Ski-Expedition ins Küstengebirge von British Columbia

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VON HANS PETER MÜNGER, VANCOUVER, B.C.

Mit 2 Kartenausschnitten und 5 Bildern ( 45-49 ) Einleitung Als ich mich im Mai 1966 zur Fahrt nach Kanada rüstete, hätte ich mir kaum träumen lassen, dass mir ein Jahr später innert zwei Wochen sieben Erstbesteigungen in einem vollständig unberührten Gebiet gelingen würden. Ich hatte ja kaum eine Ahnung, dass es in diesem Lande ausser den Rocky Mountains noch andere Berge gibt, die für einen Alpinisten von besonderem Interesse sein könnten. Wohl wusste ich, dass das Stadtbild meines Bestimmungsortes Vancouver von recht imposanten, doch bis fast obenaus bewaldeten Bergen beherrscht wird; völlig unbekannt aber war mir die Tatsache, dass die Coast Mountains von B.C. ( B. C. = British Columbia ), ein wildes und unzugängliches Gebirge von 1500 Kilometer Länge, die Rocky Mountains bezüglich Ausdehnung und sogar an Höhe übertreffen. Der Mt. Waddington ( 4020 m ), ein abweisender Felszahn hoch über zerrissenen Gletscherbrüchen, überragt den Mt. Robson als höchster Gipfel in den Kanadischen Rockies um 60 Meter. Der vielbesuchte Athabasca Glacier und das Columbia Icefield am Banff-Jasper-High way sind kleine Schneeflecke im Vergleich zu den ausgedehnten Firnfeldern und Eisströmen des Küstengebirges.

Müde vom Massentourismus in der Schweiz, von den unzähligen Seilbahnen und überfüllten Hütten, fand ich in der Abgeschiedenheit des wilden Westens eine stille Bergwelt von verlockender Schönheit und Einsamkeit. Und hier traf ich Kameraden, die auf die gleiche Art in die Berge ziehen wie unsere Alpenpioniere vor hundert Jahren: durch weglose Gebirgstäler, unter freiem Himmel oder in Zelten übernachtend und einfache Mahlzeiten am Lagerfeuer kochend. Wohl hat die moderne Technik eine praktischere Ausrüstung und bessere Transportmittel hervorgebracht; aber der Geist und die Freude Neuland zu entdecken, sind dieselben geblieben. Besonders angenehm berührte mich die ungezwungene Atmosphäre und herzliche Kameradschaft in den hiesigen Alpenclubs, vor allem im British Columbia Mountaineering Club ( B. C. M. C ). Man trifft Bergsteiger aus aller Herren Ländern, und selbstverständlich ist auch das andere Geschlecht vertreten und hat genau dieselben Rechte wie die männlichen Kameraden. Ein sechzehnjähriges Mädchen am gleichen Seil mit einem grauhaarigen Senior ist nichts Aussergewöhnliches auf Clubtouren. Übrigens lag die Leitung der hier geschilderten Expedition in den Händen einer gebürtigen Schweizerin und Mutter zweier Kinder.

Riesige Gebiete der Coast Mountains sind noch unberührt, und Hunderte von namenlosen Gipfeln warten auf ihre Erstbesteigung. Ihre Abgeschiedenheit im Hintergrund langer, tiefeingeschnittener und dichtbewaldeter Täler hält den Sonntagsbergsteiger fern. Einzigen Zugang bieten auf dem Seeweg die tief ins Landesinnere reichenden Buchten oder auf dem Landweg die Logging Roads, Naturstrassen, die zum Materialtransport in Kahlschlagzonen und zur Wegfuhr des Holzes erstellt wurden und gewöhnlich nach einigen Jahren so ausgewaschen oder überwachsen sind, dass ein Befahren mit Personenwagen nur beschränkt möglich ist. An diesen Ausgangspunkten steht dem Bergsteiger ein beschwerlicher Anmarsch von ein bis zwei Wochen bevor, wenn er überhaupt aus dem Busch heraus und an den Fuss seines Berges gelangen will. Das Unterholz in diesen endlosen, niederschlagsreichen Nadelwäldern ist unvorstellbar dicht und stachelig, das Gelände sumpfig im Talgrund und auf Hochflächen, von glitschigem Fels durchsetzt an Berghängen, mit umgefallenen, halb vermoderten Bäumen kreuz und quer und reissenden Bächen, die man durchwaten oder auf einem zu diesem Zweck gefällten Baumstamm überschreiten muss, und lästige Mückenschwärme können den beschwerlichen Marsch zur Hölle machen.

In den oberen Talstufen und auf Hochebenen, knapp an der Baumgrenze, sind zahlreiche kleinere Seen eingebettet, die als Basen für Wasserflugzeuge verwendet werden können. Heute benützen die meisten Expeditionen einen solchen See als Ausgangspunkt und werfen zudem in der Nähe des Basislagers Proviant und Ausrüstung ab. Dadurch wird der Anmarsch auf ein bis zwei Tage mit leichtem Gepäck reduziert. Helikopter können nur dann zu erschwinglichen Preisen benützt werden, wenn sie in der Nähe des Expeditionsgebietes stationiert sind oder dort zufällig einen industriellen oder kommerziellen Auftrag zu erfüllen haben.

Die meisten Gipfel im Küstengebirge erreichen bloss eine Höhe von 2200 bis 3000 Metern. Aber nicht etwa, dass da Kühe grasen wie in der Schweiz. Die gewaltigen winterlichen Niederschlagsmen- gen, dreimal grösser als in den Alpen, bewirken eine viel stärkere Vergletscherung. Das Sommerklima dagegen ist ungefähr dasselbe. Die Baumgrenze, etwa auf derselben Höhe wie auf der Alpennordseite, liegt knapp unter der Schneegrenze. Bergwiesen findet man nur vereinzelt. Ein Berg in der Höhe des Niesen oder des Pilatus sieht etwa aus wie ein Titlis oder Wildhorn, und letztere wären, an die Westküste versetzt, einem alpinen Viertausender ebenbürtig. Da auch die Ausgangspunkte sehr tief liegen, oft auf Meereshöhe, wird jede Besteigung eines Zweitausenders punkto Zeitaufwand und Geländebeschaffenheit zu einer Hochtour.

