Mein Bergkamerad

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Von A. Tschopp

( Basel ) Eigentlich hatte ich deren zwei. Während der eine nur auf bescheidenere, meist eintägige Wanderungen mitkam, war der andere nur für grössere Unternehmungen zu begeistern. Dieser war auch der ältere von beiden, und wenn ich im nachfolgenden nur von ihm berichte, könnte mir diese Einseitigkeit als Ungerechtigkeit ausgelegt werden. Doch bei mir hat, wie es überall sein sollte, das Alter ein gewisses Vorrecht, in diesem Fall um so mehr, da ich mich mit diesem älteren Bergkameraden durch weit mehr Erlebnisse verbunden fühle als mit dem jüngeren. Dieser wird seine nicht ganz unberechtigte Enttäuschung wegen seiner Zurücksetzung besser überwinden können, wenn ich ihm das allerdings vage Versprechen gebe, dass auch er vielleicht einmal, wenn etwas gereifteren Alters, Gegenstand einer Besprechung sein werde, aber eben nur vielleicht. Und du, mein alter Kamerad, wirst, das weiss ich gewiss, nicht mit Überhebung auf deinen jüngeren Kollegen herabschauen und ihn nicht mehr, wie es deine üble Gewohnheit war, als Bergsäugling bezeichnen. Denn auch dich hat das Leben bescheidener gemacht, und für uns beide gilt der Spruch: « Und die am tollsten gewettert, die sitzen so fromm und still. » Diese überbordende Jugendzeit liegt bei uns beiden um Jahrzehnte zurück; aber die Erinnerung an sie ist nicht alt geworden und nicht wie wir ergraut.

Als wäre es erst gestern gewesen, entsinne ich mich noch der Achtung, die ich empfand, als ich dich kennen lernte, und du mein Kamerad wurdest. In deinem khakifarbenen Anzug, dessen Taschenklappen mit hellem Glanzleder eingefasst waren, sahst du geradezu vornehm aus, und die dunkelbraune Schnur, als Krawatte zu einem kunstgerechten Knoten geknüpft, gab deinem stattlichen Aussehen den letzten Schliff. Entgegen meiner Gepflogenheit hast du nie einen Hut getragen. Ein von mir respektlos als Deckel bezeichneter Überzug ( du hast mir wegen dieses geringschätzigen Ausdrucks für deine « Behauptung » lange gegrollt ) bedeckte dein jugendliches Haupt. Bei schönem Wetter lag dein Hutersatz nachlässig auf deinen struppigen Locken; bei Regenwetter aber zogst du ihn tief über die Ohren und befestigtest ihn zudem noch mit einem Lederriemen. So geschützt, konntest du, und auch ich, den Regen den Buckel hinunterlaufen lassen, und statt zu schimpfen, summten wir noch das Lied aus unserer Jugendzeit:

Mariechen weine doch nicht so, Nimm meinen Schirm zum Schutz.

Und singe wie das Vöglein froh Dem Regen noch zum Trutz.

Wäre dannzumal ein Mariechen - es hätte auch ein Vreneli sein können - bei uns gesessen, wir hätten nicht nur gesummt, sondern mit Stentorstimme gesungen, um so mehr, da unser Regenliedchen mit den trostreichen, aber stets wahren Worten endet:

Und wenn 's genug geregnet hat, So hört es wieder auf.

