Oswald Heer als Gebirgsforscher

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Oswald Heer als Gebirgsforscher Vortrag, gehalten am Clubfest 1889, Sonntag den 18. Augnst im Rathhaussaal in Zürich, TOB C. Schröter.

Es war heute vor bald 18 Jahren, am 3. September 1871, als von derselben Stelle aus den andäch-tig- lauschenden Clubgenossen das Lebensbild eine » schweizerischen Alpenforschers vorgeführt wurde. Der Verfasser war Oswald Heer und das Lebensbild, welches er entwarf, dasjenige Hans Conrad Escher's von der Linth, unter dem Titel: „ H. C. Escher v. d. L. als Gebirgsforscher ". 12 Jahre später, am 27. Februar 1883, beklagte das Vaterland, beklagte unser Verein, beklagte die ganze wissenschaftliche Welt den Verlust des berühmten Naturforschers und trefflichen Menschen. Ich will versuchen, Ihnen heute sein Wirken als Gebirgsforscher vorzuführen. Es ist eine fast vergessene Seite des enormen Lebenswerkes unseres fruchtbaren Landsmannes. Das wissenschaftliche und das gebildete Laienpublikum spricht fast nur von Heer als dem Erforscher der vorweltlichen Pflanzen; seine „ Urwelt der Schweiz " ist in Aller Händen und seine Forschungen über die fossile Flora des hohen Nordens haben ihm im Auslande zu hohem verholfen; über dem Glänze dieser Arbeiten seines spätem; Lebens hat die Welt die bedeutenden Verdienste fast vergessen, die Heer im Beginn seiner fast 60jährigen Forscherlaufbahn um die Erforschung der Alpenwelt sich erwarb. Der Alpenclub hat diese Verdienste wohl gekannt und Heer dafür zu seinem Ehrenmitglied ernannt. Vielen aber unter Ihnen mögen sie unbekannt sein: lassen Sie uns heute denselben nachgehen und zugleich das anmuthige, wohlthuende und erhebende Bild des ganzen Menschen entrollen, das Bild meines unvergeßlichen Lehrers, wie es mir unauslöschlich in die Seele gegraben ist.

Diejenigen unter Ihnen, die das Folgende schon aus der vor zwei Jahren erschienenen Biographie O. Heer's ' ) kennen, mögen mich entschuldigen, daß ich dieses Thema wählte.

Das heutige Fest, wo aus allen Gauen der Schweiz die Clubgenossen zusammenströmen, um in gegenseitigem Gedankenaustausch neue Begeisterung für unsere gemeinsamen Zwecke zu schöpfen, schien mir eine treffliche Gelegenheit, das Andenken eines Pionniers der Alpenforschung wieder aufleben zu lassen. Außerdem mag mir zur Rechtfertigung dienen, daß das Wirken O. Heer's gerade als Gebirgsforscher in jener Biographie nicht zusammenhängend behandelt ist Und nun zur Sache!

Oswald Heer stammt aus der bekannten, weit- verzweigten Familie des Kantons Glarus, die eine Reihe bedeutender Staatsmänner hervorgebracht hat. Er wurde im Jahr 1809 in Niederutzwiß im Toggenburg geboren, wo sein Vater damals Pfarrer war. Im Jahr 1811 zog derselbe nach Glarus: er hatte einen Ruf als Director an die dort neu zu gründende höhere Knabenschule erhalten, dem er bei seinen ausgesprochenen pädagogischen Neigungen gerne folgte. Im Jahr 1816 siedelte er dann als Pfarrer nach Matt im Sernfthal über, wo er 25 Jahre lang äußerst segensreich wirkte. Heer's Vater war ein thatkräftiger Mann, der nach allen Richtungen das Wohl des Klein-thai » zu fördern suchte: er setzte den Bali einer Fahrstraße nach Schwanden durch, er bracht« eine bessere Ordnung und Aufsicht in die Ausbeutung der Schieferbrüche am Plattenberg, er bemühte sich unter großen Schwierigkeiten und Kämpfen namentlich um die Hebung des Schulwesens in Matt und Engi; wie wenig Verständniß er dafür bei manchen seiner Ge-meindeglieder fand, geht u. A. daraus hervor, daß in der Gemeindeversammlung Einer sich beklagte, der Herr Pfarrer wolle in der Schule das Zeittyort lehren, und doch gehöre dorthin Gottes Wort.

Oswald blieb im väterlichen Haus in Matt bis zu seinem Abgang nach der Universität im Jahr 1828. Der Vater unterrichtete ihn selbst in den humanistischen Fächern und der Mathematik. Sein Biograph sagt von dieser Jugendzeit Heer's: „ Eine wunderbar schöne und glückliche Jugendzeit durfte Oswald Heer in dem abgelegenen Kleinthal verbringen. Wie ein Paradies stand ihm noch in den spätesten Zeiten jenes Oswald Heer als Gebirgsforscher.416 frische, fröhliche Treiben in Matt vor Augen, und so gerne versetzte er sich in seiner Erinnerung in jene Jahre fleißigen Lernens, emsigen Forschens in Bergen und Thälern, in jene Zeiten voll überschäumender Jugendlust. Ein Hauch wahrhafter Poesie lag über jener idyllischen Jugendzeit. "

Emsig wurden die alten Sprachen getrieben, die unserem Oswald viel Mühe machten er lernte so schwer auswendig und die trockene Formenreiterei am Beginne dieser Studien wollte seinem auf die Beobachtung der lebenden Natur gerichteten Sinn wenig zusagen. Um so stolzer war er denn auf die errungenen Kenntnisse und streute in seinen Briefen lateinische'Brocken ein, wo er konnte: So schrieb er z.B. als lOjähriger Junge an seinen Vetter Christof folgenden köstlichen Brief: 17. März 1819. Mi care Cristofore! Ich will Dir den Robinsonem schicken, wann Du willst. Er ist ein sehr pnlcher liber ( schönes Buch )... Es haben nobis ( uns ) drei caprae ( Ziegen ) vier pullos ( Zicklein ) gebracht. Die ältere ovis ( Schaf ) hat 2 pullos gebracht; jetzt müssen nobis noch 2 caprae pullos bringen. Es ist- jetzt hier wenig nix ( Schnee ) et pulchrum ( schön ) Wetter. Sol scheint sehr warm... Wir sind jetzt, Deo sei laus, omnes sani ( Gottlob Alle gesund )... Ich grüße Dich et tuos parentes viel tausend Mal und bleibe tue fidelis patrnelis Oswaldus Heerius.

In dem mathematischen Unterricht ließ es der Vater auch nicht an praktischen Uebungen fehlen. Die Söhne mußten ihm bei den Vermessungen für die Straße nach Schwanden helfen und er ließ durch sie eine 16,000 Fuß lange Basis auf dem Bergrücken zwischen Guiderstock und Weißmeilen abmessen. Dabei paseirte eine lastige Geschichte. Ein Windstoß entführte ihnen nämlich ein Blatt Papier mit Winkelmessungen und allerlei Berechnungen, wie sie fürchteten, auf Nimmerwiedersehen. Da brachte ihnen nach einigen Tagen ein Aelpler dies Blatt wieder mit der Bemerkung: Hier sei ein Brief, der vom Himmel gefallen und der daher wohl in 's Pfarrhaus gehöre.

