei begann. Man geht im allgemeinen nicht über den Grat selbst, sondern auf der Südseite desselben, während die steilere Nordseite vermieden wird. Es findet sich keine einzige schwierige Stelle. Das Gestein aber ist rauh und greift Hände und Seil sehr an. Es ging ziemlich rasch vorwärts; durch kurze Kamine, über Bändchen, um Köpfe und Vorsprünge herum rückten wir dem obersten horizontalen Gipfelgrat immer näher, und um 7 Uhr 25 Min. war die Spitze gewonnen. Das einzige Unangenehme beim Aufstieg war ein überaus heftiger Ostwind, der uns da, wo wir die Gratschneide betreten mußten, fast wegzufegen drohte.

Liiilinij.

Während Mettiers sogenannte Champagnerfabrik in Thätigkeit trat — wir bereiteten nämlich aus wenig Wein, viel Wasser und Zucker ein sehr „ süffiges " Getränk — gaben wir uns dem Reize der Aussicht hin. Zwar schien das prachtvolle Wetter der letzten Tage sich wenden zu wollen-, doch der Osten war noch ganz hell und der Ostwind ließ für heute noch keine Besorgnis aufkommen. Im Nordwesten und Norden aber hoben sich aus den Thälern bereits mächtige Nebelmassen immer höher empor und vereinigten sich zu einem weitreichenden Nebelmeer, aus welchem nur noch die höhern Bergspitzen hervortanchten, ein Bild, das in seiner erhabenen Eigenartigkeit vollauf entschädigte für das, was uns in der Tiefe dadurch entzogen wurde.

So gewährt gerade der Rhätikon einen interessanten Anblick. Nur Scesaplana, Drusenfluh, Sulzflub, Madrishorn und Madriserspitz sind sichtbar, während die niedrigem Berge, unter denen sonst von der Albulakette aus gesehen Tschingel und Hornspitze durch ihre Ähnlichkeit, ja fast Kongruenz auffallen, im Nebel stecken. In der Silvrettagruppe erkennen wir noch Groß-Seehorn, Groß-Litzner und Piz Buin. Der Fergenkegel macht sich selbst aus dieser Entfernung noch sehr bemerkbar und Mettier muß mir erzählen, wie er dazu kam, dieses für unbezwinglich gehaltene Horn als erster zu ersteigen. ( Vide Jahrbuch S.A.C. 1890/91, Seite 58. ) Es galt eine Wette, die Mettier einging, als er zufällig in Klosters weilte und man ihm gegenüber behauptete, der Fergenkegel sei unersteigbar.

In dem Gewirre der gletscherarmen Höhen auf der rechten Seite des Unterengadins fällt die Orientierung schwer; doch giebt die sichtbare Einsenkung des Ofenberges einige Wegleitung. Uns schon näher erkennen wir Piz d' Esen, Piz Diavel, Piz Fier, Piz Casanna und Casanella und die Gruppe des Piz Languard. Noch besser, obwohl weiter entfernt, machen sich die vergletscherten Berge, welche die Valle Viola einschließen, darunter namentlich die Cima Dosdè, Corno di Campo und Cima de'Piazzi. Dominierend erheben sich über alle die genannten und ungenannten Spitzen die Oetzthaler mit der Wildspitze, namentlich aber die Ortlergruppe, in welcher wir die bekanntesten Gipfel deutlich unterscheiden, während die Berge hinter der Valle Camonica, die Adamellogruppe schon mehr terra incognita sind. Der Berninagruppe, die wir in den letzten Tagen so oft bewundert, zollten wir auch heute wieder unsern Tribut. Wem gebührt da der Preis, dem Piz Roseg, dem Piz Bernina selbst oder dem Piz Palü? Darüber kann man streiten; alle die stolzen Gipfel im Verein geben das Glanzgebilde, dem im ganzen weiten Panorama nichts gleichkommt. Jeder einzelne für sich betrachtet hat aber einen gefährlichen Konkurrenten in dem Monte della Disgrazia, der nach Mettiers Urteil der schönste und stolzeste Berg ist, den man von den Albulabergen aus sehen kann. Und unser Führer beweist damit keinen Übeln Geschmack. Der Monte della Disgrazia erinnert durch Höhenverhältnis und isolierte Lage an Cäsars Wort: „ Lieber in diesem Dorf der erste, als in Rom der zweite. " Und nicht leicht könnte er eine stattlichere Vorgruppe haben als das Albigna- und Fornogebirge. Jedesmal, wenn ich ihre unvergleichlich kühnen Spitzen und langen Gletscherströme erblicke, denke ich nicht ohne ein Gefühl der Bewunderung an Herrn v. Rydzewsky, der mit seltener Ausdauer der touristischen Erforschung jenes Gebietes obliegt, in einem Alter, in welchem sonst Strapazen gewöhnlich nicht mehr gesucht werden.