Die Vorbereitungen Wer immer die Möglichkeit hatte im Expo-Jahr, versuchte selber etwas zur hundertsten Geburtstagsfeier Kanadas beizutragen, etwas Aussergewöhnliches zu unternehmen, persönlich oder kollektiv. So auch der B.C.M.C, dessen Präsident Martin Käfer die glänzende Idee aufbrachte, der Manatee-Gruppe, einem unerforschten Gebiet mit mehr als einem Dutzend imposanter Gipfel, auf Ski zu Leibe zu rücken. Ihrer sieben, darunter zwei Frauen, entschlossen sich zur Teilnahme Jedermann beschaffte sich ein Paar alte Ski, die man zurücklassen konnte, sollten sie beim Rückmarsch hinderlich werden. Felle und Tourenbindungen wurden angepasst, und wer keinen geeigneten Skischuh besass, suchte nach Möglichkeiten, die Bergschuhe zu verwenden. Martin und seine Frau Esther, gebürtige Schweizer mit jahrelanger Erfahrung im Organisieren von Expeditionen, leisteten alle Vorarbeiten, wie Bereitstellen der Verpflegung und Arrangieren der Flüge. Eine Lawinenschaufel gehörte zur persönlichen Ausrüstung - denn wir würden die ganze Zeit in Schneekavernen hausen; Zelte kamen keine mit. Wir bezogen aus den USA eine Anzahl Lawinenschnüre und « Parsenn»-Schaufeln, die wir mit zusätzlichen Nieten verstärkten, da sich die Punktschweissstellen als unzuverlässig erwiesen hatten.

Zehn Tage vor dem Start erfuhren wir von der Fluggesellschaft, dass der bestellte Helikopter nicht zur Verfügung gestellt werden könne.Eine andere Maschine war nicht aufzutreiben, und es begann eine hektische Suche nach einem mit Kufen ausgerüsteten Flächenflugzeug. Als dieses sichergestellt war, musste ein Startplatz möglichst nahe am Gebiet ausfindig gemacht werden. Eine Pferdeweide im Indianerreservat bei Pemberton, von deren Existenz Martin zufälligerweise erfuhr, schien diesen Zweck zu erfüllen. Der Pilot in Prince George erhielt eine Planskizze davon, und seine Bestätigung, das Flugfeld sei lang genug, gab uns grünes Licht für die Manatee-Expedition.

Der Einflug Samstag, 29. April. Von Vancouver führt eine an landschaftlichen Reizen reiche Strasse in nördlicher Richtung dem malerischen Howe Sound entlang nach Squamish und ein rauhes Gebirgstal hoch zum bekannten Skigebiet des Whistler Mountain. Dank idealem Frühlingsschnee herrscht auf den Pisten immer noch ein reger Betrieb. Diesmal aber zwängen wir uns nicht in die Gondelbahn, sondern fahren auf einer Naturstrasse 30 Meilen weiter über die Wasserscheide und hinunter nach Pemberton, einer einsamen Ortschaft im weiten Tal des Lillooet River.

Auf der Pferdewiese häufen sich Proviantkisten, Rucksäcke und Ausrüstung zu einem ansehnlichen Stapel. Bald sind wir umringt von der ganzen Jungmannschaft des Indianerdorfes, dunkelhäutigen, lachenden Gesichtern, schwarzhaarigen, schmutzigen Bengeln, die sich verbissen Faust-kämpfe liefern, während ihre Schwestern scheu dahinter stehen und wir besorgt unsere Blicke zu den an den Bergen hängenden Wolken richten. Der Himmel ist bedeckt, und gelegentlich fallen verein- zelte Regentropfen. Werden wir heute einfliegen können? Es ist nicht einmal sicher, dass der Pilot überhaupt den Weg aus dem 250 Meilen entfernten Prince George bis hierher schafft. Schon längst sollte er da sein. Wir horchen gespannt auf jedes Geräusch in der Luft. Da - Motorengebrumm, das immer näher und näher kommt! Ein Kleinflugzeug taucht auf. Hat es Kufen dranNein, es fliegt vorbei und verschwindet talauswärts.

Wir warten, den nördlichen Horizont unverwandt im Auge behaltend. Endlich sticht ein schwarzer Punkt aus der Wolkenwand, kommt näher, tiefer - kreist über dem Tal, kehrt zurück -ja, er ist 's! Wir winken und treiben die Kinderschar an den Rand der Wiese. Die dreiplätzige Cessna setzt zur Landung an. Mit strahlendem Gesicht entsteigt ihr Dr. Paul Plummer, unser siebenter Teilnehmer und zugleich Expeditionsarzt, zusammen mit seiner jungen Frau.

John und ich sind bestimmt, als erste einzufliegen. John ist unser Kartenexperte und hat das ganze Gebiet eingehend studiert. Es ist nicht leicht, sich nach einer Karte 1:250000 zu orientieren, auf der die Höhenkurven 500 Fuss auseinander liegen und die namenlosen Gipfel und Gletscher nur undeutlich erkennbar sind. Ich, als technischer Leiter, bin verantwortlich für die Sicherheit des Basislagers. Unsere Aufgabe ist es, einen Landeplatz möglichst nahe an der Berggruppe und einen zweckmässigen Ort für das Camp ausfindig zu machen.

Wir laden unsere persönliche Ausrüstung und den Proviant ein, der Pilot rollt an den Anfang der Wiese und setzt zum Start an. In rasendem Tempo sausen wir gegen das Ende der Weide. Träg hebt sich die schwerbeladene Maschine vom Boden ab und fliegt direkt auf eine Gruppe hoher Birken zu. Im letzten Augenblick kurven wir in engem Bogen an den Wipfeln vorbei und gewinnen langsam an Höhe. Unter uns liegt der flache Talgrund mit den glitzernden Mäandern des Lillooet River, links und rechts steile, bewaldete Berghänge und schneebedeckte Gipfel.

Auf halbem Weg stellt der Pilot fest, dass er das Hydrauliksystem zum Ausziehen der Kufen nicht betätigen kann, und wir kehren zurück, sehr zur Enttäuschung der Untengebliebenen, die glauben, wir seien der Wetterbedingungen wegen umgekehrt. Doch mit Hilfe der Leute von der Förstersta-tion ist der Schaden bald behoben, und wir starten zu einem zweiten Versuch.

Der Flug erlaubt uns einen guten Überblick auf das Gelände, durch welches nach unseren Besteigungen der Rückmarsch in die Zivilisation führen wird. Der Talgrund des Meager Creek - einer der Bäche, die aus der Manatee-Gruppe zum Lillooet River fliessen - erweist sich als grösstenteils baumfrei und passabel.

