Péclet-Polset

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Pierre Baillod, Neuchâtel

Dieser Name stammt nicht aus unserem Lande, aber wo sollen wir ihn suchen? Stellt euch auf einer grossen Geographiekarte eine Unzahl von Berggipfeln zwischen Grenoble und Turin, dem Mont Blanc und der Meije in der Dauphiné vor. Das Péclet-Polset-Massiv ist ihr Mittelpunkt, und von seiner Höhe von 3500 Metern könnt ihr das ganze Land überblicken. Zu euren Füssen erstrecken sich an die 1 o Kilometer Gletscher in allen Richtungen, derjenige von Gébroule gegen Norden und der von Chavière im Süden. Aber wie erreichen wir diesen am Rande des französischen Nationalparks gelegenen Aussichtspunkt?

Macht es wie wir! Wir verlassen Neuchâtel an einem dunstigen Septembermorgen, der aber schon voller Verheissung ist wie die ins Gelbliche spielenden Hänge und der liebliche See. Dann gelangen wir an den Genfersee, und auf der Autobahn singen Herz und Motor im gleichen Takt. In Annecy geniessen wir die Poesie des lächelnden Sees, wo die Strasse allen Windungen folgt und den Wagen zum Tanzen bringt; aber der Weg ist noch weit; die Berge steigen sofort hoch und steil an, und in ihren engen Tälern rauchen die Fabriken: Ugines, Albertville, Moutiers; in Planay strömt das geschmolzene Metall aus dem Rachen der Hochöfen und blendet uns in einem Funkenregen. Endlich fährt man in den Nationalpark von Vanoise hinein. Auf der Strasse macht uns die weiss hingemalte Aufschrift « SOS Vanoise » darauf aufmerksam, dass dieses Werk gefährdet ist, denn man projektiert dort grosse Arbeiten. Pralognan ob Courchevel, ein Touristenort auf 1400 Meter Höhe, heisst uns in der Nachsaison willkommen. Natürlich setzen wir uns zu Tisch, aber ich will den Genuss des Rostbratens, der so gut nach Rosmarin duftenden Zucchetti à la provençale und des Weines, herb wie Alpenluft, übergehen. Der Peugeot klettert noch 500 Meter zwischen den Steinen eines schmalen und gewundenen Weges und über eine sumpfige Baustelle hinauf, und endlich öffnen sich die vier Wagentüren auf dem weichen Gras einer Alp. Es ist i 6 Uhr. Der Wegweiser gibt zweieinhalb Stunden bis zur Klubhütte an, aber wir erreichen sie in eindreiviertel Stunden, so sehr treibt uns der Drang, uns zu bewegen, vorwärts. Die Hütte ist nicht schön, und doch gefällt uns unser kleines, über einer langen Treppe sitzen-des Winterhaus auf Anhieb. Man hat das Ge- fühl, eher ein Trapper als ein motorisierter Tourist zu sein. Und was für Tränenströme vergiesst man, bis man entdeckt, warum der Ofen den Raum vernebelt!

Die Betten sind ein bisschen « durchgelegen », aber wenn man den Kopf voller Pläne hat, machen diese Dinge nicht so viel aus.

Unsere Gruppe von fünf Alpenklüblern ist vollkommen: sie zählt drei Organisatoren, einen zum Anführen, einen zum Zahlen und einen zum Kritisieren, zwei Meisterköche, die sich gegenseitig übertreffen, Photographen und Seilschaftsleiter.

