Rückblick auf Marmorera

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Von Christian Caflisch

Mit 1 Bild ( 122Zürich ) Die kirchlichen Bauten von Marmorera haben folgende Geschichte: Gleich wie Marmorera als politische Nachbarschaft von Bivio zu dessen Gericht gehörte, so war es kirchlich eine Filiale von Bivio. Letzteres erlebte 1560 die Reformation. In Bivio verblieben vier Familien beim alten Glauben, Marmorera als Ganzes. Jedoch « bedroht » die Reformation, zufolge Mangels eines katholischen Geistlichen, auch Marmorera. Anlässlich einer Kindsbeerdigung in Marmorera wollte der reformierte Geistliche die sakralen Funktionen in Marmorera ausüben. Die Frauen von Marmorera aber wehrten mit Gabeln und Sensen, wider den Willen ihrer Männer, diese Einmischung ab, denn die Toten sollten nach dem alten Glauben und nur über diesen im Himmel neben ihren Vorfahren wohnen können.

1631 entsendet das Bistum Chur zwei Kapuziner nach Bivio, die am 7. Juni dort installiert werden. Namentlich wird der Pater « Ireno da Milano » genannt.

Marmorera besass 1631 nur eine « misera capella, dedicata a San Fiorino prete ». Als 1641 auf Veranlassung des Paters « Raffaele da Osio » auf dem Septimer Kirche und Hospiz neuerbaut wurden, bediente er Marmorera als Filiale von seinem Standorte Bivio aus.

Erst 1665 wird unter Pater « Gianfrancesco da Guinzano, junior » eine kleine Kirche in Kapellenart nördlich des Dorfes erbaut ( Standort des heutigen Pfarrhauses ).

Anno 1682 erfolgt unter Pater « Alessandro da Villongo » die Vergrösserung dieser Kapelle zu einer eigentlichen Kirche.

1722 erhält Pater « Alessandro da Clusone » vom Bischof von Chur die Erlaubnis, in der im gleichen Jahre baulich erweiterten Kirche von Marmorera die hl. Messe zu lesen.

Letztmals wird 1806 die alte Kirche von Marmorera baulich erweitert, und zwar unter Pater « Geremia da Tuenno ».

1882-1884 erfolgte der Bau der neuen Barockkirche, als Ersatz für die alte Kirche romanischen Baustils, im Gemeinwerk. Deren Innenausbau wird 1889 unter Pater « Pier-luigi da Venezia » beendigt.

Gleichzeitig wird das Beinhaus, das sich westlich der alten Kirche gegen die Kantonsstrasse hin befand, abgetragen, dazu der westliche Trakt der alten romanischen Kirche wesentlich verkürzt, um an dessen Stelle den Treppenaufgang von Süden her zum Portal der neuen, Nord-Süd orientierten Barockkirche erstellen zu können.

Das alte, einfache und stilreine Gotteshaus ist seither dem Zerfall überlassen worden und sieht heute inwendig leider einer Grümpelkammer gleich.

Der Standort der « misera Capella » zu Marmels um 1631, dem hl. Florian, Schutzpatron von Marmorera, geweiht, befindet sich nachweisbar dort, wo 1885 das Haus Nr. 45 durch Gian Florinetti erbaut wurde. In einem Bodentauschvertrag vom 22. Mai 1840, unter-. zeichnet von den beiden Parten Giovanni Dora und Florin Florinetti wird die Lokalität « la Tgaplotta » hier genau umschrieben.

Der gelegentliche Wohnsitz der Patres in Marmorera befand sich gemäss Überlieferung im schon längst abgetragenen Hause, das gegenüber der Tgesa Grisch unterhalb der Dorfstrasse stand, also in unmittelbarer Nähe dieser Tgaplotta.

Der Kirchturm von Marmorera wurde erst 1756 unter Pater « Gianfrancesco da Livigno » fertig erstellt. Er stand ursprünglich von der Kirche getrennt und wurde erst beim Verlänge-rungsbau der alten Kirche anno 1806 mit der Kirche, an deren Nordseite er stand, baulich verbunden.

Die kleinste und älteste Kirchenglocke von Marmorera trägt die Jahreszahl 1243. Wo sie von 1243 bis 1756 Dienst getan hat, ist leider nicht eruierbar. Vielleicht auf dem Septimer?