Früh schon zeigten sich bei dem jungen Heer,die Liebhabereien für Alles, was da kreucht und fleucht, in Haus und Hof, in Feld und Wald, auf Fels und Alp. Er nahm sich der Ziegen an, der Bienenstöcke, er zähmte sich Füchse, Elstern, Krähen; er ging eifrig auf die Insectenjagd und von seinem 18. Jahr an auch auf die Pflanzensuche. Das Kleinthal wurde nach alle » Richtungen durchstreift, er bestieg den Gantstock, den Heustock und beging den Segnespaaber auch weitere Excursionen unternahm der Vater mit den Jungen, die dabei oft ganz tüchtige Märsche machen mußten; so gingen sie einmal an einem Tag, von Morgens 3 bis Nachts 11 Uhr, von Matt aus über Engi, Mühlebachtobel, Widdersteiner Furkel, Murgseen, Mürtschenalp, Meerenalp, Kerenzen, Mühlethal, Mollis, Netstall nach Glarus! Der Vater gab seinen Söhnen keine festgesetzten Ferien: wenn aber ein schöner Tag anbrach, dann wurde aufgepackt und in die Berge gezogen. Wenige Stellen gibt es im Kleinthal, die Heer nicht durchstöbert hat. Auch die meteorologischen Erscheinungen seines Heimatthaies interessirten den jungen Naturforscher: es finden sich während 2 lk Jahren fortgesetzte Aufzeichnungen darüber in seinen Notizen, die oft sehr ausführlich sind.

Im October des Jahres 1828 bezog Heer die Universität Halle, wo er nach dem Wunsche des Vaters und aus eigener Neigung Theologie studirte. Aber daneben trieb er eifrigst seine naturwissenschaftlichen Liebhabereien weiter: sammelte namentlich Insecten und verkehrte mit zahlreichen Naturforschern; auch seine Ferienreisen ( nach Leipzig, nach Hamburg und Helgoland, in den Harz, nach Berlin ) nützte er besonders in diesem Sinne aus. Im April 1831 legte er in St. Gallen die theologische Staatsprüfung ah und wurde als Pfarrer ordinirt. Dann reiste der glückliche junge Priester nach Hause, freudig von den Eltern und der ganzen Gemeinde empfangen.

Zunächst gedenkt er sich von den Anstrengungen des Examens etwas zu erholen. Er hat die vom langen Stnbensitzen etwas steifen Glieder bald wieder eingelaufen und wir sehen ihn im Sommer 1831 emsig wieder die wohlbekannten Höhen seines geliebten Kteinthals erklettern. Er hatte in Halle schon den Entschluß gefaßt, alle für seine naturwissenschaftlichen Liebhabereien zu erübrigenden Stunden auf die Erforschung der Höhengrenzen der Pflanzen und Insecten zu verwenden, worüber aus der Schweiz erst sehr wenige Untersuchungen vorlagen. Diesem Zwecke widmete er in den Jahren 1831 bis 1835 jeden Sommer einige Wochen. Wir wollen diese Alpenreisen, welche neben den Sammeljahren seiner Matter Knaben-und Jünglingszeit die Grundlage seiner Arbeiten 27 über die Alpen bilden, nachher näher betrachten, yorerst aber eine wichtige Wendung kennen lernen, die sein äußeres Leben genommen und die entscheidend fttr ihn werden sollte.

: Heer hatte schon früher, auf einer Reise von Matt aus, in Zürich Herrn Eseber^Zollikofer im Bei-voir, den Vater von Alfred Esober, kennen gelernt » Dieser weitgereiste Mann hatte theils durch eigene » Sammeln, theils dnreh Kauf, theils durch Sammeln-lassen öne außerordentlich reiche Insectensammlung-zusammengebracht, die er nun ordnen zu lassen beabsichtigte. Er brauchte dazu einen in der Entomologie bewanderten Conservato* und sein Blick richtete-sich auf dea kenntnißreichen MatterPfarrereohn^nät dem er seit jenem ersten Bekanntwerden in lebhaften* Tauschverkehr gestanden hatte. Heer sagte zu und rückte am 12. Juli 1832 im Belvoir ein, um sein neues Amt. anzutreten. Die ausschließliche Beschäftigung mit den Iuseeten sagte ihm ungemein zu. Immerhin betrachtete-er diese -Stellung nur als ein Provisorium, immer noch das Pfarramt für seinen eigentlichen Beruf haltende Im October 1832 trat die entscheidende Frage a » ihn heran: die Gemeinde Schwanden bot ibnv die-zweite Pforrstelle ihrer Kirche an, und er hatte sieh nun zu entscheiden, ob er das Pfarramt ergreifen oder bei den Naturwissenschaften bleiben sollte. Er hatte einen schweren Kampf mit sich zu kämpfen: auf der einen Seite standen sein tief religiöser Sin » und eine wirkliche Neigung zum Amt eines Seelsorgers, die Verpflichtungen gegenüber seinem VaterT der einen Lieblingswunsch erfüllt sehen würde, gegen- i . über seinen Geschwistern, denen er in so gesicherter Lebensstellung mehr sein konnte, als bei den unsichern Aussichten der Naturforscherlauf bahn; auf der andern Seite aber seine tief eingewurzelte Neigung zu den Naturwissenschaften: „ Das wußte ich schon lange und fühle es jetzt wieder auf 's Deutlichste, daß ici zu den Naturwissenschaften den meisten innern Beruf habe !" Und darnach fiel auch die Entscheidung aus, die noch befördert wurde durch die vortheilhaften Anerbieten Escher's und die Aussicht, vielleicht an der zu gründenden Zürcher Universität angestellt zu werden.

" Sa'Wurde denn dem Rathsherrn Jenny in Schwanden* ein abschlägiger Bescheid geschickt und Heer blieb bei Eschor.

Seine weitern Lebensschicksale spielen sich in einem so einfachen Eahmen ab, daß wir sie gleich hier anschließen wollen. 1834 habilitirte er sich als Privatdocent für Insectenkunde und Botanik an der neu gegründeten Universität, 1835 wurde er Professor für diese Fächer und er blieb in dieser Stellung ( später nur noch für Botanik ) bis wenige Jahre vor seinem 1883 erfolgten Tode; 1855 kam die Professur für Botanik am Polytechnikum dazu.

Abgesehen von drei größeren Reisen, eine nach Madeira, wo er den Winter 1850/51 zur Herstellung seiner erschütterten Gesundheit zubrachte, eine 1856 zur deutschen Naturforscherversammlung nach Wien, mit A. Escher v. d. L. und Peter Merian, und 1861 nach England, wohin er zur Untersuchung eines Lagers vorweltlicher Pflanzen berufen wurde, blieb er stets in seinem geliebten Zürich. In einem gewissen Sinn giK von ihm durchaus der Aussprach: die Geschichte eines Gelehrten ist die Geschichte dessen, was er geschrieben, aber in einem andern Sinne genügt uns dieses Document durchaus nicht: der Gelehrte Heer ist nur ein Halbes ohne den. Menschen Heer, ohne die herzgewinnende Freundlichkeit, die rührende Bescheidenheit, die bis in 's hohe Alter glühende, jugendliche Begeisterung für alle idealen Bestrebungen, und last not least, ohne die Grundstimmung seines Wesens, die ernstgemeinte und doch kindliche Frömmigkeit.

Gehen wir nun zu unserer Hauptaufgabe über: verfolgen wir Heer bei seinen Wanderungen im Gebirg und suchen wir deren wissenschaftliche Resultate kennen zu lernen.

Heer gibt selbst in seinem später näher zu besprechenden Werke: „ Ueber die nivale Flora der Schweiz ", folgende Uebersicht über seine Alpenreisen.

