Lob der Stille

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Paul Portner, Niederuzwil

Cadlimo Eine magische, zwingende Gewalt zieht mich immer wieder hinauf zu den herrlichen Bergen — dorthin, wo der Mensch klein wird vor der überwältigenden Grosse der Schöpfung. So sitze ich auch heute, ein winziges Nichts, im tiefen Schweigen einer Bergnacht und lausche den Stimmen der Stille. Über mir, am hohen Dome, funkeln die vielen Sternlichter wie Diamanten auf schwarzer Seide. Majestätisch wuchten aus dem Dunkel der Schluchten und Täler die unzähligen Gipfel und Grate hoch zum Licht, und ich muss schauen und staunen...

Der Wasserkessel neben mir ist trotz dem vor Kälte langsam versiegenden Rinnsal längst übergelaufen — ich muss mich losreissen von der Macht des wundersamen Werbens der Natur... ich gehöre doch zu meinen Bergkameraden! Doch wie ich mit dem vollen Wasserkessel der Hütte zustapfe, der Schnee schon leise unter den schweren Bergschuhen knirscht, geht mir der heutige, strahlende Wandertag in unvergänglichen Bildern durch Herz und Sinn:

« ...mit Sang und Klang wurden wir um die neunte Morgenstunde beim Ritombähnli von einer munteren Schar Pfadfinderinnen empfangen. Eng war 's in diesem « Kutschli », aber dafür so mühelos! Die Sonne hatte wieder ihr hübsche-stes Antlitz über die Leventinagrate erhoben, und wir empfanden alles, Sonne, Gesang, Blumen und langsam entschwindende Täler, so recht als Ruhetag! Rasch ward der Ritomsee erreicht, dem linken Ufer entlang gewandert, und am stillen Lago di Tom setzten wir uns zur Mittagsrast, um bald darauf neugestärkt in Richtung Cadlimo zu ziehen. Die auf Ritom eher mageren Weiden wurden hier immer farbiger; kleine Sümpfe spielten sich auf, als wären sie köstliche Juwelen in unberührtem Grün.

Die grösseren, wirklichen Seeli strengten sich ob solcher Tümpelvermessenheit mächtig an, und wir - wir kamen aus dem beglückten Staunen kaum heraus. Dieser Hüttenweg ist ein Pfad zum Paradies!

Dicht nebeneinander lagen direkt am Weglein die beiden Tanedaseelein. Diese Spiegelungen, diese Klarheit, dieses Blau! Der Himmel schien sich mit den stillen Wassern vermählt zu haben. Wie strahlende Bräutchen träumten sie mitten in einem herrlichen Kranz gelber Blüten: Sonnenröschen, Bergnelkenwurz und vor allem die löwenzahnähnlichen « Goldpipau » schienen vor Sonnenglast förmlich zu überfliessen.

Weiter des Weges zeugten grosse Lawinenreste von der Härte des Winters und liessen eines der vielen Bergseelein erst zur Hälfte ins ätherische Blau gucken. Unsere Wandergruppe stieg fast verzückt ob soviel Wunder am Wege nur sehr langsam höhenwärts. In winterlichem Kleide lag schweigsam der Lago Oscuro... Riesige Schneehänge mündeten im eisigen Wasser. Kalt fiel der Cadlimowind einem ins heisse Antlitz.B.evor der Weitermarsch in diese noch öden, winterlich anmutenden Gefilde unter die Füsse genommen wurde, mussten wir nochmals zurückschauen ins Tal gegen Ritom.

War das schön!

Da lagen sie nun unter uns, all die vielen, kleinen Pioraseelein... so klar und so blau wie zum Himmel aufgeschlagene Kinderaugen! Ich empfand ganz plötzlich eine heisse Freude, dass es mir vergönnt war, meinen Kameraden eine so herrliche Gegend zu zeigen. Auch der letzte steile Schneehang ward munter erstiegen, und die Sonne stand noch hoch am Himmel - es mochte kaum fünf Uhr nachmittags sein -, als wir unser heutiges Ziel erreichten. Wir waren auf Cadlimo...

