Klettern

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Diese Naturtreue beschlägt nun, wie ein Blick auf die hier wiedergegebenen Zeichnungen lehrt, nicht etwa bloss die äussere Kontur, die « grosse Form », sondern sie umfasst auch alle irgendwie wichtigen, charakteristischen Einzelzüge, die die Physiognomie des Berges bestimmen: Gesteinsart und -lagerung, Verwitterung, Risse, Abbruche sind daraus zu lesen, Kuppe, Grat, Hang, Mulde, Tal sind so gewissenhaft aufgezeichnet, dass diese Darstellungen auch als Illustrationen für einen « Führer » durchaus genügen würden. Doch stehen diese Details hier nicht unverbunden nebeneinander, sondern sie sind zusammen gesehen, ordnen sich in ein Ganzes ein, ergeben ein geschlossenes Bild, und das eben ist es, was diese Darstellungen über blosse Situationsskizzen hinaushebt in die Sphäre der Kunst.

Aber nicht nur dieses: Denn trotz dieser weitgehenden Naturtreue auch im einzelnen wird niemand behaupten wollen, dass Schlatter in der unpersönlichen, « objektiven » Nachzeichnung der äussern Form sich erschöpfe, sondern er gibt darüber hinaus auch sein Erlebnis der Berge. Alle diese Spitzen und Gräte umwittert ein Lichtes, um nicht zu sagen Festliches, das einer Gehobenheit der Seele entspricht, wie sie den wahren Alpinisten, den empfänglichen Talbewohner erfüllt, wenn er zu Berge steigt — wenn er, in buchstäblichem und übertragenem Sinne, sich « über die Niederungen erhebt ». Das eine Mal erscheint dieses Lichte, Heitere, Reine betonter ( Altmann vom Lysengrat aus, Altenalptürme, Lysengrat mit Säntis ), das andere Mal ( Amboss von der Saxerlucke aus, Altmann und Säntis vom Hundstein aus ) überwiegt mehr das Erhaben-Einsame, aber nirgends ist es nur « toter Stein », und es findet sich auch kein Blatt darunter, wo nur das Lastend-Düstere, Schreckhafte zur Darstellung gelangt, wie es dem Alpinisten doch oft genug ebenfalls entgegentritt. Auch das ist bezeichnend für den Künstler und Menschen Schlatter: Es belegt sein konziliantes, versöhnliches, den hellen mehr als den dunkeln Seiten des Lebens zugewandtes Wesen, denn es liegt auf der Hand, dass dem bergkundigen Künstler dieses Schreckende, Grausige von seinen Bergfahrten her ebenfalls bekannt sein muss. Wenn er es also in seinen Darstellungen übergeht, so entspricht das zweifellos bewusstem Wollen, eben diesem Bedürfnis seiner vorwiegend heitern, geradlinigen, ungrüblerischen Natur.

Klettern.

Von Alfred Flückiger.

KletternDa bin ich dabei! Auf allen Vieren mit knappem Stand und Halt bergwärts, katzenhaft geduckt und angekrallt himmelwärts, ei, gewiss! Im Klettern liegt ein grosses Geheimnis! WieEs gibt viele, die reden vom Schachziehen mit dem Tode, die reden von frevlerischem Gottversuchen — LabanDas ist alles nicht geklettert! Im Klettern liegt ein Geheimnis?

KLETTERN.

— Jawohl! Das entdeckt man aber erst, wenn 's einen einmal so recht giftig irgendwo eingeklemmt hat, in einem Kamin, wo es nach unten gähnend auseinandergeht, immer breiter, immer tiefer wird, und man zwischen den angestemmten Knien durch ins Unendliche hinunterblinzelt; wo man jeden Augenblick rutschen — tiefer rutschen — ins blaudunstige Unendliche hinunterrutschen könnte. Das ist nicht das Geheimnis. Noch nicht! Das Geheimnis offenbart sich, wenn 's gelungen ist durch eigene Überlegung, gelungen ist durch eigene Zehen und Fingernägel, gelungen ist durch Schneid und Pfiff, gelungen durch Spannung und Entspannung, durch gutes Auge und untrügliche Abschätzung — dann überfällt einen das Geheimnis des Kletterns, das da heisst: Sieger im Kampf mit dem Berge, Sieger über sich selbst, stolz auf seine brenzlig durchzogene Leistung! Überhaupt, dann offenbart sich wieder einmal, dass man zuzeiten einem grundehrlichen, aber harten Gegner gegenüber doch ein ganzer Kerl sein kann! Ein ganzer, zünftiger Kerl!

Das ist 's, was dem federsohligen Kletterer jeden Sommer, wenn die Berge wie ewige Dome am Firmamente stehen und die griffarmen Türme wie Pfeiler gotischer Kirchen in das dunkle Blau des Himmels aufragen, die Lust und das unbändige Lassmichauchmit unversehens hellübermütig über den ganzen Leib wirft!

Ja, dann kann er sich wieder einmal betätigen, recht naturhaft, erdgeboren und ursprünglich. Alle Kräfte und Sinne müssen herhalten: tasten, gleichgewichteln und sorgfälteln heisst 's, spähen, entdecken, pfadfindern! Fussspitzen, Fingerbeeren, Arm und Bein, Bauch und Rücken, Achseln — der ganze Mensch mit einem Wort besteht nur noch aus Klettern, hat etwas affenhaft tierhaft Ungeniertes!

Und wenn endlich über der obersten Kante keine Felsen mehr aufspringen, das oberste Grätlein wie eine Säge in dem Himmel scharfzackig aufsticht und man den kühlen Gratwind schon im Haarschopf spürt — dann kommt das Schönste! Das Ausschnaufen, das Sich-wohlig-Ausbreiten und An-die-Sonne-LiegenAber die schmalen, scharf zulaufenden Türme kennen das nicht! Wie ein köstliches Geschenk umklammert der Kletterer die schlanke Spitze, legt das Kinn darauf und staunt über die Nase hinaus in die weite Welt. Unten um die Felsen, um die schmalen, grünen Bändchen brodeln und kochen die Nebel, und hoch im Blauen hängt der Kletterer an Sonne und Wind! Das nenne ich ein Leben! Da steckt eine jauchzende Übermütigkeit drin, ein Abschütteln alles Alltäglichen, alles Verstaubten, das Müh und Not uns über die Seele streuen! Das ist Leben, wahrhaft süsses Leben, das nichts wissen will von dem Abendschoppenphilister in der Stadt! Das alles ist nicht abzu-zapfen und kann nicht zu fünf Prozent an Zins gelegt werden, es ist flüchtig, rasch vorbei, darum begehrt.

Ein zünftiger Kletterer, das allein ist darum der achtzehnkarätige Voll-blutmensch, jawohl! Stimmt's?

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