Kilimandscharo

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VON BENNO ZÜST, HERISAU

Mit 1 Skizze und 3 Bildern ( 41-43 ) Es ist der 17. Februar 1966. Wir haben einige hundert Kilometer Fahrt durch das nördliche Tanganyika unter brennender Tropensonne hinter uns. Um so mehr schätzen wir jetzt den kühlen Abend in Marangu, dem Ausgangspunkt unserer Kilimandscharobesteigung. Marangu ist eine Siedlung mit weit verstreuten Häusern in einer paradiesisch üppigen Vegetation, die es seiner Höhenlage von 1500 Metern am Fusse des Kilimandscharo und den relativ reichlichen Niederschlägen zu verdanken hat. Auch das Kibohotel, dessen Gäste wir heute abend sind, ist förmlich in einen grünen, blühenden Hang eingebettet. Infolge der Höhe sind die Temperaturdifferenzen zwischen Tag und Nacht recht gross. Wir geniessen darum am Abend die Wärme, die das grosse Holzfeuer mitten im Salon unter einem kupfernen Rauchabzug ausbreitet, trinken dazu Kaffee, plaudern und lassen die vergangenen Tage nochmals in der Erinnerung aufleben. Übrigens - wer ist eigentlich « wir »? Das sind mein Bergkamerad Walter Hermann und ich. Uns trennen 22 Lenze, wir haben über vieles verschiedene Ansichten und sprechen zwei verschiedene Dialekte, die beide gelegentlich witzig und giftig sein sollen. Doch führte uns hier die gemeinsame Leidenschaft, das Bergsteigen, ein Stück weit auf den gleichen Lebensweg.

Wir verabschieden uns heute abend von der Familie Nomblot aus Frankreich und dem afrikanischen Chauffeur, die von Nairobi an drei Tage lang unsere Reisegefährten gewesen sind. Wir haben uns dort, in der Hauptstadt Kenyas, in einem der vielen Safaribüros kennengelernt, weil sowohl Familie Nomblot als auch wir die weltberühmten ostafrikanischen Wildreservate sehen wollten. Die Möglichkeiten dazu sind ungeheuer vielfältig: Man kann unter einer grossen Zahl von halb-bis mehrtägigen Standardsafaris auswählen oder sich gar eine eigentliche Expedition mit mehreren Fahrzeugen nach eigenen Wünschen zusammenstellen lassen. Wir wählten einen Mittelweg, indem wir einen VW-Bus mit Chauffeur mieteten und unsere Reiseroute so aussuchten, dass sie uns hieher zum Kibohotel in Marangu führte. Auf dem Weg dahin durchstreiften wir auf Pirschfahrten das Amboselireservat, einen der berühmten Wildparke Ostafrikas, von der Grösse des Kantons Waadt. Mit grossem Geschick fuhr ein Wildhüter mit uns in die Verstecke, wo Löwen ein erlegtes Gnu zer-fleischten oder Geparde aus dem hohen Steppengras eine Beute erspähten, um sie mit ihrer sprichwörtlichen Schnelligkeit zu erhaschen. Das Leben der wilden Tiere gehört zum wertvollsten Schatz, den die ostafrikanischen Länder zu verwalten haben, nicht zuletzt auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Denn eine ungeheure Zahl von Touristen aus der ganzen Welt bereist diese Länder der Tierreservate wegen, die auch wirklich wert sind, besucht zu werden. Wir wissen gegenseitig vieles zu berichten, vor allem über die Pläne der folgenden Tage. Unsere französischen Begleiter wollen noch durch den Tsavopark fahren, während wir morgen unsere Bergtour auf den Kilimandscharo beginnen. Die lässige Ruhe, die wir vortäuschen, entspricht keineswegs unserer inneren Verfassung. Die Ungewissheit über das Gelingen der Tour steigert unsere Spannung immer mehr. « Ist das glaubwürdig, dass nur ein Prozent den Gipfel erreicht? » frage ich meinen Kameraden. « Ich habe schon gehört, es seien wesentlich mehr, etwa zehn Prozent. » - « Schwacher Trost, zudem bedeute alpinistische Erfahrung nichts. Gute Alpinisten seien schon unverrichteter Dinge wieder umgekehrt, so bestätigt es auch die Hotelleitung. » Mit solchen Äusserungen wird unsere Besorgnis offenkundig; es ist Zeit, dass wir uns dem erholsamen Schlummer hingeben. Die Rucksäcke sind schon längst fertig gepackt; das haben wir gleich nach der Ankunft im Kibohotel als erstes besorgt. Ebenso sind der Führer, sein Träger und ein Träger für uns bestellt.

