Pugl, der« Moralische »

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Karl Springenschmid, Elsbethen bei Salzburg ( Österreich )

Der alte Benedikt Pugl, Gott hab ihn selig, war ein Hüttenwirt besonderer Art, pflichteifrig und rührend hilfsbereit, gewiss. Im übrigen aber betrachtete er seine Schutzhütte nicht als alpine Einrichtung, sondern als eine moralische Anstalt, um sich dem unaufhaltsamen sittlichen Verfall entschlossen entgegenzustellen. Eine Insel absoluter Sittenstrenge in der trüben, aufgewühlten Flut der Zeit.

« Bei mir heroben nicht! » lautete sein ständig wiederholter Ausspruch, wenn er von gewissen Freiheiten im Verkehr und Umgang der Menschen im Tale oder in Städten hörte.

Zweibettzimmer waren seine grosse Sorge. Wäre es nach ihm gegangen, er hätte in seinem Haus nur Einzelzellen vergeben.

« Verheiratet? » wurden die Besucher, kaum dass sie in die Hütte getreten waren, mit kritischem Blick gefragt, « noch immer oder schon wieder? Wenn ja, mit wem? Wirklich mit dieser Frau? » Glücklich war er, wenn er « angebliche » Ehepaare — in seinen Augen waren alle nur « angeblich » - getrennt verhören konnte. Wehe, wenn er dabei oder bei der kritischen Untersuchung der Personaldokumente eine Ungenauigkeit entdeckte! Dann holte er Luft in den Brustkasten und schmetterte ihnen sein gefürchtetes « Bei mir heroben nicht! » entgegen.

Wir Jungen waren uns einig: Da musste etwas geschehen!

Zu zwölft kamen wir in einer schönen, lauen Samstagnacht angerückt, eine junge, übermütige Gesellschaft, für den guten Pugl von jener auffallenden Symmetrie - sechs Teilnehmer männlichen, sechs weiblichen Geschlechtes -, die ihm schon von vornherein verdächtig erschien.

Doch folgsam liessen wir uns, wie es dem strengen Geist dieses Hauses entsprach, auf dem oberen Flure trennen: « Die Herren links! Die Damen, bitte, rechts! ».

Wir hörten, wie Pugl draussen seinen Stuhl zwischen die einander gegenüberliegenden Türen schob, denn er hielt es für seine Pflicht, in besonders kritischen Fällen - und dies war ohne Zweifel ein solcher - die Nacht wachend zwischen Herren- und Damenschlafraum zu verbringen, um jeden Versuch, die Hausordnung zu übertreten, im Keime zu ersticken.

Der lange Tschurtschentaler, bekannt durch die Tschurtschentaler Route auf der Ochsen-wand, machte den Anfang.

« Die Fanni hat meinen Pyjama », sagt er in seiner abgrundtiefen Ruhe und schritt an dem erschrockenen Pugl vorbei auf den Damenschlafraum zu.

« Bei mir heroben nicht! » fuhr ihm der Pugl entgegen.

Doch der Tschurtschentaler, wie im Fels, so auch hier ein Mann des kurzen Entschlusses, war schon dort, wo er sein wollte.

Schöne Zustände, dachte Pugl, wenn Damen Nachtgewänder von Herren, mit denen sie gar nicht gesetzlich getraut sind, im Rucksack tragen.

Pugl wartete. Drei Minuten. Genug! Dann trat er zur Türe und lispelte ( im oberen Flure durfte grundsätzlich nur gelispelt werden ) durch das Schlüsselloch in den Damenschlafraum hinein: « Heraus, sag ich, heraus! » Die Türe öffnete sich. Doch statt des langen Tschurtschentalers schob sich die kleine, rundliche Wiesinger Paula heraus, blieb in ihrem rese-dafarbenen Schlafgewand unschuldig vor dem erstaunten Pugl stehen, verdrehte schwärmerisch die Augen und flötete sanft:

« Aber Herr Pugl, haben 's doch ein Einsehen. Bloss « Gute Nacht » will ich Hans sagen. » Pugl blieb ungerührt stehen und schüttelte finster den Kopf. Doch ehe er noch sein hartes « Bei mir heroben nicht! » zu Ende gelispelt hatte, war Paula, flink wie ein Wiesel, schon im Männer-schlafraum verschwunden.

« Gute Nacht », lispelte Pugl vor sich hin, um die Zeit, die man hiefür brauchte, zu stoppen. Was aber geschah in der übrigen Zeit? Er trat zur Tür hin und klopfte:

« Heraus, und das gleich! » Heraus wollte der dicke Ruckenberger, der uns mit seinem Lieferwagen bis zum Hüttenanstieg gebracht hatte und mit uns im Bunde war. Er baute sich vor dem hilflosen Pugl auf und fragte neugierig: « Wo ist denn der Tschurtschentaler hinkommen? » Als Pugl, froh, einen Helfer gefunden zu haben, zum Damenschlafraum hinwies, trat der Ruckenberger dort ein, nicht aber, wie der arme Pugl geglaubt hatte, um den Tschurtschentaler, der nun schon siebeneinhalb Minuten im Damenschlafraum weilte, herauszuholen, sondern im Gegenteil, um selbst drinnenzubleiben und die hübsche, rotblonde Pitscheider Franzi, anscheinend eine besonders verführerische Person, zu den Herren hinüberzuschicken.