Das Pfarrhaus. Das heutige Pfarrhaus wurde erst 1722 erbaut. Bis 1756 verblieb Stalla Hauptwohnsitz der patres capuccini, die erst ab diesem Jahr wieder gelegentlich für einige Sommerwochen in Marmorera zu wohnen begannen. Zwischen den Männern von Marmorera und den Patern von Marmorera/Bivio bestand oft ein stark getrübtes Verhältnis, weshalb ja wohl Bivio als Hauptwohnsitz erklärlich ist.

Erweiterungsbauten am Pfarrhaus in Marmorera erfolgten in den Jahren 1806 und 1866. Jedoch wohnte auch damals wie selbst 1950 der weltliche Geistliche von Marmorera in Bivio, während das ihm zu feuchte Haus in Marmorera an einen Handwerker mit Familie vermietet wurde.

Die Friedhöfe von Marmorera. Vor dem Bau der neuen Kirche anno 1882-1884 war der kleine Gottesacker von Marmorera auf der Kirchensüdseite, umgrenzt von Kirchenwand, Pfarrhaus, Beinhaus und Strasse. Die Grablegung erfolgte in sogenannten Familiengräbern, und die Grabmäler waren entweder Holzkreuze oder gar Schieferplatten. Dieser Friedhof dürfte von 1682 bis 1894 gedient haben. Vor 1682 dürfte der heutige grosse Hausgarten der Tgesa Grischs, der ja an die damalige Tgaplotta angrenzt, wohl der älteste Friedhof von Marmorera gewesen sein.

Der neue Friedhof, nordwärts der neuen Kirche gelegen, ist seit 1894 im Gebrauch. Die Grablegung erfolgt in mehr oder weniger chronologischer Reihenfolge, und der Friedhof hat das eine wesentliche Merkmal, dass mit drei einzigen Ausnahmen jeder hier Bestattete allein und dauernd ungestört in der ihm zugedachten Erdgruft ruht, d.h., dass seit 1894 hier keine sogenannten « Ausgrabungen » stattfanden.

Neben den vier Landessprachen als Grabmalinschriften finden wir als Zeugen der Heimkehr zur letzten Ruhestätte aber auch die verschiedenen Grabmäler. Da sind neben Eisen-kreuzen primitivster Art wieder solche barocker Kunst, alles echte und schönste Hand-schmiedekunst vergangener Zeiten. Dazu gesellen sich Holzkreuze, Holztafeln ( besonders für Leute armer Herkunft verwendet ), dann aber auch Monumente in Marmor, wie sie tale quale auf den Friedhöfen von Genua und Mailand vornehmer Brauch sind.

Gerade dieser Friedhof ist ein Kulturspiegel verschiedener Zeitepochen und verschiedener Länder.

Von bereits verschwundenen öffentlichen Bauten seien hier noch erwähnt:

Die Mühle. Sie stand an der Julia, weit hinten oberhalb des Dorfes, halbwegs zwischen der « Punt della Gistea » und « Vendem Vischnanca », da wo es heute noch heisst: « Davos giu Mulegn ». Auf « Las Plattans » findet sich heute noch ein wohl für diese Mühle bestimmter, halbbehauener Mühlstein.

Die Sage. Beim Juliaübergang der Castelmurschen Strasse von der « Torr da Splüdatg » nach Splüdatg, linksseits der Julia stand die Dorfsäge, nahe am alten Weg und am grossen Marmorererwald « Guat grond ».

Sitten und Bräuche aWeltliche. Anlässlich der Geburt eines Kindes kannte man in Marmorera keine besonderen Bräuche. Das « Ir a plaz » ( Kiltgang ) vollzieht sich in Marmorera wie an anderen Orten unserer bündnerischen Bergtäler, nur dass der Begleiter des Hengertknaben ( der « Hund » ) nicht üblich, das « Graben » ( Kontrolle durch ortsansässige Burschen ) aber bekannt ist. « Las Mintinedas da Murmarera », die Abschiedsfeier der Braut von den Ihrigen am Vorabend der Hochzeit, ist hinreichend bekannt und beschrieben worden. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Frage, inwieweit die benachbarten Averser ihre « Mitinodas » auch haben. Ob dieser Brauch von den Romanen an die Walser in Avers übergegangen oder gar von den Waisern auf die Romanen « im Zuge der Romanisierung » gelangte? Als weltlicher Brauch ist das Neujahrswünschen in Marmorera erhalten geblieben, wobei jedoch die Überbringung poetischer Wünsche unbekannt war. Die Fastnacht ist in Marmorera nie Brauch geworden. Das Silvestersingen der Mädchen von Marmorera, die ihre alten Lieder von Haus zu Haus vortrugen ( genannt « al pe dal piertg » ) ist schon lange ausser Brauch gekommen. Vor 100 Jahren noch kannte man auch in Marmorera das sogenannte Scheibenschlagen, das « trer scibas », woran auch noch der Flurname « Als Bajols » linksseitig der Julia erinnert.

b ) Kirchliche Feste und Bräuche. Sie sind allgemein die gleichen wie in den anderen katholischen Gemeinden des Oberhalbsteins.