In den wenigen Tagen Afrika haben wir schon gründlich verlernt, nach dem Wetter zu fragen. Es ist einfach schön. So geben uns die Wolken am Morgenhimmel unseres ersten Bergtages nicht zu den geringsten Sorgen Anlass. Wolkenlos blau war der Himmel noch nie, das Wetter aber trotzdem immer sehr gut. Aus diesem Grunde haben wir den Berg, den wir jetzt besteigen wollen, nur ein einziges Mal für wenige Minuten gesehen. Im Amboselireservat hat er seine Gipfelkuppe unseren neugierigen Blicken zugänglich gemacht, während sein Fundament im Dunst verschleiert blieb. Dieser Anblick gibt dem Berg ein zauberhaft unwirkliches Gepräge.

KILIMANDSCHARO 1: 250000 Regenwald Mandarahütte 2700 Um 10 Uhr morgens treffen der Führer und unser Träger im Hotel ein. Nach einer herzlichen Begrüssung ohne viele Worte verteilen wir die Lasten unter uns zwei und unseren Träger; der Träger des Führers wird später dazukommen. Wir staunen gar nicht wenig bei der Entdeckung, dass der Führer das SAC-Abzeichen auf der Mütze trägt. Ein früherer Tourist hat es ihm geschenkt, und er gibt nun damit seiner Sympathie für die Schweizer Ausdruck. Sofort entdecken wir aber auch, dass sich die Sprache als Verständigungsmittel unter uns nicht eignet. Die Eingeborenen sprechen nur wenige Worte Englisch, und wir kennen von ihrer Sprache, dem Suahili, überhaupt fast nichts. Trotzdem überstrahlt jedesmal ein freundliches Lächeln ihr Gesicht, wenn wir ein Suahiliwort stottern, worauf wir das fleissig praktizieren.

Die erste Stunde Weges führt in leichtem Anstieg durch kleine Bananen- und Kaffeeplantagen, die durch Bäume und Gebüsch aufgelockert sind. Überall liegen zerstreut die Häuser von Marangu zwischen den Pflanzungen und erinnern mich stark an die Streusiedelung meiner appenzellischen Heimat. Vor einem dieser Häuser legt der Träger plötzlich seinen Sack ab und verschwindet im Hause. Alles Fragen nützt nichts, es heisst einfach warten und zusehen, was weiter geschieht. Der Führer hat sich schon im Hotel von uns getrennt, um uns erst am Abend in der Mandarahütte einzuholen. Wir kommen aus dem Staunen kaum heraus, als unser Träger vor der Hütte wieder erscheint. Trug er vorher eine gute, für unsere Begriffe etwas leichte Kleidung, so verdient seine jetzige Ausstaffierung kaum mehr diesen Namen. Ein Paar zerfetzte Hosen, ein völlig durchlöcherter Pullover, Sandalen und ein Stück Tuch um die Lenden, das man knapp als Jacke erkennen kann, das ist seine Bergausrüstung, die ihn bis auf 4700 Meter begleiten soll. Wir finden uns damit ab, dass er schliesslich die Verhältnisse kennt und sich gewiss darnach richten wird. Oberhalb der Plantagen-siedlung Marangu beginnt der grosse Regenwaldgürtel, der bis auf etwa 3000 Meter hinaufreicht. Durch diesen Wald führt heute ein Strässchen, mit einem Landrover befahrbar, bis zur ersten Hütte, der Mandarahütte, die auf 2700 Meter in einer Waldlichtung liegt. Man kann sich also den ersten Tagesmarsch vom Kibohotel zur Mandarahütte schenken, indem man mit dem Landrover fährt. Nur Unerfahrene werden das tun. Denn die nächsten Tage verlangen vom Organismus grosse Anpassungsfähigkeit; man darf ihm daher die erste Einlaufetappe in geringer Höhe nicht vorenthalten. Die Regenwaldzone ist Naturreservat und von einer unermesslichen Vielfalt wilder Tiere bewohnt, von Elefanten, Leoparden und den vielen eigentlichen Waldtieren. Die Flanken der Strasse gleichen einer grünen Mauer, und dahinter herrscht Nacht, so üppig und dicht ist hier die Vegetation. Für den Touristen besteht tagsüber wegen der Tiere keine Gefahr. Ihr Interesse an den Menschen ist nicht sonderlich stark.

