Pfingsten an der Romariswand

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Von A. L. Schnidrig.

In meiner Mineraliensammlung nimmt ein faustgrosser Dolomitstein eine bevorzugte Stelle ein. Er dient als Briefbeschwerer und trägt die Inschrift: Grossglockner, am 18. Mai 1921.

Auf dem Hoffmannsweg erreichten wir etwas spät den stolzen Gipfel, 3798 m. Um uns die ganze Herrlichkeit der Tiroler Alpen, zu Füssen die majestätische Schleppe des Pasterzenkees, über uns strahlendste Pfingst-sonne...

Wohl eine Stunde lang überliessen wir uns in vollen Zügen dem Genuss dieses Riesengemäldes, das mitunter schnelle Nebelwolken überflogen.

Als die Felsen wieder nebelfrei wurden, begannen wir rasch den Abstieg. Aus einer gewissen Abenteuerlust, die Abwechslung liebt, den eintretenden Schwierigkeiten kühn begegnet und immer neue Wege bahnt, zogen wir es vor, nicht mehr denselben Weg zurück zu gehen. Wir schätzten die Strecke bis ins Fuschertal zum mindesten ebenso weit als jene über den Kaisergrat hinunter und rechts um die Glocknergruppe herum auf das oberste Pasterzenkees und von dort in ein Seitental zum Pinzgau. Die Gratwanderung über das Teufelshorn kam für uns nicht in Frage. Die Strecken als solche schätzten wir zwar richtig ein, aber unvorhergesehene Schwierigkeiten liessen es ganz anders kommen als wir berechnet und erwartet hatten.

Auf der Kaiserseite waren wir ganz auf den eigenen Spürsinn angewiesen. Einige hundert Meter hinunter ging es nicht übel. Nach und nach aber verbündeten sich die Schwierigkeiten. Die jähsten Stellen waren dick vereist.

Meist fehlte gerade dort das Drahtseil oder war eingefroren. Zudem ist der Fels sehr bröckelig. In bröckeligen und schlüpfrigen Felsen bin ich zum Klettern und Kraxeln nicht leicht zu haben. Nur wenn es gilt, einer Notlage zu entrinnen, dann darf und kann ich auch etwas wagen. Über all den Schwierigkeiten im Felsgeklüfte brach überraschend schnell die Nacht herein. Unsere Lage war nichts weniger als rosig. Der aufgehende Mond verlieh der Szene eine dramatische Note.

Nachdem wir endlich den Gletscherboden heil erreicht hatten, versuchten wir, bei Mondschein ein Dorf im Kalsertal zu erlangen. Die Absicht wurde vereitelt durch grauenhafte Nebelschwaden, die sich im Tale drunten zusammenballten, sich aufbäumten wie wütende Drachen und mit geisterhaften Schatten die Schründe belagerten. Da gab es nur dies eine zu tun: möglichst rasch dem Nebel zu entfliehen und zur Hütte zurück. Mit Aufbietung der letzten Kräfte legten wir los, bogen links um den Glockner zurück und strebten wieder der Erzherzog Johannhütte zu. Um Mitternacht standen wir wieder darin...

Um 4 Uhr früh drang ein glühroter Schein durch die Scheiben in unser Schlafgemach. Ganz geblendet und entzückt stapfte ich ins Freie. Der Horizont war gesäumt von einem ununterbrochenen Wolkenband, worauf sich ein wunderbares Regenbogenfarbenspiel entwickelte. Diesem entstieg blutrot die Sonne und streute Licht und Leben in die abgrundtiefen Schattentäler. Ach, mir fehlen die Worte für das, was um mich und in mir vorging.

Früh aufzubrechen, lag uns nicht im Sinn, weil wir von der nächtlichen Anstrengung sehr ermüdet waren und Karl fieberte und brannte. Der Glaube an die Möglichkeit, unsern Plan doch noch ausführen zu können, war uns keineswegs entschwunden. Nachdem wir uns mit Musse gestärkt und vorbereitet hatten, stiegen wir gegen 7 Uhr wieder denselben Abhang hinunter, über den wir in der Nacht zur Hütte zurückgekehrt waren. Dann strebten wir in nördlicher Richtung nach rechts um die Glocknergruppe auf die Höhe links vom Teufelskamp, 3514 m. Nun kam die nördliche Romariswand. Diese ist eine; Steinhalde, die einige hundert Meter tief hinunter auf das oberste Pasterzenkees führt, nordwestlich vom Schneewinkelkar begrenzt. In normalem Zustande kann sie in wenigen Stunden durchquert werden. Stellenweise ist sie ausserordentlich steil. Wir trafen sie in schlimmem Zustand. Sie starrte voll Schnee, woraus halb eingefrorene Steine hervorguckten. Später stellte sich heraus, dass sie dazu noch fussdick vereist war.