Oder bist du anderer Meinung? Du schweigst. Dein Schweigen war immer der Ausdruck für dein Einverständnis. Und du hast meistens geschwiegen. Von uns beiden warst du immer der Beleibtere, und deine vollschlanke Figur gebot einen gewissen Respekt. Als dann noch das kunstgerecht gewickelte Seil an deinem Rücken hing und die achtzackigen Steigeisen mit jedem Schritt klirrten, lenktest du die Blicke der Kurgäste auf dich, als wir vom Weisshorn kommend durch die bevölkerte Strasse von Zermatt dem Horn zustrebten. Nicht neidlos beobachtete ich die dich bewundernden Blicke namentlich des dazumal noch schwächeren Geschlechts, und wenn nicht hie und da einer, der nicht nur Bewunderung erkennen liess, sich zu mir verirrt hätte, wäre der Neid in offene Zwietracht ausgeartet. Doch da ich der Initiant des Unternehmens war und du nur als Mitläufer figuriertest, buchte ich einen Teil der dir geltenden Bewunderung stillschweigend auf mein Konto. Ob du von diesem Raub an Ehrerweisung etwas gemerkt hast? Ich glaube kaum; denn für mich hattest du kein Auge mehr. Dass du deinen Blick stets unserem hohen Ziel zuwandtest, deutete ich als Ausdruck deiner angeborenen Schüchternheit. Doch als eine besonders liebenswürdige Tochter Albions dir ein « good luck » zurief, wandtest du flüchtig den Kopf ihr zu, und an dem intensiveren Klirren deiner Steigeisen merkte ich, dass du die Freundlichkeit mit einer leichten Verneigung verdanktest. Ob eine flüchtige Rote dein Antlitz färbte, konnte ich bei deinem braungebrannten Gesicht nicht konstatieren. Und als ich am vereisten Seil oberhalb der Schulter des Homes hinüberhangelte, flüsterten deine Lippen ständig: Good luck, good luck.

Doch einmal habe ich dich mit deinem Voll-Format aufrichtig bedauert. Wenn ich dir den Zweiten Kreuzberg nenne, wirst du dich an die für dich wenig angenehme Situation erinnern. Von der Lücke zwischen dem Zweiten und Dritten Kreuzberg musterten wir den Stemmkamin zum Zweiten. Verlegen betrachtetest du abwechselnd bald deine vollschlanke Gestalt, bald den engen Kamin, und die allmählich erwachende Erkenntnis, dass der Kamin für dich zu eng sei, drückte dein in Zermatt hoch getragenes Haupt auf die Brust nieder. Und als wir zwei anderen den Kamin ohne dich in Angriff nahmen, glänzten Tränen in deinen Augen, und mit keinem Blick verfolgtest du unseren Anstieg. Als ich bei einem Schnauf halt zu dir hinunter blickte und dich wie ein Häuflein Elend resigniert und einsam im Felsenwinkel kauern sah, tat es mir im Herzen weh. Kein froher Jauchzer erschallte, wie es bei uns sonst üblich war, als wir den Gipfel erreicht hatten. Deine Abwesenheit und dein stiller Kummer würgten die Kehle zu. Der Gipfelaufenthalt war kurz; denn der Weg bis zum Fünften war noch lang. Du atmetest erleichtert auf, als wir wieder bei dir waren, und ein froher Jauchzer entwand sich deiner Brust, als wir dir mitteilen konnten, dass der Weiterweg über schmale Grate und durch steile Wände führe, so dass du überall mitgehen könnest. Und als wir nach der Erreichung unseres Tageszieles am Abend über die Roslenalp der Fählenhütte zustrebten, hattest du die Demütigung in der Lücke des Zweiten vergessen, und erhobenen Hauptes, wie einst in Zermatt, aber ohne Steigeisengebimmel, wandertest du frohgemut mit uns heimwärts.

Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte hat sich deine Körperfülle der schlanken Linie nicht unwesentlich genähert. Aber auch durch andere Veränderungen deines Äusseren hat deine Stattlichkeit und dein Achtung gebietendes Aussehen abgenommen. Überall trägt dein Gewand unverwischbare Spuren deiner bergsteigerischen Tätigkeit, und ich glaube kaum, dass du jetzt noch bewundernde Blicke auf dich lenken würdest, wenn du wieder durch die Strasse von Zermatt pilgertest.

