Johann Georg Sulzer und der Rigi

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Von Rudolf Gsell

( Chur ) Vor 200 Jahren, nämlich Anno 1746, erschien bei David Gessner, Gbdr ., in Zürich:

Johann Jacob Scheuchzers Natur Geschichte des Schweitzerlandes, Samt seinen Reisen über die Schweitzerische Gebürge. Aufs neue herausgegeben, und mit einigen Anmerkungen versehen von Joh. Georg Sulzern.

Johann Georg Sulzer, ein Winterthurer, 16. 10. 1720-25. 2. 1779. Er war 1741 Vi-carius des Pfarrers in Maschwanden, reiste dann 1743 nach Deutschland und war dort, vornehmlich in Berlin, in angesehener Stellung tätig.

Die allgemeine deutsche Biographie ( Bd. 37, 1894 ) nennt ihn « eine der hervorragenden Persönlichkeiten des literarischen und gelehrten Berlin unter der Regierung Friedrichs des Grossen ». Fäsi, Joh. Gonr., schreibt in seiner Staats- und Erdbeschreibung der JOHANN GEORG SULZER UND DER RIGI ganzen helvetischen Eidgenossenschaft, I. Band, 1765: « der durch seine nüzliche und gelehrte Schriften sehr berühmte Herr Joh. Georg Sulzer zu Berlin ist eine ausnehmende Zierde dieser seiner Vaterstadt. » — Weitere Angaben im Lexikon von Leu ( 17. Teil, 1762 ) und dessen Supplement ( Holzhalb, 5. Teil, 1791 ) sowie im Hist.Biogr. Lexikon der Schweiz ( Bd. VI, 1931 ) u.a. O.

Dieses zweibändige Werk, das 13 Jahre nach Scheuchzers Tode x aufs neue erschien, ist eine stark reduzierte Bearbeitung der holländischen Ausgabe von 1723.

In seiner Vorrede gibt Sulzer an, welcher Art die Veränderungen gegenüber der frü leren Ausgabe sind, warum sie erfolgten, und endlich nennt er seine eigenen Beiträge.

Es fehlen unter anderem die Pflanzenregister. Eine Anzahl Tafeln wurde ganz weggelassen oder durch andere Tafeln ersetzt. Die Tafeln selbst sind aber dieselben wie sie Scheuchzer seinen Reisebeschreibungen in der eigens dazu gegründeten Zeitschrift beigegeben hatte ( 1705-1707 ), während die Tafeln der Ausgabe 1723 in manchen Kleinigkeiten umgearbeitet worden waren.

Sulzer hat diese Ausgabe mit vielen Fussnoten versehen und ausserdem zwei eigene Arbeiten beigefügt, nämlich eine 54 Seiten starke « Beschreibung der Merckwürdigkeiten, welche er auf einer durch einige Orte in der Schweitz Ao. 1742. gemachten Reise beobachtet hat » ( Zürich 1743)2, und sodann seine 44 Seien umfassende « Untersuchung Von dem Ursprung der Berge, und andrer damit verknüpften Dinge ». Zürich, 1746.

Diese beiden Arbeiten, so will mir scheinen, verdienen auch heute noch etwelche Bei chtung. Die vorliegenden Zeilen möchten einen kurzen Einblick in den Inhalt der beiden Studien geben.

Es soll dabei nicht untersucht werden, welche Gedanken Sulzer von früheren Autoren entlehnt haben könnte. Es genügt hier, zu ersehen, was für Überlegungen auf dem Gebiete der Geologie vor 200 Jahren gemacht wurden. Dass dabei auch Fehlwege betreten wurden, ist begreiflich.

Und nui vorerst die « Beschreibung der Merckwürdigkeiten ». Im « Vorbericht von denjenigen Sachen / welche man bey den Berg-Reisen zu beobachten hai », schreibt Sulzer: « Es zweifelt niemand daran, dass die Schweitz in Absicht auf die Beobachtung der natürlichen Dingen eines von den merck-würdigsten Orten sey. Daher kommt es / dass viele Reisen auf die Schweitzerische Gebirge / so wohl von Schweitzern selber / als von Ausländern / gethan werden. Und weil insonderheit auch von Zürich / wo vermuthlich dise kleine Schrift am meisten wird gelesen werden / bald alle Jahre von Liebhabern der Natur Reisen angestellt werden / so hat mich gut bedünckt / meiner Reiss-Beschreibung diesen Vorbericht vorzusetzen / damit diejenigen / welche auf unsere Gebirge reisen wollen / daselbst die Seltenheiten der Natur zu betrachten / sich darnach richten können / damit man nach und nach durch solche BeobE chtungen zu einer wahren Erkänntniss der Natur-Gesetzen / und 1 Johann Jacob Scheuchzer, 2. August 1672 bis 23. Juni 1733.

