Ogilvie-Mountains — Tombstone Range

Hinweis: Questo articolo è disponibile in un'unica lingua. In passato, gli annuari non venivano tradotti.

Chlaus Lötscher, Littau

Granitgipfel im Goldland Yukon Bilder 13 bis 20 Ogilvie Mountains? Nein, diese Berge kannte ich nicht. Zwar hatte ich den Namen auf der Landkarte einmal gelesen, doch kaum beachtet. Berge, so hoch im Norden des Yukon ( Nordamerika ) werden wohl langgestreckte Hügel und Buckel sein, mit Tundra überdeckt, blumig reizvoll, vor allem während des kurzen Sommers, aber eben für den Alpinisten nicht von Interesse. Mount Tombstone, Mount Monolith - unbekannte Namen in unbekanntem Gebirge.

Ans Bergsteigen dachte ich ohnehin nicht, als ich in Dawson City das Kanu aus dem Yukon River schleppte. Meine Kleider rochen heimelig nach dem Rauch der abendlichen Feuer in einsamen Wäldern. Der Hosenboden war durchgewetzt. Beulen von Moskitostichen juckten perfide. Durch meinen Kopfjagten wilde Geschichten aus der Goldrauschzeit von 1896 bis 1900. Wehmütige Gedanken wanderten zurück zu den ersten Goldjägern wie Henderson und Carmack. Die Kanufahrt über Zoo Kilometer auf dem Yukon River hatte mich angenehm verwildern lassen.

In diese Stimmung hinein passte keiner besser als Alan Dennis. Ob dieser schlanke Kerl Socken ohne Löcher hat, weiss ich nicht. Ich habe seine Füsse nie vollständig verhüllt gesehen, ausser es gelang einem Paar seiner ausgetragenen Schuhe zufällig, gerade an diesen freiliegenden Stellen dicht zu sein. Die Haare muss er mit einer Schere selbst geschnitten haben, oder dann war eine un-gelenke Freundin Beschererin dieser Renais-sance-Stiege. Wo wäre dieses Bündel von Offenheit, Witz und sorgloser Intelligenz besser zu Hause als in diesem verträumten und verwildern-den Goldrauschnest Dawson City?

Doch dann zeigte Alan mir ein Photo von wuchtigen Granitgipfeln der Tombstone-Kette im Ogilvie-Gebirge. Mitten drin Mount Monolith - noch unbestiegen. Auf der Kuppel dieses vornehm geschweiften Turmes stach ein seltsam geformter Spitz wie die aufgesetzte Nase eines Clowns in den blauen Himmel. Ich wallte auf in seliger Ergriffenheit. Dort hinauf? Versuchen wir 's!

Wir starten zu viert, zwei Wochen später. Aus Whitehorse sind Martyn Williams und Salwyn Hughes zu uns gestossen. Mit Martyns lottrigem Auto rattern wir den Dempster Highway nordwärts. Da es immer wieder regnet, der Scheibenwischer fast selbstverständlicherweise nicht funktioniert, muss der vorne sitzende Salwyn mit Schnurzug durch die beiden Flügelfenster die Wischer von Hand hin und her ziehen; diese Bewegungen, von hinten betrachtet, wirken auf die Dauer eher stupide als elegant. Doch da es nützt, ist es gut, und auf der 45-Meilen-Fahrt müssen wir nur einmal Rad wechseln. Gestern abend haben wir in einem Dawson-Hotel noch einen Helikopterpiloten aufstöbern können, welcher nördlich von unseren Granitgipfeln fürs Forstamt Flüge ausführt. Er hat versprochen, uns am nächsten Morgen beim Vorbeiflug die kurze Strecke von der Strasse zum Gebirge zu fliegen. Da dieser Francokanadier darauf pochte, pünktlich um acht Uhr an der verabredeten Stelle bereit zu sein, legen wir uns eine gute Viertelstunde früher neben den Rucksäcken auf die Lauer - um dann bis -neun Uhr weiterzuschlafen. Schliesslich scheint sich unser Pilot in Dawson City auch ver-pennt zu haben.

Der Flug ist teuer und vollzieht sich in Eile.

Die Landschaft, in die wir uns so plötzlich versetzt sehen, ist märchenhaft schön. Wir errichten unsere Zelte auf einer kleinen Terrasse und überblicken von da aus ein weites Tal mit zwei zierlichen Seen. In unzähligen Mäandern schlängelt sich ein glitzernder Bach durch die grüne Talsohle, bis er ganz am Talende in einem Krüppel-tannenwald verschwindet. Kühn strotzt der granitene, schwarze Mount Tombstone darüber. Martyn hat ihn vor zwei Jahren erstbestiegen. In unsere Richtung schickt dieser Hauptgipfel eine wilde Turmreihe aus. Granitwände und Türme, lotrechte Pfeiler und gezackte Grate kränzen die eine Talseite bis zu unserem Lagerplatz, und wenn wir uns drehen, blicken wir unmittelbar auf Mount Monolith, einen Granitklotz, elegant geschwungen, kompakt wie Eisen, phantasievoll gekrönt. Links und rechts davon Türme und Spitzen noch und noch. Nebelfetzen jagen wild darum herum, hüllen die Gipfel in gespenstische Schleier.

