Kletterei am Yosemite, Sierra Nevada/USA

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Sierra Nevada

Christian Dalpkin, Genf

Sierra J. April igj2,22 Uhr. Yosemite Valley: Es regnet in Strömen. Wie immer stimmt es nicht, was man sagt; denn wo ist das schöne Wetter, das hier sprichwörtlich sein soll?

Wir stellen unsern Wagen auf einem Parkplatz des Dorfes ab und bereiten uns alle drei das sind Mark, Roger und ich auf die Nacht vor.

l! Das Yosemite-Tal gehört zur Sierra Nevada in Kalifornien ( USA ). Die Amerikaner haben dort einen Nationalpark geschaffen. Dieses U-Tal wird von senkrechten, zum Teil mehr als 800 Meter hohen Granitwänden beherrscht. Es ist ein Paradies für Kletterer, die sich für die schwierigsten Probleme der künstlichen Kletterei interessieren. Die Capitan-Wand ist eine der berühmtesten Kletterwände dieses Tales, vergleichbar mit dem Sentinel Rock, wo 14 Jahre lang eine Seilschaft um die andere ( 1936-1950 ) die ganze Kletterroute von I nno Meter Höhenunterschied zu bewältigen versuchte.

1 Kilimandjaro: la traversée du désert volcanique 2 Les glaciers du Kilimandjaro s' étaient en marches gigantesques comme un étincelant escalier du ciel Photos A.J.odin, Sarl-Lez-Spa ( Belgique ) 6. April. Ich erwache frühmorgens. Nachdem ich in aller Eile ein Joghurt verschlungen habe, stürze ich mich, ungeduldig wie ich bin, diesen berühmten Capitati zu Gesicht zu bekommen, ins Freie.Vom Parkplatz aus kann ich zwischen Kie-fernästen seine senkrechte, im fahlen Licht dieses feuchten Morgens getränkte, allzu glatte und finstere Nordwand sehen.

Nach einem rnehrkilometrigen Marsch durch herrliche Kiefernwälder stehen wir dann plötzlich vor ihm, ja er überfällt uns gleichsam mit seiner gigantischen Wucht! Sein Gipfel schwingt sich in einem Zug über die Tannen und vermischt sich mit dem Grau des Himmels, tausend Meter über dem Fuss der Wand.

— Und was für eine Wand!

Es gibt kein Geröll am Fuss dieser Flucht, die sich da unvermittelt und verwegen aus dem Wald emporreckt, nur ein paar Gehminuten abseits des Weges. Es ist wirklich eine vertikale, aus überdimensionalen glatten Platten, aus hundert oder zweihundert Meter langen Verschneidungen zusammengesetzte Wand. Wir können ganz deutlich das Dach der « Nase » und der Dawn Wall ganz oben unterscheiden, dann auch das « Herz » zur Linken, die Salathé und die gigantischen Überhänge der Südwestwand.

Wir glauben fast zu träumen und weichen, die Strasse und eine Wiese überschreitend, zurück, um den Anstiegsweg besser ausmachen zu können und um die Schmerzen im Nacken zu lindern, der durch unsere Betrachtung direkt vom Fuss der Wand aus arg strapaziert worden ist.

Doch von unserm neuen Standort aus erscheint der Capitan noch grosser, noch wuchtiger, fast viereckig. Die « Nase » ist die erste Route, die sich einem aufdrängt, so sehr springt die Aufstiegslinie in die Augen. Es ist ordentlich feucht, und lange dunkle Spuren ziehen sich dem Pfeiler entlang herab. Ich habe die Wand schon so intensiv studiert, dass mir auf dem Photo alles bekannt vorkommt abgesehen von den Ausmassen, die ja im Bild nicht zum Ausdruck gebracht werden kön- Von blossem Auge versuchen wir die Einzelheiten der Führe zu erraten: Sicher werden wir ohne weiteres die Route zum Sickle Ledge ( « Sichel-Sims » ), dem ersten Band - das im übrigen diesen Namen verdient —, etwa 150 Meter über dem Wandfuss gelegen, finden, auch den ersten Pendler Stoveleg Crack ( Crack = Riss ), die Texas Flake ( flake = Felssplitter, Schicht ), das « Dach » und schliesslich die grossen Ausstiegsver-schneidungen ganz oben, unter der Casquette ( « Mütze » ).

- Was für eine Wand! Es ist nicht zu fassen!

Plötzlich sehen wir, dass sich beim Sickle Ledge etwas bewegt. Sicher haben dort Kletterer, die durch das schlechte Wetter blockiert worden sind, biwakieren müssen. Wir beobachten sie noch eine Weile und kehren dann ins Dorf zurück, das wir bei der Ankunft gestern abend noch kaum kennengelernt haben.

Der Capitan aber hat uns jetzt schon gehörig beeindruckt. Worauf haben wir uns da eingelassen? Es zirkulieren auch so viele Geschichten und Legenden um diese Routen, und sie gelten als so schwierig, dass wir gar nicht mehr wissen, an welche wir uns wagen sollen. Wir zögern zwischen den zwei grossen klassischen, der « Nase » und der « Salathé », von denen letztere ausgesetzter ist als erstere. Was vor allem zu berücksichtigen ist: Wir sind nur mittelmässig vorbereitet. Seit fünf Monaten haben wir keinen Fels mehr zwischen den Fingern gehabt, denn die Vorbereitungen der Expedition zum Wakhan haben uns den ganzen Herbst und Winter über beschäftigt. Deshalb hat uns der kleine Abstecher zum Tah-quitz Rock in der Umgebung von Los Angeles nur gut getan; doch fällt er wenig ins Gewicht.

