Letzte Probleme

Hinweis: Questo articolo è disponibile in un'unica lingua. In passato, gli annuari non venivano tradotti.

VON KARL LUKAN, WIEN

Mit 5 Bildern ( 114-118 ) Nun hat man auch die Direkte Nordwand der Westlichen Zinne durchstiegen. Wieder wurde ein « Letztes Problem » in den Alpen gelöst. Schon seit etwa zwanzig Jahren ist man daran, in den Alpen die letzten Probleme zu lösen. Und bald wird es wirklich keine mehr geben. Das ist schlimm.

Natürlich kann man dazu sagen, dass es für den Alpinismus unwesentlich sei, ob jugendliche Feuergeister sich in noch unbezwungenen lotrechten Feuermauern verbeissen können oder nicht. Diese neuen Wege seien ohnedies nur Irrwege. Aber das ist falsch.

Zwischen einem Whymper, der um ein Matterhorn kämpfte, und den Jungen, die sich in eine Direkte Nordwand der Westlichen Zinne verbeissen, ist kein Unterschied. Hätte man Whymper gesagt, er solle seinen Kampf ums Matterhorn aufgeben und das wahre Bergglück und die echte Bergseligkeit auf dem Gipfel des Rigi oder des Pilatus suchen - Whymper hätte darüber nur gelächelt. Er hätte nicht anders gelächelt als die Nordwandstürmer von heute, denen man sagt, dass Bohrhaken, Biwakhängematten und Materialnachschub-Reepschnur mit dem Bergsteigen nichts zu tun hätten. Denn auch das Bergsteigen unterliegt dem Strom der Zeit, der nicht durch Dämme des Beharrens zu bändigen ist. Und das ist eben falsch: zu glauben, dass die Entwicklung des Bergsteigens nur bis in die Gegenwart geführt hat, und aus irgendwelchen sentimentalen Gründen jede Weiterentwicklung als einen Irrweg zu bezeichnen. Was freilich nicht sagen soll, dass diese Weiterentwicklung unbedingt ein Aufstieg sein muss. Auch der Alpinismus unterliegt dem Weltgesetz von Aufstieg, Höhepunkt und Verfall. Wer sich ein wenig mit der Geschichte und mit den Geschicken dieser Welt befasst hat, wird darin keine ketzerische Feststellung erkennen können.

Das einzige, was man den heutigen Extremen vorwerfen kann, ist ihr Ernst. Früher sah man im Bergsteigen eine Entspannung ( auch auf schweren Wegenheute sieht man in den letzten Problemen nicht nur technische, sondern auch geistige Probleme. Um die Direkte Nordwand der Westlichen Zinne kämpften Schweizer und Italiener. Aber schon vor mehr als zweitausend Jahren kämpften die griechischen Stämme darum, wer der Schnellere auf einer ausgesteckten Rennstrecke sei, und schon bei der Ersteigung des Matterhorns gab es einen Wettlauf der Nationen. Aus der Tatsache, dass sich die Cortineser « Scoiattoli » in die Eroberung eines der letzten Probleme ihrer Hausberge eingeschaltet haben, ein ernstes Problem der Bergkameradschaft und der Nationen zu sehen, ist dem Ernst der heutigen Bergsteigerjugend vorbehalten. Das ist bedenklich. Überhaupt scheint die Kluft zwischen jung und alt heute darin zu bestehen, dass die Alten den Jungen den Ernst absprechen, während in Wirklichkeit die Jungen zuviel Ernst haben, viel zuviel Ernst und nicht diese innere Gelassenheit und Heiterkeit der Griechen, welche nicht nur die Väter des sportlichen Wettstreites sind, sondern auch schon erkannt hatten, dass jedes Tun auf dieser Welt nur ein Spiel sei.

Um so brennender wird die Frage: Was geschieht, wenn der Alpinismus keine letzten Probleme mehr zu bieten hat?

Man verbeisst sich heute nicht deswegen in den lotrechten Feuermauern, weil man alles Mass verloren hat oder weil man mit Gewalt berühmt werden will, sondern weil diese Feuermauern eben das letzte alpine Neuland sind. Den Fuss dorthin zu stellen, wo noch keines Menschen Fuss gestanden ist - das ist schon immer die Sehnsucht jedes Abenteurers gewesen. Und Bergsteiger sind Abenteurer.