Allmählich entschwinden die weiten Wälder unseren Blicken, wir schweben eine steile Rinne hoch, durchfliegen eine Gratlücke - und plötzlich umfängt uns das blendende Weiss einer unendlichen Gletscherwelt. Die Sonne macht zaghafte Versuche, durch die Nebeldecke zu dringen, hinter der sich, geheimnisvoll und unnahbar, unsere Berge scheu verstecken, als wollten sie sich vor ihrer Entweihung bewahren.

Über einen weiten Firnsattel, einen der möglichen Landeplätze, erreichen wir den Sirenia Glacier, um dessen Firnbecken sich laut Karte acht der Gipfel gruppieren. Im diffusen, blendenden Licht erkennt man keine Unebenheiten, und der Pilot weiss nicht, wie hoch er sich über dem Grund befindet. Er wagt nicht, auf dem Gletscher abzusetzen - also zurück in den Sattel. Aber auch den fliegt er zweimal vergeblich an, um im letzten Augenblick wieder auf Vollast zu gehen und auf der andern Seite ins Leere hinauszuschiessen.

« Can't see a darn thing! » ruft er und weist uns an, einen markanten Gegenstand zum Fenster rauszuwerfen als Zielpunkt. Wir trennen uns von einer Schaumgummimatratze, die im grenzenlosen Weiss schon von weitem sichtbar ist und als guter Grössenmassstab zum Abschätzen der Distanzen dient. Beim nächsten Versuch gelingt eine gute, wenn auch etwas rauhe Landung. Wir bewundern das Geschick und die eisernen Nerven unseres Buschpiloten, der seinerseits Bergsteigen und Skifahren in einem so gottverlassenen Winkel als Verrücktheit ansieht.

Das Flugzeug wendet, hebt in einer Schneewolke ab, entschwindet unserem Blick; John und ich stehen verlassen in einer einsamen, stillen Welt aus Schnee und Nebel.

Mit Kleidern, Schlafsäcken und farbigen Plastiktüchern markieren wir eine Landepiste und begeben uns auf die Suche nach einem geeigneten Platz zum Graben von Schneehöhlen.

500 Meter von der Passhöhe entfernt, in einem Schneehang, der irgendwo - wie weit unten, ist im Nebel nicht erkennbar - im flachen Sirenia-Gletscher ausläuft, wählen wir die Baustelle für unseren Eispalast.

Am späten Nachmittag sind wir alle wieder vereinigt. Jetzt heisst 's aber in die Hände spucken, wenn wir bis zum Einbruch der Dunkelheit eine Unterkunft haben wollen! Während sich die Männer in leichtem Schneegestöber an zwei Stellen verbissen in den Hang eingraben, betätigen sich Esther und Judy als Lastesel und schleppen Ausrüstung und Proviantpakete von der Landestelle herunter. Bei Einbruch der Dunkelheit sind die Kavernen soweit ausgebaut, dass wir dichtgedrängt und mit der Nasenspitze knapp unter der eisigen Decke die erste Nacht, geschützt vor Nässe und Kälte, verbringen können.

Das Camp Mit Mühe nur öffnen sich meine schlaftrunkenen Augen und schliessen sich gleich wieder, geblendet vom hellen Licht, das durch den Eingang dringt. Ich zwänge mich mit steifen Gliedern durch den engen Tunnel und - o Wunder - trete hinaus in eine gleissende Schneelandschaft in strahlendem Sonnenschein. Welch ein erhabener Anblick! Fünf majestätische Gipfel, die kein Mensch je zuvor aus diesem Winkel gesehen hat, gruppieren sich hufeisenförmig um das Firnbecken des Gletschers, der von einem höheren Plateau im Hintergrund in einer Steilstufe mit riesigen Spalten abbricht, eine zweite Fläche bildet, nochmals einen etwas flacheren Sprung in die Tiefe macht und in sanfter Neigung talwärts strebt.

Zur Linken, direkt über dem Sattel, erhebt sich eine gleichmässige Pyramide mit wächtengekröntem Grat auf der einen, wilden Felszacken auf der andern Seite und einem dunklen, weit in den Firn hinunterstrebenden Pfeiler in der Mitte. Dahinter, halb verdeckt, ragt ein kühner Turm mit drei jähen Kanten furchterregend in den blauen Äther. Im Hintergrund des Kessels thront ein von hier aus unscheinbarer Felshöcker mit steilem Firngrat, der sich später als der höchste Gipfel der ganzen Gruppe erweisen sollte. Sein Nachbar, ein firstförmiger Koloss, stützt sich mit seinem wuchtigen Felsaufbau aufs mittlere Plateau des Gletschers. Getrennt durch eine steile Firnrinne, schliesst sich ein Nebengipfel an mit einer glatten Granitwand. Der dem Camp gegenüberliegende Hang ist ein einziger weiter Gletscherabbruch, auf dessen Kamm sich zwei steile Firnpyramiden abheben. Talauswärts wird der Hintergrund beherrscht vom breiten Mt.Dalgleish, dem einzigen benannten Objekt in der ganzen Umgebung. ( Alle hier erwähnten Berg- und Gletschernamen existierten zur Zeit unserer Besteigungen noch nicht und wurden erst in Vancouver in einem abendlangen Wortspiel « erfunden ». Passend zu Manatee = Seekuh, bezeichnen sie im Meere lebende Kreaturen. ) Das Camp liegt in einem Steilhang 100 Meter über dem Gletscher, im Schutze eines Felspfeilers, der sich von einer Gratschulter herunterzieht. Etwa an dieser Stelle würde man vermutlich eine Hütte vorfinden, wäre diese Berggruppe in den Alpen. Aber hier haben wir unsere Behausung selber zu bauen. Einerseits ist es bedauerlich, dass wir nicht heute bei diesem prächtigen Wetter schon losziehen können, auf Entdeckungsfahrt in unbekanntes Gelände.