Wilde Berggestalten, die trotz ihrer geringern Höhe durch abschreckend steile, nackte, wahrhaft furchtbare Felswände auffallen, stehen auf der linken Thalseite des untern Bergells. Gegen die Averserberge und das Rhein Waldhorn war die Aussicht noch günstig; auch die Splügener Kalkberge traten noch deutlich hervor. Dann aber verdeckte der Piz d' Aela einen Teil, und weiter gegen Westen und Nordwesten machte der Nebel sich geltend, hoch an der Tödikette emporreichend.

In der nähern Umgebung präsentieren sich sehr günstig die Bergünerstöcke, die Spitzen der Ducankette, der Piz Kesch, der die Aussicht nach Nordosten beschränkt, und die ganze große Errgruppe. Die Gletscherwelt der letztern lag in wunderbarer Schönheit vor uns und wir verfolgten mit Vergnügen die Marschroute vom Dienstag. Dann und wann musterten wir auch die steile trapezförmige Südwestwand des Piz Kesch, die uns heute noch zum Aufstieg dienen sollte.

Die Aussicht vom Piz Uertsch wird derjenigen des Piz Kesch nicht viel nachstehen, obschon letzterer infolge seiner um 150 m größern Höhe im Vorteil ist. Aber der Piz Uertsch bietet etwas mehr Thalaussicht und zwar auf das Thal des Albulapasses und ins Engadin, in welchem Ponte, Campovasto und Pontresina sichtbar sind. Bergün erblickt man, wenn man vom Steinmann über die Gwächte etwas westlich geht.

Um 8 Uhr 40 Min. traten wir den Abstieg über den Ostgrat an, der sich, ohne stark an Höhe zu verlieren, fortsetzt gegen einen letzten hohen Dolomitkopf, wo er dann rasch zu fallen anfängt. An diesem Kopf ist zugleich die Grenze zwischen Dolomit und Schiefer. Die Schichten des letztern stehen steil und man bemerkt sehr deutlich, daß der Schiefer dem Dolomit aufgesetzt ist und nicht umgekehrt, wie man etwa vom Thale aus meinen könnte. An dieser Grenze ist zugleich die einzige Stelle, die einigermaßen schwierig genannt werden kann. Es ist der Grat zu verlassen und auf der Südseite eine kleine Steilstufe zu überwinden; dann begiebt man sich wieder auf den Grat, geht hinter einem plattenartigen großen Block durch und kommt so auf der Nordseite wieder zum Vorschein, um von da sofort wieder auf den Grat zu gelangen und die Wanderung ohne jede Schwierigkeit über den zahmen Schiefergrat fortzusetzen.

Hier .kann eine Besteigung durch Führerlose oder Alleingänger scheitern, nicht etwa an der Schwierigkeit jener Kletterstelle, sondern schon vorher an einem andern Umstand. Der erwähnte, nicht wohl zu überkletternde Block ist nämlich dem Grat so aufgesetzt, daß er den weitern Weg zu versperren scheint. Fällt es nun dem Touristen nicht ein, recht genau nachzuschauen, so wird er nie bemerken, daß hinter dem Block ein Durchgang sich findet, der ganz leicht zu erreichen ist. Im ganzen ist mir, diese Stelle ausgenommen, der Ostgrat noch leichter vorgekommen, als der Westgrat. Beide sind ziemlich schmal und scharf. Der Absturz nach Norden ist im allgemeinen furchtbar steil, fast senkrecht. Betrachtet man dagegen die Südabdachung, so gewinnt man die Ansicht, hier müßte man unschwierig recht weit hinunter gelangen können. Das ist auch in der That der Fall; die Schwierigkeit liegt unten in der letzten Steilstufe. Das unterste Band fällt, wie so oft in den Bergen, am höchsten und steilsten ab. Dieser Abstieg nach Süden, der von den Herren Rzewusky und Pfr. Gregori mit Führer Mettier gemacht worden ist, stellt bedeutend höhere Anforderungen als die Bouten über den Westoder den Ostgrat. Interessant muß auch die Besteigung über den Vadret da Tisch sein. Sie ist meines Wissens im Sommer 1893 von Prof. Schieß ausgeführt worden.