Eine alte, einfache Hütte ist 's, ohne Hüttenwart und mit sehr bescheidenem Inventar; aber eine seltsame, wohltuende Stille lag über diesem Berglerhort, und bald machte sich ein jeder daran, in unserem Zwölfer-Schlafraum, der zu- gleich Küche und Essraum ist, etwas Ordnung zu schaffen. Besonders beim Kochherd sah es anfänglich bedenklich aus. Aber Anneli, unsere ausgezeichnete Köchin, zauberte dessenungeachtet mit viel Liebe ein feines Nachtessen auf die rustikalen Tische. Wie viele Liter Tee das arme kleine Herdli ächzend und knackend, zischend und dampfend produzieren musste, das ahnt nur einer, der diesen Sonnentag erlebt hat. Und immer wieder musste vor der Hütte die « maximale » Sicht in die südlichen Gipfel bewundert werden. In seiner ganzen Schönheit stieg aus dem milden Dunst ein Abend, den keiner von uns je vergessen wird. Immer dunkler wurde der unendlich weite Raum... leise, ganz leise erlosch das letzte, rosige Leuchten. Man verzog sich fröstelnd in die schön warme Klause. Die Stimmung war glänzend, genau wie der glanzvolle Tag! « Wer no Wasser bruucht für am Morge früeh, muess pressiere mit Hole, es git schnell ab mit Rünne !» rief ein Wasserträger vom Nebenraum. So bin ich schnell hinaus mit dem Kessel... hinaus in diese Sternenpracht!

Das flackernde Kerzenlicht hinterm trüben Hüttenfenster weist mir den Weg zurück. Der Qualm in der Küchenstube, wo wir ja bald schlafen sollten! Aber alle sind guter Laune, alle Gesichter sind heiter und fröhlich; man ist einfach zufrieden! Ich bin noch so erfüllt vom tiefen Schweigen dieser zauberhaften Bergnacht, dass ich nicht anders kann, als meine Freunde daran teilhaftig werden zu lassen, und sie deshalb fast feierlich bitte: « Chömed doch schnell nomol vor d' Hütte! » Und so stehen wir alle Schulter an Schulter beisammen im leisen Nachtwind. Irgendwie fühle ich, dass jedes Herz von einer seltsamen Wärme durchflutet wird, und fast wie ein Dankgebet steigt plötzlich aus elf Kehlen das hübsche « Luegit vo Barg und Tal... » in die kristallklare Luft. Wohl selten erklingt diese Melodie so schön und mit solcher Inbrunst weit hinauf zu den unzähligen Lichtlein am Firmament. Wir sind richtig ergriffen von dieser unbeschreiblich schönen Bcrgnacht, und es ist so feierlich, dass die unzähligen Sternlein hoch oben den lieben Gott bitten, auch auf die Erde zu dürfen... und so fallen sie - da und dort - herab; es setzt ein toller Reigen ein. Und stumm stehen die scharfen Grate, gewaltig wuchten die dunklen Gipfel zum hohen Dome, derweil unsere Blicke nochmals weit hinausschweifen. Fast können wir uns nicht losreissen vom Zauber dieser Nacht auf Cadlimo... Dann aber heisst es: Unter die Decken!

Das Lager ist hart; neue Matratzen wären kein Luxus. Aber es muss wohl so sein, es passt zu der herrlichen Nacht. Bald verrät das ruhige Atmen, dass alle schlafen... nur zu mir will der Sand-mann nicht kommen. Ich rechne noch aus, wann ich morgens aufstehen muss, um mit dem feuchten Holz auf dem primitiven Herd rechtzeitig das « Zmorgen » bereit zu haben. Zum offenen Fenster herein dringt fast unhörbar dié leise Melodie der Nacht! Ist es das seltene Erlebnis dieser wundersamen Bergnacht, welches Else, unsere dänische Bergkameradin, erschauern lässt, oder hat die « Arme » wirklich kalt? Eine Wolldecke wird jedenfalls hinübergeschoben; dann ist es wieder still... Weit hinten am Saum des nächtlichen Horizontes steigen bereits die ersten gelbgrünen Lichter eines neuen Tages auf...

Selun Der Pfad ist lang und steil. Nur Wildfährten kreuzen meine einsame Spur. Das Herz klopft weniger der Anstrengung wegen; es scheint gleichsam den stillen Winterpfad vorauszuhüpfen vor lauter froher Erwartung der Sonnenstunden auf tiefverschneiter, einsamer Alp.

Lange bin ich ihn nicht mehr gegangen, diesen Weg zum Licht. Mir ist, als raunten all die schweren, bärtigen Wettertannen in harzigen Tränen ferne Sommerlieder.

Nach knapp zwei Stunden stetigen Steigens lichtet sich der stotzige Wald... ich stehe oben im weiten, weissen Meer... allein, ganz allein!

Im Dunst des tiefen Tales scheinen die wenigen Giebel von Starkenbach noch friedlich zu schlummern. Der Himmel über mir ist von Bläue erfüllt, soweit sich sein Gewölbe biegt... Diese Stille!

