Neun Männer und eine Frau am Lhotse

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Ruth Sti'inmami-hlcss, Züric h Als ich die Einladung erhielt, an der « Au-lex 79 » ( Austrian Lhotse-Expedition ) zum vierthöchsten Berg der Welt teilzunehmen, war ich einerseits sehr geehrt, andererseits eher skeptisch. Der Lhotse ist zwar « nur » der kleine Bruder des Everest, durch den Südsattel von diesem getrennt, aber an technischen Schwierigkeiten überragt er letzteren um vieles. Dies dürfte wohl auch der Grund sein, warum der 8511 Meter hohe Riese nach seiner Erstbesteigung durch die Schweizer Luchsinger und E. Reiss 21 Jahre auf eine weitere Ersteigung wartete. Nach verschiedenen erfolglosen Versuchen gelang es einer starken deutschen Gruppe, der auch Hans von Känel, Schweiz, angehörte, den Gipfel zum zweitenmal zu erobern. Für den Frühling 1979 hatte die Österreichische Himalaya-Stiftung die Bewilligung für den Lhotse erhalten.

Neben der Grösse des Berges und seinen technischen Schwierigkeiten beschäftigte mich ein rein menschliches Problem: Wie oft waren Frauen auf viel kleineren Bergfahrten von männlichen Kollegen schnöde als unfähig abgestempelt worden! Ich selber hatte mich einige Male gegen Angriffe dieser Art erfolgreich zur Wehr gesetzt. Tatsächlich gab es auch in dieser Mannschaft einen Vertreter des männlichen Geschlechtes, der sich gegen meine Teilnahme wandte. Diese Diskussion endete glücklicherweise ( für mich !) zu meinen Gunsten: Der Frauenfeind blieb zu Hause.

Einige der Mitglieder waren mir von früheren Unternehmungen her bekannt. Mit Erich Vanis hatte ich Bergfahrten im Hindukusch, Himalaya, in Alaska, Grönland, Mexiko und den Alpen gemacht. Dr. Ivan Exnar und Peter Schier waren mir vom Mt. McKinley gut bekannt, während Dr. Wolfgang Schindler im Himalaya und in Grönland mit mir unterwegs gewesen war. Wieder anderen war ich an grossen Langlaufveran-staltungen, wie Koasa-, Tauern- oder Engadiner Lauf begegnet. Zwei der Leute kannte ich nur vom flüchtigen Sehen.

Unter Leitung des Wieners Erich Vanis hatte das Gros der « Aulex»-Leute am 8. März Europa verlassen. Ich selber folgte aus familiären Gründen erst am 28. März nach.

Mit zwei Sherpas stieg ich in siebentägigem Marsch meinen Kollegen ins Basislager nach. Am 7. April langte ich auf der Moräne am Fuss des Khumbu-Eisbruches auf 5400 Meter an. Hier waren inzwischen die Schlaf-, Ess-, und Küchenzelte für Mannschaft und Sherpas malerisch zwischen Eis- und Felsbrocken gruppiert. Mein Eintreffen wurde freundschaftlich und herzlich registriert, nicht nur von seiten meiner alten Freunde. Auch die mir nur flüchtig Bekannten nahmen mich ohne grosse Umstände, ja kameradschaftlich auf.

Über interne Drängeleien, Vorrangstellungen, Macht- und Positionskämpfe ist schon so vieles geschrieben worden, dass man sie auf Expeditionen für üblich halten könnte. Tatsächlich sind die Menschen hier ausserordentlichen physischen und psychischen Belastungen ausgesetzt, mit denen im Alltag nicht gerechnet werden muss. Diese aussergewöhnlichen Bedingungen führen oft zu kaum noch erträglichen Spannungen, die das Klima einer Gruppe gefährden und vergiften.