Wir wandten uns nun hinab zur Einsenkung bei Punkt 2978. Von da ging 's nordöstlich hinauf gegen eine Graterhöhung. Dann aber schlugen wir uns auf die linke Seite, um den Nordwesthang des Piz Blaisun zu überqueren und so, vermeintlich mit leichter Mühe, die Fuorcla Pischa ( 2802 ) zu erreichen. Aber hier wurde unsere Geduld auf eine harte Probe gestellt. Es sind nämlich eine Anzahl vereister, durch wenig hervorragende Rücken getrennter Halden zu überschreiten, die sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. Und was das für ein Eis ist! Eigentlich gar kein richtiges Eis, sondern eine Mischung von solchem mit blauschwarzem Schieferschlamm. Das giebt eine Masse, die an Härte nichts zu wünschen übrig läßt und dem Pickel zähen Widerstand leistet. Doch dräuen unten nicht etwa schreckliche Abstürze: die Eishalden endigen an Schuttfeldern, die freilich nach einer schnellen unfreiwilligen Fahrt doch kein sanftes Ruhekissen bieten würden.. Nachdem wir wiederholt etwas abgestiegen, näherten wir uns so ziemlich in der richtigen Höhe der Fuorcla Pischa, die wir um 11 Uhr 20 Min. betraten. Vom Gipfel des üertsch bis hierher hatten wir also fast 3 Stunden gebraucht.

Der Nordwestabhang des Piz Blaisun führt nach Mettier den schönen Namen „ Dreckplatten ". Zieht man die Vereisung und die vielen plattigen Stellen in Betracht, so ist es ganz erklärlich, daß Mettier den Aufstieg von der Nordseite auf den sonst so leichten Piz Blaisun unangenehm nennen konnte. Doch nicht überall finden sich plattige Felspartien; denn obwohl die Schiefer, die in allen Varietäten von Sand-, Thon- und Kalkschiefer bis zum Übergang in fast reinen Kalkstein vorkommen, im allgemeinen nördlich fallen, so finden sich im einzelnen doch viele Wellen- bildungen, die durch Runsen angeschnitten sind und so das Ausgehende der Schichten zeigen. Mannigfaltige Biegungen und Knickungen, die bei günstiger Beleuchtung einen schönen Anblick gewähren, sind überhaupt in der Kette des Piz Uertsch etwas sehr Gewöhnliches.

Scheinbar unmerklich, aber nimmer ruhend arbeiten die Naturkräfte an der Abtragung unserer Berge, die nur noch Ruinen sind. Daß die Denudation auch in unserm Gebirge mächtig gewirkt hat, kommt einem so recht zum Bewußtsein, wenn man von der Hochfläche beim Albula-Hospiz hinaufschaut nach Norden. Da sieht man zwei Pyramiden, nämlich den Gipfel des Piz Uertsch selbst und südöstlich davon eine kleinere, niedrigere, welche in Wirklichkeit nichts anderes ist als die Dolomit-felsenpartie, die auf der Karte südlich von Punkt 2978 zu erkennen ist. Es greift nun der über dieser Felspartie liegende Schiefer südwestlich hinüber und hinab zwischen sie und den eigentlichen Piz Uertsch, und der große Schuttkegel, welcher unten sich breit macht, sticht durch seine bräunlichgelbe Farbe vom Dolomit stark ab. Unwillkürlich sagt man sich, daß diese schon recht schmal gewordene Schieferbrücke nur der schwache Rest ist einer früher viel mächtigern Schieferbedeckung, unter welcher der nun entblößte Dolomit einst ruhte. Der originelle Piz Uertsch streckt sein mächtiges und imponierendes Haupt aus einem Schiefermantel hervor. Dieser Mantel ist nur an einer Stelle geöffnet und zwar von der Einsenkung nordöstlich von Punkt 3017 weg hinauf gegen den Grat. Aber schon östlich von Punkt 3114 tritt der Schiefer von der andern Seite, von dem Rücken zwischen Vadret da Tisch und dem hintersten Plazbi her auf den Grat und einzelne Schiefertrümmer rollen noch auf die Südseite hinunter.