Die nachmittägliche Erkundungstour beginnt mit einem Hagelwetter zehn Minuten nach Abmarsch. Da ist es das beste, vergnügt zu lachen. Aber wo hat dieser Mount Monolith seine schwache Stelle? Seine uns zugekehrte Wand jedenfalls zeigt keine Spalte und nicht den feinsten Riss, selbst nicht für modernste amerikanische Minia-turfelshaken. Vielleicht ist er über seine Nachbartürme zu erobern. Wir steigen über Schnee zu einem Pass auf. Doch begeistert uns vorerst nicht der Anblick des Mount Monolith, sondern die Szenerie des jenseitigen Tales. Jäh stürzt die zerklüftete Wand gute 200 Meter zu einem leicht gekrümmten Tale ab. Rund um dessen Tundrawiesen reihen sich wuchtige Felsberge; jedem Gipfel 13 Yukon-Territorium, Kanada: Mount Alverstone in der16 Mount Monolith und rechts davon das « Crematorium » Saint Elias Range ( siehe Aufsatz S. J2, 2. Quartal IQ77 ) 17 Arktische Sommernacht über der Tombstone Range 14 Tombstone Mountains: Mount Monolith mit Nachbarn, ein Kletterparadies, wo die Routen erst noch eröffnet werden 18 Pfeiler und Wände, unbegangen, führen zu namenlosen müssenGipfeln 15 Mount Tombstone sind kleinere Türme zugesellt. Schneefelder lockern den Übergang vom Grün der Wiesen zum Schwarz der Felsen. Ist dieses Schwarz schuld an den vielen Friedhofnamen dieses Gebirges: Tombstone, Gravestone-Gletscher, The Crematorium? Oder führen diese Namen nur auf Robert Services Goldrauschzeit-Gedicht « The Crema-tion of Sam McGee » zurück? Die Hügelzüge, welche sich gegen die Niederungen verlieren, tragen alle ihre besonderen Farben, weiche Tönungen in Violett, Rosa, Braun und Gelb. Sanft grün schimmern die Hügel in weiterer Ferne.

Der Weg über die Türme zum Mount Monolith strotzt von zerzauster Wildheit. Brüchiger Fels auf der Rückseite macht die Schwierigkeit der Route sogar gefährlich. Aber schön sieht dieser Weg aus, kühn über lotrechten Fluchten. Sicher wäre dies eine spannende Kletterei. Im Wechsel von Sonnenschein und Regenschauern rutschen wir die Schneefelder wieder hinab zum Fuss des Mount Monolith. Durch ein steiles, firn-bedecktes Couloir erreichen wir die Rückseite des Berges und torkeln im Schneematsch den kurzen Gravestone-Gletscher hinab. Welch ein verwandelter Anblick des Mount Monolith! Unterbrochen von Bändern, zerrissen von engen Schluchten und breiten Spalten, steilt sich die Wand breit zu seinem Gipfel und seinem südlichen Nachbarn, dem « Crematorium », auf. Schade, dass der Fels brüchig ist! Aber hier muss unsere Chance liegen.

Zurück im Lager, startet Alan den Kocher. Seine Kochkunst ist unerreicht: Eintopf herrscht nicht nur vor, sondern ist ausschliesslich, ob 's zu-sammenpasst oder nicht. Besondere Würze erhalten Tee und Kaffee, weil das Wasser im gleichen Geschirr wie das Menü gekocht wird, das seinerseits Suppenaroma erhält, denn vorheriges Auswaschen ist nicht gefragt. Ich greife nur am ersten Tag ein. Skorbut oder Auszehrung bleiben uns jedenfalls erspart. Dass Alan die schmutzige alte Golfmütze, die er nicht vom Kopf nimmt, als er sich in den Schlafsack kuschelt, beim Erwachen immer noch trägt, deutet aufeinen ruhigen, tiefen Schlaf.

Photos Chlaus Lötschcr, Littau Der späte Aufbruch am kommenden Morgen ist unwichtig. Die Julisonne scheint warm; ballige Wolken, welche immer wieder kurze Regenschauer bringen werden, hängen tief. Und die Nacht wird hell sein, unsere Route, auf der Nordseite des Berges liegend, ohnehin nur in den ersten Tagesstunden beschienen. Wozu also eilen?