Nach etwa sechs Stunden stetigen, leichten Anstiegs haben wir die Waldlücke mit der Mandarahütte erreicht. Die Sorge von gestern abend, dass ich vielleicht den Gipfel nicht erreichen werde, hat sich jetzt fast zur Gewissheit verstärkt. Der heutige Tag hat mich in ungewohnter Weise strapaziert, ich fühle mich ohne grosse Kraftreserve, schon am ersten Tag, während Walter ganz fit ist.

Touristen und Eingeborene hausen hier in getrennten Hütten. Wir sind für die bevorstehenden Hüttennächte auf allerhand gefasst, denn wir haben beide das wunderbare Buch von Walter Schmid « Selbander zum Kilimandscharo » gelesen, kennen die wichtigsten Abschnitte fast auswendig und wissen daher, dass uns Ratten, Schmutz und Gestank in den Hütten erwarten werden. Vieles, ja fast alles ist noch so, wie es Walter Schmid beschrieben hat. Doch die schmutzigen, stinkigen Hütten gibt es nicht mehr. Die Mandarahütte ist sogar von einem Saisonwart bewirtet, der die durstigen Kehlen gerne mit Bier und Mineralwasser versorgt. Wir beide, im festen Glauben, aller Zivilisation für einige Tage den Rücken zu kehren, haben keinen Rappen Geld mitgenommen und verspüren daher tapfer keinen Durst. Komfort würde man hier freilich umsonst suchen. In der Hütte befinden sich einige zweistöckige Hürden mit leichten Matratzen. In eine Mauer ist ein Loch eingelassen, ein « Cheminée », aus dem aller Rauch in die Hütte qualmt. Das Mobiliar ist bald aufgezählt: ein Tisch und zwei Bänke. Für uns genügt das vollkommen, um gemütlich mit dem Benzinvergaser und aus dem Rucksackproviant das Abendessen zu kochen. Wir sind ganz glücklich über die Gesellschaft zweier deutscher Touristen, die ebenfalls auf dem blechbeschlagenen Tisch ihr Essen zubereiten und mit denen wir dank unserer sprachlichen Verwandtschaft bald in ein angeregtes Gespräch kommen. Die beiden sind heute in einem Gewaltsmarsch vom Gipfel bis zur Mandarahütte abgestiegen. Ihre Leistung erweckt in mir grösste Bewunderung - und eine Spur Neid, da ich nach der Beurteilung des heutigen mühsamen Aufstieges am guten Gelingen meiner Besteigung völlig zweifle.

Plötzlich gesellt sich ein weiterer Gast zu uns, eine Frau, die gleich mit feurigem Temperament und äusserst humorvoll zu erzählen beginnt. Wir entnehmen der immer wieder von ihrem eigenen schallenden Lachen unterbrochenen Schilderung, dass sie Amerikanerin ist und schon seit vielen Jahren in Liberia als Lehrerin wirkt. Sie will in ihren Ferien den östlichen Teil Afrikas kennenlernen und dabei auch einmal das Bergsteigen versuchen. Ein gehöriger Optimist, wer gleich mit einem Sechs- tausender anfängt. Während uns ihre dramatische Erzählung ganz im Banne hält, erleben wir ein wahres Wunder: unter der Hüttentüre erscheinen zwei Afrikaner, breiten ein sauberes Tischtuch über den noch freien Teil des Tisches aus, tragen ein vollständiges Gedeck nach Hotelart auf und servieren unserer Amerikanerin in mehreren Gängen ein perfektes Abendessen. Walter und ich glauben unseren Augen kaum zu trauen. Wir können uns jetzt aber eine rätselhafte Beobachtung während des Aufstieges erklären: Wir trafen vier Touristen in Begleitung von zwölf Trägern, von denen jeder eine riesige Kiste auf dem Kopfe trug. Sie waren im Abstieg begriffen und hatten den Gipfel nicht erreicht. Uns aber wunderte am meisten, wie denn vier Touristen zwölf Kisten mit Berggepäck füllen können. Von Stund an wissen wir es.