In stundenlanger Arbeit werden die Kavernen vergrössert, eine für drei und die andere für vier Personen. Der Eingang ist so hoch, dass man in gebückter Stellung durchschreiten kann. Innen öffnet sich ein runder Aufenthaltsraum, so hoch, dass man aufrecht stehen kann und weit genug für die Rucksäcke und Sitzgelegenheiten. Auf der Seite, etwas höher als die Decke des Eingangs und frei von Luftzug, liegt die Schlafstätte, die wir mit Plastiktuch und 25 mm dickem Schaumgummi ausgelegt haben. Diese zwei Gegenstände gehören zusammen mit dem Schlafsack zur Standardausrüstung des Westküstenbergsteigers. Das Plastiktuch misst etwa 4 x 3 Meter und lässt sich als isolierende Unterlage oder als Zeltbahn verwenden. Zähneklappernd in einem kalten Biwak zu sitzen und « Gsüchti » aufzulesen, schätzt man hier nicht. Gewichtsmässig ist diese Ausrüstung ganz erträglich. Mein ERVE-(Nylon Suisse, Genève)Schlafsack, Schaumgummi und Plastik z.B. wiegen zusammen bloss 2 1/2 kg, soviel etwa wie ein Bergseil, und nehmen den Platz von zwei Daunenjacken ein.

Zwischen den Schlaf höhlen bauen wir die Küche, einen hohen, runden Bau mit offenem Eingang. In die Wand wird ringsum eine Plattform gegraben, die zum Teil als Kochtisch dient und im übrigen mit aufgestellten Kartonschachteln belegt wird, in welche wir allen Proviant schichten können. Zum Zubereiten der Mahlzeiten verwenden wir drei Optimus-Nr. 8- und einen Optimus-Nr. 80-Benzinkocher.

Um Benzin zu sparen, versuchen wir mit allen Mitteln Schmelzwasser zu sammeln und breiten sogar schwarze Plastiksäcke aus mit etwas Schnee darauf, die Sonne als Wärmequelle benützend. An den folgenden Tagen sollte sich diese Prozedur erübrigen. In dem gegen Westen gerichteten Hang kletterte nachmittags das Thermometer auf 20°C. Die Eingänge zu den Kavernen tropften jeden Tag stärker, so dass wir schliesslich nur noch den Topf unterzustellen brauchten, und in wenigen Minuten hatten wir genügend Kaffeewasser.

Nicht vergessen dürfen wir den « Ladies'Powder Room », für beide Geschlechter benützbar, der, ausserhalb der gesetzlich vorgeschriebenen Sicherheitsdistanz von 100 Fuss, auf exponiertem Pfad erreichbar ist. Judy, unsere australische Biologiestudentin, hat ihn mit ingeniöser Raffiniertheit entworfen und gebaut, mit einem Paar Reserveski als Sitzgelegenheit versehen und das Fassungsvermögen des Loches unter Berücksichtigung der Schmelzwärme des zu deponierenden Gutes so genau berechnet, dass es am letzten Tag bis obenaus voll war.

Wie herrlich ist es, nach hartem Tagewerk in der warmen Abendsonne zu sitzen, während die Mädchen - Cave Mothers, wie wir sie nennen - uns ein schmackhaftes Gulasch zubereiten! Wir haben uns eine Unterkunft gebaut, die bequemer, wärmer und sturmsicherer ist als jedes Zelt. Vor uns liegen zehn erwartungsvolle Tage - interessante Erstbesteigungen, Ski- und Klettertouren - auf einem traumhaft schönen Fleck Erde.

Die Besteigungen Montag, 1. Mai: Sirenia Mountain ( 2900 m ) « Am erschte Tag im Meie, isch ds Büebli früeh erwacht... » Warum summe ich plötzlich die Melodie dieses längst vergessenen Kinderliedes? Was macht mich so froh und erwartungsvoll? Weshalb bin ich so aufgeregt und kann kaum warten, bis der Haferbrei verschlungen und die Ski angeschnallt sind? Ach, kommt doch endlich, es ist schon halb acht! Dort drüben, zuhinterst im Gletscherkessel, ragt ein stolzer Berg in den stahlblauen Frühlingshimmel und wartet auf seinen ersten Besucher. Und ich möchte ihm entgegeneilen, meinem ersten jungfräulichen Gipfel!

Ein kleines Stück abwärts fahrend und schräg über den flachen Gletscher querend, gelangen wir in die erste Spaltenzone. Mit Leichtigkeit findet sich ein Weg zwischen den grossen Schründen hin- durch. Der Wahoo Tower, vom Camp aus halb verdeckt, hebt sich mit jedem Schritt stärker von der weissen Firnkuppe ab, die zum mittleren Plateau hinüberführt. Schliesslich steht er vor uns, ein dunkler Felszahn von gewaltiger Eindrücklichkeit, mit einer mehr als 500 Meter hohen Granitkante, die jäh aus dem zerschrundeten Gletscherbruch emporragt.

Während sich eine eifrige Diskussion entspannt, wer diesen Berg auf welcher Route angehen würde, suche ich nach einem Weg durch die vor uns liegende Eismauer. An der linken Seite türmen sich unnahbare Séracs auf, und weiter rechts durchquert eine riesige Spalte den Gletscher auf seiner ganzen Breite. In der Mitte scheint eine enge, aber steile Passage einen Durchstieg zu ermöglichen.

Der windgepresste Schnee auf blanker Unterlage lässt sich nur mühsam spuren. Ich stapfe verbissen voran, muss ich doch meinem Rufe gerecht werden. Meine langjährige Skitourenerfahrung in den Alpen und die ebenmässigen Steigungen meiner Fellspuren haben mir den Titel « Swiss Chief Tracker » und die technische Leitung dieser Expedition eingetragen. Das verpflichtet.

Für eine kurze Strecke tragen wir die Bretter über den steilen und harten Firn. Bald ist das Firnplateau erreicht, und eine ergiebige Rast wird eingeschaltet. Der Wahoo Tower sieht nicht mehr wie ein Turm aus, sondern wie ein steiles Hausdach mit wächtengekröntem First. Über ein steiles Schneefeld gelangen wir zu einer Gratschulter, wo uns ein Bergschrund den Weg versperrt. Die Ski zurücklassend, queren wir die Spalte und erklimmen eine steile Firnrippe. Der Gipfelaufbau ist sehr steil, und der nasse Schnee auf glatten Felsplatten gibt sehr schlechten Halt. An zwei Stellen versuche ich vergeblich durchzukommen. Inzwischen ist Brian, unser jüngster Kamerad, woanders durchgedrungen und hat mich überholt. Nun, so wird halt seine Seilschaft zuerst auf dem Gipfel stehen. ( Zur Strafe dafür steht ihm auf der letzten Tour ein Sturz in eine Gletscherspalte bevor. ) In wenigen Minuten hat die ganze Mannschaft den Gipfel betreten.