Am Tage der Hl. 3 Könige zogen die Knaben der Unterschule unter Vorantragen des hölzernen Sternes nachmittags nach dem Weiler Cresta. Die älteren Schüler verkleideten sich als die 3 Könige aus dem Morgenland und zogen mit ihrem Gefolge gegen Abend, ebenfalls unter Vorantragen eines Sternes nach Scalotta und von dort über die Hofsiedlungen von Castiet nach Cresta und ins Dorf zurück. In jedem Haus sangen die Knaben das deutschsprachige Dreikönigslied. Bei ihrer abendlichen Heimkehr ins Dorf betraten sie nach Beendigung des Rosari in der Kirche dieselbe und sangen abschliessend dort ihr Dreikönigslied. Die während der Wanderung erhaltenen Geldgaben wurden zuletzt unter alle Teilnehmer « königlich und brüderlich » geteilt.

Das Osterfest wurde im üblichen Rahmen gefeiert. Jeweilen am Abend des Mittwochs vor Ostern sowie des Gründonnerstags und des Karfreitags begaben sich die Buben mit ihren Holzrätschen in die Kirche und vollführten dort, nach Abschluss der priesterlichen Offizien, gegen den Kirchenchor hin ihre spektakulären Funktionen. Das « Ratschen » wurde « Mazèr igls gidias » ( Töten der Juden ) genannt, denn diese hatten ja Christum geächtet und ans Kreuz geschlagen.

Vom Gründonnerstag bis zum Auferstehungssonntag wurden die Zeichen der Kirchenglocken durch das Walten einer grossen Ratsche ersetzt. Die Segnung von Eiern und Salz durch den Priester war auch hier Landesbrauch.

Das Läuten der Kirchenglocke ( n ) ausserhalb der gegebenen kirchlichen Zeiten bedeutete als Totenansage:

Anläuten mit der grossen Glocke, dann alle 3 Glocken 3 x 10 Minuten: 1 Mann gestorben. Anläuten mit der mittleren Glocke, dann alle 3 Glocken 3 x 10 Minuten: 1 Frau gestorben. Anläuten mit der kleinsten Glocke und Durchläuten 30 Minuten: 1 Kind gestorben.

Sankt Nikolaus ist auch in Marmorera der die Kinder beschenkende Heilige gewesen. Am Vorabend des Nikolaustages mussten die Kinder ja frühzeitig zu Bette, nachdem jedes noch rasch vor das Stubenfenster einen Teller gestellt hatte, damit des Nachts der gute Heilige beim Gang durchs Dorf ihm noch eine kleine Süssigkeit drein legen konnte. Und so geschah es denn auch immer, dass überall St. Nikolaus brave Kinder gefunden hatte.

Zu Weihnachten war es bis 1924 üblich, dass sowohl in der Kirche wie in den Stuben eine kleine Krippe aufgestellt wurde. Erst seit 1924 war hier auch der Christbaum, wenn auch mit starkem Zögern, üblich geworden.

Erwähnenswert ist wohl der Brauch, dass der Bauer am Hl. Abend um Mitternacht die Tore des Heustalles öffnete und dazu den « giel del fain » ( Heukräze ) voll Heu vor den Stall stellte. Dadurch sollte in der geweihten Nacht der himmlische Segen auch die Nahrung des lieben Viehs erreichen, und die Kräze voll Heu war für das Eselein bestimmt, auf dessen Rücken Maria ihre Lagerstatt suchte. Und der offene Stall sollte gar Maria einladen, ihn sich als Bethlehemsstall auszuerwählen. Dieser Brauch ist aber leider schon lange nicht mehr üblich gewesen.

Interessant ist wohl auch der nur vereinzelte Brauch gewesen, dass, bei etwaiger Lawinengefahr vom Räume « Als Lareschs » oberhalb « Oramiez Vischnanca » gegen das Dorfzentrum herunter, alte Leute an Ostern gesegnete Eier hangwärts in den Schnee eingruben, um so den Lawinengang zu bannen.

