In der Bergsteigerschule

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VON ERNST OTTO MARTI, AATHAL

Es war nicht leicht, ein Bergsteiger zu werden.

Jeden Sommer zog der Vater mehrmals in den Alpstein; alljährlich wanderte er in seiner einzigen Ferienwoche über Alpenpässe, auch über die selten begangenen, seltsamerweise immer allein, obzwar er das genaue Gegenteil eines Einzelgängers oder Eigenbrötlers war. Mit Rucksack, Wetterhut, Pelerine und Haselstock bewaffnet, zog er einfach eines Montagmorgens los, fuhr erst ein Stück weit mit der Bahn bis dorthin, wo sie endete, und schritt dann bergan. Auf allen Wanderfahrten schickte er von jedem Rastort und Nachtquartier Ansichtskarten an Frau und Buben, sorgfältig numeriert, oft zwanzig und mehr. Dies beruhigte die Mutter und befriedigte die Abenteuerlust der Jungen, die seine Fahrten anhand der Schülerkarten aufmerksam verfolgten, wenn sich auch lange nicht jeder Ort und jede Herberge darauf finden liessen. Noch heute besitze ich zahlreiche dieser Karten aus Vaters Nachlass, altmodische Aufnahmen aus dem Anfang dieses Jahrhunderts.

Mit diesen Kartengrüssen fing es an, das heisst, eigentlich begann es mit einer trockenen Brustfellentzündung, die ich mir beim Indianerspiel in einer schilf bestandenen Sumpfwiese bei Oberhelfenschwil im Toggenburg zugezogen hatte. Der Hausarzt, ein scheinbar grimmiger Patron, verschrieb mir Solbäder und vier Wochen Bettarrest; dem Vater aber erteilte er den Rat, den vermeintlichen Stubenhocker nach der erfolgten Genesung oft ins Freie zu führen. Was darunter zu verstehen war, ahnte ich damals noch kaum. Im nächsten Frühsommer erriet ich dann aber Vaters Vorhaben. Ich erhielt meine ersten gutgenagelten Bergschuhe, mein erstes Bergkleid aus grauem Lodenstoff, den ersten kleinen Rucksack, dazu Wetterhut und Pelerine; alles an dem kleinen Bürschlein war neu. Der kleine Haselstock glich akkurat Vaters Stecken, im gleichen Masse, wie das kleine Büblein seinem Vater aus dem Gesicht geschnitten schien.

Meine erste Bergfahrt galt dem nahen Alpstein. Das Vergnügen begann ganz gross mit der Rum-pelfahrt auf der St.Gallen—Gais—Appenzell-Bahn, die Russkörner in die Augen qualmte, und einer kurzen Pferdewagenfahrt nach Weissbad; die sogenannte « Säntisbahn » nach Wasserauen gab es damals noch nicht.