Welch eine Aussicht! Ringsum, soweit man sehen kann, reihen sich Hunderte von Bergspitzen mit ewigem Schnee und Eis gepanzert. Wir befinden uns am Südrand des Lillooet Icecap, eines Gletschersystems von mehr als 1000 Quadratkilometern Fläche ( soviel wie sämtliche Gletscher und Firnfelder des Wallis ). Die unzähligen Berge in der weitern Umgebung scheinen alle die gleiche Form und Höhe aufzuweisen. Das Ganze sieht aus wie das gigantische Werk eines übermenschlichen Zuckerbäckers. Nichts in den Alpen kann man mit diesem Anblick vergleichen. Gerade das Fehlen von markanten Bergkämmen und hervorstechenden Gipfeln lässt diese Landschaft so grenzenlos und urgewaltig erscheinen. So mag Europa in der Eiszeit ausgesehen haben!

Die breite Wand des Wahoo Tower im Osten und das stolze Massiv des Manatee Peak im Süden mit seinen langgezogenen, verwächteten Graten beherrschen den Vordergrund. Bonito Peak im Westen kommt, da wesentlich niedriger, nicht recht zur Geltung. Aber eines steht fest: Um ihn zu besteigen, gilt es, einen senkrechten Felspfeiler zu erklimmen, an dem wir uns möglicherweise ganz schön die Zähne ausbeissen können. Am Tower haben wir eine exponierte Rippe als mögliche Aufstiegsroute ins Auge gefasst. Die hohe Nordkante fällt ausser Betracht; dafür haben wir zuviel Schnee und zuwenig Eisen.

Vorsichtig steigen unsere drei Seilschaften zurück zum Skidepot. Die folgende Abfahrt in faulem Schnee bringen alle glücklich hinter sich, die einen in eleganten Schwüngen, mit bewährten Stemmbogen und Spitzkehren die andern.

Dienstag, 2. Mai: Rückzug am Manatee Peak Im Süden, hinter dem Oluk Peak, der sich über dem Camp erhebt, liegen Dugong und Manatee Peak. Ihnen wollen wir heute in zwei getrennten Partien einen Besuch abstatten. Statt wie gestern

Korsika

Photos 50-52 Oskar Huber, Meggen 52 Taffoni-Felsen am Strand von Porto. Der Klotz links und die ohrmuschelartigen Gebilde an der Wand rechts im Bilde sind fast ganz ausgehöhlt 50 Auf dem Gipfel der Cima occidentale der Tre-Signori-Gruppe. Im Hintergrund die Schattenwand des Capo d' Orto 51 Porto an der Westküste Korsikas. Im Hintergrund erhebt sich der Capo d' Orto; die drei Gipfel davor heissen Tre Signori. Das grosse Felshorn rechts im Bilde ist die Cima occidentale zum Sirenia-Gletscher, queren wir heute in entgegengesetzter Richtung zur Passhöhe, um den Dolphin Peak herum und in einer leicht abfallenden Traverse auf den Remora-Gletscher.

Der Anblick des Manatee Peak ist so fesselnd, dass wir nur schwer entscheiden können, wer ihn in Angriff nehmen darf und wer den leichter aussehenden Dugong Peak besteigen wird. Nach langer Diskussion gehen Esther, John und ich als die Auserwählten hervor.

Der Anstieg in den Manatee-Remora-Sattel ist das Musterstück einer Skihochtour. In weit geschwungener Zickzacklinie, einige versteckte Spalten geflissentlich vermeidend, windet sich unsere Spur die steile Mulde hoch, flankiert von starrenden Felswänden.

Im Sattel deponieren wir die Ski und attackieren den exponierten und verwächteten Fels- und Firngrat. Wir überklettern eine steile, weisse Kuppe und steigen in solidem Granit abwärts gegen eine Gratlücke. Plötzlich öffnet sich vor uns eine 50 Meter tiefe Scharte mit senkrechtem, glattem Pfeiler auf der Gegenseite, gekrönt von einer trügerischen Schneehaube. Am anschliessenden 500 Meter langen Felsgrat sind riesige Wächten angeklebt. Zu unserer grossen Enttäuschung sehen wir ein, dass wir zur Besteigung dieses wundervollen Grates die falsche Jahreszeit erwischt haben. Im Sommer wäre der feste, griffige Fels sicher schneefrei.

Die Zeit reicht nicht mehr aus zu einem Versuch von einer andern Seite. Der Ostgrat sieht steiler und noch schwieriger aus. Wir werden die Rückseite als einzige Möglichkeit in Betracht ziehen.

Die Abfahrt in stiebendem Pulverschnee entschädigt uns für den Misserfolg am Berg. Von der andern Seilschaft sehen wir nur noch die Spuren; sie haben ihren Gipfel erreicht und sind vor uns ins Lager zurückgekehrt.

Mittwoch, 3. Mai: Manatee Peak ( 2840 m ), Remora Peak ( 2750 m ) Bei strahlendem Wetter steigen wir in der alten Spur zum Sattel zwischen Manatee und Remora Peak hoch. Brian ist noch zu uns gestossen, während Judy, Paul und Alfred den Obelia Peak, direkt über dem Camp, « enthaupten. » Heute sind wir früh dran. Eine kurze Abfahrt über einen äusserst steilen Hang bringt uns an die Südwestseite des Berges. Zahlreiche Lawinen haben die steile, mit Felsbändern durchsetzte Wand durchfurcht. Weiter drüben scheint ein Schneefeld direkt zum Gipfel zu führen. Wir queren am Fuss der Wand über einen Wirrwarr von Schnee- und Eisblöcken.

Die Firnwand ist 45 bis 50° steil. Der Schnee ist gerade so fest, dass wir sichere Tritte stapfen können. In einer Stunde erreichen wir den Grat und etwas später den Gipfel. Er erweist sich als wesentlich niedriger als Sirenia Mountain.

Ein Aussichtspunkt erster Klasse! Unter uns liegt das tiefeingeschnittene, dichtbewaldete Tal des Toba River. Die Sicht ist frei auf unzählige Gipfel im Quellgebiet des Elaho und Lillooet River. Am Horizont, sich über die näheren Kuppen erhebend, zeichnen sich weit draussen gegen die Küste hin altbekannte Berge ab, die wir an Wochenenden bestiegen haben.