Wir waren vor eine schwierige Wahl gestellt: entweder galt es eine lange und zweifellos mit vielen Klettereien verbundene Gratwanderung über das Eiskögele oder die Durchquerung des Romariswandkars, um über das oberste Pasterzenkees zur untern Ödenwinkelscharte zu gelangen. Als dem verantwortlichen Führer lag die Entscheidung hauptsächlich bei mir, und ich gab sie mit dem Vollbewusstsein der Tragweite des Entschlusses: « Ich denke, dass wir unter diesen Umständen die Wand vorziehen dürfen, aber die äusserste Vorsicht anwenden und keinen Schritt überstürzen. Dann können wir auch hoffen, dass uns ein guter Schutzgeist geleitet. » Und sogleich traten wir an das Wagnis heran.

Karl ging voraus und hackte Stufen, während Franz in der Mitte und ich hinten sicherten. Es ging wirklich sehr steil abwärts, hie und da in einem Winkel von über 50 Grad. Man konnte die ganze Unhaltbarkeit einer schiefen Ebene erfahren. Auf die Steine war kein Verlass. Sie brachen unter den Füssen los. Ein einziger Felsblock ragte hervor, den wir, wie durch Eingebung gewarnt, zu erreichen trachteten. Auf mein Geheiss bezog der Mittelmann Stellung darauf. Wir andern befanden uns auf Glatteis in sehr heikler Lage. Karl hackte weiter, verlor seinen Stand und glitt aus. Ich ebenfalls. Das Glück und der Beistand eines treuen Schutzgeistes fügten es, dass uns Franz dank seiner trefflichen Stellung im Rutschen aufzuhalten vermochte. Wir beide hingen an den zwei Seilenden auf Rücken und Sack. Zum Glück hatten wir die Säcke gut um die Hüften gebunden. Karls Pickel entglitt, blieb aber einige zehn Meter weiter unten stecken. Mich hatte der Fall die Schneebrille gekostet, und ein Handschuh rollte in den Bergschrund hinunter. Gefühle des Entsetzens und der Mutlosigkeit durchjagten das Herz. An erheblichen Verwundungen litten wir nicht. Nur mit Mühe schaffte sich jeder sichern Stand unter den Füssen. Dann wurde der Mittelmann losgebunden, und ich konnte mit der grössten Spannweite des Seiles den entwischten Pickel erreichen...

Wieder standen wir angeseilt am Hang. Eine kurze Überlegung riet uns, etwas wagrechter vorzugehen. Mit peinlichster Vorsicht bewegten wir uns vorwärts. Es war keine Kleinigkeit. Der Hacker brauchte immerhin weniger zu frieren als wir andern. So ging es bald wagrecht, bald stiegenartig schräg hinunter. Viele hundert Stufen mussten gehackt werden, meist bis auf den nackten Fels, was viel Kraft und Zeit in Anspruch nahm.

So gelangten wir an den Bergschrund. Auch da hiess es erfinderisch sein, um Mann und Habe ohne Verlust hinunter zu schaffen. Wie froh waren wir, endlich wieder flachen Boden unter den Füssen zu haben! Wir hätten jubeln können. Aber der Gedanke an das soeben unter Lebensgefahr überstandene Wagnis stimmte uns ernst und nachdenklich. Schon heute erwartete man unsere Ankunft in Innsbruck, und vielleicht ging man bald daran, Rettungsmannschaften auszusenden. Wir aber standen an der Neige des vierten Tages erst auf dem Pasterzenboden, ohne Verbindungsmöglichkeiten weit und breit. Um 9 Uhr morgens hatten wir den ersten Fuss auf die Wand gesetzt, und nun war es 5 Uhr abends. 0 Romariswand, du bleibst uns unvergesslich!

