Säntisbesteigungen in vier Generationen, nach alten Tagebüchern

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Carl Haffter, Basel

Was steigt dort aufein Bild aus kühnem Traume! 0 Säntis, Säntis, deine Majestät! Annette v. Droste-Hülshoff Der majestätische Säntis dominiert die Aussicht vom mittleren Thurgau aus, von Berg, wo die Droste ihr Gedicht schrieb, aber auch von Weinfelden, wo mein Urgrossvater, Elias Haffter :i 803-1861 ) aufgewachsen war und später als praktischer Arzt und Bezirksarzt amtete. Er war ein ausdauernder Fussgänger, hatte als Student eine Studienreise nach verschiedenen deutschen Universitäten zu Fuss zurückgelegt und besorgte auch seine Krankenbesuche in grossem Umkreis um Weinfelden grösstenteils zu Fuss. Am 7.Juli 1845 konnte er sein « vieljähriges Vorhaben », eine Säntisbesteigung, ins Werk setzen. Er schloss sich seinem Schwager, dem Gerber David Peter Thurnheer, und einer Verwandten namens Babette an, die mit einem Einspänner ins Bad Gonten bei Appenzell zu einem Kuraufenthalt reisten. Während seine Begleiter in St. Gallen Besorgungen zu erledigen hatten, ging Haffter zu Fuss über Notkersegg—Vögelinsegg-Trogen-Stoss nach Gais, wo sich die Dreiergruppe wieder vereinigte. In Appenzell fanden sie im « Hecht » ein Nachtlager.

Der Säntisbericht aus der Mitte des letzten Jahrhunderts « Dienstag, 8. 7.1845 Schon frühe waren wir wieder aus den Federn; Dachdecker polterten in unserer Nähe, da wir ganz am Dache uns befanden, und hätten uns nimmer ruhen lassen. Nun merkte ich beim Waschen und Rasieren, dass mein Hals von der gestrigen Hize ganz verbrannt sei; schlimme Vorbedeutung für eine Säntisreise, besonders, da es heute wieder so heiss und schwül zu werden beginnt. Gleich den übrigen trank ich ein paar Gläser Molken; ich konnte indess nicht sagen, dass sie mir geschmeckt hätte, doch würgte ich sie hinunter und laxirte auch darauf. Den ganzen Vormittag brachte ich nun mit Schreiben zu, erst an die liebe Mutter und an Herrn Dr. Nagel, dann schickte ich Versprechen gemäss beide Visa et reperta [bezirksärztliche Gutachten] von vorgestern durch die liebe Mutter an Herrn Bezirks-statthalter Kesselring ab; es war Arbeit genug, diese beiden Visa et reperta zu concipiren, dann zu copiren und jene Briefe zu schreiben; mittags wollte sich aber auch der Krampf in den Fingern regen. Einige Alpenröschen, die ich beilegte, änderten in der Form des Briefes nichts, sie werden aber kaum anders als sehr verwelkt in die Hände der lieben Mutter gelangen. Mittags hatten wir einige 20 Gäste von Gonten, worunter auch Löpfe und ein Herr Burkhard von St. Gallen; lezterer entschloss sich, mich auf den Säntis zu begleiten, und er liess deswegen sogleich von Gonten seine Stiefel hohlen; inzwischen kam Herr Schwager und anerbot sich, mich mit Babette zu begleiten bis Weissbad, wo wir Caffee tranken. Herr Burkhard kam etwas später nach. Inzwischen hatte ich einen Führer und Proviant bestellt, und mit einiger Besorgnis, ja selbst mit einigem Zaudern und Zögern schritt ich endlich zur Ausführung meines vieljährigen Vorhabens. Herr Schwager und ein Herr Zollikofer begleiteten uns bis Schwendi. Der Führer mit einem Räff-li und Wein, Braten, Brod und der Pflanzenbüchse mit Hemd und Strümpfen voraus, wir mit Alpenstöcken hintendrein. Erst führt der Weg Das erste « Hotel » auf dem Säntis, erbaut 1846. Nach einem alten Holzschnitt! Jahrbuch kjo2 des SAC.