Die Erstbegehung der « Nase » ist das Verdienst von Harding, Merry und Whitemore, denen sich noch andere anschlössen; sie wurde im November 1958 in 13 Tagen durchgeführt und ist ein Markstein in der Geschichte des Yosemite. Es war auch das erste Mal, dass sich eine Seilschaft so lange in einer Wand aufhielt und eine Besteigung so grosse Vorbereitungen erheischte: insgesamt t Der Capitan ( Yosemite, USA ) Photo Ch.Dalphin, Orni Kurz vor dem Sickle Ledge Photo Marc Ebneter, Ci™!

3 Querung vor der Ecaille de la Boite Pholo Marc Ebneter, Genf 47 Tage in der Wand. Harding, der Leiter des Unternehmens, sollte übrigens durch zahlreiche Erstbegehungen ähnlicher Art, von denen die letzte « The Wall of the Early Morning Light », noch besser bekannt unter dem Namen « Dawn Wall » ( « Wand der Dämmerung » ), war, berühmt werden.

Bis 1970 wurde die « Nase » etwa vierzigmal « gemacht ». Bis heute dürfte die Zahl auf fünfzig oder sechzig angestiegen sein. Tatsächlich ist diese Führe die meistbegangene am El Cap ( der Capitan ) geworden; aber es ist ganz selbstverständlich, dass entsprechend der amerikanischen Gepflogenheit die Route jedesmal total « enthakt » wird, was zur Folge hat, dass die wagemutigen Kletterer, die diese Tour später in ihr Fahrtenbuch eintragen wollen, etwa fünf- bis sechshundert Haken im Verlauf ihrer Besteigung einschlagen müssen!

Gauci und Dupont hatten anlässlich ihrer Besteigung im April 1967 ganze sechs Tage gebraucht. Weil ihre Feldflaschen zufälligerweise undicht waren, kamen die beiden total erschöpft und mit Wassermangel auf dem Gipfel an. Das ist die einzige Beschreibung in französischer Sprache, die wir besitzen, und die Route macht wirklich nicht den Eindruck, leicht zu sein.

Heute rechnen die Seilschaften, je nach Stärke, mit drei bis sechs Tagen für die Besteigung. Chouinard berichtet uns, dass der Rekord bei zweieinhalb Tagen liege! Diese Mitteilung stimmt uns eher nachdenklich. Unser Freund gibt uns auch alle notwendigen Auskünfte und einen Tip, wie wir die Feldflaschen beim Hissen der Rucksäcke vor Schaden bewahren können. Ja er liefert uns auch eine Liste der interessantesten Routen dieses Tales, wobei er sich allerdings hütet, die grossen Führen am Capitali zu erwähnen.

- It's up to you...

Im September 1961 machen Frost, Pratt und Robbins die Salathé-Erstbcgehung in sechs Tagen, nachdem 300 Meter fixe Seile angebracht worden sind. « Eine grossartige Kletterei, die 1 ' ) schönste am Capitan », sagen sie, « schwieriger als die ,Nase ', etwas ausgesetzter. » Sie wurde bis heute etwa fünfundzwanzigmal gemacht, und daneben gibt es noch viele andere...

8. April. Wir gehen den Ostpfeiler des Middle Cathedral Rock an, eine Einheit von Wänden gegenüber dem El Cap, auf dem linken Ufer des Merced River. Es handelt sich hier um eine klassische, sehr schöne, abwechslungsreiche Kletterei ohne grosse Schwierigkeiten; sie soll uns mit dem Granit der Gegend und den amerikanischen Haken bekannt machen.

10. April. Östlich des Capitan, auf dem gleichen Ufer, halbwegs versteckt im Wald, erhebt sich ein Felsmonolith von etwa 200 Meter Höhe, bekannt unter dem Namen Ranger Rock, weil nämlich da die Rangers des Nationalparks ihre Rettungsübungen abhalten. Es dauerte deshalb auch nicht lange, bis er mit zahlreichen Führen bedacht war.

Wir haben ein Auge auf eine von ihnen, die After Ausgeworfen und freuen uns über eine herrliche Kletterei in grossartigen Platten.

1 j.April. Nach einem Besuch in San Franzisco und Sacramento ziehen wir uns wieder zurück, um den Mutcracker ( « Nussknacker » ) zu machen, eine sehr anspruchsvolle Route, deren wenig tiefe Risse von der ewigen Naglerei ganz kaputt sind, und es Hesse sich darüber streiten, ob es nicht besser wäre, die Haken stecken zu lassen in einer Route, die jedes Jahr mehrere hundertmal begangen wird. Erst die Engländer, dann die Amerikaner haben dieses Problem wenigstens teilweise gelöst, indem sie wo immer möglich die « nuts » oder « chockstones » in allen Formen und Grossen benützen, die wir auf französisch « bieoins » ( « Doppelkeile » ) nennen. Beim zweiten Stand des « Nussknackers » haben wir die Ehre, den Duft des « H » auszukosten, den der Seilführer der vorausgehenden Seilschaft raucht, bevor wir uns in den Rissen ( VI. Grad ) wohler fühlen - so hat er uns wenigstens versichert!