Im Jahre 1832 wurde am 9. und 10. August der RueheBrGlSrnisch bestiegen. Schon am 13. August folgte die Besteigung des Hausstocks, von wo aus Heer sich für mehrere Tage zu den Hirten auf die Frugmatt begab, in der Absicht, von.da Ausflüge nach dem Kärpf und andern umliegenden Bergen zu machen, um die Höhengrenzen gewisser Pflanzen und Thiere und die durch die Höhe bewirkten Veränderungen derselben zu beobachten.

Im Jahr 1833 widmete er den 9. bis 18. Juli der Untersuchung des Urserenthals und St. Gotthards ( St. Annagletscher, Bäzberg, Nufenen, Pesciora ). Am 25. Juli bestieg er den Monte Camoghé. Vom 29. bis 31. Juli war er am Bernhardin, auf dem Monte Uccello und dem Bergkamm zwischen Misox und Calanca. Den 3. August besuchte er die Zapportalp und die Quellen des Hinterrheins; den 5. bis B. August brachte er in Avers und auf dem Stallerberg, den 9. bis 17. August im Oberengadin, Bernina, Beverserthal, Camogaskerthal ( Val Chamuera ), Lavirum und Sérias und im Thal der Albula zu.

Im Sommer des Jahres 1834 ging er mit Freund A. Escher v. d. Linth am 14. Juli bis auf die Höhe des Panixerpasses, wo sie sich trennten. Heer wandte sich den Valserbergen im Rheinwald zu, ging am 17. Juli über den Splügen in 's Bergell, am 19. über den Maloja in 's Engadin. Am 23. Juli begab er sich in 's Rosegthal und auf die Gletscherinsel, am 28. Juli in 's Camogaskerthal und über die Fuorcla Lavirum in 's Val Livigno. Am 30. Juli überschritt er den Paß nach San Giacomo und nach Sta. Maria im Münster- thal. Von dort ging 's des andern Tags über das Wormser Joch nach Spondalunga. Der 1. bis 4. August war der Untersuchung der umliegenden Berge Piz Umbrail, Monte Braulio und Stelvio gewidmet. Am 5. August wurden der Piz Costainas und Piz Ciantun ( Chantun ) bestiegen. Am 6. und 7. August ging 's durch 's Münsterthal und Scarl nach Fettan. Am 8. August ward der Minschera ( Minschunbestiegen und am 11. und 12. August begab er sich über Scaletta nach Davos, allwo die ausgedehnten und mühevollen Alpenreisen dieses Jahres ihr Ende erreichten.

Noch mühevoller waren die Alpenreisen des Jahres 1835, die Heer auf einige der höchsten Spitzen der Bttndner Alpen führten, welche zum Theil vor ihm noch von keines Menschen Fuß waren betreten worden.

Wieder wurde am 15. Juli der Weg von Matt aus über den Panixerpaß nach Brigete und Disentis genommen. Am 17. Juli reiste er durch das Somvixerthal und über la Greina nach der Alp Scaradra. Am 18. Juli ging 's über den Passo di Sorreda nach Zervreila, am 19. über den Kanalpaß nach Zapportalp, am 21. Juli auf den Splttgen und durch das Yal d' Emet in 's Avers. Am 23. Juli kam er nach Stalla und überschritt den Julier, und am 27. Juli wurde der Pk Lavirum bestiegen. Der 28. Juli führte ihn durch Lirignoi Ofen, nach Zernetz. Am 1. August bestieg tr'den Piz Linard. Der 2. August sah ihn in Lavin, der 5. August im Samnaun. Am 6. August ging 's von Compatsch über den Paß nach Sins, am 7. August auf die Urscheinalp. Von dort wandte er sich dem Bernina zu, und am 12. August erklomm er den noch nie erstiegenen Gipfel des Piz Paltt.

Sie werden vielleicht finden, daß der Umfang der Heer'schen Excursionen ein geringer ist. Aber da will ich Ihnen dreierlei zu bedenken geben.

Ffir's Erste ist es für die wissenschaftlichen Erfolge im Allgemeinen ersprießlicher, die Regel zu befolgen; non multa, sed multum.

Fflr's Zweite dürfen wir nicht vergessen, daß Heer im Beginn der 30 er Jahre eine Reihe von Erleich-terungsmitteln der Alpenreisen nicht zu Gebote standen, die heutzutage das Reisen so bequem machen: keine Eisenbahnen, keine Clubhütten, keine gutgeschulten Specialführer, keine Dufourkarte, kein Siegfnedatlas!

Drittens endlich, und den Beweis dafür will ich Ihnen sofort bringen, sind die wissenschaftlichen Resultate so reichhaltig, so mannigfach, daß wir bedauern müßten, daß Heer nicht Forschungsreisender geblieben ist, wüßten wir nicht, daß er in der Bearbeitung fossiler Pflanzen, in Werken über die Flora der Vorwelt, mit denen er von seinem stillen Studir-zimmer aus die wissenschaftliche Welt überraschte, seine eigentliche Lebensaufgabe gefunden und glänzend gelöst hat.

Von besonderem clubistischem Interesse sind namentlich zwei erste Besteigungen, die Heer ausführte: diejenige des Piz Linard im Unterengadin und diejenige des Piz Palü in der Berninagruppe. Bei der ersten war er von seinem treuen Matter Landsmann Madutz begleitet, dem ständigen Genossen seiner Alpenreisen, bei der zweiten wurde der berühmte Gemsjäger Colani als Hauptführer engagirt. Die Zeit reicht nicht aus, auf diese Leistungen näher einzugehen; Heer hat sie selbst .in lebendiger Weise beschrieben, die erste im Jahrgang III unseres Jahrbuchs, pag. 457 ff., die zweite in der Neuen Alpenpost, 1879, Nr. 5 und 6.

Nur so viel sei gesagt: Es geht aus diesen Erzählungen hervor, daß Oswald Heer in hohem Grad die Eigenschaften eines guten Bergsteigers besaß: Muth, Ausdauer, Sicherheit im Gehen und die Fähigkeit, Entbehrungen zu ertragen.

Welches sind nun die wissenschaftlichen Ergebnisse dieser Alpenreisen?

Wir können sie gliedern in:

;4g4G. Schröter.

1 ) Geographische, 2 ) alp- und forstwirtschaftliche, 3 ) zoologische, 4 ) botanische.

1 ) Unter den geographisch m Resultaten ist in erster Linie zu erwähnen, daß Heer im Jahr 1846 gemeinschaftlich mit J. J. Blumer-Heer ein Buch über den Kanton Glarus herausgegeben hat, als 7. Band der „ Historisch-geographisch-statistischen Gemälde der Schweiz ", unter dem Titel: Der Kanton Glarus, histo-risch-geographisch-statistisch geschildert von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Von den 665-Seiten des Buches hat Heer etwa 385 verfaßt, und zwar folgende Kapitel: die allgemeine Ansicht dea Landes, die „ Erdbeschreibung ", das Klima, die Pflanzen- und Thierwelt, die Alterthümer, die Cha-rakterschilderung der Bevölkerung, die Ortsnamen, die Kleidung und Nahrung, Landbau, Alpwirthschaft und Forstbau, Jagd und Fischerei, Bergbau, Fuhrwesen, Schifffahrt, die Wirthschaften, Handwerke, Münzen, Maße und Gewichte, die Straßen und Gebirgspässe, Post-, Finanz-, Sanitäts- und Schulwesen, und endlich die Beschreibung der einzelnen Berge und Alpen.

Das Meiste beruht auf eigener Beobachtung. So-z.B. die Höhenmessungen. Heer führte bei allen seinen Touren ein Fortin'sches Reisebarometer bei sich, das er von Zeit zu Zeit durch Prof. Horner in Zürich revidiren ließ; von den 156 in obigem Buche aufgeführten Messungen stammen 72 von Heer.