Wir haben Zeit und geniessen in aller Ruhe die Gipfelrast in der wärmenden Frühlingssonne. Auch für den Gaumen ist gesorgt. Für jeden Tag haben wir einige Büchschen eingemachte Mandarinen zur Verfügung, die wir jeweils zur Feier einer neuen Besteigung mit Hochgenuss kosten. Sämtlicher Abfall wird auf dem Gipfel deponiert, zusammen mit einer Filmdose, in die wir ein Zettelchen mit Datum und unseren Namen stopfen.

Wir sind auf dem Abstieg. Der Firnhang, inzwischen weich geworden, erfordert grösste Vorsicht. Die Gegensteigung zum Pass bringt uns gehörig ins Schwitzen.

Noch haben wir Zeit für den Remora Peak. Vom Sattel führt ein Schneefeld und anschliessend ein leichter Firngrat zum Gipfel, den wir unangeseilt erreichen. Steil fällt die Westwand ab zum97, 2000 Meter unter uns liegenden Toba River, und der Tiefblick in den blauschwarzen Talgrund ist gewaltig.

Donnerstag, 4. Mai: Wahoo Tower ( 2880 m ) Für heute planen wir einen Grossangriff von zwei Seiten auf den Tower, das offensichtlich schwierigste Objekt in der ganzen Gruppe. Paul, Alfred und John erreichen via Remora-Gletscher die Ostseite des Berges, wo ein steiles Firnfeld zum Gipfelgrat führt. Die restlichen vier steigen die vom ersten Tag her bekannte Route über den Sirenia-Gletscher an. Wir lassen die Ski am Fusse der Eisbarriere, da wir, sofern wir den Gipfel erreichen, durch die steile Firnrinne zwischen dem Tower und dem Mermaid Peak zurückkommen werden.

Vom Sirenia-Wahoo-Sattel schreiten wir an zwei zackigen Gendarmen vorbei an den Fuss der schwarzen, im Schatten liegenden Felswand. Durch ein System von vereisten Kaminen und engen Rissen, durch die wir unsere Säcke aufseilen müssen, erreichen wir die sonnenbeschienene, äusserst exponierte Kante, die uns in wenigen Seillängen zum Gipfelgrat führt. Die Höhe des Pfeilers beträgt 200 Meter, und die genussreiche Kletterei in solidem Granit ist durchwegs vierten Grades.

Auf leichtem Firngrat gelangen wir zum höchsten Punkt, den die andere Seilschaft schon längst wieder verlassen hat, um gleichentags noch den Mermaid Peak zu besteigen.

Die Nachmittagssonne wirft schon lange Schatten, und in plastischem Schwarzweisskontrast ragen Sirenia Mountain und Bonito Peak in den tiefblauen Äther. Kein Wölklein am Horizonts der Himmel klar bis in die weiteste Fernein tiefer Ergriffenheit blicken wir in eine gleissende, grenzenlose Gipfelwelt, empfinden wir die feierliche Stille der Ewigkeit.

Freitag, S. Mai: Bonito Peak ( 2780 m ) Esther, Paul, Alfred und ich haben heute den eindrucksvollen nordwestlichen Nachbarn des Sirenia Mountain zum Ziele. Zum drittenmal schon steigen wir gegen das obere Plateau des Gletschers an. Die Steilstufe im Abbruch war am ersten Tage kein Problem. Heute aber klafft vor uns eine zwei Meter breite Spalte, die wir auf schmaler, gewundener Brücke zögernd überqueren.

Wir lassen die Ski im Sattel zwischen Sirenia und Bonito. Ein steiler Hang mit faulem Schnee führt an den Fuss eines markanten Felspfeilers, der die Südschulter des verwächteten Gipfelgrates stützt. Alle Versuche, den Pfeiler zu erklimmen, enden in überhängenden Rissen, die man möglicherweise im Sommer und ohne Gepäck erklettern könnte. Eine exponierte, mit trügerischem Schnee bedeckte Platte querend und mich um die Kante schwingend, finde ich in der NE-Wand einen einfacheren Weg. Eine Seillänge in solidem Granit führt zu einem ausgezeichneten Sicherungsplatz, und eine weitere in festem Schnee unter der Wächte durch auf die Gratschulter.

Der Weiterweg ist ein gemütlicher Spaziergang auf dem flachen Schneegrat. Der Gipfel aber, im Gegensatz dazu, ist von beängstigender Exponiertheit. Ein riesiger Felsblock schwingt sich wie eine Kanzel in den leeren Raum, 2000 Fuss über dem Sirenia-Gletscher, bedeckt mit einer Schneehaube. Einer nach dem andern tastet sich, sorgfältig gesichert, zum obersten Punkt des Bonito Peak und balanciert über dem Abgrund, bis alle Kameraverschlüsse verstummt sind.

Der in den letzten fünf Tagen wolkenlose Himmel ist jetzt bedeckt, und die umliegenden Gipfel verschwinden langsam im Nebel. Ohne Zeit zu verlieren, klettern wir zurück zum Skidepot und halten einen verspäteten Mittagsimbiss.

Die Spalte im Gletscherabbruch wird in kurzer Schussfahrt mit anschliessender Textilbremse überwunden. Wir erreichen das Camp fast gleichzeitig mit der andern Partie, die Oluk Peak bestiegen hat. Der Wind hat gewendet, und der Geruch von Neuschnee liegt in der Luft.

6. bis 8. Mai: Winterschlaf im Schneesturm Der erste Frühaufsteher ist mit unguter und doch momentan willkommener Nachricht in seinen Schlafsack zurückgekrochen. Sauwetter draussen! Also umdrehen und weiterschlafen, wie herrlich! Komisch, es wird nicht hell in unserer Höhle. Der Eingang ist halb zugeschneit. Draussen heult der Wind. Küchendienst ist heute unbeliebt. Noch unangenehmer ist der Gang zur Toilette. Doch im Innern der Kaverne ist es herrlich warm. Wir fühlen uns geborgen und geschützt.

Das schlechte Wetter hält über das ganze Wochenende an. Dr.Plummers Schlaftabletten finden guten Absatz. Sie zeigen einen interessanten Nebeneffekt. Einige von uns geraten vor dem Einschlafen für wenige Minuten in eine Art Trancezustand. John z.B., der behauptet, überhaupt nicht singen zu können und keine Stimme zu haben, gibt ein Lied von einem betrunkenen Leichenbestatter zum besten. Ein andermal verkündet er, es sei an der Zeit, dass er sich nach einem Weib umsehe, nach einer dicken, starken Frau, die Schnee schaufeln könne.