Meine erste Erstbegehung war ein Weg am Peilstein. Der Peilstein ist der Klettergarten der Wiener. Er ist ein bewaldeter Bergrücken mitten im Wienerwald, 718 m hoch, der jedoch an seiner Westseite in einer Breite von etwa achthundert Meter mit steilen Felswänden abbricht. An der höchsten Stelle erreichen diese Felswände immerhin eine Höhe von hundert Meter. In den Peil-steinwänden haben schon die Brüder Zsigmondy neue Wege gesucht, jene Brüder Zsigmondy, die man die Bahnbrecher des führerlosen Alpinismus nennt. Das war vor achtzig Jahren. Heute ist schon jede kleinste Felsfläche am Peilstein erschlossen und erschlossert, heute ist es ein Problem, am Peilstein noch ein letztes Problem zu finden.

Aber uns war dieses Kunststück gelungen! Wir hatten einen schmalen Felspfeiler ausfindig gemacht, den tatsächlich noch nie eines Menschen Fuss betreten hatte. Damit hatten wir einen Schatz gefunden. Als mein Freund Edi und ich zur Hebung dieses Schatzes auszogen, benahmen wir uns ungefähr so wie die Geheimagenten im Film vor dem Einsatz. Die Feinde waren unsere besten Freunde.

Als uns die lieben Freunde dann am nächsten Tag auf unserem Pfeiler kleben sahen, bauten sie sich sofort links und rechts, am Einstieg und am Ausstieg unseres Pfeilers auf und begannen voll Hoffnung darauf zu warten, dass wir vielleicht doch nicht mehr weiter könnten. Dieser Tag war ein heisser Tag. Der Schweiss lief uns in Strömen über das Gesicht, während wir uns begeistert an unserem Pfeiler höhernagelten. An unserem Pfeiler! Es ärgerte die lieben Freunde ganz gewaltig, dass es nicht ihr Pfeiler war. Und da beschlossen sie, uns ebenfalls ein bisschen zu ärgern.

Während uns also der Schweiss in Strömen über das Gesicht lief, während wir Haken um Haken in den Fels klopften ( die nur zwei oder drei Zentimeter tief eindrangen ), während wir mit heiserer Stimme unsere Seilkommandos krächzten - währenddessen bissen sie herzhaft in saftige Birnen und Äpfel oder prosteten sich mit Bierflaschen, die sie schnell von der nahen Hütte geholt hatten, demonstrativ zu...

« Karl, willst du trinken? Ich kann nicht mehr! » « Edi, willst du nicht in diese Birne beissen? Mir ist sie zu saftig! » Edi und ich hingen in Trittschlingen und hatten uns in saftige Wandstellen verbissen, die den letzten Saft von uns forderten. Und dazu die Hitze! Und vor allem der Durst! Dieser wahnsinnige Durst!

Nun hatten die lieben Freunde auch noch eine Flasche Sodawasser herbeigeschafft. Wenn Sodawasser in ein Glas gespritzt wird, so gibt das ein scharfes, zischendes Geräusch. Es gibt fast nichts, was mehr zum Trinken anregen könnte als dieses Zischen und Brausen von Sodawasser. Aber Edi und ich hatten diese Anregung gar nicht notwendig. Wir hatten schon unseren Durst! Wir hatten nur kein Sodawasser. Das hatten unsere lieben Freunde.

« Kleine Erfrischung gefällig ?» schrie man oben beim Ausstieg. Und schon kam ein Sodawasser- strahl über die Wand herabgespritzt.

Solche Witze leistete man sich also mit uns, während wir unser Stück Land eroberten, das noch nie eines Menschen Fuss betreten hatte. Und doch hätten wir um keinen Preis der Welt ( selbst nicht um eine volle Sodawassernasche oder um die saftigste Birne ) mit jemand tauschen mögen. Es war ein vollkommen unbedeutendes Wandproblemchen, welches wir uns erschlosserten. Und doch bot es uns das Abenteuer des Unbekannten, liess es uns die ganze Seligkeit dieses Abenteuers kosten.

Aber wo kann man heute noch das Unbekannte finden?