Der vor drei Jahrhunderten auch in Marmorera noch landläufige Hexenglaube mit den vielen Hexenprozessen selbst im kleinen Bivio ( als Gerichtsort ) ist durch die Anbringung von Holzkreuzen auf den Hexentanzplätzen vertrieben worden. Durch das Anbringen des Kreuzes auf den alten Bauten ( vor allem Stallbauten !) war der Teufel aber auch von der Viehhabe ferngehalten worden. Immerhin spukte aber auch bis in die Gegenwart hinein gelegentlich der « Glaube » an Geister und Dämonen in vereinzelten Köpfen weiter.

Kirchliche Prozessionen fanden in Marmorera wie folgt statt:

Am Tage des hl. Markus die Prozession mit Feldersegnung und Gang nach Bivio, Segnung bei « Punt dalla Gistea », am folgenden Tage Prozession der Bi vianer nach Marmorera und am dritten Tage eine solche derer von Marmorera nach dem Weiler Cresta. ( Man beachte das Primat des Zuges Richtung Bivio vor dem Prozessionsgange nach dem Gemeindeweiler CrestaDas Fronleichnamsfest wurde mit dem Bau von vier Altären im Dorfe gefeiert.

An Maria Himmelfahrt sowie an San Rocco ( 16. August ) erfolgten Prozessionen, an letzterem diejenige über Scravagianas nach Flix.

Am St. Margarethentag ( 24. Juli ) fand vor etlicher Zeit eine Prozession nach Bivio statt.

Totenbahrung. Bei einem Todesfall wurde die Leiche bis zum Hals in ein weisses Linnen genäht und in der Wohnstube auf einem Brett, das auf zwei Stühlen ruhte, hingelegt. Volle zwei Tage und Nächte verblieb der Tote in der Wohnstube, dieweil aus allen Familien des Dorfes Besuche im Rosenkranzgebet bei dem Toten ablösungsweise « Wache » hielten. Die Einsargung des Toten erfolgte erst etwa zwei Stunden vor der Beerdigung. Das Grab für den Toten wurde durch dessen männliche Verwandte geschaufelt. Der Tote wurde vorerst zur Kirche zur Totenmesse und von dort auf den Friedhof zur Bestattung gebracht.

Über die Bevölkerung von Marmorera soll, was das Zahlenmässige, ihre Berufsgliede-rung, ihre Siedlung und Wirtschaft anbelangt, in anderem Zusammenhange die Rede sein.

Wer erstmals in den letzten Jahren nach Marmorera und hier mit älteren Leuten ins Gespräch kam, dem musste auffallen, wie gut der Marmorerer die deutsche Sprache beherrschte. Ein aufmerksames Ohr merkte daraus aber auch nicht den Akzent der romanischen Grundlage der Muttersprache, sondern den des Italienischen. Sprachlich liegt Marmorera an einer typischen Weichenstelle zwischen dem Romanischen des Oberhalbsteins und dem Italienischen des Bivianers.

Der Merkwürdigkeit halber sei erwähnt, dass das dem Marmorerischen Sprachschatz am nächsten stehende Idiom in einem Dorfe in den französischen Pyrenäen zu finden ist.

Über das Herkommen derer von Marmorera sind schon mannigfachste, spekulative und wirklichkeitsnahe Mutmassungen laut geworden.

Meine unmassgebliche Ansicht geht dahin, dass sich die heutigen Familienstämme der Marmorerer in drei Richtungen aufteilen lassen.

Marmorera war meines Erachtens primär gar nichts anderes als eine kleine Nachbarschaft Bivios ( Stalla ). Die Anlage des Dorfes an der Kreuzungsstelle zwischen Bergweg und Bergbach, in einer « hüben » Mulde am bergseitigen Grunde eines Süd-Nord sich erstreckenden Talkessels, analog der heute zur Gadenstätte herabgesunkenen Temporär-siedlung Stalvedro von Bivio; Stalvedro war urkundlich nachweisbar Anno 1810 noch ein dauernd bewohnter Weiler von Bivio. Und ich meine nun: Marmorera war früher auch solch ein Weiler Bivios.

