Mit Sommerski auf den Dom

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Von Toni E. Müller Mit 2 Bildern ( 32, 33Bern )

« Die Engländer haben neben vielen andern eine sonderbare Eigenschaft, sie können keine weissen Flecken auf der Landkarte sehen... Gebiete also, die unerforscht sind, Flüsse, die keinen Namen haben, Völker, von denen man nichts weiss, Gebirge, die unbesteigbar sind und die man nicht genau kennt, das alles wirkt auf die Engländer magnetisch. » So stellt Max Senger fest in seinem Buch « Wie die Schweizer Alpen erobert wurden. » Und ich glaube, er hat recht, trotzdem ich bis heute nicht das Vergnügen hatte, die persönliche Bekanntschaft von Engländern zu machen. Lesen wir aber die Berichte über die Erforschung unbekannter Erdteile, der Meere, der Alpen oder der Gebirge in aller Welt, immer wieder stossen wir auf die Namen von Engländern.

Und so stelle ich mir vor, dass die Wände des Arbeitszimmers des jungen Arnold Lunn austapeziert waren mit Landkarten aus dem Berner Oberland, dem Wallis und anderen mehr. Auf diesen Karten waren alle nennenswerten Ski-Bergbesteigungen mit einer dicken roten Linie eingetragen. Da gab es nun noch viele stolze Berggipfel und Übergänge, auf die keine dieser roten Linien führten, und diese waren es, die unsern Engländer reizten. So verdanken wir Arnold Lunn einige ganz rassige Erstbegehungen mit Ski. Ich denke an die Überschreitung des Trifthornes von Mountet nach Zermatt, den Übergang von der Weisshornhütte zum Biesjoch, die Skibesteigung des Eigers über den Eigergletscher und das nördliche Eigerjoch, die Skibesteigung des Doms und viele andere mehr.

Und eigentlich ist Lunn schuld daran, dass auch mir diese Dombesteigung gelang. Denn seit ich vor vielen Jahren Kunde von dieser Skifahrt bekam, brachte ich diese wundervolle Nordflanke nicht mehr aus dem Sinn. In welchem Jahr eigentlich die Erstbesteigung gelang, kann ich nicht bestimmt angeben, denn selbst Lunn scheint im Zweifel zu sein. Im Buch « Ich gedenke der Berge » nennt er das Jahr 1916, im Buch « Die Berge meiner Jugend » dagegen das Jahr 1917. Für mich aber ist das Wissen um das genaue Datum wesentlich. War es das Jahr 1916, dann haben wir fast auf den Tag genau das 30jährige Jubiläum dieser Ski-Erstbesteigung des Doms auf dem Gipfel gefeiert!

Wenn oberhalb Lärchberg der duftende Lärchenwald verlassen wird, kann zum erstenmal der grösste Teil des Hüttenanstieges überblickt werden. Mancher wird sich fragen: Geht's tatsächlich dort hinauf. Abweisend und gewaltig in ihrem Ausmass wuchten die Festiflühe vor uns in die Höhe. Und doch führt der Weg dort hinauf! Den Erstellern des Hüttenweges darf ein Kompliment gemacht werden. Mit viel Geschick wurde diese Arbeit ausgeführt. Zeitweise bietet uns der Pfad die schönste Felskletterei. Luchsinger und ich haben die übrigen vier Kameraden weit hinter uns gelassen. Trotz der ungemein schweren Rucksäcke und der gsperrigen Ski, die wir darauf geschnallt haben, kommen wir gut voran, und die Tiefe unter uns wird immer eindrucksvoller. Bei Neuschnee oder vereisten Felsen kann dieser Hüttenweg aber schwerste Arbeit erfordern. Um 19.30 Uhr, drei Stunden nach unserm Aufbruch in Randa, stehen wir vor der Domhütte.

Bei strahlendstem Wetter waren wir über die Südrampe der Lötschbergbahn ins Wallis gefahren. Die Prognose der « Meteorologischen » lautete ganz günstig, so dass unsere Pfingstfahrt ein voller Erfolg zu werden versprach. Aber vor Stalden beobachtete ich am sonnigen Himmel ganz feine Zirrusschleier in scheinbar unendlicher Höhe, und diese Beobachtung dämpfte etwas meinen Optimismus. Und was keiner von uns am Nachmittag geglaubt hätte, geschah tatsächlich: als wir uns frühzeitig zum Schlaf niederlegten, plätscherte vor der Hütte der erste Regenschauer.

Eine dunkle nasse Nacht umfängt mich, wie ich um 3 Uhr morgens nach dem Wetter Ausschau halte. Rasch treiben mich Regen und böiger Wind in die warme Hütte zurück. Doch Schlaf finde ich nicht mehr. Eine zu grosse Unruhe ist in mir wie vor jeder grossen Fahrt. Der neue Tag, auf den wir schon seit Wochen mit Spannung gewartet haben, kommt unfreundlich zu uns. Vor Nässe schwere Wolken kleben an den Bergen, liegen über den dunkeln Tälern und machen dem neuen Tag das Kommen gar schwer.

Aber jeder Bergsteiger kennt die Wirkung eines Sonnenstrahls, dem es gelingt, durch die dunklen Wolkenbänke zu stossen. Wie er das Leben in eine Klubhütte bringt; wie ein geschäftiges Hin und Her beginnt, wo vorher alle mit verdriesslichen Gesichtern missmutig in ihren Holzböden herum-schlurften. Alle schauen zum Himmel auf, wo sich eine gewaltige Schlacht abspielt: Wolken werden zerrissen, geballt und wieder auseinandergefahren, dazwischen tauchen dunkelblaue Löcher auf. Die umliegenden Firnflanken gleissen für Sekunden auf, und dann rasen gleich wieder dunkle Wolkenschatten den Gletscher hinauf.