eine ziemliche Strecke ganz eben durch das Thal des Schwendibaches, erst breiter, dann immer enger sich stürzend und zulezt nur noch dem Bache Raum gewährend. Mehrere Hütten liegen auf den Matten des Thales zerstreut, einzelne am Fuss des Berges, von dessen Abhang losgelöste Felsblöcke von verschiedener Grosse herabzustürzen drohen. Durch eine Öffnung im Berge fliesst eine reiche, bald wieder versiegende, endlich dem Schwendibach sich einverleibende Quelle klaren frischen Wassers zu Tage, welche sofort einen Bach bildet und sich muthwillig über den Felsen herabstürzt. Von dem Wege nach dem Seealpsee am linken Ufer seines Abflusses führt der bequemere Weg zum Säntis über Meglisalp links ab, und nun geht 's Steigen an. Der Weg ist ziemlich steil und zieht sich in Windungen, durch Matten und Gebüsch am Abhang hinauf, bis fast in die Höhe des Felsenkammes der sogenannten Mar- wies; dort, in einer Höhe von 12 bis ^hundert Fuss, über der Wasserfläche des schwarzgrünen Seealpsees, windet er sich schmal am Abhang des Berges fort, und oft führt derselbe an Stellen vorbei, die für Schwindler gefährlich genug werden könnten, indem er links durch den steigenden Boden, rechts durch eine in furchtbare Tiefe gehende, mitunter ganz senkrecht gebildete Wand begrenzt wird. Hat man diese Stelle passirt, so gelangt man bald zu ein paar Sennhütten, die genannt, wo der Weg wieder weniger steigt und, von dort an bis zur Meglisalp, meist durch Alpenweiden führend, angenehmer und bequemer zu machen ist; in einer Stunde befindet man sich in Meglisalp, das in einem Kessel von Bergen eingeschlossen sich befindet, eine ziemlich ebene Lage hat und deren Hütten, 12 an der Zahl ( im ganzen gehören 18 zur gleichen Alp ) man schon aus der Ferne sieht. Diese Hütten sind möglichst einfach, die einten für die Sennenfamilien, die andern für die Unterbringung des Viehs bei Nacht eingerichtet. Die ersteren sind alle nach dem selben Typus gebaut. 4 ins Quadrat gefügte Reihen aufeinander gelegter Steine bilden die Grundlage; sie sind die Mauern des ersten und einzigen Stockwerks, das, wenn nicht der Giebel des Daches es erlaubte, kaum hoch genug wäre, um gewöhnlichen Menschen eine aufrechte Stellung zu gestatten; auf diesen Mauern liegt das Dach von Schindeln und Holz, so construirt, dass durch dasselbe hindurch Betrachtungen des Sternenhimmels möglich sind. Fenster oder Läden, wo die Tageshelle eindringen könnte, sind keine angebracht; dagegen ist für Zugwind gesorgt durch die überall offen gelassenen Rizen und Verbindungen mit der Aussenwelt. Durch ein im Fron-tenspiz angebrachtes viereckiges Loch, das gewöhnliche Fensterhöhe hat, gelangt man ins Innere des Pallastes, der durch eine einfache Bret-terthüre ohne Beschluss, oder durch diese und durch einen Halbladen, der vom Boden nur bis in die Mitte des Loches reicht, von aussen getrennt ist. Der innere viereckige Raum ist durch eine Bretterwand mit eben geschilderter Thüre in zwei Theile geschieden, der vordere dient als Wohn-Speise-Gast-Schlafzimmer und Küche. Beim Ein-tretten links befindet sich ein viereckiger, vom Boden etwa 2 V2 bis 3 Fuss erhöhter, mit zartem Heu belegter Raum, der mit einem Leintuch bedeckt wird. Dieses ist die Lagerstätte; zum Kopfkissen dienen die Kleider oder Lumpen, zur Decke ein doppeltes Tuch oder eine leichte Som-merdecke. Diese Lagerstätte ist die einzige für die ganze Familie; hier schläft alles friedlich beisammen, Mann, Frau, Kinder und hie und da spät angekommene Gäste. Der Plaz, in den man gerade trittet, und der Raum rechts enthält einen schlechten kaminschwarzen Bretterboden, ein paar kleine an der Wand festgemachte Bänke zum Sizen und zum Abstellen, ein kleines Aufschlag-tischchen und ein Brettchen mit vier Beinen zum Sizen, ein anderes etwas höheres als Tisch, beide beweglich, daher transportabel. In der Höhe be10 finden sich Gestelle; über dem Lager wird die Wäsche an den Dachbalken aufgehängt und in solcher Weise der Flöhe möglichst geschont, die dann auch nach der Versicherung von Augenzeugen in grosser Anzahl und möglichst gut gemästet hier anzutreffen sind. In der dem Lager gegenüberliegenden Ecke ist die Küche angebracht, das heisst in jenem Winkel des Zimmers wird Feuer gemacht und gekocht und gebraten, was man hat, in Pfannen oder in Kesseln, die, wie die Milch zum Käsen, an einem krähnelförmigen hölzernen Arme überm Feuer hängen. Der Rauch, der hier aufsteigt, findet den gewöhnlichen Weg durchs Camin nicht, aus dem einfachen Grunde, weil kein Gamin vorhanden ist; dagegen dringt er aber, nachdem er die inneren Räume erfüllt und die Luft zum Ersticken gefüllt hat, durch alle Rizen und Löcher hindurch in den weiten Himmelsraum. Aus diesem Grunde sieht aber auch alles in der Hütte pechschwarz aus, vom Stubenboden an hinauf bis zur Königin des Hauses, der vielleicht unter anderen Verhältnissen appetitlich sich ausnehmenden Sennerin. Wir wurden freundlich aufgenommen und nach unserem Appetite befragt; es that uns die Wahl wehe, ob wir Kaffee oder an gewöhnlicher Milch und Brocken, oder von unserem Braten mit Wein uns laben wollten. Endlich aber entschieden wir uns für Milch und Brocken. Es war noch nicht vollständig Nacht, als wir angekommen waren, ( von 6 Uhr Weissbad bis 9 Uhr Meglisalp ) drum tafelte man uns auf unseren Wunsch im Freien, den oben beschriebenen Tisch und das Stühlchen hinstellend, welches mir für eine schwere Last zu schwach schien; der Führer musste ohnedies stehen; wir leisteten ihm Gesellschaft, da wir das Stühlchen zu erdrücken fürchteten. Erst rangirten wir aber unsere Füsse; wir wuschen sie mit kaltem Wasser und rieben sie mit Spiritus, dann mit blossen Füssen im weichen Grase schmeckte uns die etwas lau gemachte Milch gut; alle drei assen wir zusammen aus einem Kübel. Der Hunger war bald gesättigt; aber der Durst auf diese Milch forderte einige Gläser Wasser nachher; drauf fühlten wir uns ganz behaglich und zogen uns dann in die Hütte, woselbst bei an der Wand hängendem Docht mit zerfliessendem Unschlitt die Familie ( Mann, Frau und zwei Buben ) um das Nachtessen sich sammelte: erst Schotten, dann Milch mit Brocken und zulezt für Liebhaber ein Stückgen Käse. Das Gsegnisgott am Schlüsse von Seiten des 36jährigen Sennen hat mich mehr erbaut als manches ein Viertelstunden lange sinn- und herzlose Geplärre, das mehr hergebrachter Übung gemäss abgeleiert wird. Der Kohlendampf behagte weder meinen Lungen noch meinem Kopfe, und ich wollte eben die glühenden und rauchenden Kohlen entfernen lassen, als man mir sagte, dass wir nicht da, sondern in der benachbarten Hütte schlafen werden. Meinen Taback verschmähte der Alpmeister ( denn das war unser Wirth, der Senne, der auf der Alpe Ordnung zu erhalten verpflichtet ist ) nicht, er stopfte sich ein paar Pfeifchen, und wir - wir zogen zu unserer Hütte und legten uns auf das uns neumodische Lager, der Führer vorab an die Wand, Herr Burkhard in die Mitte und ich an den Rand. Ein Kopfkissen, das an meinem Plaze lag und das ich an jeder Strasse als abgenuztes Material und als unbrauchbar liegen gelassen hätte, schob ich aus Respekt vor allfälligen Einwohnern in demselben beiseite und legte mich, gerade ausgestreckt, versteht sich in den Kleidern, wie die übrigen, aufs Ohr; ein Bologneser Hündchen war unser vierter Schlafge-sellschafter, verhielt sich aber gut und hatte viel weniger mit Ausstäupen zu schaffen als mancher andere Hund. Trotz der leichten Decke wäre ich bald zum Schwizen gekommen, hätte ich mich nicht wieder abgedeckt. Wir hatten uns kaum gestreckt, als Fusstritte die Ankunft eines Fremdlings verkündeten. Es war, wie sich 's nachher ergab, ein Lehrer Schalch von Schaffhausen, welcher in dunkler Nacht noch vom Weissbad herkam und dann bei der Familie Dörig unserer Wirthschaft übernachtete. Heftige Windstösse liessen sich da und dort hören und zogen ein durch die Rizen der Hütte; im Osten wetterleuchtete es, und mir schien schlimmeres Wetter [ 11 auf dem Anmärsche. Schlafen konnten wir kaum, hie und da ein leichtes Einschlummern, das aber bald wieder dem Erwachen Plaz machte, inzwischen ich meiner Lieben gedachte und sie Gottes allmächtigem Schuze empfahl. Die zweite kleinere Abtheilung des Raumes, in dem wir uns von io bis 2 Uhr befanden, ist etwa ein Schritt tiefer und gewöhnlich dem Bergrücken zugekehrt, folglich kühler und dient zum Keller für Aufbewahrung der Milch, der Gerätschaften, des Käses und dergleichen.

