Kletterbilder aus den Berner Voralpen

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Mit 1 Bild ( 25Von Wolfgang Schwab

( Zürich ) Das Berner Voralpengebiet besitzt eine eigene Schönheit, die besonders im Vorsommer und im Herbst zum Ausdruck kommt; was es aber dem Hochgebirge voraus hat, ist die packende Wucht und Grosse, in der die hohen Gipfel im Blickfeld erscheinen. Die Zufahrt entlang den heiteren Gestaden des Thuner Sees bietet kontrastreiche Schau auf das bewegliche, nasse Element und auf den festgefügten Fels, der es bettet.

Die Schaflägerzähne, ca. 1850 m Ende Mai wandern wir vom Dörflein Merligen am Thuner See hinauf ins liebliche Justistal, suchen in einer Alphütte das Heulager auf.

Am nächsten Morgen sehen wir von der Höhe des Sigriswiler Grates eine lange Reihe Zähne vor uns starren, deren Überschreitung wir uns als erste Kletterfahrt dieses Jahres zum Ziel gesetzt. Die Schaflägerzähne sind 's.

Eine kunterbunte Gesellschaft steinerner Herren hat sich hier zusammengetan. Die einen sind ganz leicht, die anderen verlangen Kletterarbeit; einmal müssen wir uns abseilen, dann wieder über schräge Bänder die Grathöhe gewinnen. Auch Rasentreppen fehlen nicht, und der Zweiklang von Grün und Grau gestaltet die Fahrt um so reizvoller. Deutlich zeichnen sich die Schatten der Zähne auf den Schneehang, der von der Sigriswiler Seite heraufreicht, und so wissen wir im voraus, wie die nächsten Gipfel aussehen. Gegen das Ende zu werden die Zacken immer kleiner; als der letzte, ein Liliput, hinter uns liegt, ist erst Mittag.

Bei der kleinen Kapelle im Justistal rasten wir. Violette Krokusblüten sind in die Schneeteppiche eingewoben, die sich noch ringsum breiten.

Die Spillgerten, 2479 m Über dem Weiler Blankenburg tauchen wir in dunklen Bergwald, treten am Abend auf den freien Plan der Frohmattalp. Eine Hütte nimmt uns auf; in roter Glut prasseln die Scheiter. Vorsommer ist 's.

Im Sinn stehen uns die Spillgerten, die gewaltige Felsburg im Hintergrund der Alp. Noch liegen silberne Blüten — Schneereste vom Winter — über dem Gefels. Am Fuss des Ostgrates lassen wir die Nagelschuhe zurück. Unsere Gedanken, die insgeheim noch bei der letzten Skifahrt verweilen, wandeln sich, nun wir die Kletterschuhe und das Seil anlegen. Wir freuen uns auf die Berührung mit dem Fels.

Der kurzweilige Aufstieg weist uns eine lange, geneigte Platte, einen Sperrblock mit einer Kriechhöhle darüber. Über treppenartig gestufter Wand leitet schmaler Grat zum Gipfel. Rasch haben wir, die wir bald ins Hoch-

KLETTERBILDER AUS DEN BERNER VORALPEN gebirge ziehen wollen, vier Punkte im weiten Gipfelmeer erfasst: den scharfen Zmuttkopf des Matterhorns, das silberne Wildhorn, die Verte und den Mont Blanc. Alle hohen Felsgipfel sind noch weiss verbrämt.

Vom Gipfel seilen wir uns über eine Wand in die Scharte ab, wo südwestlich der Fermelgrat ansetzt und so unserer Fahrt die Form eines Hufeisens gibt. Einmal wird der Grat zur Reitkante, dann lässt er uns ein paar Türmchen überturnen. Unten im Tal stiebt ein Rudel Gemsen davon.

Auf dem Grasrücken unterm Grat entseilen wir uns, erreichen über eine Geröllmulde den Einstieg.

Vor den Hüttlein der Frohmatt hockend, schmieden wir eifrig neue Pläne. Noch haftet der Felsgeruch an unseren Händen.

Die Lobhörner, 2500-2570 m Spätherbst. Ein Sommer beglückender Bergtat lag hinter uns; noch einmal wollen wir unsere Kletterfreude nach Herzenslust auskosten. Ein eigenartiges Felsgebilde, das von der Wengernalp aus zusammengekeilt und gedrungen aussieht, war unser Ziel und entpuppt sich nun, als wir frühmorgens von Isenfluh zur Sulsalp aufsteigen, als riesenhafte Säge aus fünf harten, grimmen Zähnen — die Lobhörner.

Wir umgehen die schroffe Wand, der die einzelnen Türme entwachsen, bis zu einer Höhlung in der gegliederteren Südflanke, wo wir die Nagelschuhe bergen. Dann steigen wir angeseilt das lange Band empor, das um eine Ecke herum in eine Scharte vor dem fünften Zacken führt.

Jeder Zacken hat seine Besonderheiten. Der fünfte, der « Daumen », schenkte uns eine steile Kante und eine hübsche Abseilstelle, der vierte über einer wenig griffigen Platte einen prächtigen, 25 m hohen Stemmkamin.

Der schönste und eigenwilligste Zacken ist der dritte; seine Gestaltung verlieh ihm den Namen « Zipfelmütze ». Haben wir zum Schluss über ein etwas vorstehendes Wandstück seinen Gipfel erklommen, so folgt als Schönstes vom Schönen der Abstieg über seinen Westgrat, der sich in kühner, ungebundener Linie zur nächsten Scharte wirft.

Rasch und leicht ist der zweite Zacken überschritten. Von ihm leitet ein langes Band und eine schluchtartige Rinne auf den ersten, höchsten Turm, das Grosse Lobhorn.

Der Blick fällt weit über die Landschaft. Über dem Bergwald, durch den ein leises Lied des Vergehens zieht, liegt verschwenderisch goldene Farbenpracht ausgegossen, fliesst bis in den Grund der Seen. Darüber aber ragen gross und strahlend viele hohe Gipfel wie eine Verheissung ewiger Erneuerung.

Zögernd wenden wir uns zum Abstieg. In der Westflanke des zweiten Zackens gleiten wir an fixen Drahtseilen tiefer und gewinnen über bandartigen Fels den Ausstieg. Wir lösen uns vom Körper des Berges.

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