16. April. Wir erklimmen den Yosemite Point Butress, einen grossartigen Pfeiler unmittelbar neben dem berühmten Yosemite Fall, dem grössten Wasserfall des Kontinents. Er ist 400 Meter hoch, und man muss für ihn einen guten Tag rechnen, da der Anmarsch lang und kompliziert ist. Etwa auf 250 Meter Höhe folgen wir einer ganzen Reihe von überaus schönen Riss-Kaminen, die uns an den Fuss des Gipfelaufschwungs führen. Nach einer Seillänge heikler künstlicher Kletterei befinden wir uns unter einer vom Wasser triefenden Verschneidung. Ein richtiger Wasserfall sprudelt über den Rand des kleinen darüberliegenden Daches und besprengt die ganze Länge. Marc bietet seine letzte Energie auf und kommt total durchnässt wieder zum Vorschein. Während ich mit Hilfe von Jumars wciterklettere, « entnagelt » Roger, wobei er die gleiche Dusche erhält wie ich vorhin! Vier weitere, aber leichtere Längen ( das Gelände verflacht sich etwas ) führen uns zum Gipfel. Hier liegt noch ordentlich viel Schnee, und überall findet man Spuren von Tieren. Wir Zickzacken eine Weile zwischen den Kiefern, bis wir den eigentlichen Weg zu unserem Camp IV finden, und gehen ganz nahe beim Yosemite Fall vorbei, der uns ein unvergessliches Schauspiel vorführt: Der Fluss kommt vom Plateau herunter und springt oben an der Stelle ins Leere, wo die Wand und das Plateau einen rechten Winkel bilden. Etwa fünfzig Meter unterhalb dieses Punktes befindet sich eine Felsausbauchung, auf die das Wasser aufprallt, bevor es in weitem, breitem Bogen wieder aufspritzt. Ein faszinierender Anblick!

18. April. Das Wetter ist heute morgen nicht ganz sicher. Trotzdem liegt uns daran, noch einige Trainings-Touren zu unternehmen, bevor wir uns an den Capitan wagen. Auch beschäftigt uns noch auf dem Weg zum Fuss der Royal Arches die Wahl der Route, eine beschränkte Auswahl zwar, da wir uns lediglich noch nicht schlüssig sind zwischen der « Nase » und der Salathé; doch scheint, während wir ein jähes, moosbewachsenes Kamin angreifen, das Zünglein der Waage eher zugunsten der « Nase » auszuschlagen.

Royal Arches, das ist eine Folge von schönen Platten, die durch wenig geneigte Verschneidun- gen unterbrochen sind, und das Ganze ist von zwei grossen aufeinandergeschichteten Bogen gekrönt, die sich ungefähr 400 Meter über dem Tal-fuss wölben. Die ersten Längen erweisen sich als ansteigende Traversen, die uns ungehindert zur ersten Plattenbarriere bringen. Das Wetter wird aber zusehends schlechter, und es könnte für uns nächstens heikel werden. Das Unwetter überfällt uns glücklicherweise in dem Moment, wo wir von einer Art Vordach am Fuss einer Verschneidung geschützt sind. Wir lassen die horizontal nach Osten schiessenden Flocken vorbei wirbeln. Ein Fetzen blauen Himmels zeichnet sich nach einigem Zögern zwischen dem Wolkengebrodel ab. Vielleicht wird uns die Vorsehung eine Aufhellung schicken. Trotzdem treiben im Westen bedenklich düstere Wolken umher. Ach was, wir machen weiter! Noch Verschneidungen, Platten -und nach zwei Pendlern und der Bewältigung des Wasserfalles befinden wir uns bei der Verschneidung, die den linken Brückenpfeiler des grossen Bogens bildet. Kaum sind wir am Standplatz angekommen, als es wieder kräftig zu schneien beginnt. Glücklicherweise sind wir auch da durch einen Überhang der Verschneidung geschützt.

Aber wo ist denn das schöne Yosemite-Wetter geblieben? In einer Woche fällt nun schon zum zweitenmal Schnee! Und heute scheint es sogar ernst zu machen. Wir warten eine kleine « Gefechtspause » ab, denn nach den beiden Pendlern können wir nicht mehr kehrtmachen.

Der Sturm scheint ein klein wenig nachgelassen, und wir machen uns wieder ans Werk. Da kühlt sich die Atmosphäre ganz unvermittelt ab; im Nu sind wir nass, das Seil lässt unsere Hände erstarren. Ein Glück nur, dass die Schwierigkeiten nicht zu gross sind. Endlich taucht nach einem letzten Seilmanöver im Pendelschwung und einigen Rutschern auf den ebenso glitschigen wie glatten Platten der Gipfelwald auf einem geräumigen, granitenen Plateau auf. Ein steifer Wind weht, dichter Nebel hüllt uns ein - also ganz alpine Verhältnisse. Das verspricht einiges für den uns - wohlverstanden - unbekannten Ab- stieg! Wir sind lediglich im Besitz einer ungenauen Geländeskizze, die besagt, dass wir bis zur Washington Column ( « Säule » ) gelangen und dann durch strauchbewachsene Steilhänge über ihre Ostflanke absteigen müssen. Augenblicklich traversieren wir mit einer dünnen, halbgefrorenen Schneeschicht bedeckte Platten, die immerhin so stark talwärts geneigt sind, dass wir bei der kleinsten Ungeschicklichkeit Gefahr laufen, 600 Meter weiter unten vor dem Ahvuahnee Hotel zu landen! Wir begeben uns so schnell wie möglich zu dieser Washington Column, die man durch diesen verflixten Nebel nicht einmal sehen kann. Seit langem achten wir schon nicht mehr auf das Unterholz, das uns bei jeder Berührung Pulverschnee-ladungen in den Halsausschnitt und alle Öffnungen der Kleider rieseln lässt. Nun ist auch wirklich alles durchnässt und halb gefroren — vor allem unsere leichten Kletterfinken, die ganz und gar auf die Sonne und die Hitze des Yosemite abgestimmt sind.