Es ist 9 Uhr, wie wir die Domhütte verlassen. Wir wollen eine Rekognoszierung zum Festijoch durchführen. Auf dem Festigletscher ziehen wir die Ski an und binden uns ans Seil. Wie eine Ente watschle ich mit den kurzen Brettli durch den Bruchharsch und hinterlasse nicht gerade eine schöne Spur. Über uns leuchtet ein dunkelblauer Walliser Himmel, und gleissende Sonne liegt über dem Gletscher. In unserm Rücken, in der Weisshorngruppe aber, brodelt immer noch eine dicke Nebelsuppe. Den Steilhang zum Festijoch hinauf führt Lenherr und leistet hier sehr strenge Spurarbeit. Auf der Nordseite des Joches steigen wir zum Hohberggletscher hinunter und machen hier die erste Rast. Wir sechs sind allein in diesem gewaltigen Eiszirkus. Keiner sagt ein Wort von Umkehren, im Gegenteil; während wir einige Bissen in den Mund stossen, studieren wir gleichzeitig den Weiterweg. Nun geht « Himalaya-Huber » an die Spitze, es ist Ernst Huber, der mit Roch, Steuri und Zogg Anno 1939 im Himalaya war. Unterhalb des Lenzjochs biegen wir gegen Süden in die Nordflanke des Doms ein. Nebelschwaden umhüllen uns, und damit ist es mit der Sonnenherrlichkeit vorbei. Mein Seilkamerad Luchsinger übernimmt nun die Spurarbeit, und mir fällt das verantwortungsvolle Amt eines « Richtungsweisers » zu. Keine leichte Aufgabe in dieser weiten, keine Anhaltspunkte bietenden Firnflanke. In Gedanken sehe ich sie aber vor mir, diese wunderbare Firnweite, so wie wir sie einige Wochen vorher — es war an Ostern — vom Nadelhorn aus geschaut1. Im gleissenden Mittagslicht war sie uns damals gegenüber gelegen, und dieses herrliche Bild kann ich nicht mehr vergessen. Nun tappen wir mühselig durch die undurchdringliche Nebellandschaft. Unser Tempo ist stark reduziert. Wir sind ungefähr auf 4200 Meter Höhe und müssen neben der Spurarbeit auch noch gegen die Höhenbeschwerden kämpfen. Wir halten an. Ich bin am Ende « meiner Wissenschaft ». Jedes Gefühl für Distanzbestimmung und Gefällsverhältnisse ist aufgehoben. Wir warten und hoffen. Für Sekunden wird vor uns die Nebelwand heller und durchsichtiger, wir sehen kurz die westliche Begrenzung unserer Firnflanke, und das genügt. Langsam steigen wir weiter. Im Sattel unterhalb des Gipfels, auf ca. 4480 Meter, machen wir das Skidepot. Ein kalter, heftiger Südsturm fegt über das Joch. Je höher wir kommen, um so mühsamer wird der Aufstieg. Aber wir sind am steilen Gipfelaufbau und wissen, dass uns nur noch wenige Meter vom Ziel trennen. So wird das Tempo wieder besser, und zuletzt geht unser zäher, kleiner Lenherr an die Spitze und setzt zum Schlußspurt an. Um 15.10 Uhr betreten wir den 4545 Meter hohen Gipfel des Doms, des höchsten Schweizer Berges. Stille, ehrliche Freude strahlt aus den Augen aller Kameraden. Das grosse eiserne Gipfelkreuz steckt tief im Schnee. Die Nebelschwaden rasen mit unheimlicher Geschwindigkeit über den Gipfel hinweg. Hie und da tauchen wilde, zerrissene Gratpartien — die zum Domjoch hinabführen — aus dem Grau; sonst ist nichts zu sehen.

Arnold Lunn war anlässlich seiner Erstbesteigung auf die ausgefallene Idee gekommen: eine Skispur auf den höchsten Punkt des « Daches der Schweiz » zu legen, was ihm und Knubel denn auch tatsächlich gelang. Solche Ideen wirken ansteckend. Und so Hess es unserm Ernst Huber keine Ruhe, bis auch er mit den Ski auf diesem Gipfel stand, während wir die Ski im Sattel deponiert hatten. Bei sichtigem Wetter wird man ohne weiteres die Ski auf den Gipfel mitnehmen können, vorausgesetzt, dass die Schneeverhältnisse dies erlauben.

Auf dem Hohberggletscher stehen wir wieder in der Sonne. Wir schauen zurück auf unsere Spuren, die sich aber bald im Nebel verlieren. Wir kurven im Sulzschnee hinunter zum Fusse des Festijochs. Kaum stehen wir nach der kurzen Gegensteigung auf dem Joch, so geht hinter uns ein gewaltiges Krachen und Donnern los: eine Eislawine poltert von der Domflanke zur Tiefe. Dort wo wir vor wenigen Minuten mit grösster Eile durchgefahren sind, liegen unsere Spuren unter den Trümmern der Eislawine...

Um 18 Uhr sind wir bei der Domhütte zurück. Was keiner am Morgen je gehofft hatte, war uns nun geglückt und der jahrelange Wunsch endlich erfüllt. Die Fahrt kann aber erst unternommen werden, wenn der Hüttenweg schneefrei ist, was allerdings bedingt, dass die Ski bis dort hinauf getragen werden müssen. Deshalb sind kurze Sommerski eine grosse Erleichterung.

1 Siehe « Die Alpen », Nr. 12, 1947.

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