Soglio und seine alten Salispaläste

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Mit 2 Bildern ( 133, 134 ).

Von Adolf Däster

( Aarau, Sektion Aarau ).

Das Bergeller Dorf Soglio, bekannt als Stammsitz eines der mächtigsten Bündner Geschlechter, derer von Salis, liegt auf einer grünen, aussichtsreichen Bergterrasse, fast 1100 Meter hoch und etwa 400 über dem Tale der Maira. Man erreicht die ca. 350 Einwohner zählende Ortschaft, die in ihrer Bauart den italienischen Einschlag sofort erkennen lässt, entweder durch das schmale Poststrässchen von Spino oder aber vermittels eines kecken und aussichtsreichen Pfades von Stampa her. Nach ca. zweistündigem Aufstiege steht man auf einen Schlag vor dem hohen Campanile von Soglio und dem stattlichen Dorfe, das man auf dem ganzen Wege nicht sieht. Segantini, der berühmte Alpenmaler, hat Soglio einmal « la soglia del paradiso », die Schwelle des Paradieses, genannt. Und eines seiner schönsten Gemälde, « Werden », das erste des grossen Triptychons, das im Segantinimuseum in St. Moritz zu sehen ist, ist hier oben in den Jahren 1897/99 entstanden. Von Soglio aus hat man einen Blick in die mächtigen Berge, wie selten an einem Orte: tagtäglich geniesst der Beschauer die Bondascagruppe, eine Gipfelwelt von grandiosester ArchitekturIn engen, gekrümmten Gässchen durchschreiten wir das malerische Dorf, und auf einmal sehen wir uns vor die lange, weisse Front der Salispaläste gestellt. Sie sind zwar eher schmucklos als prächtig. Ihre Schönheit liegt anderswo: aus einem amorphen Gemenge von dunklen Vicolis, einem undisziplinierten Wirrsal, löst sich ein klarer Baugedanke. Im 15. Jahrhundert bewohnten die Salis, die im 13. Jahrhundert von Corno aus den Weg nach Graubünden und damit nach Soglio gefunden, ein Quartier inmitten des Dorfes. Erst später zogen sie sich an die äusserste, dem Berg zugewandte Seite des Dorfes zurück; dadurch wurde die ganze Ortschaft mit einemmal zum Rahmen für die Reihe der stolzen Paläste. Die drei grossen Häuser mit ihren langen Fensterreihen und wappengeschmückten Portalen zeugen noch in unsern Tagen von ihrer ruhmreichen Vergangenheit, obwohl längst keine Salis mehr darin wohnen! Die Casa Battista, der erste der drei Paläste, der seit ca. 60 Jahren als Pension Willy betrieben wird, wurde in ihrer jetzigen Form als Vorbau eines altern Hauses, dessen Entstehungszeit unbekannt ist, im Jahre 1701 von Commissari Baptista von Salis, die sehenswerte Inneneinrichtung aber zum Teil von dessen Sohne Vicari Friedrich von Salis ( 1701-1760 ) erstellt. Das ganze Haus gleicht einem Museum. Von den Wänden grüssen uralte farbenprächtige Gemälde und stolze Ahnenbilder, und kunstvolle Kästen, Tische und Truhen schmücken die Gänge und Zimmer. Der Eßsaal ist sehenswert, ebenso das grosse Treppenhaus und einzelne Prunkzimmer. Hinter dem Hause breitet sich ein geräumiger, prächtiger Garten aus, wo man gut ausruhen kann. Nicht nur J. V. Widmann, Giovanni Segantini, Johann B. Wieland, Giovanni Giacometti, die Schriftsteller Hans Schmid und Calzini, der frühere schweizerische Minister in Tokio und Buka- rest, Ferd. von Salis, waren hier gern gesehene Feriengäste; seit Jahrzehnten suchen und suchten einzelne unserer Bundesväter aus Bern gerne für einige Tage hier oben Ruhe und Erholung. Besitzer der Casa Battista sind die Grafen von Salis-Soglio ( englische Linie ) im Schloss Bondo. Ein grosser Stallazzo verbindet die Casa Battista mit der Casa Max, eigentlich Casa di Mezzo. Dieser im Besitze der Familie Giovanoli stehende Palast wurde im Jahre 1696 erbaut, und zwar von den Söhnen des Commissari Rudolf: Bundespräsident Friedrich Anton, Landeshauptmann Rudolf und Oberstleutnant Andreas von Salis. Die kostbare Inneneinrichtung wurde anno 1843 verschleudert. Die Gobelins kamen nach Schloss Gemünden im Rheinland. Die Entstehung des letzten Palastes, der Casa Antonio, fällt ins 18. Jahrhundert; die grosse Bibliothek desselben befindet sich ebenfalls in Gemünden; auch dieses Haus ist seit 1880 nicht mehr im Besitze der Salis-Familien. Die zu den drei Palästen gehörenden Gärten waren früher wegen ihrer seltenen Pflanzen berühmt. Die zwei ältesten Salishäuser, die Casa Cuberl, im Jahre 1554 begonnen und 1573 vollendet, sowie die Casa alta, erbaut 1524, nehmen sich neben den drei grossen oben erwähnten Palazzi eher bescheiden aus und bergen eigentlich ausser zwei prächtig getäferten Stuben und einem schönen Kachelofen keine weitern Sehenswürdigkeiten. Zum Schluss sei noch hingewiesen auf den kostbaren Kirchenschatz der ehrwürdigen evangelischen Pfarrkirche San Lorenzo von Soglio ( Tauf- und Kommunionsgeräte ), echte Augsburger Arbeit, eine Stiftung ( neben dem prächtigen Abendmahlstisch-teppich ) eines Zweiges der Familie von Salis-Soglio um die Mitte des 17. Jahrhunderts. Wir nehmen für diesmal Abschied von Soglio und seinen alten Palästen und hoffen, dass recht viele Berg- und Kunstfreunde den Weg nach dem reizenden Flecken Erde im Lande der 150 Täler finden mögen.

( Das Bild stammt von Lehrer Pomatti in Castasegna [Bergeil]. )

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