2 ) Zum Nutzen und Frommen seines engern und weitern Vaterlandes wendete Heer seine Beobach- tungen in den Alpen auch zur Abfassung von alp-und forstwirthschaftlichen Arbeiten an. Denn er war kein in aristokratischer Unnahbarkeit auf seiner Studirstube sich abschließender Gelehrter; er suchte namentlich im Anfang seiner wissenschaftlichen Laufbahn seine Forschungen dem Wohle des Vaterlandes direct dienstbar zu machen.

In einem Aufsatz liber „ die Holzzucht im Ge-birge1843 ) gibt er eine Menge praktischer Winke über die Wiederaufforstung entwaldeter Flächen im Hochgebirge. In dem Buche über den Kanton Glarus, wo er namentlich seine engem Landsleute zu Ver-bessOTBögen in ihrem Ländchen anregen wollte, bespricht er besonders einläßlich die alpwirthschaftlichen Verhältnisse. Es ist das die erste derartige Darstellung, die als Muster für alle folgenden gedient hat und den Anstoß zu der trefflichen Alpgesetzgebung des Kantons Glarus gab. Es verlohnt sich wohl, hier etwas näher darauf einzugehen.

Heer gibt zunächst eine auf die Alpenurbarien im Jahre 1710, 1722, 1809 und 1843 gegründete Uebersicht der Bestoßung, des Besatzes mit Vieh ( ein „ Stoße isti die fttr die Sommerung einer Kuh nöthige Weidefläche ). Die Bestoßungszahl hat stets abgenommen. Die Abnahme betrag:

Von 1636-1710, also in 74 Jahren: 452 Stoße, „ 1710^1771,616121771-1809,38 „ 260180.9-1843,34 „ 1936 „ Die Ursache dieser starken Absahme'ist eine doppelte: hauptsächlich die Umwandlung der Weide io Henberge ( Mähewiesen ), in geringerem Grade die Schädigung der Weide dureU Naturereignisse ( Verwilderung ).

Mit der Umwandlung der Weide in Mähewiesen hat es nun folgende Bewandtniß: Die Weiden liefern im Allgemeinen das Sommerfutter, die Mähewieseji das Winterfutter, die „ Winterung ". Je nach der Haupt-production des Landes ist der Bedarf am einen oder andern größer. Vor dem Einzug der Industrie war die Viehzucht die Hauptbeschäftigung der Glaraer; man zog das Vieh auf den Alpen auf und verkaufte es dann im Welschland: daher großer Bedarf an Sommerung, daher das Bestreben, die Alp weide auszudehnen. Mit dem Berrschendwerden der Industrie wuchs die Bevölkerung, man brauchte mehr Kühe im Thal, also mehr Winterung; da der Thalboden mehr und mehr in Ackerland verwandelt wurde, mußte man dits Hea von den Alpen holen, mußte die Alpweide in Heuberge verwandeln. Die starke Abnahme der Weide von 1809—1843 am 1936 Stöße beruht ausschließlich auf diesem Proceß.

Heer fragt hHn: ist diese veränderte Benutzungs-weise eines Theiles der Alpen ein nationalökonomischeT Vortheil für das Land oder nicht? Er stellt hier mit großer Umsicht und einer Sachkenntniß, die dem erfahrensten Alpwirthschaftler Ehre machen würden, die Zahlen, die er durch Umfrage und Quellenstudien sorgfältig eruirt hat, einander gegenüber und kommt zu folgenden Schlüssen:

1. Für die Alpen selbst ist das Heuen zweifellos ein Schaden: es wird nur Stoff weggeführt, dem Boden nichts ersetzt ( denn die H«uberg& werden nicht ge- .düngt ); der Boli verarmt, das Stammkapital der Alpwirthschaft verringert sich » 2 Für das Thal ist das Heuen auf den Alpen insofern ein Vortheil, als dann mehr Vieh gewintert werden kann und dadurch mehr Dünger für die Saaten gewonnen wird.

3. In der Gesammtproduclion des Landes aber bedingt die Anlage von Heubergen eine Verminderung, indem der Werth des gewonnenen Heues bedeutend geringer ist, als der Werth der beim Weiden gewonnenen Milchproducte.

Wie nun aber helfen? Woher die so nöthige Winterung für das Vieh nehmen? Heer antwortet auf diese Frage vor 40 Jahren mit demselben Rathe, der heutzutage das Feldgeschrei unserer Landwirthe geworden ist: Wirtschaftet intensiver, dünget eure Thalwiesen, sucht auf derselben Fläche mehr Futter zu produciren.

Als zweite Ursache der Abnahme der Alpweide-fläche bezeichnet Heer die Verwilderung der Alpen. Er berechnet, daß in 130 Jahren die Glarner Alpen dadurch circa 1500 Stöße verloren haben, was einem jährlichen Productionsausfall von circa Fr. 100,000 entspricht. Als Ursache dieser Verwilderung klagt Heer das Abholzen der Gehänge im Gebirge an, das eine vermehrte Runsenbildung und stärkere Abschwemmung des Weidebodens zur Folge hat. Als Mittel zur Abhülfe schlägt er die Verbauung der Runsen, die Bepflanzung derselben und die Anzucht der Bergföhre und Alpenerle an lawinengefährdeten Stellen vor. Heer ' gehört also mit Kasthof er, Marchand und Lardy zu den Ersten, welche die Schäden der Waldverwüstung im Gebirge richtig erkannt und auf eine bessere Waldpflege in den Bergen als ein erstes Mittel zur Hebung der Alpwirthschaft hingewiesen haben. Hier hat Prof. Landolt später das Erbe Heer's angetreten und das eidgenössische Forstgesetz vom Jahr 1876 hat solchen Bestrebungen einen kräftigen Anstoß gegeben. Die Vorschläge Heer's zur Hebung der Alpwirthschaft sind alle, wiederum durch das Medium des Herrn Prof. Landolt, in das Programm des 1864 gegründeten, lauge von Schatzmann geleiteten alpwirthschaftlichen Vereins aufgenommen vordem So haben wir den großen Kenner vorweltlicher Pflanzen, den spätem Studirstubengelehrten, als einen der ersten unter jenen gemeinnützigen Männern isa nennen, die mit offenem Auge die Schäden unserer Forst- und Alpwirthschaft erkannten und mit freiem Wort auf ihre Hebung drangen.

3 ) Die zoologischen Ergebnisse der Alp Wanderungen Heer's sind namentlich in folgenden Schriften niedergelegt:

1836: Die geographische Verbreitung der Käfer in den Schweizeralpen. Der Einfluß des Alpenklima's auf die Farbe der Insecten. Beide Abhandlungen erschienen in Mittheilungen aus dem Gebiet der theoretischen Erdkunde, von Fröbel und Heer.

1838—1842: Fauna coleopterorum Helvetica.

1845: Ueber die obersten Grenzen des pflanzlichen und thierischen Lebens in unsern Alpen ( Neujahrsblatt der Zürcher naturforschenden Gesellschaft ).

1846: Der Kanton Glarus: Thierwelt.: Sie sehen, diese Arbeiten beziehen sich ausschließlich auf die Insectenwelt: Heer war eben im Anfang seiner wissenschaftlichen Laufbahn mehr Entomolog als Botaniker. In der ersten Schrift gibt er die- erste Uebersicht über die Höhenverbreitung der Käfer; von allgemeinem Interesse ist die neue Beobachtung, daß viele Arten großer Höhen flügellos sind, so daß dasselbe Genus, welches in der Ebene geflügelte Arten besitzt, in den obern Regionen aus ungeflügelten Arten besteht.