Ah! Endlich sind wir auf'dem Gipfel der Washington Column. Marc findet eine Wegspur, die unter der nun alles bedeckenden 15 bis 20 Zentimeter dicken Schneedecke gerade noch zu erahnen ist. Sie führt zum eigentlichen Anfang des Abstieges, und da sind wir bald. Nach etwa 200 Meter muss man bereits die erste Abseilstelle um einen Baum einrichten. Das Seil hat nur zwei Zentimeter Durchmesser, und jetzt ist überhaupt kein trockener Faden mehr dran! Eine Abseilstelle folgt der andern; wir finden sogar eine Schlinge an Ort und Stelle in einem dicken Gebüsch. Zu guter Letzt fassen wir dann doch Fuss im Talgrund, nach nochmaligem Seilmanöver an einem Fluss, das unsere Schuhe zum Überlaufen bringt. Und siehe da! Eine Viertelstunde später wird es Nacht, und bissige Kälte stellt sich ein, denn es klart wieder auf. Unter diesen Bedingungen wäre ein Biwak wirklich riskant gewesen!

21. April. Zwei Tage zum Trocknen und zur Erholung sind vorbei; nun machen wir das Dinner Ledge, eine kleine Führe an der Washington Co- lumn, wo wir ein wenig das Sackhissen üben, und beschliessen darauf, am folgenden Sonntag die « Nase » anzugehen.

22. April. Vorbereitung des gesamten Materials: 75 Haken in allen Variationen, hauptsächlich V-Haken, und ein paar Holzkeile; zwanzig Liter Wasser, in fünf Feldflaschen und zwei kleine Korbflaschen verteilt, Proviant für vier Tage, zwei Seile und das gesamte gewohnte Arsenal für grosse Touren in artifizieller Kletterei: « baudriers », « jumars », « sangles » ( Schlingen ), « fifis » ( Herzhaken ) usw. Leider kann sich Roger nicht anschliessen. Das ist wirklich schade; doch muss er am 27. nach Alaska verreisen, um zur Zeit dort für die McKinley-Tour einzutreffen.

Die Stimmung ist nicht gerade überschwenglich, und sie droht noch ganz ins Wanken zu geraten, als bei Sonnenuntergang schüchterne Wölklein auftauchen. Nun gut! Wir werden ja morgen sehen.

23.April. Es bedarf keiner Diskussion: Man bricht nicht auf, wie sich schon am Vorabend befürchten liess, und die Moral ist auf einem Tiefpunkt angelangt. Wir haben nachts praktisch kein Auge zu getan, weil die Spannung so gross war. Die Wolken übrigens, die sich gestern abend sehen liessen, haben sich inzwischen aufgelöst, und das Wetter ist einwandfrei! Wir strolchen schlecht gelaunt im Tal umher und erkundigen uns dann nach der Wetterprognose, die weder recht noch schlecht ist.

- Morgen sollte die Sache ins Rollen kommen! 24. April ( 4.30 Uhr ). Diesmal sind wir auf und startbereit; da kommen auch schon hässliche Regenwolken am Himmel dahergcsegelt.

Wir warten bis 5 Uhr — auf den Sonnenaufgang. Nein! Es gilt ernst; alles ist bedeckt. Wütend gehen wir wieder schlafen. Eine Stunde später regnet es; aber am Abend ist 's wieder klar!

- Los! Entweder morgen oder nie. Wir vereinbaren mit Roger, dass er uns den etwa 30 Kilo schweren Rucksack beim Sickle Ledge übergeben wird. Auf diese Weise werden wir bei den ersten vier Längen, die nach Chouinard technisch gese- hen die strengsten der ganzen Kletterei sind, Zeit gewinnen. Nach einer letzten Überprüfung des Materials versuchen wir nun endlich zu schlafen, und das gelingt uns diesmal auch besser als vor zwei Tagen.

Dienstag, 25.April. Schönwetter! Abmarsch. Wir wünschen uns gegenseitig Hals- und Beinbruch: Roger für den McKinley und uns für die Bergfahrt hier.

Innerhalb weniger Minuten stehen wir am Fuss der « Nase ». Um an den Beginn des ersten Risses zu gelangen, muss man so etwas wie einen leichten Sockel übersteigen, der einen schon bis etwa 50 Meter ab Boden bringt. Gerade in dem Moment, wo wir den Riss erreichen, geht die Sonne auf und überflutet das Tal. Der erste Nagel ist an Ort und Stelle - ein gutes Omen! Mit griff- bereiten « baudriers » nehme ich die erste Stelle in Angriff. Der Riss ist nicht sehr tief; es handelt sich eher um einen Sprung als um einen richtigen Riss. Da ist schwer zu nageln; an einigen Stellen wird der Riss zu gewöhnlichen Löchern, und man kann deutlich die Spuren der amerikanischen V-Haken sehen. Nachdem ich etwa 20 Meter hinter mir habe, gerate ich an eine Stelle, die mir von der ganzen Kletterei auf Anhieb am schwierigsten und gefährlichsten erscheint: Eine Granitplatte von zwei auf drei Meter ist auf undefinierbare Weise oberhalb des Risses verkeilt, und man muss da hinauf, um den Standplatz zu erreichen, den man drei Meter darüber erahnt. Ich prüfe sie mit dem Hammer sie tönt so hohl, dass ich sie jeden Moment auf meinem Kopf erwarte! Nein, also das ist nun wirklich zuviel! Schnell setze ich rechter Hand, etwas weiter oben, einen Nagel, der für mein Gleichgewicht bürgen soll, strecke mich, so weit es geht, und kann im linken Riss eine lumpige zweite Sicherung anbringen. Eine Verschnaufpause — und ich erreiche den Standplatz. Derartige Stellen möchte ich nicht allzu oft antreffen! Die sind wirklich beunruhigend!