Weisst du noch, woher der Fettflecken an der linken Gewandtasche herrührt? Es war an einem heissen Sommertag, als wir zusammen zur Ornyhütte anstiegen. Bei einem Alpsenn erstanden wir etwas Butter. Du reklamiertest nicht, wie es sonst deine Gewohnheit war, als ich vergass, die Butter in der Aluminiumbüchse zu versorgen, sondern einfach oben auf die genannte Tasche legte. Bei einem Schnauf halt, deren es bei der brütenden Sommerhitze etliche gab, bemerkten wir zu unserem Schrecken einen grossen, dunklen Flecken auf deinem dazumal noch neuen Gewand. Einen guten Teil der Butter hatten die Fasern deiner Khakiuniform verschluckt. Du schautest mich als Übeltäter vorwurfsvoll an, und der grosse, runde Flecken erschien mir wie das zürnende Auge des Polyphem. Glücklicherweise gingst du während der ganzen Tour immer hinter mir, sonst hätte der ständige Anblick des Schadens und die daraus resultierende stete Erinnerung an meine Schuld mir die Freude an den schönen Besteigungen vergellt.

Auf derselben Fahrt hat dein Aussehen noch eine weitere, empfindlichere Einbusse erlitten. Bei der Überquerung der beiden Darreys wurdest du, weil etwas unsicher, an einem Gratzacken abgeseilt. Zu deinem Empfang stand ich erwartungsvoll am Fuss des Granitturmes. Das Manöver ging glatt vonstatten, und ziemlich schnell kamst du mir entgegen. Plötzlich stiessest du einen zischenden Laut aus, der mich erschreckte. Deine so planmässig verlaufene Luftreise war unterbrochen; an der glatten Wand klebtest du bewegungslos. Trotzdem das dich haltende Seil gelockert wurde, neigtest du dich, ohne weiterzurutschen, nur leicht zur Seite wie einer, der seine Sinne verloren hat. Mein momentaner Schreck steigerte sich zur beklemmenden Angst, und als deine so geschätzte und wie ein Kleinod behütete Pfeife über die Wand hinunterkollerte und in luftigen Sprüngen in der Tiefe verschwand, war ich überzeugt, dass du schweren Schaden erlitten haben musstest. Denn ohne äussere Gewalt hättest du deinen Liebling nicht fahren lassen. Am Seil wurdest du etwas hochgezogen, um an einer anderen Stelle die Gleitfahrt zu versuchen. Sie gelang, und zitternd nahm ich dich in Empfang. Zu meiner Überraschung und Freude zugleich warst du jetzt wieder der alte Bergkamerad. Aber an der rechten Seite deines Gewandes klaffte ein langer Riss. Ein vorstehender Granitzacken war dir zum Verhängnis geworden. Diesen Riss hatte die treu- und lieblose Pfeife zur Flucht benützt, die Pfeife, der du so viel Sorgfalt und Liebe geopfert hast. Der Gedanke an die Undankbarkeit der Materie plagte dich fast mehr als der Riss im Gewand. Diesen konnten wir mit Sicherheitsnadeln notdürftig flicken; die Gemütsenttäuschung aber konnte nur durch den Zahn der Zeit geheilt werden.

Wegen deiner angeborenen Bescheidenheit wirst du es mir vielleicht übelnehmen, wenn ich von einer Begebenheit berichte, die mich dir gegenüber zu ewigem Dank verpflichtet. Denn ohne dich hätte ich noch in jungen Jahren wahrscheinlich ein kaltes Grab in dunklem Schrund gefunden. Trotzdem das Ereignis an dir spurlos vorübergegangen ist, erinnert mich dein Anblick stets an die ungemütliche Situation.

Nach einem ergiebigen Schneefall wanderten wir mit dir zu dritt über den Saleinaz-gletscher gegen die Grande Fourche. Dieser Gletscher ist bei normalen Verhältnissen ungemütlich; bei dem Neuschnee aber von dazumal war er eine weisse Hölle. Trotz aller Vorsicht versank ab und zu ein Bein in einem verdeckten Schrund. Aber einmal fanden meine beiden Beine keinen festen Boden mehr. Du tratest sofort in Aktion, und ich verdanke es nur deiner Hilfe, dass mich die Spalte nicht ganz verschlang. So konnte ich mich selbst dem lauernden Verderben entziehen. Damals unterliess ich es, dir dankbar die Hand zu drücken; denn ich wusste, dass du deine Hilfsbereitschaft als eine guter Bergkameradschaft entspringende Selbstverständlichkeit betrachtetest. Zudem war sie die natürliche Reaktion des Selbsterhaltungstriebes; denn ohne sie wäre mein Geschick wahrscheinlich auch das deine gewesen.

