Munt la Schera im schweizerischen Nationalpark

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Von Hans Boesdi. Mit Panorama.

Seit die Deutschen nicht mehr über den Brenner nach Italien reisen, ist es wieder lärmig geworden längs des Ofenpasses. Phantastisch steilen Schluchten entlang windet sich die kurvenreiche Strasse durch den schweizerischen Nationalpark, und unsympathisches Getute erfüllt die Luft, nur zuweilen unterbrochen vom harmonischen Dreiklang der eidgenössischen Alpen- post, die hier irgendwie sympathisch altvaterisch anmutet. Stundenlang bin ich schon auf irgendeinem Vorsprung gelegen und habe die lärmige Hetzjagd im Tale durch den Spiegel betrachtet und zuweilen gewundert, wie sich auch die Gemsen ganz gut daran zu gewöhnen scheinen. Nur wenn einer gar zu unanständig laut hupt, lassen sie sich im Fressen stören und gönnen dem Störefried einen halben Blick. Wir halten es mit den Gemsen. Mag auch die grosse Meute über den Pass jagen, um nachher sagen zu können: « Ofenpass? sind wir auch schon gewesen », uns kümmert das nicht.

Der Nationalparkwanderer folgt gewöhnlich der grossen Pflichtroute von Scarl über Il Fuorn nach Cluoza und weiss nicht, dass er sich damit selber um einen schönen genussreichen Ruhetag gebracht hat. Denn anders kann man den Ausflug von Il Fuorn auf den Munt la Schera nicht wohl bezeichnen; keine exponierte Klettereien, Erstbegehungen usw. sind hier möglich. Um so mehr geniessen wir die sonntägliche Ruhe, das Ausspannen und den ungehemmten Rundblick in eine fast unberührte und unbekannte Natur. Die welche nicht mehr diese Ruhe der Berge zu geniessen vermögen, werden nicht hierher kommen; und wir können sie nur bedauern.

Schon von weitem fällt dem von Zernez gegen den Ofenberg reisenden Turisten der Rücken des Munt la Schera auf; als gewaltige flach gewölbte Kuppel nimmt er eine einzigartige Stellung in der ihn umgebenden schroffen Dolomitenlandschaft ein, eigenmächtig zwingt er den Spöl und den Ofenbach nebst ihren Zuflüssen, ihren Weg um seine mächtige Basis herum zu nehmen, wodurch sich ein für den aufmerksamen Passwanderer höchst reizvolles und eigenartiges System von Tälern mit wechselvollen Ausblicken ergibt.

Beinahe allseitig von Tälern umgeben, verspricht dieser Gipfel eine umfassende Aussicht nach leichtem Aufstiege. Und in der Tat: vom National-parkhotel Il Fuorn 1797 m erreichen wir auf gutem, markiertem Fusswege über Alp La Schera 2093 m ( l1^ Stunde ) das Gipfelplateau 2590 in in knapp zwei und einer halben Stunde. Mit Vorteil benützen wir die frühen Morgenstunden zum schattigen Aufstiege durch den Hochwald, um nach ausgiebiger Gipfelrast am frühen Nachmittag den Weg Richtung Buffalora einzuschlagen, zuerst über die edelweissbedeckten Hochflächen und vorbei am alten Eisenbergwerk, um schliesslich durch den parkartigen Arvenwald von Fop da Buffalora das Wegerhaus zu erreichen 1974 m, von wo wir zu Fuss oder mit der Abendpost nach Il Fuorn zurückkehren ( zirka 5 km ).

Wohl keine andere Tur im schweizerischen Nationalpark ermöglicht in gleichem Masse wie die eben skizzierte einen Einblick in die schönsten Partien des schweizerischen Nationalparkes und der Unterengadiner Dolomiten. Einen ersten Einblick in den Aufbau der Gruppe erhalten wir schon am Vorabend unseres Ausfluges vom Hotel Il Fuorn aus, wenn die Abendsonne die West- und Nordwestabstürze des Munt la Schera beleuchtet und jede Einzelheit scharf heraustreten lässt: scharf hebt sich dann die Kuppel mit einem Kern von dunklem Verrukano und rostgelbem Buntsandstein und einer Schale von unten braunem und oben hellgrauem Dolomit vom Abendhimmel ab. Wir sehen deutlich, wie die Dolomite des Gipfelplateaus nach Osten und vor allem nach Westen absinken, während auf unserer Seite ( Norden ) die MUNT LA SCHERA IM SCHWEIZERISCHEN NATIONALPARK.

Erosion die Kuppel angeschnitten hat und uns so Einblick in den innern Aufbau ermöglicht.

