Schalligrat

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Von E. J. Roelfsema.

Am 9. August 1930 standen mein Freund Polano und ich auf dem Gipfel des Weisshorns. Neugierig schauten wir den Südgrat hinab. Hatten wir doch ursprünglich die Absicht gehabt, über diesen schönen Grat den Berg zu ersteigen. Aber dann wurde uns in Randa von den Führern schon der gewöhnliche Weg lebhaft abgeraten. Dass wir an diesem wolkenlosen Tag trotz kaltem Nordwind so ziemlich ohne Mühe auf den Gipfel kamen, war wirklich nicht unser Verdienst, sondern das des Wetters, das in der Nacht den Weg glatt für uns geebnet hatte.Vom Abstieg über den Schalligrat war nicht die Rede. Nur noch einmal schauten wir hinab und eilten dann zurück zur Hütte.

Im Jahre 1877 erkletterten drei Führer mit drei Engländern den oberen Teil des Schalligrates. Erst nach achtzehn Jahren vollführten zwei Führer mit Broome die vollständige Besteigung. Einige Jahre später folgte die erste führerlose Partie, die Österreicher Lorenz und Wagner. Andere sind nachher gekommen; doch ist der Grat eigentlich nie in der Mode gewesen. Die Ursache wird ohne Zweifel die Fabel sein, dass man irgendwo biwakieren müsse, um die Bergfahrt gut durchzuführen.

Nicht ohne Mühe nehmen wir zwölf Tage nach unserer ersten Weisshornfahrt Abschied von Zermatt. Von Randa steigen mein Freund Beukema und ich zum zweiten Male diesen Sommer zur Weisshornhütte. Aeyelts, der Dritte im Bunde, hat in Zermatt noch einige Geschäfte zu erledigen und wird mit einem späteren Zug fahren.

Tropische Glut. Auch oberhalb der Jatzalp, wo es vor zwei Wochen schneite und kalter Nordwind blies, so dass wir zum Schutz die Windjacke anzogen, ist die Luft so drückend, dass wir eine lange Rast halten. Die Alp liegt verlassen in brennendem Sonnenschein. Das Vieh weidet höher oben.

In Schlaf und Bewunderung für die Mischabel vergessen wir fast die Hitze.

Im Laufe des Mittags kommen wir in die Hütte. Drei Italiener sind da, uns schon bekannt aus der Capanna Margherita. Auch ein deutscher Alleingänger.

Es ist unsere Absicht, am späten Nachmittag, wenn die Sonne ihre Kraft verloren hat, schon eine Spur zu machen bis zum oberen Plateau des Schalli- berggletschers. Wir können dann das Couloir nicht verkennen, das nördlich vom P. 2974 das hohe Felsenband durchzieht, wodurch das untere östliche und das obere westliche Plateau dieses Gletschers voneinander getrennt werden. Nichts wird aus diesem schönen Plan. Wir sind zu faul, und der Schnee ist zu weich. Auf bekanntem Wege gehen wir zum Gletscher. Da machen wir halt. Auf dem kleinen Pfad liegt noch 40 cm Neuschnee. Was wird das morgen geben, wenn die Nacht nicht kalt ist? Wir stehen und schauen. Der Weg zeigt sich selber. Es ist nur die Kunst, den Aufstieg auch mit der Laterne zu finden. Da wir keine Lust haben, uns jetzt zu ermüden, machen wir kehrt und schlafen den ganzen Mittag in der Sonne vor der Hütte... Später kommt der Georg. Er hat zu wenig Proviant mitgenommen. Wir schimpfen: « Morgen sollst du dafür büssen! » 0 u Uhr stehen wir auf. Das Wetter ist nicht tadellos. Eine warme Nacht mit Westwind. Am Himmel hie und da Wolken. Der Weisshorngipfel steckt im Nebel: « Man könnte es versuchen », sagt einer. Also losIn Hemdsärmeln gehen wir eine gute Stunde später aus der Hütte. Draussen ist es zu hell für die Laterne, zu dunkel, um ohne Licht den Weg zu finden. Auf dem Pfad hinter der Hütte schreiten wir zum Gletscher. Weich ist der Schnee... Fortwährend höre ich hinter mir ein schlimmes Husten. Georg fühlt sich nicht wohl und schon nach zwanzig Minuten sagt er zu uns, er könne so leider nicht weiter. Jetzt kann er noch rechtzeitig allein umkehren.

