Rocca Pendice - ein Kletterparadies in der Poebene

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Von Robert F. Strelff

Mit 2 Bildern ( 42, 43Schwanden ) War es reiner Zufall, der uns diesen Sommer aus dem Herzen der Dolomiten weit nach Süden vertrieb, oder regte sich tief und unbegreiflich eine vergessene Erinnerung aus der Urzeit des abendländischen Bergerlebnisses — gerade als das unerbittliche Wetter dieses Frühsommers fast grundsätzlich gegen höhergezüchtete Kletterfreuden war? Oder beides zusammen: die Rückeroberung der Colli Euganei für das alpinistische Gefühl? Denn eigentlich gehören diese merkwürdigen vulkanischen Erhebungen mitten in der Poebene nicht mehr zu den Alpen, und doch liegt hier die Wiege eines Petrarca, der wohl lange vor seiner historischen Ventouxbesteigung und ihrem welt-literarischen Niederschlag den Zug nach der Höhe empfunden haben mag.

Niemand von uns vier dachte an diese blumen- und früchtestrotzende Hügellandschaft zwischen Padua und Este, als wir auf vereister Strasse den winterlich anmutenden Flüela befuhren. Eine strahlende Sonne schien endlich die Erfüllung vieler seit letzten September neu gestauter Dolomiten-pläne zu versprechen. Schon wollten sich die Unterengadiner Berge zu einem wildgezackten Horizont verschieben; spiegelte sich in der Windschutzscheibe nicht bereits eine Kante, kühn und in steilen Falten wie beim Schleier einer himmlischen Frau...

Weg, du Spuk! Nur ruhig eines nach dem andern:... etliche Pässe... eine Grenze, wo wir immer unser gutes Gewissen belohnt fühlten... der Vintschgau mit seiner eigenartigen Kirchenluft, süssem Fruchtgeschmack und unerforschlichem Wind aus zerbröckelnden Burggemäuern... Meran und Bozen — rasch den Fuss auf den Gashebel, wie um zeitraubende Erinnerungen zu zertreten. Schon zieht der Wagen wieder an, brennerwärts; bei Weidbruck ein Stopp, weil wir fast die Grödner Abzweigung übersehen hätten ( so kurz wollte die wohlbekannte Strecke scheinen ). Auf dem Sellapass sprangen wir aus dem Wagen: Kaffee bei Valentini, verstohlene Blicke zum Langkofel und der Fünffingerspitze. Sie hatte eben wieder ihr Nebelgewand abgelegt, aber trotzdem — « du verzeihst, ein andermal wiederI ». Auch der schwarzäugigen Regina ein Kopfnicken, und der Wagen legt sich wieder in die Kehren. Fast südlicher Wind auf Pordoijoch, Falzarego im Sonnenschein, wollüstig dehnt sich Cortina in der weichen Mulde. Wir lassen dich räkeln, die geheimnisvolle Nebelmauer über Tre Croci zwingt stärker. Auf dem Pass fällt ein wenig Regen, aber wir kommen im offenen Wagen durch bis zum Händeschütteln in Misurina. Das leere Hotel überzeugt uns von der eigenen Bedeutung: eine Schwalbe macht noch keinen Frühling, aber in unserm Fall vier Schweizer Gäste sozusagen die Saison.

Viel später sitze ich noch mit Piero Mazzorana in der Bar. Die Pläne für morgen werden schüchterner und verstummen. Statt im obligaten Dolo- mitengold schreitet der Abend in Grau. Schreitet? Tropft, rinnt, giesst, schüttet. « Piero, erzähl lieber vom Dito di Dio oder der Nordwestkante der Kleinen Zinne. » Er nickt und spricht statt dessen von regenweicher und froststarrer Biwaknacht einst mit Comici. Brrr, ciao Piero, wozu haben wir ein weisslackiertes Hotelbett?

Das Gewitter war dann unvermerkt in einen Regen ausgeartet, der sich für den Rest der Weltgeschichte eingelassen zu haben schien. Ping-pong — Gymnastik in einem Saal, der eigentlich zu Höherem geboren war; wir kamen uns ebenso missbraucht vor, zudem gelangweilt. Man fluchte, dass man nicht wenigstens über das Essen schimpfen konnte, aber auch hier ohne Hoffnung, die Mahlzeiten waren aufreizend gepflegt.

Da platzte Berthe mit ihrem Plan in die geduckte Untätigkeit hinein. Bei den berühmten Bädern von Abano hätte es eine Hügellandschaft mit echten Kletterfelsen ( wir probierten verstohlen unsere Fingerglieder unter dem Tisch ), dazu in südlicher Wärme ( das war wie Traummusik, Wärme erlebte man in Misurina höchstens mit einiger Geduld im Bett )... Was meinst du, Piero? Mazzorana hatte, wie Comici, dort Scuola di roccia geleitet, allerdings im November. Aber heuer war ja alles verkehrt. Im übrigen fühlte er sich ein wenig überrumpelt, und bis er eventuelle Gegenargumente hätte bringen können, waren die Koffern gepackt.