Indizien dafür sind meines Erachtens: Von den Bürgergeschlechtern Marmoreras sind die Ghisletti, die Capell und die Florin und Florinetti auch Bürger von Bivio. Ähnliches Doppelbürgertum in direkten Unterliegergemeinden finden wir in Bünden auch andernorts, jedoch sozusagen immer dann, wenn die Unterliegergemeinde zum Teil eine Zweigsiedelung der Oberliegergemeinde war. Dazu kommt, dass die Marmorerer sich geographisch stets bergaufwärts, also gegen Bivio hin orientierten. Ihr Dorfeingang ( Vendèm Vischnanca ) liegt gegen Bivio hin, dort, woher der « Verkehr » kam und wohin er ging. Der Dorfausgang ( Oradèm Vischnanca ) aber liegt talwärts, gegen das untere Oberhalbstein hin. Dieser Ausgang galt als das « Hintertürchen ». Ein weiteres Indiz ist zudem der Bautypus des ältesten Mar-morerhauses, das zum Teil ein Engadiner-, zum Teil sogar ein Bergellerhaus ist.

Das Geschlecht der Ruinelli, ein altes Geschlecht von Soglio, zeigt uns seinerseits auf Zusammenhänge nach dem Bergell hin. Dass die Mühle oberhalb des Dorfes stand, deutet auch auf andere Zusammenhänge mit dem transalpinen Raum jenseits von Julier und Septimer hin. Kommt noch hinzu, dass einmal die « Fora vea»-Grenze von Marmorera ( die « Abseits des Weges »-Grenze talabwärts ) gerade ausserhalb der heutigen Dorfkirche am Nordende des Dorf kernes hegt.

Neben dem Bivianerstamm, wenn wir den so nennen dürfen, kennen wir die beiden Geschlechter der Luzio und der Lozza, die aus dem Stamme der Luzzi als Walser aus dem Avers kamen und primär ihre Siedlungen um das Casteal Marmorera ( ausserhalb der « Fora vea»-Grenze, hatten. Diese wurden im Laufe des 19. Jahrhunderts romanisiert, weil den Waisern im Oberhalbstein die Bildung eigentlicher Walsergemeinden unmöglich war. Was unterhalb der « Fora vea » für die Marmorer lag, galt und gilt als artfremd.

Die dritte Stammlinie ist die der Eingebürgerten ( Geschlecht der Item ), die um 1835 gegen kleines Entgelt und ein Barile Wein die Heimatlosigkeit gegen den Marmorer Heimatschein eintauschen konnten. Von den damals Eingebürgerten leben aber keine Vertreter mehr in Marmorera.

Das Geschlecht der Demarmels ( das Wort sagt an sich ja schon hinreichend genug ) ist in Marmorera ausgestorben resp. von dort abgewandert.

Für den Sprachforscher und den Folkloristen mag es auch nicht uninteressant sein, nebst den eigentlichen Flurnamen ( ich habe deren 257 erfasst und kartographisch fixiert ) auch noch den Sippennamen und den Übernamen von Einzelpersonen nachzuforschen.

So kennen wir im Marmorera von 1950 noch 9 Sippennamen, die von einem in gewisser Hinsicht markanten « Stammvater » auf dessen Nachfahren-Hauptlinien übergegangen sind.

RÜCKBLICK AUF MARMORERA An Geschlechtsnamen finden wir 1950 in Marmorera die Bürgergeschlechter der Dora, Lozza, der Luzio und Ruinelli, während die Florin, die Florinetti, die Demarmels und die Item nicht mehr ortsansässig sind.

Bei einer solch geringen Zahl von Geschlechtsnamen ist es daher auch wieder leichtverständlich, dass die Übernamengebung auf die Individuen in den einzelnen Geschlechtern überging.

Bei einer Untersuchung der Übernamen müssen wir wieder feststellen, dass beim weiblichen Geschlecht diese selten auftreten und meist eher unpersönlich gehalten sind, während für die Vertreter des männlichen Geschlechtes Übernamen an der Tagesordnung sind.

Die nachstehend zitierten Übernamen gebe ich ohne irgendwelche persönliche bezügliche Verantwortung wieder, denn ich habe sie einfach so aufgenommen, wie man sie mir mitgeteilt hat.

Name Übername Name Übername Demarmels Gian Igl Giger Lozza Fidel Barba Fidél Dora Gian Battista Kécas Lozza Christian Faranding Dora Flurign Giusep Fulastiar Lozza Duri Stravagânt Dora Johannes, Vater Uéstg ( Bischof ) Lozza Gian Antona Igl Patäng ( Vater ) Dora Duri, Sohn Cannónic ( Kanoni- Lozza Gian Antona Tgimblung, Al kus ) grando Dora Fluregn, Vater Schénscho, Luf.