2 Nebst einem Anhang, der aus drei kleinen Aufsätzen besteht, worunter eine « Beschreibung eins bequemen Reiss-Barometers ».

durch dieselbe zu einer geziemenden Hochachtung gegen den grossen Urheber derselben kommen möge.

Die Begebenheiten der Natur sind so genau miteinander verknüpft / dass immer eine die Ursach einer andern abgiebet. Je mehr man also natürliche Begebenheiten weiss / je mehr ist man im Stande die Ursachen davon anzuzeigen / welches der Haupt-Zweck der Physic oder Natur-Lehre ist. Woraus man überhaupt siehet / dass man zur Vollkommenheit der Physic nöthig hat / alle Begebenheiten der Natur sorgfältig zu bemercken / sie mögen so geringe scheinen als sie wollen... » Es folgen « die vornehmsten Regeln / welche ein Berg-Reisender zu beobachten hat », das heisst eine kurze Anleitung zu naturkundlichen Beobachtungen.

Und nun vorerst die Reise, soweit es sich um den Rigi handelt.

« Ich verreisste also in Begleit Hrn. Joh. Caspar Hirzels, Med. Stud, den II. August ( 1742 ) von Zürich, und nähme Anfangs den gewohnten Weg nach Zug über den Albis. » Dann aber wurde ein Umweg nach Maschwanden gemacht. Denn « um eine accurate Land-Charte zu haben », hatte sich Sulzer « vorgenommen, die Lage der Bergen, auf welche ich kommen würde, wo es immer möglich ist, durch Triangel geometrisch zu determiniren... Zu diesem Ende hin habe ich, ehe ich die Reise angetretten, zu Maschwanden eine Grund-Linie von etlich tausend Schuhen würcklich mit der Ruthe abgemessen ». Sulzer wollte nun von den beiden Enden dieser Basislinie aus den Rigi und den Pilatus einvisieren, « allein die Nebel, welche diese Berge gantz umhüllet hatten, liessen es nicht zu ».

Am 12. August setzten die beiden ihre Reise von Maschwanden aus fort, kamen nach Zug und fuhren mit einem gemieteten Boote nach Arth. Sulzer erwähnt dabei den Zuger Berg, « welcher an der Seite, die wir sahen, fast überall mit Castanien und anderen wilden Bäumen bewachsen ist », und ferner « unter den Fischen, welche dieser Zuger See ernähret, sind insonderheit die Rötel bekannt... » « Nach einer zweystündigen Schiffahrt von Zug aus langten wir zu Art, einem schönen Flecken des Schweitzer-Cantons, an... » Von Arth aus stiegen die Reisenden « durch Wälder und dazwischen liegende kleine Weyden, wo das Vieh im Herbst seine Nahrung hat », gegen den Rigi an, « zu einem Hause, das Untere Dächlein genannt, und nahmen da unsere Nacht-Herberg1 ».

Am folgenden Tage, den 13. August, wurde die Reise fortgesetzt. « Wir machten uns frühe Morgen aus der Ruhe, um der schönen Aussicht zu geniessen, die man von diesem Orte in das Schweizer Gebiet hat. Wir sezten bey guter Zeit unsere Reise fort... Nachdem wir eine starke Stunde weit gegangen, kamen wir auf der Rigi an, woselbst ein kleines Closter2 ( zu 1 Fäsi ( vgl. oben ) lehnt sich bei seiner Rigibeschreibung stark an jene von Sulzer an.