In dem Neujahrsblatt beschreibt Heer 11 von ihm entdeckte neue Insectenarteh und 1 neue Pflanzenart der Schneeregion.

4 ) Am wichtigsten sind die botanischen Ergebnisse der Alpenreisen Heer's. Sie sind vorzugsweise in folgenden Schriften niedergelegt:

1836: Die Vegetationsverhältnisse des südöstlichen Theiles des Kantons Glarus ( erschienen: in Fröbel und Heer, Mittheilungen aus dem Gebiet der theoretischen Erdkunde ).

1343: Ueber Holzzucht im Gebirge ( siehe oben ) 5, in diesem Aufsatz legte Heer seine zahlreichen Beobachtungen über die horizontale und verticale Ver-, breitung der Holzpflanzen der Schweiz nieder, die jetzt noch die umfassendsten und systematischsten sind und allen seitherigen Publicationen über diesen Gegenstand zu Grunde liegen.

1843: Landwirthschaftliche Bemerkung auf einem Ausflug in die Alpen ( Schweizerische Zeitschrift für Landwirthschaft und Gartenbau, I ). Diese Arbeit ent- hält zahlreiche Angaben aber die Grenzen der Cultur-pflanzen im Kanton Graubänden.

1845: Das schon erwähnte Neujahrsblatt: Die obersten Grenzen des pflanzlichen und thierischen Lebens in den Schweizeralpen.

1846: :'Der Kanton Glarus: die Pflanzenwelt, Auf Seite 121—158 ist eine, soweit es damai« möglich war, vollständige Darstellung derselben gegeben, von den Bäumen bis herab zu den Pilzes, Flechten and Algen, die Vertheilung derselben nach Regionen, nach Standorten, nach Bodenarten beschrieben and das Verhältniß ,zn den Floren benachbarter Kantone dargestellt.

1884: Ueber die nivale Flora der Schweiz.

Wir wollen zwei dieser Arbeiten, die erste größere pflanzengeographi&che Heer's ( 1836 ) und die letzte aus diesem Gebiet ( 1884 ), etwas näher betrachten.

Die Pflanzengeographie befand sich zur Zeit der Abfassung der ersten Schrift noch in den Windeini Es hatte der Begrttnder dieser Disciplin, Alexander v. Humboldt, auf seine reichen Reiseerfahrunge » gestützt, 1809 eine großartige Uebersicht über die Vertheilung der Gewächse auf der Erde unternommen:. er Tiatte zum ersten Male die Pflanzenzonen und -Regionen in umfassender Weise abgegrenzt, die Abhängigkeit der Pflanzenvertheilung von den Wärmeverhältnissen dargestellt. Nun galt es, diesen großartigen Rahmen auszufüllen, durch fleißige Einzelforschung jeder Pflanze die richtige Stellung im Nebeneinander der Zonen, im Uebereinander der Regionen anzuweisen. Heer hatte dafür in seinem heimatlichen.

Gebirgsthal einen dankbaren Boden: und so stellte er- sieh.denn die Aufgabe, den Einfluß'der klimatischen und Bodenverhältnisse auf die Vertheilung Gewächse im Sernfthal zu studiren. Einen Vorläufer für die Schweiz hatte er nur in dem genialen Schweden Wahlenberg, der sich im Jahr 1812 einen Sommer lang- ìe Zürich aufgehalten und in dieser kurzen Zeit eine Reihe der wichtigsten Thatsachen über die Regionen der nördlichen Schweiz ermittelt hatte.

Die Arbeit Heer's zerfällt in zwei Haupttheile: im ersten werden die äußern Momente besprochen, welche auf die Vegetationsverhältnisse einwirken; es wird das Glarner Kleinthal ( denn auf dieses bezieht sich das Werk ) topographisch, orographisch und hydrographisch geschildert, es werden nach eigenen Beobachtungen seine klimatischen Verhältnisse beschrieben. Von besonderem Interesse sind hier die Daten über die Wirkung des Föhns, der im Kleinthal eine große Rolle spielt.

Im zweiten Hauptabschnitte wird die Pflanzendecke der einzelnen Regionen und Standorte einläßlich nach allen wichtigen Verhältnissen geschildert. Noch heute, nach 50 Jahren, wird diese Arbeit von den Pfünzengeographen als Muster sorgfältiger Beobachtung und klarer Gliederung gepriesen und die in derselben aufgestellten Standorts- und Regionenbezeich mungen gelten suo'h heutzutage noch.

Zwfeohen dieser ersten pflanzengeographischen Arbeit Heer's and seiner letzten, 1884 erschienenen, über die nivale Flora der Schweiss liegt beinahe ein halbes Jahrhundert, und wie hat Heer diese Arbeits- zeit'ausgenutzt! Er hat in dieser Zeit eine Reihe von grundlegenden, geradezu monumental zu nennenden Werken über die Insecten und namentlich die Pflanzen der Vorwelt geschaffen, die seinen Namen für alle Zeiten unsterblich machen werden. Es sind folgende: 1- Die Insectenfauna derTertiärgebilde von Oeningen und Radoboj ( erschienen von 1847 — 1853 in den Denkschriften der schweizerischen naturforschenden Gesellschaft ); 464 vorweltliche Insecten beschrieben, sind in diesem Werk nach neuer, von ihm .selbst gefundener Methode bestimmt und auf 40 Tafeln illustrirt.

2. Die Tertiffrflora der Schweiz; in 3 Fofiobänden 920 vorweltliche Pflanzen beschreibend und auf 156 Tafeln abbildend.

3. Die Urwelt der Schweiz, die allbekannte, meisterhafte, populäre Darstellung der geologischen Geschichte des Schweizerlandes ( 1. Auflage 1865, 2. Auflage 1870 ).

4. Die fossile Flora der Polarländer. 7 Foliobände mit circa 400 Tafeln ( 1868—1883 ), Es ist hier nicht der Ort, diese Verdienste Heer's näher zu beleuchten. Nur so viel:

Ihm verdanken wir Alles, was wir über die fossile Flora der Schweiz wissen.

Ihm verdanken wir Alles, was wir liber die vorweltlichen Floren der arctischen Region wissen. Diese Forscherarbeit Heer's auf dem Gebiet der fossilen Polarflora führt uns ein erhebendes Bild aus dem geistigen Leben unserer Tage vor Augen, ein wohl-tliuendes Schauspiel internationaler Freizügigkeit auf dem Boden der Wissenschaft, doppelt wohlthuend jetzt, wo ein engherziger Sinn die nationalen Gegensätze tiber- all zu verschärfen bemüht ist. Die großen seefahrenden Nationen des Nordens, die Schweden, die Engländer, die Dänen, die Russen, senden wetterharte Seeleute und eisgewohnte Forscher nach den froststarrenden arctischen Gebieten; sie sollen die fehlenden Glieder der die ganze Erde umspannenden Kette wissenschaftlicher Erkenntniß ergänzen; Alles, was sie an fossilen Pflanzen erbeuten, was sie unter Gefahren und Entbehrungen aller Art der arctischen Sphinx abgetrotzt, das bringen sie als kostbare Beute dem kränklichen Meister in dem kleinen Gebirgslande des Continentes. Sie legen es aus ihren wettergebräunten Händen vertrauensvoll vor das klare Forscherauge, das die stummen Zeichen dieser Zeugen der Vorwelt zu deuten versteht und das rohe Material in die zinstragende Münze wissenschaftlicher Erkenntniß umzuprägen weiß. Und diese Documente sind von ganz unschätzbarer Bedeutung für die Geschichte der Pflanzenwelt; man kann geradezu sagen: die rationelle Pflanzengeographie und Pflanzengeschichte datirt erst von diesem Werk Heer's.