Besser als im westlichen Teil, wo die Schieferdecke bereits abgetragen ist, hat sie sich in der östlichen Hälfte der Kette behauptet. Auch hier wird aber eine Änderung eintreten. Wenn der Inn, rastlos thätig, sich immer tiefer rückwärts eingeschnitten und die Thalsohle des Oberengadins tiefergelegt haben wird, dann werden auch die Seitenbäche vermehrtes Gefälle bekommen und immer tiefere Rinnen graben, dann wird auch jene unendliche Schutthalde am Südabhang des Blaisungrates weggeräumt, der anstehende Fels entblößt und von Erosionsfurchen durchzogen werden. Gewiß wird dann auch in dem östlichen Kettenteil der Dolomit hervortreten, während er heute noch größtenteils begraben liegt. An der Fuorcla Pischa tritt er heute schon an mehreren Stellen in kleinen Partien aus dem Schiefer hervor.

Hier verlassen wir jedoch den Zug des Piz Uertsch, der mir eifrigen Besuches wert erscheint.

III. Piz Kesch über die Sildwestwand.

Wir sind auf der Pischafurka x ) stehen geblieben. Dieser hohe Übergang führte früher den Namen Es-chiapaß. Schon Escher und Studer haben ihn überschritten. Als sie ( von Plazbi aus ) die Höhe erreicht hatten, sahen sie, nicht ohne Bestürzung, eine ununterbrochene Schnee-und Gletscherdecke von der einen Seite des östlichen Abhanges bis zur andern und weit gegen das Es-chiathal hinunter sich ausbreiten. Den unbekannten Gletscher zu betreten, schien ihnen nicht ratsam, und schon dachten sie an Rückkehr, als sie bemerkten, daß der Gletscher an der Kette des Albulahorns seinen Ursprung nehme und daher auf der linken Seite, am Fuß des Piz Asca ( Piz Kesch ), nur Schneefelder zu vermuten seien. Es war so, und leicht kamen sie in das Es-chiathal hinunter ( Escher und Studer, Geologie von Mittelbünden, Seite 171 ).

Ohne auf der Fuorcla Pischa nennenswerte Rast gehalten zu haben, stiegen wir nun fast nördlich gegen den Piz Kesch an und traten SO, ohne die Zwischenstufen genauer zu beachten, aus dem Trias-Liasgebirge ins Gneisgebiet ein. Unser Weg führte über Schneefelder und leicht zu begehende, nicht großblockige Trümmerhalden, an einigen Stellen auch über Stufen von anstehendem Fels. An diesem sonnigen Südhang grüßten wieder zahlreiche Pflänzchen, darunter das liebliche Eritrichium nanum, das wir auf einigen unserer Touren massenhaft getroffen haben, so namentlich am Piz Bleis Martscha und am Piz Julier. Nachdem wir den von Punkt 3170 südöstlich ausgehenden Rücken erreicht hatten, mußten wir über das Eis des Pischagletschers etwas abwärtssteigen und machten dann in der Mulde am Fuße der Südwestwand des Kesch bei einem kleinen Wasserbecken einen Halt von 40 Minuten. Von unserm Rastplatz ( ungefähr beim K im Worte Kesch der Exkursionskarte ) zieht sich eine Schnee- und Geröllhalde ziemlich weit in die Felsen hinauf. Oben an der Grateinsenkung zwischen Punkt 3170 und dem Südwestgrat des Piz Kesch liegt ein kleiner See. Den Punkt 3170 hatten wir nicht betreten, sondern links liegen lassen, jedoch schon beim Überschreiten des Rückens den erwähnten, nicht verzeichneten See bemerkt.