« Vor achtzig Jahren hätte man als ein Zsigmondy auf der Welt leben müssen! » seufzte Edi resigniert, als wir dann am Abend dieses heissen Tages durch den Wienerwald wieder zurück in unsere Stadt wanderten.

Das Problem des alpinen Ödlandes hat schon lange die Bergsteiger beschäftigt. Und irgendein Bergsteiger hat dann sogar auch eine Patentlösung dieses Problems gefunden. Er hat festgestellt, dass nur die gebahnten Wege, die Spezialkarten und die Spezialführer, in denen jeder Griff genau beschrieben wird, den Menschen um dieses Ödland gebracht hätten. Seine Patentlösung: ohne Karte und ohne Routenbeschreibung sich den Weg auf einen Berg oder durch eine Wand zu suchen.

Das haben der Edi und ich ausprobieren wollen. Ohne Karte und ohne Routenbeschreibung sind wir zur Stangenwand-Südwand auf dem Hochschwab ausgezogen. Das schmale Weglein hinauf zum Einstieg in die Wand haben wir natürlich benützt. Zuerst wollten wir uns allerdings auch schon zum Einstieg hinauf einen neuen eigenen Weg suchen - aber nachdem wir eine halbe Stunde lang verbissen mit den Latschen gerauft hatten, haben wir uns dann darauf geeinigt, das alpine Ödland erst am Wandfuss beginnen zu lassen.

Am Wandfuss stand ein Steinmann. Über diesen Steinmann sah ich hinweg als ob er aus Luft wäre. Allerdings: die beste Möglichkeit, in der Wand höher zu kommen, begann tatsächlich dort, wo dieser Steinmann stand.

« Klettere nur da hinauf! » sagte der Edi mit der beruhigten Stimme eines Menschen, der sich auf dem rechten Weg weiss. « Dort oben sehe ich schon den nächsten Steinmann! » Zum Teufel! Ich wollte keine Steinmänner sehen! Ich wollte ins alpine Ödland vorstossen. Aber als ich das Band mit dem zweiten Steinmann erreicht hatte, sah ich am Ende dieses Bandes schon den dritten Steinmann stehen, und zwanzig Meter höher den nächsten. Irgendein Idealist hatte sich da im Steinmännerbauen ausgetobt. Ich verhinderter Ödlandstürmer tobte ebenfalls.

Erst im letzten Wanddrittel gab es mit einem Male keine Steinmänner mehr. Hatten hier unseren Idealisten die Ideale verlassen? Jedenfalls: Jetzt war unsere grosse Stunde gekommen!

Prüfend schaute ich die Wand hinauf. Ging es gerade hinauf? Oder rechts? Oder links? Links ging es anfangs leicht, aber dann kamen Überhänge. Rechts dagegen schaute es anfangs recht grimmig aus. Und als ich zu Edi schaute, sah ich, wie der Edi rasch etwas in seiner Hosentasche verschwinden liess...

Was er da habe? Nichts, antwortete der Edi und sah drein wie der ewige und unsterbliche beim Abschreiben ertappte Schulbub. In Edis Hosentasche steckte nämlich ein schmales Buch, das genau so aussah wie ein Hochschwabführer. Es war auch ein Hochschwabführer!

« Ich habe das Büchi halt für alle Fälle mitgenommen! » sagte verlegen der Edi.

« Aber wir wollten doch ausprobieren, wie man ohne Routenbeschreibung durch eine Wand kommt! » fauchte ich erbittert.

« Das sowieso! Ich habe ja auch nur nachgeschaut, ob es da rechts weitergeht. Es geht rechts! Jetzt schau ich dann sowieso nimmer hinein in das blöde Büchel! » Aber wir haben noch einige Male hineingeschaut in das Büchi, ob es nun rechts oder links weiterginge. Die Stangenwand-Südwand war eine Wirklichkeit. Und auch der schwarz auf weiss gedruckte Hochschwabführer war eine Wirklichkeit. Nur die Patentlösung des Ödlandproblems, dass man Karte und Führer einfach ignorieren soll, diese Patentlösung war bloss Theorie. Wenn man sich einige hundert Meter über dem Kar in einer steilen Wand befindet, denkt man sachlich. Und die wunderbare Patentlösung erschien uns jetzt nur mehr als ein grosser Krampf.