Wenn ich damals gewusst hätte, was mir noch alles bevorstand! Nein, nicht bloss dieser steile Aufstieg zum Wildkirchli, der Gang durch die von einer Fackel gespenstisch erhellte Höhle, eine kurze Rast auf dem schwach geneigten Plateau der Ebenalp und darauf der für einen Dreikäsehoch lebensgefährliche Abstieg zum Seealpsee hinab mit nachfolgendem schmerzhaftem Wadenspanner, dass ich mich am Montag kaum mehr zur Schule schleppen konnte. Die zweite Tour, acht Tage später, führte bereits über das Bogartenmannli und die Widderalp, am Bötzel vorbei zur Meglisalp, die dritte unter widrigen Wetterumständen auf den Hohen Kasten, die vierte auf den Alpsigel - da war schon eine kurze Kletterei dabei, denn der Vater hatte beim nächtlichen Aufstieg den Weg verfehlt! Gleichsam als Kraft- und Bewährungsprobe folgte zum Abschluss dieses Bergsommers meine erste Säntistour. Nach kurzem Schlaf im Berggasthaus auf der Meglisalp erfolgte noch in 9 Die Alpen - 1968 - Les Alpes129 der Spätnacht der Aufstieg zum Säntis, wo ich erstmals einen Sonnenaufgang erleben sollte; doch der « Bub » lief zu langsam, und die Morgensonne stieg bereits über den Horizont, als wir erst bei der Wagenlucke waren. Auf dem Säntis begann es zu regnen, dann zu schneien, und schliesslich schloss der Nebel Berg und Menschen ein und setzte uns gefangen. Das schien auch dem Vater zu missfallen. Eine kurze Unterredung mit Wetterwart Bommer verhiess keine baldige Aufhellung; also: nebel- und regendurchnässt hinunter zur Meglisalp und auf dem obern Schrennenweg nach Wasserauen; wiederum Pferdewagenfahrt nach Appenzell, fröstelnd heim mit der Bahn. Anderntags lag ich fiebernd im Bett, und meine Mutter versprach mir hoch und heilig, nie mehr müsse ich mit dem « bösen » Vater in die Berge. Und das war so ernst gemeint, dass mehr als ein Jahrzehnt verging, ehe ich wieder zu Berg fahren musste, mit einer einzigen Ausnahme, der Klau-senpasswanderung, alles zu Fuss - die Autos durften damals von Linthal herauf erst bis zum Urnerboden -, zu Fuss auf Abkürzungen, wo reife Himbeeren in Fülle am Wegrand lockten, die ich aber nicht pflücken und essen durfte, am gleichen Abend bis zum Hotel unter der Passhöhe. In der kalten Nacht ( Wärmeverlust ?) fror ich so erbärmlich, dass der Vater mich in sein Bett holte. Am nächsten Morgen wanderten wir bis nach Unterschächen, wo uns ein talaus fahrender Bergbauer aufsitzen liess; dann die Kutschenfahrt vom Telldenkmal zur Teilsplatte, der Besuch auf dem Rütli. Aber von Bergsteigen keine Spur! Ich fuhr auch nicht Ski; selbst von den mehrtägigen Semi-narreisen drückte ich mich; so lernte ich von der Schweiz herzlich wenig kennen. Graubünden, Tessin, Wallis kannte ich nur den Namen nach...