Selbander gehen wir weiter. Wir folgen der Aufstiegsspur des normalen Weges. Diese führt zu einem schmalen Felsband, das man auf bequemem Pfade ersteigt. Wo die anderen Spuren weiter aufwärts führen, verlassen wir sie, um wieder absteigend den Fuss des typischen obengenannten Couloirs zu erreichen. Bei gutem Schnee kann man diese Gegensteigung vermeiden. Im Abstieg sinken wir fast bis an die Knie ein. Hie und da versperrt eine Spalte den Weg. Einmal fliege ich ins Bodenlose; aber das Seil tut seine Pflicht.

Wieder fangen wir an zu steigen. Der Schnee wird besser, eine alte Lawine. Einzelne Steine liegen am Fuss des Lawinenkegels. Wir stehen jetzt am Anfang des ungefähr 150 Meter langen Couloirs. Schon gestern haben wir gesehen, dass der Schnee an drei Stellen ganz weggeschmolzen ist.

Nach 30 Metern in leidlich gutem Schnee eine schwarze Wand. Über eine glatte, geröllbedeckte Platte steige ich, die Laterne im Munde, nach links schräg an. Etwas heikel zurück nach rechts — ich fühle Moos oder Gras unter dem Neuschnee — gelangen wir wieder ins Couloir. Die nächsten 30 Meter sind Schnee, knietief. Dann kommt eine überhängende zweite Wand. Bei näherer Prüfung scheint es mir ein ausserordentlich grosser Block, der im Couloir verklemmt ist. Rechts ist keine Auskunft, zur Linken geht es in phantastischer Beleuchtung schwierig aufwärts. Ich brauche meine zwei Hände für die Kletterei. Wo lasse ich Pickel und Laterne? Warum stört mich jetzt das Seil? Zwischen dem Rande des riesengrossen Blockes und der senkrechten Wand des Couloirs stemme ich mich empor. Oben eine kleine Plattform. Mein Freund kommt nach.

Schon hier ist die erste Kerze fast aufgebraucht, das letzte Stümp-chen stelle ich abseits auf einen Stein. Dort brennt es noch einige Zeit weiter. Später erzählte uns Aeyelts, er habe gedacht, es seien zwei Seile dort oben.

Wir queren wieder zurück nach rechts. Es ist schwierig im Dunkeln, nur wenig Halt. Es folgen einige Meter Schnee, dann ein Band mit verräterischem Geröll, wieder Schnee, weich und noch nass. Und wir stehen am oberen Ende des Couloirs. Mit einigen Stufen im Eise kommen wir auf einen kleinen Grat, der zu den drei spitzen Felszacken führt, die das Couloir links überragen. Rechts die Blöcke des oberen Schalliberggletschers. Ich frage mich: Könnten die vielleicht einmal durch die Rinne kommen?

Schon brauchen wir die Laterne nicht mehr, als wir weiter gehen. Nur wenige Tritte müssen wir hacken. Dann wieder in weichem Schnee. An einigen Stellen werden grosse Spalten umgangen, Schwierigkeiten sind nirgends. Der Schnee bleibt sehr weich. Unser Ziel ist P. 3531. Plötzlich versperrt uns ein grosser Eisabbruch den Weg. Fast sofort ist ein Durchschlupf gefunden. Ein Quergang durch weichen Schnee auf Eis abwärts, fünf oder sechs Stufen im Eise sehr steil hinauf, ein grosser Schritt über eine unangenehm tiefe Spalte und — geradeaus können wir wieder weitergehen. Mit Glück kann diese Stelle lang werden.

Einige zehn Meter unterhalb P. 3531 queren wir schrägan nach links. Kurze Zeit hartes Eis hacken ist eine willkommene Abwechslung für die elende Schneestampferei, die nur nicht aufhört. Zuletzt wird es Krusten-schnee, noch schlimmer also. Immer mehr nähert man sich der Nordostwand des Schallihorns. Je höher wir kommen, je härter wird die Kruste, und endlich sinken wir nicht mehr ein. Nun zurück nach rechts, nordwestlich. Und rüstig ausschreitend kommen wir bald auf das Schallijoch. Ein kalter Westwind jagt uns in die andere Flanke, wo wir die erste Rast halten.