Beim Standplatz fixiere ich eines der beiden Partieseile an einem Expansionshaken, damit Marc beim Jumar « entnageln » kann, und wäh- rend er aufsteigt, ziehe ich den Rucksack herauf. Bei jedem Stand wiederholt sich dasselbe einfache und schnelle Manöver.

Nach einem kleinen Pendler nach rechts geht es auf andere Weise hinauf, so dass man links vom Sickle Ledge ankommt, das man nach einer ziemlich heiklen Traverse mit schlechten Nägeln erreicht. Im Verlauf dieser Seillängen schliessen wir mit den sogenannten « mashies » Bekanntschaft; das sind kleine Aluminiumblöckc, die man in die Tiefe der Risse oder die Sprünge im Granit quetscht und die mit einem Kabel oder einer Schnur für den Karabiner versehen sind.

Sickle Ledge. Wir lassen unsere karabinerbehan-genen Seile hinunter, denn ein frischer, bisweilen ziemlich heftiger Wind ist unerwartet aufgekommen. Roger befestigt den umfangreichen Rucksack - und schon ist dieser unterwegs! Diese Arbeit wird durch den glatten Fels erleichtert: Nicht die geringste Unebenheit kann unsere Last behindern. Es ist jetzt schon t t .30 Uhr, so dass wir heute nicht mehr bis zum Dolt Tower ( « Töl-pel-Turm » ) kommen, wo sich die nächste gute Plattform befindet; andererseits wollen wir auch nicht im Dolt Hole ( « Tölpel-Loch » ) biwakieren, wie Gauci und Dupont, oder auf Steigbügeln irgendwo im Stoveleg Crack ( crack = Riss ). Also beschliessen wir, das folgende Stück mit dem 80-Meter-Seil auszurüsten, um abends zum Sickle Ledge absteigen zu können. Zwei ziemlich leichte Seillängen in freier Kletterei führen uns zum ersten grossen Pendel. Marc lässt mich gegen 15 Meter hinunter, und ich erreiche mühelos beim zweiten Versuch den dort befestigten Nagel. Es folgen nochmals zwei problemlose Längen, und schon sind wir im Dolt Hole - das ist so etwas wie eine unbequeme Nische — unmittelbar vor dem Pendler von Stoveleg Crack. Ich steige noch ein paar Meter in einem Doppelriss auf, wo je ein Keil links und rechts eingetrieben werden muss, damit man gegen jede Überraschung gewappnet ist. So erreiche ich den Anfang einer ganzen Reihe von Expansionshaken, die zum Pendels tart führen.

Hier müssen wir für heute haltmachen, denn die Seile sind uns ausgegangen. Auch wollen wir mitjumars bis zum Sickle Ledge absteigen. 18.30 Uhr, es bleibt uns kaum Musse, eine Kleinigkeit zu essen und das Biwak vorzubereiten, bis es ein-nachtet. Alles ist bisher gut gegangen, das Wetter prächtig, und dank dem auffrischenden Wind trinken wir wenig.

Mittwoch,26. April. Beim Morgengrauen mache ich mich mit dem kleinen Sack auf dem Rücken auf den « Weg », die erste der zwei Seillängen vor dem Pendelschwung wieder hinauf. Beim Standplatz kommen wir wieder zum fixen Seil. Marc seinerseits klettert mit dem umfangreichen Rucksack; denn bei dieser Länge ist es absolut unmöglich, ihn aufzuziehen ( glücklicherweise ist dies die einzige im Verlauf der ganzen Besteigung, die sich so abweisend gebärdet !), und ich gebe mir alle Mühe, meinen Kameraden zuverlässig zu sichern.

Der Wiederaufstieg zu den Jumars vollzieht sich reibungslos, und wo die Expansionshaken-Reihe aufhört, lässt mich Marc praktisch bis auf die Höhe des Standplatzes hinunter, um mir den Pendler nach rechts zu ermöglichen. Das ist ein hartes Stück Arbeit, denn Stoveleg Crack beginnt nicht, wo man zum Pendelschwung ansetzt, sondern weiter hinten. Man muss also nach rechts pendeln und dabei gleichsam zurückweichen, um aus der Verschneidung hinauszukommen. Etwa fünf Versuche sind nötig, bis ich den Riss erwische. Nun steige ich ein paar Meter auf, wobei mir klar wird, dass mir nicht genug Keile verbleiben bis zum Stand, den ich weiter oben vermute. Ich muss deshalb in unbequemer Stellung auf Steigbügel umstellen. Doch alles geht—auch mit Sack - gut. Noch etwa zehn Meter bis zum nächsten, bequemen Standplatz.