Wie durch ein Wunder ging alles ins geschlossene Auto: zu unserer Vierermannschaft mit zugehörigem individuellen und kollektiven Gepäck noch Piero und sein Sack; in Cortina kam über unsere Reserve hinaus ein weiterer Kanister mit kostbarem Benzin dazu, das wir ( auf dem Höhepunkt des Benzinstreiks ) von Pieros Freund geliehen bekommen hatten. Ein Start von lästerlicher Sorglosigkeit, aber « es sind kaum mehr als zwei Stunden bis Padua... », und wir hüteten uns ängstlich, diesen Optimismus zu widerlegen!

Deshalb trugen wir die vierstündige Schlechtwetterfahrt seelisch gefasst und physisch gequetscht. Aber es wurde schliesslich Wahrheit, was weder die triefenden Schluchten des Piave hatten hoffen lassen, noch die regengepeitschten Hügel um Vittorio Veneto und Conegliano oder das graue, flache Meer der Tiefebene: in Treviso glaubte man einen Moment, im Stadt-graben zu fahren, so sehr war rundum Klatschen und Strömen — aber plötzlich wurde ein erst verspottetes Loch im fernsten Westhimmel gelb und rot und blau, in den drei Stadien des Sonnenunterganges. Über der ersten stillen Vorstadtstrasse von Padua standen schüchterne Sterne, an einem Wehrturm war ein schmaler Mond aufgehängt. Kuppeln funkelten, noch regennass... der Wagen wurde ungeduldig: eine letzte Landstrasse nach Süden, Brücke, Feldsträsschen, eine, zwei, drei Villen, der langgezogene Corso mit Menschen und Hotelfronten. Abano.

Man zog uns aus dem Wagen; wir hatten nichts dagegen und überliessen Säcke und Seilzeug gern der Dienerschaft. Die glitzernden Fischmäuler der Muranoleuchter schnappten nach Luft. Uns schwellte das Bewusstsein, als erste — nicht Bade-, sondern Klettergäste ins Cortesi Meggiorato einzuziehen...

Das Wetter schien hier unten keine Sorgen zu bereiten, einige extravagante Gewitter warteten mindestens den Spätnachmittag ab. Die Fahrt durch die fruchtbare Landschaft hinauf nach Teolo, geschaukelt auf dem vulkanischen Untergrund der Strasse, gewiegt vom Wind der kleinen Täler, der alle Geheimnisse dieser üppigen Paradiesesfülle verflüsterte, hätte beinahe das Ziel vergessen gemacht. Man müht sich in ständiger Abwehr gegen tausend Versuchungen: Villen mit Marmorbildern auf dem Dach und hochmütigen Pfauen auf den Terrassen, Klosterkirchen in venezianischer Gotik aus dem Grünen blühend... alles was zu sanftem Beschauen lädt und nicht ruhelos weiterdrängt. Einzig die finstern Kastelle auf den südlichen Anhöhen wirkten selber wie kühne Felsen, gleichzeitig Abwehr und unwiderstehliche Anziehung. Wollten wir nicht auch auf unsern Bergen ein wenig ruhen und schauen, unbegrenzte Weiten trinken und überfliessende Nähe?

Die Strasse schraubt sich durch Wein- und Zitronengärten hügelan; noch eine Biegung, wir sind in Teolo: verwitterte Kirche in uralter Stilmischung, zwei Reihen dichtgedrängter Häuser, eine Tordurchfahrt ( der Albergo, dessen Geheimnisse wir ahnen und klug auf den Schluss versparen ). Bald darf der Wagen in den kleinen Hof des letzten Bauernhauses rollen, wir trotten am ummauerten Friedhof vorbei über den gemähten Kornacker. Zehn Minuten Kampf durch verschlungensten Urwald, bis eine glatte Felswand den Blick sperrt. Oder ihn aufsaugt.

Es ist die leichtere Nordseite der Rocca Pendice. Die Ostwand trotzt mit annähernd 200 Metern 5. und 6. Grades. Für zwei Tage gibt auch die Nordflanke genug zu tun, wo es weit in den Vormittag hinein angenehm frisch bleibt, während das Land ringsum in der Sonne erglüht. Piero liess uns nicht zuviel Ruhe. Waren sie schon einmal auf die verrückte Idee gekommen ( wir philosophierten, wie nahe Verrücktheit und Genialität beisammen stünden !), mitten im Sommer « seinen » Winterklettergarten aufzusuchen, so sollten sie auch ostalpinen Stil italienischer Richtung erfahren. Es gab da rotnumerierter Wege eine gute Reihe, vom unbedeutenden « bloss » schweren bis zum extremen.