Martyn und Salwyn, Alan und ich binden uns an die Seile. Die ersten 40 Meter werden mir, dem « Ausländer », übergeben. Risse wechseln mit Platten, und immer wieder Quergänge. Beim zweiten Zwischenhaken schlage ich mir auf den Daumen... Das Gestein ist sehr brüchig. Die Kletterei, anfänglich nicht allzu schwierig, steigert sich in der fünften Seillänge zum V. Schwierigkeitsgrad. Alan packt diesen Überhang prächtig an, quetscht Aluminiumkeile in die Spalten. Nachdem die abgewetzten Schuhe mit den geplatzten Fersennähten über mir verschwunden sind, gleitet das Seil noch einige Meter; dann hämmert Alan die Standhaken. Der Felsbauch drückt mich ordentlich nach hinten; der Griffam gewünschten Ort bricht los. Der runde Griff in der Spalte ist der richtige, wenn auch kaum zu halten. Doch einmal darüber, wird die Kletterei wieder leichter - schuhbreite Risse, einmal eine kleine Schlucht, unangenehm nass und lehmig; darauf dachziegelartig geschichteter Fels, mit Moosbüscheln bespickt. Etwa der dritte Regenschauer bringt Hagelkörner und Graupeln; doch trocknet der Fels schnell wieder. Ein pfundiger Stein knallt auf meinen Helm und meine Schulter. Auf abschüssigem Schuttplätzchen warten Alan und ich auf die beiden andern, weil die Haken ausgegangen sind. Wir erkennen, dass wir nicht direkt zum Mount Monolith aufsteigen können. Ein gewaltiger Felsbruch hat mächtige, sauber geschliffene und kantig gebrochene Überhänge zurückgelassen. Unter ihnen endet ein Querungsversuch, den ich über der kleinen, nassen Schlucht wage. Die Route läuft schliesslich in einer Lücke zwischen Mount Monolith und dem « Crematorium » aus. Kurz vor Mitternacht schwinge ich mich auf die Gratkante. Ein kühler 13

19 Namenlose, grösstenteils unbestiegene Granitberge westlich Mount Monolith 20 Mount Tombstone, etwa 2330 Meter; er gab diesem Teil der Ogilvie Mountains den Namen « Tombstone Range » Photos Chlaus Loischer. Lilian 21 Huayana Potosi, 6088 Meter; die Aufstiegsroute in der Südostflanke Photo Franz Baur, München Wind von der anderen Talseite her lässt mich leicht frösteln. Wenige Meter noch zum « Steinmannli » auf dem Crematorium.

Und zum Mount Monolith? Bei seinem Anblick stockt uns der Atem schon ein wenig, und für Salwyn - dies ist seine erste grosse Felstour - bedeutet er das Ende seines Vorrates an Mut. Da ragt ein Turm gute fünfzig Meter hoch auf. Die Überhänge sind zwar mit Rissen durchzogen, aber... mit Steigbügeln liessen sie sich wohl überklettern. Doch wie zurück? Abseilen? Ja - aber die Überhänge sind höher als die Seile lang. Früher auf die Kante pendeln? Nicht zu machen! Die andere Seite des Turmes? Überhaupt nicht möglich, viel zu gefährlich, senkrechter Fels voll abgebrochener Platten. So zeigt sich auch die Clown-nase des Hauptgipfels. Martyn möchte es zwar um alles in der Welt versuchen; doch dann überzeugt auch er sich, dass die Ausrüstung, die wir mit uns führen, einfach nicht genügt.

Auf körperbreitem Grat über düster gewordenen Abgründen schlummern wir in den neuen Tag hinein. Wir verfolgen das fast eilig scheinende Wandern der mitternächtlichen Sonne knapp hinter dem rot leuchtenden Horizont. Die Augen wandern wieder und wieder über die fahl beleuchteten Hügelketten zum fernen Licht. Irgendwo nördlich hinter einem dieser unzähligen Buckel liegt das Indianerdorf Old Crow, die nördlichste Siedlung des Yukon. Danach folgt unbewohntes Land bis zum Polarmeer, an dessen Küsten einsame Jagdcamps der Eskimos liegen, wo die sturmumbrausten Häuser der aufgegebenen Siedlung auf der Herschel-Insel langsam zerfallen. Walfänger hatten im vergangenen Jahrhundert dort neben den erdvertieften Häusern der Eskimos überwintert. Die Gedanken schweifen ab... Sehnsucht und Träume, Erinnerungen und Wünsche füllen den Kopf. Neue Pläne? Ewiges Wandern!

