Skifahrten im Pfitschertal. Still - Steil - Streng

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VON PAUL THÜRER, ZÜRICH

Mit I Bild ( 108 ) Im Vorwinter sassen meine Frau und ich mit dem Österreicherführer Ernst Senn zusammen und führten unter Berufung auf Spitteler bewegte Klage, dass uns Heutigen beim Skifahren selbst in entlegenem Talschaften jenes Geviert des Fürsichseins fehle, das zum seelischen Notbedarf gehöre. Senn rückte mit seiner Ansicht nicht gleich heraus, meinte dann aber, uns wie messend, dass es schon so etwas gäbe, und zwar in nicht unerreichbarer Ferne; bloss sei es dort steil, also streng und deswegen auch still. Dann fiel der Name, der unter diesen drei Vorzeichen steht: Pfitschertal!

Wenige werden diese Örtlichkeit in ihr Gedächtnisbild der Alpen einzuordnen wissen. Senn half auch uns nach. Man fährt über den Brenner bis Sterzing und zweigt links nach Osten ab. Neuland lockte! Wir gaben uns das Wort aufs Frühjahr. Der Hochwinter lässt dort nennenswerte Touren nicht zu.

Geht man mit der Zeit haushälterisch um, so fährt man mit Vorteil kurz vor Mitternacht in Zürich weg und ist um 5 Uhr in Innsbruck, jener für Skifahrer und Bergsteiger beneidenswert ideal gelegenen Stadt, und setzt die Reise, am besten mit einem Privatauto, gleich fort. So kam es, dass wir bereits um 8 Uhr in Pfitsch-Platz ( 1450 m ) uns nach einer Unterkunft in einem kleinen Gasthaus erkundigten. Die paar Betten waren besetzt von Münchnern, die den Weg hierher ebenfalls gefunden hatten. Weitere Deutsche hatten sich in den paar andern Gasthäusern des Tales eingenistet. Die Wirtin wusste Rat, und gleich der erste Bauer, bei dem wir mit ihrer Empfehlung vorsprachen, nahm uns mit Freuden auf, worauf wir um die Neune tatenhungrig und mit leichtem Eintagsgepäck von Kematen aus, dem Dorf vor Pfitsch, durchs Grossbergtal die Wilde Kreuzspitze ( 3135 m ) angingen.

Schon beim Einfahren ins Pfitschertal hatte es sich erwahrt, dass die Steilheit wirklich das Merkmal der Nord- und Nordostflanken der das Tal südlich begrenzenden Kette ist. Das Skiparadies wird einem erst geöffnet, wenn man einen sich ca. 600 Meter hoch hinaufziehenden, kompakten Waldgürtel durchstiegen hat, teils zu Fuss auf tragendem Schnee, teils mit Hilfe der Felle.

Im Grossbergtal legt sich die Steilheit etwas. Fast unvermittelt aus dem lichter werdenden Wald tretend, dehnt sich eine gipfelumstandene Alp. Unverweilt wandern die Gedanken auf die steil ragenden Spitzen und Kämme voraus. Wie sich das wölbt und türmt, wie sich Steilhang über Steilhang aufschwingt! Die Stille scheint hier wirklich eine ihrer intimsten Heimstätten zu haben, unver-letzlich und geheimnisvoll. Man empfand sie fast leibhaftig, wohltuend und lösend, aber sie war doch auch begleitet von konzentrierter, beengender Einsamkeit. Vereinzelte primitive Alphütten brechen nur wenig die Härte der Gegend. So etwa mag man sich den Quellgrund einer Sage vorstellen.Indes müssen wir alles Beschauliche abschütteln, denn es gilt im schweren Neuschnee zu spuren, worin wir uns ablösen. Am Fuss des Kapuziners, eines mächtigen Felsturms auf der Wasserscheide 16 Die Alpen - 1959 - Les Alpes241 zum Burgumer Tal, wird Rast gemacht, ehe wir das letzte, strengste Stück unter die Bretter nehmen. In diesem Tal, das parallel zum Grossbergtal verläuft, erkennt man eine Hütte, die aber, seit die Italiener das Südtirol in Besitz genommen haben, dem Zerfall überantwortet ist. Der Hütte wurde wohl ein schön klingender, italienischer Name gegeben, aber benutzbar ist sie trotz Eintrag auf der Karte nicht mehr. Die Aufstiegsroute ist, wenn man das Gelände ansieht, fast durchwegs gegeben. Der Ortskundige weiss zwar da und dort Vorteile zu nützen. Bei nicht gutem Wetter soll die Tour bestenfalls mit Führer unternommen werden, weil nur eine wenig helfende Karte im Maßstab 1:100000 besteht. Uns ist das Wetter einigermassen gnädig. Es kommt zwar Wind auf, und Nebel treibt daher. Die Aussicht in der Scharte knapp unter dem Gipfel, bis zu der man mit den Ski gelangt, ist gleich null. Also Abfahrt. Wir können sie dank einigen gelegentlichen Aufhellungen auskosten. Von der Grossbergalp ( 1998 m ) folgt man für die Abfahrt einer vermutlich einmal zu militärischen Zwecken erbauten, sanft fallenden Strasse am linken Talhang, so dass man, was die Aufstiegsroute nicht gestatten würde, den grössten Teil des Waldgürtels auf den Ski zurücklegen kann.