Wie schon gesagt, hat dieses Ereignis nichts hinterlassen, was deiner Erscheinung nachteilig gewesen wäre. Dennoch kontrolliertest du mit einer gewissen Selbstgefälligkeit dein nicht mehr neues Gewand. Ein wenig eitel warst du doch, obwohl du es nicht wahr haben wolltest. Aber bei der Überschreitung des Alphubeis von Saas-Fee nach Täsch hat deine verborgene Eitelkeit einen starken Dämpfer erfahren, und dein stattliches Aussehen hat einen nie mehr gutzumachenden Schaden erlitten.

Erinnerst du dich noch an das lange Tagewerk, das in keinem Verhältnis stand zu der allzu kurzen Nachtruhe in Saas-Fee? Die Traversierung des Weissmies vom Vortag lag noch wie Blei in unsern Gliedern. Der monotone Schneetramp von der Langenfluh zum Gipfel und die Bruthitze zehrten am letzten Rest unserer Energie. Entsinnst du dich noch, mit welcher Freude wir den Abstieg zum Mischabeljoch antraten? In wenigen Stunden wähnten wir uns in Täsch bei einem kühlen Trunk. Doch der nach unten immer härter werdende Firnhang verursachte zeitraubende Hackarbeit. Der erste am Seil, ein älterer Führer, war sichtlich ermüdet und glaubte das « Backen » unterlassen zu dürfen. Das wurde uns zum Verhängnis und war die Ursache einer unfreiwilligen Rutschpartie über den erhöhten Bergschrund hinaus. Und als das Gepurzel der ganzen Partie in einer flachen Mulde des Weinberggletschers zum Stehen kam und wir unserer Sinne wieder mächtig waren, betrachtetest du mit Wehmut dein Gewand, das viele neue Kratzspuren und viele neue Risse aufwies. Du hattest versucht, dich an den Unebenheiten des Eises anzuklammern, um die tolle Fahrt ins Ungewisse zu stoppen. Vergebens war dein Bemühen, und so musstest du den Sturzflug mitmachen. Die neuen Schäden deiner Uniform nahmen dein ganzes Sinnen und Denken derart in Anspruch, dass du dich um die blutenden Wunden deiner Seilkameraden nicht zu kümmern schienst. Das war herzlos von dir; aber ich war dir deswegen nicht gram. Deine mangelnde Anteilnahme an unserem Geschick war begründet in deinem eher zum Egoismus neigenden Naturell. Erst als unsere Seilschaft, ziemlich reduziert und reichlich mit Notverbänden « verziert », den Abstieg fortsetzte, schien es dir bewusst zu werden, dass auch wir Schaden erlitten hatten. Ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich dein resigniertes Schweigen dahin deutete, dass du gerne, trotz deiner Eitelkeit, noch weitere Schäden an deinem Gewand in Kauf genommen hättest, wenn dadurch die Körperschäden deiner Kameraden hätten beseitigt werden können. Denn als wir unterwegs die Verbände erneuerten, um an der abgekämpften Kolonne das marignanoähnliche Aussehen zu verwischen, schien deine Dienstfertigkeit grenzenlos zu sein, und mit sorgenvoller Miene spendetest du aus deinen Taschen, was wir zu den frischen Verbänden brauchten. Diese selbstlose Sorge um uns kann ich dir nie mehr vergessen. Aus lauter Bescheidenheit hast du deine Gefühle und inneren Regungen nie an die grosse Glocke gehängt, und deswegen wurdest du von denen, die deine Taten nicht kannten und miterleben durften, als herz- und gefühllos taxiert. Aber deine rauhe Schale barg einen guten Kern, der mir stets willkommen war. Noch eine deiner Charaktereigenschaften muss ich erwähnen: deine fast an Versklavung grenzende Anhänglichkeit. Nicht selten war sie lästig, ja geradezu eine drückende Last. Doch das war meine Schuld. Ich habe dich so erzogen, besser gesagt so vollgestopft, dich mein lieber, alter... Rucksack.

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