Mittwoch 9. 7. 1845 Es war ein herrlicher, vielversprechender Sternhimmel, als wir 2 Uhr unsere Köpfe aus dem Schlupfloche streckten. Wir rangirten unsere Fusse mit Spiritus und mit Unschlitt, liessen uns Molken aufwärmen, bezahlten unsere Zeche ( 33 Kreuzer und freiwillig für die Molken 27 Kreuzer ) und sahen nicht ungerne, dass der später gekommene Passagir sich unserer Gesellschaft anschliessen wollte. ;'/2 3 Uhr zogen wir aus; sofort ging 's wieder bergauf und nicht lange, so befanden wir uns bei einzelnen Schneestellen. Mit Tagesanbruch traf ich das erste Exemplar des Blümchens « Mannstreu ». Der östliche Horizont besäumte sich, das heisst der Sonnenaufgang, den wir auf einem Hügel in der Nähe der Wagenlücke erwarten wollten, weniger naturgemäss erschien. Hier zum ersten Mahl griffen wir nach unserem Proviante, um uns zu stärken zu unserer Reise über das Schneefeld hinauf, das I—1 Vi Stunden Zeit wegnimmt, das wir aber, da es sehr gut Gehen war, innert I Stunde durchschritten. Der Schnee hat sich da in eine ohne Zweifel sehr tiefe Schlucht gelagert und bleibt das ganze Jahr hindurch in mehr oder minder grosser Ausdehnung liegen; im August schmilzt der Schnee auf der Oberfläche und friert während der längeren Nächte wieder zusammen, so dass dann das Gehen auf diesem Schneefelde ebenso beschwerlich als gefährlich ist. Jezt aber war der Schnee weder so weich, dass man tief eintretten musste, noch so Ausgebautes Gasthaus Säntis ab 1868 aus: « Häädler Kalender » 1974; Hermann Grosser:

Säntiswirtefamilie Dörig » hart, um bald auszugleiten. Oben an diesem Felde gelangt man auf einen Kamm, von dem aus die Aussicht ins Toggenburg und die Gebirge ausgezeichnet ist und umso lohnender, als der Weg zu demselben anstrengend ist. Von hier aus muss ein Theil des Schneefeldes in der Quere durchschritten werden, dann steht man am Fusse des Kulmes vom Säntis, welcher die beschwerlichste und gefährlichste Parthie bildet. Es ist da alles kahl, die Vegetation fast Null, das Terrain ein harter, zerklüfteter Kalkfelsen, dessen Platten sehrschief liegen und oft so gross sind, dass man sie nicht überschreiten kann, auf diesen Platten könnte man leicht ausgleiten und so dann allerdings Beine, Kopf und Hals brechen, würde man hinunterrutschen. Die Carambolage mit den harten, spizigen und flachen Felsenstücken wäre ein höchst unangenehmes Intermezzo. Oben ist nur ein Haufen Steine als Signal aufgerichtet, der Raum aber so beschränkt, dass mit 30 Personen alles ausgefüllt sein muss. Die grossartige Aussicht, die auf keiner Seite begränzt wird als durch die nächstliegenden Berge, welche den Vordergrund zum Theil decken, und durch die ferneren höheren Gebirge, welche den Gesichtskreis über- Gasthaus Säntis, im Jahre 1874 gänzlich umgebaut'Die aus: « Häädler Kalender « 1974; Hermann Grosser: Säntiswirtefamilie Dörig »

1882 wurde auf dem Säntis ein Wetterbeobach-tungsdienst eingerichtet mit einem Wetterhäuschen auf der Spitze und einem Wetterwartsge-bäude unmittelbar unter dem Gipfel. Die Geschichte dieser Wetterwarte ist von Hermann Grosser im « Neuen Appenzeller oder Häädler Kalender für das Jahr 1978 » dargestellt worden. Zur Übermittlung der Beobachtungen war eine Telegraphenleitung zum Weissbad errichtet worden, deren eiserne Träger oft durch Lawinen verbogen und deren Drähte oft zerrissen wurden. Die Versorgung mit Lebensmitteln und Brennmaterial für Gasthaus und Wetterwarte musste durch Träger geleistet werden, die erst nach Ausbau der Wege auch Maultiere verwenden konnten. Mehrere dieser Säntisträger sind abgestürzt oder durch Lawinen verschüttet worden. Mit der Eröffnung der Luftseilbahn Schwägalp—Säntis im Jahre 1935 nahm der Beruf der Säntisträger ein Ende, und 1970 wurde der Posten eines eigentlichen Wetterwarts aufgehoben, da die meteorologischen Beobachtungen jetzt weitgehend automatisiert und mit den Einrichtungen der PTT für die Übermittlung von Radio- und Fernsehsendungen kombiniert worden sind.