Der gestrenge Westalpinist wird grundsätzlich verübeln: für solche Tanzspielerei seien auch Turnhallengeräte und weniger echte Szenerie recht. Wer das gesteigerte Lebensgefühl dieses Paduaner « Sportes » ( weiter nördlich sässen wir schlotternd im Hotel ) fühlt, rückt angenehm befreit ab vom Berg-puritanismus früherer Tage, schweift bergsteigerisch aus, lässt sich von Ritze und Haken verlocken zur Überlistung der Schwerkraft. Wer wollte hier auch Schwere spüren: wo es oft kein Leichtes ist, den Wind vom Duft zu unterscheiden, Farbe von Erde und Blume von Stein, weil alles in einem seligen Rausch überquillt, ohne seinem Nachbarding weh zu tun, das auch wieder steigendes Leben ist.

« Zudem hat die Kletterschule einen unmittelbaren Zweck. Niemand rügt den Pianisten, der Fingersätze probiert und schwierige Läufe stundenlang bis zur Geläufigkeit wiederholen kann. Wo ist die Grenze zwischen Spiel und Kunst? »... Wohl kaum im Mechanischen, sondern in der Inspiration; und der Geist weht, wo er will. Es gibt einen Comicistil am Berg wie einen bestimmten Tanzstil auf der Bühne; beidenfalls scheint körperliche Bewegung in seelische Werte umgewechselt zu sein, aber in einem höhern Zeichen.

Unsere Künste blieben eher im Elementaren, und reflektieren kann man erst nach der Tat oder in der scheinbaren Untätigkeit des Sicherungsplatzes, wenn sich das Seil des Kameraden nur zentimeterweise über die Schulter nachnehmen lässt. Auch da wurde Piero streng. Wie der begeisterte Felsen-spieler plötzlich von Urernst gepackt werden konnte, wenn er einer fast übertriebenen Vorsicht das Wort redete. Sprachen da die Kameraden, die am Berge blieben? Einzig die lückenlose Sauberkeit im Kleinen entschuldigt die Begehrlichkeit nach grossen Zielen.

Lust und Gelegenheit hätten einen noch länger festhalten können; als aber der Nordwind die Frische der Berge hinter Belluno uns ins Ohr raunte, deren Horizontlinien er aus der wolkigen Watte packte, erinnerten wir uns früher gestellter Aufgaben. Entschlossen schwang sich der Körper ein letztes Mal über den warmen Rand des Felsendaches. Ein flaches Becken in der breiten Gipfelplatte, mit dem Wasser des gestrigen Gewitters gefüllt, spiegelte einen flimmernden Himmel. Auf stummes Kommando tat unser Auge dasselbe mit der unendlichen Landschaft... bedächtig zogen die Ochsen den garbenbeladenen Karren in die Scheune, im Nordosten überwuchsen die Kuppeln von Padua den Dunst der Ebene und der nahen Adria. Als eigentliches Meer empfand man aber das ungeheure Land im Westen: leise gekräuselte Wellen von Fruchtbarkeit und Wärme.

An wildem Lorbeer vorbei seilten wir ins Waldesdunkel hinab, zerkratzten die nackten Beine an Akaziendornen, berauschten uns am betörenden Hauch unbekannter Blumen wie später unter den Bäumen des kleinen Gasthauses am goldenen Moscato. 0 dieses Teolo! Es bot ein Mahl wie Fruchtgottheiten geopfert, das Fleisch mit brennend roten Blüten garniert, die Schüsseln farbiges Abbild des reichen Landes.

Noch einmal schlenderten wir durch die Gassen von Padua, gerieten bei « Fausto » in Zweifel, worauf wir begeisterter anstossen sollten: auf den neuen Doktorhut einiger Paduaner Freunde, auf das baldige Heimweh nach der Rocca Pendice oder direkt auf den süssen Orvietowein, der sublimiertes Italien ist... Noch einmal liess ich im Hotel zu später Abendstunde heisses Schwefelwasser in die Wanne rinnen — in der Dämmerung des andern Morgens fuhr ein vollgestopfter Adler-2-Lt. den Alpen zu.

Am Nachmittag regnete es schon wieder, als wir Männer uns am Fuss der Popenawand anseilten. ( Die Via Mazzorana stellt einen idealen Dolomiten-weg dar: sehr, aber nirgends übermässig schwer, dabei eine Route, die man später vom Tal aus wie eingekerbt sieht, eine feine schwarze Naht, die geometrische Mitte in der senkrechten Wand.Es gedieh noch einiges, mehr wurde diskussionslos im Neuschnee begraben. Nur wunderten wir uns gelegentlich über die abgeklärte Ruhe, womit wir alles hinnahmen; aber wie hätte man einer Witterung böse sein können, die uns so unverhofft in ein Paradies hineingetrieben hatte. Es hiess Rocca Pendice.

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