Halb fünf. Schon muss man aus dem warmen Bett kriechen, und zwar ohne zu murren, denn man tut es ja zum Vergnügen. Es tagt, als wir auf dem gefrorenen Gras aufbrechen. Der Lac Blanc wirft uns das Spiegelbild der Berggipfel entgegen. Einer davon besteht aus einem Gestein, das so weiss ist wie Kreide; der Col du Soufre daneben ist ockergelb; auf dem Gletscher, dem wir uns nähern, glitzern die Schneekristalle in der Sonne; unsere Spur zickzackt zwischen den Gletscherspalten und stösst zuletzt an die vom Péclet-Grat gekrönte Wand. Der Fels ist schon warm, uns man « reitet » auf schweren, teils felsigen, teils verschneiten Blöcken bis zum Gipfel, indem mah das Tempo nach dem Rhythmus der«Pumpe » richtet, die auf eine harte Probe gestellt wird. Auch muss man seinen Augen Zeit lassen, sich am blauen Horizont, der klaren Ferne und den unzähligen Bergen zu weiden, deren Namen uns Philippe aufzählt. Aus Mangel an Gegenbeweisen glaubt man ihm alles. Das ist doch der Viso, und die Noire de Peuterey; welcher Schwung! Die Ecrins, der Pelvoux, und schau dort: der Gottesfinger links vom Mittelhorn und hier zu unseren Füssen das Modane-Tal! Näher bei uns erheben sich die Aiguille und der Dôme de Polset, die wir heute noch bewältigen müssen, bevor wir den Abstieg in Angriff nehmen, einen Abstieg von mehr als tausend Metern in tiefem Schnee, auf Felsen, über lange Gleithänge und noch längere Geröllhalden. Ein herrlicher Tag! Wir treffen keine Seele an, es sei denn unsere eigene, keine Spur ausser derjenigen einer einzelnen Gemse, und wir vernehmen keinen andern Laut als den einer entfernten Jagd.

Der Montag ist schon unser Heimreisetag; darum wird der Bummel kürzer als am Tag zuvor. Wir rechnen acht Stunden, brauchen aber zehn. Zuerst steigen wir in ein schlechtes Couloir ein, das vor allem aus durch den Frost angehäuftem Sand besteht und uns jeden Moment zu vertreiben droht, bis wir nach einer Stunde feststellen müssen, dass wir einen falschen Weg eingeschlagen haben. Auch entfernt sich die Labby-Spitze, unser gegen zehn Uhr morgens so nahes Ziel, auf einmal immer weiter. Durch den Vordergrund wurden uns ein Grat und ein unerwartetes Tal verdeckt, die uns zu einem Abstieg und einem Versteckspiel zwischen einer Reihe missge-stalteter Felszähne zwingen. Doch sobald wir den Fuss auf den Gletscher setzen, zeichnen wir im Schnee geduldig, immer geradeaus, jeden Schritt absichernd, eine lange Jakobsleiter bis hinauf zum oberen Plateau. Von da aus ist es ohne die Rucksäcke ein Kinderspiel, bis zum 3520 Meter hohen Gipfel zu klettern. Die Dent Parrachée erhebt sich gerade gegenüber, riesig gross und vom Scheitel bis zur Sohle wunderbar überzuckert.

Als Dessert bleibt uns noch der Abstieg. Ein langgestreckter, zum Skifahren wie gemachter Gletscher mit dem duftigen Namen « Alpen-kraut » bietet uns die sanften Windungen einer Mulde, dann plötzlich zwischen zwei Gruppen von Eistürmen eine Senkrechte mit dem Spitzbogengewölbe einer prachtvollen Gletscherspalte; mit der nötigen Vorsicht schlängeln wir uns durch diese Mausefalle, dann erreichen wir über Firne, abgerundete Felsen, Geröllfelder, steile Rasenstücke, kurz, über die ganze Tonleiter der Genüsse für empfindliche Knie, den Talboden, wo glückliche Frösche am Ufer eines ruhigen Bächleins quaken. Von da aus führt uns ein markierter Weg zu der einsamen Alp und unserem Wagen zurück. Die Sonne ist schon hinter dem Grat untergegangen; es ist i 7 Uhr, und uns bleibt nur noch heimzufahren. Voller Vertrauen legen Aiguille de Polset ( 3530 m ) Photo Pierre Baillod, Neuenburg wir unser Schicksal in Philippes Hände, um die 290 Kilometer in umgekehrter Richtung zurückzulegen. Mit wachen Sinnen und sicherer Hand setzt er sich ans Steuer und bewältigt, ohne mit der Wimper zu zucken, die Haarnadelkurven eines Saumpfades und das Sumpfloch vor Prolo-gnan. Bei einem Brunnen schaltet er schnell einen Halt ein, aber gleich geht die Fahrt weiter. Am See von Annecy haben wir Durst, in Genf Hunger, in Echallens Schlaf, und am Dienstag können wir endlich in die Badewanne steigen. Hut ab vor dem Fahrer; denn die anderen Köpfe wackelten bedenklich hin und her, bevor wir in den sicheren Hafen gelangten.

Péclet-Polset... eine wilde, unberührte Gegend, ein Name, den der organisierte Tourismus sicher bald auf den Plakaten anführen und anpreisen wird, die für ein Touristenzentrum mit fünfunddreissigtausend Betten werben.

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