Ein Bild des Säntis-Tourismus im Jahre 1891 geben uns die Auszüge aus dem Tagebuch von Wilhelm Haffter ( 1830-1895 ). Er war der älteste Sohn von Elias Haffter, hatte dessen Praxis in Weinfelden und ebenfalls das Amt eines Bezirks-arztes übernommen. Auch er war ein begeisterter Berggänger und hat verschiedene Tagebuchauf- zeichnungen über seine Bergwanderungen hinterlassen. Wir besitzen keine früheren Beschreibungen von Säntisbesteigungen, aber aus dem Tagebuch dieses Jahres ist klar ersichtlich, dass er schon früher dort gewesen war und die Vertreter der Familie Dörig für ihn alte Bekannte waren.

Säntisfahrt mit meinem Sohne Max, 10.12. Oktober 1S91 « Den günstigen Witterungsaussichten zulieb trat ich mit Max Samstag, 10. Oktober, abends 5 Uhr mit innerlichem Widerstreben und Unlust ( ich fühlte mich den ganzen Tag nicht wohl ) eine Säntistour an; kurze Zeit vor der Abreise musste der schadhaft gewordene Tornister umgepackt werden, und auf dem Marsch zur Station entdeckte ich zu meiner unangenehmen Überraschung, dass ich die Hälfte des Reisegeldes zu Hause gelassen hatte. ( Herr Wartmann half mir dann mit einer Banknote aus. ) Mit beginnender Dämmerung trafen wir in Gossau ein, abends 6 Uhr l i Minuten, und nahmen sofort den Weg nach Herisau unter die Füsse. Beim Einsteigen in den Eisenbahnwagen in Herisau gewahrten wir noch andere mit Bergstok und Tornister ausgerüstete Leute. Es fing mich an zu frösteln, weshalb ich den Plaid umlegte. In Appenzell folgten wir abends 8 Uhr 25 der Führung des Portiers vom « Löwen », wo wir freundlich empfangen wurden. Die gesprächige Wirthin erzählte uns von Herrn Apotheker Haffter, der kürzlich hier gewesen sei, von dem grossen Lieutenant Haffter bei Anlass eines Ausmarsches der St. Galler Rekrutenschule etc. Ein Zimmer mit zwei guten Betten, hübsch möblirt, nahm uns auf.

Sonntag 11. Oktober. Morgens vor 5 Uhr Tagwache; ich zog meine wollenen Strümpfe an; um 5 lA Uhr Abmarsch bei ordentlicher Tageshelle. Wir schlugen den Fussweg nach dem Weissbad ein und erreichten morgens Vi 7 Uhr den « Aker », das Besitzthum des Andreas Anton Dörig hinten im Thälchen des Schwendibachs. Heller Morgenhimmel, prächtiges Wandern auf der guten Strasse; wir sprachen von Eugen Dörig, der voriges Jahr in der « Felsburg » ( Schwendi ) eine Cur machte. Bei dem Säntiswirth frühstükten wir; ich nahm einen Photographienaustausch vor, brachte ihm meine neueste Photographic Von Frau Dörig erfuhr ich, dass man von hier auf dem gegenüberliegenden Abhang durch Wald hinan direkte nach der Alp Baum und Ebenalp ansteigen könne.

Nach freundlichem Abschied setzten wir die Reise fort; Max lud den Tornister, den ich bis zum Aker getragen, auf seine Schultern; durch das Hüttentobel gings hinauf zur Alp Kleinhüt-ten, bald nachher Grosshütten und immer weiter im Schatten, den uns die umgebenden Gebirge spendeten. Zwischen Hüttenalp und Schrennen überraschte und entzükte uns das prachtvolle Spiegelbild der Gebirge im tief unten liegenden Seealpsee, das so vollständig war, dass ich ungeachtet genauer Fixirung der spiegelnden Wasserfläche kein Wasser entdecken konnte. Nachdem ich Max das Innere der Schrennenhütte gezeigt, wanderten wir weiter; abermals lud ich den Tornister auf, während Max meinen Rok an sich nahm. Nach zweistündigem Marsch vom Aker an erreichten wir die Meglisalp, wo wir schon Säntis-besteiger trafen. Das Z'Nüni kostete 2 fr. 40 ct. Ein diker Herr Sonderegger stellte sich mir als Schwiegervater des Herrn Hans Wetter vor.