Wir begannen den Marsch über das oberste Pasterzenkees, gebildet durch zwei angrenzende Gletscherfelder von ungeheurer Ausdehnung, und strebten nach der untern Ödenwinkelscharte zum Übergang ins Stubachtal. Es wurde spät, und das Gestein war morsch und bröckelig. Kaum hatten wir den Abstieg begonnen, erfasste mich eine sonst nie gekannte Angst und Unsicherheit. Ich wagte mich einfach nicht mehr weiter. So kehrten wir denn um den Fuss des Johannisberges zurück, wo wir eine Hütte vermuteten. Aber selten kommt ein Unglück allein, und ein Missgeschick beschwört ein zweites herauf. Wir durften uns auf den Mondschein nicht verlassen, weil sich dicke Wolkenballen und Nebelschwaden herumtrieben. Vor uns aber gähnten viele Schründe.

Was nun anfangen bei einbrechender Nacht hoch oben auf dem Pasterzenboden ( zirka 3200 m )? Zeltdecken, Mäntel und dergleichen hatten wir keine mit. Auch der Mundvorrat ging zur Neige: eine halbe Büchse Ochsenfleisch, etwas Tee und ein wenig Zucker, das war alles. Das Wasser lieferte seit vier Tagen der Firnschnee, und zum Feuern war noch ein Tropfen Brenngeist übriggeblieben. Wenn ich unsere Lage zutreffend bezeichnen will, muss ich gestehen, dass wir in jeder Beziehung auf dem Gefrierpunkte standen.

Ich besann mich nicht lange, warf die Ausrüstung von mir und begann am Hang eine Höhle zu graben, die Kameraden halfen mit. Mut und Entschlossenheit fehlten uns nicht. Nach einiger Zeit mass der Schlupfwinkel anderthalb Meter in die Tiefe und zwei Meter in die Breite. Nur die Öffnung blieb etwas enger. Auf den Boden legten wir Seil und Schneereifen und darauf die ausgeleerten Rucksäcke zum Sitzen. Seitlich und rücklings wurden zum Schutze gegen die Schneewand die Pickel eingestemmt. Ein kräftiger Bergstock musste über der Öffnung Schneeblöcke tragen, worüber der kalte Nordwind hinwegpfiff. Dann kochten wir eine Schüssel voll Tee, hielten eine stille Maiandacht und setzten uns dicht nebeneinander. Von ruhigem Schlaf war natürlich keine Rede, da es keiner vor Frost nur fünf Minuten aushalten konnte, ohne mit den Füssen zu scharren. Erst nach gegenseitiger Erwärmung wurde es etwas stiller in dem engen Raum, und gänzliche Erschöpfung versetzte uns in einen schlummerähnlichen Zustand. Es ist mir noch heute ein Rätsel, wie wir nach solchen Anstrengungen die ganze Nacht in diesem eisigen Quartier auszuhalten vermochten.

Als ich gegen 6 Uhr früh vollständig wach wurde und neugierig den Kopf zum Guckloch hinausstreckte, um nach dem Wetter zu schauen, kam mir all das Erlebte wie ein romantisches Abenteuer vor. Die Sonne stand schon über dem Horizont und schaute mit strahlendem Gesicht zu den Sieben-schläfern herüber, als wollte sie guten Morgen wünschen. Uns im Rücken starrte überwunden die verhängnisvolle Romariswand, und der doppelzackige Glockner schielte verwundert auf die neuerstandene Villa herab und deren glückliche Bewohner, die rotnäsig und verwittert wie Glückspilze plötzlich dem Gletscherschoss entstiegen. Das Wetter war viel wärmer geworden, so dass wir uns auf dem Rücken unseres riesigen Pasterzenwirtes sonnen konnten, wie Insekten auf den Überresten ihrer verlassenen Puppen-hüllen.

Wir liessen dem Glockner nichts zurück, nur — ein grosses Loch und den winzigen Eindruck eines seltenen Schauspieles. In wenigen Stunden ward die Passhöhe nach dem Kaprunertal erreicht. Rasch hinab. Gegen Mittag betraten wir den Mooserboden wieder, fanden richtiges Wasser und — Menschen. Erst in Zell am See ging ein Blitztelegramm nach Innsbruck ab: « Sind wohlbehalten angelangt, werden Samstag abends eintreffen. »

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