Betrachten wir also das Problem der letzten Probleme sachlich, dann ergibt sich die Feststellung, dass für den jungen Bergsteiger die letzten Probleme eine Notwendigkeit sind. Die lotrechten Feuermauern sind für ihn das letzte Fleckchen der Alpen, das noch keines Menschen Fuss betreten hat. Was ein Saussure auf dem Montblanc, ein Whymper am Matterhorn und ein Grohmann auf der Grossen Zinne fand, findet der junge Neulandsucher von heute nur mehr in einer Direkten Nordwand der Grossen oder Westlichen Zinne.

Es hat auch schon zu Whympers Zeiten Menschen gegeben, für die der Inbegriff alles Bergerlebens ein Sonnenaufgang auf dem Rigi war. Aber den jungen Whymper lockte das Matterhorn. Es gibt auch heute noch Menschen, für die ein Sonnenaufgang auf dem Rigi die schönste Stunde ihres Lebens ist. Aber den jungen Bergsteiger mit Temperament und voll Jugendkraft lockt irgendeine gelbe oder rote oder graue Wand, die noch Neuland ist. Weder der Rigi noch die Direkte Westliche Zinne-Nordwand sind Bergsteigen schlechthin. Aber Rigi und Direkte Westliche Zinne-Nordwand ergeben die Gesamtheit und die Mannigfaltigkeit des Bergsteigens. Das ist heute im Jahre 1960 so. Was wird aber im Jahre 2000 sein?

Eines steht fest: im Jahre 2000 werden nicht nur die letzten, sondern sogar auch schon die allerletzten Probleme in den Alpen gelöst sein. In den nächsten Jahrzehnten wird die Entwicklung des Alpinismus nach oben ihr Ende finden.

Bis jetzt war es immer so: junge Kräfte, die zur Bergsteigerei stiessen, haben diese stets mit neuen Impulsen erfüllt, indem sie, auf den Schultern der Vordermänner stehend, sich nach neuen Griffen ( oder auch nur nach Felsflächen, die dem Steinbohrer Angriff boten ) streckten. In den Jahrzehnten die nun kommen, wird es sich herausstellen, ob das Bergsteigen in sich genügend Mark hat, dass es auch ohne die Impulse der Jugend existieren kann. Man wird auf die Substanz zurückgreifen müssen. Ich selber glaube an diese Substanz.

Vor einiger Zeit habe ich in einem der heute sehr modern gewordenen Jugendclubs einen Berg-vortrag gehalten. Keiner von den jungen Leuten ( Teenagers und Bluejean-Boys nennt man sie heute ) war noch auf einem richtigen Berg gewesen. Ihre Interessen waren hauptsächlich auf Schallplatten und Filme gerichtet. Aber diese Interessen hatten sie nicht von der Natur aus mitbekommen, sondern waren ihnen von sehr geschäftstüchtigen Erwachsenen eingeimpft worden. Und weil diese jungen Leute irgendwie fühlten, dass Schallplatten und Filme nicht die ganze Welt bedeuten können - darum waren sie sehr misstrauisch gegen alle Erwachsenen. Ich spürte dieses Misstrauen, Und ich wusste, dass dieses Misstrauen keine auch noch so schönen Worte beseitigen konnte.

Ich begann also davon zu erzählen, wie wir einmal um zwei Uhr nachts zu einer Westalpentour aufgebrochen sind. Ich schwärmte den jungen Leuten nicht vor, dass wir von Tatendrang gestählt und von Begeisterung erfüllt frischfröhlich einem stolzen Gipfel entgegengezogen sind. Ich erzählte, wie es wirklich war: wie wir verschlafen und mit einem flauen Gefühl im Magen über eine Moränenhalde stapften, wie der Schein unserer Taschenlampen in die Nacht schnitt und dieses Licht trotzdem viel zu schmal war, um uns einen Weg erkennen zu lassen und uns auch nicht davor bewahrte, alle nasenlang zu stolpern. Und wie gleich alles besser war, wenn der Mond zwischen den Wolken hervorkam.