Von der Mandarahütte führt ein schmaler Pfad ziemlich steil durch die obere Regenwaldzone, die auf etwa 3000 Meter ganz plötzlich in eine leicht geneigte Heide übergeht. Hier sehen wir zum erstenmal die beiden Kilimandscharogipfel Kibo und Mawenzi sehr deutlich und nah vor uns. Was heisst nahNoch immer trennen uns drei Tagesmärsche vom Kibo. Auf dem von hohem Gebüsch bewachsenen Heideland steigen wir an den Südhängen des Mawenzi gemächlich bergan. Die Überquerung von unzähligen, tief eingefressenen Bächen macht uns klar, dass der Lavagrund der Erosion nur schwach widersteht.

Das Kilimandscharomassiv besteht aus den drei Vulkanbergen Kibo, Mawenzi und Shira. Der Kibo mit seinem herrlich vergletscherten Krater ist deutlich als Vulkan erkennbar. Die Krater-hänge sind meist bis weit herab verschneit, und der Kraterrand erscheint von allen Seiten her als langer Gipfelgrat - die berühmte Silhouette hinter einem Tierbild im Amboselireservat. Die höchste Erhebung des Kraterrandes, Uhuru-Peak = Freiheitsspitze, ist mit knapp 6000 Metern der höchste Punkt Afrikas - und unser Ziel. Zwölf Kilometer östlich des Kibo liegt der 5100 Meter hohe Mawenzi, ein stark verwitterter Lavaberg mit vielen, meist schneebedeckten Gipfeln und Zacken. Der Shira schliesslich, der älteste der drei Vulkane, erscheint bloss als unauffällige Erhebung in der westlichen Flanke des Kibo.

Nach fünfstündigem Marsch erreichen wir auf rund 3700 Meter Höhe die Horombohütten, unser zweites Nachtlager. Auch hier herrscht wieder strenge Trennung zwischen Touristen und schwarzen Begleitern. Grossen Komfort geniessen aber weder die einen noch die andern. Es sind Wellblech-behausungen mit Hürden, diesmal ohne jegliche weiche Unterlage, und einem Tisch mit zwei oder drei Bänken. Walter und ich nehmen uns fest vor, die gar formell scheinende Separationsmode zwischen Schwarz und Weiss zu ignorieren, und laden unseren Führer und die zwei Träger zum gemeinsamen Essen ein. Ihr schüchternes Benehmen ist ungemein sympathisch, zeigt uns aber, dass sie wohl selten Gäste ihrer Touristen sind.

Der Aufbruch am andern Morgen hat keine besondere Eile. Auch heute steht uns ein Aufstieg von nur gut fünf Stunden bevor, mit dem Ziel Kibohütte auf 4700 Meter. Die täglichen Marschleistungen scheinen recht anspruchslos. Sie sind aber vollkommen ausreichend, braucht man doch den Rest des Tages unbedingt zur Akklimatisation an die Höhe. Die Besteigung des Kibos erfordert überhaupt keine Bergsteigertechnik. Natürlich ist der Geübte trotzdem im Vorteil. Die Schwierigkeit ist physiologischer Natur, indem sich der Körper in sehr kurzer Zeit vom tropischen Klima an das Hochgebirge anpassen muss. Die bei fast allen auftretenden Beschwerden sind Kopfweh, Schwindel, Schlaflosigkeit oder in schlimmeren Fällen sogar Erbrechen und Höhenkrankheit; man lässt also die Rucksackapotheke niemals zu Hause. In den oberen beiden Hütten ist man froh um ein mildes Schlafmittel, das man vorher ausprobiert hat, nicht zuletzt wegen der harten Unterlage und der Kälte. Auch zwei Verdauungshilfsmittel, « eines zum Vorgeben und eines zum Bremsen », können wohltuend zum Einsatz gelangen.