Lozza Fluregn Legn Dora Duri, Sohn Durichin Lozza Gian Antoni Igl Schüester Dora Victor Quartaling Lozza Fluregn Igl Schlärgias Dora Fluregn Giusep Bunòra Lozza Nie. Conrad Caino Dora Niclà Pater Luis Lozza Enrico Chica, Bebéco Dora Alfonso Beccamòrt, Gémperli Lozza Federico Fadrä Dora Anna Maria La Näa Lozza?

Igl Pimping Ghisletti Duri Igl Cotschen Lozza?

Al Fiarla Ghisletti Gian Giammastréal Lozza-Florinetti La pargiatira Ghisletti Florin Igl Ferro Lucrezia Ghisletti Giovanni Gian Mot Lozza Maria Urs.

La moscha tgalovra Ghisletti Maria Andami Lozza-Dora Maddal.

La Tartaruga Ghisletti Maria Mad- La Gnâgna Luzio Gian Scrivant dalena ( 1807-1866 ) Jäger Andréa Tgóma Luzio Gian Gian dalla Zia Item Gaspare Talpèr ( 1822-1885 ) Item Anna Anna da Pläng Luzio Gian ( 1900 ) Igl Tgiot, Crilenco Florin Gian Igl Cuét Luzio Andrea Barba Tgimel Florin Dorigo Duriatschin ( 1828-1898 ) Florin Lucrezia La Camerlâta Luzio Andrea ( 1898 ) Habakuk, Moser Florin Maria La Ninni Luzio Fadri Igl Grisch Florinetti Gian Igl Babäng ( 1854-1927 ) Florinetti Florin Tabac Luzio Fadri ( 1900 ) Clemenceau Florinetti Maria Maria Plata Luzio Nicolo Lócla Florinetti?

Talót Luzio Fadri ( 1902 ) Schmerdulüng Florinetti Gian Cuditg Luzio Antonio Tona Clós 1840-1920 Luzio Fluregn Frar Lozza Andrea Pastoréll Luzio Flureen-Ruinelli Toc-Toc RÜCKBLICK AUF MARMORERA Name Übername Name Übername Luzio Dur!

Chella Luzio Federico Barba Clos Luzio Fluregn Mar- Igl Tambur ( 1826-1910 ) tegn Ruinelli Gian Bavar Luzio Nicoli Cavaglégn Ruinelli Giacomo Sataning Luzio Gudenz Igl Magnâng Ruinelli Gian ( Sohn ) Salip An Sippen verzeichnen wir!

Linie Fluregn Dora Durichins Linie: Luzio Fluregn Frars » Fluregn Giusep Dora Bunoras » Luzio Duri ( 1868 ) Chellas » Florinetti Tabacs » Luzio Fadri Grischs » Lozza de Christian Farandings ( 1854-1927 ) » Luzio Nicolo Loclas » Ruinelli Gian Bavars ( 1857-1928 ) Deutung der Übernamen ist ebenso zeitraubend wie interessant, würde aber hier bestimmt zu weit führen. So viel sei gesagt, dass wir daraus bisweilen auf Beruf des Trägers, auf wesentliche körperliche oder geistige Merkmale schliessen können, denn Übernamen sind, auch wenn sie aus dem Volke stammen, immer in Kernpunkten zutreffend und eben charakterisierend.

Diese Feststellungen bezwecken in erster Linie, dokumentarisch all das zusammenzufassen, was über Marmorera in seinem « Sterbestatus » noch erfasst werden kann. Binnen maximal zwei Jahren dürfte von dem einstigen Dorfe, das ein Glied bündnerischer Geschichte und sursettischen Volkstums war, keine Spur mehr vorhanden sein, und die Dorfgemeinschaft von einst, mit Freud und Leid, Liebe und Neid, Freundschaft und Missgunst, wird zerfallen sein wie die Funktion des Menschen in der Landschaft mit seinem Weggang ja ohnehin aufhört. Dass Marmorera im Stausee hat untergehen müssen, darüber kann man in guten Treuen zweierlei Meinung sein. Dass es so kommen musste, dafür liegt meines Erachtens die « Wurzel des Übels » in der Bevölkerung, der letzten Generation von Marmorera selbst. Ich fürchte nur, dass die Lebensuntauglichkeit etlicher Stämme des Marmorera der letzten Tage auch in den Umsiedlungsräumen sich bald genug manifestieren wird.

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