Nach einstündigem Aufenthalt setzten wir den Aufstieg zum Säntis fort auf gut unterhaltenem Weg. Es fiel uns auf, wie viele von den eisernen Telegraphenstangen ( aus Winkeleisen ) stark verbogen waren. Zu der vom Weg wenig entfernten hinteren Wagenluke aufsteigend, blikten wir in eine Thalweite hinunter, die Fehlalp. Der Weg zieht sich stets durch Kam und felsiges Gebiet hinan rechts hoch über dem sogenannten Grossen Schnee; zur erleichternden Nachhülfe sind Drahtseile neben dem Weg angebracht.

Nach einem Marsch von 2 Stunden 45 Minuten war das Säntisgasthaus erreicht; eine Schüssel Mehlsuppe und ein Glas Wein, vermischt mit heissem Wasser, befriedigte die ersten körper- liehen Bedürfnisse. Das nachher Genossene war fast zu viel für die Capacität und Verdauungs-kraft meines Magens. In der meteorologischen Station, welche gleichzeitig den Telegraphen-dienst besorgt, gab ich ein Telegramm nach Weinfelden auf; dann wurde die Aussicht vom Säntisgipfel gemustert; dieselbe entfaltete sich gegen Abend noch vollständiger.

Ausser Herrn Sonderegger, der einige Zeit nach uns, mit seinem Tornister beladen, das Gasthaus erreichte und Zimmer No IV bezog ( wir logirten in No III ), trafen noch zwei Herren von Herisau ( Meyer und Albert Wetter ) und ein Herr Studer von St. Gallen mit zwei jungen Damen ( seiner Tochter Elly, die nicht schön ist, aber einen prachtvollen hellblonden Haarschmuk trägt, und mit einem Frl. Wals des Optikers ) auf dem Säntis ein. In ihrer Gesellschaft bewunderten wir die prachtvolle Rundsicht und brachten wir nachher den Abend im Gasthause zu. Max und ich labten uns an Café complet und schrieben jeder eine Anzahl in- und ausländischer Postkarten. Bisweilen traten wir für etliche Minuten in die mondhelle Nacht hinaus. Um % i Uhr bezogen wir unser Nachtquartir; Max schlief besser als ich, der ich lange nicht einschlafen konnte und nachher häufig erwachte.

Montag 12. Oktober: Aufstehen um 5 Uhr. Der östliche Horizont verbreitete schon eine deutliche Helle; die Sonne erhob sich aber erst um 6 Uhr, als wir zu ihrem Empfang auf dem Säntisgipfel bereitstanden. Eine milde Temperatur herrschte droben, dazu absolute Windstille; aber nur die Gebirge im Osten und Süd-Osten waren noch vollständig klar; die übrigen, z.B. Bernina, Sar-dona-Gruppe etc. zeigten mehr oder weniger Bewölkung. Der Säntis warf einen mächtigen Schatten bis weit in den Canton Zürich hinunter ( NB gestern Abend fiel der Säntis-Schatten bis nach Vorarlberg hinein ). Die Berner-Alpen, eine Zeitlang von der aufgehenden Sonne bestrahlt, nahmen bald ein mattes, glanzloses Grau an. Nachdem wir gefrühstükt, die Rechnung bezahlt und uns verabschiedet hatten, kehrten wir noch bei dem Säntis-Beobachter ( Bommer von Bänikon ) an, der sich gestern anerboten hatte, uns seine Apparate für Witterungsbeobachtungen zu zeigen, was nun wirklich geschah; auch die Räumlichkeiten des von ihm bewohnten Hauses zeigte er uns, und schliesslich stiegen wir zu dem Ane-mometer-Gehäuse hinan; der in London erstellte Apparat gibt die Windrichtung und die Windstärke an.

Um Vi 9 Uhr morgens verabschiedeten wir uns dankend von Herrn Bommer und stiegen zunächst am Drahtseil auf der steilen Felsentreppe, die durch Neuschnee schlüpfrig war, hinunter zu dem Felseinschnitt, durch welchen man den sogenannten blauen Schnee betritt. Derselbe war gut gangbar, nicht sehr steil und hatte dunkle Wegspuren. Hernach wiesen die zahlreichen rothen Merkmale an den Felsblöken uns deutlich die einzuschlagende Wegrichtung. Ich konnte es mir nicht versagen, eine flüchtige Skizze des unserem Standpunkt gegenüber hochaufragenden Hundsteins in mein Notizbüchlein einzutragen, wie ich es vorher vom Säntis aus mit dem Altmann getan; die Hundstein-Skizze befriedigte mich übrigens nicht.