Auf unserem Aufstieg mahnt uns etwa zweieinhalb Stunden oberhalb der Horombohütte eine Tafel mit der Aufschrift « last water ». Für uns Glückspilze hat diese Warnung keine Bedeutung. Die letzten Tage brachten starken Schneefall, so dass jetzt der Schnee trotz des strahlenden Wetters noch bis unter die Kibohütte hinabreicht. Damit sind wir dort die Wassersörgen los; sonst müssten wir für heute und morgen alles Wasser von hier aus mittragen. Bald erreichen wir die markante Lavarippe, die vom Mawenzi nach Südwesten herabfällt. Das Bild von dem Stück Erde, das man hier vor sich sieht, prägt sich jedem Kibowanderer als tiefes Erlebnis ein. Vor uns breitet sich 100 Meter tiefer das riesige Sattelplateau zwischen Mawenzi und Kibo aus. Sein anderes Ende reicht allmählich in die Schneeregion und steigt langsam gegen die Kibohütte an, die wir in 6 Kilometer Entfernung ganz deutlich als kleinen glänzenden Fleck erkennen. Dahinter erhebt sich der gewaltige weisse Krater des Kibo. Von hier an zählen Sonnenbrille und Kopfschutz zu den wichtigsten Ausrüstungsgegenständen. Beim Überschreiten des grossen, von hohen Erikastauden bewachsenen Plateaus denkt fast jeder an die Schaudervision eines Flugplatzes mit Bergbahn auf den Kibo. Keine Angst - die Passagiere, die solch rasche Klima- und Höhendifferenzen überleben würden, liessen sich ohnehin nicht per Bahn hinauftragen. Zum Glück darf ich mich jetzt beruhigt auch zu diesen zählen, da von meiner Ermüdung des ersten Tages keine Spur mehr vorhanden ist. Leider hat sich Walters Verfassung heute verschlechtert. Er bildet hartnäckig das « Schlusslicht » unserer kleinen Kolonne und kämpft eisern gegen den Gedanken an die Umkehr in die Horombohütte. Wie sich bei der Überquerung des Sattelplateaus aus dem entfernten kleinen Fleck langsam die Kibohütte abzeichnet, gesteht er mir, dass er im Hinblick auf den viel mühevolleren Rückmarsch zur Horombohütte keinesfalls mehr umkehren wolle.

Kurz nach Mittag sind wir in der Kibohütte angekommen und haben uns an die Bauweise mit Wellblech und harten Hürden schon gut gewöhnt. In der schlichten, sauberen Hütte richten wir uns gemütlich ein und kochen unser einfaches Mittagessen. Wir haben uns bisher mit wenigen Abweichungen genau an den vorbereiteten Menuplan gehalten. Diese strenge Lebensweise ist nötig, weil wir unser Gepäck zum guten Teil selber tragen und uns daher nicht leisten können, zu viel oder zu wenig Proviant vorzusehen. Ebenso hat es sich bewährt, die Lebensmittel von der Schweiz mitzunehmen. Denn es wäre sehr ungeschickt, wollte man neben dem Klima- und Höhenwechsel auch noch seine Verdauung an eine veränderte Kost gewöhnen. Dies beweist uns die amerikanische Touristin, die wir in der Mandarahütte kennengelernt haben, aufs beste. Sie ist inzwischen auch in der Kibohütte angekommen und sitzt appetitlos vor den vollen Tellern, natürlich auch hier, auf 4700 Meter, am gedeckten Tisch. Kein Wunder, denn in ihrem Geleite sind ein Koch, drei Träger und ein Führer. Ihr Rücken ist nicht strapaziert vom Lastentragen, und während wir zwei die Rolle des Küchenburschen selber spielen, ruht sie sich bequem aus. Wir sind keineswegs der hochmütigen Meinung, ein Kibowanderer, der sich den Luxus einer ganzen Trägerkolonne leistet, habe kein Anrecht auf die Freude an seinem Erfolg. Dieser Stil entspricht bloss nicht mehr ganz unseren Vorstellungen von einer Bergtour. Es ist übrigens so, dass man vielleicht ungewollt in den Genuss einer Luxusbergwanderung nach dem beschriebenen Muster kommt, nämlich dann, wenn man die Kibo-besteigung ohne weitere Angaben durch das Hotel oder ein Reisebüro organisieren lässt. Es scheint dies der Normalfall zu sein. Denn unsere Tour wird dort schon als « hard way » bezeichnet.