Wir wollen hier nicht sprechen von den zahllosen Bestimmungen von Pflanzenversteinerung, die ihm als dem Ersten gelangen, von den zahllosen Documenten über die Geschichte einzelner Gattungen und Arten, von den übrigen kleinen Abhandlungen ( das vollständige Verzeichniß seiner Publicationen zählt 280 Nummern)1 ): jene 4 Werke legen von seinem RiesenSiehe: Oswald Heer. Biographie et tables iconographiques par Godefroy Malloizel. Stockholm 1887. Dieses 28 Weiß und seinen Kenntnissen schon ein genügendes Zeugniß ab.

Nehmen wir noch hinzu, daß Heer nicht ungestört der Wissenschaft leben konnte, daß er nebenbei, wie er selbst oft genug klagte, ein „ geplagter Schulmeister " war, an der Universität und dem Polytechnikum, daß er lange Jahre als Präsident des zürcherischen landwirthschaftlichen Vereins, als Vorstand der landwirthschaftlichen Schule, als Kantonsrath äußerst thätig war, daß er in spätem Jahren körperlich schwach war und lange Zeit nur im Bette arbeiten konnte, so steigt unsere Achtung vor dieser gewaltigen Arbeitskraft aufs Höchste.

Gehen wir nun zur Betrachtung seiner letzten Arbeit über:

Die reifste Frucht von Heer's pflanzengeographischen Studien ist unstreitig seine letzte Arbeit, diejenige über die nivale Flora der Schweiz. Hoch aufathmend hatte er im Frühjahr 1883 die letzten Kisten einer von ihm bearbeiteten Sendung-fossiler Pflanzen wieder nach Kopenhagen zurückgeschickt; er wollte keine derartige umfangreiche Arbeit mehr übernehmen, denn- er fühlte seine Kräfte schwinden. Jetzt war die Zeit gekommen, wo er, von den unausgesetzt sich drängenden Bearbeitungen fossiler Floren ausruhend, mit Muße sich einem Lieb- Buch enthält auf 176 Seiten ein vollständiges Verzeichniß aller Werke Heer's und allei- von ihm beschriebenen In-secten- und Pflanzenspecies mit Angabe des Ortes, wo sie abgebildet sind.

lingsthema seiner Jugendjahre wieder zuwenden konnte, dem Studium der Alpenflora. Eine arbeitslose Muße konnte sich dieser Heros der Arbeit nicht denken! Das in den Jahren 1831-1835 von ihm aufgehäufte Beobachtungsmaterial über die verticale und horizontale Verbreitung der Alpenflora von Glarus, Bünden und Uri hatte ja nur eine theilweise Bearbeitung erfahren, nur für Glarus, wie wir gesehen haben. Neue Beobachtungen konnte er jetzt, als Greis, nicht mehr sammeln: er suchte also seine eigenen Notizen aus den Dreißigerjahren durch die Beobachtungen Anderer zu vervollständigen, so gut es ging. Schon im Februar 1881 hatte er damit begonnen, den ganzen Sommer 1883 über arbeitete er an den Verzeichnissen, und nachdem sie vorläufig beendigt waren, wurde der allgemeine Text geschrieben. Eben war der Rastlose noch mit einer letzten Ueberarbeitung des Ganzen beschäftigt, als ihm der unerbittliche Tod am 27. September 1883 die Feder aus der Hand riß. An der schweizerischen Naturforscherversammlung zu Zürich hatte er in der zweiten allgemeinen Sitzung am 9. August ein Résumé der Arbeit verlesen lassen, das in unveränderter Form in unser Jahrbuch für 1883/84 überging ( Uebersicht der nivalen Flora der Schweiz, pag. 257—297 ).

Die Arbeit zerfällt in 3 wohlgeschiedene Theile. Der erste, grundlegende enthält die Beobachtungen über die Verbreitung der einzelnen Arten der Nivalflora. Das Gebiet der Schneeregion, von 2600 m aufwärts, theilt Heer in 5 Stockwerke und führt von jeder Art alle bis jetzt bekannten Standorte an.

Die 70 Seiten langen Verzeichnisse muthen uns wohl recht trocken an; aber wie viele herrliche Stunden inmitten der großartigen Alpenwelt, wie viel mühselige Kletterei, sorgsames, jedes Gräslein be-achtendes Herumsuchen, genaues Notiren mit frost-zitternder Hand, jauchzende Freude bei seltenem Fund, gewissenhafte Barometerablesungen an kritischem Ort, wie viel Entbehrungen, Hunger und Durst, aber auch welche Summe der reinsten, höchsten Freuden, gewürzt durch das Bewußtsein, zum hehren Bau der Wissenschaft ein Steinchen herbeigeschleppt zu haben, diese Seiten einschließen, das weiß nur der zu schätzen, der Aehnliches selbst erlebt hat.

Wir haben schon von den Alpenreisen Heer's gehört: diese lieferten ihm etwa 3 7 obigen Materials, die anderen 4/t verdankt er zu 2is seinem früheren Con-servator und Excursionsbegleiter, dem jetzigen Professor an der bündnerischen Kantonsschule in Chur, Chr. Brügger, „ dem gründlichsten Kenner der Blindner Flora ", wie er ihn selbst nennt, zu 1/s einer großen Zahl anderer Botaniker und Laien1 ).

Heer bedauert sehr die große Unvollständigkeit der Verzeichnisse für die Walliser Alpen in folgenden, für unsere Hochtouristen sehr beachtenswerthen Worten: „ Wenn wir von den vielen zum Theil gefährlichen Gipfelbesteigungen lesen, die alljährlich im Wallis unternommen werden — müssen wir es lebhaft bedauern, daß die Pflanzen meist unbeachtet blieben, und doch wäre es so leicht, wenigstens einige Proben in ein Papier gewickelt mitzunehmen, da diese kleinen Pflanzen nur wenig Raum beanspruchen und es sich nur darum handelt, das Vorkommen genau zu bestimmen und die Höhen zu constatiren1 ). "

Der zweite Theil der Arbeit bespricht die aus den Tabellen sich ergebenden allgemeinen Resultate in Bezug auf die verticale und horizontale Verbreitung. Wir heben daraus folgende hervor:

Die ganze Schweizerflora zählt 2571 Blüthenpflanzen; von diesen sind es nur 337, also etwa 1!s, welche über der Schneegrenze ( 2600 m ) ihre Existenz-bedingung finden. 33 dieser Arten begleiten uns von der Ebene so hoch herauf ( eine, der Thymian, sogar bis 3310 m !). Nur etwa 80 der übrigen Arten können wir als eigentliche Bürger der Schneeregion betrachten, gauz vereinzelter Beobachtungen hier etwas Vollständiges geschaffen werden kann, und ein bemerkenswerther Fingerzeig für unsere Alpenclubisten.

die nur selten unter der Schneegrenze gefunden werden, der Rest stammt aus der Alpenregion im engern Sinn, d.h. von den Matten und Weiden, den Grasbändern und Schutthalden, den Felsen und Mooren, die sich über der Grenze des Baumwuchses bis zur Schneegrenze ausdehnen. Und nur in ihrem untersten Stockwerk, bis 8500 Fuß, vermochte die Schneeregion eigene Arten auszuprägen; alle Arten derselben finden sich schon hier vor, bei weiterem Emporsteigen treffen wir keine neuen Formen Die letzten Kinder der Höhe, die noch über 12,000 Fuß ( 3900 m ) hinaufsteigen, sind folgende 6 Arten: die schwarze Schafgarbe ( am Finsteraarhorn bei 4000 in ), der Gletschermannsschild ( auf der Spitze des Lauteraarhorns bei 4043 m ), der Gletscherranunkel ( am Finsteraarhorn bei 4270 m, wenig unter dem Gipfel, im September 1872 von Lohmeier in einem Exemplar gesehen und im folgenden Jahre von Dr. Calberla in Blüthe getroffen, bis jetzt die am höchsten steigende von allen Schweizer Blüthenpflanzen ), das stengellose Leimkraut und zwei moosartige Steinbrecharten ( Saxifraga bryoides und muscoides, am Finsteraarhorn bei 4000.