Dienstag, 9. Mai: Albacore Peak ( 2720 m ) Ein bisschen steif vom dreitätigen Aufenthalt in den Kavernen, spuren wir in schwerem Neuschnee über den Sirenia-Gletscher. Die Sonne versucht durch den Nebel zu brechen. Das diffuse Himmelslicht verschmilzt mit der Schneeoberfläche zu einem konstrastlosen, blendenden Weiss.

Durch knietiefen Schnee kämpfen wir uns den steilen Hang zum Sattel zwischen Bonito und Albacore hoch, Abstand haltend voneinander und die Lawinenschnüre benützend. Vom Skidepot im Sattel umgehen wir eine Graterhebung und erreichen eine Scharte, aus welcher der Gipfelgrat sich steil aufschwingt. Verschiedene Theorien über Stufenschlagen in senkrechtem Pulverschnee werden entwickelt, aber keine scheint sich zu bewähren. Glücklicherweise lassen sich die steilsten Stellen unter Benützung der Felsen überwinden, indem wir zuerst haufenweise Schnee wegwischen. Wir erreichen den Gipfel, ohne ein Seil benützt zu haben.

Mittwoch, 10. Mai: Marlin Peak ( 2650 m ) Der letzte Tourentagwie bei unserer ersten Besteigung sind wir wieder alle sieben vereinigt. Über die Landschaft wölbt sich ein blauer Himmel. Leichtes Gewölk wirft spielende Schatten auf die flache Zunge des Sirenia-Gletschers, den wir, leicht abwärtshaltend, überqueren. Ein steiler Hängegletscher schwingt sich zum verwächteten Kamm hoch, über dem die Spitze des Marlin Peak in der Morgensonne aufleuchtet. In leichtem Pulverschnee weben wir ein Zickzackmuster durch den wundervollen Gletscherhang.

Einen flachen Grat entlang traversieren wir zu unserem Objekt. Eine 30 Meter tiefe Scharte trennt uns von der Südostwand des Berges. In Schrägfahrt sause ich den steilen Firnhang hinunter und quere in die Lücke, gefolgt von Paul. Als nächster kommt Brian. Er hat die Ski zurückgelassen, folgt ein Stück weit unserer Spur, um dann in der Fallinie abzurutschen.

Da - ein dumpfer Knall lässt mich erschrocken umschauen! In dem vor Sekunden noch ebenmässigen Hang klafft eine 5 Meter breite und 20 Meter lange Spalte, und Brian ist verschwunden. In panischer Angst haste ich zurück in den Firnhang, seile mich an und taste mich, von Paul gesichert, an den Rand der Spalte. Sie ist unheimlich tief. Keine Spur von unserem Kameraden! Mein Ruf verhallt ungehört in beängstigender Stille.

Der Firnhang, auf dem ich stehe, ist nichts anderes als turmhoch an den senkrechten Fels gewehter Schnee, und was sich geöffnet hat, ist die Randkluft. Die obere Lippe des Schrundes, eine 2 Meter dicke Schneeschicht, hängt bedrohlich am glatten Fels, jederzeit bereit abzubrechen.

Mit gemischten Gefühlen hänge ich ein Seil mit Trittschlingen in die Kluft und steige 8 Meter hinunter auf eine Brücke aus Schneeblöcken. Plötzlich - welch eine Erleichterunghöre ich eine gedämpfte Stimme aus der Tiefe! « Brian, are you O. K ?» rufe ich. Ja, er scheint unverletzt zu sein. Er hat die Steigeisen angezogen und ist schon ein Stück hochgestiegen. Er wirft mir ein Seil zu. Ich steige aus der Spalte hinaus und sichere Brian, der sich aus eigener Kraft emporarbeitet. Bleich und ausser Atem erscheint er am Tageslicht. 20 Meter tief lager im Schrund, kopfüber im Schnee vergraben.

Das war eine eindrückliche Lektion für uns alle!

Angeseilt und vorsichtig geworden, steigen wir durch die steile Firnwand und auf einem kurzen Schneegrat zum Gipfel. Die Mittagsrast in der wärmenden Sonne dient nicht nur der körperlichen Entspannung, sondern auch der moralischen Erholung vom überstandenen Schrecken. Tiefe Zufriedenheit spiegelt sich auf den braungebrannten - z.T. bärtigen und ungewaschenen - Gesichtern. 11 neue Gipfel und ein Gendarm sind das Ergebnis dieser erfolgreichen Expedition.

Der Ausmarsch Donnerstag, 11. Mai Es wird 10 Uhr, bis Material und Verpflegung aussortiert und die Rucksäcke gepackt sind. Nach zehn genussreichen Tagen einen schweren Sack auf den Buckel zu laden, wirkt nicht sehr positiv auf unsere Moral, die angesichts der kommenden Strapazen ohnehin auf einem Tiefpunkt steht.

Über den Sattel, den wir als Landeplatz benützt haben, gelangen wir in einen steilen Gletscherhang, der ostwärts ins Tal des Manatee Creek abfällt. Der Schnee ist schwer und pappig. Wer hinfällt, muss hilflos auf die Unterstützung eines Kameraden warten, um wieder auf die Beine und in die Riemen zu gelangen. 2000 Fuss tiefer, wo die Bäche vom Manatee- und Remora-Gletscher zusammenfliessen, halten wir in einer Baumgruppe Mittagsrast.

Jetzt beginnt die harte Arbeit: die Gegensteigung über den Nordarm des Manatee-Gletschers zum Übergang ins Meager Valley. Auf dem Pass werfen wir einen letzten Blick zurück auf die Manatee-Gruppe, die sich im Gegenlicht der sinkenden Sonne dunkel und scharf von wogenden Wolkenballen abhebt.

Über die weiten Flächen der Manatee-Südzunge fahren wir in ein enges, bewaldetes V-Tal hinunter. Noch trennen uns 800 Höhenmeter vom flachen Talgrund des Meager Creek. Im Treppenschritt wird ein zugeschneiter Wasserfall überwunden. In der engen Schlucht hört man unter der soliden Schneedecke das gedämpfte Grollen des Baches. Eine folgende, fast senkrechte Stufe zwingt uns zum Ausweichen in den Hang des Haupttales. Mit letzter Energie bringen wir den äusserst steilen Bergwald hinter uns und erreichen beim Einnachten müde und abgekämpft den Talboden.