Am nächsten Morgen führt uns der Aufstieg vorerst für mehr als eine halbe Stunde durch dichten Hochwald bis auf die Höhe des Lavinèr Lad. Alles atmet Feuchtigkeit, unzählige Rinnsale entquellen den Klüften des Verrukano, dichte Bodenvegetation, meist Heidelbeersträucher, bedeckt die scharfen Blöcke. Sie werden im Herbst den zahlreichen Füchsen willkommene Abwechslung im Speiseplan bringen, während der ehrliche Wanderer stets eingedenk der gedruckten Weisungen der Parkkommission und der oft unvermutet auftauchenden Grenzwächter mit fröhlicher Miene die schwarzblauen Beeren hängen lässt. Und während an der gegenüberliegenden Talseite die hellgrauen Dolomite schon in der heissen Sonne liegen, steigen wir immer noch im feuchten Schatten bergan, hie und da ein tauiges Spinnengewebe von der Stirne wischend.

Hoch oben am Lavinèr Lad mag jetzt vielleicht ein einzelner Gemsbock die Schutthalde queren und eilig bei unserem Kommen entfliehen. Steinerollen zeigt ihn an, kurz bevor er Richtung die oberen Weiden der Alp la Schera entschwindet. Zuweilen sieht man die Tiere auch am Horizont gegen den Gipfel hinüber wechseln; wie Flöhe sind sie dann anzuschauen.

Erläuterungen zur Panoramaskizze vom Munt la Schera.

1 P. del Fuorn 2910 2 P. Plavna dadaint 3169 3 P. 2775 4 P. Murtèrs 3014 5 Fcla. V. del Botsch 2678 6 P. 2853 7 P. 2875 8 P. Foraz 3095.3 9 P. Nair 3009 10 P. Valatscha 3023 11 P. Murtèra 2998 12 P. Starlex 3077.2 13 Munt della Bescha 2775.2 14 P. Cotschen 2772 15 Urtiolaspitze 2911.9 16 Münstertalerberge 17 P. d' Aint 2970.7 18 Ortler 3902 19 P. d' Ora 2951 20 Crlstallogruppe 3431 21 P. Pala Gronda 3005 88 P. Murtaröl 3183.6 23 Cm » del Serraglio 2687.4 24 Cme di Plator-Gruppe 2910 25 Cm » di Piazzi-Gruppe 3439 86 Cassa del M. del Ferro 3143 87 Cma del Paradiso 2920 28 Corno di Campo-Gruppe 3234 29 P. di Verona 3451 30 P. Cambrena 3604 31 P. Palü 3912 32 P. Zupò 4002 33 Crast'Aguzza 3872 34 P. Bernina 4055 35 P. Murtarous 2924.3 36 P. dell'Aqua 3129.0 37 P. del Diavel 3072 38 P. Quatervals 3168.6 39 P. Tantermozza 3071 40 P. Murtèr 2839.6 41 P. Vadret 3226 42 Pass Murtèr 2550 43 P. Sarsura 3180 44 P. Sarsura-Pitschen 3138 45 P. Terza 2685 46 P. d' Urezza 2909 47 Weisshorn 3088 48 P. del Ras 3036 49 Jörigruppe 50 Flessgruppe 51 Munt Baselgia 2946 52 Spi da Laschadura 3004 53 P. Ivraina 2889 54 P. Nuna 3127 55 P. 2934 56 P. Laschadurella 3050 57 P. Ftur 3021 Jenseits des Lavinèr Lad gelangen wir in Dolomitgestein. Schlanke Lärchen und uralte Arven recken in dem trockeneren lichten Wald ihre Spitzen in die ersten wärmenden Sonnenstrahlen.

Bald führt der Weg auf die breite Westflanke, wo in prächtiger Lage die frühere Alp la Schera liegt. Aus den buschigen Legföhren, die allmählich wieder vom Weideboden Besitz ergreifen, schnarrt mit erschreckendem Lärm ein Auerhahn mit Henne ab, und bald ertönen auch die Pfiffe der Murmeltiere und das krächzende Warnen der Dohlen. Jetzt hat es keinen Wert mehr, irgend etwas « anpirschen » zu wollen, denn was uns meiden will, ist schon lange im Wald und in den Felsen verschwunden. Unter der Tür der kleinen Schutzhütte erwartet uns, die Pfeife stopfend, in schmucker Uniform einer unserer Grenzer; auch er wurde vor uns gewarnt und erzählt uns nun mit heimlicher Genugtuung, wieviel Gemsen, Rehe und Hirsche heute morgen schon hier geäst hätten. « Aber da müssen Sie eben früher aufstehen. » Wir beneiden ihn aufrichtig um seinen schönen Beruf, der ihm erlaubt, stundenlang den Tieren zuschauen zu dürfen. Nach kurzer Rast verfolgen wir den gut markierten Weg auf den Gipfel weiter. Man muss sich zuerst als eigenwilliger Turist, der gerne seinen Weg selber sucht, daran gewöhnen, den markierten Wegen im Nationalpark zu folgen. Da jedoch auf das Verlassen derselben saftige Bussen stehen, gibt man sich zuerst schimpfend und höhnend und schliesslich doch wieder dankbar alle Mühe, den Weg nicht zu verlieren. Als Schweizer haben wir ja das schöne Privileg, auch noch zu schimpfen, wenn wir die Notwendigkeit einer unangenehmen Anordnung eingesehen haben; das alles aber fällt von uns, wenn wir die Höhe erreicht haben.