Dann zeigte ich das Bild eines Sonnenaufganges. Ich erzählte, dass wir schon fast viertausend Meter hoch waren, als wir dieses Bild photographierten. Daher der Ausblick über diese vielen Berge hinweg - tief unter uns. Wir hätten diesen Anblick nie haben können, wenn wir an diesem Tag nicht schon bald nach Mitternacht aufgebrochen wären. Ob meine Zuhörer auch der Ansicht wären, dass es dafür stünde, wegen eines solchen Anblickes schon sehr zeitig aufzustehen? Ob meine Zuhörer auch der Ansicht wären, dass man dafür auch einige Stürze in einem nächtlichen Moränenfeld in Kauf nehmen könne? Sie waren für das zeitige Aufstehen, und sie waren auch für die Stürze in einem nächtlichen Moränenfeld.

Nach dem Vortrag gab es eine Diskussion. Auch das ist heute modern: über alles zu diskutieren. Ich diskutierte also mit den jungen Leuten, die selber noch nie auf einem richtigen Berg gestanden waren, über das Bergsteigen. Von dieser Diskussion hatte ich selber den grössten Gewinn. Mit Erstaunen musste ich nämlich feststellen, dass in den jungen Menschen von heute mehr Hang zur Romantik schlummert, als sie sich selber zugestehen wagen. Der Gang mit der Taschenlampe, der Mond hinter den Wolken und das Bild des Sonnenaufganges - das alles hatte ihnen viel gegeben. « Das gibt mir viel! » oder « Das gibt mir wenig! » ist derzeit ein Modeschlagwort der Teenagers und Bluejean-Boys. Das meiste gibt ihnen wenig. Aber mit einer Taschenlampe durch das Dunkel zu gehen und dann einen Sonnenaufgang zu sehen - das hätte ihnen viel gegeben. Das hatte aber auch schon den Menschen vor hundert Jahren viel gegeben. Und darum glaube ich daran, dass der Alpinismus im Jahre 2000 nur von seiner Substanz wird existieren können.

Vom denkenden Bergsteiger werden die nächsten Jahrzehnte viel verlangen. Sie verlangen vor allem von ihm, dass er der Jugend gegenüber ein grosses Verstehen aufbringt. Auch wenn sich diese Jugend mit Maschinensteinbohrern in die unmöglichsten Wände verbeisst. Von seiner Toleranz wird es abhängen, dass ferner die Jugend auch ohne letzte alpine Probleme in den Alpen noch immer einen Ort sieht, der es wert ist, dass man ihn aufsucht.

Der denkende Bergsteiger der Zukunft hat ungefähr die gleiche undankbare Aufgabe, wie der leuteanwerbende Personalchef einer Firma, der nur einen festen Posten ohne jede Aufstiegsmöglichkeit zu vergeben hat. Einen festen Posten, der folgendes bietet: Schönheit, Abenteuer, Freisein in einer Welt, in der noch die Urinstinkte zählen und die Kraft, die in einem Menschenkörper wohnt -und viel Mühe und Plage und Schweiss.

Es ist heute das Bestreben bemerkbar, das Bergsteigen in ätherische Sphären zu heben. Geistvolle Essays und künstlerische Bergphotos, die in Lichtbildervorträgen oder meisterhaft gestalteten Bildbänden dargeboten werden, sind grosse Mode. Man hat fast eine Scheu davor, zu berichten, dass Bergsteigen eine Sache sei, bei der man es in Kauf nehmen muss, an einem Tag manchmal zwanzig Stunden lang unterwegs zu sein. Man fürchtet, das hochverehrte Publikum mit solchen Feststellungen abzuschrecken. Aber das hochverehrte Publikum, das sich davon abschrecken lässt, benützt auch schon das Auto, wenn bloss der Kaufmann um die nächste Ecke aufzusuchen ist, und es fährt grundsätzlich mit dem Lift, auch wenn nur ein Stockwerk hoch zu steigen wäre. Solche Menschen könnten nie Bergsteiger werden, könnten nie Bergsteiger sein, sie hätten auch gar nicht die notwendigen Voraussetzungen dazu. Aber die anderen, die zuviel Kraft in sich spüren, die nicht wissen, was sie mit dieser Kraft beginnen sollen - gerade diesen Menschen sollte man den Weg in die Berge weisen.

« Also, du bist dafür, dass man die Halbstarken in die Berge bringen sollte? » fragte mich mit leicht ironischem Unterton ein Freund, dem ich diesen Gedankengang einmal entwickelte.

