Petit-Mt. Collon-Nordwand

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Ruth Steinmann, Zürich

Einige der wenigen schönen Tage im Bergsommer 1972. Gemütlich steigen wir von Arolla über die Moräne und den Gletscher zur Vignetteshütte auf. Sehr gemütlich sogar, denn zwei von uns vier, Udo und ich, haben das zweifelhafte Vergnügen, neue Schuhe einlaufen zu dürfen. Wo uns die alten, ausgelaufenen Finken so viel bequemer waren!

i65 Nur noch wenige Meter trennen uns von der Hütte; da endlich, ganz plötzlich, ist uns der Blick hinüber zu « unserer » Wand freigegeben. Eindrücklich sieht sie aus, die 350 Meter hohe Nordwand des Petit Mont Collon. Wie eine riesige Pyramide steht sie im Abendlicht. Bereits im Frühjahr hatte sie es uns angetan, als wir auf der Haute-Route an ihr vorbeizogen, und nun sind wir ihretwegen extra wiedergekommen. Bei genauerer Betrachtung sieht die Wand allerdings weniger schön aus. Schwarze, breite Streifen durchziehen sie von oben bis unten: Blankeis! Es wird nicht leicht sein, auf den verbliebenen Schneeresten einen Weg zu finden, doch scheint uns nach genauem Suchen ein Durchstieg unter den gegebenen Bedingungen trotzdem möglich.

Einmal mehr ist die Vignetteshütte zu gut besetzt! Eine resolute Hüttenwartin weist uns schmal bemessene Schlafplätze an und fragt nach der beabsichtigten Tour. « Petit-Mont-Collon-Nordwand? » meint sie, mit einem deutlichen Fragezeichen, und dann klärt sie uns auf: « Wenn ihr die Wand angeschaut hättet, würdet ihr wissen, dass sie jetzt unmöglich gemacht werden kann. » Das ist klar und deutlich, doch für uns natürlich eine Herausforderung. Unmöglich? Das wird sich ja weisen!

Gerne möchten wir um 3 Uhr geweckt werden. Die Wand wird uns viel Zeit kosten; aber da gibt es bereits die zweite Abfuhr bei der freundlichen Hüttenwartin. Um 3 Uhr, meint sie, falle es ihr nicht ein, uns zu wecken. Wenn uns 4 Uhr passe... Es passt uns - gezwungenermassen.

Erichs kleine « Piepsuhr » weckt uns aus den Träumen. Schlaftrunken suchen wir nach den Socken und ziehen uns an. Wenn nur das Aufstehen beim Bergsteigen nicht wäre! Dabei höre ich zu Hause oft zynische Bemerkungen, wie: « Beim Bergsteigen springst du sicher munter aus den Federn! » — oder: « Für die Berge ist dir sicher jede Zeit zum Aufstehen recht. » Auch der Morgenkaffee macht mich heute keineswegs munter. Lustlos knabbere ich ein paar Biskuits, und schon bald sind wir abmarschbereit. Draussen bläst uns ein lauer Wind entgegen - also absolut kein ideales Wetter für unser Vorhaben! Im Scheine der Stirnlampen suchen wir uns den Weg zum Col de Chermontane.

Sogar der immer energiegeladene Erich hat heute nicht seinen besten Tag. Eine fiebrige Erkältung bringt ihn arg zum Schwitzen, und bald klebt ihm das durchnässte Hemd am Rücken - trotz der frühen Stunde.

Aller guten - oder schlechten — Dinge sind drei, muss Udo sich gedacht haben; denn auch er hat keinen grossen Auftrieb und schimpft über Temperatur, Wolken und Morgenröte, die ihm alle nicht gefallen wollen.

Endlich stehen wir vor der Randkluft und seilen uns an. Das Überlisten der Spalte ist die erste heikle Aufgabe dieses Morgens, und sie ist gleich so spannend, dass in uns der alte Erobe-rungsdrang neu geweckt wird. Eine Seillänge nur, und keiner denkt mehr ans Umkehren. Bald merken wir, dass auf den schneebedeckten Wandteilen ein Vorwärtskommen unmöglich ist; der Schnee ist viel zu aufgeweicht, so dass man bei jedem Schritt im Bodenlosen versinkt. Da wechselt Erich kurzerhand auf die schwarzen Blankeisrinnen. Und siehe da, so abweisend sie gestern aussahen, so zugänglich sind sie heute. Das Eis ist gerade so weich, dass die Frontzähne unserer guten, zwölfzackigen Steigeisen einbeissen können. In der rechten Hand Eisbeil oder Pickel, in der linken den neuen Saleva-Eishammer, so arbeiten wir uns die 50-55 Grad geneigte Wand Meter für Meter empor. Natürlich ist Sichern mit Eisschrauben nach jeder Seillänge erforderlich, und gelegentlich verwöhnt uns Erich am Standplatz sogar mit einer « Badewanne » zum Ausruhen. Unter seinen wuchtigen Schlägen lösen sich ganze Eiskaskaden und rasseln über die graublaue Eisflanke hinunter in die Tiefe. Allzuoft trifft auch mich ein Brocken ganz empfindlich - das wenig angenehme Los des Seilzweiten. Zwar bietet der Helm dem Kopf ausgezeichneten Schutz, für Arme und Beine müsste aber erst noch eine wirksame Abwehrhilfe erfunden werden.

Abgesehen von diesen Belästigungen von oben, sind wir alle drei voller Bewunderung für das Können dieses Eisspezialisten. Scherzhaft nennen wir ihn denn auch « maestro dei gelati ».

Die Zeit rennt mit uns um die Wette. Es ist so warm geworden, dass ein längeres Verweilen in der Wand nicht mehr ratsam ist. Also noch etwas schnellerGanz plötzlich verschwindet dann auch Erich aus meiner Sicht. Kurz darauf höre ich ihn rufen: « Stand! Bin oben; nachkommen! » Gemeinsam steigen wir die letzten paar Meter über die flacher werdende Wand empor. Es ist 9.30 Uhr. Dreieinhalb Stunden dauerte der Durchstieg vom Wandfuss bis zum Gipfel, was etwa 100 Höhenmeter pro Stunde ergibt. Jetzt sitzen wir oben an der Sonne, geniessen die Sicht hinüber zur Vignettes, dann zum Col de l' Evêque. Hinter uns liegt der lange, fade Otemmagletscher, auf dem wir im Frühling so geschwitzt haben. Der Schnee klebte damals auf den Fellen, und selbst zwischen Fellen und Ski ballten sich ganze Schnee-ladungen zusammen. Immer wieder mussten wir Laufflächen und Felle freikratzen. Der Durst war arg, damals... Jetzt zieht Walter eine Obstdose aus dem Dunkeln seines Rucksacks hervor, und schon schildert er wortreich die Schädlichkeit der Säure, mittels der die Früchte so schön haltbar gemacht würden. Es hilft ihm alles nichts: Keiner ist bereit, ihm deshalb auch nur einen Löffel mehr zu überlassen als sein Viertel.

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