Denn hier oben hindert uns keine einschränkende Vorschrift; ungehemmt schweift der Blick in die Ferne, die Welt ist unser. Genau im Süden die italienische Ferrogruppe, links davon das waldige Hochtal gegen San Giacomo di Fraele, rechts das weite Livignotal, in dessen Verlängerung die Berninagruppe als hinterste Kulisse gerade noch sichtbar ist. Gegen Osten umfasst der Blick die Berge des Münstertales und der Val Mora und als Abschluss den Ortler mit seinen Trabanten. Im Norden und Westen bilden die schroffen Unterengadiner Dolomiten der Diavel-Terza- und Ivraina-Tavrü-Gruppe ein einzigartiges Profil, und über die Spökenke und Zernez öffnet sich der Blick in das kristalline vergletscherte Massiv von Sarsura und der Silvretta.

Munt la Schera ist, wie schon der Name sagt, kein Gipfel, sondern vielmehr ein Gipfelplateau, eine kuppelartig hochgestauchte, verkarstete Dolomitplatte. Dieser besondere Aufbau, der sich prachtvoll von den schroffen, wild verfalteten und verschuppten Ketten der Umgebung abhebt, fällt jedem auf, denn weit hält er sich die nächsten Gipfel vom Leibe, und immer liegt ein weites Tal zwischen uns und ihnen.

Spärliches Leben fristet hier oben ein kümmerliches Dasein. Nur in den dolinenartigen Vertiefungen und den mit verschwemmter Moräne gefüllten Mulden mögen wir ein Gemsrudel aufscheuchen. Schneehühner schnarren oft in grossen Scharen aus den Karrenlöchern heraus, flattern hinter die nächste Erhebung und lassen sich, kaum unsern Blicken entschwunden, Die Alpen — 1937 — Les Alpes.9 wieder nieder. Letzten Herbst tat sich sogar ein Hase an den auf dem Gipfel zurückgelassenen Proviantresten gütlich, hopste aber, kaum dass er meiner ansichtig wurde, in weiten Sprüngen über das Gipfelplateau davon.

Während die Nordflanke steil zur Tiefe stürzt, senkt sich südwärts die verkarstete Dolomitplatte sanft geneigt gegen Pian del Asen. Ungezählte Edelweiss erfreuen das Auge, und gut eine Stunde führt uns der Weg mitten durch diese Wunderwelt. Freilich, kein Wasser gibt es hier; karrig ist der Dolomitkalkboden verwittert. Aber das ist es ja gerade, was die Edelweiss hier so prächtig gedeihen lässt. Aber auch da heisst es: « Du sollst nicht... » und es ist sicher gut so, wenngleich wohl mancher gerne schon ein Blümchen zur Erinnerung mitgenommen hätte — und vielleicht auch hat!

Von der steilen Nordseite fressen sich die beiden Erosionstrichter der Val Chavagl und Val Bruna immer weiter in dieses Idyll. Wie sanft erscheint daneben moränenerfüllt Fop da Buffalora! Anstatt auf dem untern — auf der Karte eingezeichneten — Wege direkt zur Alp Buffalora abzusteigen, wählen wir den obern Weg über Marangun Buffalora ( P. 2197 ), führt uns dieser doch durch die untersten Ausläufer der ehemaligen Eisengruben und als Abschluss eines schönen Tages durch prächtigen Arvenwald in angenehmem Abstieg zur Alp.

Die ehemaligen Eisengruben erstrecken sich von der Höhe von Munt da Buffalora — wo sie auch auf der Karte eingezeichnet sind — bis auf die Waldgrenze hinunter; bei einiger Aufmerksamkeit sind die Stollenausgänge nicht zu übersehen. Beim untersten Stollen tritt das Wasser aus dem Schutt als starke Quelle aus und bildet das südlichere der beiden auf der Karte verzeichneten Bächlein. Die Stollen sind alle verschüttet mit Ausnahme eines einzigen, der sich nur wenige Meter oberhalb unseres Wegleins befindet. Beinahe 50 Meter führt uns der wohlausgehauene Gang horizontal in den Berg hinein, von wo wir uns am Seil noch weitere 10 Meter hinunter lassen können, bis schliesslich Blöcke und Gebälk ein weiteres Vordringen verunmöglichen.

Buffalora, das dem Kundigen wegen seiner gemütlichen Ofenbank und dem guten Veltliner bekannt ist, hat wohl schon manchen dazu verleitet, das Abendpostauto vorbeifahren zu lassen und den Talweg zu Fuss zurückzulegen. Gehört es doch auch zu dem Schönen auf unserer Erde, in tiefer abendlicher Ruhe, die nur von den leisen Erzählungen des begleitenden Baches unterbrochen wird, heimwärts zu wandern. Langsam steigt die Nacht an den Bergen empor, nur noch die höchsten Zacken sind von der letzten Abendsonne rötlich überhaucht; dann füllt nächtliches Dunkel das Tal.

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