Um 1 Uhr nahmen wir die Wand in Angriff, indem wir, zunächst noch über Geröll, gegen den Südwestgrat aufstiegen bis zum e im Worte Piz. Dann schlugen wir uns östlich in die Felsen und gelangten nach Überschreitung einiger Runsen und Rippen bis zu der Stelle, unter welcher die oben erwähnte Schnee- und Geröllhalde ihren Anfang nimmt. Man könnte also bis dahin über die letztere aufsteigen; sie ist aber mühsam und dem Steinschlag ausgesetzt; darum zieht man den angedeuteten Weg durch die Felsen vor. Die nun folgende Kletterei ist zunächst leichter, als ich sie mir vorgestellt hatte, die Wand lange nicht so glatt, wie sie aus einiger Ferne erscheint. Wie dies aber bei selten begangenen Passagen gewöhnlich der Fall ist, liegen auch hier viele lose Steine, und obwohl Mettier vorne fleißig wegräumte, konnte doch nicht verhindert werden, daß namentlich Herr Imhof, der zuletzt folgte, öfters Deckung suchen mußte und daß einmal der Deckel seines Tornisters mit einem Geschoß Bekanntschaft machte. Doch waren es meistens kleinere Steine und ihre Wucht der unbeträchtlichen Fallhöhe wegen gering. Die Griffe sind meistens gut. Immer findet sich ein Ausweg, entweder ein Kamin oder ein Bändchen.

Die Wand ist gut 300 m hoch. Die schwierigste Stelle befindet sich ungefähr in halber Höhe, südlich unter dem Gipfel. Eine bauchig gewölbte glatte Stufe, die links von einem niedrigen senkrechten Wändchen begrenzt ist und rechts ebenfalls jäh abstürzt, ist zu überwinden. Ein Wasserstrahl rauschte darüber hernieder, was Mettier früher nie bemerkt hatte, wahrscheinlich, weil er den Weg noch nie in so später Stunde gemacht hatte. Die rechte Hand hat einen dürftigen, aber festen Griff und das Wasser rauschte accurat zum Roekärmel hinein und verursachte, dem Leibe nach hinunterrieselnd, eine seltsam anmutende Abkühlung. Als Mettier droben war und festen Stand gefaßt hatte, kam ich an die Reihe. Ich suchte umsonst mit der linken Hand nach einem Griff und zappelte, zu Imhofs Gaudium, nur zu hastig und vergeblich mit den Füßen. Aber Mettier machte nicht lange Federlesens; er zog kräftig, und so stand ich bald neben ihm. Nun kam das Lachen an uns. Keiner von allen dreien ist Freund des Hinaufhissens; aber heute war durchaus keine Zeit zum Pröbeln, und Mettier und ich zogen so unbarmherzig, daß Imhof protestierend rief: „ Ihr zerreißt mich ja !"

Kurz darauf folgt noch eine Stelle, die wenig Griffe bietet und wobei man sich zuletzt nach links um einen Vorsprung herumzuarbeiten hat; doch ist sie leichter als die vorige. Richtige Kraxler werden darüber lächeln, daß ich hier überhaupt von Schwierigkeiten rede. Doch halte ich es für richtiger, die Sache so zu schildern, wie sie mir vorgekommen ist, statt wegwerfend über das hinwegzugehen, was mir nicht leicht erschien. Ein zweites Mal würde ich diese Passagen vielleicht auch geschickter anfassen.