Im dritten Theil endlich beschäftigt sich der Verfasser mit der Geschichte, der Herkunft unserer Nivalflora. Hat sich der bunte Schmuck der Schneeregion in dieser selbst aus andern Formen allmälig herausgebildet, ist er durch allmälige Anpassung aus in anderer Gestalt emporgestiegenen Gewächsen entstanden, oder sind unsere Schneepflanzen Fremdlinge, in andern eisigen Gegenden hervorgebildet und als fertig ausgerüstete Bergbewohner in unsern Alpen eingewandert?

Heer schließt sich mit Bezug auf diesen Punkt der Ansicht Darwin's, Hooker's, Christ's und Anderer an, daß ein Theil unserer Alpenflora dem hohen Norden entstamme, ein anderer auf den Alpen selbst oder benachbarten Gebirgen entstanden sei. Er gründet sich dabei auf die Thatsache, daß ein großer Theil unserer Alpenpflanzen im hohen Norden sich wiederfindet. Die Brücke, welche diesen Arten die heutzutage unmögliche Wanderung aus dem hohen Norden in die Alpen ermöglichte, wurde in einer vergangenen Periode der Erdgeschichte, der Eiszeit, geschlagen. Damals herrschte auch in der Ebene ein alpin-arctisches Klima, das einen Florenaustausch zwischen den Alpen und dem hohen Norden ermöglichte.

Heer stützt diese Ansicht namentlich auch durch die Resultate seiner paläontologischen Forschungen. Die Rolle, die der Nordpol als Bildungsherd und Ausgangspunkt ganzer Pflanzengemeinschaften gespielt hat, ist nicht auf die Eiszeit beschränkt. Heer hat auch für frühere geologische Perioden eine ganz ähnliche Erscheinung nachgewiesen.

Ueberblicken wir die letzte Arbeit Heer's noch einmal, so erkennen wir ihre Bedeutung für die Wissenschaft darin, daß sie in den grundlegenden Verzeichnissen einen höchst werthvollen Anfang einer Bearbeitung der Verbreitungsverhältnisse der Schweizer Alpenflora darstellt; daß sie ferner in den schwierigen Fragen nach den Pflanzenwanderungen während der C. Schröter.

Glacialzeit das schwerwiegende, klärende Urtheil des erfahrenen Paläontologen in die Wagschale wirft und die eminente Bedeutung der Polarländer für die Pflanzendecke der nördlichen Hemisphäre in 's hellste Licht setzt. Mit Bezug auf den wissenschaftlichen Entwicklungsgang des Forschers ist sie ein merkwürdiges Document: im grundlegenden Theil eine Jugendarbeit, großentheils ein Resultat rastloser mehrjähriger Alpenkletterei des 22—26jährigen, in den Schlußfolgerungen das Urtheil des Greises, herangereift in langen Jahren mühseliger Studirstubenarbeit im schwieligen Felde der vorweltlichen Pflanzen; das Ganze als letztes Erzeugniß einer nimmermüden Feder, von Todesschatten gestreift, ein wehmüthiges Interesse weckend. Und nun noch ein Wort -von Heer's Persönlichkeit!

Den ganzen Zauber seiner Liebenswürdigkeit pflegte er auf den botanischen Excursionen zu entfalten, die wohl jedem Theilnehmer unvergeßlich bleiben werden. Leider war es mir nicht vergönnt, eine solche je mitzumachen, aber der Eine oder Andere von Ihnen weiß vielleicht noch etwas davon zu erzählen.

Da wurde tüchtig marschirt, an Pfingsten 1849 z.B. ging 's zu Fuß über Embrach nach Rorbas, dort wurde auf dem Heu übernachtet, am andern Tag nach Schloß Teufen und von dort über den ganzen Irchel bis zum Wartgut und zu Fuß zurück: das soll Kiner heutzutage unsern Studenten zumuthen!

Es mögen hier die Aufzeichnungen Homer's über die Heer'schen Excursionen folgen:

„ Zunächst wurden die naturwissenschaftlichen Studien fast ausschließlich cultivirt. Man begann jeden Morgen um 6 Uhr mit Botanik bei unserem lieben Oswald Heer. Die specielle Botanik war zwar herzlich trocken und wurde nicht belebter durch die zahlreichen Pflanzen, die uns jede Stunde gegeben wurden und die wir mit Stolz nach Hause trugen, um sie mit ihrem volltönenden Namen zwischen Löschpapier — zu vergraben. Aber die Definitionskraft schärfte sich doch, und wenn dann eine der Excursionen, von welchen ich wohl sagen kann, daß sie zu den schönsten und reinsten Freuden meiner Jugend gehören, reiche Ausbeute an Pflanzen, Naturanschauung und gemüthlicher Erfrischung gebracht hatte, so waren wir Alle wieder wie ein Mann um 6 Uhr auf dem Posten. Die Excursionen brachten uns dem trefflichen Mann, der unser Führer war, näher, hie und da auch seinen Collegen, Arnold Escher und Heinrich Frey, die mitkamen. Sie lehrten uns, bei recht genügsamem Leben fröhlich und guter Dinge zu sein. Mir sind noch viele Einzelheiten jener Touren erinnerlich, von denen ich nur eine erwähne: Beim Uebergang vom Wäggi-in's Klönthal war mein Eifer im Suchen so entflammt, daß ich vorauseilend das Beste zu erhaschen suchte. Ueber dem steilen Rand eines einsamen Felsens sah ich eine besonders seltene und schöne Pflanze; mit wenigen Sprüngen oben, legte ich mich auf den Bauch, und langsam mich vorschiebend, suchte ich die Blume zu erreichen, als ich plötzlich einen Ruck an meinen Rockschößen spüre. Der brustkranke Heer war mir nachgesprungen und hielt, um mich vor dem Sturze zu bewahren, meine Rockschöße krampfhaft angespannt. Er war wie ein Vater !"

Aber er war auch der lustige Freund seiner jungen Schaar und pflegte sich nicht in den Nimbus des respectheischenden Professors zu hüllen. So heißt es bei Homer a. a. O. von einer Excursion auf die Lägern: „ In heitern Gesprächen stiegen wir durch die Weinberge empor, Jeder wurde mit Cerevis genannt, Prof. " Heer als „ Glarean ", und Buße, zum Abendtrunk bestimmt, traf den, der den wirklichen Namen oder gar „ Professor " sagte. "

Den Text zu den Gesängen der fröhlichen Schaar lieferte oft genug der Führer selbst; größere Excursionen wurden sogar in längern Balladen verherrlicht, die dann bei der nächsten Zusammenkunft unter allgemeinem Jubel verlesen wurden.

Ein hervorstechender Zug seines Charakters war seine ächte, wahrhaft rührende Bescheidenheit, wie sie ja ächte Größe stets zu begleiten pflegt. Nur einen Beweis dafür von vielen: in seiner Vorlesung über fossile Pflanzen pflegte er, wenn von seinen Werken die Rede war, niemals seinen Namen zu nennen, sondern er versteckte sich hinter der anspruchslosen Formel: wir haben z.B. aus der Schweiz zahlreiche Formen kennen gelernt, wobei dem Uneingeweihten unklar bleiben mußte, daß er sie kennen gelehrt.

