Piz Scerscen-Eisnase

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VON ERICH FRIEDLI f, THUN

« Jetzt aber fort mit euch! » ganz aufgeregt sagt uns Hüttenwart Hans Morf dies in der dämmrigen Morgenfrische, kurz vor 5 Uhr. « Nur nicht pressiert », meint Ruedi.

Mit fröhlichen Gesichtern verschwinden wir dann aber Richtung Scerscen-Eisnase.

Mein Kamerad Ruedi Hornberger, aus Arosa, ist Bergführer, und weil er eben das ganz ist, hat der Hüttenwart angenommen, dass der andere, der ihm unbekannte Berner Schädel, auch einer sei. Lassen wir ihm diesen guten Glauben!

Item, das kam so: Nach unserem Dafürhalten hatte der Hüttenwart viel zu früh Tagwache gemacht. Wir zwei waren die gemütlichen Kerle und liessen uns nicht hetzen. Drei deutsche Bergsteiger und eine Berner Seilschaft waren nicht so faul: Sie machten vorwärts, assen ihre Brotschnitten ohne sichtlichen Appetit und verschwanden kurz darauf in der finsteren Nacht, Richtung Scerscen-Eisnase.

« Los, vorwärts, ihr seid doch die Unersättlichsten, die ich je hier oben hatte », tönt 's aus der finsteren Küchenecke.

« Hmm », macht Ruedi, und isst weiter.

Unser guter Hüttenwart scheint es gar nicht gerne zu sehen, dass die Bergführer diesmal nicht die vordersten, sondern die letzten sind. Wir lassen ihn über unsere Langsamkeit schimpfen, werden fast noch langsamer, um dann endlich zu starten, anderthalb Stunden nach den andern. Gemütlich steigen wir bergan, zuerst über den unteren Teil des Tschierva-Gletschers, dann über ein steiles Zwischenstück hinauf zu dessen oberen Teil. Wie jedoch die Hütte hinter dem Piz Umur, Ruedi spricht zwar immer nur vom « Humor-Piz », verschwindet, schalten wir langsamere Gangart ein. Gemütlich schieben wir die Ski vorwärts und legen sogar ab und zu unnötige Schleifen in den Gletscherhang, um gleichfalls einen Weg geringsten Widerstandes zu gehen.

Bei der Randspalte angelangt, wollen wir eine ausgiebige Morgenrast einschalten, die aber von einer einsetzenden, bittern Kälte nur allzurasch verkürzt wird, denn wir müssen unsere Glieder wohl oder übel bewegen, um die Körperwärme zu erhalten. Also weiter!

Ohne grössere Schwierigkeiten übersteigen wir die Felsstufen und erreichen die Eisnase. Rechts, an deren flachsten Stelle, bearbeiten die Berner das harte Eis. So entsteht eine schöne Stufenleiter, derweil die drei Deutschen unten im Schatten warten!

« Wir sind wieder einmal zu schnell hinaufgestiegen », brummt Ruedi, « und können jetzt warten, wo kaum ein rechter Sitzplatz ist. » « Du, Ruedi, was meinst du, links, genau über die Kante der Nase, wäre auch ein Weg? » « Bist du verrückt! » gibt er zurück - doch es glänzt in seinen Augen. Und ohne weitere Worte beginnen wir den Versuch. Ruedi hackt sich einen guten Standplatz, derweil ich mich sämtlicher Eisschrauben bemächtige und, mit dem Doppelseil angebunden, Richtung Eisnase die ersten Stufen hacke. Die Eiskante steilt sich auf, wird beinahe senkrecht. Eine erste Eisschraube dringt knirschend hinein und, im Gleichgewichtsspiel auf die Frontzacken vertrauend, kerbe ich Griffe und Tritte. Ich muss eine zweite Eisschraube setzen, dann eine dritte, aber ich kann nur noch mit Seilzug höher gelangen. Und als ich dazukomme, einen Blick nach links über die Eiskante hin-auszutun, öffnet sich bodenloser Abgrund, so dass ich meinen Kopf eiligst wieder zurückziehe und die bange Frage mich durchgeht: Ist das Eis so fest, wie es aussieht? Aber ich vertraue ihm und kerbe behutsam Griffe und Stufen, sichere mich mit einer Schraube, ziehe mich über die Kante hinweg und erreiche einen weniger steilen Eishang, der erlaubt, weiter oben eine grosse Standstufe zu pickein und Ruedi nachzunehmen.

Pustend vor Anstrengung, wohl auch vor Aufregung, taucht er über die Eiskante auf und meint in aller Gemütlichkeit: « Die Scerscen-Eisnase ist wahrhaftig meine steilste und tollste Eiskletterei geworden! » Wir sind nun richtig angewärmt.

Verglichen mit dem unteren Teilstück scheint uns das Blankeis hier beinahe flach. Auf die Frontzacken der Steigeisen vertrauend, geht es aufwärts. Dann spuren wir im Pulverschnee über den kleinen Hochgletscher hinauf, dem Gipfel zu. Es folgen einige felsige Grataufschwünge - und dann stehen wir auf der Spitze des Piz Scerscen!

Gegenüber ist die prächtige Eiswand, unterbrochen von mächtigen Eisbaikonen: die Nordostwand des Piz Roseg. Und unten tauchen über der Eisnase drei kleine Punkte auf: die deutschen Alpinisten, während etwas höher die Berner Seilschaft in unseren Spuren aufsteigt. Drüben am Piz Bernina ist Hochbetrieb: viele Seilschaften sind auf der Normalroute unterwegs, andere haben die « Himmelsleiter » über den Bianco-Grat gewählt.

Nach langer Gipfelrast steigen wir ab, voll Gedanken an dieses erneute Erlebnis, das uns der Berg gab.

Mit blinzelnden Augen legt der Hüttenwart bei unserer Ankunft den Feldstecher weg und sagt mit froher Stimme: « So, ihr Chöge, jetzt haben wir doch noch den ganzen Nachmittag für ein Glas Roten zur Verfügung. » Und es war ein herrlicher Trunk, guter Freund der Berge!

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