Imhof verließ eben die zweite der angezogenen Stellen, während ich das Seil gespannt hielt, als plötzlich ein Klirren und zugleich ein Ausruf der Überraschung an unser Ohr drang. Imhofs Pickel hatte sich aus seiner losen Lage zwischen Seil und Leib losgemacht und war hinuntergestürzt und zwar noch um einen Satz unter die erstgenannte schwierigere Stelle. Mettier, der vorne eben gerufen hatte: „ Von jetzt an geht 's leicht ", kam zurück, und als er von der Sachlage verständigt war, und wir ihm angeben konnten, wo der Pickel, den wir für verloren gaben, liege, ließ er sich trotz unseres Abmahnens nicht abhalten, einen Versuch zur Wiedererlangung zu machen. Wir ließen ihn, östlich von unserer letzten Anstiegsroute, hinunter, soweit das 24 m lange Seil gestattete; dann band er sich los und verschwand. Resigniert wollten wir uns niedersetzen, denn im günstigsten Fall befürchteten wir eine lange Verzögerung. Aber siehe da, schon tauchte Mettier wieder auf und zwar mit dem Pickel, und in unglaublich kurzer Zeit war der brave Mann wieder bei uns. Fröhlich ging 's nun weiter, doch immer noch am Seil, direkt und ohne nennenswerte Schwierigkeiten gegen die Spitze zu, und um 3 Uhr standen wir auf dem Piz Kesch, von Mettier mit Handschlag begrüßt.

Diesen Aufstieg hat Mettier im Sommer 1878 ausgekundschaftet, als er noch in Filisur wohnte. Ein Senn von Plazbi ging ein Stück weit mit ihm und beobachtete den Aufstieg. Mettier stieg von der Spitze auch wieder über die Südwestwand herunter, da er damals den Weg über den Porchabellagletscher noch nicht kannte. Es war dies das einzige Mal, daß er, wie er sich ausdrückte, etwas „ Heimweh " bekam. Er war damals noch nicht entschieden, ob er sich bleibend dem Fuhrerberuf widmen wolle.

Ein Gefühl freudiger Genugthuung überkam uns, als der in Ponte für unausführbar erklärte Plan, Piz Uertsch und Piz Kesch am nämlichen Tage zu ersteigen, nun in der Hauptsache verwirklicht war. Den ersten Becher kredenzten wir unserm wackern Führer. Ein Hoch bringen wir auch dem ersten Ersteiger des Berges, Herrn Oberforstmeister Coaz, der so manchen Gipfel des Bündnerlandes zuerst bezwang.

Die Aussichtsverhältnisse hatten sich noch etwas verschlimmert. Beständig krochen von Norden und Nordwesten die Nebel heran, während der Ostwind ebenso konsequent sie daran verhinderte, sich auf der Südseite des Kammes definitiv festzusetzen. Unter solchen Umständen fürchte ich ein parteiisches Urteil abzugeben, wenn ich die Aussicht vom Piz d' Err derjenigen des Piz Kesch vorziehe und zwar deshalb, weil der letztern die Thalaussicht fehlt.

Heutzutage, seitdem die Clubhütte erstellt ist und der Piz Kesch häufig besucht wird, mutet es uns seltsam an, wenn Escher und Studer zu jener Zeit ( 1835—37 ), als sie durch ihre Forschungsreisen Licht brachten in das noch unbekannte Gewirre der von der Forunkette ausgehenden Thäler, vom Piz Kesch schrieben: „ Uns gegenüber erhob sich, höher als alle umliegenden Gebirge, der Piz Asca mit seinem großen Gletscher; und eine Reihe ebenfalls vergletscherter Gebirge setzte von ihm auf der rechten Seite des SchafbodensVal Fontauna ) ostwärts fort, als ob die Centralkette hier gegen Mittag verworfen worden wäre. Auf keiner Karte, in keiner Beschreibung ist dieser mächtige Felsstock bezeichnet und genannt worden; auf dem Panorama von Schaffner steht er, ebenfalls unbenannt, gerade im Nordpunkt. "

Eines bedauere ich an dem herrlichen Berg und zwar den Umstand, daß der Grat von der höchsten bis zur östlichen Spitze ( 3388 ) nicht leichter gangbar ist. Das müßte eine hochinteressante, großartige Wanderung sein, die jetzt, da der Aufstieg von der Clubhütte so wenig Zeit beansprucht, gewiß häufig ausgeführt würde, wenn sie nicht so schwierig wäre. Dieser Grat, der nur wenig an Höhe verliert, verleiht, trotz seiner nicht sehr bedeutenden Länge, doch dem Berge die mächtige trapezförmige Gestalt, die ihn selbst auf weite Ferne so imponierend macht.