Wir stiegen nun gegen die hintere Öhrligrub ab und passierten das Drahtseil. Auf die Besteigung des Öhrlikopfs wurde aus Mangel an Zeit verzichtet. Es lag noch ziemlich viel Neuschnee in der Öhrligrub. Die rothen Markierungszeichen verlierend, hielten wir uns zu viel rechts oder zu nahe an die nordwestliche Wand der Hängeten, trafen aber herwärts der vorderen Wagenluke ( zwischen der Hängeten und den Thürmen ) den richtigen Weg wieder. Es ging nun oberhalb Lüzlialp eine lange und steile Schutt- und Trümmerhalde hinunter auf gutem Zikzakweg. Hernach kamen wir dem Stekenberg etwas zu nahe, hätten uns abermals mehr links halten sollen, wo der deutliche Weg durchführt. Auf dem sonnigen Weg zur Altenalp ( wo man gegenüber den Säntisweg nach Meglisalp und Gloggeren und Marwies hat ), erhob sich zwischen Max und mir eine Meinungsverschiedenheit über die Stelle unseres Abstiegs von der Öhrligrub gegen den Stekenberg; ich erklärte, die im Profil gesehene Hängeten für einen « Thurm », überzeugte mich aber nachher, dass Max recht hatte, nicht der graue Vater. Von Altenalp bis zum Escher lud ich den Tornister wieder auf. Schön, wenn auch ganz anders als vom gegenüberliegenden Weg zur Meglisalp, war auch von unserem Standpunkt aus wieder der Blik auf den tannenumgürteten dunkelgrünen Seealpsee. Nach 3'/2-stündigem Marsch Ankunft bei dem sauberen, freundlichen Wirtshaus zum Escher am Fusse der Ebenalp in sonniger Lage. Im Fremdenbuch lasen wir den G. Wenzel, mit Notiz: Arzt, hilf dir selberein entfernt Verwandter, Arzt in Naumburg a.d. Saale].

Um I Uhr nach einem Restaurationshalt mit nicht besonders billiger Zeche gingen wir zum Wildkirchli hinüber und durch die bekannte dunkle und an einer Stelle niedrige Höhle in mehreren Windungen auf die Ebenalp. ( Unser 6 Personen hatten für die Beleuchtung beim Durchgang durch die Höhle 50 ct. zu bezahlen; derjenige, der uns führte, sagte, dass man auch ausserhalb der Höhle um den Fuss der Felswände herum auf die Ebenalp gelangen könne - für « Schwindler » jedenfalls nicht zu empfehlen !). Auf der Ebenalp stiegen wir an zu den nächsten Sennhütten und Ställen ( nicht bis zur Wirtschaft ), wo Max die Aussicht musterte. Ein scharfer Wind drohte uns die Hüte zu entführen. Gern hätte ich den Weg durch den Wald eingeschlagen, anstelle nochmals durch die Felshöhle; ich fürchtete aber, mit Suchen des Weges Zeit zu verlieren, und so traten wir, nachdem wir in Hast und Eile abermals emporgestiegen waren ( Confusion !), den Rückweg vorsichtig durch die dunkle gekrümmte Höhle an, da wir keine Beleuchtifhg hatten. Es war 2 Uhr, als wir vom Escher aus den Weg nach dem Weissbad einschlugen. In der Besorgnis, uns zu verspäten, gingen wir zuerst sehr rasch bis in die Nähe der Bommenalp ( unterwegs hatte ich herniam prolabentem - hervortretenden Leistenbruch - zurückzuschiebendann liessen wir uns mehr Zeit und erreichten, vom Weissbad den Fussweg einschlagend, schon um 3 Uhr 30 Minuten Appenzell, wo wir die Restauration zum Rothen Thor aufsuchten, ein geräumiges Bierlokal.