Im Verlauf meiner ersten Tage stellte ich erleichtert fest, dass es auch anders gehen kann. Jedermann war hilfreich und tolerant. Mir wurde versichert, dass die Küche seit meiner Ankunft um Klassen besser sei, was mich wiederum zu neuen Küchenexperimenten veranlasste.

Drüben vom Khumbu-Eisbruch war zu jeder Tages- und Nachtzeit das dumpfe, immer wiederkehrende Gepolter zusammenstürzender Eismassen zu hören. Freilich kannte jeder von uns dieses Krachen von anderen Bergen der Welt. Hier aber war es furchteinflössend, mussten wir uns doch einen Durchgang durch diese äusserst gefährliche Region suchen und bahnen. 5 Tage dauerte es, bis der Weg über Spalten, durch Séracs und tonnenschwere Eisblöcke gefunden und für Mannschaft und Sherpas eingerichtet war. Ein gewaltiges Aufgebot von Leitern, Schrauben und Seilen war nötig, um die 600 Höhenmeter hinauf zum Lager I begehbar zu machen. Mehr als einmal erinnerte ich mich an Edmond Hillary, der bei der Erstbesteigung des Everest über denselben Zustieg zum Berg gelangte. Namen wie « Minenfeld, Hillarys Grausen » und andere bildhafte Benennungen schienen mir plötzlich sehr verständlich. Andererseits bot der Anstieg unter bläulich schimmernden, drachenähnlichen Eisgestalten, über unergründlich tiefe Spalten und blankpolierte Eisblöcke einen so gewaltig-schönen Anblick, dass einem dabei eine Gänsehaut über den sonst so heiss verschwitzten Rücken kroch. Überwältigt ob so viel Naturgewalt, suchte das Auge die mannigfaltigen Eindrücke festzuhalten. Ein letzter Leiteranstieg führte direkt vor die Zelte unseres Lagers I. Wir hatten die 6000-Meter-Grenze erreicht.

Weiter suchten wir unseren Weg durch das Spaltenlabyrinth, das ins weitläufige Tal des Schweigens ( Wester CWM ) führt. Wir gewannen hier nur langsam an Höhe. Zu unserer Linken erhoben sich die Eis- und Felsabstürze des Everest, rechts zogen die Wände des Nuptse empor. Weit hinten, im Talabschluss, stand unser Ziel, der Lhotse, dessen Eisflanke auf 6800 Meter beginnt und dessen steile Gipfeleisrinne von 8000-8511 Meter zum Gipfel zieht.

Während die Sherpas mit Lastentragen durch den Khumbu begannen, drangen die Bergsteiger weiter vor und errichteten Lager II auf 6560 Metern sowie später Lager III auf 735o Metern. Dazwischen stiegen wir abwechselnd mehrmals ins Basislager zur Erholung ab. Dieses wiederholte Auf- und Absteigen ist für die weitere Akklimatisation des Körpers unbedingt erforderlich. Erst nach wiederholten Anstiegsphasen ist der menschliche Organismus zum Anstieg in noch grössere Höhen fähig.

Anfangs Mai war die Lagerkette fertig. Das Lager IV hatte seinen Platz seitlich am unteren Begrenzungsfelsen der « Schildkröte » gefunden. Wir hatten diese Felsinsel ihrer Form halber so benannt. Sehr exponiert wurde das Lager auf einem Eisband auf 7850 Metern errichtet.

Am 5. Mai starteten W. Axt und H. Ladreiter von Lager IV zum Gipfel, nachdem sie im obersten Lager einen Tag lang einen Höhensturm abwarten mussten. Die Eisbedingungen waren gut, jedoch zeigten grosse Schneefahnen am Gipfel, dass der Sturm in grossen Höhen noch immer tobte. Die beiden stiegen durch die 50 Grad geneigte Lhotse-Rinne und erreichten etwa um 17 Uhr den Gipfel. Eine Welle der Begeisterung löste dieses Ereignis bei den Sherpas aus. Gleichzeitig verkündeten sie, dass die Expedition jetzt erfolgreich gewesen sei und damit abgebrochen werden solle. Nur mit Mühe konnten wir sie überzeugen, dass auch wir andern eine Gipfelchance haben wollten. Wir wussten nun, dass wir die Sherpas nur noch kurze Zeit willig halten konnten. Die berüchtigte Devise « power is gone » ( die Kraft ist weg ) hatte sich bei ihnen schon früh verbreitet. Wir standen nun plötzlich unter Zeitdruck, auch wenn der Monsun noch keinesfalls im Kommen war.