Stoveleg Crack erhebt sich etwa auf 150 Meter, und das Hakensetzen ist oft mühsam und schwierig, weil der Riss abgeschrägt ist und V-Form hat. So geht es über fünf Längen, und gegen Abend erreichen wir Doit Tower. Die Zinne ist grossartig; wir können uns hier zu zweit wunderbar ausstrek- ken. Dann richten wir vor der Dämmerung noch eine Seillänge ein und belassen das 80-Meter-Seil an Ort und Stelle, um nachher eine herrliche Nacht zu verbringen.

Donnerstag, 27. April. Das schöne Wetter bleibt uns treu. Eine grossartige Verschneidung, im Handumdrehen mit artifizieller, eine Länge von 50 Meter in freier Kletterei bezwungen - und wir stehen am Fuss der Ecaille du Texas ( écaille = Schuppe, Muschelschale, Splitter ). Wir erholen uns ein Weilchen, worauf ich das überhängende Kamin, das den Zugang zum Gipfel der « écaille » öffnet, in Angriff nehme. Ich gelange auf Klemmblöcke und steige ohne weitere Überlegung in das Kamin unmittelbar über uns auf. Es ist gänzlich glatt, weitet sich gegen oben streckenweise etwas aus, und bald befinde ich mich denn auch in einer äusserst brenzligen Situation: Es ist dermassen glatt, dass nichts mehr haftet. Da erspähe ich, nach rechts blickend, plötzlich in einer Verengung des Kamins eine Reihe von Griffen, die leicht zum Gipfel zu führen scheinen. Aber in meiner gegenwärtigen Lage ist es mir unmöglich zu queren, und zudem ist meine Stellung so unbequem, dass ich total erschöpft bin. Es hat keinen-Sinn, sich darauf zu versteifen; das könnte schiefgehen. Ich lasse mich wieder auf die Blöcke hinunter, und Marc übernimmt die Seilführung... Nach ein paar leichten Spreizschritten steht er auf dem Gipfel. Den Rucksack hissen wir noch nicht herauf, denn es ist rittlings auf dem sehr schmalen Gipfel zuwenig gemütlich; wir werfen aber einen Blick hinunter zur Lichtung, wo wir unser Auto abgestellt haben; Roger ist eben im Begriff, nach Alaska abzufahren. Er macht sich durch ein paar lange Huptöne bemerkbar, und wir antworten ihm durch entsprechende Zeichen. Viel Glück!

Vom Gipfel der Ecaille gelangt man in ansteigender Querung mit Hilfe einer Reihe von Expansionshaken über eine hübsche rote Platte zur Ecaille de la Botte. Die amerikanischen Kletterer haben uns lachend erklärt, dass sie sich bald selbständig machen werde, und Gauci erzählt, dass sich bei jedem Keil, den er eintrieb, durch die Erschütterung der « écaille » diejenigen weiter unten gelöst hätten...

In Tat und Wahrheit finde ich sie bei meiner Ankunft an ihrem Fuss ganz und gar unversehrt vor und keineswegs im Begriff, sich selbständig zu machen. Nachdem ich das Doppelseil in den letzten Expansionshaken geführt habe ( man kann ja nie wissen ), setze ich den ersten Nagel, was gut gelingt. Mit dem Hammer abtastend, stelle ich fest, dass diese « Schuppe » nicht mit der in der ersten Länge angetroffenen vergleichbar ist! Vorsichtshalber sichere ich mich aber an einem Haken, den ich gleich selbst setze. Aber alles geht vorzüglich; kein Nagel spielt mir einen bösen Streich, und diese Länge ist ganz grossartig. Der Gipfel der « Schuppe » besteht aus einer herrlichen Zinne; drei Expansionshaken sichern den Standplatz, und das Aufziehen der Rucksäcke vollzieht sich ohne Schwierigkeit.

Während Marc mit gewohnter Routine « entnagelt », studiere ich die nächste Länge, die nichts anderes ist als der berühmte Pendler der Ecaille de la Botte, der längste der Führe und gleichzeitig die Schlüsselstelle. Hier ist alles aussergewöhnlich, phantastisch: auf allen Seiten unglaublich glatte und feste Platten von grossartiger Farbe, die jedes Vorrücken abzuschneiden scheinen. Oben überhängend, verlieren sie sich im Himmel. Rechter Hand erhebt sich eine glatte Wand ohne jegliche sichtbare Unebenheit, linker Hand die Schneide des Pfeilers mit dem Nagel für den Pendelschwung an seinem Fusse.

Marc lässt mich etwa 15 Meter hinunter, und beim vierten Versuch erhasche ich den mit zahlreichen Schlingen geschmückten Nagel. Ich befestige nur ein klein bisschen des Seils, um das andere für den Sack frei zu haben, steige noch ein wenig ab, um um die Kante zu gelangen - und es ist eher ein « Kriecher » als ein eigentlicher Pendelschwung, der mich zu einer bequemen Terrasse führt.

Marc lässt den Rucksack herunter, den ich mit dem freigelassenen Partieseil zu mir herziehe. Er landet fast wie mit einem Kran bei mir! Ich schicke das 80-Meter-Seil, an dessen Ende das Partieseil befestigt ist, zurück. Marc seilt sich ab; aber ich muss ganz kräftig ziehen, damit er die Plattform erreicht. Es ist nun warm, der Wind hat sich gelegt, und wir benützen die Gelegenheit, um etwas zu essen und zu trinken. Nun gilt es nur noch einen Pendler ausführen, und zwar einen einfacheren als den letzten, dann stehen wir schon am « Dach » und den Ausstiegsverschneidungen.