Freitag, 12. Mai In strahlendem Sonnenschein verlassen wir unser Lager und folgen der baumfreien Talsohle. Doch schon nach einer halben Stunde wird unsere Hoffnung auf einen gemütlichen Talauslanglauf zunichte gemacht. Ein reissender Bergbach mündet von der Seite ein. Mit geschulterten Ski balanciert einer nach dem andern von Stein zu Stein. Wüssten wir, was uns weiter unten noch wartet, wir wären wohl nicht so darauf bedacht, die Schuhe trocken zu behalten.

Trotz einigen schneefreien Hindernissen kommen wir in der Folge rasch voran, bis eine mit Lawinentrümmern blockierte Schlucht jeden Weiterweg dem Bach entlang verunmöglicht. In steilem Busch steigen wir hoch und schleppen die Ski stundenlang der abschüssigen Talflanke entlang. Endlich - der Tag geht schon zur Neige - erreichen wir wieder den Fluss und erkennen, dass die Bret- ter auf dem Weiterweg nutzlos sind. In feierlicher Zeremonie werden sie den Fluten des Meager Creek übergeben. Das Tal ist immer noch eng und mit Ausnahme von Kies- und Sandbänken dicht bewaldet. Wir finden einen schneefreien, trockenen Biwakplatz. Am wärmenden Feuer werden Socken und Schuhe getrocknet.

Wir sind noch 2 Meilen vom Lillooet River entfernt. 18 Meilen haben wir in den letzten zwei Tagen zurückgelegt, 12 liegen noch vor uns.

Samstag, 13. Mai Ein endlos langer, beschwerlicher Tag! Wir queren den Meager Creek kurz vor seiner Mündung auf einem dicken Baumstamm. Gegen Mittag erreichen wir den Lillooet River. Das Tal ist weit, flach und stückweise baumfrei. Doch liegt hier noch knietief weicher Schnee, der das Vorankommen erschwert. Weiter unten ist das Flussbett aper. Um den Busch zu vermeiden, benützen wir die Sandbänke, müssen dafür aber dauernd Seitenarme des Flusses überqueren.

Ich bin nicht der einzige, dessen Moral auf dem Nullpunkt angelangt ist. Schweigend marschieren wir hintereinander, den Sinn des ganzen Unternehmens bezweifelnd, wie ein Trupp Soldaten auf Ungewisser Patrouille.

Aus irgendeinem Grunde bin ich etwas zurückgeblieben. Plötzlich sehe ich alle meine Kameraden, in einem Kreis gruppiert, mit freudestrahlenden Gesichtern auf den Boden starren. Ich eile ihnen entgegen. Haben sie ein Stück Gold gefunden? Was liegt da auf dem BodenEin Stück getoastetes Brot! Ein gewöhnliches Stück Brot - aber das erste Zeichen von Zivilisation, von Menschen. Daneben finden wir Hufspuren; nun kann 's nicht mehr lange dauern. Vorwärts, Leute! Fröhliches Lachen erhellt unsere Gesichter, wir plaudern und scherzen wieder.

Wären wir auf der andern Seite des Flusses, würden wir jetzt bald auf die Logging Road stossen, die 6 Meilen weiter unten den Fluss überquert. Mehrmals versuchen wir, den Lillooet River zu traversieren; aber selbst da, wo er sich in ein Dutzend Arme aufteilt, ist das Wasser zu tief und zu reissend. Also müssen wir uns auf dieser Seite durchschlagen, 6 Meilen weiter, das heisst, nochmals einen Tag.

Sonntag, 14. Mai Ein Tag, den man nicht so leicht vergisst, doch ist er mir nicht in unangenehmer Erinnerung, im Gegenteil: die Strapazen dieses Rückmarsches haben unseren zwei Tourenwochen den Charakter eines Pfadilagers genommen und daraus eine erlebnisreiche Expedition gemacht.

Waren wir gestern bis zu den Knien im Wasser, so sind wir 's heute stellenweise bis an die Hüften. Unzählige Flussarme und Biberdämme müssen überquert werden. Sümpfe wechseln mit glitschigen, steilen Bergflanken. Die Schultern sind wund vom drückenden Sack. Zudem knurrt der Magen. Wir haben nur für drei Tage Proviant mitgenommen, und zum Frühstück hat 's heute nur ein Restchen Hörnchen gegeben. Doch all das macht mir nichts mehr aus. Ich habe den Koller überwunden und bin guter Laune, angesteckt von unsern beiden Frauen, die offensichtlich ausdauernder und in besserer Gemütsverfassung sind als das « starke Geschlecht ».

Ein letztes Hindernis versperrt den Weg. Eine riesige Grundlawine ist durch die steile Halde gebrochen und hat den Flussarm zu einem See aufgestaut. Bis zu den Hüften im Wasser, waten wir an den Lawinenkegel und überklettern ein turmhohes Gewirr von Bäumen, Schnee- und Felsblöcken.

Halb 4 nachmittags: Spärlich bewachsenen Kiesbändern folgend, gelangen wir zurück zum Fluss, dessen viele Arme sich nun zu einem einzigen weiten Strom vereinigt haben. Ein Felsvorsprung wird auf Wegspuren umgangen, und - ist es Traum oder Wirklichkeiteine halbe Meile vor uns steht ein blauer Kleinlastwagen auf einer Brücke. In dreiviertel Stunden sind wir dort. Der Förster von Pemberton hat uns hier seit gestern morgen geduldig erwartet. Er führt uns auf der ausgewaschenen Strasse zurück in die Zivilisation. Hungrig, schmutzig und mit einem Körpergeruch wie ein « Grizzlibär » erstürmen wir das einzige Restaurant in Pemberton.

Ein lang ersehnter Wunschtraum ist erfüllt worden. Erstbesteigung - welch magisches Wort für den klassischen Bergsteiger der Alpen, ein Ziel ausserhalb des Wirklichen! Kanada hat mir die erste Gelegenheit geboten. Unvergessliche Tage in unberührter Bergwelt liegen hinter mir, und dies sollte nur der Auftakt sein zu noch viel grossartigeren Unternehmungen in diesem wilden und unbekannten Land.

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