Ich hatte eben meinen 20. Geburtstag gefeiert, als ich zusammen mit meinen Eltern an einem späten Samstagnachmittag zum Hohen Kasten emporstieg. Gleich nach dem Sattel kann man, statt dem Zickzackweg zu folgen, eine Abkürzung begehen; damals war damit eine leichte Kletterei über loses Gestein und steilbegraste Abhänge verbunden, beileibe keine Mut- und Mannes-probe! Aber für mich bedeutete das nun den Anfang der Kletterlust und damit den Beginn eines bescheidenen Bergsteigerlebens, das zwar nicht mit Höhepunkten aufzuwarten weiss, das mir aber immerhin eine wirkliche Bereicherung geschenkt hat. Wie sich am Sonntag morgen darauf auf halbem Wege über die Stauberen meine Eltern von mir trennten, um zum nahen, aber tief unter uns liegenden Sämtisersee abzusteigen, fasste ich mir ein Herz und wanderte nun leichtfüssig wie ein Grattier über die ganze Stauberenkette hinüber zur Saxerlücke, stieg empor zur einsamen Alp unter den Kreuzbergen, ohne zu wissen, welche Rolle diese in meinem Leben noch spielen würden.Ich erreichte am gleichen Tag den Altmannsattel, entledigte mich meiner Schuhe und kletterte in den Socken, der genauen Route unkundig, auf den Gipfel meines ersten Kletterberges. Hier erlebte ich den « Gottesfrieden der Berge » im bereits sinkenden Abend, kam wieder heil zum Einstieg, schlüpfte in meine Schuhe, lief, flog, schwebte mehr, als ich ausschritt, weiter, immer weiter, zur Meglisalp, nach Wasserauen hinaus und erreichte mit knapper Not den letzten Zug nach St. Gallen. Die Eltern schliefen bereits. An diesem Tage hatte meine Bergsteigerei den wirklichen Grund gefunden. Sie wuchs sich aus zur Passion, zur Seligkeit des Felskletterns ( ich, der ich nie einen Baum hatte erklimmen könnendie Berge liessen mich nicht mehr los. Im kurz darauffolgenden Winter stiegen wir zu zweit nach dem Quergang über den fast völlig vereisten, aber noch unver-schneiten Schrennenweg zur Meglisalp, stapften durch den immer tiefer werdenden Schnee hinauf zum alten Säntisgasthaus. In der Nacht brach ein Föhnsturm los, wie ich keinen mehr erlebt habe. Doch heil überstanden Haus und Menschen diese fürchterliche Nacht. Der rasche Abstieg zu Tal schien allen ratsam. Aber mein Begleiter, ein ehemaliger Kaiserjäger aus dem Land Tirol, wollte, bergerfahren, wie er war, den Höhenweg zum Schäfler begehen. So fussten wir über verblasene Grate und verwehte Pfade am Oehrli vorüber zum Schäfler. Das Wetter hatte sich beruhigt; wir sassen draussen in der Sonne und warteten den Abend ab. Eine ergreifende Bergnacht brach an, enthüllte den Glanz aller Himmel und Sterne und wiegte uns göttlich in den tiefen Schlaf. Der Tag darauf schenkte uns richtige Wärme; im ganzen Tal zeigte sich kein Schneefetzlein mehr. Und doch war es ja schon - wenigstens nach dem Kalender - Winter! Musste es auch der Abschied sein von diesem Jahr, auch wenn noch einmal alle Zeichen dagegen zu sprechen schienen, so fühlte ich mich innerlich erhoben; ich entwuchs in kurzen Monaten jenem zwiespältigen Stadium halb Jüngling, halb Mann. Ich war entschlossen, ein regelrechter Bergsteiger zu werden, und in der nahen Zukunft erblickte ich vor mir schon einen ernsten jungen Mann, einen Schulmeister, der in seiner Frei- und Ferienzeit in die Berge zieht und, in seiner stillen Arbeitsstube in die Welt des Dichtens und Gestaltens vertieft, das Erlebte und Erfahrene in Worten nachzuzeichnen und all die Gestalten festzuhalten sucht, die eine dauerhafte Liebe und Wärme ausstrahlen. Die Berggängerei war zugleich der Aufbruch gestaltender Kräfte, war sie doch begleitet von dem heimlich mich verzehrenden Wunsch, ein gerechter Sachwalter und Darsteller der Berge und ihrer Menschen zu werden. PoetentumZwei Jahre darauf begann als kleinbestallter Dorfschulmeister bei geringem Lohn und vielseitigen Pflichten und Aufgaben im weltverlorenen Bauerndorf Marbach im sanktgallischen Rheintal das harte Ringen um das Leben und seinen inneren Wert. Dass ich weder durch das Bergsteigen noch durch das Bücherschreiben einst ein gefeierter Mann würde, das ahnte ich deutlich. Die goldenen Zeiten eines Ernst Zahn und J. C. Heer neigten sich schon. Ich fuhr nun beinahe an jedem Samstagnachmittag auf dem Rad über den Stoss ins Appenzellerland. Meistens war ich allein. Es hiess äusserst sparsam zu leben; nachts schlief ich im Heu, bestenfalls einmal auf einer Pritsche, und das Essen, sogar die Tranksame, nahm ich mit. Wenig genug und doch genug! An die eigentlichen Kletterberge wagte ich mich vorerst noch nicht heran. Aber da waren im eigenen Dorf zwei zwar kleingewachsene, aber überaus gewehrige Kletternarren: der Schneider Karl und der Buchdrucker Hans. Sie erbarmten sich meiner, luden mich ein; ich nahm ihren Vorschlag an, in die Kreuzberge zu « gehen ». Vorsichtshalber kletterte ich als Mittelmann am Seil, von oben gehalten, von unten beaufsichtigt, von oben und unten gemahnt, kritisiert. Die beiden belehrten mich unaufhörlich, schimpften und fluchten auch hin und wieder, erteilten karges Lob und schüttelten auch manchmal die harten Rheintalerköpfe. Unter ihrer Anleitung lernte ich die Seiltechnik kennen. Immerhin: klettern musste ich allein, bloss, dass ich eben zwischen zwei Kameraden am dünnen Faden hing. Nach und nach lernte ich die Kreuzberge kennen, schön dem Grad der Schwierigkeiten nach; nur der erste und sechste Kreuzberg fehlten noch in der Reihe. Wochenende um Wochenende zogen wir aus, auch ich nun als einer der heimlich verspotteten Kletternarren, aber die Frau liess mich ziehen, wusste mich gut betreut und freute sich an der heilen Wiederkehr. Die Kinder waren noch klein. Am Samstagmorgen hatte ich im Schulzimmer einfach keine Ruhe mehr. Es zog mich hinauf in die Kreuzberge. Sehnsüchtig schritten wir ihnen entgegen, verliebt in diese wilden Türme aus griffigem Kalk. Wie oft rissen wir an den Einstiegstellen die Rucksäcke von der Schulter, schlüpften aus unsern Bergschuhen, banden die Kletterfinken, knoteten das Seil, stülpten den Filz auf den Kopf, blickten uns an, schauten die Wände hinauf, über denen die Himmelsbläue grüsste, wo Dohlen lärmten und rasch über die besonnten Stellen schatteten! Wie oft geschah dies alles! Eine kurzstielige Bergblume zwischen die Zähne, und es ging los: Karl voraus, ich in der Mitte und der stets zu einem harmlosen Spass aufgelegte Hans als Schlussmann. Stufe um Stufe, Absatz um Absatz, Griff um Griff - oft waren die Absätze nur handtellergross, manchmal noch kleiner, aber immer winkte ein Griff, ward geprüft, gut befunden. Langsam lief das Seil mit; oben erschien vielleicht einmal ein keck herauslugender Kopf, ermunterte ein Zuruf, gebot ein kurzes Zögern « Achtung! », denn Steinschläge waren nicht gänzlich zu umgehen, so sehr wir drei aufpass-ten, um weder uns noch andere zu gefährden. Oft waren wir die allerersten am Berg und droben auf den luftigen Gipfeln, und immer war es das gleiche prickelnde und packende Erlebnis: das Stillschweigen der paar Menschlein, das Stillwerden des Atemziehens, das Stillwerden der Seele und dann erst das schweigende Blicken in die Tiefen der Täler und hinüber zu den unzähligen Bergen ringsum. Morgenglocken klangen wie aus unwahrscheinlichen Fernen; hier oben aber herrschten Friede und Stille, Einkehr und Heimkehr zugleich. Und wenn ich dann nachmittags oder früh-abends nach Hause zurückkehrte, die Sonne im Gesicht, die Sonne auch in den Augen, die Bewegtheit des bewährten Mannesmutes im Herzen, war die Welt trotz Kriegsgefahr und Kriegslärm noch einmal so schön und das Leben doppelt so viel wert!