Wir lassen das 80-Meter-Seil nur bis zum folgenden Standplatz hinunter, um zu verhindern, dass es sich am Fuss der « Schuppe » verklemmt, wie das schon einmal einer Seilschaft passiert ist. Nun befinden wir uns in einer Zone grauen, wenig einladenden Granits; denn man muss in Blockrissen nageln, die manchmal bedrohlich hohl tönen. Nach zweimaligem Stand auf Steigbügeln lande ich genau unterhalb des letzten Pendelschwun-ges. Ein Schlag auf eine « Schuppe », die mir leicht verdächtig vorkommt, lässt mich eine wirklich gefährliche Felsplatte umgehen, worauf ich in freier Kletterei absteige und den Abseilhaken erreiche. Schon lange hat die Sonne die Wand verlassen, und wir müssen uns sputen, wenn wir unter dem « Dach » biwakieren wollen. Der Pendler setzt mich auf einem geneigten Standplatz ab, von wo aus linker Hand ein waagrechtes Band den Zugang zur letzten Länge vor den Terrassen öffnet, die die Amerikaner Camp IV nennen. Es dämmert, als Marc, der Rucksack und ich vereint sind, und kaum haben wir uns etwas gestärkt, da hüllt uns auch schon die Nacht ein, während 60 Meter weiter oben das gigantische « Dach » unsern Schlaf zu hüten scheint.

Freitag, 28. April. Der Aufbruch vollzieht sich mühsam heute morgen; die Muskeln sind steif, Müdigkeit macht sich bemerkbar, und die Sonne ist noch weit unter dem Horizont. Die Seillänge ist schwierig - eine in Blockrissen ansteigende Traverse, ähnlich, wie wir sie am Vorabend angetroffen haben.

Und doch stehen wir dann am Fuss des « Daches ». Seine Linien sind von erhabener Rein- heit, einfach bezaubernd: Man möchte den ganzen Aufbau mit einem Blütenblatt vergleichen, mit einem langen, unten ganz dünnen Stengel, der sich in die Höhe reckt und sich gegen oben neigt, um dann waagrecht zu verlaufen und im Halbrund auszulaufen. Nirgends in den Bergen aller Welt kann man eine Einheit von so vollkommenen und reinen Linien finden!

Man steigt dem rechten Riss entlang auf, der vorerst dem « Stiel », dann dem eigentlichen « Dach » folgt und sich bis zum abschliessenden Halbrund, gegen das Ende zu sogar etwas ab-wärtslaufend, erstreckt.

Alles geht nach Wunsch, und ich erreiche den wohl luftigsten Stand der ganzen Kletterfahrt! Die Platte unter mir fällt in einer Flucht ab und endet erst 600 Meter weiter unten, beim Einstieg zur « Nase », wo schon die Sonne scheint. Der Eindruck ist wirklich einmalig. Eine solche Stelle habe ich noch nie erlebt, und es wird auch kaum je wieder vorkommen, dass mir eine solche begegnet.

Es ist frisch; der Wind, der uns seit dem ersten Tag Gesellschaft leistet, hat nicht nachgelassen, und dank ihm sind auch noch Wasservorräte zur Genüge vorhanden. Unsere Anstrengungen keiner Aufmerksamkeit würdigend, segelt ein Adler vorbei, verschwindet hinter dem Gipfel, schwebt erneut heran und entfernt sich in einem langen Gleitflug dem Tale zu. Schwalben stechen lärmend herab, um dann auf einmal in den senkrechten Rissen zu verschwinden, wo sie ihre Nester gebaut haben. Winzige Insekten kriechen auf dem Granit umher: Allüberall regt sich das Leben. Die Cathedrals auf der andern Seite ermöglichen uns, die seit vier Tagen von uns zurückgelegte Strecke abzuschätzen. Es ergibt sich daraus, dass uns noch etwa 300 Meter verbleiben, für die unsere Lebensmittelvorräte gerade ausreichen sollten.

Die nächste Länge ist eine « expending flake » ( « Spreizschuppe » ), etwa mit der Ecaille de la Botte vergleichbar, aber viel kleiner, und damit man etwas besser sichern kann, ist rechts da und dort ein Expansionshaken angebracht. Auch hier läuft die Sache noch gut, und doch trifft Marc während des « Entnagelns » einige Überraschungen an. Verschiedene Nägel sind wirklich mittelmässig.

Weiteroben gelangen wir in den Abschnitt der riesigen zum Gipfel führenden Verschneidungen in falbem Granit. Die Kletterei ist ganz grossartig, meist künstlich, und der Fels hervorragend. Ein wahres Vergnügen!

Nach einer kleinen überhängenden Verschneidung erreichen wir Camp V, eine Zone von horizontal verlaufenden Bändern, wo wir uns etwas erholen und eine Kleinigkeit essen können.

Gerade in dem Moment, wo wir die zum Camp VI führenden Verschneidungen in Angriff nehmen, verlässt die Sonne die Wand, deren Architektur hier ganz aussergewöhnlich ist: Etwas links über uns verbirgt ein gewaltiges, absolut glattes und überhängendes Vordach den Gipfel. Man kann rechter Hand eine Anstiegsmöglichkeit erahnen. Beiderseits richten sich glatte, falbrote Platten auf, die sich in der stechenden Sonne ganz märchenhaft ausnehmen.