2 Nach Leu und Fäsi hat ein Johann Sebastian Zay von Arth Anno 1689 die Capell zu Unser Lieben Frauen zum Schnee ( Rigiklösterli ) bauen lassen.

welchem im Sommer gewallfahrtet wird ) nebst einem Wirthshause und noch ein paar anderen Hütten stehen. Dieses ist aber nicht die oberste Höhe des Berges... » Schon 23 Jahre später schreibt Fäsi: « Ferner einige Gast- und Hirten-Häuser »... « Die drey Gast-Häuser sind weit zu klein, als dass sie die Pilger, welche bey einer solchen Wallfahrt einfinden, alle beherbergen könnten. » Sulzer fährt fort: « Von dem Closter geht man gegen Abend über eine Höhe 1, hernach wiederum ein wenig hinab, allezeit gegen Abend fort in das kalte Bad, welches ein von drey Fels-Wänden und einer Einsidler-Hütte eingeschlossner viereckigter Platz ist, in welchem ein höltzerner Badkasten stehet, der von einem zwischen zwey Felsen hervor fliessenden Wasser allezeit angefüllet bleibt... Diese Leute, welche sich dieses Bads bedienen, sitzen mit den Kleidern darein... » « Von dem kalten Bade stiegen wir weiter den Berg hinan auf eine Höhe, Rigi-Stafel, und hernach auf die oberste Höhe, Rigi-Kulm genannt. » « Sobald wir auf die oberste Höhe des Berges kamen, fiengen die Nebel, welche das gantze Land unserm Gesichte fast den gantzen Tag ( wenige Minuten ausgenommen, da wir bey dem kalten Bade waren ) entzogen hatten, an, nach und nach sich zu zertheilen, welches ungemein schön anzusehen war. Die Nebel öffneten sich anfangs nur ein wenig, dass man durch die Löcher ein Stück Landes sehen konnte, sie schlössen sich aber bald wieder zu; und nach einer kleinen Weile fiengen sie an von allen Seiten so heftig in die Höhe zu steigen, dass sie mit grosser Geschwindigkeit vor uns wie Pfeile hinflogen. In Zeit von einer halben Stunde war alles hell, und wir hatten die schönste Aussicht von der Welt und konten 10 grosse und kleine Seen zehlen, die wir übersehen konten... » Zu Sulzers Zeit war also offenbar weder auf Stafel noch auf Kulm irgendwelche Herberge noch Unterkunft vorhanden. Aber wie rasch ändern sich die Zeiten! Fäsi schreibt 1765 über den Rigi:

« Er wird wegen seiner unvergleichlichen Aussicht von sehr vielen Fremden aus den angrenzenden Cantons besucht... Wenn der Winter herannaht, so verlässt alles ( die Capu einer, die Gastwirthe, die Hirten und Sennen ), den Berg und ziehen sich in das Thal hinunter. Die Capuciner finden sich erst gegen dem längsten Tag wieder bey ihrer alten Herberg ein 2. » Ebel ( Anleitung auf die Nützlichste und Genussvollste Art Die Schweiz zu bereisen. 1804/1805 ) berichtet:

1 Es wurde also der Umweg über Rigi-First gemacht. « Wir nahmen also einen Umweg von mehr als 2 Stunden, denn man kommt dem geraden Weg nach von dem Closter innert zwey Stunden auf Rigi-Kulm. » 2 Vgl. Cysat, Joh. Leop, « Beschreibung dess berühmbten Lucerner- oder 4 Waldstätten Sees mit einer General Seecharten. » 1661 ( geschrieben 1645 ). Cysat sagt: « Der Berg Riga... oben auss aber ein grosse weitleuffige Allpung / dessen Fruchtbarkeit kan ein vernünfftiger leichtlich hiebey abnemmen / dass auff disem Berg allein ( wie ich solches nach fleissiger Erforschung von warhafften Leuthen erkundiget ) 150 Senten zu Allp geführt werden / und ein Senten durch das ander nicht höher dann 16. Kühe gerechnet / dann dahin fahren zu Allp die von Wäggis / Lützelaw / Vitznauw / Gersaw / Hopffräben / Brunnen / Hornberg / Sewen / Lowerts / Busigen / Goldaw / Art / Küssnacht und Greppen. ».: :. ',.. I'I ,I Kloster... Bey der Kapelle wohnen einige Kapuziner, und mehrere Wirthshäuser stehen hier, wo der Reisende Unterkunft findet; der Ochs bey Xaver Schindler, und das weisse Ross bey Joseph Anton Schrieber, beyde aus Art, sind besonders zu empfehlen...