Über den Abstieg kann ich mich kurz fassen. Die Firnschneide beachteten wir kaum, die Kletterei auf der Nordseite ist leicht, die Randkluft war gut überbrückt. Die Oberfläche des Gletschers war einer Schneesuppe ähnlich und der Nebel hüllte uns so dicht ein, daß wir am Ende nicht recht wußten, ob wir zu weit rechts oder links gegangen seien, bis wir auf einmal am Hügel standen, der die Clubhütte trägt. Es ist mir nun einmal nicht vergönnt, den Piz Kesch auch von Norden in seiner vollen Majestät zu schauen. Nur aus einzelnen Fetzen, die ich auf verschiedenen Touren erhaschte, kann ich mir ein etwas „ nebelhaftes " Bild zusammensetzen.

In der Hütte wurde der Rest des Weinvorrats vertilgt. Die Thüre zwischen äußerm und innenn Hüttenraum bildete eine Art Beschwerde-buch wegen der nirgends zu erlangenden Schlüssel zu diesem Heiligtum. Auffällig erschien es mir, daß man Mettier, der auch ohne Patent einer der besten und am meisten beschäftigten Führer ist, keinen Schlüssel übergab.

Der Weg von der Clubhütte über Schegvel nach Chaclavuot ist gut angelegt. Aber an einer Stelle kann man ihn leicht verlieren, was wegen des Überganges über den starken Bach unangenehm werden kann. Leicht wäre hier Abhülfe zu schaffen.

Über das prächtige Sträßchen wanderten wir durch die untere Val Tuors trotz eines feinen Sprühregens in so fröhlicher Stimmung auswärts, wie sie nur nach einer wohlgelungenen Tour möglich ist. Um 8 Uhr langten wir in Bergün an.

Die Zeiten unserer Tour sind, kurz zusammengestellt, folgende: Albula-Hospiz ab 4 Uhr 30 Min.

Gipfel des Piz Uertsch an 7 Uhr 25 Min., ab 8 Uhr 40 Min. Fuorcla Pischa 11 Uhr 20 Min.

Fuß der Südwestwand des Kesch an 12 Uhr 20 Min., ab 1 Uhr. Keschspitze an 3 Uhr, ab 3 Uhr 45 Min. Clubhütte an 5 Uhr 15 Min., ab 5 Uhr 45 Min. Bergün an 8 Uhr.

Am folgenden Tag wurde gerastet, und am Samstag bestiegen wir, wieder mit Mettier, den Piz d' Aela. Am Sonntag ruhten wir zwar nicht auf unsern Lorbeeren, aber doch recht lange in den Betten aus und bummelten dann in Bergün herum. In diesem wohlhabenden Dorfe mit seiner intelligenten Bevölkerung läßt sich 's gewiß auch bei langem Aufenthalt recht angenehm leben.

Mit Führer Mettier hoffen wir noch mehr zusammenzutreffen. Gleich gewandt im Fels wie auf dem Eise, kühn und umsichtig zugleich, nie zu ermüden, nie verdrossen auf unsern teilweise recht strapaziösen Touren, ein angenehmer Gesellschafter und an Bildung die meisten seiner Kollegen überragend, ist er uns in diesen Tagen lieb geworden. Er reiste mit uns mehr wie „ bon camarade ", als im gewöhnlichen Verhältnis zwischen Führer und Tourist.

Am Montag traten wir den Heimweg über Filisur, Leidboden und Davos an. In wenigen Tagen hatten wir, begünstigt von fabelhaftem Wetterglück, eine Reihe der schönsten Touren ausgeführt und es that darum unserer gehobenen Stimmung keinen Eintrag, daß wir vom Schmelzboden bis nach Davos-Platz in strömendem Regen wandern mußten. Noch ein kurzes Plauderstündchen in Davos, dann führte uns die Bahn weiter. In Klosters trennte sich mein Lehrer und Freund Imhof von mir, und als ich allein weiter fuhr, tönten mir immer noch die Anfangsverse des Prätigauer Volksliedes in den Ohren:

„ Über Albula bin i gangä, Über Albula gähn i meh !"

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