Sulzig rauschen die alten Latten unter meinen Füssen weiter in diesen märchenhaften Wintertraum hinein. Auf einer Sonnenterrasse lockt eine apere, heisse Hüttenwand zu einer besinnlichen Rast. Wie schmeckt das trockene Brot! Der lauwarme Kaffee wird zum Göttertrank, und im bedächtigen Geniessen dieser einfachen Verpflegung gleitet man unbewusst hinüber ins Sinnieren...

Hier diese Ruhe... und keine zwei, drei Wegstunden von diesem herrlich einsamen Fleckchen Erde wimmelt es von « allergattigLüüt ». Auch sie sind gleich mir dem dunstigen Tal entflohen - höhenwärts. Aber bringt ihr Tun auch ihnen jene so wohltuende Entspannung von der Hast des Alltags? Im Trubel der mondänen Winterkurorte und im Schlangenstehen an den Skiliften findet der unruhvolle Mensch der heutigen Zeit alles andere als die für ihn so notwendige Ruhe.

Viele zählen nur ihre sturzfreien Abfahrten oder gar nur die Sekunden ihrer Talraserei... andere wieder regen sich auf über die langsame und schlechte Bedienung im Hotel. Man sucht am nächsten Wochenende einen scheinbar günstigeren Wintersportplatz auf. Aber einmal an einem ruhigen, wenig bekannten Ort seinen Wagen anzuhalten, auszusteigen und selber eine Spur in den jungfräulichen Schnee zu ziehen, dazu fehlt der sonst so unbändige Unternehmungsgeist... Man muss halt unbedingt eine präparierte Piste und Zuschauer haben!

Bestimmt gibt es viele einsame Wanderer, welche sich Kraft holen in der stillen Natur für die Aufgaben unserer schnellebigen Zeit; aber es sollten noch viel, viel mehr das hohe Lied der Bergeinsamkeit mit sich ins Tal tragen.

Am ausgelaugten Riss in der sonnverbrannten Hüttenwand krabbeln nun langsam feine Beinchen hervor: eine erste Fliege will sich ihre win- tersteifen Glieder wärmen. Noch schlaftrunken « beinelt » sie planlos auf und ab.

Zwischen Mauer und Bodengebälk blinzelt erstaunt ein drolliges Mäuslein ins helle Licht.

Von felsiger Flanke rieselt wie Silber eiliges Schmelzwasser über eine apere Stelle, und schon drängen sich die blendendweissen Blütenkelche der Krokusse hervor. Mit goldglänzendem Pelz, darin noch die Feuchtigkeit der Schneeschmelze perlt, steht zitternd auch schon eine Frühlingsanemone für zeitige Besucher, Fliegen und Käfer bereit. Und wirklich - es sind bereits mehrere Fliegen am « sünnele », eine davon versucht es sogar auf dem hingelegten Brot.

Bergdohlen segeln aus dem Sonnengold und haschen sich willkommene Brocken.

Weit im Westen erspäht das halb zugekniffene Auge ein weisses Wölklein... einer munteren Fahne gleich, welche dem unermesslichen Strah-lenwagen der Sonne vorausflattert.

In fürstlicher Gestalt recken sich die nahen Gipfel der Churfirsten ins Ätherblau, nur dann und wann scheinen sie sich leicht zu räuspern, indem sie kleine Schneerutsche von ihren alten Schultern schütteln... von der heissen Sonne ausgelöst.

Das weisse Wölklein zerfliesst in sanftem Dunst und verliert sich in der Ferne.

Spielt irgendwo ein grosser Meister auf uralter Orgel einen Choral, oder sind es die schneebehangenen Wettertannen, welche einen längst vergangenen Sommertraum summen?

Ja, wer es versteht, der Natur zu lauschen und sie zu schauen, für den leben nicht nur die grünen Alpen mit Kühen, Geissen, Munggen und Blumen - nein, für den lebt auch eine tiefverschneite Alpenwelt, eine machtvolle, glück- und ruhever-heissende Melodie ins offene Herz tragend.

Aber all das findet man nicht im Rattern der Schneekatzen, im abgesteckten Pistenhang... es will erlaufen, erwandert sein! Es braucht dazu kein allzu grosses bergsteigerisches und skitechnisches Können - aber eines: den Mut, mit sich allein zu sein, zu horchen auf die inneren Stirn- men, welche sich in lieblichem Weben vereinen mit den ewigen Stimmen der grossen Schöpfung. Und wer es einmal so richtig erlebt hat, dieses Mit-sich-allein-Sein, der wird immer wieder solche Stunden suchen und wird es weitertragen, das Lob der Stille!

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