Bevor das Licht uns trifft, beginnen wir mit dem Abseilen. Sechsmal gleiten wir die Wand hinab. Auf halbem Weg blitzen blutrote Strahlen zwischen zwei Gipfeln durch und entzünden den Fels 22 Die beiden alten Vulkane »Los Payachate », knapp 6000 Meter hoch. Der linke im Bild ist bereits auf chilenischem Boden 23 Nevada Sajama, 6540 Meter, Bolivien. Unsere Aufstiegsroute in der Nordwand, die sog. Franzosenroute; LLager 1 auf4700 Meter; L2 auf5200 Meter undL3 auf 6000 Meter. Im Vordergrund das Indiodörfchen Tomarapi ( 4200 m ) Photos Marcel Knurr, Zürich des Mount Monolith. Kurzes Staunen und Schweigen - dann hallen Alans Hammerschläge wieder zu uns dreien herauf. Die Sonne hat sich auf ihrer fast horizontalen Wanderung wieder hinter Bergen versteckt, um darauf, als wir am Fuss des Berges stehen, mit breitem Licht den neuen Tag zu durchwandern. Im Schatten der Felsen stapfen wir müde den Gravestone-Glet-scher hinauf zur engen Lücke und eine halbe Stunde lang auf den Schuhspitzen das eisige Couloir hinab ins andere Tal zurück zu den Zelten. Ein Erdhörnchen verschwindet zwischen den Nahrungsmitteln in einer engen Spalte. Alan beginnt zu kochen.

Regen weckt uns am späten Nachmittag, im Sonnenschein kochen wir unter dem grossen, überdachenden Felsblock, um dann erneut bei schwerem Regen wieder in die Zelte zu verschwinden. Regen, Sonne, Regen, in schnellerem oder kürzerem Wechsel, das ist das Wetter der verbleibenden zwei Tage.

Ich liebe die kurzen Wanderungen über blumige Tundrawiesen. Vereinzelt leuchten helle Elchgeweihe zwischen Moosen und Felsblöcken auf. Der braune Mount Monolith spiegelt sich in kleinen Tümpeln. Eine schwarze Wolke spannt sich übers Tal; darunter hängt wie ein seidener Schleier der fallende Regen, während von hinten heitere Sonnenstrahlen ihn durchleuchten. Mit dem warmen Sonnenschein kriechen auch immer wieder die Moskitos aus ihren Verstecken. Martyn zählt während des Essens seine « Totschläge ». Es sind 63! Salwyn und ich zählen nicht, wir schlagen nur zu. Alan mit Golfmütze lacht und fuchtelt mit.

Am Sonntag eilt es uns mit dem Abmarsch nicht; wir wissen, dass uns eine harte Prüfung bevorsteht, nämlich: durchs weglose Tal zur Strasse zu gelangen! Die Sonne lacht, und das Abschiednehmen von einer so einsam-eindrücklichen Landschaft und von so sorglosen Tagen ist nicht leicht. Endlich schreiten wir, von turmhohen Rucksäcken geplagt und von schweren Regenwolken bedroht, talaus. Solange sich Tundrawie- sen ausbreiten, ist der Marsch vergnüglich. Immer wieder schweifen unsere Blicke zurück zu « unsern » prächtigen Felswänden und Türmen. Zu früh prasselt der Regen herab. Holziges Gebüsch wird so hoch, dass wir es nicht mehr überblicken können. Die regennassen Zweige klatschen ins Gesicht. Nass durch und durch, suchen wir Trampelpfade der Tiere, um das geschlossene Dickicht zu durchdringen. Die Schuhe sinken im schlammigen Boden ein. Wir suchen nicht mehr nach freiliegenden Steinen, um Bäche zu durchqueren, trampen vielmehr unbekümmert hinein ins Wasser — auf der andern Seite wieder hinaus. An unseren Rucksäcken klappern Felshaken und Aluminiumbecher; das ergibt ein wirkungsvolles Geräusch, um mögliche Grizzli- oder Braunbären frühzeitig vor uns zu warnen. Sie haben es nicht gerne, wenn sie plötzlich erschreckt werden. Kot und Fussabdrücke erzählen jedenfalls von ihrer Anwesenheit, aber auch von Luchs, Moose ( nordamerikanische Elchart mit breitem Schaufelge-weih ), Fuchs und Hase. Meine aufgeweichten Fussohlen schmerzen.

Müdigkeit kann sogar übermütig machen. Wie trinkt man am einfachsten aus einem Fluss? Indem man hineinspringt. Martyn ist der erste.

Danach durchqueren wir den Wald. Niedrige Tannen im Permafrostboden. Vom Auto trennt uns noch ein gut hundert Meter breites, teils schneebedecktes Flussbett. Wir waten hindurch. Feuerlilien flammen. Sonnenstrahlen brechen durchs Gewölk. Moskitos surren und stechen. Die Berge sind weit hinter uns verschwunden. Ein Reifen des Autos verliert die Luft... Mount Monolith bleibt unbestiegen. Ich werde ihn wohl nie wiedersehen.

Feedback