Der kalte Höhensturm am 5. Mai forderte von unseren zwei Kameraden einen hohen Preis: Hanns mussten in der Folge 6 Zehen und 3 Finger, Wolfgang g Zehen amputiert werden.

Am to. Mai wagte die zweite Welle den Aufstieg: Erich Vanis, Hanns Schell, Reiner Göschl, Dava Tenzing ( Tati ), Sherpa-Obmann, Pasang Pemba und ich. So schnell es die dünne Luft erlaubte, montierten wir unsere Regler auf die Sauerstoffflaschen und verstauten je 2 7-kg-Flaschen auf unseren Tragkraxen. Bald verhüllte die Gum-mimaske einen Teil unserer Gesichter, und durch den Anschlussschlauch floss gleichmässig mit leisem Summen der zusätzliche Sauerstoff.

Während meine Kameraden zügig aufstiegen und bald oberhalb der « Schildkröte » verschwanden, machte Pasang Pemba mir arge Schwierigkeiten. Erst war ihm das Seil zu lang, dann weigerte er sich aber auch, die Seilschlingen auf seinem Rucksack festzubinden. Später, nachdem ich die Führung übernommen hatte, gab er mir bekannt, dass er keine Lust zum Weiteranstieg habe. Unmotiviert setzte er sich oberhalb der « Schildkröte » hin, so dass ich beinahe aus dem Stand gerissen wurde. Mit abwechselnd gutem Zureden und strengem Antreiben brachte ich ihn schliesslich zum Weitergehen. Einen neuen, unerwarteten Schlag versetzte mir mein lustloser Seilpartner mit der Enthüllung: Er habe für mich keine Schraubenschlüssel zum Wechseln der Flaschen. Offenbar hatte er vergessen, dass auch er zusätzlichen Sauerstoff verwendete! Jetzt war mir klar, dass ich schnellstens die vorangegangenen Seilschaften einholen musste. Diese hatten, wie vereinbart, pro Seilschaft die nötigen Utensilien bei sich. Von all diesen Sorgen abgelenkt, hatte ich die Wetterverschlechterung nicht bemerkt. Wir waren bei gutem Wetter im Lager IV weggegangen, jetzt, in der Lhotse-Rinne, begann es zu schneien. Vorerst hielt sich der Schneefall in Grenzen. Gegen 13 Uhr hatte ich die Kollegen eingeholt, die gerade dabei waren, ihre Sauerstoffflaschen zu wechseln. Mit Hilfe ihrer Schraubenschlüssel tat ich dasselbe. Noch glaubten wir, den Weiteranstieg mit 7 kg weniger Gepäck leicht bewältigen zu können. Doch hatten wir diesen Plan ohne Petrus'Zustimmung gemacht! Kaum waren wir wieder marschbereit, die dreiviertel-leere Flasche für den Abstieg deponierend, setzte der Sturm mit Vehemenz ein. Schnee peitschte an unsere Gestalten, verpappte Brillen, Masken, Photoapparate und Windjacken. Der Neuschnee begann durch die seitlichen Begrenzungsfelsen zu rutschen, und an einen Weiteranstieg war nicht mehr zu denken. Der Höhenmesser zeigte 8250 Meter. Nur 250 Meter trennten uns noch vom Gipfel! Wir fühlten uns alle in guter Form, wurden aber von den jetzt herrschenden Bedingungen zum Rückzug gezwungen.