Vom Domjoch bis zum Alphubel schreitet die Sonne, ehe wir an Aufbruch denken. Wir stecken die Pickel in die Rucksäcke. Kein einziges Mal auf dem ganzen Grate brauchen wir die Waffe. Durch schlaue Manöver können wir später die heikelsten Schneegrate umgehen, in aufregendem Balancieren das Gleichgewicht haltend die leichteren überschreiten.

Über Geröll und Schneeflecken hinan verlassen wir das Joch. An einigen Stellen wird das einfache Gelände durch gutgriffige Platten unterbrochen. Immer bleibt man in der Ostflanke. Oben zeigt ein spitzes, rotes Türmchen die Stelle, wo man zum ersten Male den Grat erreicht. Der Aufstieg zur Scharte dahinter ist ziemlich steil: glatte, etwas vereiste Platten mit wenig Griffen. Einen kleinen Überhang erklettert mein Freund mit Eleganz. Auf dem Grat kalter Westwind. In fortwährend interessanter, nie wirklich schwieriger Kletterei ziehen wir weiter, östlich wird die Flanke immer steiler, oft senkrecht; im Westen liegen glatte Platten in starker Neigung dachziegelartig aufeinander.

Wir stehen vor einem steilen, gelblich weissen Turm. Ausweichen in die Flanke ist unmöglich. Zwei Risse nebeneinander geben eine gute, obwohl schwierige Anstiegslinie über die Kante. Oben ein ebenes Stück, von wo mein Freund mich schnell nachhisst. Leichter geht es weiter. An einigen Stellen bietet ein kurzer Schneegrat Abwechslung. Da, wo die Türme zu steil werden, geht man in die Wand. Es kommt darauf an, dass man nicht zu tief geht und immer wieder, so bald es möglich ist, zum Grat zurück klettert. Die Ostflanke ist glatt und exponiert, die Westflanke sieht überhaupt nicht einladend aus. Die Neigung der ersten Hälfte des Grates ist noch nicht stark, aber man muss viele Türme überklettern. Meistens folgt ein kurzer Abstieg auf Schnee, und aufs neue schwingt sich der Grat in die Höhe.

Plötzlich — ich schätze ungefähr halbwegs — stehen wir im Nebel. Während kurzen Aufhellungen sehen wir noch den Weisshorngletscher in der Tiefe.Vor uns ragen Türme, scheinbar immer steiler werdend, drohend auf. Der kalte Westwind bläst unangenehm, sobald man auf dem Grat steht. Wir sind jedesmal froh, wenn wir in die Wand müssen. Da ist es warm, auch im Nebel. An einer Stelle ist die Kletterei sehr schwierig, aber im allgemeinen kommen wir, gleichzeitig kletternd, schnell voran. Griffe und Tritte sind vorzüglich.

In der Ferne, noch hoch oben, schimmert ein roter Turm, der senkrecht zum Grat abbricht. Ehe wir daran kommen, müssen noch viele kleinere Zacken überklettert werden. In der Scharte vor dem Turm sehen wir links ein ausserordentlich steiles Couloir, das zum Weisshorngletscher hinabführt, vor uns einen Überhang, rechts eine fast senkrechte Wand, die unten in Nebel verschwindet. Durch diese Wand, immer ungefähr zehn Meter unter der Grathöhe, ist der Gang exponiert, aber nicht besonders schwierig. In der folgenden Scharte halten wir eine Rast. Kleine Schneekörnchen fallen zeitweilen hier im Windschatten. Dem Wetter ist nicht ganz zu trauen.

Bald gehen wir wieder weiter. Nun kommt die Strecke, wo Turm auf Turm folgt, wo man immer glaubt auf dem Gipfel zu sein, und wo man immer aufs neue betrogen wird. Wir sind darauf gefasst! Man spürt hier, dass man höher kommt. In den Flanken liegt sehr viel Schnee, auf der Gratkante zur Abwechslung Eis.