In diesen Jahren erwarb ich mir das Rüstzeug zur Kletterkunst. Hammer, Haken und Karabiner gab es für uns zwar nicht. Wir benützten nur etwa den Ring zwischen Vor- und Hauptgipfel des ersten Kreuzberges, waren auch dazu gezwungen, denn auch ich war über das Durchschnittsmass eines Mannes nicht hinausgekommen! Galt es nicht auch für mein bergsteigerisches Können? -Aber trotzdem reichte es doch wenigstens dazu, dass ich bald einmal allein ausziehen konnte wie jener Bursch'im Grimmschen Märchen, um das Gruseln zu erlernen. Aber ich erlernte es nicht nach glücklich bestandenen Mutproben in einem Bett voll quabbeliger Fisch ', ich erlernte es in den Bergen.

Auch die Edelweisszeit habe ich durchgestanden: hinten am Westanfang des Fählensees, droben in den Flühen stotziger, ja manchmal bedrohlich überhängender Felswände, im Alleingang, ohne dass meine Frau etwas davon wusste. Soll ich mich jetzt einen Blumenmarder, einen Leichtfuss schelten? Ja, wenn es andern zu helfen vermöchte! Zwar riss ich nie Sträusse ab, pflückte höchstens ein paar wenige dieser Blumen, die über mir sanft im Bergwind zitterten und mich baten, in Frieden gelassen zu werden. Leider gehorchte ich nicht. Hat sich das Abenteuer, die Herausforderung, die Lebensgefahr gelohnt? Ein paar Blumen liegen noch immer zwischen den Bergbüchern; bei ihrem Anblick steigen in der Erinnerung weit zurückliegende Erlebnisse auf. Aber noch deutlicher drängen sich zwischen die wenigen guten Bilder jene schlimmen, bitterbösen: wie der Bergkamerad aus Winterthur über uns herabstürzte, wie ein ältlicher Mann aus Gais an einem Sonntagmorgen, wenige hundert Meter von jener Stelle entfernt, buchstäblich zusammengelesen werden musste und das törichte Wort vom « Knochennumerieren » angesichts dieses schaurigen Anblickes auf den Lippen gefror... Viel lieber zog ich zum Klettern aus. Neufahrten habe ich keine unternommen; alles war schon oder öfters « gemacht » worden. Und doch: jede Klettertour ist ein Neues für den, der sich das erstemal mit einem bestimmten Berg und Fels einlässt. Kletterfahrten greifen an das Innerste. Es sind nicht etwa Experimente oder technische Probleme des sechsten oder soundsovielten Grades; es sind Neulandfahrten, die den Bergsteiger durch das innere Erlebnis beglücken.

