In der Nordwand des Eigers

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Karl Springenschmid, Elsbethen bei Salzburg

Eine Mutter wartet auf ihren Sohn Seit drei Tagen ist Günther, ihr Sohn, in der Nordwand des Eigers. Möglich, dass er eben zu dieser Stunde mit seiner Seilschaft zum Gipfel aufsteigt. Dann müsste das vereinbarte Telegramm bald eintreffen. Er hat ihr in seinem Briefe genau erklärt, wie alles vor sich gehen wird: « Zweimal werden wir in der Wand biwakieren: das erste Mal beim sogenannten ,Todesbiwak '. Dieser Name braucht dich nicht zu erschrecken, Mutter. Es ist nur die unter Bergsteigern übliche Bezeichnung für jene gewisse Stelle über dem Dritten Eisfeld. Das zweite Mal biwakieren wir über dem letzten Eisfeld bei der sogenannten, Spinne '. Am dritten Tag steigen wir aus. Sobald wir den Gipfel erreicht haben, geben wir Nachricht zur Kleinen Scheidegg durch. Jörg besitzt nämlich ein Sprechfunkgerät. Ich habe deine Adresse auf der Poststelle hinterlegt. Das erste Telegramm, das abgefertigt wird, geht an dich, Mutter. » Drei Tage, dreimal vierundzwanzig Stunden — warten, warten...

Sie hat die Wetterberichte des Schweizer Senders abgehört. Das Hochdruckgebiet über den Alpen hat sich nach Osten verlagert. Das Wetter hat sich verschlechtert. Die Gipfel über 3000 Meter sind im Nebel. Das klingt bedrohlich. Anhand der Aufstiegsskizze, die ihr Günther gezeichnet hat, um ihr, wie er schreibt, das Warten leichter zu machen, hat sie den Aufstieg miterlebt. Längst sind ihr die kritischen Stellen in dieser Wand vertraut geworden: der zerschrundete Pfeiler, der Hinterstoisser Quergang, das Bügeleisen, die Rampe, die Spinne, die schwierigen Ausstiegsrisse...

Ja, alles wäre leichter zu ertragen, wenn Vater noch leben würde. Er war es, der den Jungen für das Klettern begeistert hat. Kaum sechs Jahre war Günther alt, als ihn der Vater zum erstenmal an das Seil nahm. Wie sagte er, als er todkrank aus dem Kriege heimkam«Du musst fortsetzen, Günther, was ich in den Bergen nicht mehr erreichen konnte. » — Und Günther hat dieses Wort wahr gemacht. Er ist in allen und jedem ganz der Vater geworden. Kein Wunder, dass ihn diese Wand, diese letzte schwierige Wand, nicht mehr losliess.

Sie tritt ans Fenster, um nach dem Postboten Ausschau zu halten. Doch die Gasse bleibt leer. Warten, warten - das Schicksal der Mütter.

Doch da ist noch etwas, das sie bedrückt: Günther sollte in diesen Tagen zur zweiten Staatsprüfung antreten. Er hat diesen Termin versäumt, richtiger gesagt: er hat damit ein ganzes Semester verloren. Und das Studium kostet Geld. Ihre Rente ist klein; dazu das Wenige, das Günther nebenbei im Baubüro verdient. Sie darf, sie will jetzt nicht daran denken: Ein ganzes Semester für diese Wand, nur für diese schreckliche Wand.

« Weisst du, Mutter », so hat ihr Günther noch am Tage vor seiner Abreise geschrieben, « ich bin an diesen Termin gebunden. Man kann nicht zu jeder Jahreszeit in die Eigernordwand einsteigen. Ausserdem muss ich mich nach den anderen richten. Nie mehr würde ich eine so gute, verlässliche Seilschaft für diese Wand finden. » Kein Telegramm, nichts, nichts. Vielleicht musste die Seilschaft ein drittes Mal biwakieren? Ob man zur Kleinen Scheidegg telephonieren kann? Doch was das kosten würde! Und sie wartet, wartet...

Plötzlich ein Geräusch von der Gasse her! Ein Roller hält vor dem Hause. Sie eilt zum Fenster: der Postbote!

Wie lange er braucht, um seinen Roller abzustellen! Nun blickt er auf die Hausnummer - siebzehn, schon richtigsteigt langsam die Stufen herauf, klingelt.

Sie öffnet.

« Sind Sie Frau -? » Er muss ihren Namen erst vom Telegramm ablesen.

« Ja, die bin ich. »

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