« Hier auf der Kulm, dem höchsten Gipfel des Rigi, steht ein grosses eisernes Kreutz, welches man aus den Gegenden von Zürich vermittelst eines dollondschen Sehrohrs sehr deutlich sehen kann... » Erst 1816 ( vgl. Geogr. Lexikon der Schweiz ) entstand das erste Hotel auf dem Kulm und 1817 auf Rigi Staffel1.

Und schon schreibt Baedeker ( 7. Auflage, 1857 ):

« Im August und September wimmelt an schönen Tagen das Kulmhaus von Reisenden, sodass an Bedienung wenig zu denken ist... Alle europäischen Zungen hört man durcheinander... Dann wirds nach und nach im Freien leer, und der Abendtisch übt seine Anziehungskraft. Dazwischen durchrennen Führer, Bediente, Couriere und Mägde das leichte Haus... nicht selten durchwacht eine Schaar fröhliche Studenten, in der frischen Begeisterung der Jugend, bei Gesang und Becherklang die kurze Nacht, ohne freilich zu bedenken, dass sie manchen müden Wanderer vorgerückter Jahre in dem nach solchen Anstrengungen so nöthigen Schlafe stört. » Dann wurde 1869 mit dem Bau der Bahn von Vitznau her begonnen, die 1872 bis Kulm eröffnet wurde. Drei Jahre später folgte die Eröffnung der Strecke Arth-Goldau-Kulm.

1878 schreibt Koch von Berneck ( In dreissig Tagen durch die Schweiz ):

« Seitdem ( weithin sichtbar ) die Rauchsäule der Locomotive auf seinen Gipfel emporsteigt, könnte man ihn füglich den modernen Sinai nennen, zu dem die Völker pilgern.

Ehe der Rigi in Aufnahme kam, war längst der Pilatus bekannt und besucht2. Um diesen gefährlichen Rivalen — dessen grosse Vorzüge in neuerer Zeit wieder gebührende Beachtung finden — zu bekämpfen und für immer seine Macht zu brechen, nahm der Rigi zu den Bergbahnen seine Zuflucht, Hess sich die alternden Lenden mit Eisen umgürten und gestattete der russigen Locomotive Eintritt in seine glänzendsten Prunkgemächer. Obwohl nun Viele die Neuerung bitter beklagen, den Berg jetzt zu geräuschvoll und seiner Poesie entkleidet finden, so darf doch nicht übersehen werden, dass die Bergbahn im Interesse des Verkehrs freudig begrüsst werden muss und dass sie Tausenden einen Genuss ermöglicht, auf den diese sonst verzichten müssten, abgesehen davon, dass es doch am Ende romantischer ist, mit dem Adler zu fliegen, als mit der Schnecke zu kriechen, und dass der gellende Pfiff der Locomotive auf Rigikulm einen neuen, glorreichen Sieg des Menschengeistes über die Materie kündet. » Doch kehren wir zurück zu Sulzer. Er schreibt weiter: « Es wähete nun ein ziemlich starcker Wind... und war dabey sehr kalt... Weil es Abend war, so begaben wir uns allgemach durch ziemlich rauhe Wege wieder den Berg hinunter nach Küssnacht, woselbst wir mit einbrechender Nacht an-gelanget sind. » Der Abstieg erfolgte übrigens in recht kurzer Zeit: « An diesem Tage reissten wir vom Dächlein auf die Rigi zum Gloster. 1 St.

vom Closter zum kalten Bade2 St. Summa von dannen auf Rigi-Stafel1 St.7% » » » Rigi-Culm1 St. Stund. » » » » Küssnacht2% St.

1 Nach Baedeker, 36. Aufl., 1920, wurde 1814 auf dem Kulm ein bescheidenes Wirtshaus, 1848 das erste grössere Gasthaus erbaut.

2 So z.B. 1702. Vadian machte schon 1518 eine Reise nach dem Pilatus. Bekannt ist vor allem Conrad Gesners Beschreibung seiner Pilatusbesteigung im Jahre 1555. Er fand oben bereits Gipfeleintragungen von Vorgängern.

( Schluss folgt )

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