Scheienzahn

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Von Ernsf Alder.

Es war am 27. Oktober, an einem trotz der vorgerückten Jahreszeit sehr heissen Samstagnachmittag, als mein Freund Eugen Eitle und ich St. An-tönien-Platz erreichten. Bald darauf begrüsste uns im letzten Licht des scheidenden Tages der der Scheienfluh vorgelagerte Scheienzahn. Freilich, von hier sah er, namentlich jetzt im Dämmerlicht, ziemlich harmlos aus, und es bereitete dem Auge sogar einige Mühe, seine jäh abfallenden Kanten von den lotrechten Wänden der Scheienfluh getrennt zu halten. Doch nur kein langes Kopfzerbrechen! Morgen würde man dann ja sehen. Unterdessen waren wir bei den ersten Ställen von Partnun angelangt und fanden bei einem einsamen, freundlichen Bauern eine Schlafstätte.

Als wir am Morgen aufwachten, war es schon 7 Uhr. Bald brachen wir auf, dem Scheienzahn zu, der uns, je näher wir ihm kamen, um so unnahbarer, erschien. Und als wir eine Stunde später an dessen Nordostfusse standen, wussten wir, dass diese Flanke wohl die einzige verwundbare dieses 90 m hohen Kegels sei. Und unschwer war zu erraten, dass unsre Vorgänger den Gipfel wohl auch nur durch die Risse und Rinnen dieser Seite hatten gewinnen können 1 ).

Nach einer ausgiebigen Rast, während welcher wir uns aller für die bevorstehende Kletterei unnötig erscheinenden Gegenstände entledigten, begab ich mich um halb 11 Uhr zum nahen vermutlichen Einstieg. Über eine schwere Wandstufe erreichte ich nach kurzem Quergang nach links ein kleines Rasenplätzchen, von wo aus ich etwa 10 m höher am untern Ende eines äusserst schmalen Risses den ersten Sicherungshaken unserer Vorgänger entdeckte. Damit war mir die Sicherheit, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben, und zugleich die Richtung des Weiterweges gegeben. Doch zunächst galt es mal, meinen Kameraden nachzunehmen. Bald standen wir wieder beieinander, und nach weiteren 10 m Stemmarbeit befand ich mich beim erwähnten Haken, wo ich durch einen Karabiner gesichert mal verschnaufen konnte und zugleich meine durch die Kälte bereits ganz steif gewordenen Finger zu erwärmen suchte, was jedoch nicht restlos gelang. Der nun folgende 20—25 m lange Riss ist mir als äusserst schwierig in Erinnerung geblieben, und besonders drei eingeklemmte Blöcke waren es, die mein Können auf eine harte Probe stellten. Am obern Ende dieses Risses, d.h. dort, wo er zur Rinne wird, befand sich wieder ein Haken, und nachdem ich mich mit einiger Mühe daran befestigt hatte, nahm ich — infolge Trittmangels förmlich am Karabiner hängend — wieder meinen Gefährten nach.

Die anschliessende Rinne ist unbedingt das schwierigste Stück der ganzen Besteigung, und während ich mich an meinen vor Kälte bereits ganz gefühllos gewordenen Fingerspitzen höher zog, klemmte und pustete, gelobte ich mir heimlich: « Hier bist du bestimmt das letztemal! » Freilich später in der warmen Sonne hab'ich dann mein Gelübde dahin abgeändert, dass wenigstens nicht mehr an diesen kalten Zacken gehen werde, bevor er nicht ganz in der Sonne steht. In der folgenden Verschneidung nach rechts stiess ich wieder auf einen Haken, und so hatte ich mal Gelegenheit, gesichert meine Hände zu wärmen. Dann musste Eugen nach. Das die Verschneidung abschliessende Wändchen bereitete mir allerhand Schwierigkeiten, und als ich nach dessen Überwindung auf einer sich nun schon so halb auf der Nordseite des Berges befindenden, äusserst steilen und ebenso exponierten Rippe anlangte, sah ich mit stiller Genugtuung, kaum einen Meter von mir entfernt, nun bereits den vierten Haken, der sich jedoch nach kurzer Prüfung als sehr wackelig und unzuverlässig erwies. Mit meinem Hammer wollte ich ihm darum zu der erwünschten Festigkeit nachhelfen, jedoch schon mit dem ersten leichten Schlage hätte ich zu meinem nicht geringen Schrecken beinahe einen grossen Block abgesprengt. Eine andere Ritze, die zum Einschlagen von Haken geeignet schien, war leider auch nicht vorhanden, und so nahm ich denn halt diesmal meinen Gefährten wohl oder übel ungesichert nach.