Die Kletterei in der Verschneidung ermüdet, die Kraftausdrücke verhallen im Leeren, aber die Arme halten noch, und das ist ein gutes Zeichen. Es folgen nun ein Abschnitt von kleinen Terrassen - das Hissen der Rucksäcke verläuft reibungslos -, eine Seillänge in freier Kletterei, und bald kommen wir beim Camp VI an, einer dreieckigen Zinne, wo wir uns wieder einmal ausstrecken können. Hier erwartet uns sogar eine Überraschung: Wir finden ein halb mit Wasser gefülltes Plastik-gefäss, ein willkommener Trank für ganz Dur-stige! Was uns betrifft, so leiden wir eher unter Nahrungsmangel: Kein Fresskorb fällt leider vom Himmel; wir haben fast nichts mehr zu essen und heben gerade noch eine Ration Trockenfrüchte für morgen früh auf.

Wie wir den Kopf in den Nacken legen, erblicken wir die berüchtigte Casquette ( « Mütze » ) des Capitan, eine Barriere von Überhängen, die den Gipfel ankünden. Um sie zu überwinden, hatte 4Vor dem letzten Pendelschwung 5Das« Dach » 6S ach dem « Dach »: Expending Flake 1Die Verschneidung jenseits des Camps V 8Die Seillänge vor dem Ausstieg durch die « Bolt Ladder ', Phot. » Marc Ebm-lrr. Genf Harding während einer ganzen Nacht eine Reihe von Expansionshaken gesetzt, eine « Bolt Ladder»«Riegel- oder Bolzenleiter » ), wie sie die Amerikaner nennen. Wir wissen nun, dass wir, einmal am Anfang dieser Hakenreihe angekommen, die Besteigung praktisch « in der Tasche » haben.

In Erwartung der Dinge, die da kommen sollen, verschlingen wir unsere karge Lebensmittelration bis zum letzten Krümmelchen und mummeln uns mit seltsamer Befriedigung in unsere Duvetsäcke; die « Kathedralen », deren Gipfel wir nun von oben sehen, leuchten zart im Sternenlicht. Samstag, 2g. April. Der Himmel ist wiederum blau diesen Morgen. Wir knabbern ein paar Trockenfrüchte, behalten zwei Liter Wasser für den heutigen Tag und leeren den Rest in die Plastikflasche, denn wir wissen, dass wir heute « aussteigen » werden. Wir befinden uns nun in ausgezeichneter Verfassung, und, was mich betrifft, so würde ich diese Kletterei gerne noch ein paar Tage verlängern, denn sie ist zu schön! Es ist wahrlich ein Traum, diesen Rissen zu folgen, die fünfzig oder hundert Meter weit die glatten, im Lfnendlichen verlaufenden Platten durchstreifen.

Was für ein unbeschreibliches Gefühl wir empfinden mitten in diesen absolut glatten Wänden, als wir, an unsern Haken gesichert, in der Tiefe des Abgrundes, der sich zu unsern Füssen öffnet, den von der Morgensonne beleuchteten Fuss der « Nase » sehen! Ich bin wunschlos glücklich und zufrieden, weil sich mein alter Traum erfüllt hat. Was gäbe es da überhaupt noch dazuzuwün-schen?

Noch eine Verschneidung, gefolgt von einem Überhang, dann wieder eine Verschneidung und Stand unter dem nächsten Überhang! Wirklich, es läuft wie am Schnürchen; wir hantieren nun schnell und sicher.

Schon kommen wir zum S tandplatz vor der Bolt Ladder. Ein überaus schöner Riss führt zu den ersten Expansionshaken, die über die Überhänge Zickzacken.

Eine Querung nach rechts gibt schon die Sicht auf die Gipfelbäume frei. Nochmals zwei Expan- sionshaken beisammen - und dann befinde ich mich alsbald auf dem Gipfel der Casquette.

Die Luft ist von Wohlgeruch erfüllt, die Sonne leuchtet am Firmament; etwa tausend Meter unter uns erkennen wir den Fuss der Wand und den Verlauf der Strasse mitten durch die weiten Wälder: Dieses Tal ist wirklich grossartig!

Der Rucksack baumelt am Ende des Seils. Was für eine unglaubliche Leere da unten! Sobald Marc zu mir aufschliesst, ziehe ich mich auf glatte, diesmal in der gewünschten Richtung geneigte Platten zurück. Was für eine Schwerfälligkeit und Ungeschicklichkeit wir nun beim Marschieren an den Tag legen, nachdem wir viereinhalb Tage auf Steigbügeln zugebracht haben!

Ich sehe Marc, materialbcladen und mit dem schweren Rucksack belastet, beim letzten Standplatz ankommen. Es will uns fast nicht in den Kopf, dass wir nun am Ziel angelangt sind. Ganz routinemässig wickeln wir die Seile auf und packen unsere Rucksäcke, trinken etwas Wasser und schütten den Rest unserer Feldflaschen aus; dann nehmen wir unsere Last wieder auf den Buckel, steigen gemächlich zum Steinmann, um bald den Rückweg anzutreten.

Auf dem Abstieg gehen meine Gedanken schon wieder auf Wanderschaft, andern Gipfeln zu, brüten Pläne aus, in andern Gebirgsgegenden. Die Welt ist so gross und das Leben so schön!

Übersetzung R. Vögeli

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