Wieder stehen wir vor einem Turm. Der wievielte? Vor uns im Nebel ein Schneegrat, von Felsen unterbrochen. Flüchtig hellt es auf. In ungefähr 50 Meter Entfernung sehen wir das Gipfelsignal schon vor uns. In der letzten Scharte ist eine schöne, weit überhängende Gwächte.Vergebens versuchen wir kurze Zeit, oben über die Kante hinweg zu kommen. Dann queren wir einige Meter tiefer in der Ostwand. Über Felsen und Schnee führt die letzte Strecke zum Gipfel.

Spuren zeigen uns, dass wir heute nicht die Ersten sind. Ein wenig unter dem Gipfel halten wir eine sehr lange Rast, die zweite. Auch im Nebel brennt hier die Sonne. Nirgends Aussicht; nur den ersten Teil des Nordgrates können wir sehen. Auch der ist noch nicht begangen dieses Jahr. Leider wissen wir gar nicht, wie spät es ist. Die Sonne bleibt unsichtbar, und unser Freund in der Hütte wird das schlimmste denken, wenn wir ins Turtmanntal oder nach der Topalihütte absteigen.

Der erste Teil des Ostgrates ist exponiert. Eine gute Spur ist schon da. Nachher über einen Schneerücken, der sich den Türmchen zu wieder verschmälert, bequem weiter. Viel Schnee liegt überall. Zwischen den Türmchen sind schmale, sehr scharfe und übergwächtete Schneegrate. Aber auch uns fällt auf, was Pfann so typisch von seiner Weisshornüberschreitung sagt: « dass die doch nicht unbeträchtlichen Schwierigkeiten des Ostgrates nach der vorgehenden Kletterei gar keinen Eindruck mehr machen ».

Vor uns sehen wir den deutschen Alleingänger absteigen. Beim letzten Turm überholen wir ihn. Eben da ist der Abstieg etwas unangenehm. Als ich unter dem kleinen Überhang stehe, leihe ich ihm meinen Rücken. Beim Frühstücksplatz sagt er, erleichtert aufatmend, ehrlich zu uns: « Das ist glücklich vorbei! » Zu früh hat er das Glück gelobt.

Wir sind sehr überrascht, als wir von ihm hören, dass es erst 2 Uhr ist. Nun kann man noch eine kurze Rast halten. Dann geht es auf unserem speziellen Wege, der diesen Sommer ungefährlich ist, abwärts. Alle Felsen sind hier von einer 30 cm dicken Schneeschicht überlagert. Wir verfolgen den Grat noch einige zehn Meter und steigen dann gerade abwärts durch das Couloir zur Rechten. Der Schnee ist weich. Knietief sinken wir wieder ein. Wenn man gerade in der Fallirne absteigt, ist keine Gefahr dabei. Wo der erste Teil des Couloirs endet, auf ungefähr 3420 Meter Höhe, biegt man nach rechts, zu einem Schneerücken und steigt auf dem gewöhnlichen Wege weiter ab. Dass es hier bei solchem Schnee gar nicht ungefährlich ist, zeigt uns die fast meterhohe Abbruchstelle einer Lawine, deren Reste wir weiter unten finden. Auf unsern Spuren vom frühen Morgen gehen wir zur Hütte, 3** Uhr.

Georg ist sehr verwundert, uns jetzt schon da zu sehen. Wir selber auch. Die drei Italiener sind schon hier. Sie waren nicht auf dem Gipfel wegen Ermüdung. Später erscheint auch der Alleingänger, im Antlitz ganz verletzt. Er ist noch in eine Lawine geraten und ein Stück weit abgestürzt. Den übrigen Tag verbringen wir in der Hütte; es ist unser letzter Tag. Warum jetzt schon ins TalAm nächsten Morgen bewundern wir noch lange die stolze Landschaft. Die Weisshornhütte hat die schönste Aussicht, die ich kenne. Lange lockt uns noch im Abstieg nach Randa der Teufelsgrat. Glücklich entschwindet auch dieser Verführer unseren Augen, und wieder beruhigt schreiten wir ins Tal.

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