Ich habe einmal eine Gruppe von Halbstarken nach einer Bergtour gesehen. Diese Bergtour war ein Weg, den ein richtiger Bergsteiger als einen schönen, gemütlichen Bergbummel bezeichnet hätte. Aber die des Bergsteigens noch ungewohnten Halbstarken hatte diese Tour ganz schwach gemacht. Sie waren « platt auf den Schläuchen » - um in ihrem Jargon zu reden.

Nur mit dem Mund waren sie nicht platt. Sie waren sehr laut. Und jedermann, ob er nun darauf neugierig war oder nicht, konnte es von ihnen erfahren, dass sie insgesamt achtzehn Stunden lang unterwegs waren. Am liebsten hätte sich jeder von ihnen eine Tafel umgehängt mit der Aufschrift: « Ich bin achtzehn Stunden lang zu Fuss gegangen! » Sie stelzten über den Bahnsteig wie ihr grosses Vorbild Gary Cooper über den Bahnhof von Tombstone stelzt, fünf Minuten bevor die Banditen kommen. Und sie jaulten manchmal ganz unmotiviert auf wie ihr Halbgott Elvis Presley. Aber sie waren stolz darauf, dass sie achtzehn Stunden lang zu Fuss gegangen waren.

« Jawohl, ich bin dafür, dass man die Halbstarken in die Berge bringen sollte! » antwortete ich daher dem Freund.

Ich fürchte fast, dass ich am Beginn meiner Bergsteigerlaufbahn auch so etwas Ähnliches gewesen bin, was man heute einen Halbstarken nennt. Auch ich war sehr laut. Und das Seil habe ich stets aussen am Rucksack getragen. Ich habe auffallende rote Halstücher und rote Stirnbänder sehr geliebt. Und nach der Totenkirchl-Westwand hätte ich mir am liebsten ein Schild umgehängt mit der Aufschrift: « Bezwinger der Totenkirchl-Westwand. » Aber das war nur am Anfang so. Je länger ich nun schon in den Bergen unterwegs bin, desto stiller bin ich geworden. Heute trage ich das Seil nicht mehr aussen am Rucksack. Und statt des Stirnbandes trage ich lieber eine vernünftige Kopfbedeckung, denn ich bin daraufgekommen, dass so ein malerisches Stirnband gar nichts taugt, wenn plötzlich ein Unwetter einfällt oder wenn ein Steinchen durch die Luft dahergezwitschert kommt.

Zwanzig Jahre bin ich nun schon in den Bergen unterwegs. Ich bin kein fanatischer Bergsteiger. Ich weiss genau, dass Bergsteigen nicht das A und das O dieser Welt bedeutet, ich weiss, dass es auf dieser Welt auch noch viele andere Dinge als Bergsteigen gibt. Ich habe mit dem Steinbohrer Erstbegehungen gemacht und kenne alle bekannten und weniger bekannten Wanderwege in der Umgebung unserer Stadt. Für mich ist jeder Sonntag an dem ich nicht in einer Wand hänge oder durch den Wald wandere, ein verlorener Sonntag. Ich bin jeden Sonntag in den Bergen unterwegs. Trotzdem: ich weiss genau, dass das Bergsteigen weder das A noch das O dieser Welt bedeutet. Ich weiss nur, dass das A und das O des Bergsteigens diese ewige Wandersehnsucht im Menschen ist, die mich jeden Sonntag unterwegs sein lässt.

Diese Sehnsucht wird es auch noch im Jahre 2000 geben. Es wird im Jahre 2000 keine letzten Probleme mehr geben - aber diese Sehnsucht irgendwo in der Ferne eine Erfüllung zu finden, wird noch immer die Menschen bewegen. Die Jungen von heute werden dann schon alte Herren sein, und in der Direkten Nordwand der Westlichen Zinne wird niemand mehr eine Sensation sehen. Ob im Jahre 2000 die Menschen diese Sehnsucht noch immer in die Berge tragen, wird weitgehend von diesen Jungen von heute abhängen. Sie werden es nicht leicht haben mit den Jungen der Zukunft. Aber wir erleben es ja jeden Tag aufs neue, dass das Leben auf dieser Welt immer schwerer wird.

Feedback