Mit grosser Herzlichkeit empfängt uns « unsere » zehnköpfige Bauernfamilie und bittet uns gleich zu Tisch. Schade, dass wir im Wirtshaus bestellt hatten, wo wir dann gemäss Ortsgepflogenheit nach Kräften dem Wein zusprachen. Manches erfuhren wir über Land und Leute, was uns Schweizer gleich unserm österreichischen Führer naheging. Es ist uns unfassbar, warum Italien die Toleranz nicht aufbringt, den Südtirolern mindestens ihre Sprache und ihre Kultur zu lassen. Unsere unbeschwerte Ferienstimmung erlitt einen Dämpfer.

Anderntags war das Wetter unfreundlich, doch konnte es unserm Tatendrang nichts anhaben. Wir machten uns auf nach der Grabspitze ( 3058 m ). Ein Fussweg windet sich durch den Überwasser-wald und mündet in eine unwirtliche, kaum mehr bestossene Alp. Rückgang der Alpwirtschaft auch hier? Alsdann zieht sich ein typisches « Kar » bis in einen Sattel westlich des Gipfels. Hinaufschauend schneit und regnet es uns ins Gesicht. Die Lawinengefahr wächst mit der Erwärmung. Wir beraten. Senn lässt, unbeirrt von meinen nach oben zielenden Wünschen, bei seinem Entscheid äusserste Vorsicht walten. Unter Ausnützung eines toten Winkels im mutmasslichen Lawinenzug wird es gehen. Rasch durchsteigen wir die Gefahrenzone. Im Sattel, auf ca. 2800 m, spricht aber der Gipfelhang ein gebieterisches Halt. Rasch entledigen wir uns der Felle, und schon gleiten wir zu Tal. Der schwere Schnee erlaubt gerade noch zu schwingen. Wir sind froh, uns bald im Schutz des Waldes zu wissen. Man kann sich dort noch ein gutes Stück weit durch die Tannen schlängeln. Einmal mehr erweist es sich, dass ein verhältnismässig kurzer Tourenski im Ausmass etwa zwischen Normalski und Kurzski in schwierigem Gelände überlegen ist. Das Schwingen zwischen Bäumen und Steinblöcken ist sicherer, genauer und müheloser und mit leichtem Anspringen auf engstem Raum möglich. Dazu kommt das erhebliche Mindergewicht beim Aufwärtstragen. Wir möchten auf Frühlingstouren diesen kurzen Ski nicht mehr missen.

Völlig durchnässt langten wir im Tal an, wärmten uns am Ofen, verlegten uns aufs Essen und fassten angesichts des erneut sinkenden Barometers den Entschluss, dem « Pfitsch » Lebewohl zu sagen - wie wir dachten für immer. Innsbrucks Kunstschätze sind schliesslich auch nicht zu verachten. Auf der Heimfahrt über den Brenner konnten wir uns freilich einen Abstecher auf den skitouristisch sehr lohnenden Wolfendorn ( 2775 m ) nicht versagen. Schnee und Nebel hätte es freilich auch auf dem Pass unten gehabt!