Andere wollten meine Berggefährten sein; auch Ungeübte waren darunter, sogar junge Frauen: « Nur auf einen zahmen Berg, nur einmal, bitte, nur einmal! » Derweilen wir in den Felsen klebten, wartete die gute Frau drunten auf der Alp, grüsste mit der Hand, wenn wir auf einem Gipfel standen, kam uns entgegen, wenn wir zurückkehrten; nur wenige Male hielt sie selber mit, doch nicht an meinem Seil; sie dachte an die Kinder daheim im Dorf.

Der Krieg entführte mir den liebsten Kameraden Pepp. Ich war wieder allein. Es gab soviel zu bedenken in jenen schweren Jahren! Ausserdem führte mich mein Brotberuf unter der Woche mit so vielen quecksilbrigen Menschlein zusammen, dass ich es auf den Bergfahrten vorzog, allein zu sein. Das änderte sich auch nicht, als die Kletterzeit zufolge des Alters ihr Ende nahm und ich vom Klettern auf das Fusswandern zurückging. Aber im Herzen bin ich der alte kletterselige Mensch geblieben, der mit beiden Augen immer und immer wieder Kletterwege sucht und in den Büchern das nachzuzeichnen versucht, was so gross und so schön war. Dort wie hier gibt es keine Extreme. Ich bin ein Mann der alten Schule; aber was heisst das schon? Ob alte, ob neue Schule, wenn es bloss eine Lebensschule sein darf! Und dazu sind mir die Berge geworden. Sie sollen es bleiben, gerade auch dann, wenn bittere Enttäuschungen kommen, Misserfolg nicht bloss am Fels, sondern auch im Alltag, Abweisung und Abwendung, wenn Berge und Menschen nicht wohlwollen. Das Gleichnis der Bergsteigerei wird nun zum Gewinn für das nun bereits deutlich spürbare Älterwerden. Ich beneide die Jungen, die voll Wagemut und Gottvertrauen sich in die Berge verschauen! Ich sehne mich nach den Bergen im hochsommerlichen Glanz, nach mild überleuchteten Alpen im stillen Herbst, nach den tiefverschneiten Firnen und Gletschern im hohen Winter. Die Berge sind mir nahe, ohne ihren Anblick könnte ich nicht leben, niemals in einer engen Stadt. Wenn mich auch die Jahre von ihnen trennen, wenn ich auch Kühnes nicht mehr wagen und verantworten kann, sie bilden das gewaltige Gemälde meines Lebenshintergrundes.

Ich bin auch in den Bergen verunglückt, mehr als einmal, bin wieder zu Berg gestiegen, habe im kalten Bergsee gebadet, sonnentrunken auf einer Bergwiese gelegen, die Augen geschlossen, vor mich hin gesummt und gedichtet. In Gedanken gehe ich wieder die herrlichen Wege in den Alp- stein, in die Ewigschneewelt des Berner Oberlandes, ins Wallis, ins Tirol, ins Engadin auf Palü und Bernina, auf die Andalusischen Berge weit unten vor der Küste Afrikas.

Ja, es ist alles lebendig geblieben! Treue ward mit Treue belohnt. Auch davon durfte einmal geschrieben und erzählt werden. Mit einem herzhaften Glückauf für alle Freunde und Liebhaber der Berge, denen jetzt tausendfältige Erinnerungen aufspringen: « Weisst du noch - ja, weisst du noch? »

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