« Der Ruckenberger schickt mich rüber! » rief die Franzi schnippisch und zog sich mit einer koketten Handbewegung den Reissverschluss an ihrer Trainingsbluse zu.

Pugl wusste nur zu gut, wie rasch sich Reissverschlüsse wieder öffnen liessen. Entschlossen trat er der Fliehenden entgegen. Zu spät! Schon war die Franzi im Herrenschlafraum untergetaucht.

Auf sein energisches Klopfen hin trat unser Clubmann, Michel Stuiber, auf den Flur hinaus, hörte sich eine Weile lang das erregte Gelispel des Hüttenwirtes an, schüttelte ob der offensichtlichen Verworfenheit seiner Clubmitglieder den Kopf, lispelte selbst mehrmals « Schrecklich, schrecklich! » und trat schliesslich, um Ordnung zu machen, in den Damenschlafraum.

Doch statt die ordnungsgemässe Symmetrie herzustellen, kam auch er nicht wieder. Als Pugl, um den Obmann an seine Pflicht zu mahnen, die Türklinke niederdrückte, schlüpfte mit reizendem Lächeln die neckische Greti Arbesser heraus, schüttelte ihre schwarzen Locken und verschwand hinter der gegenüberliegenden Türe.

Schreckensbleich schoss der gemarterte Pugl von einer Tür zur anderen. Doch er wagte nirgends einzutreten. So furchtbar die Situation für ihn war, blieb er doch seinem moralischen Grundsatz treu, niemals einen Raum zu betreten, in dem sich, wie er es nannte, « nächtliche Damen » befanden. Da aber bereits in beiden Räumen derartige Damen waren, blieb ihm nichts anderes übrig, als auf dem Flur auszuharren.

« Moment, Pugl », sagte der lange Steger Hans, der beste Kletterer im Club, mit eiserner Ruhe, drückte den Ärmsten in seinen Stuhl und traversierte gelassen zu den Damen hinüber.

Immer grosser wurde die Verwirrung. Pugl versuchte, sich ein Bild der Lage zu machen. Es gelang nicht mehr; denn das Hin und Her nahm kein Ende. Angstschweiss trat ihm aus allen Poren. Verzweifelt rang er die Hände, er bat, er beschwor uns.

Als alle Mahnungen vergeblich waren, entschloss er sich zu einer radikalen Lösung. Er trat zur Türe hin und drehte den Schlüssel um, erst bei den Damen, dann bei den Herren. Darauf eilte er die Stiege hinab, um Eulanthe zu holen.

Eulanthe war seine Frau. In Wahrheit hiess sie Berta. Weil uns aber dieses « Berta » für eine Gattin von so gewaltigen Ausmassen wie den ihren stets zu sanft erschienen war - der kleine, schmächtige Pugl verschwand förmlich vor ihrer heroischen Erscheinung! -, hatten wir sie « Eulanthe » getauft, ein Name, der ihren klassischen Dimensionen besser gerecht wurde.

Eulanthe betrat den Flur.

« Öffne, Benedikt! », rief sie laut, ohne sich um das vorgeschriebene Lispeln zu kümmern.

Pugl öffnete.

Eulanthe trat ein.

Sechs Mädchen lagen da, sittsam die Decken bis zum Kinn hinaufgezogen, und schliefen ruhig und fest.

Eulanthe schnaufte zufrieden und wandte sich wieder ab.

« Aber... aber es ist doch der Herrenschlafraum! » stotterte Pugl aufgeregt.

« Schweig! » fuhr ihn Eulanthe an, trat in den Flur zurück und liess sich die andere Tür öffnen.

Sechs Männer lagen da, sittsam in die Decken gehüllt, und schliefen ruhig und fest.

« Na also! » rief die Gewaltige.

« Der Schein... der Schein trügt! » stammelte Pugl, « die Damen sind ja bei den Herren, die Herren aber... » Eine energische Handbewegung schnitt ihm aber das Wort ab.

« Tausch die Schilder um! » befahl Eulanthe.

Benedikt Pugl tat, wie ihm befohlen. Als damit die Herren wieder als Herren, die Damen als Damen deklariert waren, sank er erschöpft in seinen Stuhl, während Eulanthe entschwand.

Die Beine hochgezogen, den Kopf auf den Knien, ein tapferer Soldat auf verlorenem Posten, schlief er noch, als wir unser zwölf- paarweise noch dazu, wie schrecklichder schönen, total verderbten Welt entgegenzogen, während der lange Tschurtschentaler, die krächzende Stimme des Pugl imitierend, rief: « Bei mir heroben nicht! »

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