Es ist hier nicht der Ort, über Innsbruck zu reden. Es ist mehr als eine Schlechtwetterzuflucht, und es könnte selbst leidenschaftliche Skifahrer unentrinnbar in seinen Bann schlagen, so dass sie die Ski in eine Ecke stellten. Doch nun begann das Schicksal Regie zu spielen. Ich hatte auf dem Brenner—natürlich beim Weinden Tagesrucksack vergessen, so dass nichts anderes blieb, als ihn am Tag darauf zu holen. « Nach Süden nun sich lenken... » sang ich mir zum Trost, als es wieder brenner-wärts ging, freilich in Verbindung mit einer Tour. Diese begann in Brenner-Bad, horribile dictu mit einer Fahrt auf dem Sessellift nach Zirog hinauf, so einem Halbkurort für Anspruchslose. Die Skifelder darüber verwöhnen indes auch Anspruchsvolle, namentlich diejenigen der Flatschspitze ( 2561 m ), die wir bestiegen. Und hier geschah nun das Wunder. Es klarte auf, und die Pntschertaler Berge traten in überirdischer Schönheit ins Licht. Sie riefen uns unwiderstehlich, und wir wussten, dass unsere kühnem Träume sich doch noch erfüllen würden. Zurück nach Innsbruck. Senn wollte kaum glauben, dass drüben gutes Wetter sei, versprach aber, am übernächsten Tag mitzukommen. Inzwischen schickte er uns auf eine Tour in der Nordkette. Am Abend aber fuhren wir über den Brenner und abermals ins Pfitschertal, diesmal bis zur hintersten Übernachtungsmöglichkeit in Stein ( 1500 m ). Zur Winterszeit hat die Anschrift auf dem Haus « Albergo » nur theoretische Bedeutung. Der Pächter, gänzlich allein, besorgt nur die Viehhabe, ist aber nicht so unmenschlich, dass er nicht doch für eine Schlafgelegenheit sorgte. Zudem stellt sich heraus, dass unser Führer und er in Russland in der gleichen Einheit Dienst getan hatten, was selbstredend mit etlichen « Hafele » Wein gefeiert werden musste. Meine Frau und ich legten uns schlafen, denn der kommende Tag verlangte unsere ganze Kraft. Unser Ziel, der Hochfeiler, lag mit seinen 3510 m 2000 Meter über unserer Herberge. Der Berg ist der östliche Eckfeiler der Zillertaler Alpen.