Eine Nacht in der Kibohütte vergisst keiner. Während wir den lieblichen Nachmittag an der wärmenden Sonne verbracht haben, so zeigt uns nun die Nacht, was afrikanisches Hochgebirge ist. Schon eine Stunde nach Sonnenuntergang tragen wir alle verfügbaren Kleidungsstücke - es sind nicht wenige - auf dem Körper, liegen tief verpackt im Daunenschlafsack und haben Schüttelfröste. Einzig warme Getränke lindern das Übel, und etwas Schlaf finden wir nur dank der sorgfältig zu- sammengestellten Rucksackapotheke. Uns ist es rätselhaft, wie sich die schlecht bekleideten Träger mit ihren Sandalen hier zurechtfinden.

Um ein Uhr in der Nacht ist Tagwache. Das Aufstehen fällt uns leicht, denn es bedeutet das Ende einiger schauderhaft kalter, sehr langer Stunden. Unser kurzes Frühstück besteht aus leichter, stärkender Nahrung: einer heissen Bouillon, getrocknetem Fleisch, Biomalt und Darvida. Wir sind sehr beruhigt, dass Walter seine gestrige Krise überwunden hat, und fühlen uns in bester Form für den heutigen, entscheidenden Tag, den Gipfelaufstieg. Gleich bei der Kibohütte beginnt der steile Schneehang, auf dem wir langsam und tief atmend dem Führer nachstapfen. Nach einer längeren niederschlagslosen Periode ist dieser Hang fast bis an den Kraterrand ausgeapert und zeigt sich dann als gefürchtete, oft die letzte Kraft verzehrende Geröllhalde. Obwohl die Verhältnisse für uns sehr viel günstiger sind, deponieren wir gerne den Rucksack in Drittelshöhe bei der Hans-Meyer-Höhle, die nach dem Erstbesteiger des Kibo benannt ist, um nur noch eine Flasche Tee und einen Photoapparat mitzutragen. Jedes Kilo Erleichterung ist äusserst wertvoll. Nach vier Stunden steilen Aufstiegs im Schnee, genau bei Sonnenaufgang, stehen wir am Gilman's Point, der tiefsten Einsattelung im Kraterrand. Vor uns öffnet sich der wuchtig vergletscherte Krater mit 2 Kilometern Durchmesser. Auf dessen Rande, abwechslungsweise im Firnschnee etwas auf- und absteigend, gelangen wir in zwei weiteren anstrengenden Marschstunden auf den höchsten Kraterpunkt, den Uhuru-Peak. Die dünne Luft erschwert nicht nur die Atmung, sondern täuscht einem sehr viel kürzere Distanzen vor. So scheint der 12 Kilometer entfernte Mawenzi greifbar nah, und alle Felskonturen sind leicht erkennbar. Im Westen sieht man sogar den Meni, der 70 Kilometer weit weg ist, sehr deutlich. Weit unter uns liegt eine lichte Wolkendecke, während über dem zauberhaften Schneegipfel die Tropensonne aus dem tiefblauen Himmel strahlt.

Mit einem herzlichen Händedruck besiegeln wir unser grosses Erlebnis, vom Glück eines eben in Erfüllung gegangenen Wunsches ganz überwältigt.

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