Die Übergabe meines Standplatzes an Eugen war auf diesem so luftigen und kleinen Raume nicht so einfach. Doch endlich klappte alles, und ich querte nun ganz in die Nordseite hinaus. Ein kurzer Kamin, der jedoch seiner vielen losen Steine wegen zu grösster Vorsicht mahnte, brachte mich auf eine kleine Kanzel. Und nun grosses Fragezeichen: Wo weiterLinks ein Riesenüberhang. Der kam bestimmt nicht in Frage. Die gerade vor mir hängenden Platten, die ihrer Steilheit wegen ebensogut Wände genannt werden könnten, wollten mir vorerst auch nicht recht als für den Weiterweg geeignet erscheinen. Das von Überhängen überdachte Bändchen rechts wollte mir schon eher einleuchten. Doch, was wird nachher folgen? Und wird ein Rückzug überhaupt noch möglich sein? Ich konnte zu keinem Entschlusse kommen, und daher nahm ich Eugen nach, obwohl mir noch sehr viel Seil zur Verfügung gestanden hätte. Eitle meinte, ihn dünkten wohl die Platten als das Richtigste, mir jedoch erschien der Quergang nach rechts je länger je einladender. Durch einen Haken gesichert, versuchte ich es. Als ich jedoch so weit vorgedrungen war, dass ich mich zum Weiterkommen hätte hinlegen müssen, und immer noch kein Ende des Bändchens sah, wurde mir doch reichlich ungemütlich, und auf einmal schien mir Eugens Vorschlag, erst mal die Platten zu versuchen, doch als der vernünftigere.

Nach nicht ganz leichtem Rückzug probierte ich es — und siehe, es ging, ging zwar sehr, sehr langsam, aber doch viel leichter, als ich mir es auch nur vorzustellen gewagt hätte. Und als ich wenige Minuten später die paar letzten Meter dem Grate folgend den Gipfel erreichte, musste ich mir sagen, dass die erwähnte Rinne doch bedeutend schwieriger sei als die letzten Platten. Diese Platten sollen, wie wir am Vorabend vernommen hatten, einen Monta-fonerführer, der die Besteigung des Scheienzahns dreimal versuchte, vor wenigen Tagen kurz unter dem Gipfel zurückgewiesen haben.

Auf dem Gipfel, der nicht allzu viel Raum bietet, entdeckten wir neben einem kleinen Notizblock, welchen unsere Vorgänger sorgfältig unter einem Stein deponiert hatten, ein grosses Halstuch, das wir an einer « Schnur » befestigten und als Zeichen unserer gelungenen dritten Besteigung über zwei Steine spannten, so dass man es von Partnun aus sehen konnte. Nach einstündiger Gipfelrast seilte sich Eitle um 145 Uhr als Erster ab. Am untern Seilende angelangt, hatte er das sehr zweifelhafte Vergnügen, im Dülfersitz einen Haken zu schlagen und dann, an einem Karabiner hängend, auf meine Ankunft zu warten. Jedoch alles ging gut, und nach viermaligem Abseilen ( dreimal 22 und einmal 15 m ) langten wir 220 Uhr wieder bei unsern zurückgelassenen Sachen an.

Nach kurzem Imbiss bummelten wir zurück nach Partnun, wo man uns unsere Besteigung erst glaubte, als man unsere sonderbare Fahne auf dem Gipfel fröhlich im Winde flattern sah.

Abends 7 Uhr betraten wir unser Heim in Davos.

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