Als wir um 4 Uhr 12 Minuten per Eisenbahn abfuhren, glänzten Kamor und Hohenkasten in verlockend schöner Abendbeleuchtung; ich blikte unterwegs zurük, so lange es anging. Von Herisau bis Gossau ging 's zu Fuss in 35 Minuten, dann abermals per Eisenbahn, und zwar aus Plaz-mangel in einem Coupé II.cl. Ernst [der ältere Sohn] nahm uns an der Station Weinfelden in Empfang und berichtete vom raschen, starken Sinken des Barometers. Unsere Tour war gelungen; dessen freuten wir uns herzlich. » Die gleiche Säntisbesteigung hat auch der 21jährige Sohn Max in Tagebuchaufzeichnungen festgehalten, wesentlich kürzer, aber ebenfalls voll Begeisterung für die herrliche Aussicht. Sehr anschaulich kommt der Kontrast zwischen alt und jung in folgender Bemerkung zum Ausdruck: « Wir marschirten der schönen Landstrasse nach Herisau zu, der Vater geängstigt durch böse Omina, der Sohn voll Zuversicht auf günstigen Ausgang. » Im selben Jahr, am 27.29. Oktober 1891, unternahm Wilhelm H. noch einmal eine Bergtour im Säntisgebiet, nun in Begleitung seiner 23Jähri-gen Tochter Anna Charlotte ( nachmals verh. Beyme ). Jetzt reisten sie am Morgen ab und gelangten abends auf die Meglisalp, wo sie übernachteten. Auch diesmal machte ihm seine Gesundheit Sorgen. Er hatte ein Fläschchen mit Laudanum ( Opiumtinctur ) mitnehmen wollen, es aber vergessen. Wie befürchtet, überfiel ihn auf de? Meglisalp eine akute Magendarmstörung, die ihn daran hinderte, am nächsten Tag weiter aufzusteigen. Anna bestieg jedoch in Begleitung des jungen Johann Baptist Dörig, des späteren Säntis-wirts, den Gipfel und kehrte wieder zur Meglisalp zurück. Am nächsten Tag fühlte sich der Arzt wieder so wohl, dass er unter Führung des jungen Dörig noch die Marwies besteigen konnte. Dann stiegen Vater und Tochter nach Appenzell ab und reisten heim nach Weinfelden. Wieder erwartete sie der älteste Sohn Hans am Bahnhof. Die Familie hatte sich Sorgen gemacht, ob die zwei Säntistouristen nicht in ein Unwetter geraten seien, da die Wetterlage in den Bergen von Weinfelden aus ungünstig wirkte, weil das Gewölk am Säntis sehr dunkel ausgesehen hatte. Wilhelm Haffter nahm sich vor, künftig vom Säntis aus ein Telegramm heimzuschicken.

Mein Vater, Max Haffter ( 1870-1943 ), trat in die Fussstapfen seines Grossvaters und seines Vaters, verlegte jedoch seine Arztpraxis von Weinfelden nach dem eine Wegstunde entfernten Berg. Wir sind also dort aufgewachsen, wo Annette von Droste-Hülshoff von ihrem Domizil in Meersburg aus mehrmals im Schloss Berg zu Gast war. Sie schildert in ihrem Gedicht « Schloss Berg », wie im Morgengrauen über dem breiten Thurtal und den grünen Höhenzügen von St. Gallen und Appenzell sich der majestätische Säntis erhebt. Im Sommer 1919 unternahm unser Vater mit seinen drei Söhnen eine Säntisbesteigung. Ich war stolz, dass ich mit meinen to Jahren schon mit von der Partie sein durfte. Jetzt konnten wir bis Wasserauen mit der Bahn fahren. Wir folgten beim Aufstieg dem selben Weg über die Meglisalp, den schon unsere Vorfahren gewählt hatten und der bis heute die leichteste Aufstiegsroute geblieben ist. Wir übernachteten auf Meglisalp; am folgenden Tag stiegen wir zum Gipfel auf. Von dort gingen wir aber über den Lisengrat zum Rotsteinpass und nach Wildhaus hinunter. Die Überschreitung des Lisengrates ( Kalbersäntis ) hatte als eine der schwierigsten Klettertouren im Alpstein gegolten, bis die Sektion Säntis des SAC durch den Bergführer Johann Nänny eine Weganlage mit Seilsicherungen erstellen liess, die eine gefahrlose Begehung ermöglichte, wenn auch stellenweise der Blick in den Abgrund immer noch schwindelerregend wirkte. Am 24. Juli 1905 wurde dieser Lisengratweg eingeweiht.

Für die Beschaffung von Unterlagen für meinen Artikel bin ich zu grossem Dank verpflichtet: Herrn Landesarchivar Dr. Hermann Grosser, Appenzell, der sich um die geschichtliche Erforschung und Darstellung des Tourismus im Säntisgebiet besonders verdient gemacht hat. Ich verweise auf seine geschichtliche Übersicht « Die Erschliessung des Alpsteins » im Innerrhoder Geschichtsfreund 1962 sowie auf die liebevollen Einzeldarstellungen « Die Säntiswirtefamilie Dörig»im Häädler Kalender 1974, « Aus dem Leben der Säntisträger » im Appenzeller Kalender 1974, « Die Säntiswarte von 1882 bis 1969 » im Häädler Kalender 1978.

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