Hinreißend war die Begeisterung, mit der er an seinen vorweltlichen Pflanzen hing! Mir ist das Bild des jugendlichen Greises unvergeßlich; wenn man in den letzten Jahren in seine Studirstube trat ( sie war aber nicht immer zugänglich: wenn die Arbeit drängte, schloß sich der Rastlose ein und ließ Niemand herein ), so fand man sie meist mit versteinerten Pflanzen vollgepfropft: es war vielleicht eben eine neue Sendung aus Grönland gekommen, und Tische, Stühle, das Sopha, die Fensterbänke lagen voll. Heer lag meist auf einer Dormeuse ausgestreckt, denn ein Knie-übel hatte seit 1870 seine Beweglichkeit sehr beeinträchtigt. Kam dann die Rede auf seine Urwelt-pflanzen, dann gerieth er in 's Feuer: er stand auf und führte den Gast, sein mühseliges Hinken ganz vergessend, von Stück zu Stück. Wie konnte da sein Auge leuchten, wenn er von einem seltenen Funde sprach oder eine schwierige Bestimmung sich als richtig erwiesen hatte! Selbst ganz Fernstehende wurden oft von seiner Begeisterung hingerissen.

Daß es einem solchen Manne nicht an Freunden gefehlt hat, ist selbstverständlich. In frühern Jahren war es namentlich Hegetschweiler, der ihm als väterlicher Freund und Förderer zur Seite stand; später wurde Ch. Th. Gaudin in Lausanne sein Herzensfreund; auch Arnold Escher v. d. Linth und Peter Merian standen ihm nahe; mit Ersterem machte er namentlich viele Excursionen gemeinschaftlich. Er hat ihm auch in einer Biographie ein schönes Denkmal gesetzt; ebenso hat er ein lebendiges Lebensbild vom Vater Escher's, Hans Conrad Escher v. d. Linth, 144C. Schröter.

dem Erbauer des Linthkanals, entworfen, und zwar in einem Vortrag an der Festversammlung des S.A.C. in Zürich, am 3. September 1871. Wir könnten noch eine Reihe von Schweizerischen Naturforschern nennen, mit denen er in mehr oder weniger intimer Verbindung stand.

Daß so hervorragenden wissenschaftlichen Leistungen auch Anerkennung von Außen zu Theil wurde, ist selbstverständlich. Heer war Dr. med.h.onoris causa der Universitäten Basel und Wien, correspondirendes Mitglied der Academien der Wissenschaften in Paris, München, Brüssel, Stockholm, Petersburg, Budapest, von der kgl. leopoldinisch-karolinischen Académie deutscher Naturforscher, Ehrenmitglied der amerikanischen Academien in Philadelphia, Boston und New-York, sowie des Victoria-Instituts in London und des schweizerischen Alpenclubs; auswärtiges Mitglied der geologischen und Linnéischen Gesellschaft in London, der botanischen Gesellschaft in Edinburg etc. etc.

Im Jahr 1859 ertheilte ihm die holländische Gesellschaft der Wissenschaften zu Haarlem für die „ Tertiärflora der Schweiz " den großen Preis, welchen sie zur Feier ihres hundertjährigen Jubiläums ausgesetzt hatte, und 1861 die goldene Medaille für eine Abhandlung über Oeninger Insecten; 18.62 und 1873 erhielt er von der geological society von London einen Geldpreis, 1874 die Wolaston medal, 1878 the royal medal von der royal society von London, 1874 eine goldene Medaille von der Académie der Wissenschaften in Stockholm, und den Nordstern-Orden vom König von Schweden, 1882 den Ouvierpreis von der Académie française, 1875, 1878 und 1880 drei Medaillen von internationalen Ausstellungen, 1881 wurde er vom König von Portugal zum comandatore di San lago ernannt, 1883 erhielt er vom König von Dänemark den Danebrog-Orden II. Classe und 1865 vom Großherzog von Baden das Ritterkreuz des Zähringer-Ordens. Niemals aber prunkte er mit seinen Auszeichnungen. Pecuniären Vortheil suchte und fand er bei seinen Arbeiten nur wenig; seine Lebensstellung blieb bis zu seinem Ende eine bescheidene.

Bei seinem Tode kam die hohe Anerkennung, die Heer überall genoß, in schönster Weise zum Ausdruck in zahllosen Nekrologen in wissenschaftlichen Zeitschriften, wie in der Tagespresse. Es würde uns zu weit führen, dieselben auch nur aufzuzählen. Dagegen wollen wir nicht unerwähnt lassen, daß ein von seinen Zürcher Freunden ausgehender und von hervorragenden Naturforschern aller Culturländer der Erde energisch unterstützter Aufruf zu Beiträgen für ein Heer-Denkmal in der Schweiz wie im Ausland einen bedeutenden Erfolg erzielte, so daß dem großen Todten ein würdiges Monument errichtet werden konnte, das im September 1887 im botanischen Garten zu Zürich enthüllt wurde. Es besteht aus einer von Bildhauer Hörbat in Zürich meisterhaft ausgeführten Marmorbüste in 8/a Lebensgröße, mit schöner architektonischer Umrahmung ( letztere nach dem Entwurf von Herrn Architekt Alb. Müller ).

Heer war ein ächter Sohn der Alpen: sein ganzes Wesen zeugte davon, trug den Stempel einer großen Natur unverkennbar aufgeprägt. Unermüdlich, unbeugsam in seiner Arbeitsenergie, wie das stets rinnende Bergwasser, fest wie der Fels in seinen Grundsätzen, aber daneben freundlich-heitern Gemüthes, wie der blumengeschmückte Alpenrasen, der die schroffen Gegensätze der Felsen ausgleicht; rein und makellos in seinem Wandel, wie der blendende Firn. Die Alpennatur hat in ihm jenen Phantasiereichthum großgezogen, der das ernste Forscherleben so blühend umrankt; sie hat seinen Idealismus gestärkt und seiner begeisterten Vaterlandsliebe kräftige Nahrung geboten. Und die hehre Alpennatur, die dem Menschen so packend, so überwältigend seine Kleinheit gegenüber dem ewigen All, aber auch so erhebend die Größe des Menschengeistes vor Augen führt, sie hat den tiefreligiösen Sinn gefestigt und vertieft, der den Grundzug seines Wesens bildete.

Werthe Clubgenossen! ein Jeder von uns treibt auf seine Weise den Cultus der Alpen: der Eine interessirt sich im Thal für Alles, was da oben vorgeht, oder er schwelgt, wie unsere verehrten grauen Häupter, in der Erinnerung dessen, was er einst oben geleistet und gesehen; der Andere sucht in gemächlichem Tempo Erholung für Körper und Geist und sieht sich dabei Land und Leute an; der Dritte erprobt das Maß seiner körperlichen Kräfte, seiner intellectuellen und moralischen Schulung in schwierigen und entbehrungsreichen Hochtouren; der Vierte versucht sich in der Lösung der Probleme, die die belebte und unbelebte Natur in den Alpen bietet, trägt zu ihrer wissenschaftlichen Erkenntniß bei: uns Alle aber umschlingt als ein einigendes Band die Begeisterung für die herrliche Alpenwelt. Diese Begeisterung lebte auch in unserem Oswald Heer und sie trug reiche Frucht bei ihm. Lassen Sie uns darum das Andenken dieses seltenen Mannes hochhalten 5 er war einer der Besten unter uns.

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