Wenigstens den Abstieg wollte ich mir vom an-massenden Pemba nicht verderben lassen! Ich gab ihn seinem zukünftigen Schwager, Tati, der ihm diese unverdiente Gipfelchance gegeben hatte, ans Seil. In Erich hatte ich meinen altvertrauten Seilkameraden wieder. Wir zwei entledigten uns der Sauerstoffflaschen, da die Masken uns in der Sicht behinderten und wir im Sturm fast nichts mehr sahen. Vorsichtig sichernd, stiegen wir Seillänge um Seillänge ab. Der Schnee war äusserst lawinenschwanger, und höchste Vorsicht war am Platze. Gegen 19 Uhr erreichten wir durchnässt und müde Lager IV. Hier waren inzwischen Dr. Ivan Exnar, Peter Schier und Bruno Klausbruckner ( Leiter-Stellvertreter ), die dritte Gipfelwelle, eingetroffen. Mit all den jetzt anwesenden Personen war das kleine Lager IV entschieden überbesetzt. Erich veranlasste, dass die Neueingetroffenen gute Schlafplätze haben sollten, während wir uns die noch vorhandenen Plätze teilten. Erich, Hanns und ich verbrachten daher die Nacht mit nur zwei Schlafsäcken im viel zu engen Zweimannzelt. Mit Gamaschen und Schuhen an den Füssen lagen wir schlotternd und eng aneinandergepresst wie Fische in der Dose. Jedes Abrücken nach aussen hätte das exponierte Zelt aus seiner Verankerung gerissen und uns unweigerlich in Schnellabfahrt zum Wandfuss befördert. Dementsprechend unruhig war denn auch Erichs Schlummer. Immer wieder schreckte er auf und drückte mich energisch nach innen, obwohl ich mich kaum zu bewegen wagte. Hanns lag zusammengerollt wie ein kleiner Hund am hinteren Zeltende, neben meinen Füssen. Glücklicherweise nimmt auch die schlimmste Nacht ein Ende! Schliesslich hörte ich die Kameraden der dritten Welle sich für den Aufstieg bereit machen. Damit wurde für uns ein weiteres Zelt frei. Jeder in einem Schlafsack, jetzt ohne Schuhe, verschliefen wir noch einige Stunden, während die Kameraden ihr Gipfelerlebnis hatten: Der Sturm von gestern hatte sich gelegt, und ein strahlender Tag brach an. Nichts, ausser den Neuschneemengen, deutete darauf, dass wir gestern in die Flucht geschlagen worden waren. In harter Spurarbeit stapften die drei am Seil aufwärts. Als Dreierseilschaft waren sie eher langsam, und der sonst so konditionsstarke Peter fühlte sich nicht besonders in Form. So liess er die Kameraden in der Rinne aufsteigen und kehrte allein zum Lager IV zurück. Bruno und Ivan erreichten gegen i 7 Uhr am i i. Mai den Gipfel und gelangten am darauffolgenden Morgen ins oberste Lager. Sie schlüpften zur wohlverdienten Ruhe in die Schlafsäcke und bemerkten erst Stunden später, dass ein Schuh, dem Gesetz der Schwerkraft gehorchend, allein zum Wandfuss abgestiegen war!

Wir alle hatten eine Gipfelchance gehabt. Leider war eine zweite nicht mehr möglich, da die Sherpas jetzt ausgiebig rebellierten. 4 Mann hatten den Gipfel erreicht, alle andern die Achttausendergrenze so deutlich überschritten, dass g der 14 Achttausender an Höhe unter diesem Punkt blieben.

Für unsere Umkehr knapp unter dem Gipfel hatten die Sherpas eine passende Erklärung: Der Lhotse sei ein männlicher Götterberg, sagten sie, der wolle keine Frau auf seinem Gipfel!

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