Im ersten Morgengrauen brachen wir auf. Man folgt zuerst dem Weg taleinwärts etwa drei Kilometer weit bis zur Einmündung des Oberbergbaches in den Pntscherbach, passiert die Brücke und steigt zu den « Zehn Stadeln » hinauf. Hier teilen sich die Wege. Der übliche, freilich auch nicht unbedingt sichere und streckenweise unwegsame Winteranstieg folgt dem Talboden des Unterbergbaches, zu dem man abzusteigen hat. Der kürzere Sommerweg dagegen quert die steilen Flanken unter den Gipfeln der Gemstetten und des Unterbergs auf eine Länge von vier Kilometer. Schneearme Winter haben ihre Vorteile. Die Lawinen, einschliesslich jene des letzten Neuschneefalles, waren bereits zu Tal gefahren, und zudem war in der Frühe der Schnee gefroren. So traversierten wir rasch und gefahrlos die Hänge bis zur Zunge des Weisskarferners. Zwischen ihm und dem Gliederferner thront auf einem Felsriegel die Wienerhütte, jetzt Rifugio di Monza geheissen. Im Winter meidet man sie besser, obschon sie den Aufstieg erleichtern würde. Es ist ungewiss, ob wirklich Decken dort sind. Holz ist Glückssache. Wir lassen die Hütte links liegen und gewinnen auf dem etwas zerschrundeten und zur Vorsicht mahnenden Gletscher langsam an Höhe. Der letzte steile Schneegrat wird zu Fuss überwunden. Manchmal braucht man hier Seil und Pickel, im Abstieg jenes vorsichtigerweise immer. Gut sieben Stunden hatte uns der Berg abgenötigt. Doch welche Pracht, welche Sicht, welche Freude! Der benachbarte Grosse Mösele mit seiner gedrungenen Gestalt nimmt einen zuerst gefangen. Dann schweift der Blick in die Hohen Tauern, in die Dolomiten und in die unentwirrbare Gipfelwelt der Stubaier Alpen, überragt von der Ötztaler Wildspitze und der Weisskugel. Jetzt beginnt die Entdeckerfreude: die Ortlergruppe zeichnet sich in den Himmel, und in unwirklicher Ferne grüsst der Bernina. Eindruck gemacht hat mir aber auch Senns Begeisterungsfähigkeit. Er, der zweimal im Himalaya die stolzesten Berge der Welt gesehen hatte, war tief berührt von der Schönheit auch der bescheidenem Berge der Heimat. Wie gut, dass das Schönheitserlebnis nicht ans Extreme gebunden ist. Der kühle Wind riss uns aus der Hingabe ans Staunen und Schauen. Zudem ist der Heimweg lang, und der Schnee war, nach dem Aufstieg zu urteilen, stellenweise schlecht. Er erwies sich als einigermassen fahrbar, ja in den untern Partien als ausgezeichnet, so dass es ein Schwingfest absetzte. Man hält sich mit Vorteil an den westlichen Gletscherrand, fährt dann im Talboden des Unterbergbaches bis zur schluchtartigen Verengung des Tales und steigt, einer im Frühling erkennbaren Pfadspur folgend, 200 Meter wieder auf zum Sommerweg.

Müde langten wir in Stein an. Ohne viel Worte stand fest, dass wir den für morgen geplanten Schrammacher mit seinen gut 3400 m uns versagen mussten. Er soll indessen als Skitour sehr lohnend sein. Sichere Schneeverhältnisse sind aber auch hier Voraussetzung. Nicht, dass wir vom Skifahren genug gehabt hätten. Da war doch noch die Felbe ( 2856 m ), welche das hinterste Kirchdorf, St. Jakob, so gleissend überragt, ein zu Unrecht kaum je besuchter Gipfel. So galt denn ihr unsere letzte Tour. Diese sollte zum skifahrerischen Leckerbissen werden.

Wieder Ski schultern, wieder Waldanstieg ( W des Padaunbaches zur Wiedalp ), wieder völlig allein, wieder öffnen sich schlagartig spurenlose Skifelder, wie man sie in Träumen sehen mag. Und da lag ja ein Schnee, als ob Weihnachten wäre, flaumig und flimmrig! Die oberste Partie bot zu unserer Freude noch eine hübsche, freilich leichte Kletterei. Auf dem Gipfel nahmen wir dankbaren Herzens Abschied von der uns lieb gewordenen Gegend. Die Abfahrt wird uns unvergesslich sein. Man kommt auf den Gedanken, dass Gott selbst in Vorahnung des alpinen Skilaufs in diesem stillen Erdenwinkel die Hänge für jene Unentwegten liebevoll gemodelt hat, welche dort mehr als einen Tummelplatz suchen. Wie man so hinabglitt, war 's, als wüchsen einem Schwingen. Man schwebte fast, die Erdenschwere verlor sich. Etwas Tänzerisches mischte sich ins Fahren, ein ästhetisches Gefallen am Zeichnen der Hänge mit immer eleganteren Bogen und immer übermütigeren Kringeln überkam uns. Es war ein Spiel, ein Rausch, ein Glück! Steilheit war das Kennzeichen auch dieser Abfahrt, Strenge ihr Preis, Stille ihr Geschenk.

Der Bericht wäre unvollständig, wenn ich nicht noch erwähnte, dass wir, talaus fahrend, in Pfitsch-Platz unsere Bauernfamilie grüssen gingen. Sie hiess uns so herzlich willkommen, als wären wir altvertraute Bekannte. Es gibt noch Gastlichkeit in dieser Welt. In den Bergen ist sie heimischer als in den Tälern.

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