Kleine Geschichte vom Schwindel

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Von Heinrich Nyffenegger

( Bern ).

« Brustfell, » sagte der Arzt, « drei Monate Höhenluft und liegen, liegen, liegen. » Ein bitteres Urteil für einen Bergsteiger. Mit unangenehmen Gefühlen zog ich also nach Montana, zuhinterst im Hintergrund eine Hoffnung tragend, damit endlich diese jahrelange Plage loszuwerden, die mir das Bergsteigen unmöglich machte.

So lag ich denn tage- und wochenlang auf der schönen Veranda eines Kurhauses und ergab mich diesem faulen Liegen. Angesichts des allerschönsten Bergpanoramas eine wahre Marter für einen, der lieber von oben herab- guckt als von unten hinauf. Doch meine dynamischen Gefühle in den Waden wurden unterdrückt, und wenn es nun nicht zu Fuss geht, so geht es halt einmal per Fernrohr. Stundenlang schaute ich durch das Glas. Den Gräten entlang zogen meine Blicke, Nordwände wurden gemacht und die verworrensten Gletscherbrüche bezwungen. Mit Hilfe von Karten und Klubführer bezwang ich die bekannten und unbekannten Routen, beobachtete Partien, die unterwegs waren. Ich wusste ja, wo und wann sie zu erwarten sind, war ich doch Fachmann — Alpinist. Die hintersten Spitzen konnte ich beim Namen nennen, überbot mit meinen Kenntnissen bald alle Einheimischen. Wirklich — aus dem Bergsteiger wurde beim Liegen ein Alpinist; dass er nur theoretischer Art war, kam mir bald nicht mehr in den Sinn.

Mein Brustfell indessen wurde von dieser angenehmen Beschäftigung günstig beeinflusst. Eines Tages wurden meine Liegestunden verkürzt, und die Spaziergänge durften länger werden.

Der erste « bessere » Ausflug galt selbstverständlich der « Bisse », jener berühmten, 700jährigen Wasserleitung, die von weit hinten aus der Rawil-schlucht das Wasser an die Sonnenhalden heranführt. Ein wunderschöner, wenn auch stellenweise gefährlicher Höhenweg führt ihr entlang auf schmalen, wackeligen Balken und Brettern. Also los, Alpinismus ins Praktische gewechselt; Bisse — kleiner Matterhornersatz.

Fast flach führte das Weglein dem Wasser entlang, erst über blumige Weiden, dann durch lichte Tannenwälder und schliesslich an einem Felsen entlang um die Ecke. Es roch so gut nach Tannenharz! Mein Herz schwoll. Endlich wieder Taten, nach langen Wochen Theorie und Träumen. Da! eine Tafel: « Bisse — dangereux. » Herz, was willst du noch mehr! Eben war eine Karawane von Feriengästen beim ersten Balkengerüst und schaute sehnsüchtig nach dem andern Ufer; doch wichen sie schaudernd zurück und schauten mir kühnem Waghals nach wie einem Selbstmörder. « Wenn das alles ist », dachte ich. Es kamen noch einige solcher Balkenbrücken, dann wieder Promenade dem Steilhang entlang durch Urwald, ein Tobel querend, einem Felswändchen entlang und wieder Promenade... und dann bog der Weg um die Ecke. Ein schauriger Abgrund öffnete sich. Noch zwei mutige Schritte und... es war vorbei mit dem Alpinismus: die Welt drehte sich, ich schlotterte im Innersten. « Fassung, Fassung, Alpinist! », schrie der Mutige in mir, doch der andere: « Zurück — zurück... » Und ich ging zurück bis zur letzten Tanne, um mein Gleichgewicht zu ordnen! Dass einem so etwas passieren kann! Vorsichtig schlich ich nun wieder vor — bis da, wo es um die Ecke geht, und überschaute mir den Ort des Schreckens. Die Bisse quert hier eine steile Seitenschlucht. Der Fels darüber ist überhängend und der Durchschlupf so niedrig, dass man nur in gebückter oder fast kriechender Stellung auf einem schmalen nassen Brett dem Wasserkanal entlangschleichen kann. Und darunter breitet sich ein Abgrund aus... Luft — nichts als Luft, und weit unten die waldige Schlucht. Nein! es war zu viel für mich. Klägliches Ende einer alpinen Laufbahn.

Wie ich so dastand, verzagt, kamen zwei Mädchen daher. Hübsch, elegant, die eine in Shorts, die andere im Höhenkurortspyjama —einer Abart Die Alpen — 1942 — Lts Alpes.3 KLEINE GESCHICHTE VOM SCHWINDEL.

des Strandpyjamas. Die wollen doch nicht etwa?... Aber schon waren sie unter dem Überhang, tauchten bald auf der andern Seite der Querschlucht auf und schauten fragend zu mir herüber. Doch diese Blamage wollte ich mir ersparen — und ich tat, als käme ich von drüben als wollte ich noch einmal den schönen Blick in die Tiefe geniessen. Und dann zog ich geschlagen nach meiner Liegestatt.

Der Alpinist in mir liess mir aber keine Ruhe. Er schrie nach Rache. Zeit hatte ich ja viel zum Studieren, und so schwelgten meine Gedanken in den Gefilden der Psychologie. Besonderes Kapitel: « Wieso wird man schwindlig? » Einst war ich schwindlig. Als ich dann ein geübter Bergsteiger geworden war, verschwand dieses Gefühl. Übung, also die Gewohnheit, in den Abgrund zu blicken, überwand dieses Übel. Und dann fing ich an zu rechnen: Während dieser Bergsteigerzeit war ich etwa so und so viele Stunden an exponierten Stellen. Im Verhältnis zu den Tausenden von Stunden, wo sich mein Leib im Flachen bewegte, eigentlich ein winziger Bruchteil. Die Gewöhnung an den Abgrund muss also in relativ kurzer Zeit erfolgen. Versuche ich es einmal im Praktischen.

Bei meinen täglichen Spaziergängen zog ich nun jeweilen zu einer stillen Waldwiese, deren unterer Rand von einer kleinen Felswand begrenzt war. Vorsichtig stand ich nun an den Rand dieser Felswand. Erst in einiger Entfernung und dann jeden Tag näher der Kante zu. Ich vervollkommnete meine « Schwindelmethode », erfand allerlei Kniffe, und die angefressene alpine Seele bekam wieder Hoffnung. Meine Technik war aber nicht ungefährlich — ich durfte sie nur wagen, wenn ich absolut sicher war, keine Zuschauer in der Nähe zu wissen. Erst schaute ich in den Abgrund hinunter, dann hob ich rasch den Kopf und streifte mit meinem Blick die Schneefelder des Wildhorns. Kopfschütteln rechts- und linksherum, dann rechtsumkehrt, kleiner Hochsprung, absitzen, aufstehen. Eins, zwei, drei. Aber einmal hat mich doch einer gesehen. Unverhofft trat ein Pilzsammler aus dem Walde heraus. Ich sah ihn leider zu spät. Seither hatte man mich im Hotel mit bedächtiger Vorsicht behandelt — ich bekam immer recht, mochte ich behaupten, was ich wollte. Und kam ein neuer Gast, so wurde ihm tiefsinnig meine « Lage » erklärt.

Aber das war mir alles gleichgültig, angesichts meiner alpinen Erfolge. Denn 14 Tage nach Beginn meines Privatkurses zog ich wieder auf die Bisse. Frisch und munter, als wäre nichts geschehen und beim scharfen « Ecken » spuckte ich hoch im Bogen mit höchster Verachtung in die einst so tiefe Schlucht hinunter.

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